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veraniw. Redakteur: Carl Schütte;
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Fulda, Freitag den 24. Januar 1908.
19.
35. Jahrgang.
Zweites 723L'aft i- —• ..........
* vom Scheckverkehr.
Ter Reichstag begann am Dienstag die Beratung des Scheckgefetzes. Man darf nur wünschen, daß das Gesetz bald unter Dach und Fach kommt; denn sein Inkrafttreten wird vor allem gewisse Rechtsunsicherbeiten beseitigen, welche bisher bezüglich der Verpflichtungen aus Sckvcks vorhanden war.
Was ist denn eigentlich der Scheck? Man versieht darunter im allgemeinen eine „bei Sicht", das heißt bei ihrer Vorzeigung zahlbare Anweisung auf eine bestimmt« Summe Geld, sofern dieses Geld abhebbar ist, bei einer im Scheck angegebenen Bank, welcher der Aussteller vorher ein genügendes Guthaben übergeben bat. Für gewöhnlich gestaltet sich der Scheckverkehr aber so, daß der Aussteller der Schecks seine Kas» fenbaltung der Bank in der Hauptsache überträgt; das bare Geld verwahrt er also nicht selbst, sondern übergibt es der Bank, um au: solche Weise einen Zinsgenuß zu erlangen. Ter Mähe der Aufbewahrung des Geldes ift er dann auch enthoben. Seine Zahlungen leistet er nicht in bar, sondern er stellt — auch zur Versendung nach auswärts — Schecks aus, welche die Bank für ihn einzulösen hat. Solche Schecks sind also eine Art Ersatzmittel für Geld und darin bis zu einem gewissen Grade einer Banknote ähnlich. Von dieser unterscheiden sie sich aber vor allem dadurch, daß gewöhnlich iedermann Banknoten als Zahlung annimmt und Staatskassen sie einfach nehmen müssen, tvogegen die Amrabme von Schecks Vertrauenssache gegenüber dem Aussteller desselben ist; dieses Vertrauen wird jedoch durch das geplante Gesetz Befestigung erhalten. Schecks sollen aber auch in keinem Falle längere Zeit umlaufen, sondern immer nur für die eine bestimmte Angelegenheit als Zahlungsmittel dienen; deshalb wird im Gesetzentwurf vorgesehen, daß der Scheck innerhalb 10 Tagen nach der Ausstellung dem Bezogenen (der .Bank) zur Zahlung vorzulegen ist.
Er bedarf nicht erst der Zustimmung seitens der im Scheck genannten Zahlstelle (Bank oder Bankier), daß auch wirklich bei Vorzeigung Zahlung geleistet wird, vielmehr ist es ganz selbstverständlich, daß die im Scheck genannte Bank Zahlung leistet, solange der Aussteller nicht für mehr Geld Schecks ausstellt, als er bei der Bank gut bat — also solange er sein Guthaben wicht „überzieht", wie es im Bankverkehc heißt. Tas Vorhandensein genügenden Guthabens ist also eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Sicherheit des Verkehrs. Das geplante Gesetz sieht aber dennoch davon ab, Strafbestimmungen für den Fall zu treffen, daß der Aussteller niehr Schecks ausgibt, als er nach seinem Guthaben kann. Solche Strafbestimmungen würden auch ein Hemmnis sein für die größere Einbürgerung des Schecks; das Vorgehen des Ausstellers kann ja auf Irrtum beruhen und branckst gar nickt durch, böswillig^ betrügerische Absicht veranlaßt -zic sein. Selbstverständlich muß aber der Aus- steller für die Einlösung haften, ebenso derjenige, welcher den Sckeck etwa an einen Tritten weiter gegeben hat. Ties ist denn auch in dem Entwurf für das neue Gesetz ebenfalls vorgefehen.
-Merkwürdig ist, daß sich in Deutschland, bei der großen Ausdehnung von Handel und Ge- v'erbe, der Sckeck bisher noch nicht mehr eingebürgert hat. Ganz anders verhält es sich doch damit z. B. in E n g l a n d. Daselbst wird sogar dw Wochenrechnung der Bäcker und Meyaer durch die Hausfrau mittels Scheck beglichen. Insoweit
ist denn auch der englische Zahlungsverkehr dem deutschen bei weitem überlegen. Denn der Empfänger der Schecks, also etwa der Metzger, gibt diesen an seine Bank weiter, damit sie ihm die einzelnen Beträge gutschreibe und er dann feiner- feil§ wieder über dieses Guthaben mittels des Schecks verfügen kann. Tie Bank aber verrechnet die von jenem Metzger erhaltenen Schecks mit anderen Banken, welche wirklich hätten zahlen sollen, in sogenannten „Verrechnungshäusern"; dorthin strömen auch die Schecks zusammen, welcke jede Bank selbst zu Lasten ihrer Shinben einlösen muß. Solche Abrechnungsstellen, Haupt- sächlich für Wechsel, hat übrigens die Deutsche Reichsbank ebenfalls seit vielen Jahren eingerich- tet. AuS dieser Art des Verkehrs, welche die unmittelbare Einlösung der Schecks durch Barzahlung fast ganz ausschließt, ergibt sich aber ein weit perin gerer Bedarf an gemünzte in Gelbe, als er noch in Deutschland besieht. Heute vollziehen sich in London etwa 97 Prozent aller Zahlungen im- Scheck und Zahlungsausgleichverkehr.
Infolgedessen kann sich Gold entsprechend mehr bei der Landeshauptbank sammeln, und dies ermöglicht die Festsetzung n i e- drigerer Zinssätze, als es andernfalls an- gängig wäre. Für das allgemeine Wirtschaftsleben hat also der Scheck große Bedeutung.
Tasselbe ist aber auch mit Bezug auf den Geldverkehr des einzelnen, z. B. des kleineren Geschäftsmannes, des Beamten und Angestellten, zu sagen. Man denke einmal an die Niesenzahl der in fester Besoldung stehenden Staatsbeamten, Werks- und Bankleiter, Handlungs- und Gewerbegehilfen. Sie alle empfangen ihren Gehalt vierteljährlich oder monatlich in Banknoten und Gold. Ta also das Geld für längere Zeit reichen muß, so werden diese Zahlungsmittel dem allgemeinen Verkehr auch lange entzogen imd erst ganz allmählich wieder dem Geldumlauf des Landes zugeführt. Ganz anders gestaltet sich jedoch der Gang der Dinge, wenn die Angehörigen der erwähnten Stände daran gewöhnt sind, ihr Geld bei einer Bank regelmäßig auf Scheckrechnung einzuzahlen. Bürgert sich diese vernüicstige Gewohnheit mehr ein, fc könnte überhaupt den Beamten usw. von boinherein statt der Zahlung tn Bargeld ein Scheck gegeben werden, dessen Betrag sie sich unverzüglich auf ihre eigene Scheckrechnung übertragen (gutbringen) lassen. Der betreffende Be- amte braucht dann am Ende des Monats auf dem Wege nach Hause nicht zu überlegen, ob er auch sein Monatsgeld genügend klein bet sich hat, um die kleineren Monatsrechnungen ohne Schwierigkeiten begleichen zu können. Schecks lassen sich ja über jeden Betrag ausschreiben, und die erforderlichen Formulare dazit erhält man von seiner Bank in einem hübschen Buch kostenlos. Diese Formulare muß mau nur sorgfältig aufbewah- reu. damit nicht etwa durch Fälschung der Unter- chrift Mißbrauch getrieben wird. Das Geld ' regt aber dann nicht mehr zinslos daheim.
Ter Geschäftsmann vermag natürlich neben seinen privaten auch die geschäftlichen Zah- uifgen durch Scheck zu bewirken. Ihnr ist es ehr bequem, daß er mit welligen Federstrichen eben Betrag bilden Fann und nicht erst den Inhalt von Geldschrank unb Tageskasse durckein- andermischen muß, um allenfalls zurechtzukom- rnen. Schecks kann er sogar ansstellen, wenn er mit großem Bankkredit arbeitet, ast'o seiner Bank chuldig ist.. Denn neben seiner Schnldrechnung Vermag er ein Scheckkonto zu führen, auf ivetoeg, anstelle der Einzahlungen von Zeit zu Seit llcberträge zu Lasten der Schuld-(Kredit-)Ncch- nungen gemacht werden können, um so stets das für den Scheckverkehr erforderliche Guthaben zu
unterhalten. Tiefes Verfahren ist denn auch schon längst bet der deutschen Geschäftswelt in Anwendung, noch bevor wir ein Scheckgesetz besitzen. Der Entwurf zu diesem Gesetz aber sieht sogar ausdrücklich vor, daß als Guthaben nicht nur eingezahltes Geld, sondern überhaupt her- fettige Betrag anzusehen ist, bis zu welchem die bezogene Bank — nach der zwischen ihr und dem Aussteller bestehenden Abmachung — Schecks auszulösen verpflichtet ist.
Natürlich wird sich die Gepflogenheit. jede irgendwie etwas größere Summe durch Scheck zu begleichen, erst allmählich bei uns einbiirgern. Sie dient aber, wie wir gesehen haben, der All- gemeinheit und, bei richtigem Verständnis dafür, ebenfalls dem einzelnen. Möge das hoffentlich bald in Kraft tretende Scheckgefetz zuwege bringen, daß der Scheck in Deutschland dasselbe Vertrauen genießt, wie es beim Wechsel längst der Fall ist!
Deutsches Reich.
-4- Zum Krach im Flottenverein. Entgegen den Gerüchten über die Grünbung eine« eigenen süddeutschen Verbandes wird von maßgebender Stelle aus dem bayerischen Landes- verbände erklärt:
„Dies wird nur bann geschehen, wenn die Majorität auch ferner einen den Bayern nicht oe- nrhmen Keim in zweiter «uilage präsentieren, oder wenn man lortiahren wird, die Bayern und die SÜD» deutschen überhaupt zu brüskieren. Lias Kassel brachte, daraus waren wir nach der maßlosen, von Keims Antzang hinter den Kulissen betriebenen Agitation gefaßt, da wir Kenntnis davon hatten. Keim behauptet, in Bülow Deckung sür sein Boi- gehen zu haben. Dies dürfte stark bezweifelt zu werden verdienen. Indes ist nicht von der Hand zu weisen, daß Keim und Fürst Salm eine Stütze an hoher Stelle sür ihre Handlungen haben müßen, sonst wäre ihr Borgehen unfaßlich."
Wenn die Bayern auf das Ergebnis der Kasieler Tagung gefaßt waren, dann versteht man nicht, warum sie dort durch Staalsanwalt Ewaltzsch-Angsburg et Hären ließen, daß „im Falle der Annahme des Antrages der thürin- gischen Verbänden für die Bayern kein Platz mehr im F-oltenverein" fei und warum sie zur Bekräftigung dieser Erklärung die Versammlung verließen. Wenn sie jetzt sich schon damit z»- rieden geben, daß Keim nicht wledergewählt wird, dann war die Droining mit dem Ausirilt lediglich Komödie, oder sie find schnell „um» gefallen“. Es sieht ganz danach au«, als ob das zerschmtlene Tischtuch noch einmal w eder geflickt würde. — Daß Keim bei Bülow nach wie vor lieb Kind ist, wird niemand bezwei'eln. Der Reichskanzler jchuloet feinem Wahlmacher nngeniessenen Tank, er hat ihn ja auch im Reichstag wegen seiner Wahltätigleit öffentlich belobt.
— Germersheim, 22. Jan. 1908. Nicht mit drei «Stimmen, wie telegraphisch gemeldet war, sondern mit 14 Stimmen Mehrheit hat bei der hiesigen Landtags nach wähl der liberale Gronauer gesiegt. Der Wahlkreis i t em jjweiniännerivahlkceis, der andere Abgeordnete SpinDer gehört dem Zentrum an. Tas Zentrum hat bei die'er Wahl am Sonntag 525, Oie Liberalen haben 539 Stimmen, beide abo H 64 St rnmen mehr als int Mai v. Is. Der Stimmenzuwachs der Liberalen ist auf die Unterstützung durch die Landwirtebündler zurück- wsühren. Die Sozialdemokraten hatten Wahl- enthaltiingproklamiert und auch danach größtenteils
gehandelt. Die liberale ,Allg. Ztg/ bindet ihre« Seiet« den Bären auf, die Sozialdemokraten hätten trotz der protlamierlen Stimmenthaltung für daS Zentrum gestimmt, während dieselben da- Zentrum gerade bei dieser Wahl auf daS Heftigste betämpsten und so die sozialdemokratischen Wähler, deren es im Wahlkreis Germersheim nur einige Hundert gibt, förmlich onreizien, den liberalen Kandidaten zu wählen. Wer weiß, wie viele zu de« Liberalen übergeschwenlt sind! Wen« die Sozialdemokraten sich ganz neutral verhalte« hätten, wäre der liberale Gronauer wohl nicht gewählt worden. Der Stimmenzuwachs des Zentrums ist sowohl der außerordentlich rührige« Agitation als auch der Beliebtheit des Kandibaten, ForftratS Zwißler, zu verdanken, nicht zuletzt dem Umstand, daß die Wahl am Sonntag ab« gehalten wm de, die namentlich den Landwählern eine größere Beteiligung ermöglicht. Das Zentrum schreitet von Wahl zu Wahl vorwä ts im Wahl« kreis Germersheim.
Ausland.
* König Leopold von Belgien hat, wie dortige Blätter melden, den Bettuch gemacht, dem jetzt einjährigen Sohn der Baronin Baug« han, der als Sproß des Königs gilt, den Titel eines Herzogs von Tervueren m verleihen. Die Minister sollen sich aber dem Versuch aufs heftigste widersetzt haben. Dem ,Peuple' zusolgr hat sich auch in der belgi'chen Aristokratie eine lebhafte Agitation gegen die Adelsverlerhung an den Sohn der Baronin Vaughan geltend ge« macht.
* Der Prozeß Nasi hat am Dienstag seinen Fortgang genommen; den Vorsitz führte Senator Manfredi; 109 Mitglieder des GeiicbtshoseS waren anwesend. Der Präsident erklärte, man werde die Verhandlungen, die infolge des durch die Verteidigung ilkasis hei not gerufenen Zwifct en- falles unterbrochen worden feien, wieder autneh« men. Es fei Fürsorge getroffen, daß der Prozeß seinen Fortgang nehme, auch wenn die gegen« roäitigen Verteidiger ihre Tä.igkeit einsteven würden. Hieraus wurde die Zeugenvernehmung vor- cenommen über die Ausgaben Nasis und Vom» bardos während ihrer Reifen noch verschiedenen Städten.
* In einer Versammlung der englischen Arbeiterpartei, die in Hüll am DienMg ftait- tand, wurde ein sozialistischer Antrag eingebracht, daß als ihr letztes Ziel die Beseitigung des Kapitalismus und die Verstaatlichung des Eigentums auszustellen fei. Der Antrag wurde mit 951000 gegen 910( 00 Stimmen abgelehnt.
* Für die nächste amerikanische Präsidentenwahl sind die Nepubl tarier immer noch nicht über die Person ihres Kanoidaten einig. Bisher hatte der jetzige Kriegssekretär Tast die meiste« Aussichten. Nunmehr erklärt Hughes, der Gouverneur des Staates New-Uork, in einem Br'ese an den Nepublican Klub in New-Fork, daß er die Domination zum Präsidenten der Vereinigien Staaten gern annehm n werde, falls die republikanische Partei sich öa|ür entscheiden sollte, ihn zu nominieren.
* Amerika. Das Komplott gegen das ameti« kaniiche Geschwader möchte man gern als Schwindel erklären. An amtlicher Stelle in Waihington wird die Meldung von dem Komplott nicht ernst genommen. ,New-Nork Heralb' berichtet, das
Die hü fsmittel de; heu igen Weltverkehr;.
Von I. Wiedenfeld.
(Nachdruck verboten.)
Die großartigen Erfindungen uird Errungenschaften des 19. Jahrhunderts haben auf allen Gebrelen des öffentlichen Lebens eine ungeahnte erntwickelung und Vervollkominnung herbeige- sugrt. Nicht in letzter Linie zeigt sich das in der Ungeheuern Zunahme des Weltverkehrs und in der Großartigkeit seiner Hülfsmittel in heutiger
3IIS bor ungefähr 400 Jahren der porlugie- Mte Seefahrer Magalhaens zum erste>!male die Welt umsegelte, war das eine geschichtliche Groß- rfr -en heute ist eine Reise um die
-Leit eine Vergnügungsfahrt, die jeder sich leisten kann, der das nölige.Kleingeld zur Verfügung s entferntesten Teile der Erde stehen Lel^ravl,^i^;^?buidi!ug und der elektrische 8* die menschlichen Gedanken in wenigen Stunden über alle Länder und Meere hlniveg ^bis tn die entlegensten Gegenden der ttortwahrend kommen Waren ans allen Weltteilen in Menge auf die Märkte unsere? Großstädte, und selbst solche Güler, die man früher kaum einige Meilen weit wegführen ^onnte werden heute auf Eisenbahnen und r !P?''£ltfen in die weitesten Entfernungen tx-r- an?t'cm.iS-rt^>ed Obst und Gemüse, frisches Fleisch K-wc.^lldpret kommt heute aus Amerika und
ö.uä Australien auf die europäischen Märkte; bluhenbc Nelken und Veilchen werden RhJ. „ •ftren9ften Winter ans den lombardischen ßVirtf,1- ,n ganzen Wagenladungen von unfern io fr hT1 und Blumenhändlern bezogen und hier brcdi ed,nru ^'stellt und zum Verkauf ge- a ^enZ*.fie e6cn ^st abgeschnitten wären, sch-n 0tr1?aItlfle Steigerung des Verkehrs z-vi- J Ocn oft weit von einander entfernten Län
dern und Völkern ist hauptsächlich durch zivei Erfindungen des letzieu Jahrhunderts ermöglicht und gefördert worden: durch die Dampfmaschine lEisenbahn und Dampfschiff) und den elektrischen Telegraphen. In wenigen Jahrzehnten hat das Eisenbahnwesen sich zu dem mächtigsten Hebel des Verkehrs entwickelt. Nachdem im Jahre •>25 die erste Eisenbahn in England (von Sl«i- ton nach Darlington) in Betrieb genommen war, folgten die übrigen Kiiltiirländer gar bald diesem Beispiele. In Deiilschland wurde die erste Eisen- oahnstrocke im Jahre 1835 eröffnet lNürnberg- Fürth, 6 Kilometer). Im Jahre 1810 gab es in Europa schon über 3000 Kilometer und'in Amerika sogar schon über 5000 Kilometer Eisenbahnen ; 1860 hatten die deutschen Eisenbahnen allein schon zusammen eine Länge von 11 (MO Kilometer und heute ist ein sehr großer Teil des ganzen Erdkreises von einem Eisenbahnnetze förmlich überspannt. Die Gesamtlänge der Eiscn- bahnstrecke beträgt in Deutschland etwa 55 000 Kilometer, in Europa 350 000 Kilometer, in der ganzen Welt etwa 900 000 Kilometer, lieber 120 000 Lokomotiven und etwa 4 Millionen Wagen vermitteln den Verkehr; die tägliche Perso- nenbesördernng wird auf etwa 8 Millionen berechnet, die Güterbeförderung auf 75 Millionen Zentner täglich.
Znm Van verschiedener Eisenbahnstrecken sind — namentlich in gebirgigen Gegenden, aroß- artige und schwierige Kuiistbaufen notwendig ge- wesen, die zu den hervorragendsten Werken aus Menschenhand gehören. Durch meileulaiige Tun- necs, durch kilnstvolle Viadukte und Brückenbauten mussten Hindernisse überwunden werden, an deren Beseitigung man in früheren Iahrhimder- ten nie zu denken gewagt hätte. Wir erinnern nur an die Eisenbahnen der Schweiz: die Bren- ncrbaim,. die Semmeringbahn, die Mont-Cenis- bahn mit einem Tunnel von 12>4 Kilometer kaufte und an die St. Gotthardbahn mit einem beinahe 15 Kilometer langen Haupttnnnel und xetm anderen Tunnels, die zusammen ebenfalls
fast 15 Kilometer lang sind. Gerade diese zuletzt genannte Bahn hat für den Verkehr zwischen Deutschland und Italien eine sehr große Bedeutung erlangt. Bei dem Voranschlag für den Ban dieser Bahn hatte man für das Jahr 200 000 Personen und 400 COO Tonnen Güter in Anschlag gebracht; aber schon im ersten Betriebsjahre überstieg der Güterverkehr diesen Voranfchlag erheblich und der Personenverkehr stieg beinahe auf das Fünffache des Anschlages. Die großartigsten Eisenbahnen, die bis jetzt überhaupt gebaut wurden, sind die amerikanische Central-Pacifie-Eisen- bahn und die große sibirische Bahn. Tie Pari- ficbahn fiihrt quer durch die Vereinigten Staaten von Nordamerika von New-Fork nach San Francisko, und hat eine Länge von 5290 Kilometer. Tie Fahrt von einein Ende bis znm andern dauert 7 Tage. Die Bahn überschreitet die Anden in einer Höhe von 2210 Meter über dem Meeresspiegel. Die sibirische Eisenbahn verbindet das europäische Eisenbahnnetz Rußlands mit Wladiwostok, der Hafenstadt arn stillen Ozean und stellt so eine ununterbrochene Bahnverbindung zwischen Europa und der Lstküsts Asiens dar. Die Bahn ist von 1891 bis 1901 erbaut worden und hat von Tscheljabinsk bis Wladiwostok eine Gesamtlänge von 6485 Kilometern. Im russisch-japanischen Kriege hat diese Bahn, obschon sie in einzelnen Teilen nnr halb vollendet ist, gute Dienste geleistet; voraussichtlich wird sie in dem Handesverkehr zwischen Europa und Asien weittragende Aenderungen und Verbesserungen herbeiführen.
Wie der Personen- und Gütertransport auf dem Lande durch die Eisenbahn eine gewaltige Hebung erfahren hat, so hat der Verkehr zwischen den durch das Meer getrennten Ländern und We'ttcilen durch das Dampfschiff einen ebenso großartigen Aufschwung genommen. Während noch vor '00 Jahren eine Reise nach Amerika mit großen Gefahren und Unannehmlichkeiten verbunden war und eine Zeit von 7—8 Wochen, oft aber auch 3—4 Monaten tn Anspruch nahm, fährt
man heute in 7—8 Tagen auf so beaueme und sichere Art über den atlantischen Ozean, wie es bei einer Reise zn Lande kaum möglich ist. Auch hier hat der Erfindungsgeist und die Tatkraft des 19. Jahrhunderts zur Hebung des Schiffsverkehrs Anlagen geschaffen, die Bewunderung verdienen. In erster Linie ist hier der Suez-Kanal zn nennen, durch den der früher so weite und umständliche Seeweg nach Ostindien und Ostasien außerordentlich verkürzt und vereinfacht worden ist. Ter Kanal verbindet die am Mittelländischen Meer gelegene ägyptische Hafenstadt Port Said mit der Stadt Suez am Roten Meere; er ist 160 Kilometer lang und war ursprünglich an der Sohle 22 Meter, am Wasserspiegel 58—100 Meter breit und 8 Meter tief. Nach der int Jahre 1886 begonnenen Erlveiterung ist er 9—10 Meter tief, an der Sohle 38Meter und am Spiegel 70—108 Meter breit. Der Bau d:s Kanals, der in den Jahren 1859—1869 au§- gesührt wurde, hat 200 Millionen Mark gekostet. Trotz dieser hohen Kosten ergab das Unternehmen scholl im Jahre 1880 einen Ueberschuß von 10 Millionen Mark, der seildem noch erheblich gestiegen ist. Für die deutsche Schiffahrt sehr wichtig ist der von der deutsck-en Regierung gebaute Notdostleckaiial, der von dem Mündungsgebiet der Elbe oberhalb Brunsbüttel nach Holtenau an der Kieler Bucht führt, also Ost- und Nordsee verbindet. Seine Länge beträgt 98 Kilometer, dw obere Breite 60 Meter, die Sohleubrcite 26 Meter, die Tiefe 8*4 Meter; er wurde von 1887 bis 1895 gebaut. Andere großartige Kanalban- ten sind in verschiedenen anderen Ländern ausge- gesubrt worden oder im Werden begriffen, iveil sich, überall das Bedürfnis geltend macht, dem stetig wachsenden Verkehr die Wege zu ebnen.
Mit der hier nur in einigen Hauptpunkten kurz skizzierten stetig fortschreitenden Ausdehnung der Gifciibahnbautcn und Kau.ilaiklagen ist die Entwickelung der übrigen Hülfsmittel des Weltverkehrs Hand in Hand vorangeschritten: die Telegraphen- und Ferusprechanlagen, die Poft,