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Zuldaer W Zeitung

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z.pan«Le"inMda. wochenheUage: „Illustrierte Sonntagrzeitung"

35. Jahrgang.

Fulda, Donnerstag den 30. Januar 1908.

M 24.

Erstes Wlatt

Lrfchttnt täglich E Ausnahme der Sona- «ndZeiertage. viertel, jährlicher Vezugsprei, ohne vringerlohn und Bestellgeld in Zulda so« wie auswärts l-SO Mk.

Seraut«. Redakteur:

Larl Schütte:

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»otationsdruckund Verlag der Fuldaer Ak« tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9^

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 29. Januar 1908.

Das Haus beginnt die zweite Beratung der Marinevorlage.

Die Vorlage enthält bekanntlich die Verkürzung der Lebensdauer der Linienschiffe von 26 auf 20 Jahre, das ist dieselbe Lebensdauer wie die der Kreuzer. Die Anlage regelt die Ersatzbauten bis zum Jahre 1917 Für das Gesetz bat in der Budgetkommisston nur die Blockmehrheit gestimmt. Die Sozia'.demokraten haben es avqelehnt. Das Zentrum verlangt erst dir Lösung der Deckungsfrage und hat sich der Abstimmung ent- Balten. — Die Kommission beantragt eme Resolution, die den Reichskanzler ersucht, dafür Sorge zu tragen, daß tunlichst bald im Marineetat neben den vollen Kosten für Armierungen ein der Verkürzung deS Lebens- «ülers der Linienschiffe entsprechender höherer Prozent­satz des Wertes der Flotte (bisher 6 pTt.) auf den ordentlichen Etat übernommen werde."

Deu mündlichen Bericht der Kommission er­stattet Abg. Freiherr v. Thüneseld (Ztr.).

Wg. Graf Oriola (nL): Wir stimmen der Vorlage zu, wenn wir es auch lieber gesehen hät­ten, daß die Bauzeit bis zum Jahre 1917 geregelt worden wäre, statt daß uns im Jahre 1912 wie­der eine neue Vorlage gemacht werden muß. Es hat uns gefreut, daß der Staatssekretär in der Kommission erklären konnte, daß die Behauptung, unsere Schiffe seien im Vergleich zu den Schiffen anderer Länder unbrauchbar, durchaus unwahr ist. Wir sind der Ansicht, daß sich der deutsche Flotten verein durch die Aufklärung des Volkes große Verdienste erworben hat. Wir be­dauern deshalb lebhaft die Zwistigkeiten im Flcttenverein und hoffen, daß man zu einer er­freulichen Verständigung kommen wird. Von einer Seite ist gesagt, man solle die Vorlage nicht bewilligen, wenn nicht gleichzeitig die Deck­ungsfrage geregelt werde. Wir können nrcht warten, bis die Deckungsfrage geregelt ist, umso weniger, als das noch recht lange dauern kann. (Beifall bei den Natlib.)

Abg. Dr. Wiemer (fr. Vp.): Wir haben un- ,ere Zustimmung zu der Vorlage in Aussicht ge­stellt, wenn uns in der Kommission die Notwen­digkeit der Herabsetzung der Lebensdauer der Kriegsschiffe nachgewiesen würde. Dieser Be­weis ist erbracht worden. Wir sind bereit, an der Deckung der Reichsfinanzreform mitzu- wirken, aber wir erwarten, daß uns nicht ein Opfer der eigenen Ueberzeugung zugemutet wird. Wir müssen die Mittel rechtzeitig und der Lei­stungsfähigkeit der Steuerzahler entsprechend zur Verfügung stellen.

Abg. Dr. Spahn (Ztr.): Soweit die Vorlage eine Verkürzung der Lebensdauer der Kriegs­schiffe bringt, erkennen wir sie als berechtigt an. Wenn dann noch eine Verkürzung der Bauzeit angeregt worden ist, so möchte ich dazu nur das eine bemerken, daß eine solche Verkürzung, tvenn sie nicht gleich 12 Monate beträgt, ziemlich be­langlos sein würde, da der Einstellungszeitvunkt unserer Matrosen so spät liegt, daß die Schiffe doch nicht in Gebrauch genommen werden könn­ten. Jedenfalls stehen wir in der Frage der Bauzeit hinter anderen Staaten nicht zurück, lieber den Flottenverein uns zu unterhal­ten, haben wir heute eigentlich keine Veranlas­sung: in der Vorlage steht nichts vom Flotten- verein. (Große Heiterkeit.) Niemand wird ge­gen das Bestehen des Flottenvereins etwas ein- zuwenden haben, solange er sich mit seiner Agita­tion in vernünftigen Grenzen hält; wogegen wir uns wenden, das ist die extreme Art, wie agitiert wird. Wir haben also gar nichts dagegen, wenn

der Flsttenverein weiter besteht; 'allerdings fern Fortbestand hangt weniger von un» als von thm selbst ab. (Sehr richtig! und Heiterkeit.) Da« wichtigste bei der ganzen Vorlage blerbtfür uns dieFrage, wiesich der Herr Staatssekretär die Deckung denkt. Wenn die Kosten auch für die ersten Jahre nicht allzu erheblich find, so werden sie für die Zukunft doch umso höher. Ich hoffe daher, daß der Herr Staatssekretär anläßlich dieser Vorlage dem Reichstage über seine Absichten Auf­klärung geben wird. Die „Frankfurter Zeitung" war in der Lage, über einen wirklichen oder an­geblichen Steuerplan der Regierung sehr ein­gehend zu berichten; da wäre eS in der Tat besser und richtiger, wenn solche Mitteilungen dem Reichstag direkt gemacht würden. Ich bemerke dabei ausdrücklich: ES kommt uns nicht darauf an, daß die Deckungsftage schon gelöst sein muß, ehe diese Vorlage bewilligt wird; wir möchten nur wissen, mit was für Steuerplänen der .Herr Reichsschatzsekretär sich trägt. Die Art der Lösung der Deckungsfrage im einzelnen überlassen wir der Mehrheit, die die Verantwortung dafür zu tragen hat. Eine Reihe von Einzelfragen, die der Abg. Oriola berührt hat, werden bei den entsprechenden Positionen des Etats des näheren zu behandeln sein. Wenn der Abg. Wiemer end­lich die gesetzliche Festlegung des Flottenplanes bedauert hat, so stehen wir, die wir diese gesetzliche Festlegung mitgemacht haben, auf dem Stand­punkt, daß uns die bisherige Entwicklung Recht gegeben hat. (Beifall im Zentrum.)

Staatssekretär Freiherr v. Stengel: Bei der Beantwortung der Anfrage bin ich selbstverständ­lich nicht in der günstigen Lage, in der sich die „Frankfurter Zeitung" befinden würde, die,, ne­benbei bemerkt, von meiner Seite und vonseiten des Amtes in keiner Weise inspiriert oder er­mächtigt war, solche Mitteilungen in die Oeffent- lichkeit zu bringen. (Hört! hört!) Im übrigen kann ich nur das eine bemerken: es ist ganz er­staunlich, mit welcher Vorsicht, mit welchem Raft finement die Arbeite» in den oberste» Reichs- ämtern vonseiten der Presse überwacht werden. (Heiterkeit.) Wehe dem Staatssekretär, der auf einem einsamen Spaziergang etwa bei der Aus- klügelnng eines neuen Steuerprojektes betroffen wird. (Große Heiterkeit.) Was den Stand der Stenervorlagen betrifft, so haben die Ausschüsse des Bundesrats ihre Beratungen über diesen Gegenstand vor ein paar Tagen abgeschlos­sen; aber ich bin nicht in der Lage. Ihnen heute schon eine Mitteilung darüber zu machen, wann das Plenum des Bundesrats sich mit den Anträgen der Ausschüsse zu beschäftigen haben wird. Es bandelt sich um zwei Steuergesetzentwürfe. Der eine betrifft die Verstaatlichung eines Teiles des Zwischenhandels mit Branntwein, der an­dere besaßt sich mit der Einführung einer Bande­rolensteuer für Tabak. Auf die Details der Vorlage einzugehen, ist mir in diesem Stadium der Beratung selbstverständlich unmöglich. Die Reichsverwaltung ist bemüht, soweit eine Mehr­belastung der Bevölkerung mit neuen Steuern und Abgaben sich nicht vermeiden läßt, wenigstens diejenigen Lebensbedürfnisse der Bevölkerung zu verschonen, die wir für unbedingt notwendig er­achten.

Abg. Frhr. v. Richthofcn (k.): Auch meine Freunde stimmen der Vorlage zu, unabhängig von der Deckungsfrage. Der Resolution der Kommission werden wir gleichfalls zuslimmen. Die gute Gesinnung des Flottenvereins verken­nen wir nicht, aber wir können ihm nicht folgen, wenn er Forderungen erhebt, die über das von der Regierung Verlangte hinauSgehe»

Abg. Bebel (Soz.): Für mich unterliegt es keinem gtoeifel, daß wir schon nach einigen Jah­ren wieder eine neue Vorlage bekommen werden.

Ob der Flottenverein ebt politischer ober unpolitischer Verein ist, braucht man nicht m^r zu erörtern, luufjbem Fürst Bülow nach den Wahl- beeinflusiungen in der letzten Wahlperiode den General Keim hier im Reichstag gelobt hat. Wie die Kosten aufgebracht werden fallen, darüber sagen Sie nichts, und was wir heute vom Steuer­programm der Regierung gehört haben, zeigt, daß eS wieder die breiten Massen sind, denen die Kosten aufgepackt werden sollen. ES ist geradezu eine Schamlosigkeit seitens der herrschenden Klassen, wie sie auf der einen Seite versuchen, Reichstag und Regierung über diese Vorlage noch hinauszudrängen, wie sie aber auf der an» deren Seite Zeter und Mordio schreien, wenn sie nur mit einem Prozent Erhöhung der direkten Steuern zu den Kosten herangezogen werden sol­len. Bebel berechnet bann auf Grund einer Liste über die Lebensdauer der Schiffe, daß unsere Schiffe durchschnittlich die jüngsten seien.

Staatssekretär v. Tirpitz: Der Abg. Bebel hat ausgerechnet, daß unsere Schiffe die kürzeste Lebensdauer Haden. Wenn die Schiffe, die augen­blicklich unsere Flotte ausmachen, eine kurze L^ belisdauer haben, so kommt es einfach daher, daß wir erst vor 6 oder 7 Fahren angefangen haben zu halten. Mit der allergrößten Entschiedenheit möchte ich der Behauptung entgegentreten, daß die Vorlage geeignet sei, in England Unruhe her­vorzurufen. Sie verlangt keine Vermehrung der Flotte, sondern sie korrigiert nur einen Rech­nungsfehler. Daß wir darauf ausgingen, Eng- land die Seeherrschaft streitig zu machen, sind Phantasiegebilde, die niemand ernst nimmt. (Bei­fall.)

Abg. Dr. Arendt (Rp.): Die Vorlage ,st durchaus maßvoll; wir werden ihr zustimmen, ebenso der Resolution. Den Staatssekretären von Tirpitz und Freiherrn von Stengel gebührt volle Anerkennung, daß sie trotz unserer schwierigen finanziellen Lage die nötigen Mittel im Etat eingestellt haben. (Beifall rechts.)

Abg. Mommsen (fr. Dgg.): Mit der An­nahme dieser Vorlage verpflichten wir uns nicht, auch den Vorschlägen der Regierung zur Deckung der Kosten zuzustimmen. Die beiden Vorlagen des Schatzsekretärs haben wenig Aussicht auf An­nahme. Geht es nicht ohne Zuschüsse, so haben wir ja die Matrikularbeiträge. Und je höher diese werden, desto eher werden wir auch zu direkte» Reichssteuer» kommen.

Abg. Liebermann von Sonnenberg (wirtsch. Vgg.l Wir müssen der Vorlage auch dann zu­stimmen, wenn wir in diesem Jahr nicht die Deckungsmittel betoittigt erhalten. In Fragen der Wehrkraft darf man nicht zögern. (Beifall rechts, i

Die Vorlage wird gegen die Sozialdemokraten angenommen, ebenso die Resolution der Kom­mission.

Donnerstag 1 Uhr: Marineetat: Etat deS Reichsjnsiizamtes.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 29. Januar 1908.

Die zweite Beratung des I u st i z e t a t S wird fortgesetzt.

Abg. von Brandenstein (L): Wir vermissen in den Ausführungen des Ministers ein Ein­gehen auf die Frage, ob cs zweckmäßig und ge­boten ist, bei Ausschluß der Oeffentlichkeit in Gerichtsverhandlung«» auch die Presse auszu­schließen. Mit den Ausführungen des Abg. Roe- ren über die Zuziehung von Sachverständigen bei Prozessen wegen unzüchtigen Bildern sind wir durchaus einverstanden. Auf die Roheitsdelikte, insbesondere auf die Frage, ob die vorhandenen

Strafmittel ausreichen, ist ebenfalls vom Mini­ster nicht eingegangen. Bei den Berliner Stra- ßendemonstrationen ist die Staatsanwaltschaft meines Erachtens viel zu langsam bar gegangen- Justizminister Bescler: Nach § 176 der Ge­richtsverfassung kann das Gericht auch nach Aus­schließung der Oeffentlichkeit einzelnen Personen Zutritt gewähren; eine Praxis der Gerichte, daß diese Bestimmung gerade auf die Presse ange­wandt werden soll, besteht nicht. Für die Ver­breitung unzüchttger Bilder gewährt ein freispre­chendes Urteil noch keinen Freibrief, sondern rede» Gericht kann gegen sie erneut einschreiten. Für Roheitsdelikte bestehen heute schon sehr schwere Strafen. Mit Strafen auf Grund der Straßen- demonstrationen konnte noch nicht vorgegangen werden, dazu ist ein längerer Zeitraum erfor­derlich.

Abg. Busch (Ztr.): Die Gewährung vor» Diäten an Schöffen und Geschworen« würde ermöglichen, daß auch Arbeiter als Schöffen und Geschworene fungieren können. Mit dieser Rekorm sollte man nicht warten bis zur Reorgani­sation der Strafprozeßordnung. Wie steht et mit der Einsührung des Wiederaufnahmeverfah­rens im Disziplinarverfahren? Zu dem Justiz­minister haben wir das Vertrauen, daß er für eine gesetzliche Milderung der Zwangshaft an maßgebender Stelle eintreten wird. Wir werden dafür stets zu habe» fein. (Beifall im Zentrum.)

Abg. Dr. Krause-Waldenburg (ff.) erklärt, seine Freunde seien mit den Ausführungen bei Abg. Roeren bezüglich ber Frage der Sachver­ständigen voll und ganz einverstanden.

Justizminister Beseler erklärt, die Frage der Gewährung von Diäten an Schöffen und G» schworene müsse bei der Reform der Strafpro­zeßordnung geregelt werden.

Darauf schließt die allgemeine Debatte über den Titel „Ministergehalt" ~ .

Es folgt die Beratung des Antrags Schiffer (»!.). Der Antrag fordert die Vorlegung einet Gesetzentwurfs über das Strafrecht und dal Strafverfahren bezw. den Strafvollzug bei I u- gendlichen.

Die einzelnen Parteien waren mit der Ten­denz des Antrages im Interesse der Besserung unserer Jugend durchaus einverstanden. — El erfolgte die Ueberweisung an die Jnstizkommift sion.

Damit die Budgetkommission Zeit hat zu wet­tere» Arbeiten, wird das Abgeordnetenhaus mor­gen keine Sitzung halten. Strj aber der Präsi­dent weiter die Befürchtung ausspräch. daß er am Freitag jedenfalls eine Abendsitzung Vorschlä­gen müsse, da ging ein Ruf der Entrüstung und Enttäuschung durch das Haus. Der Präsident sprach aber mit freundlichem Lächeln auf dem Gesichte seine Ansicht aus, daß das Haus mit seinem Vorschläge wohl einverstanden fei. (Groß« Heiterkeit.) Freitag Fortsetzung der Beratung über den Justizetat.

Herrenhaus.

3. Sitzung vom 29. Januar 1908.

Vizepräsident Frhr. v. Manteuffel widmet dem verstorbenen bisherigen Präsidenten des Herren­hauses, Fürst zu Inn- und Knyphausen einen Nachruf. Dann wurden einige Vorlagen über polizeiliche Angelegenheiten aus der Nähe von Berlin, ferner eine Vorlage über die Erweiterung des Stadtkreises Magdeburg und endlich der Ge­setzentwurf über die Zahlung ber Beamtenbesol­dung und des Gnadenvierteljahres ohne jede De­batte erledigt.

Morgen ist ein „großer" Tag. Neben ber Präsidentenwahl steht die Ostmarkenvorlage auf der Tagesordnung.

Rest Merian.

Roman von Marie Baierleta.

80] (Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Und als ihn das Mädchen, betroffen von den letzten, mit inhaltsreicher Vetonung gesprochenen Worten scheu fragend anblickte, sprach er rasch weiter:

„Komm Rest; wir haben hier beide den Zoll unseres pietätvollen Gedankens entrichtet, laß uns jetzt nach Hause zurückkchre». Es fängt wie­der an zu schneien und die Winterluft ist noch zu gefährlich für Dich. Auch habe ich eine schwer­wiegende, ernste Frage an Dich zu richten — und an diesem Orte will ich dieselbe nicht ausspre- chen."

Das Fräulein gehorchte schweigend. Nach einem letzten, langen Vlick auf die Gräber bückte sie sich und berührte zum Abschied gleichsam lieb­kosend den auf ihnen liegenden weichen Schnee; dann schritt sie an der Seite des PflegebruderS de>" Ausgang des Gottesackers zu.

Rests Herz klopfte ungestüm. Etwas in dem Angesicht des Mannes neben ihr zeigte dem Mäd­chen, daß der Pflegebruder im Begriffe stand, ihr eme folgenschwere Eröffnung z» machen, und sie glaubte nichts anderes, als Fritz bringe nun­mehr die Erbschaftsangelegenheit aufs neue zur Sprache. Wiederum duldete sie wortlos, daß er ihren Arm unter den (einigen schob; sie war voll schweigender, ahnungsvoller Erwartung.

„Ich weiß nicht, Resi", begann der Kauf­mann, „ob Du Dich hineindenken kannst in bt« .Gemütsverfassung eines Menschen, der lange, lange in ohnmächtiger Pein zusehen mußte, wie »hm das Liebste, was die Erde für ihn birgt, auf immer entrissen zu werden droht, um urplötzlich zu gewahren, wie sich alles verändert und ber Wreckliche Verlust abaewendet wird!"

Nesi nickte mechanisch mit dem Haupte. — Ob sie sich in die Lage hinein denke» konnte? — War es nicht gerade, als ziehe der Pflegebruder einen Schleier von ihrer Seele, unter welchem sie alle Kämpfe und Qualen ihres eifersüchtige» Herzens verborgen gehalten hatte! —

„Sieh' Nesi —, eine solche Veränderung hat sich auch an und in mir vollzogen' — Ich habe gelitten und mit mir selbst gekämpft, habe mit den Zähnen geknirscht und gewaltsam meine Siebe zurückgedrängt, als ich sah, wie ein anderer um den Gegenstand derselben warb; habe wieder gebangt und zu Gott gefleht um das mir teure gefährdete Leben der Geliebten — und jetzt — jetzt bin ich mit meiner Kraft und Selbstbeherr­schung zu Endel Jetzt will mir das Schweigen und Abwarten nicht mehr gelingen. Nesi — Mädchen — lasse Dir's endlich sagen, ich liebe Dich unaussprechlich!"

„Fritz!" — ber junge Mann mußte die bebende Gestalt des Fräuleins mit beiden Armen stützen — sie drohte umzusinken von dem übermäßigen Freudenschrecken. — Gut, daß niemand auf der engen Straße sich befand, die vom Friedhof zur Stadt zurückführte. So konnte es doch kein neu­gieriges Auge sehen, wie ber Herr das Mädchen fast heftig bei den Händen ergriff, dieselben um­klammerte und seinen Blick, tote Antwort for­dernd, in ihre treuen, verwirrten Augen ver­senkte.

„Resi — mach's kurz —" flüsterte er gepreß­ten Tone!, „habe ich zu hoffen? Oder war eS nur ein schwesterliches Gefühl, dal Dich zum Ver­bergen des Testaments veranlaßte? — Keine Ausrede — keine Schonung! — Ja — oder nein?"

Fritz Weilers kannte sich selbst nicht mehr. Die lange zurückgedämmte Leidenschaft zu diesem Weibe brach mit elementarer Gewalt über die ihm gezogenen Schranken und forderte gebiete­risch den endlichen Bescheid über Gewährung ober Absage.

Und Nesi, überrascht von der urplötzlichen Er» fläruna und oeänaftiat durch die Beobachtung.

wie furchtbar es in dem sonst so ruhigen, maß­vollen Manne arbeitete, ließ ba8 Haupt schamvoll und demütig auf die Brust sinken, und wie ein Hauch kam es von ihren zagenden Lippen:

„O, Fritz, Du warst und bist von jeher meine Liebe — mein Alles!" —

Die Sperlinge, welche sich hungrig und frie­rend zwischen den auf beiden Seiten des Weges einporgekehrten Schneehaufen berumbalgten und kläglich um Futter piepten, sahen erstaunt auf die zwei sonderbaren Menschenkinder, die da in­mitten vor. Frost und Unwirtlichkeit, von grauer Winterdämmerung und Schneegeriesel sich mit einem Male in den Arme» lagen.

„Meine Resi, meine Geliebte, bald mein hol­des, süßes Weib!"

Diese zärtlich ihr ins Ohr gehauchten Worte brachten Resi Merian in die Wirklichkeit zurück.

„Ich armseliges, schwaches Geschöpf! Wie konnte ich mich soweit vergessen! Fritz, es kann ja nicht fein — vergib!" — Sie machte sich ge­waltsam von den sie umstrickenden Armen frei, und eilte von ihm fort.

„Resi! Was soll das heißen? Was ficht Dich an?" Mit wenigen Schritten hatte er sie einge- holt und schaute nun forschend in ihre Plötzlich zerquälten, berängftigten Züge. Und als sie be­harrlich stumm blieb, faßte er fast brüsk ihren Arm und nötigte sie zurrn Stillestehen.

„Ich habe jetzt bas heilige Recht, von Dir die Erklärung dieses sonderbaren Benehmens zu ver­langen! — Rede — ober wolltest Du nur Dein Spwl mit mir treiben?"

DaS Mädchen sah ihm groß und traurig in! Gesicht; „Ich vergaß ja auf Rudolf — wie darf ich einem anderen Mann angehören, nachdem er in dem falschen Wahne, meine Siebe zu besitzen, für mich in den Tod gegangen ist?"

„Also das ist's — Komm, Geliebte, laß uns ruhig werden!"

Fritz Weilers legte seinen Arm um die Schul­tern RcsiS, der abwehrenden.Bewegung derselben

nicht achtend, und sprach jetzt ganz schonend und leidenschaftslos:

„Ich merke, Du läßt Dich nur durch Pflicht­gefühl und Pietät leiden, auch wenn beide auf irriger Grundlage beruhen! — Also Resi, sieh mich mal an — nein — nicht auf meinen Mund, in die Augen mußt Du mir schauen! — Du denkst nur an das, was Du nach Deiner falsche« Auftassung Deinem verstorbenen Bräutigam schuldig zu fein glaubst. Ich habe und hätte Die deshalb gewiß nie einen Vorhalt gemacht; aber Mädchen, liebes, geliebtes, denke einmal »ach, —« darf ich denn von Dir nicht auch einen Ersatz für meinen Jungen fordern? —--Versteh' mich

recht! Es ist mir niemals — nicht einmal im Traume der absurde Gedanke gekommen, daß Du die Schuld an Raoul und an HagenS Schicksal trügest. Diese Schuld besteht nur in Deiner Em- bildung. Aber angenommen, es wäre wirklich so wie Tu wähnst. — Hätte ich dann nicht sogar ein besseres Recht, als Dein Bräutigam? Stand der ungeliebte Mann Dir so nahe, tote mir und Dir unser geliebter Knabe? —"

„Nein — nicht weinen! — Nun ich endlich weiß, daß Deine Liebe mir gehört, will ich nicht, daß mir ein Toter Deine Seele entwendet; drum fordere ich von Dir, daß Du mir Deine Siebe weihst, weil mein Raoul den Freiwerber für mich mit dem Einsatz seines jungen Lebens gemacht, hat!"

Er ließ sie nunmehr doch völlig ausweinen, und trocknete ihr nur mit seinen Lippen die Trä­nen von den Wangen. Endlich hob Rest die feuch­ten Wimpern und ein Blick, voll von Liebe und Ergebenheit, suchte den feinigen: „Wenn Du mich bei dieser Seite anpackst, Fritz, was kann ich da noch einwenden? Nun mußt Du mir aber auch ver­sprechen, die Testamentsgeschichte beim alten»« lassen; es bleibt sich ja jetzt doch alles gleich!

In seinen Augen leuchtete es schalkhaft auf. „Es ist zu spät zu diesem Versprechen, Rest. Ich habe gestern die Gerichte schon aufmerksam dar­auf gemacht. Das tot ich, um meinen Vorteils