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Lari Schütte;

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Zuldaer

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Rotationsdruckund Verlag der Fuldaer Ak» tiendruckerei in Fuld« Fernsprecher Nr. 9.

Fulda, Montag den 27. Januar 1908.

35. Jahrgang.

* Dem Kaiser.

Dem Kaiser gilt heute unser Gruß.

Zum zwanzigsten Male feiern wir deS dritten deutschen Kaisers Geburtstag. Diele zwei Jahr» zehnte, Vie er an der Spitze deS Reiches stand, find inhaltsschwer und bedeutungsvoll. In ihnen reiste Deutschland zu größerem Tun und zu weitergreifenden Aufgaben heran und der Kaiser hat diele Ausgaben mit stürmischer Begeisterung, mit dem ganzen Schwünge seines lebhaften und feurigen Temperamentes ergriffen, er ist der lebendigste, persönliche Inhalt deS Zeitalters geworden, das auf die Gründung des Reiches und die Jahre des Ausbaues im Innern folgte.

Es sind bewegte Jahre gewesen und wir waren es gewöhnt, daß der Kaiser mit seiner ganzen Periön- lichtest in die erreqtenKSmpfe dec Zeit eingriff. Daß er aber in den Wirr war, in den der verantwort­liche Ratgeber der Krone mit feiner Block- künstelet unser staatliches Leben getrieben hat, nicht sich einaemischt hat und über dem Streit steht, der die bürgerlichen Parteien trennt, das danken wir ihm. Gerade in dieser Zeit der ge­steigerten Erregung, der wachsenden Unzufrieden- heil und der dumpren Unklarheit sehen wir mit Vertrauen und Zuversicht auf zu dem Kaiser, der jung an Jahren Herrscher geworden, mit der starken Hand und der gereiften Erfahrung des Mannes die Geschicke des Reiches durch alle Fährnisse glücklich hindurchgeleitet hat, der nicht auf den Lorbeer deS Schlachten» siegers bedacht, als Friedenssürst nur das eine Ziel kannte, in Wahrung der Ehre deS Reiches die soziale und wirtschaftliche Wohlfahrt des Landes und Volkes zu heben, sein Glück auf materiellem und geistigem Gebiete zu sichern, der von tiefer Auffassung seiner Herrscherpflichten und immer froher Arbeitslust durchdrungen, sich vlS idealer Fürst bewährt.

Man hat in den letzten Wochen und Monaten wiederholt einen Gegensatz zu kon inneren ver­sucht zwischen der Treue zu Kai'er und Reich derienigen, die sich ausdrücklich als „National- gesinnte" zu bezeichnen pflegen und den Anhängern der Zentrumspartei. Ja, man ist in gewissen Kreisen so weit gegangen, die Konfession atS Unterscheidungsmerkmal der nationalen Gesinnung hinzustellen. Derartige Bestrebungen und Ber» dächtigungen mit aller Entschiedenheit zurückzu-} weisen, halten wir ebenso sür unsere Pflicht, wie die Betonung der Tatsache, daß wir in der Treue zu unserem Kaiser und seinem Hause hinter niemandem zurückstehen, hinter niemandem. Im vorigen Jahre fiel der Geburtstag des Kaisers in die Zeit, die noch erfüllt rom von den Nachklängen eines heißen Wahlkampfes, in eine Zeit, die wie selten eine vor ihr von der nationalen Phrase beherrscht wr. Sie ist die Wurzel der Gestaltung der Verhältnisse, unter denen wir jetzt in Deutschland leben. Sie schafft die Verwirrung der Begriffe über Valerlands- liebe und nationale Gesinnung. In ihr lieg' eine Gefährdung des inneren Friedens. Nicht Mit Phrasen dient man dem Vaterland und semem Fürsten. Der beste Patriotismus ist die Tai. Und daran haben wir es niemals sehlen lasten.

Durch alle Angriffe werden wir uns nicht von unterer monarchischen Ueberzeugung abbringen

und unS die Freude an der stolzen und starken Persönlichkeit deS Kaiser- nicht trüben lasten. Fest und entschlosten scharen wir unS um den Kaiserthron und begehen mit dem Gelöbnis un» verbrüchlicher Treue die Geburtstagsfeier Kaiser Wilhelms n.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 25. Januar 1908.

Der Präsident teilt mit, daß der Abg. Bart­hold (ff.) heute früh gestorben ist; das Haus ehrt sein Andenken in der üblickien Weise.

Tie Etats der Lotterieverwaltung, der Staatsarchive, der Oberrechnungskammer, des Ministeriums der Auswärtigen Angelegenheiten und des Kriegsministeriums werden in zweiter Lesung ohne Debatte angenommen.

Bei der zweiten Lesung des Etats der D o- mänenverwaltung äußern verschiedene Redner Ortswünsche.

Abg. Schmedding (Ztr.) führt aus: Bei der in kurzer Frist zu erwartenden Gehaltsaufbesse­rung wird die Deckung der Mittel für die Mehr­ausgaben eine große Rolle spielen. In dieser Beziehung erachten es meine Freunde für wich­tig, auf Ersparnisse in den laufenden Aus­gaben Bedacht zu nehmen und sie sind der An­sicht, daß dieses Ziel sich u. a. dadurch emidjen läßt, daß die Domänenverwaltung, wenigstens in der Lokalinstanz, der For st Verwaltung u n t e r st e l l t wird. Alsdann möchten wir über folgende Fragen Auskunft haben: 1. Wieviel von den Domänenrentbankbeamten und anderen unteren und mittleren Domänenbeamten werden künftig überflüssig, wenn die Verwaltung der Domänen der Forstverwaltung unterstellt wird? 2. Wieviel höhere Beamten können alsdann in Wegfall kommen? 3. Welche Reisekosten haben in den beiden letzten Etatsjahren die vom Staate selbst bewirtschafteten und die verpachteten Do­mänen verursacht? 4. Um welche Summe würde der Reisekostenfonds der Forstbcamten zu er­höhen sein, wenn die Verwaltung der Domänen der Forstverwaltung unterstellt würde? 5. Welche Kosten werden bei einer Vergrößerung der klei­nen Obcrförstereien, welche 2—3 )00 Hektare um­fassen, bei gleichzeitiger Vermehrung von Revier­försterstellen erspart?

Ter Etat wird bewilligt.

Es folgt die Beratung des F o r st e t a t s.

Abg. Fischbeck (fr. Vp.) bemängelt, daß die Regierung den Wünschen bezüglich Verteilung von Prämien für die Vertilgung von Raubzeug gegenüber sich bisher ablehnend verhalten habe.

Oberlandforstmeister Wesruer erklärt, daß der Minister in einem Erlaß vom Juni vorigen Jahres die Zahlung von Prämien für di« Er­legung des Fuchses und des Hühnerhabichts ver­fügt habe.

Abg. Freiherr v. Wolff-Metternich (Ztr.) wünscht Besserstellung der Anwärter für den un­teren Forstdicnst und macht darauf aufmerksam, das; die Forstaufseher und Förster ohne Revier große Schwierigkeiten haben, pasiende Wohnun­gen zu finden. Es erscheine geboten, in erhöhtem Maße für diese Beamten Dienstwohnungen be­reit zu stellen.

Abg. Heckenroth (kons.) wünscht Unterstützung der Waldgenossenschaften in ihrem Bestreben, den Niederwald in Hochwald umzuwandeln.

Abg. Fischbeck (fr. Vp.) bemängelt die Aus­bildung der Forstbeamten und wünscht insbeson­dere Verlegung der Forstakademien an die Uni­versitäten.

Oberlandforstmeister Wesener erklärt, die ge­genwärtige Finanzlage gestatte derartige kost­spielig« Experimente nicht.

Abg. Fischbeck (fr. Vp.) protestiert gegen den beabsichtigten Verkauf einzelner Teil« des Grüne­walds bei Berlin.

Abg. Hammer (kons.) meint, die Regierung solle den Grünewald an einen zu bildenden Zweck­verband „Großberlin" in Erbpacht geben.

Landwirtschaftsminister v. Arnim erklärt, es bestehe in keiner Weise die Absicht, den Grüne­wald in seinem Hauptbestandteil zu veräußern. Darauf wird der Forstetat bewilligt.

Dienstag: Iustizetat.

Deutsches Reich.

s. Der Etat für Handel und Gewerbe wurde am Freitag nach längerer Diskuision von der B ud g e t > K o m m i s s i o n des Abgeordnetenhauses unverändert angenommen. — Den Lehrlings­heimen sagte der Minister dauernde Fürsorge zu; auch wollte er das Feld der Tätigkeit der Handwerkskammern innerhalb der gegebenen Gren­zen erweitern. Da die Zahl der'obligatorischen Fortbildungsschulen beständig größer wird. Io ist der Minister der Ansicht, daß man ver­suchen müffe, durch Landesgesetz in den Städten mit über 10,000 Einwohnern überall obligatorische Schulen einzurichten; er teilte mit, daß Verhand­lungen darüber geführt würden. In Bezug aw die Besoldung der Lehrer wurde der Standpunkt vertreten, daß diese sich nach den örtlichen Ver­hältnissen richten müsse. Uebrigens sind im Etat für das Fortbildungsschulwesen 590/ 00 Mark mehr eingestellt. Den Meisterk'ursen steht der Minister sympathisch gegenüber, besonders da sie auch für ältere Gesellen dienen, die sich selbstän­dig machen wollen.

L Die Kohlennot wird allmählich zu einer förmlichen Kalamität. Es ist daher dringend erforderlich, daß die Gesetzgebung des Reiches und des Staates Mittel ergreifen, um hier helfend einzuschreiten. Im Reichstag hat die Zentrumspartei einen Antrag eingebracht, ber sich gegen dw Auswüchse der Syndikate, Kartelle u. s. w. richtet. Bei diesem Anträge ist in erster Linie an die Kohlen-Syndikate gedacht worden. Im Landtage hat die Zentrumspartei soeben einen Antrag eingebracht, wonach ein im Wege der Anleihe zu beschaffender Betrag von 2500000 Mark dazu verwandt werden soll, um die ober« schlesischen staatlichen Steinkohlen gruben zu stär kerer Förderung zu bringen. Dieser Antrag beruht auf folgender Erwägung. Im Laufe der letzten Jahre hat sich der Bedarf an Kohlen ganz ungewöhnlich gesteigert. Dies ist um so mehr der Fall gewesen, als nach wie vor große Kohlenmengen an das Ausland abgegeben werden. Vielfach besteht nun allerdings der Wunsch, daß die Abgabe von Kohlen an das Ausland durch ein Ausfuhrverbot verboten oder wenigstens durch Ausfuhrzölle erschwert werde. Nach den Erklärungen, wie sie bisher vom Tische des Bundesrats aus abgegeben worden sind, wird aber dieser weder für das eine noch für das andere zu haben sein. Es bleibt daher nur übrig, daß die Förderung von Kohlen der­art verstärkt wird, daß trotz der Abgabe an das Ausland für das Inland ersorderlicken Kohlen vorhanden sind. Sind aber diese Quantitäten ausreichend vorhanden, so wird, da der wichtigste

Faktor für die Preisbildung das BerhäliniS zwischen Angebot und Nachfrage ist, der Preis der Kohlen unbedingt fallen müssen. Bei dem gegenwäitigen durchaus nicht günstigen Stande der preußischen Finanzen kann der eriorderliche Betrag von 250000 Mark nicht anders als im Wege der? ileibe belchafft werden. Eine Be­schaffung auf diesem Wege ist aber auch durch- aus angänglg, da es sich dabei um eine wer­bende Ausgabe handelt.

* Der Großherzog von Baden ist Samstag nachmrtlag zum Aniriltsvesuche am Berliner Hose in Berlin eingetroffen.

* Zu dem Urteil in Sachen der Grafen Hohenau und Lyuar fchrerbt Oberst a. D. G ä d ke im,Berl. Tagedl/:

Graf zu Hobenau ist freigesprochen worden, weil der Nachweis für die ihm zur Last gelegten Vergehen nicht erbracht werden konnte. Wilhelm Gras zu Hohenau wird also als Generalleutnant z. D die Reihen des preußischen Ofsizie r ko r p s noch weiterhin zieren. Der Major Graf zu Lynar ist schuidig des Mißbrauchs der Diemtgewalt in sechs Fällen, von denen füni in unsitllichen Handlungen mit Untergebenen be­stehen Hierfür hat er eine Strafe von fünfzehn Monaten Gefängnis erhalten. Auf eine Ghrenstrase zu erkennen sah das Gericht sich nicht in der Lage, da « nicht mit Uniform verabschiedet war. Auch der mit fünfzehn Monaten Gefängnis bestrafte Maior Graf zu Lynar wird also weiter b e Reihen d es Offizier- korps zieren. Es ist ja die eigenste Theorie der Milriärverwaltung und ihrer Sachverständigen, daß Offiziere a. D. auch fernerhin Militärperwnen sind und dem Heere angehören, so lange sie noch den Titel führen oder auch nur Pension beziehen. Der wegen unsittlicher Handlungen mit Gefängnis bestrafte Major Graf zu Lynar führt seinen Titel weiter und behält auch seine Pension. Aber die Ehrengerichte, die unent­behrlichen und strengen Hüter der Slandesehre, wo bleiben sie? Der Major Graf zu Lynar, der mit fünf» zehn Monaten Gestingnis bestrafte, ist jeder ehrengericht­lichen Bestrafung entzogen. Gras zu Lynar wird nach wie vor zu den „Edelsten der Nation" gehören, denn auch feinen Adel verliert er selbstverständlich nicht. Gegen den Generalleutnant z. D. Wilhelm Grasen zu Hohenau ist ein ehrengerichtliches Verfahren zweifels­ohne noch möglich. Wird man es nach dem — m» ralilch schwer verurteilenden — Ausgange des Pro­zesses emleiten? Wird man Hohenau, in dessen Adern das Blut des Herrscherstammes rollt, schwerer bestrafen als Lynar? «Gras Hohenau ist bekanntlich der Solm eines Hohenzoüern, des ältesten Prinzen Albrecht, aiti seiner morganatischen Ehe mit Rosalie Rauch.> Ihm den Titel nehmen, den man Lynar gelassen ? Wie steht es denn mit jenen Prinzen, über di« die ,Evang- lutherische Kirch en zeinmxp m unzweideutige Behaupt langen ausgestellt, ohne bisher zur Verantwortung ge­zogen zu fein? Auch sie zieren noch immer die Reihen des Offiziertorps. Auch ihnen gegenüber har man nichts von ehrengerichtlichen Uniersuchungen gehört. Und bann noch eine bescheidene Anfrage-! Wie steht es denn mit den Vorgesetzten, die Hohenau und Lynar zum Abschied eingaben ohne mililärgerichtliche, ohne ehrengerichtliche Untersuchung der ihnen zur Last gelegten Verfemungen? Die dadurch jedenfalls für Lynar die einzig angemessene Sübne unmöglich machten?

* Bei den sozialdemokratischen Straßen­demonstrationen in den lehren Tagen sehlie ge­rade noch die „Genossin" Klara Zetkin au8 Stuttgart. Um das Veriaumte nachzuholen, war sie am Freilag in Berlin und sprach in ihrer W-ise über den Kampf um daS freie Wahlrecht in Preußen. Daß die Zuhörer, die auf 1500 Köpfe gezählt wurden, von ihrer Streitlust an- gesteckt wurden, darüber braucht man sich nicht zu wundern; und so blieb es nicht au8, daß nach oer Versammlung trotz der heranrückenden Nacht­stunde ein Trupp von 4—500 Personen das Arbeiterlied singend, durch die Straßen des NordenS von Berlin zog, doch ging alles ziem-

Resi Merian.

Roman von Marie Baierlet«.

27] (Nachdruck verboten.)

Die Baronin wurde kreideweiß unjer der Schminke. — Ohne darauf zu achten, daß Rest todmatt, mit geschlossenen Augen in den Kissen lag, schrie sie auf:

„Diese Person weist mir tatsächlich die Tür und Du machst keine Einwendung, Rest? — Ich werde mich an Herrn Weilers wenden, wo ist er?"

„Der Herr ist heute gar nicht zu Hause, gnä­dige Frau; Sie haben dieses Mal die Stunde verfehlt!" —

Christel lächelt« boshaft zu diesen Worten, welche der koketten Dame zeigten, daß di« ein­fache kluge Magd ihre Absichten wohl durchschaut hatte.

Ohne ein Wort des Abschiedes an die Kranke zu kickten, verließ die schwer beleidigte Frau das Zimmer und gleich darauf das Haus.

Tie weißhaarige Siegerin in diesem Wortge­fecht kicherte befriedigt: „Gott sei Dank! — Jetzt kommst Du so schnell nicht mehr!''

Resi Merian schlug die Lider müde wieder Qu£- Einige Zeitlang blieb sie apathisch liegen u - cn<. 8“ bemerken, daß die Köchin sich besorgt über das Bett beugte; dann flüsterte N°- . "Das war soeben nicht recht von Dir, Alt­chen! Du wurdest ia unbändig gtobl Dir hat doch die Lilly nichts in den Weg gelegt. Warum also diese Gehässigkeit?"

„Rein, mir hat sie nichts in den Weg ge­legt, dieses ränkesüchtige, falsche Geschöpf, dem soeben die Schadenfreude zu den giftiggrünen Augen heraussah. Aber an Sie, liebes Fräu- lein, hat sie mit Wonne Roden gerichtet, bie das Gemüt eines Kranken noch mehr verdüstern müs­sen. Wenn ich sie hätte dazu kommen lasten, so würde noch manches Wort gefallen sein, da- in Ihrem jetzigen Zustande wie ein Schlag auf Sie gewirkt hätte. Ich kenne diese Dame durch und durch. Will'S Gott, hab' ich ihr daS Wiederkom-

I men verleidet, dieser Heuchlerin! — Das wäre ein Glück für's ganze Haus!"

Rest murmelte: „Fritz wird Dir schwer zür­nen darob!"

„Oder auch nicht. Es ist kein Jammer, wenn sie fortbleibt — diese Männerfalle!"

Es wurde nun still im Krankenzimmer. Chri­stel setzte sich an's Fenster und strickte an Puls­wärmern. — Ihr Fräulein sollte dieselben beim Verlassen des Bettes anziehen. Sie würde auf Resi acht geben, wie eine Mutter auf ihr Kind, um biefelbe vor Erkältung und einen Rückfall zu schützen. — Dann und wann wandte sich die Alte nach dem Mädchen um, und als leise, regel­mäßige Atemzüge den Schlummer der Patientin anzeigten, nickte sie befriedigt. — Gottlob! Nun würde ihr Fräulein die Aufregung und den Aer- ger verschlafen und auch zu gleicher Zeit ihre schwermütigen Grillen und Selbstanklagen für eine Zeit vergessen! — Welche Freude wird eS aber für Herrn Fritz sein, wenn sie ihm beim Heimkommen berichten kann, daß Resi heute zum ersten Mal wieder mit wachem Verständnis an den Ereignissen des Tages teilgenommen habe, und folglich auf dem Wege der Genesung sei.

12. Kapitel.

Unten in der bchaglich durchwärmten Wohn- sticke saß Resi Merian am Fenster und schaute sinnend in den grauen Novembertag hinaus. Die sonst so fleißigen Hände lagen müßig im Schoß — Christel hatte ihr daS Strickzeug als zu nervenerregend konfisziert — den Rücken stutzt?, trotz allen Protestes ihrerseits noch immer ein weiches Kisten und um den Unterkörper hatte die besorgt« Alte eine warme Decke gebreitet.

Wenn e8 nach ber treuen Seele gegangen toore, so läge ihr Fräulein noch steif und fest im Bett und ließe sich noch wochenlang von ihr ver­wohnen und wie ein hilflose- Kindlein pflegen. Allein auf die ungeduldigen Bitten Nesis hin hotte ber Doktor ferner Patientin das Aufstehen erlaubt, und dieselbe brachte bereit- seit einer

Woche die Zett wieder im gemeinschaftlichen Raume zu.

Das Fräulein wußte gar wohl, warum es so gedrängt hatte, aus dem Krankenzimmer zu kom­men. Am ersten Dezember sollte sich ja der Um­zug des Pflegebruders vollziehen und sie mußte unter allen Umständen bis dorthin wieder frisch und rüstig sein. Fritz durfte durch die Rücksicht­nahme auf ein noch immer kränkelndes, schwaches Mädä>en nicht in seinen geschäftlichen Maßnah­men gestört werden. Er hatte durch sie wahr­haftig schon genug gelitten; es war Zeit, daß sie, die nur Unglück und Jammer über sein Haupt gebracht, ihm endlich aus dem Wege kam. Ihr Anblick mußte ihn ja immer und immer wieder an sein verlorenes, geliebtes Söhnlein erinnern und die Wunde, die der Verlust desselben feinem Herzen geschlagen, aufs neue bluten machen. Resi schauderte jedesmal zusammen, wenn sie den tie­fen, nachdenklichen Blick feiner Augen auf sich gerichtet fühlte; meinte sie doch die Gedanken des Pflegebruders dabei zu erraten.

Freilich — Fritz war so lieb und nachsichtig S ihrl Mit keinem Wort rührte ec je an den merzlichen Verlust, den er erlitten; im Ge­genteil, wenn sie die Sprache auf den süßen Klei­nen brachte und seinen Namen mit tränenerstick- ter Stimme aussprach, dann wehrte er sanft ab: „Laß unfern Jungen ruhen, Resi! Sprich noch nicht von ihm! Später, wenn Du ganz gesund bist, und Deine Nerven sich wieder vollständig er­holt haben, daun gedenken wir deS unschuldigen Engel- im Verein."

„Ach! Er war so edel und trug ihr nichts nach; zum wenigsten zeigte er eS nicht. Aber der Stachel sah doch in ihrem Gemüt«. Sie konnte den zärtlichen Knaben nicht vergessen und sah be­ständig die großen, vertrauenden schwarzen Augen oor_ sich, gerade wie ihr immer die Gestalt deS Bräutigams vorschwebte. Der aufovferungsvolle, treue Mensch hatte sie durch seinen Tod stärker an sich gekettet, als wenn sie daß Weib deS Le­benden geworden wäre. Er hatte ihr ganze- Seelenleben in seiner Gewalt. Nach ihrer krank­

haften Ansicht war sie nun verbunden auf im­mer; denn sie mußte ja dem Verstorbenen, der sein Leben für sie hingegeben hatte, bie Treue halten! Und dies kam ihr nicht so hart und schiver vor, als wenn sie dem Verlobten zum Traualtar hätte folgen müssen.

Ihr weiteres Fortkommen hatte sich Resi Me­rian schon vorgezeichnet. Sie wollte einen Kin­dergarten errichten, und hier, in Mitte der ihr anvertrauten Kleinen, die sie auf's liebevollste be­schützen und behüten wollte, das Andenken an ihren Liebling fort leben lassen. Christel hatte versprechen müssen, sie zu begleiten und den klei­nen, gemeinschaftlichen Haushalt zu führen, und die Alte hatte ihr mit einem Lächeln, das dem Fräulein zu denken gab, versichert,, daß sie, so lange sie lebe, nicht von ihrer Herrin ft-rtgehen werde, es sei denn, man verzichte von selbst auf ihre Dienste. . ,

An den blinkenden Schecken vorbei huschten einzelne, krause Flöckchen. Sie tanzten noch eine Weile mutwillig hin und her und legten sich dann auf das Fensterbrett. Nicht lange währte es und die Luft wimmelte von weißen, flockigen Schnee­kristallen, die ihren lustigen, verschlungenen Rei­gen aufführten.

„Der erste Schnee!"

Resi Merian standen bereits wieder die Trä­nen in den Augen. Vor einem Jahre, beim erste« Schneefall, hatte sie voller Freude und Jubel bal Söhn.ein Fritzens von der Bahn in's Haus ge­holt. Und jetzt!

Es war nicht gut, wenn die Genesende lange allein gelassen wurde, daß sie ihren schwermütige« Gedanken nachhängen konnte. DaS wußte Fritz Weilers und darum beeilte er sich von seinem Schreibtisch, an welchem er gerechnet und notiert hatte, wegzukommen und hinüber zu Rest zu geben. Christel würde wohl jetzt noch keine Zeit haben, um dem Mädchen Gesellschaft zu leiftety denn ba man bie Aushilfe aus SparsamkeitSruck» sichten wieder entlasten hatte, gab e» für ba» treue HauSfaktotum alle Hände voll zu tun.

(Fortsetzung folgt).