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M 22.

Fulda, Dienstag den 28. Januar 1908.

35. Jahrgang.

Deutsches Reich.

□ Kaisers Geburtstag wurde in der Reichs- Hauptstadt wie im ganzen Reiche in üblicher Weise gefeiert. In Berlin erfolgte gestern vormittag nach dem großen Wecken, woran zahlreiche Schau­lustige teilnahmen, der Ausmarsch über den Schloßplatz. Der Kaiser sah von einem Fenster des Sternsaales zu. Um 9 Uhr nahm der Kaiser die Glückwünsche der kaiserlichen Familie, des engeren Hofes, des Hauptquartiers und der an­wesenden Fürstlichkeiten entgegen. Rach dem Gottesdienst war Gratulationscour im Weißen Saale. Darauf nahm der Kaiser die Glückwünsche des Staatsministeriums entgegen. Sodann begab sich der Kaiser zu Fuß in das Zeughaus, wo die Nagelung dreier neuer Fahnen erfolgte. Von Fürstlichkeiten waren rin getroffen der Großherzog von Baden und der Regent von Braunschweig, beide gleichzeitig zum Zweck deS Antrittsbesuches, ferner der Großherzog und die Großherzpgin von Heffen, Großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen, Groß­herzog und Großherzogin von Mecklenburg- Schwerin, Herzog und Herzogin zu Schleswig- Holstein, Fürst zu Schaumburg-Li: pe, Herzog Robert von Württemberg in Vertretung deS Königs von Württemberg, der Erbprinz und die Erbprinzefsin Reuß j. L. und der Fürst zu Waldeck. — AuS Anlaß seines Geburtstages stellte der Kaiser den Großherzog von Baden & la Suite des ersten Seebataillons. Am Sonn­tag nachmittag hatte als eine Art Vorfeier im Neuen Königlichen Operntheater die erste Vor­stellung für die Berliner Arbeiterschaft stattge- funden; auch der Kaiser halte ihr beigcwohnt.

— Ins Herrenhaus ist anläßlich des Geburts­tages des Kaisers Bankier Ludwig Delbrück in Firma Delbrück, Leo u. Co. auf Lebenszeit berufen worden.

* Neue kommandierende Generäle. Der Reichsanzetger meldet: v. Mackensen, Komman­deur der 36. Division, unter Ernennung zum Kommandierenden General deS 17. Armeekorps, v. Bernhardt unter Ernennung zum Komman­dierenden General des 7. Armeekorps zu Gene­ralen der Kavallerie ernannt.

* Unter den Reichssteuerprojekten, die im Reichsschatzamt ausgearbertet od.r vorbereitet werden, befindet sich nach dem „Hannov. Cour." auch eine Vorlage betreffend Besteuerung der künstlichen Mineralwässer. Begründet -wird der Vorschlag damit, daß der Verkaufspreis der künstlichen und halbnatürlichen Minerälwäffer terlweise eine ganz ungerechtfertigte Höhe ange­nommen habe.

— 2 Millionen Invaliden- und Altersrenten. Nach der tm Reichs-Versicherungsamte angefertiq- ten Zusammenstellung betrug die Zahl der seit dem 1. Januar.1891 bis einschließlich 31. Dezem­ber 1907 bewilligten Invalidenrenten 1,516,021. Die Zahl der während desselben Zeitraumes be­willigten Altersrenten betrug 459,394. Sonach sind im ganzen fast 2 Millionen Renten seit dem 1. Januar 1891 bewilligt worden, von denen am 1. Mlinar 1903 noch fast 960,0' 0 liefen.

* Ein netter Posten für Herrn Paasche. Eine Berliner Korreipondenz meldet: «Wie uns aus unterrichteter Quelle mitgeteilt wird, wird der Rücktritt des Chefs deS Zroilkabinetts des

Kaisers, v. Lucanus, in nächster Zeit erwartet. AlS fein Nachfolger wird Regierungspräsident v Meister in Wiesbaden genannt. Als Nach­folger deS Präsidenten nennt man in parla­mentarischen Kreisen den Vizepräsidenten deSReichS- tagS und Abgeordneter Paa sch e." — Die .Kreuznacher Ztg/, der wir diese Meldung ent- nehmen, bemerkt dazu: Das ist höchstwahrscheinlich eine Erfindung, die früher oder später zu einem kleinen Teile Wahrheit wird. An die Regierungs- Präsidentschaft Paasches glaubt wohl niemand, trotz des Vertrauensvotums, das ihm jetzt der Vorstand der Kreuznacher nationalliberalen Partei ausgestellt hat.

== Bebel, der sozialdemokratische Führer, ist erkrankt. Er hat auS diesem Grunde die Amerikareise, die für das Frühjahr geplant war, aufgegeben, resp. verschoben. Bebel vollendet im nächsten Monat sein 68. Lebensjahr. Er soll ichwer herzleidend sein und sich weitgehende Schonung auferlegen müssen. Wie eS heißt, be­absichtigt er, sich für eine Zeitlang von parla­mentarischen Geschäften zurückzuziehen.

Straßenkundgebungen sind am Sonntag von den Sozialdemokraten wieder in verschiedenen Orten veranstaltet worden. — In Mainz prote­stierte eine Versammlung von 5000 Personen nach einem Referat des Abg. Ulrich-Offenbach gegen das geplante Reichsvereinsgesetz. Etwa 2000 Personen zogen dann in geordneten Reihen zum Bahnhof, wo die Auflösung erfolgte. Es ereignete sich kein Zwischenfall. — In Straß­burg und in den Hauptorten der Reichslande sanden sozialdemokraktische Wahlrechtsversamm- lungen statt, die im allgemeinen ruhig verliefen. Nur in Mühlhausen zogen mehrere tausend Demonstranten unter Singen durch die Straßen und brachten vor dem Hause des Reichstagsabg. Emmel Hochrufe auf diesen aus. Hier und da kam es. zu Zusammenstößen mit der Schutzmann, schäft und der Gendarmerie. Militär war in den Kasernen bereitgehalten. — Auch in Solingen zogen nach einer sozialdemokratischen Versamm­lung etwa 1000 Personen in Trupps unter Hochrufen auf das allgemeine Wahlrecht durch die Stadt.

* Frankfurt a. M., 27. Jan. 1908. Der Landesausschuß der Freisinnigen Partei für Hessen hielt gestern hier eine Sitzung ab, in der er über die hessischen Landtagswahlen beriet. Zur Blockpolitik wurde folgende Resolution gefaßt: „Der Landesausschuß spncht im Hinblick auf Bülows Stellungnahme zur Wahlrechtsftage die bestimmte Erklärung aus, daß die linkslibe­ralen Parteien eine entschlossene liberale Politik ob ne Rück sicht auf die Person des Reichs- kanzierS und im scharfen Gegensätze zu den reaklionären Parteien verfolgen; er fordert die Aufrechterhaltung und den weiteren Ausbau der linksliberalen Parteien."

Ausland.

* Wegen der Ueberfälle auf deutsche Touristen begann am Montag vor dem Kreisgericht in R o- vereto die Verhandlung, die sich anf die be­kannten Vorfälle in Persen, Calliano und Trient bezog. Unter den 42 Angeklagt en befinden sich sechs Studenten, zwei Journalisten und eine große Anzahl von Hantelsangestellten, Beamten

usw. Die Deutschen mußten damals auf Schritt und Tritt von Gendarmerie begleitet werden und waren ihres Lebens nicht sicher, wurden be- schiinpft, blutig geschlagen, bespuckt, mit faulen Eiern beworfen; in die Häuser und Bahnwagen wo sie weilten, wurden Steine geworfen und Schüsse gegen sie abgegeben. Bemerkenswert ist, daß auch Hochrufe auf Italien ausgebracht und Schmäbungen gegen Oesterreich ausqestoßen wur­den. Die Verhandlung dürfte 14 Tage in An­spruch nehmen. Wegen des Prozesses weilt ein großes Gendarmerieaufgebot in der Stadt. Die Gendarmerie von ganz Südtirol wird in Be­reitschaft gehalten.

* Prozeß Nasi. In der Verhandlung am Samstag sprach sich der Verteidiger Nasis gegen die Vernehmung einiger Zeugen aus, weil diese über Subventionen und andereDinge befragt werden fällten, die nicht in der An- klageschrist enthalten seien. Der Gerichtshof be- schloß trotzdem, sieben von der Verteidigung ab­gelehnte Zeugen zu vernehmen. Ferner entschied der Präsident, daß diejenigen Zeugenvernehmungen vorwegzunehmen seien, die ihm gestatten werden, auf den Rest der Zeugen zu verzichten.

* Ein Putschversuch in Portugal. Aus Lissabon wird gemeldet: Da Gerüchte über einen g'p lauten Handstreich gegen das Haus Francos in Carnide bei Lissabon umlaufen, wird das Haus scharf bewacht. Auf Anraten der Polizei schläft Franco jede Nacht in einem anderenHause. Bei einem Kaufmann namens Sollza wurde eine große Zahl Revolver gefunden. Es tritt mit Bestimmthett das Gerücht auf, daß radikale Elemente für den 31. Januar, den Jahres­tag des Aufstandes von Oporto, einen Aufstand vorbere.teten. Daher haben die Behörden die Vorsichtsmaßnahmen verdoppelt, auch in den Kasernen, obwohl die Republikaner anscheinend die gehoffte Unterstützung beim Militär nicht finden. Nach anderen Meldungen soll immerhin das Heer teilweise aufrührerisch gesinnt sein. Die Kaserne des ersten Artillerieregiments soll von Munizipalgarven umgeben, und dem Infanterieregiment sJhr. 16 fallen Gewehre und Munition entzogen worden fein, weil die Soldaten angeblich planten, sich des Königs zu bemächtigen. Hier ist man trotzdem noch zu dem Glauben geneigt, daß die angeblich entdeckten Verschwörungen der Regierung mehr zum Vorwand dienen, um unbequeme Leute zu beseitigen. Die verhafteten Journalisten Joas Chagas und Franco Borges sind nach dem Fort Carias bei Lissabon geschafft worden. Die früheren Minister Alpoim und General Dantas dürfen ihre Wohnungen nicht verlaffen.

* Russischer Flottenbesuch. Ein russisches Geschwader, das aus den Linienschiffen Zeffare- witsch und Sslewa, sowie dem geichützteu Kreuzer Bogotyr besteht, wird am 20. Februar in Neapel erwartet. Das Geschwader steht unter dem Kom­mando des Kontreadmirals Eberhardt. An Bord befinden sich etwa 123 Schüler der Marine- Akademie. Gegenwärtig liegt das Geschwader im Pyräus.

* Die „gelbe Gefahr". Don diesem Thema kann man oft in den Zeitungen lesen. Die gelbe Gefahr soll vom Osten drohen, besonders von ü p a n, welches sich mit erstaunlicher Schnel» Irgkeit entwickelt hat. Das zeigt deutlich die 1. japanische Gewerbeausstellung 1906. Sie lieferte den Beweis, daß den alten Kulturstaaten in dem

emporstrebenden Japan ein gefährlicher Konkur­rent erwachsen sei. Letzteres geht auch schon aus dem japanischen Außenhandel hervor, welcher einen unerhörten Aufschwung genommen hat. Tie japanische Industrie kann in einer Reihe von Artikeln den industriellen Wettbewerb mit Euro­pa und Amerika aufnehmen. Woher kommt das? Es wird das erklärlich, wenn man die Verhält­nisse erwägt, unter denen sich die japanische Er­zeugung vollzieht. In der Großindustrie Japans wgren im Jahre 1904 318 200 Frauen (darunter 34 000 unter 14 Jahren) und nur 207 800 Män­ner beschäftigt. In der Kleinindustrie waren im gleichen Jahre 598 030 Frauen und 23 000 Män­ner beschäftigt. Die Löhne sind äußerst niedrig, die Arbeitszeit ist eine ungemessene. Den Ar­beitslöhnen und Arbeitsverhältnissen entspricht natürlich die Lebenshaltung des japanischen Ar­beiters. Er vegetiert in den elendesten Räum­lichkeiten und muß mit der billigsten, oft unge- nitgenben Kost vorlieb nehmen. Solche Verhält­nisse, welche die Konkurrenzfähigkeit Japans be­dingen, sind aber auf die Dauer unhaltbar. Mit dem Einzuge der Kultur wird auch die Vedürf- nislofigkeit des Arbeiters schwinden und es wird unmöglich fein, ihn unter dem bisherigen Drucke zu halten. Anzeichen dafür, daß die japanische Arbeiterschaft diesem Drucke sich, nicht mehr willig fügen will, zeigen sich bereits in den allerdings noch schüchtern auftretenden Arbeitseinstellungen und in den Organisationsbestrebungen, die frei­lich vom Staate schroff unterdrückt werden. Er­reicht der japanische Arbeiter aber auch nur einige der in anderen Industriestaaten längst schon durchaesetzten Begünstigungen, dann wird die gelbe Gefahr einen großen Teil ihrer Bedrohlich­keit für die Industrie Europas und Amerikas verlieren.

* Das Ende der Revolution auf Haiti. Der Führer der Revolution, Jean Jumeau ist in Desfalines in der Nähe von GonaweS gefangen genommen und sofort von den Regie­rungstruppen erschosfen worden. Diese haben Gonaives stark besetzt.

Aus Kirche und Schule.

p Fulda, 28. Jan. 1908. An Stelle de» StadtschulvorftandeS tritt auf Grund deS neuen SchulunterhaltungSgesetzeS vom 1. April d. IS. an eine Stadtschuldeputation. Dieselbe besteht aus: a) 1 *"t» 3 Mitgliedern des Magi­strats, b) der gle chen Zahl Stadtverordneten, c) mindestens der gleichen Zahl des Er» ziehungs-und Volksschulwesens kundigen Män« nern, darunter mindestens 1 Rektor oder Hauptlehrer oder Lehrer, d) je 1 katholischen und evangelischen Geistlichen, e) dem Ortsrab­biner. Wenn die Zahl der deS Erziehungs- und VolkSichulwesens kundigen Männern (unter c) auf vier oder mehr festgesetzt wird, so müssen darunter mindestens zwei Rektoren (Haupt­lehrer ober Lehrer) fein. In dieiem Falle auch an Stelle eines Lehrers eine Lehrerin ge­wählt werden. Die Magistratsmitglieder werden vom Oberbürgermeister ernannt, die betreffenden Stadtverordneten dagegen werden von der Stadtverordnetenversammlung gewählt. Die für die Schuldeputation bestimmten Mitglieder des Magistrat» und des Stadtverordnetenkollegium» haben gemeinsam die des Erziehungs- und Volks­schulwesens kundige Personen zu wählen. Die Schuldeputationsmitglieder unter b, c und e

Rest Merian.

Roman von Marievaierlein.

28] (Nachdruck verboten.)

„Aber Resil MädchenI Schon wieder in Trä­nen?"

Das Fräulein wandte das schmale Gesichtchen dem Eintretenden zu: eine feine Röte lief ihr plötzlich bis unter die kurzen, krausen Stirnhär- djen, verschwand aber gleich mietet, so daß sich die vorige, ausfallende Blässe über die ernsten Züge lagerte.

„Sag' mir mal Resil Warum tust Du denn var nichts, um Dich Deinen krankhaften, melan- chollschen Stimmungen zu entreißen? Weißt Du mcht mehr, was Du unferm alten Doktor und nur versprachst? Du sollst und nurßt ankämpfen gegen Deine streikenden Nerven, darfst nicht jeder sentimentalen Grille nächsten. Welch' trauriger ©ebanfe hat Dir denn jetzt wieder Tranen ent- lockt?"

„D Fritzi — Vor einem Jahr um diese Zeit lch dachte an Deinen Raoul l"

tooHteft Du sagen i Ader Acht stetig an den Knaben denkenI Latz ihn ruhig schlummern. Kennst Du denn die Agende von der untröstlichen Mutter nicht, die r&n$£ *«rch ihr Weinen im Tode keine muhe Uetz?

„Das sprichst du, als Baier?"

. »Das spreche ich als vernünftiger Mensch, der einem zur Melancholie geneigten Mädchen die schwarzen Grübeleien austreiben möchte." . -Fritz- Du verleugnest Dich selbst. Nicht nur, a?- Tw so nachsichtig bist mit oer Mörderin ’teines Kmdes, nein — Du mußt Deine Geduld auch «och auf die Probe stellen bei einem langsam Sencsenden Geschöpf, das Anspruch auf Deine «engmut macht und Dich von Deinen Geschäften Mlenkt; aber es soll nicht mehr lange dauern.

Bald werde ich imstande fein, mich um eine an­dere Wohnung umzusehen, und bann---"

„Resi, was sprichst Du da wieder? Törichtes Mädchens Du willst von Geduld und Langmut meinerseits reden? Du willst eine andere Woh­nung suchen und Dein Haus verlassen?"

„Mein Haus?!"

Rest ahnte nicht, wie ungemein rührend und lieblich sie war, als sie jetzt, den dunkelblonden Kopf tief in das Kissen zurückgelehnt, mit tränen­feuchten Augen zu ihm ausschaute, in hilflosem, scheuen Erstaunen. Ihr Gesichtchen war ihm noch nie so entzückend vorgekommen, wie jetzt, wo die schwere, überstandene Krankheit die gesunde Run­dung der Wangen zu einem schmalen Oval ge­formt und einen wehmütigen, zarten Reiz dar­über ausgegoffen hatte.

„Ich Dummkopfs" Er biß sich ärgerlich auf die Lippen.

„Warum wirst Du verlegen, Fritz? Weil ich Dich aus einer Sorge um mich reißen wollte, und Dir sagte, daß ich durch Christel schon eine andere Wohnung für mich suchen ließ? Ich weiß doch von Dir, daß in etlichen Wochen der Haustausch vor sich gehen soll. Du hast eS mir ja während des Sommers des öfteren erzählt. Mein Gott, ich will doch nicht ewig abhängig sein von Dir."

Es klang wie ein Aufschrei, und Fritz Weilers war ganz blaß gttvorden dabei; dann aber färbte sich fein schönes Antlitz mit der Röte des Unwil­lens und er sagte langsam ater entschieden:

,Höre einmal, Resil Ich kann nicht länger mitwirken bei diesem Komödienspiel Nicht em- mal aus Rücksicht auf Deine reizbaren Nerven. Ich wollte zwar die nottoenbige Auseinandersetz­ung zwischen uns beiden auffparen, bis Du voll- ftändrg erstarkt und gekräftigt bist; ater Du machst mir daS unmöglich. So laß Dir denn sagen, ich weiß schon feit Wochen, daß die Hinter­lassenschaft meiner Stiefmutter nicht mir, son­dern Dir gehört und daß Du selbst das diesbe­

zügliche Testament beseitigt hast. Darum bitte, laß jedes fernere Wort von Abhängigkeit Deiner- seits aus dem Spiele!"

„Wer hat Dir dies alles vorgeflunkert?"

Das Fräulein sprang lebhaft auf, so daß Rückenkissen und Schutzdecke zu Boden glitten uriD blickte dem Kaufmann voll Unruhe in die unbe­wegten Züge.

„Niemand hat es mir vorgeflunkert, Nesi. Ich selbst habe daS Testament gelesen."

„Du gelesen! Unmöglich! Es liegt —" schnell und bestürzt ob ihrer Unvorsichtigkeit brach sie ab und versuchte ein ungläubiges Lächeln zu for­cieren.

„Es liegt ja in meiner Schublade! So wolltest Tu sagen. Ich muß mich nun recht demütigen vor Drr. Resi, und gestehen, daß ich fo indiskret war, in dem offenstehenten Fach zu stöbern und das Dokument zu entdecken. Hierbei ist mir Deine ganze Großmut kund geworden. Mäd­chen! Mädchen! Warum hast Du das getan? Warum hast Du das Gericht und mich düpiert und Dich um das Erbe bringen wollen?"

Nesis Augen waren immer größer und er­schreckter geteerten bei der Eröffnung des Pflege­bruders, und da nun alles Leugnen nutzlos ge­wesen wäre, fiel sie ganz apathisch in den Segel zurück. Sie sprach nichts, nur ein tief« Seufzer ließ erkennen, wie traurig sie über die Entdeckung ihres frenrmen Betruges war.

Fritz Weilers fuhr fort: „Nachdem ich weiß, wie unsagbar edel und hochherzig Du an mir handeln wolltest, konnte ich eben Dein Gerede über „Abhängigkeit" und „Rücksicht' nicht mehr mit anhören. Darum mußte ich diese Stunde wählen, um zwischen uns alles klar zu machen. Ich kann Dir nun gar nicht sagen, wie mich Deine selbstverleugnende Handlung gerührt und ergrif­fen bat; aber annehmen kann ich Dein großes Opfer doch nicht. Darum werde ich das auf ge­fundene Aktenstück persönlich aufs Gericht tra­

gen, wenn Du es selber nicht tust. Wärest Du nicht so lange krank gewesen, so würde die Sache wohl schon längst geregelt fein."

„Das wird nicht geschehen, Fritz! Die Ab­fassung des Testaments war eine Ungerechtigkeit, die ich wieder gut machen wollte und noch will. Wozu bebarf ich das Erbe? Ich brauche nicht viel für mein Leben. Ater Du — wie kannst Du ohne Geld Dein Unternehmen bewerkstelligen?"

„Ta muß ich eben andere Mittel und Wege dazu finden, oder — ich gebe es auf und gehe wieder nach Paris."

Resi blickte ihm ganz entfetzt in die blitzenden Augen. Ja, er wäre imstande, wieder von vorn anzusangen und ins Ausland zu gehen. Darum warf sie als letztes überredentes Schlagwort ein:

„Aber Lilly! Lilly von Simmern? Meinst Tu, diese bände ihr Geschick an dasjenige eine­gänzlich vermögenslosen Mannes?"

Jetzt machte ter Kaufmann eine völlig et* staunte Miene. Zuerst stutzte er; dann aber, alS ihm klar wurde, was Resi mit dieser Bemerkung meinte, lachte er sarkastisch auf: „Beleidige mich bitte nicht noch mehr, intern Du mir die kokette Frau anfoktroyieren möchtest. Ich habe genug von derlei Weitern."

„Fritz! Verstelle Dich nicht! Du hättest wirk­lich keine Gedanken an die Baronin gehabt?" Resi hielt den Atem an, um jedes seiner kommen­der» Worte zu verstehen.

„Ader wie kommst Du nur auf diese absurde Idee? Wer wie ich einmal die Finger verbrannt hat, greift nicht zum zweiten Mal inS Feuer! Du würdest eine solche Frage nicht an mich rich­ten, wenn Du Dir ein wenig Zeit genommen hättest. Dich mit mir zu beschäftigen."

Er hielt plötzlich inne, als er sah, wie da» Mädchen die Hände vor'S Gesicht schlug uxü> leise, aber heftig vor sich hinweinte.

(Fortsetzung folgt).