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MdaerW Zeitung

wochtiMilage: „Illustrierte Sonntagrzeitung

Zahrqanq.

Fulda, Freitag den 24. Januar 1908.

JW 19

MonatrdeNage: „Zuldaer Geschichtsblätter"

Erscheivi täglich mit Ausnahme der Sonn« «nd Feiertage, viertel­jährliche'yezngspreir ohne vrtngerlohn und Bestellgeld in Zuida so- wie auswärts l-So Mt.

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Carl Schütte;

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Krstes Wl'att.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 23. Januar 1908.

Zunächst wird die Beratung des Entwurfs Lekr. das Scheckgesetz fortgesetzt und die Vor­lage nach unwesentlicher Beratung an eine Kom­mission verwiesen. t .

Es folgt die dritte Beratung des Eesetzcnt- nntrfä betr. die Bestrafung der Maje­stät s b e le i d ig u n g. die ohne erhebliche De­batte gegen die Sozialdemokratie angenommen wird. Damit ist sie vom Hause verabschiedet.

Alsdann wird die zweite Beratung über die Haftung der Tierhalter fortgesetzt. Hierzu liegen einige Anträge vor. Ein Antrag Batenhorst (Rp.) ist rein redaktioneller Art. Ein Antrag Dr. Bitter (Ztr.) fordert die Streichung der Worte: „bei der Beaufsichtigung der Tiere". Ein Antrag Molkenbuhr (Soz.» verlangt, daß der Jagdberechtigte für den Lurch Hasen anaerichteten Schaden haften soll.

Abg. Schmidt-Warburg (Ztr.) empfiehlt d,e Annahme des Antrags Bitter. Es könnten Fälle eintreten, in denen es der Tierhalter an der Be­aufsichtigung des Tieres nicht habe fehlen lasten und trotzdem durch das Tier Schaden angerichtet würde.

Staatssekretär Nkeberding verteidigt dre Fas­sung der Regierungsvorlage.

Abg. Stadthagen (Soz.) erklärt: Das ist hrer ein Ausnahmegesetz. Mindestens must der Hasen­schaden hinein. Gegen den Hasen ist der Bauer machtlos: er darf ihn nicht mal ivegschiesten. Tas ist so recht die Art der Agrarier, den Waisen und Krüppeln das Brot wegzunehmenl

Abg. von Trenrnfels (k.) verteidigt den Ent­wurf gegen den Juristentag. Stadthagens Be­hauptung ist eine ganz gewissenlose Verleum­dung. (Der Redner erhält einen Ordnungsruf.) Es ist bedauerlich, daß die Tribüne des Reichs­tags dazu mistbraucht wird, einen grasten Teil des deutschen Volkes zu beleidigen. «Beifall.)

Tie Sozialdemokraten beantragen Kommis- sionsverweisung; die Diskussion wird aber fort­gesetzt.

Abg. Haacmann (ntl.) ersucht um Ablehnung der Kommissionsberatung. Wie kann man hier int Ernst mit der Hasenaeschichte kommen l

Abg. Stolle (Soz.) hält eine lange Rede für die Kommissionsberatung.

Abg. Dove (frs. Vgg.): Wir hoben bereits in der ersten Lesung für die Kommistion gestimmt. Der Hasenschaden must geregelt werden, aber nicht gerade hier in diesem Zusammenhang.

Staatssekretär Tr. Rieberding: In dec ftom- miffion werden Sie mit all diesen Fragen über­haupt nicht fertig werden. Man braucht aber auch keine Knmniillionsberatung.

Abg. Spahn (Ztr. > erörtert, auf der Tribüne nicht verständlich iuristische Streitpunkte bei der Beurteilung der Frage.

Abg. .Schmidt-Warburg (Ztr): Den Hasen wellen wir lauten lassen, er gehört nicht hierher. (Heiterkeit.) Tas Gesetz spricht nur von .Haus­tieren, aber ein Haustier ist der Hase nicht. Wenn eine grotze Partei Kommisiionsberatnng ver­langt, stimmen wir immer dafür. (Zuruf: Wurde schon bei dec ersten Lesung verlangt i) Damals waren es drei kleine Parteien, das macht nicht so viel aus. (Heiterkeit.) Die Sache wird in der Kommission nicht lauge dauern.

Tie Tierhaltervorlage geht an eine Kommis­sion von 14 Mitgliedern.

Freitag: Russische Zuckerkonvention, Mast- und Eewichtsordnung.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 23. Januar 1908.

Auf der Tagesordnung steht zunächst die In­terpellation Kreth (k.) über den hohen Bank­diskont.

Abg. Kreth (k.) begründet die Interpellation. Er weist auf die schweren Schädigungen hin, die der Mittelstand durch den hohen Bankdiskont in seinem Erwerbsleben erleidet.

Finanzminister Frhr. von Rhcinbabcu: Ich kann hier nicht auf die Fragen des Bankdiskonts eingehen, da sie der Zuständigkeit des Reichstags untersteht und dort bereits eingehend behandelt ist. Wir müssen die noch völlig rückständigen Zahlungsarten durch moderne Zahlungsarten er­setzen: die Zahlung in Bargeld muß durch den Scheckverkehr und die Ueberweisung ersetzt wer­den. Die Preußenkasse ist infolge des ungünsti­gen Geldmarktes und der teilweisen Mißernten in diesem Jahr außerordentlich in Anspruch ge­nommen worden, trotzdem hat sie l.l7 Vroz. un­ter Neichsbankdiskont den Genossenschaften das Geld liefern können. Der Umsatz der Prensten- kasse betrug 1906: 12 Milliarden und wird 1908 etwa 14 Milliarden betragen. Soweit es in mei­nen Kräften steht, werde ich dazu beitragen, daß die Preußenkasse auch fernerhin eine Vermitt- lungsstelle für die Landwirtschaft und den Mit­telstand bleibt. (Beifall.)

Abg. Prüf. Faßbender (Ztr.): Di; Frage der Schädigung des Mittelstandes durch den hoben Diskont läßt sich von der allgemeine'« Frage der Schädigung unserer Volkswirtschaft durch diesen Fehler nicht trennen. Zwei Tinge sind jeden­falls bei der ganzen Erörterung vorausznschicken: Einmal, daß die Schutzzollpolitik nicht die Ursache der Ge l d teu e r un g ist, und zum anderen, daß die Geldteuerung als eine Folge des allgemeinen Sa­tzes der Volkswirtschaft von Ange- bo t und Nachfrage zu betrachten ist. Diesen Gedanken hat der neue Reichsbankvräsi- dent im Reichstage zum klaren Ausdruck gebracht. Die Verhältnisse, die hier in Betracht kommen, find so außerordentlich verwickelter Natur, das nur eine mehrjährige wissenschaftliche Bearbei­tung eine Klärung herbei führen kann. Es ist deshalb die von der Neichsbankverwaltung in Aussicht genommene Enquete außerordentlich zu begrüßen. Die Ursachen dürften sich Wohl um 6 Punkte gruppieren lassen. Einmal die Hoch­konjunktur der Industrie in dem vergangenen Jabce, die außerordentliche Inanspruchnahme des Auslandes, der Stand unserer Handelsbilanz mit ihrer passiven Gestaltung, die größeren Bedürf­nisse von Reich. Einzelstaaten und Kommimen, der mangelnde Ersatz für Barumlauf durch Geld­surrogate, und endlich die Verbindung zweier widersprechender Aufgaben der Reichsbank. näm­lich Wächter unserer Währung zu fein, anderer­seits eine den Ansprüchen des Publikums sich anpassende Leihtätiakeit auszuüben. Aus diesen beiden Gesichtspunkten will ich nur diejenigen hervorheben, tvelche bei den NeichZtagsderhaud- lungen eine meines Erachtens nicht ausreichende Beachtung gefunden haben. Im engsten Zusam­menhänge miteinander stehen Konzentration des Banstvesens und Akkumulation der Industrie. Damit stebt aber wiederum weiter im Zusam­menhangs die Ausdehnung des Tepositenderkehrs der Banken, und hieraus folgte die übermäßige Anlage von Geldern im Auslande und die In­vestier ung von allzu großen Kapitrlien in der Industrie als Anlagekapital, welche eigentlich eine Verwendung als Betriebskapital hätten fin­den sollen. Von besonderer Bedeutung scheint mir auch zu sein, daß die Reichsbank nicht nur

diejenigen Wechsel aus erster Hand annrmmt, w-lche man ihr bringt, sondern daß sie förmlich Jagd darauf macht. Es scheint mir richtig zu fein, was in einem Artikel der „Bank neulich gesagt wurde, das Bewußtsein des Handels, den großen Diskonteur und Nediskonteur der Neichs- bank hinter sich zu haben, habe vrel zur Borg­wirtschaft und zur Einseitigkeit in der deritsä-en Entwicklung beigetragen. Es ist Die von he­ft immter Seite gezeichnete Gefahr nicht abzuleug- nen, daß die Banken infolge der leichten Tiskon- tierung ihrer Wechsel bei der Reichsbank der ^n- buftrie mehr Mittel zur Verfügung stellen als der jeweiligen Kapitalkraft entspricht, weil man sich in dem Gedanken wiegt, daß sich die Vvr- schüslc an die Industrie nach Belieben in Aktien umwandeln lassen und in dieser Form dann an das Publikum abstoßen zu können. Von einer Verstaatlichung der Reichsbank verspreche ich nur feinen besonderen Erfolg. Von Wichtigkeit aber dürste sein, eine Reform der Zusammensetzung des' Zentralaiisschusses dec Reichsbank in der Richtung eines Beirates in die Wege zu leiten, in welchem auch Vertreter dec Landwirtschaft und des gewerblichen Mittelstandes Anfnahme finden müssen. Bei der Reform unseres Depot- Wesens ist außerordentliche Vorsicht geboten, da durch die enge Verbindung zwischen Depositen- wesen unserer Banken und unserer Industrie durch unser Eingreifen eine bedenkliche Rückwir­kung auf die Industrie eintreten könnte. Unter allen Umständen muß aber bald durch die Ge­setzgebung festgelegt werden, daß alle Banken, welche Depositenverkehr haben, monatlich ihren Status zu veröffentlichen gezwungen werden. Cs scheint auch der Gedanke nicht von dec Hand zu ire'sen zu sein, daß, wie für das Privatversiche­rungswesen ein Aufsichtsamt vestebt. das gemäß einem Anträge im Reichstage geforderte Aus- sicktSamt für Svndikate auf Großbanken ausge­dehnt wird. Die Ansdehnnng des Scheck-Ver­kehrs wird durch das ummiehr im Reichstage vor­liegende Scheckgeld außerordentlich gefördert trerhen. Denn ein gutes Scheckgesetz ist die Vor­aussetzung jeder allgemeineren Verbreitung des Scheckverkehrs. Bezüglich des Scheckverkehrs wer­den in den Kreisen der Genossenschaftsn öfters fal'che Bedenken geäußert. Wenn diejeniaen Ge­sichtspunkte festgehalten werden welche in einer Reso'ution des bayerischen Handwerksgenossen- scha'tcnverbandes im Sommer auf gestellt wur­den. daß nämlich ein Teil der bei dec Postverwal- htnt; durch den Post-Scheckversichr angesammelten Gelder den genossenschaftlichen Kassen gegen mä­ßige Verzinsung nutzbar gemacht ivicd, so sind di; Gefahren, welche dem Mittelstände durch den Ponsch»ck drohen könnten, b'leitigt. Es muß das ganze Reich mit einem systematischen Netz von Electii.phäusern überzogen werden, das ist das Ziel. Ten Wunsch der Erhöhung des Grundka­pitals der Preußischen Zeiitratgeuostenschaftskass? von 95 Mill, auf 100 Mill. Hobe ich bereits im vorigen Jabce bei der Berat nag des Etats der Preußen käste ausgesprochen und ich kann ibn auch beute nur befürworten. Vor großer Wiclstig- kest wäre eS sodann, wenn eine Einbe'tlickikeit in die Geopolitik des preuüisch'n Staates dadurch gebracht würde, daß die beiden Staatsansta'.ten, d's Sk^bardlung und die Vre:ißenkas>-', in einen engeren und möglichst organischeit Zusammen­hang gebracht werden möchten. Denjenigen, welche fürchten, es könnte durch eine Erhöhung des Grundkapitals die Macht der Pieußenkasse allzickehr steigen und dadurch hie Selbständigkeit des Genossenschaftswesens gefährdet werden, be­merke ich daß ich mit aller Entschiedenheit für die Selbständigkeit des Ctenosseuschaftstvesens eintrete, und ich muß mit aller Eulschiedenbeit Verwahrung dagegen einlegen, daß die Preußen­kasse die Führung int Genossenschaftswesen mehr

ergriffe, als zur Sicherung ihrer Fordertmgeu unbedingt notwendig ist. (Beifall int Zentr.)

Abg. Dr. Rewoldt (ff.) weist darauf hin, daß eine Ausdehnung des Scheck- und Ueberweisungs- Verkehrs allein nicht bessere Verhältnisse schaffen könne. Beweis dafür sei gerade der amerikani­sche Bankkrach. Nottvendig seien sichere Depo­sitenbanken.

Abg. Dr. Friedberg (ntl.) empfiehlt zur Ab­hilfe für die Geldkrise eine Vermehrung^des Sil- bentmlaufs und die Ausdehnung des Scheckver­kehrs: auch sei eine Vermehrung deS Kapitals der Zentralgenossensckiastskasse erforderlich.

Abg. Dr. Kcügcr (fr. Vp.): Tie Handelspo­litik ist schuld an der Höhe des Bankdiskonts wie überhaupt an der allgemeinen Preissteigerung. Durch eine Erhöhung des Kapitals der Preußen­kasse können die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Gewerbetreibenden nicht beseitigt werden. Ein weiterer Anbau des Scheckverkehrs ist er­forderlich.

Präsident der Zentralgenossenschastskasse Het- ligenstedt tritt der Kritik an der Preußenkasse mit eingehendem Material entgegen. Erst durch die Unterstützung der Preußenkasse hätte das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen sich so entwickelt.

Abg. Münsterberg (fr. Vp.): Wir haben nie- mals behauptet, daß Handelsverträge überhaupt schädlich sind, aber wir haben gefürchtet, daß das llekermaß der Tinge zu einer schweren Schädi­gung unseres wirtschaftlichen Ledens führen könnte.

Es wird ein Antrag auf Schluß der Debatte angenommen.

T-as Haus gebt dann über zur Interpellation Farmer (ff.) betr. Ausschreitungen bet dem Betrieb von Automobilen.

Abg. Graf Gartner (k.) begründet die Inter­pellation. Seine Freunde wollten dem Antomo« bilismus nichts in den Weg legen. Wohl aber müsfe dem Unfug der wilden Autler Einhalt ge­tan werden. In den letzten 6 Monaten seien 2920 Automobilunfälle bei uns vorgekommen itub 43 Menschen getötet worden. Tie AutoiiivbilisteN baten oft beispiellose Roheit an den Tag, wenn sie so dahinrasen! Gerade die Landwege seien besonders gefährdet, und die Landbevölkerung ist daher über die Autler im höchsten Maße erbittert., Nur durch Polizeimaßregeln sei dem Unfug zu steuern. Die heutigen Strafbestimmungen ge­nügen ganz und gar nicht. Der verständige Aut­ler müsse geschützt werden, indem man gegen bett wilden Autler streng verfahre. ,

Eisenbahnminister Breitenbach: Ein Teil der Beschwerden über den Automobilbetrieb ist er­klärlich aus der Neuheit dieses Verkehrs. (Wider­spruch.) Der größte Teil der Gefährdung, ist aber auf Auswüchse zurückzuführen. (Sehr cich-. tig> Das Strafmarimtim ist freilich nnge», nüaend, um rücksichtslose Fahrer vor einer lieber- tretuna zurückznschrecken. Es wird in der Ntch- :ung vorzugehen sein, daß den Polizeibehörden gesetzlich gestattet wird, höhere Strafen festzu- fenen; ferner wird gesetzlich bestimmt werden müssen, daß die Polizei die Befugnis erhält, un­zuverlässigen Fahrern die Fahrerlaubnis zu neh- i>ik.n. Ter Erlaß dahingehender Bestimmungen im Wege der Reichsgesexaebnng ist von dem Minister des Innern angeregt. Wegen Einrich­tung von Ghauffenrschulen schweben unter den zuständigen preußischen Ressorts Verhandlungen, ebenso wegen des Prüfungswesens. Es ist ferner zu hoffen, daß alsvald öin neuer Entwurf deS Automobilhaftvflichtgefetzes dem Reichstag zu- -lebcn wird. Die Rennen auf öffentlichen Stra­ßen können nicht ganz ausgeschlossen werden. (Widerspruch.)

Rest Merian.

Roman von MarieBaierlein.

25] (Nachdruck verboten.)

Fritz Weilers stöhnte dumpf auf. Sein Va­terherz schrie in Schmerz und Verzweiflung.

Hierauf wandte sich der Mediziner an das La­ger der fiebernden Refi. Und nach kurzer Be­obachtung kam die bestimmte Tiaquofe:

.Hier ist eine schwere Gehirnentzündung im Anzug, welche der plötzliche Schrecken über» das jäh ausbrechende Feuer und das Entsetzen wegen der gräßlichen Unglückssälle im Verein mit Er­kältung bewirkt haben. Ich muß die größte Sorgsamkeit und Pflege anempfehlen, und es tut Not, sofort eine Krankenschwester hierher zu beordern.

Diese eindringlichen Worte rissen Fritz Wei­lers aus dem ersten, heißen Schmerz. — Jetzt wußte er sich beherrschen: das Weh um sein arn:e§, dem Tode geweihtes Kind zuriickdrängen, damit er über das zweite Leben wachen konnte, das ihm diese Unglücksnacht zu entreißen drohte.

Draußen hämmerte schon der Morgen. Die von der Branostatte zurückkehrenden Löschmann, schäften rasselten mit den Feuerspritzen am Hause vorüber: die vereinten Anstrengnugen hatten das Gut nicht zu retten vermocht und die aut- gehende sonne beschien nur mehr eine qualmende Brandstätte.

Tie ersten Sonnenstrahlen schauten aber auch in das starre Antlitz des loten Verwalters, küßten das blasse, leblose Gesichtchen eines Kindes und huschte über eine im Fieberwahns sich ruhelos hin und herwerfende Fraueugestalt

11. Kapitel.

tobten bereits ums Haus, m3 Nesi Merian die Augen zum ersten Male wie- "CCir’r^ Bewußtsein aufschlug.

«rftaunt schaute sie um sich und gewahrte

die vielen, auf dem Nachttisch stehenden Arznei­fläschchen. Sie erhob noch recht müde und schwer- fävig ihr Haupt von.den Kissen und blickte durchs Fenster in den Garten hinaus.

Wie kam es mir. — Ter Apfelbaum, der feine Aeste immer bis dicht an die Scheiben drängte und noch keine ganz ausgereiften Früchte gezeigt hatte, er nickte mit fast gänzlich gelichteten Zwei­ge» zu ihr herein, und die wenigen Blätter, die ihn noch schmückten, zeigten eine fahlgelbe Fär­bung? --Träumte sie denn?--Sie führte

die Hand vor die Augen und gewahrte erstaunt und bestürzt, wie blutleer, mager und durchsichtig die Finger geworden waren. Und als der müde Kopf wieder in die Kissen zurücksank, da wurde es der Kranken offenbar, daß die langen, schwe­ren Flechten, ihr heimlicher Stolz, nicht mehr vorhanden waren, und dafür kurze, krause Här­chen über ihre Stirn fielen.

Ah — — jetzt wußte sie esl — Sie war krank und schwach gewesen, und all das Furcht­bare, das in ihrem Hirn gewütet, waren nur Auswüchse von Fiebcrphautasicnl — Gott sei Dank — Doch seit wann datierte ihre Krankheit? -- Hatte sie dort angefangen, als ihr der ganze Himmel wie ein Feuermeer erschien? War das Traum oder Wirklichkeit gewesen?--Ruhig

sein!--Sie würde doch ihre Gedanken soweit

ordnen könnenl — Sie war doch jetzt bei klarer Besinnungl ---

Ein weher Ausruf, der aus dem Kranken­zimmer kam, ließ die alte Christel draußen im Hanstlur zusammenfahren. Sie hatte eine Taste Bouillon in der Hand, mit welcher die Leidende wieder gestärkt werden sollte. Eiligst betrat die Magd das Zimmer Rests und schon beim ersten Anblick derselben wurde ihr klar, daß die Krank? aus der Bewußtlosigkeit, in der sie seit Wochen gelegen, aufgewacht war.

Mit strahlender Miene trat sie zu Nesi, und nachdem sie die Tasse auf das Tischchen gestellt hatte, ergriff sie die blassen Hände derselben, um zwischen Lachen und Weinen zu stammeln: „Gott

sei Tankt Refi — wollt sagen, mein einziges, liebes Fräulein — schauen mich heute mit klaren Augen an, nicht mehr mit dem verstörten, irren Blick, der mir immer so Angst mach'el Jetzt ha­ben wir das schwerste überstandenI"

Nesi nickte einige Male vor sich hin. „Ja, ja, — ich muß sehr krank gewesen sein: sonst würde ich nicht ruhig gelegen haben, als man meinen guten, armen Rudolf in die Erde bettetet — Stillei — Ich weiß jetzt alles ganz genau I Die Erkenntnis, daß all daS Schauerliche, was ich zu träumen wähnte, Wahrheit ist, überkam mich vorhin wie ein Blitz. Trum sage mir schnell, wie geht es meinem Herzblatt? Bringe mir Raoul herein! — Warum habt ihr fein Bettcheir aus meinem Zinimer getragen? Ich muß wohl arg gewütet haben in meinen Telirien?"

lieber die runzeligen Wangen der Alien strömten plötzlich ganze Tränenbäche. Sie griff nach der schwatzen Schürze und vergrub darin das greife Haupt, dessen Haare schneeweiß gewor­den waren.

Und nun wurde Nesi auch auf die Trauer- klcidung Christels aufmerksam. Sie deutete die stumme Klage und das finstere Schwarz dersel­ben richtig:

„Raoul ist tot! — Sprich! Um Gotteswillen! Mein Liebling — starb ebenfalls um mich?!"

Sie hörte die Antwort der Alten nicht mehr. Diese jähe Erkenntnis hatte die geschwächte Na­tur aufs neue überwältigt und ihre Sinne wie­derum in eine Ohnmacht versenkt. —

Die alte Pflegerin erschrak nicht wenig dar- über. Jetzt hatte sie in ihrer hosfnungsloseii, törickten Art der Leidenden schon im ersten Au­genblick dasjenige betraten, was dieser nach An­weisung des Arztes und dem Befehl des jun­gen Herrn vorläufig noch verschwiegen bleiben sollte. Fritz Weilers wollte es selbst auf sich nehmen, der Pflegeschwester nach und nach und erst dann, wenn es nicht länger zn uuigehe» war, die traurige Wahrheit zu sagen. Nun war diese Vorsicht überflüssig geworden!

Christel tat alles, um ihr liebes Fräulein wie­der zu sich zu bringen. Endlich öffneten sich die braunen Augen: aber nur, um sofort von bei- ßen Tränen getrübt zu werden. Rests Klagen und Schmerzausbrüche um den süßen, anbängli«’ chen Knaben waren herzzerreißend. Hatte schon der Tod des Bräutigams ihre Seele so schwer be­lastet, daß sie sich in ihrem schwachen, nervösen. Zustand beschuldigte, das Leben deS braven Man­nes leichtsinniger Weise in Gefahr gebracht zu haben, weil sie beim Brande so gedankenlos auf der gefährdeten Stelle geblieben war, so war fest die Kunde von Raouls gleichfallsigem HinscheideN em neuer, verschärfter Anlaß zu Selbftoorroiirfett,. Tie größte Qual für das Mädchen aber bildete der Gedanke an den beraubten Vater, an Fritz Weilers. t _

Rest Merian zitterte vor dem Moment, wo sie dem Trauernden unter die Augen treten würde. Mußte er nicht mit Haß und Zorn auf diejenige bl'.ckeu, welche die Ursache vom plötzlichen Tode seines einzigen Knaben war? Gewiß hatte er schon längst die Stunde verwünscht, da er sich ent­schloß, den Knaben zu ihr zu schicken.

„Liebes, goldenes Fräulein Resil Ich bitt' tausendmal, regen Sie sich doch nicht so entsetz­lich aufl Geschehenes ist nun mal nicht zu än­dern, und unser Herrgott bat wohl gewußt, was er tat, als er unfern Raoul so blitzschnell in seinen Himmel nahm. Sie wißen doch selbst, wie schiröchlich und kränklich der arme Wurm gewe­sen ist. lieber die ersten Knabenjahr? — hat letzt­hin unser alter Doktor gesagt. — hatten mir ihn doch nicht hinausgepflegt. Und Schmerzen hat er keine gelitten; er kam ja nicht mehr zur Be­sinnung und ist sanft hinübergeschlummert."

Tie Magd mochte noch Jo gut gemeinte Trostes- wvrle erfinden, — dos selbstquälerische Gemüt Nesis ließ sich so leicht nicht beruhigen. Immer mid immer wieder schluchzte sie vor nch hin:

„Ibn mich! Alle beide um mich gestorben! Und ich lebe noch!'

(Fortsetzung folgt).