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35. Jahrqanq

Fulda, Mittwoch den 29. Januar 1908.

M 23

veraittw. Bebafteur: Carl SchStte;

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Mdaer M Zeitung

" "' " Mon-trbliiage: „Zulbaer Geschichtsblätter"

Erstes 723lat t

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 28. Januar 1908.

Die 2. Lesung des Etats wird beim Justiz- et0Vbfld$!l&l)n (frs. Vgg.). tritt für "ne Er­schwerung der juristischen Prüfungen und Ver­längerung dec Studienzeit ein. ~ .

Aba. Witzmann (nl.) fordert für das Neferen- tzareramen die Einführung von Klau.urarbeiten.

Abg. Roeren (Ztr.) wendet.sich gegen d,e Re- vetitoren, von denen einzelne ein Einkommen bis zu 1(X) 000 <M haben. (Hört! Hort!) Das )urt- stische Studium auf der Universität stelle jetzt welir Anforderungen als früher, aber die Gym- naüalbildung sei schlechter geworden Tie Ein­führung der Klausurarbeit finde sein« Zustim- niuna.

Aba. Cassel (fr. Vp.) führt aus, wenn man eine Vermehrung der Leistungen im Examen an- strebe, dann solle man auch dafür sorgen, daß die jungen Leute auch genügend auf diese Erschwer­ung vorbereitet seien.

Jnstizminister Beselrr erklärt, es sei beab­sichtigt, lei der Nefcrendarprüfung neben der schriftlichen Arbeit, deren Beseitigung mancherlei Bedenken entgegenständen, demnächst Klausurar­beiten einzuführen; diese würden namentlich den Kandidaten zugute kommen, die während ihrer Studienzeit fleißig gearbeitet haben, aber nicht die erforderliche Gewandtheit in der Beantwor­tung mündlicher fragen besäßen.

Abg. Dr. Rcwoldt (ft.) beklagt sich über die mangelhafte Handhabung des Aiisschlusses der O e s f e n t l i ch k e i t bei größeren Prozessen der letzten Jahre.

Abg. Stroffer (k.) begrüßt die angekündigte Reform des Strafrechts und geht dann a»if die im Prozeß Harden hervorgetretenen Er­scheinungen ein. Der Wahrheitsbeweis dürfe nicht in dem Umfange zugelaisen werden; ein besierer Schutz des Privatlebens urch-der persön- kche» Ehre müße gewährt werden. Die beun­ruhigende Zunahme der Roheitsdelikte laste frag­lich erkckvinen, ob unsere heutigen Strafen, noch für solche Teufel in Mensck>engestalt ausreichten und ob nicht die körperliche Züchtigung für solche Mensckien eingeführt werden niüste.

Abg. Roeren (Zentrum): Den Ausführun­gen der Vorredner, daß bei den letzten Skan- dalprozesten durch die Berichte der Presse der Schmutz und die Serualoergehen in jedes Haus und jede Familie gebracht worden find, kann ich mich nur anschlie­ßen. Aber andererseits ist doch durch die Oes- seuilichkeit, die gerade von den Volksvertretuu- i.’it stets verlangt worden ist, das Vertrauen und oar Ansehen unserer Rechtsprechung int Volke außerordentlich gestärkt worden. Der Ausschluß der Oessentlichkeit soll nur dann eintreten, ivenn Sitte und Ordnung es verlangen; ob dieses aber . der Fall ist, läßt sich namentlich mit Rücksicht aus die Zenanisaussagen nicht immer vorher bestim­men. Deshalb muß man es dem Takt der Presse und ihrer Rücksichtnahme aus die Einpfindunger. des anständigen Teiles der Bevölkerung über [af­fen, daß sie selbst die nötige Auswahl trifft. Tie anständige Presse aller Parteien hat sich in dieser Richtung durchaus bewährt. Dagegen hat aller- Prags die sensationslüsterne Prefie diesen Schmutz -r-.ßerordentlich breitgetreten. Hoffentlich wird die Preste es sich an dieser Warnung genügen lassen, damit nicht in größerem Maße von dem Ausschluß der Oeffentlichkeit Gebrauch gemacht

werden muß. Es käme dies namentlich für Pri- vatllagen in Frage. Ich habe mich aber nament­lich zum Worte gemeldet, um über he heutrge Praxis bezüglich des § 184 St. @. B. über die Verbreitung unzüchtiger Schriften usw. zu spre- chen Es hat jetzt leider die Gewohnh-nt um sich gegriffen, daß man, wenn cs ficki um Vergehen gegen diesen Paragraphen handelt, sogenannte Kimstler und Schriftsteller als Sachverständige vernimmt und dann erfolgt meist em Fretsprnch. Man kann doch einfach an den gesunden Men- Unverstand deS Richters appellreren, wenn es sich um den künstlerischen Wert des Gegenstandes der Klage handelte, dann könnte ich noch ver­stehen. daß man Künstler und Literaten als sach- verständige lädt, aber es handelt sich hierbei doch nur darum, ob das Bild unzüchtig ist, ob es ge­eignet ist. die Lüsternheit anzurerzen. Diese Frage kann jedermann mit gesundem sittlichen Gefühl beantworten: ein Richter,, der dies nicht entscheiden kann, zeigt, daß er überhaupt nicht fähia ist das Amt zu versehen. So bat auch das Reichsgericht wiederholt, in den letzten Zäh­ren ausgesprochen, daß es nicht auf den kimstfe- rischen Wert ankomnie, sondern nur darauf, wel­chen Eindruck das Bild auf den unbefangenen Beschauer macht. Was für Sachverständige tu künstlerischen Dingen mitunter empfohlen wer­den, kann man daraus ersehen, daß der Abg. Stadthagen als solcher angegeben wurde. iHec- terkeit.) Was Herr Stadthagen für ein Künst- ler ist. hat man bei der lex Heinze gesehen.. Ter Redner legt eine Reihe von unzüchtigen Bildern auf den Tisch des Hatises, die alle als „künstlerisch" frei kursieren können. (Die Abgeordneten drängen sich zu den Bildern und schütteln die Köpfe.) Diese Bildes sind gerichtlich freigesprochen, weil die Herren Sachverständigen ihnen einen besonderen künstlerischen Wert bei­legten. Nachher sind sie einigen Autoritäten Vor- gelegt, die erklärt haben, daß diese Sachen ganz gewöhnliche Unzuchtsbilder seien, ohne den ge­ringsten künstlerischen Wert (hört! hört! im Zen­trum), daß sie lediglich darauf gerichtet seien, die niedrigsten Triebe der Sinnlichkeit zu erregen. Diese Bilder werden hunderttaufendfach jedes Jahr verfielfältzigt (hört, hört! int Zentrum) und über das ganze Latrd verbreitet. Solche Bilder getzewarun durch die Hände von Gymnasia­sten! Darin liegt dec ganze sittliche Niedergang unseres Volkes. Dem Treiben gewissenloser Händler muß ein Ende gemacht tuccden. Tie Geschichte zeigt uns, daß ein Niedergang des Volkes immer mit der Entsittlichung beginnt. Darum haben die Behörden vor allem die Ver­pflichtung. gegen die Verbreitung der Unsittlich­keit vorzugehen. (Lebhafter Beifall im Zentrum und rechts.)

Justizminister Beseler: Heber den Stand der Reform itnferer Zivilprozeßordnung habe ich uiich schon neulich ausgelassen; int Bundesrat wird in kurzer Zeit die Entscheidung darüber fallen, wie die Vorlage int Einzelnen sich gestalten soll. Ich erfcnne gern an, daß die Sittlichkeit durch die bestehenden Gesetze nicht genügend geschützt wird, und ich bin der Meinung, daß hier auf dem Gebiete der Gesetzgebung etwas ge­schehen muß, und wie ich hoffe, auch geschehen kann. (Bravo.) Ter § 184 Str. G. B. ist außer­ordentlich unglücklich gesaßtz Die Vorarbeiten für eine Aenderuug des Strafgesetzbuchs sind weiter gediehen, als angenommen wird; die erste Lesung in einer Kommission wird binnen kurzem beendet sein.

Abg. Dr. v. Campe (nl.) fragt an, wieweit die Zivilprozeßreform vorgeschritten sei und wie es mit der Abänderung des Disziplinarver­fahrens stehe.

Abg. Cassel (fr. Vp.) wünscht die Gewährung von Diäten an Schöffen und Geschworene.

Abg. Peltasohn (fr. Vgg.) hält die im Etat vorgesehene Vermehrung der Rihterstellen für zu aering. Hinsichtlich des Zeugniszwanaes müßte die Presse den Rechtsanwältett und Aerz- ten gleickaestellt werden.

Jnstizminister Bescler wendet sich dagegen, daß im Laufe der Debatte gesagt sei, daß untere Justizverwaltung Bankrott gemacht habe. Fehler in der Justizverwaltung seien von jeher vorge- kemmen und würden sich nicht immer vermeiden lassen.

Abg. Dr. v. Mizerski (Pole) beschwert sich über die Äntvendung des Zeugniszwangsverfahrens gegen einen minderjährigen Polen namens K a r- k u t, welck)er evangelisch war, aber von seinen Pflegeeltern geflohen und katholisch geworden war, und nun nicht angeben wollte, wer ihm zur Flucht verhalfen hatte.

Ein Regierungsvertreter erklärt, daß Pau! Karkut der Sohn einer evcmgelisckien Dienstmagd in Charlottenburg sei, er wurde evangelisch ge­tauft und konfirmiert, verschwand aber aus einige Zeit und tauchte erst wieder auf, als er 14 Jahre alt geworden war, und erklärte nun, katholisch werden zu wollen. Um §u ermitteln, wo sich der Kitabe während dec Zeit seines Verschwindens anfgehalten habe, wurde er in Untersuchungshaft genommen, mußte aber nach 6 Monaten freige­lassen werden, ohne daß etwas ermittelt war.

Mittwoch 11 Uhr: Fortsetzung. ________

/. vas Rundschreiben der deutschen Mich oft

an ihren Klerus ist bereits der Gegenstand hef­tiger Angriffe vonseiten der Gegner der Kirche; es wird zweiselsohue auch im Parlameitt hier und dort erörtert werden; einige Worte dazu dürften deshalb am Platze sein.

Die Bischöfe haben durch das Nundschreiben ihre Pfliät erfüllt, aber niemandes Recht verletzt; sie sind .gesetzt, die Kirche Gottes zu regieren", und wie eine weltliche Regierung Anordnungen erlassen muß, so konimt auch die Kirche ohne sie nicht aus. In Zeiten der Gefahr sind diese An­ordnungen uaturgetuäß streng,er und schärfer al int tiefsten Frieden. Daß wir uns? aber in kirch- 'sicher Hinsicht nach der Auffassung des hl. Vaters in einem gefahrvollen Zustande befinden, ist in der neuen Enzyklika bargelegt worden. Die deut­schen Bischöfe schließen sich nun in ihrem Rund­schreiben den Darlegungen der Enzyklika an; sie lueifen darauf hin, daß zwar in Deutschland das ganze System der Modernisten nicht verbreitet sei, wohl aber seien auch hier Ansätze dazu zu bemerken und auch gegen diese richte sich der hl. Vater. Mit Bedauern stellt sodann der Hirten­brief fest, daß einzelne deutsche Priester ein» Haltung einnehmen, die mit dem Gebote der kirchlichen Autorität nicht vereinbar fei, Parla­mentarismus und Demokratie lassen sich tn die Kirche nicht einführen. Ganz bestimmt wendet sich dann der Hirtenbrief gegen die Priester­vereine, die für entbehrlich gehalten werden, soweit sie nicht rein religiöser Art seien.

Ein Teil der liberalen Presse stellt es so dar, als sei das Ruiidschreiben gegen einzelne Persön­lichkeiten und bestimmte Namen gerichtet; man nennt offen den Namen des angesehenen Straß- burger Theologen Dr. Ehrhardt, weil dieser vor einiger Zeit eine ungemein sck>arse Kritik an der neuen Enzyklika geübt hat. Die Annahme, daß destalb das Rundschreiben ergangen fei, ist falsch, beim es trägt ein früheres Datum als die Ehrhardtsche Kritik. Das Hirtenschreibeu rich­tet sich nicht gegen einzelne Persönlichkeiten, son­dern gegen daS System. Tie Kritik Ehrhardts in der „Internationalen Wochenschrift" kann deshalb sehr wohl unter die vom Hirtenbrief be­

dauerten Erscheinungen fallen. Wir geben ohne weiteres zu, daß Ehrhardt von den besten Ab­sichten geleitet ist und daß er glaubt, der Kirche einen Dienst zu erweisen; er befürchtet, baß die gesamte katholische Wistenscktaft bei Andersgläu­bigen in Mißkredit gerät, wenn die Disziplinär- maßnabmen des päpstlichen Rundschreibens in Deutschland durchgeführt werden. Dieser Ge­sichtswinkel, unter dem Ehrhardt die Sache be­trachtet, ist aber doch wohl nicht der richtige. Der Katholik hat nicht in erster Linie zu fragen: was sagt der Gegner dazu? sondern oberster Leitsatz muß für ihn sein die Frage nach dem Seelenheil der Gläubigen! Ten Andersdenkenden kann bet Katholik es nie recht machen — das kann er erst bann, wenn er seinen Glauben verleugnet. Wer sich an die Tage der Bewegung der Voraussi'h- ungslosen erinnert, der weiß auch, daß die Ja- tholisckie Wissenschaft schon seit langem von den Feinden der Kirche nicht voll angesehen wird.

Was wird denn schließlich durch die Enzyklika unterbunden? Das eifrige Studium nicht, das Forschen und Suchen nach Wahrheit nicht, son­dern nur allein die Freiheit z u irren. Ist denn dies etwas so ganz Entsetzliches und Uner- trägst hes? Wir sind vielmehr der Ansicht, man sollte der Kirche dankbar sein, daß sie die Mensch­heit vor den Jrrgängen einer falschen Wissen­schaft bewahren will, weil sie gerade hierdurch den bleibenden und dauernden Fortschritt fördert. Ein Voranschreitcn auf dem Wege des Irrtums ist kein Auffliegen in lichtere Höhen, sondern etn Hinabsinken in Schattengänge.

Ehrlisbertveise wird niemand behaupten kön­nen, daß die Bischöfe beabsichtigen, „die Geister zu knebeln", die „wissenschaftliche Forschnng lahm- zulegen" und wie die bekannten Redensarten alle lauten. Im Gegenteil, die Bischöfe Sekunden ge- rabe in hohem Maße Verständnis und Liebe für die Wissenschaft und wiinschen einen wissenschaft­lich gebildeten Klerus; dieser sei, sagen sie, ihr Stolz.

Weiter ist man in liberalen Kreisen entsetzt darüber, daß die Gründung von P r iesterver­ein e n verboten worden ist und man jammert, daß dieses Verbot die staatsbürgerlichen Rechte der Geistlichen einenge, daß es nicht passe zu dem neuen Vereinsgesetz, das man eben schaffen wolle. Sonst wollen die Liberalen alle Vereine von Re- ligiösen bekanntlich nicht unter das Neichsver- einsgesetz stellen. Jetzt ist die Sache natürlich eine andere. Es ist aber gar nicht wahr, daß durch das Rundschreiben die staatsbürgerlichen Rechte der Geistlichen eingeschränkt würden. Es, handelt sich hier lediglich um die Stanbesvereine der Geistlichen und darüber zu bestimmen, ist die Kirche befugt, beim jeder Priester verspricht vor der Priesterweihe dem Bischöfe Gehorsam. Nie­mand wendet etwas dagegen ein, daß» beit Offi­zieren und Militäranwärtern die Anteilnahme tut politischen Vereinen und die Gründung von Standesrereinen verboten ist; man findet da­ganz selostverständlich. Eine ähnliche Stellung wie der Offizier im Heere nimmt der Geistliche in der Kirche ein; der Klerus ist selbst in jeder Diözese ein großer Priesterverein. Uebrigens be­tont das Hirtenschreiben, daß es soziale, Bersiche- rungs- Krankenkassen und ähnliche Vereine nicht unterbinben will. Was an dem Einwand etwa berechtigt sein könnte, fällt damit in sich zusam­men.

Tie deutschen Bischöfe haben ihre Stimme erhoben unbekümmert, ob Angriffe ihrer harren ober nicht. Sache der Gläubigen ist es, diesen Ruf mit der gebührenden Achtung, Sache deS Klerus, ihn mit kirchlichem Gehorsam entgegen« zunehmen.

Rest Merian.

Roman von Marie Bairrletu.

29] (Nachdruck verboten.)

„Bei Gott! Nun bin ich selbst die Ursache einer schmerzlichen Enttäuschung für Dich. Ja, hälfe Dir denn meine Vereinigung mit der schö- .nen Frau eine solche Freude bereitet? Da tut es mir leid, daß ich Deine Hoffnungen vernichten muß; aber nicht einmal Dir zu Liebe lasse ich mir mein Leben zum zweiten Mal von einer herzlosen, oberflächlichen Schönheit zerstören. Du mußt meiner ja ganz gewaltig überbrüfiig fein, daß Du mich um jeden Preis unter die Haube bringen willst? Hast Du etwa Angst, ich alter, unliebenswürdiger Witwer würde von Dir die Gefälligkeit verlangen, mir in meiner Verlassen­heit Gesellschaft zu leisten? Beruhige Dich, wenn Du jetzt auch nicht durch Deine Heirat von mir wegkommst — Gott weiß, wie ich Dich bedauere, daß Dir das Unglück Deinen Verlobten entrissen hat, an dem Dein ganzes Herz hing — so steht Dir noch immer der Weg frei. Dein Geschick von dem meinigen zu trennen. — Verzeihe, daß ich so heftig wurde" suchte er sich zu beherrschen, als er gewahrte, daß Nesi während seiner Rede am

<• rEer anfing, „aber manchmal

schafft die Ironie des Daseins Verhältnisse, die selbst den festesten Charakter aus dem Gleichge- wicht heben."

Fritz Weilers schritt erregt im Zimmer auf und ab. Es ärgerte ihn, daß er sich von feinem Gefühle hatte hinreißen lasten. War doch alles gleichsam ein Weheschrei gewesen, den fein Herz nickt mehr unterdrücken konnte, als er vermeinte, daS geliebte Mädchen wollte um jeden Preis eine Scrbtnbung zwischen ihm und der einstigen Ju- Sendgeliebten zustande bringen.

„Ach Fritz! Du weißt nicht, wie weh und un­recht Du mir soeben getan hast. Mich sollte eS Jbetiangen, au8 Deiner Nähe fortzukommen? Ich

sollte Deine Heirat mit Lilly ersehnen? Es wäre zum Lachen, wenn es mir nicht das Weinen brächte."

„Warum sprichst Du dann stets davon, von mir fortzugehen? Warum willst Du mich absolut in Verbindung mit der Baronin bringen? Ich rede nicht davon, daß Du um des verstorbenen Verwalters willen mich und den mit ganzer Seele an Dir hängenden Raoul verlassen hättest. Gegen die Liebe — sein Gesicht wurde finster und ein bitterer Zug legte sich um den Mund — ist eben kein Kraut gewachsen, die überspringt alle Ver­hältnisse."

„Bitt-», bitte, Fritz! Nicht weiter sprechen! Ich sage Dir, Du verkennst mein ganzes Han­deln. Du verstehst mich nicht. Es ist ja alles nickt wahr, was Du sagst!"

„Wirklich? Nun, dann beweise es mir, indem Du kein Wort mehr vom Fortgehen sagst."

Rest lächelte traurig. „Das würde mir im Augenblick hart ankommen, hinfällig und schwach, wie ich noch bin; aber ob ich es auch in Zukunft nicht tue, hängt nur von Dir ab. Wenn Du mir die große, unendlich große Freude machst und die Verhältnisse so läßt, wie sie eben find. Wenn Du das aufgtfunbene Testament unberücksichtigt las­sest ----"

„Nein, Resil Bring' mich nicht von neuem in Zorn! Darüber verlieren wir keine Worte mehr; diese Angelegenheit läßt sich nicht nach Deinem Kopfe schlichten. Ja, vor einigen Monaten, da­mals, als Dein Herz noch nichts von Liebe für einen fremden Mann wußte, da hätte ich Dir einen Vergleich Vorschlägen können; aber jetzt — Du hast recht, ich schweige."

Rest konnte es nicht mehr anbören, daß ihr immer Nieder die bräutliche Liebe für den Ver­storbenen zugeschrieben wurde. Sie machte sich doch die bittersten Vorwürfe, daß sie dem edlen, für sie in den Tod gegangenen Mann keine wirk­liche Neigung entgegen gebracht hatte und tocCte ihren Fehler nunmehr auch eingestehen. Darum entgegnete das Mädchen:

„Zu meiner Schande sei'S gesagt: Ich habe dem edlen Rudolf meine Hand zugesagt, ohne daß ich ihm auch damit mein Herz hätte schenken kennen."

„Du hast Rudolf nicht geliebt?"

Ter .Kaufmann starrte die Pflegeschwester an, als sei sie ihm plötzlich zum Rätsel geworden. Ein heller Schein verklärte seine Züge nb es schien, als wolle er in freudiger Aufwallung auf sie zu- stürzen, doch ein Blick auf das vor Gemütsbe­wegung ganz erschöpfte Mädchen, das wieder so hilflos und angegriffen im Stuhl lehnte, hielt ihn zurück.

Er sagte darum nur: „Du bedarfst der Ruhe, Resil Mein unverständiges Einreden auf Dich hat Tick angegriffen. Lassen wir darum für heute die ganze Angelegenheit fallen. Nur über eins sollst Du Dir noch klar werden. Tu bist auf der ganzen Welt daS Einzige, was mir das Leben noch wertvoll macht."

13. K a p i t e».

Nesi Merian hafte heute zum erstenmal nach ihrer Krankheit das Haus verlassen. In vollen, gierigen Zügen atmet sie die frische, reine Lust ein, und beim Anblick der bereisten, im Strahl bet Mintersonne wundersam glitzernden und flimmernden Natur vergaß sie auch rlle felbft- quäleriscken Gedanken, welche innerhalb der vier Wände ihre Seele gemartert und geauätt hatten. Etwas, daS einer neuen Lebenshoffnung glich, regte sich in bet Brust des Mädchens.

Ihr erster Ausgang galt dem vor der Stadt liegenden Friedhof. Darum hingen ihr auch zwei aus Moos und Tannengrün gewunden,' Kränze am Arm; sie wollte dieselben an den Grä­bern der zwei in jener Unglücksnacht verschiede­nen teuren Wesen niederlegen.

Ihre Blicke suchten die in der letzten Reihe deS südlichen Friedhofs liegenden Hügel, und fie­len auf einen Mann, der regungslos und in sich versunken davor stand. Eine schmerzliche

Freude durchzitterte ihr Herz — es war Fritz Weilers der gekommen war, um das schneebe­deckte Grab seines Kindes mit einigen Treibhaus­blumen zu zieren. Im Begriffe, die blühend« Gabe niederzulegen, hielt er von einem plötzlichen Gedanken erfaßt inne, zerteilte den Strauß und ließ die eine Hälfte davon auf das Grab fallen, unter dem der Verwalter der Ewigkeit entgegen­schlummerte. Ein dem Mitleid ähnliches Gefühl für den Verblichenen hatte ihn dazu veranlaßt, — der Aermste war ja mit dein irrigen Wahn in den Tod gegangen, die Liebe Rcsis zu besitzen. — Tie purpurfarbenen Blüten der Kamelien und die lichtgrünen Blättchen des zierlichen Zit­tergrases hoben sich effektvoll von. den weißen Schneeniassen ab und leuchteten dem immer näher kommenden Mädchen wie Verkünder einer heim­lichen Freudenbotfchaft entgegen.

Fritz Weilers schien es langsam als etwas Selbstverständliches aufzufassen, daß Resi in der­selben Stunde, in welcher er seine Blumenspeuden zu den Grabhügeln trug, von der nämlichen Ab­sicht geleitet ihm nachgekommen war. Seit der letzten längeren Auseinandersetzung mit dem ge­liebten Mädchen war in seiner Seele eine süße Hoffnung aufgestiegen, die auf das ihm so lang« unverständlich gebliebene Handeln der Pflege­schwester ein erklärendes und verklärendes Licht warf. Aber die Angst, seine holde, wonnige Ent­deckung konnte nur trügerische Täuschung sein, und em das Fräulein um Entscheidung bitten­des Wort würde etwa zu einer neuen, nieder- drückenden Wahrheit führen, hatte bisher seinen Mund versiegelt und ihn gezwungen, sein ganze- heißes Gefühl im tiefsten Innern zu verschließen.

Als er aber jetzt die schlanke Gestalt der Ge­liebten an feine Seite treten und den ersten Tan­nenkranz auf daS Grab seines Söhnleins legen sah, da betmeinte er die doch für immer geschlof­fenen Augen des Kindes ihm aufmunternb zu- winken zu sehen, und e8 war ihm, als flüster« ein zartes, leises Stimmchen: „Frag sie nut, Pnpat sie zut's um meinetwillen," ""