MdaerW Zeitung
wochtiMilage: „Illustrierte Sonntagrzeitung
Zahrqanq.
Fulda, Freitag den 24. Januar 1908.
JW 19
MonatrdeNage: „Zuldaer Geschichtsblätter"
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Krstes Wl'att.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 23. Januar 1908.
Zunächst wird die Beratung des Entwurfs Lekr. das Scheckgesetz fortgesetzt und die Vorlage nach unwesentlicher Beratung an eine Kommission verwiesen. t .
Es folgt die dritte Beratung des Eesetzcnt- nntrfä betr. die Bestrafung der Majestät s b e le i d ig u n g. die ohne erhebliche Debatte gegen die Sozialdemokratie angenommen wird. Damit ist sie vom Hause verabschiedet.
Alsdann wird die zweite Beratung über die Haftung der Tierhalter fortgesetzt. Hierzu liegen einige Anträge vor. Ein Antrag Batenhorst (Rp.) ist rein redaktioneller Art. Ein Antrag Dr. Bitter (Ztr.) fordert die Streichung der Worte: „bei der Beaufsichtigung der Tiere". Ein Antrag Molkenbuhr (Soz.» verlangt, daß der Jagdberechtigte für den Lurch Hasen anaerichteten Schaden haften soll.
Abg. Schmidt-Warburg (Ztr.) empfiehlt d,e Annahme des Antrags Bitter. Es könnten Fälle eintreten, in denen es der Tierhalter an der Beaufsichtigung des Tieres nicht habe fehlen lasten und trotzdem durch das Tier Schaden angerichtet würde.
Staatssekretär Nkeberding verteidigt dre Fassung der Regierungsvorlage.
Abg. Stadthagen (Soz.) erklärt: Das ist hrer ein Ausnahmegesetz. Mindestens must der Hasenschaden hinein. Gegen den Hasen ist der Bauer machtlos: er darf ihn nicht mal ivegschiesten. Tas ist so recht die Art der Agrarier, den Waisen und Krüppeln das Brot wegzunehmenl
Abg. von Trenrnfels (k.) verteidigt den Entwurf gegen den Juristentag. Stadthagens Behauptung ist eine ganz gewissenlose Verleumdung. (Der Redner erhält einen Ordnungsruf.) Es ist bedauerlich, daß die Tribüne des Reichstags dazu mistbraucht wird, einen grasten Teil des deutschen Volkes zu beleidigen. «Beifall.)
Tie Sozialdemokraten beantragen Kommis- sionsverweisung; die Diskussion wird aber fortgesetzt.
Abg. Haacmann (ntl.) ersucht um Ablehnung der Kommissionsberatung. Wie kann man hier int Ernst mit der Hasenaeschichte kommen l
Abg. Stolle (Soz.) hält eine lange Rede für die Kommissionsberatung.
Abg. Dove (frs. Vgg.): Wir hoben bereits in der ersten Lesung für die Kommistion gestimmt. Der Hasenschaden must geregelt werden, aber nicht gerade hier in diesem Zusammenhang.
Staatssekretär Tr. Rieberding: In dec ftom- miffion werden Sie mit all diesen Fragen überhaupt nicht fertig werden. Man braucht aber auch keine Knmniillionsberatung.
Abg. Spahn (Ztr. > erörtert, auf der Tribüne nicht verständlich iuristische Streitpunkte bei der Beurteilung der Frage.
Abg. .Schmidt-Warburg (Ztr): Den Hasen wellen wir lauten lassen, er gehört nicht hierher. (Heiterkeit.) Tas Gesetz spricht nur von .Haustieren, aber ein Haustier ist der Hase nicht. Wenn eine grotze Partei Kommisiionsberatnng verlangt, stimmen wir immer dafür. (Zuruf: Wurde schon bei dec ersten Lesung verlangt i) Damals waren es drei kleine Parteien, das macht nicht so viel aus. (Heiterkeit.) Die Sache wird in der Kommission nicht lauge dauern.
Tie Tierhaltervorlage geht an eine Kommission von 14 Mitgliedern.
Freitag: Russische Zuckerkonvention, Mast- und Eewichtsordnung.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 23. Januar 1908.
Auf der Tagesordnung steht zunächst die Interpellation Kreth (k.) über den hohen Bankdiskont.
Abg. Kreth (k.) begründet die Interpellation. Er weist auf die schweren Schädigungen hin, die der Mittelstand durch den hohen Bankdiskont in seinem Erwerbsleben erleidet.
Finanzminister Frhr. von Rhcinbabcu: Ich kann hier nicht auf die Fragen des Bankdiskonts eingehen, da sie der Zuständigkeit des Reichstags untersteht und dort bereits eingehend behandelt ist. Wir müssen die noch völlig rückständigen Zahlungsarten durch moderne Zahlungsarten ersetzen: die Zahlung in Bargeld muß durch den Scheckverkehr und die Ueberweisung ersetzt werden. Die Preußenkasse ist infolge des ungünstigen Geldmarktes und der teilweisen Mißernten in diesem Jahr außerordentlich in Anspruch genommen worden, trotzdem hat sie l.l7 Vroz. unter Neichsbankdiskont den Genossenschaften das Geld liefern können. Der Umsatz der Prensten- kasse betrug 1906: 12 Milliarden und wird 1908 etwa 14 Milliarden betragen. Soweit es in meinen Kräften steht, werde ich dazu beitragen, daß die Preußenkasse auch fernerhin eine Vermitt- lungsstelle für die Landwirtschaft und den Mittelstand bleibt. (Beifall.)
Abg. Prüf. Faßbender (Ztr.): Di; Frage der Schädigung des Mittelstandes durch den hoben Diskont läßt sich von der allgemeine'« Frage der Schädigung unserer Volkswirtschaft durch diesen Fehler nicht trennen. Zwei Tinge sind jedenfalls bei der ganzen Erörterung vorausznschicken: Einmal, daß die Schutzzollpolitik nicht die Ursache der Ge l d teu e r un g ist, und zum anderen, daß die Geldteuerung als eine Folge des allgemeinen Satzes der Volkswirtschaft von Ange- bo t und Nachfrage zu betrachten ist. Diesen Gedanken hat der neue Reichsbankvräsi- dent im Reichstage zum klaren Ausdruck gebracht. Die Verhältnisse, die hier in Betracht kommen, find so außerordentlich verwickelter Natur, das nur eine mehrjährige wissenschaftliche Bearbeitung eine Klärung herbei führen kann. Es ist deshalb die von der Neichsbankverwaltung in Aussicht genommene Enquete außerordentlich zu begrüßen. Die Ursachen dürften sich Wohl um 6 Punkte gruppieren lassen. Einmal die Hochkonjunktur der Industrie in dem vergangenen Jabce, die außerordentliche Inanspruchnahme des Auslandes, der Stand unserer Handelsbilanz mit ihrer passiven Gestaltung, die größeren Bedürfnisse von Reich. Einzelstaaten und Kommimen, der mangelnde Ersatz für Barumlauf durch Geldsurrogate, und endlich die Verbindung zweier widersprechender Aufgaben der Reichsbank. nämlich Wächter unserer Währung zu fein, andererseits eine den Ansprüchen des Publikums sich anpassende Leihtätiakeit auszuüben. Aus diesen beiden Gesichtspunkten will ich nur diejenigen hervorheben, tvelche bei den NeichZtagsderhaud- lungen eine meines Erachtens nicht ausreichende Beachtung gefunden haben. Im engsten Zusammenhänge miteinander stehen Konzentration des Banstvesens und Akkumulation der Industrie. Damit stebt aber wiederum weiter im Zusammenhangs die Ausdehnung des Tepositenderkehrs der Banken, und hieraus folgte die übermäßige Anlage von Geldern im Auslande und die Investier ung von allzu großen Kapitrlien in der Industrie als Anlagekapital, welche eigentlich eine Verwendung als Betriebskapital hätten finden sollen. Von besonderer Bedeutung scheint mir auch zu sein, daß die Reichsbank nicht nur
diejenigen Wechsel aus erster Hand annrmmt, w-lche man ihr bringt, sondern daß sie förmlich Jagd darauf macht. Es scheint mir richtig zu fein, was in einem Artikel der „Bank neulich gesagt wurde, das Bewußtsein des Handels, den großen Diskonteur und Nediskonteur der Neichs- bank hinter sich zu haben, habe vrel zur Borgwirtschaft und zur Einseitigkeit in der deritsä-en Entwicklung beigetragen. Es ist Die von heft immter Seite gezeichnete Gefahr nicht abzuleug- nen, daß die Banken infolge der leichten Tiskon- tierung ihrer Wechsel bei der Reichsbank der ^n- buftrie mehr Mittel zur Verfügung stellen als der jeweiligen Kapitalkraft entspricht, weil man sich in dem Gedanken wiegt, daß sich die Vvr- schüslc an die Industrie nach Belieben in Aktien umwandeln lassen und in dieser Form dann an das Publikum abstoßen zu können. Von einer Verstaatlichung der Reichsbank verspreche ich nur feinen besonderen Erfolg. Von Wichtigkeit aber dürste sein, eine Reform der Zusammensetzung des' Zentralaiisschusses dec Reichsbank in der Richtung eines Beirates in die Wege zu leiten, in welchem auch Vertreter dec Landwirtschaft und des gewerblichen Mittelstandes Anfnahme finden müssen. Bei der Reform unseres Depot- Wesens ist außerordentliche Vorsicht geboten, da durch die enge Verbindung zwischen Depositen- wesen unserer Banken und unserer Industrie durch unser Eingreifen eine bedenkliche Rückwirkung auf die Industrie eintreten könnte. Unter allen Umständen muß aber bald durch die Gesetzgebung festgelegt werden, daß alle Banken, welche Depositenverkehr haben, monatlich ihren Status zu veröffentlichen gezwungen werden. Cs scheint auch der Gedanke nicht von dec Hand zu ire'sen zu sein, daß, wie für das Privatversicherungswesen ein Aufsichtsamt vestebt. das gemäß einem Anträge im Reichstage geforderte Aus- sicktSamt für Svndikate auf Großbanken ausgedehnt wird. Die Ansdehnnng des Scheck-Verkehrs wird durch das ummiehr im Reichstage vorliegende Scheckgeld außerordentlich gefördert trerhen. Denn ein gutes Scheckgesetz ist die Voraussetzung jeder allgemeineren Verbreitung des Scheckverkehrs. Bezüglich des Scheckverkehrs werden in den Kreisen der Genossenschaftsn öfters fal'che Bedenken geäußert. Wenn diejeniaen Gesichtspunkte festgehalten werden welche in einer Reso'ution des bayerischen Handwerksgenossen- scha'tcnverbandes im Sommer auf gestellt wurden. daß nämlich ein Teil der bei dec Postverwal- htnt; durch den Post-Scheckversichr angesammelten Gelder den genossenschaftlichen Kassen gegen mäßige Verzinsung nutzbar gemacht ivicd, so sind di; Gefahren, welche dem Mittelstände durch den Ponsch»ck drohen könnten, b'leitigt. Es muß das ganze Reich mit einem systematischen Netz von Electii.phäusern überzogen werden, das ist das Ziel. Ten Wunsch der Erhöhung des Grundkapitals der Preußischen Zeiitratgeuostenschaftskass? von 95 Mill, auf 100 Mill. Hobe ich bereits im vorigen Jabce bei der Berat nag des Etats der Preußen käste ausgesprochen und ich kann ibn auch beute nur befürworten. Vor großer Wiclstig- kest wäre eS sodann, wenn eine Einbe'tlickikeit in die Geopolitik des preuüisch'n Staates dadurch gebracht würde, daß die beiden Staatsansta'.ten, d's Sk^bardlung und die Vre:ißenkas>-', in einen engeren und möglichst organischeit Zusammenhang gebracht werden möchten. Denjenigen, welche fürchten, es könnte durch eine Erhöhung des Grundkapitals die Macht der Pieußenkasse allzickehr steigen und dadurch hie Selbständigkeit des Genossenschaftswesens gefährdet werden, bemerke ich daß ich mit aller Entschiedenheit für die Selbständigkeit des Ctenosseuschaftstvesens eintrete, und ich muß mit aller Eulschiedenbeit Verwahrung dagegen einlegen, daß die Preußenkasse die Führung int Genossenschaftswesen mehr
ergriffe, als zur Sicherung ihrer Fordertmgeu unbedingt notwendig ist. (Beifall int Zentr.)
Abg. Dr. Rewoldt (ff.) weist darauf hin, daß eine Ausdehnung des Scheck- und Ueberweisungs- Verkehrs allein nicht bessere Verhältnisse schaffen könne. Beweis dafür sei gerade der amerikanische Bankkrach. Nottvendig seien sichere Depositenbanken.
Abg. Dr. Friedberg (ntl.) empfiehlt zur Abhilfe für die Geldkrise eine Vermehrung^des Sil- bentmlaufs und die Ausdehnung des Scheckverkehrs: auch sei eine Vermehrung deS Kapitals der Zentralgenossensckiastskasse erforderlich.
Abg. Dr. Kcügcr (fr. Vp.): Tie Handelspolitik ist schuld an der Höhe des Bankdiskonts wie überhaupt an der allgemeinen Preissteigerung. Durch eine Erhöhung des Kapitals der Preußenkasse können die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Gewerbetreibenden nicht beseitigt werden. Ein weiterer Anbau des Scheckverkehrs ist erforderlich.
Präsident der Zentralgenossenschastskasse Het- ligenstedt tritt der Kritik an der Preußenkasse mit eingehendem Material entgegen. Erst durch die Unterstützung der Preußenkasse hätte das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen sich so entwickelt.
Abg. Münsterberg (fr. Vp.): Wir haben nie- mals behauptet, daß Handelsverträge überhaupt schädlich sind, aber wir haben gefürchtet, daß das llekermaß der Tinge zu einer schweren Schädigung unseres wirtschaftlichen Ledens führen könnte.
Es wird ein Antrag auf Schluß der Debatte angenommen.
T-as Haus gebt dann über zur Interpellation Farmer (ff.) betr. Ausschreitungen bet dem Betrieb von Automobilen.
Abg. Graf Gartner (k.) begründet die Interpellation. Seine Freunde wollten dem Antomo« bilismus nichts in den Weg legen. Wohl aber müsfe dem Unfug der wilden Autler Einhalt getan werden. In den letzten 6 Monaten seien 2920 Automobilunfälle bei uns vorgekommen itub 43 Menschen getötet worden. Tie AutoiiivbilisteN baten oft beispiellose Roheit an den Tag, wenn sie so dahinrasen! Gerade die Landwege seien besonders gefährdet, und die Landbevölkerung ist daher über die Autler im höchsten Maße erbittert., Nur durch Polizeimaßregeln sei dem Unfug zu steuern. Die heutigen Strafbestimmungen genügen ganz und gar nicht. Der verständige Autler müsse geschützt werden, indem man gegen bett wilden Autler streng verfahre. ,
Eisenbahnminister Breitenbach: Ein Teil der Beschwerden über den Automobilbetrieb ist erklärlich aus der Neuheit dieses Verkehrs. (Widerspruch.) Der größte Teil der Gefährdung, ist aber auf Auswüchse zurückzuführen. (Sehr cich-. tig> Das Strafmarimtim ist freilich nnge», nüaend, um rücksichtslose Fahrer vor einer lieber- tretuna zurückznschrecken. Es wird in der Ntch- :ung vorzugehen sein, daß den Polizeibehörden gesetzlich gestattet wird, höhere Strafen festzu- fenen; ferner wird gesetzlich bestimmt werden müssen, daß die Polizei die Befugnis erhält, unzuverlässigen Fahrern die Fahrerlaubnis zu neh- i>ik.n. Ter Erlaß dahingehender Bestimmungen im Wege der Reichsgesexaebnng ist von dem Minister des Innern angeregt. Wegen Einrichtung von Ghauffenrschulen schweben unter den zuständigen preußischen Ressorts Verhandlungen, ebenso wegen des Prüfungswesens. Es ist ferner zu hoffen, daß alsvald öin neuer Entwurf deS Automobilhaftvflichtgefetzes dem Reichstag zu- -lebcn wird. Die Rennen auf öffentlichen Straßen können nicht ganz ausgeschlossen werden. (Widerspruch.)
Rest Merian.
Roman von MarieBaierlein.
25] (Nachdruck verboten.)
Fritz Weilers stöhnte dumpf auf. Sein Vaterherz schrie in Schmerz und Verzweiflung.
Hierauf wandte sich der Mediziner an das Lager der fiebernden Refi. Und nach kurzer Beobachtung kam die bestimmte Tiaquofe:
.Hier ist eine schwere Gehirnentzündung im Anzug, welche der plötzliche Schrecken über» das jäh ausbrechende Feuer und das Entsetzen wegen der gräßlichen Unglückssälle im Verein mit Erkältung bewirkt haben. Ich muß die größte Sorgsamkeit und Pflege anempfehlen, und es tut Not, sofort eine Krankenschwester hierher zu beordern.
Diese eindringlichen Worte rissen Fritz Weilers aus dem ersten, heißen Schmerz. — Jetzt wußte er sich beherrschen: das Weh um sein arn:e§, dem Tode geweihtes Kind zuriickdrängen, damit er über das zweite Leben wachen konnte, das ihm diese Unglücksnacht zu entreißen drohte.
Draußen hämmerte schon der Morgen. Die von der Branostatte zurückkehrenden Löschmann, schäften rasselten mit den Feuerspritzen am Hause vorüber: die vereinten Anstrengnugen hatten das Gut nicht zu retten vermocht und die aut- gehende sonne beschien nur mehr eine qualmende Brandstätte.
Tie ersten Sonnenstrahlen schauten aber auch in das starre Antlitz des loten Verwalters, küßten das blasse, leblose Gesichtchen eines Kindes und huschte über eine im Fieberwahns sich ruhelos hin und herwerfende Fraueugestalt
11. Kapitel.
tobten bereits ums Haus, m3 Nesi Merian die Augen zum ersten Male wie- "CCir’r^ Bewußtsein aufschlug.
«rftaunt schaute sie um sich und gewahrte
die vielen, auf dem Nachttisch stehenden Arzneifläschchen. Sie erhob noch recht müde und schwer- fävig ihr Haupt von.den Kissen und blickte durchs Fenster in den Garten hinaus.
Wie kam es mir. — Ter Apfelbaum, der feine Aeste immer bis dicht an die Scheiben drängte und noch keine ganz ausgereiften Früchte gezeigt hatte, er nickte mit fast gänzlich gelichteten Zweige» zu ihr herein, und die wenigen Blätter, die ihn noch schmückten, zeigten eine fahlgelbe Färbung? --Träumte sie denn?--Sie führte
die Hand vor die Augen und gewahrte erstaunt und bestürzt, wie blutleer, mager und durchsichtig die Finger geworden waren. Und als der müde Kopf wieder in die Kissen zurücksank, da wurde es der Kranken offenbar, daß die langen, schweren Flechten, ihr heimlicher Stolz, nicht mehr vorhanden waren, und dafür kurze, krause Härchen über ihre Stirn fielen.
Ah — — jetzt wußte sie esl — Sie war krank und schwach gewesen, und all das Furchtbare, das in ihrem Hirn gewütet, waren nur Auswüchse von Fiebcrphautasicnl — Gott sei Dank — Doch seit wann datierte ihre Krankheit? -- Hatte sie dort angefangen, als ihr der ganze Himmel wie ein Feuermeer erschien? War das Traum oder Wirklichkeit gewesen?--Ruhig
sein!--Sie würde doch ihre Gedanken soweit
ordnen könnenl — Sie war doch jetzt bei klarer Besinnungl ---
Ein weher Ausruf, der aus dem Krankenzimmer kam, ließ die alte Christel draußen im Hanstlur zusammenfahren. Sie hatte eine Taste Bouillon in der Hand, mit welcher die Leidende wieder gestärkt werden sollte. Eiligst betrat die Magd das Zimmer Rests und schon beim ersten Anblick derselben wurde ihr klar, daß die Krank? aus der Bewußtlosigkeit, in der sie seit Wochen gelegen, aufgewacht war.
Mit strahlender Miene trat sie zu Nesi, und nachdem sie die Tasse auf das Tischchen gestellt hatte, ergriff sie die blassen Hände derselben, um zwischen Lachen und Weinen zu stammeln: „Gott
sei Tankt Refi — wollt sagen, mein einziges, liebes Fräulein — schauen mich heute mit klaren Augen an, nicht mehr mit dem verstörten, irren Blick, der mir immer so Angst mach'el Jetzt haben wir das schwerste überstandenI"
Nesi nickte einige Male vor sich hin. „Ja, ja, — ich muß sehr krank gewesen sein: sonst würde ich nicht ruhig gelegen haben, als man meinen guten, armen Rudolf in die Erde bettetet — Stillei — Ich weiß jetzt alles ganz genau I Die Erkenntnis, daß all daS Schauerliche, was ich zu träumen wähnte, Wahrheit ist, überkam mich vorhin wie ein Blitz. Trum sage mir schnell, wie geht es meinem Herzblatt? Bringe mir Raoul herein! — Warum habt ihr fein Bettcheir aus meinem Zinimer getragen? Ich muß wohl arg gewütet haben in meinen Telirien?"
lieber die runzeligen Wangen der Alien strömten plötzlich ganze Tränenbäche. Sie griff nach der schwatzen Schürze und vergrub darin das greife Haupt, dessen Haare schneeweiß geworden waren.
Und nun wurde Nesi auch auf die Trauer- klcidung Christels aufmerksam. Sie deutete die stumme Klage und das finstere Schwarz derselben richtig:
„Raoul ist tot! — Sprich! Um Gotteswillen! Mein Liebling — starb ebenfalls um mich?!"
Sie hörte die Antwort der Alten nicht mehr. Diese jähe Erkenntnis hatte die geschwächte Natur aufs neue überwältigt und ihre Sinne wiederum in eine Ohnmacht versenkt. —
Die alte Pflegerin erschrak nicht wenig dar- über. Jetzt hatte sie in ihrer hosfnungsloseii, törickten Art der Leidenden schon im ersten Augenblick dasjenige betraten, was dieser nach Anweisung des Arztes und dem Befehl des jungen Herrn vorläufig noch verschwiegen bleiben sollte. Fritz Weilers wollte es selbst auf sich nehmen, der Pflegeschwester nach und nach und erst dann, wenn es nicht länger zn uuigehe» war, die traurige Wahrheit zu sagen. Nun war diese Vorsicht überflüssig geworden!
Christel tat alles, um ihr liebes Fräulein wieder zu sich zu bringen. Endlich öffneten sich die braunen Augen: aber nur, um sofort von bei- ßen Tränen getrübt zu werden. Rests Klagen und Schmerzausbrüche um den süßen, anbängli«’ chen Knaben waren herzzerreißend. Hatte schon der Tod des Bräutigams ihre Seele so schwer belastet, daß sie sich in ihrem schwachen, nervösen. Zustand beschuldigte, das Leben deS braven Mannes leichtsinniger Weise in Gefahr gebracht zu haben, weil sie beim Brande so gedankenlos auf der gefährdeten Stelle geblieben war, so war fest die Kunde von Raouls gleichfallsigem HinscheideN em neuer, verschärfter Anlaß zu Selbftoorroiirfett,. Tie größte Qual für das Mädchen aber bildete der Gedanke an den beraubten Vater, an Fritz Weilers. t _
Rest Merian zitterte vor dem Moment, wo sie dem Trauernden unter die Augen treten würde. Mußte er nicht mit Haß und Zorn auf diejenige bl'.ckeu, welche die Ursache vom plötzlichen Tode seines einzigen Knaben war? Gewiß hatte er schon längst die Stunde verwünscht, da er sich entschloß, den Knaben zu ihr zu schicken.
„Liebes, goldenes Fräulein Resil Ich bitt' tausendmal, regen Sie sich doch nicht so entsetzlich aufl Geschehenes ist nun mal nicht zu ändern, und unser Herrgott bat wohl gewußt, was er tat, als er unfern Raoul so blitzschnell in seinen Himmel nahm. Sie wißen doch selbst, wie schiröchlich und kränklich der arme Wurm gewesen ist. lieber die ersten Knabenjahr? — hat letzthin unser alter Doktor gesagt. — hatten mir ihn doch nicht hinausgepflegt. Und Schmerzen hat er keine gelitten; er kam ja nicht mehr zur Besinnung und ist sanft hinübergeschlummert."
Tie Magd mochte noch Jo gut gemeinte Trostes- wvrle erfinden, — dos selbstquälerische Gemüt Nesis ließ sich so leicht nicht beruhigen. Immer mid immer wieder schluchzte sie vor nch hin:
„Ibn mich! Alle beide um mich gestorben! Und ich lebe noch!'
(Fortsetzung folgt).