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30 18.
Fulda, Donnerstag den 23. Januar 1908.
35. Jahrgang.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 22. Januar 1908.
Auf der Tagesordnung steht die sozialdemokratische Wahlrechtsinterpellation. DieJntev- pellation lautet:
i Aus welchen Gründen hat der Reichskanzler in der Sitzung des preußischen Abgeoidnelrnhauses vom 10. Januar die Uedertragung des Rrichstagswahl- reckls auf einen BundMaal als dem Slaatswohl nicht entiprechend bezeichnet und billigt es der Reichskanzler, daß aus Anlaß der am 12. Januar in Berlin zur Propaganda dieses Reichstagswahlrechts einberufeneu sozialdemokratischen Volksversammlungen zum Zweck etwaigen Eingreifens Militär in den Kasernen konsigniert war?
Reichskanzler Fürst Bülow erklärt dazu sogleich:
Zu 1 der Interpellation: Ich lehne es v b, auf die Verhandlungen über die Gestaltung des Landtagswahlrechts in Preußen einzugehen (Beifall rechts), da dieser Gegenstand eine zur Zuständigkeit der gesecrebenden Organe Preußens gehörende innere Angelegenheit deS preußischen Staates darstellt. (Sehr richtig l rechts, lärmender Widerspruch links.) Zu 2 der Interpellation: Auf Grund landesreck;tticher Befugnisse sind von der Berliner Polizei am 12. Januar diejenigen Maßregeln ergriffen tvorden, welche erforderlich waren, Ausschreitungen auf der Straße abzuwehren. Insoweit Truppenteile in den Kasernen zusammengehalten worden sind, ist dies in Ausübung der militari- eschen Kommandogewalt geschehen, um jeder Anforderung zum Schutz der öffentlichen Ordnung ohne Verzug genügen zu können. (Beifall rechts.) Ich muß hiernach die Beantwortung der Interpellation ablehn en. Es ist hier gestern von neuem zu Zusammen st ößen zwischen einer demonstrierenden Menge und der Polizei jgekommen; dabei mußte wieder von der Waffe .'Gebrauch gemacht werden. (Pfuirufe bei den So- izialdemokraten.) Gegenüber diesen Vorgängen habe ich das Bedürfnis, von dieser Stelle aus, unabhängig von der vorliegende» Interpellation, als Reichskanzler ein Wort ernster Mahnung in das Land hinauszuscndeu. (Gelächter bei den Sozialdemokraten, Beifall rechts, großer anhaltender Lärm, der schließlich durch den energischen Ruf: Ruhe! rechts übertönt wird.) Es ist nicht deutsche Art, die Politik auf die Straße zu tragen. (Sehr richtig! rechts, Gelächter und Lärm bei den Sozialdemokraten.) Die Parteien be-, dürfen nicht der Straßentumulte, um ihre Stimme vernehmen zu lassen. (Sehr richtig! rechts, stürmischer Widerspruch, Gelächter und Lärm bei den Sozialdemokraten.) Die Straße gehört dem freien Verkehr (erneutes Lärmen bei den Sozialdemokraten): dieStraße unterliegt dem Gesetz der öffentlichen Ordnung; dieses Gesetz als das höhere anzuerkennen und zu achten, ist jeder Bürger verpflichtet. (Gelächter bei den Sozialdemokraten.) Dem Gesetz Achtung zu verschaffen, tmd wenn es sein muß, zu erzwingen, ist wie die Befugnis so auch die Pflicht der Behörden. (Lebhaftes Bravo! rechts.) Jeder Versuch, die öffentliche Sri) mm g z u (töten, muh und wird zurückgewiesen werden. (Lebhafter Beifall rechts. Wir werden nicht dulden, daß Agitatoren einen Anspruch auf die Herrschaft über die Straßen für sich in Anspruch nehmen. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, zu glauben, daß Demonstrationen einer irregeleiteten Masse einer pflichterfüllten Regierung irgend etwas abtrotzen könnten. (Lebhafter Beifall rechts; (Gelächter bei den Sozialdemokraten. Das wird in Deutschland nie und nirgends der Fall sein. (Stüriui- sckier Beifall rechts, Gelächter und Lärm bei de» Sozialdemokraten.) Ich habe die Zuversicht, daß alle bürgerlichen Parteien einmütig sei» werden
in der Verurteilung und Zurückweisung dieses gefährlichen Unfugs. (Sehr wahr! rechts!) Die sozialdemokratische Partei hat mit den Demonstrationen vom 12. Januar eine abschüssige Bahn beschritten. (Beifall rechts.) Ich warne Sie. diese Bahn weiter zu verfolgen. (Beifall rechts. Gelächter und Unruhe bei den Sozialdemokraten) und ich richte namentlich an die Arbeiterbevölkerung die ernste und aus einem wohlmeinenden Herzen kommende Mahnung (Stürinischer Widerspruch, Zuruf und Gelächter bei den Sozialdemokraten; erneuter Beifall rechts; andauerndes Lärm en, in dem die folgenden Worte des Reichskanzlers fast vollständig verloren gehen) es gibt wohl kaum jemand, der es besser mit den Arbeitern meinte, als mich (Stürmischer Widerspruch, Gelächter bei den Sozialdemokraten) — sich nicht vom Wege des Gesetzes und der Ordnung abdrängen zu lassen und nicht für Parteifanatiker und Hetzer die eigene Haut zu Markte zu tragen. (Stürmischer Beifall rechts, Gelächter und Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Die Verantwortung für die Folgen würde nicht die Regierung, würde nicht die Verführten treffen, sondern die Anstifter und Verführer." (Stürmischer Beifall rechts, Gelächter, Lärmen und Unruhe bei den Sozialdemokraten.)
Abg. Singer (Soz.) beantragt die Besprechung der Interpellation, Für den Antrag erheben sich außer den Sozialdemokraten das Zentrum, die Polen und — unter lauten Zurufen von rechts: ah! ah! — sämtliche Freisinnigen. Bülow mit den Staatssekretären und Räten entfernt sich unter höhnische» Zurufen der Sozialdemokraten.
Abg. Fischer (Soz.): Der Reichskanzler hätte alle Veranlassung gehabt, die Interpellation zu beantworten. Schon die Rücksicht auf die links- liberalen Blockparteien sollte ihn hierzu veranlassen. Die Verantwortung für die Demonstra- ticnen trägt nicht die sozialdemokratische Partei. (Widerspruch rechts.) Die Politik gehört nicht auf die Straße! Die Straße gehört dem freien Verkehr! Sehr richtig — wer hat die Politik auf die Straße getragen am 25. Februar 1907? lLär- mendes Hört! hört! der Soz.) Hat da Nicht der Kanzler s e l b st zu mitternächtiger Stunde zu den Leuten geredet? Hat nicht der deutsche Steifer vom Balkon seines Schlosses eine Ansprache gehalten? (Großer Lärm, Gelächter bei den Soz.) Der Kaiser hat ja nur den Wunsch gehabt, er wollte mehr Volk sehen! (GMchstx und Höri! hört! der Soz.) Wer wie der Kanzler im Glashaus sitzt, leer selbst Versammlungen unter freiem Himmel abhält, der soll nicht Herkommen und soll nicht Moral predigen — derselbe Mann, der an die Offiziere die Aufforderung gerichtet hat, die Gesetze zu brechen (Große Unruhe) — beim Duell. Bon seinem wohlmeinenden Herzen spricht der Reichskanzler! Ach, da lachen die Arbeiter über diesen Mann, der Militär konsigniert, um sie zu hindern, mit ihren Klassengenossen für das allgemeine Wahlrecht zu demoustrieren. (Lärmender Beifall der Soz.) Zum Hohn übt der Reichs-- kauzler noch die Heuchelei. (Unruhe. Präsident Graf Stolberg ruft den Redner zur O r d n u ng.) Mit seinem ..wohlmeinenden Herzen" geht er in den Landtag und tritt ein für das öffentliche Wahlrecht. Wir lachen über diese Redensarten. Bülows Stellung ist eine Aufforderung an alle Feinde des Reichstagswahlvecksts, diose Feind- chaft jetzt auch öffentlich zu betätigen. Die Kon- ervativen machen ja auch gar kein Hehl mehr aus ihrer Feindschaft. Und da ist kein Reichsau- walt gekonnneii und hat sie wogen Hochverrat belangt! Was ist denn eigentlich bei uns Staats- Wohl? Eine politisch rückständige und wirtsckteft- lich überlebte Kaste, die preußische Junkerkaste, die auf Kosten der Allgemeinheit und aus den Taschen der Allgemeinheit lebt, verlangt alles
für sich, und das nennt man bann: „Staatswohl!" (Lachen rechts.) Nachdem auch der Liberalismus, der eigentlich die historische Mission hätte, diesen Kampf gegen das Junkertum zu führen, versagt hat, haben die Arbeiter den Kampf aufgenommen und werden ihn weiterführen. Auch die süddeutschen Volksvertreter werden sich die Frage vorzulegen haben, ob sie noch eine Blockpolitik unterstützen können, die in erster Linie darauf hinausgeht, die Unabhängigkeit der Bundesstaaten zu gefährden. Unerhört, daß eine Partei, die mehr als 300000 Stimmen aufgebracht hat, keinen einzigen Vertreter hat, die Konservativen auf etwa die gleiche Anzahl 140 Abgeordnete. Das herrliche preußische Wahlrecht soll auf Besitz, Bildung und Steuerkraft aufgebaut sein. Eine recht schöne Abstufung, bei der der preußische Ministerpräsident in der Wil- helmstraße in der dritten Klasse wählen muß und der Besitzer des Cafees Keck in der ersten! In Altona wählt der Polizeipräsident in der dritten Klasse und die Bordellwirte wählen in der ersten. (Hört! hört!) Und gegenüber einem solchen Wahlrecht hat der Reichskanzler erflärt, daß das Reichstags-Wahlrecht dem Staatswohl nicht entspreche! Derselbe Mann, der zur Sicherung der geheimen Wahl die Wahlzelle eingeführt har, erklärt jetzt: Ich kann die Einführung des gehei- men WahlrÄhts nicht in Aussicht stellen! In einem Lande, wo sonst der kleinlichste Polizeigeist regiert, in Sachsen, da ist doch wenigstens die geheime Stimmabgabe. Selbst Braunschweig, Sondershausen und Waldeck stehen in dieser Hinsicht hoch über Preußen. Die Konservaliven aber reden von dem Mut, offen seine Stimme abzugeben, und jubeln dem Reichskanzler zu, bei einer solchen Brutalisierung der Arbeiterschaft. Warten Sie nur ab. Sie sollen gelehrige Schüler an uns haben; bloß verbitten wir uns dann, daß Sie uns Terrorismus vorwerfeu. (Lachen rechis.) Und der Reichskanzler, dieser moderne Mann, dieser liberale Manu (Hohngelachter der Soz.) — er stellt sich auf diesen Standpunkt! Wir berufen uns auf den künstigen König von Bayern. (Hört! hört! links.) Das geheime Wahlrecht, sagte er int Reick'srak, ist ein Schutz der Schwachen gegen die Starken. (Hört! hört!) Und der Reichskanzler saat:' Es verträgt sich nicht mit dem Staatswobl! (Stürm. Kundgebungen der Soz.) ®o ist Bülow nur der Vertrauensmann, der Agent der Herren dort rechts. Das soll er sich auf seinen Grabstein setzen lasse». We!tn die preußischen Freisinnigen jetzt nocki so vor- zückt auf diesen Mann blicken — gut. sie mögen eS tun; sie werden ja von ihren Wählern die Antwort erhalten. Wie hat Fischbeck die Ohr- ferne des Reichskanzlers quittiert? Er wollte »och etwas E r f r e n liches in der Antwort des Reichskanzlers erblicken. (Hohngelächier bei den Soz. und im Ztr.) Ein süddeutsches Blatt hat ihn am besten charakterisiert: Ter kleine Moses kommt zn seinem Papa: Latteleben, Tatteleben, der Ferscht hat mit mir gesprochen!— Nu, Moses, was, hat der Ferscht gesagt? — Geh weg, du »reckiger Jud, bat er aesagt. (Schallende minutenlange Heiterkeit.) Ein großer politischer Moment zeigt ein so schwaches und schwächliches Ge- chlecht wie die Freisinnigen. Schon in ihren eigene» Anbängerkreisen und in ihrer eigenen Presse arbeitet man nickst mehr mit. Die Frei- siniriae Zeitung unterschlägt und unterdrückt ja allerdings diese Aeußerungen. (Lachen bei den Freisinnigen.) Der Freisinn hat nicht einmal die Entschuldigung für sich, daß er durch die Er- klärung vom 10. Januar überrascht sei; er hat die Erklär» n g schon am Abend vorher gekannt. (Hört! hört! bei den Soz.) Tas Zentrum hat zwar für die Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen gestimmt, aber viele von ihnen haben wohl gedacht, das ver
pflichtet ja zu nichts. (Widerspruch im Zentr.) Dem jetzigen Zentrum muß ein Ende bereitet toerben. Ich wende mich zur Frage der Straßendemonstrationen. Die Straße gehört nicht den sozialdemokratischen Agitatoren, hat der Reichskanzler erklärt. Haben denn die Arbeiter weniger Recht auf die Straße, als die antisemitischen Handlungsgehilfen, die in den beiden Wahlnächten Straßendemonstrationen organisiert haben? Es sollen zwei Schüsie gefallen fein. Die Sozialdemokratte bat doch wahrlich an solchen Schüssen kein Interesse: wohl aber die Polizei. Ihr ist es zuzutrauen, daß fit um ihre eigenen Maßnahmen zu rechtfertigen, einige Leute beauftragt, Schüsse abzmeuern. In den Wahlnäckten des vorigen Jahres, am 26. Januar, ist die Polizei von der Straße fernge- blieben, hat die Versammlungsteilnehmer ganz ruhig nach Hause gehen lassen. So gut wie die Patrioten die „Wacht am Rhein" und „Deutschland, Deutschland über alles" singen dürfen, so gut dürfen die Arbeiter die Arbeitermarseillaise singen. Anderwärts sind politische Straßendemonstrationen allgemein bekannt. Wir wollen das Risiko auf uns nehmen, diese Straßendemonstrationen auch in Zukunft zu betreiben. (Lebhaftes Hört! hört!) Das ist eine Frage der politischen Bildung. In Oesterreich haben öle Arbeiter sich durch die friedlichen Demonstrationen das allgemeine Wahlrecht erobert. Ich mag von der Regierung so schlecht denken wie nm möglich, ich würde aber nie glauben, daß ein preußischer Ministerpräsident das Verbrechen begehen könnte, auf harmlose auf der Straße marschierende Arbeiter schießen zu lassen. Das ifl nur noch in Rußland möglich. Wenn die Regierung die Demonstrationen nicht will, so mag si< den Willen des Volkes erfüllen. (Beifall bet Sozildemokraten.)
Präsident Graf Stolberg ruft den Abg. Fischer nachträglich zur Ordnung, lveil dieser KU Anfang seiner Rode gefragt habe, ob die Regie- rung die Verantwortung für all' die Polizeiinfamie übernehmen wolle.
Abg. Krcth (k.): Wir lehnen es ab, hier in eine Erörterung der Wahlrechtssrage einzutreten. Ich weise auf die Unterschiede zwischen den Ovationen in der Walstnacht und den jetzigen Demou- ftrationen hin. Das ist der Unterschied der Gesinnung. (Widerspruch bei den Soz.) Daß die Schüsse am 12. Januar von Spitzeln abgegeben sind, steht im Widerspruch mit dem „Vorwärts"! der sie als harmlose Detonationen bezeichnet. Nun plant man weitere Demonstrationen und möchte gern vom Reichskanzler wissen, ob bann die Truppen nicht da sind. Wo waren Sie (zu den Soz.) denn bei den Demo-nskrationen? (Widerspruch bei den Soz.; sehr richtig rechts.) Man sah sehr viele, die nickst da maren. (Sehr richtig rechts, großer Lärm bei den Soz.) Wo eS sich um Gefahren handelte, da waren die preußischen Junker immer in der ersten Reihe. Ich empfehle den Herren Sozialdemokraten dieses Beispiel nachzuahmeu. (Stadthagen ruft: Wenn wir kommen, dann reißen die preußischen Jllnker all« aus! Schallendes Gelächter.) Frauen und Kinder haben Sie zu den Demonstrationen mitgenommen. Wenn Sie diele Frauen und Kinder als Schilder gegen die Polizei benutzen wollen, (mit erhobener Stimme) dann wird die Entrüstung des deutschen Volkes Ihre Partei vom Boden fortfegen. (Stürm. Entrüstung der Soz., Bebel bringt erregt die Treppe zur Rednertribüne heran und schreit ihn wütend an. erregt mit der Faust drohend, ein minutenlanger Lärm setzt ein, Pfuirufe ertönen, Ledebour ruft: E'eude Räuberbande, dazwischen hört man Rufe, wie: Schutte! Herunter von der Tribüne ufte.) Kreth fährt fort: Die Beschimpfungen meinet Person durch Parteibudiker und ähnliches Ge»
Rest Merian.
Roman von Marie Bairrlein.
24] (Hochdruck verboten.)
„Lilly! Lilly! Sei doch ein klein tventg vernünftig! Es ist ja Wahnwitz, durch diese Flam- menmassen bringen zu wollen. Du gefährdest Tein Leben! Komm hinlveg von der unsicheren Stelle, wo der Tod Dich ereilen kann, wenn ein brennendes Holzstück auf Dich stürzt."
Die Bitten und Vorstellungen Rests icaren vergeblich. Tie eigensinnige Frau meinte, eS au, diese Weise erzwingen zu können, daß jemand den Versuch machen würde, die beklagten Ob- rekte zu holen.
„Natürlich! Was liegt Dir daran, wenn ich mein ganzes Gut verliere! Dir könnte es vielleicht nocy passen; hast mich wohl schon genug beneidet um meine Besitztümer alle die Jahre her!"
Rest war in gerechter Empörung über diese gehässige Rede unwillkürlich weit von der Baronin. deren wahren Charakter Schrecken und Angst zutage treten ließen, zurückgewichen und schaute das rabiate Weib empört an. Sie dachte in die- fern Augenblicke nicht daran, daß sie gerade unter bem boni Feuer umzüngelten Balkon stand.
5. ar-yrsQU £on S«"!L«n dem geringschätzen, den Blick der braunen Madchenangen begegnete da stieg doch etwas wie Scham in ihrem egoistischen, eitlen Herzen auf. Sie wandte sich und schritt stumm dem nahen Baumgarten zu. Ein zweistimmiger, gellender Angstrnf machte sie wieder zurückschauen. Sie bemerkte gerade noch, wie von einer Seite her ein Mann und von der andern ein Knabe auf Rest Merian zu stürzten und diese von der Stelle wegrissen, an welcher sie noch immer stand.
Im gleichen Augenblick fielen die Trümmer f®* Veranda mit gewaltigem Getöse in Alles eilte der Stätte zu, wo man fo- «en noch hte bret Menschen gesehen hatte. Als
man vor Rauch und Oualm etwas erkennen konnte, stand nur noch Rest Merian ausrecht; den Gutverwalter mußten die Leute unter dem glimmenden Holzhaufen hervorziehen, er gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Der Aermste hatte sein Wort, das er beim nachmittägigen Tanz der geliebten Braut ziigeflüstert, nur zu schnell ritt- gelöst. Er war für sie in den Tod gestürzt. —
Beim fortgesetzten Aufruhr der Elemente, unter Blitz und Donner und SturmeSwüten trug man ihn als erstes Menschenopfer der heutigen Unglücksnacht abseits in den Garten und legte den starren Leib unter einer breitästigen Linde nieder.
Rest folgte, auf ihren Armen den ohnmächtigen Raoul tragenb, dem traurigen Zug wie geistesabwesend. Das Kind war zwar von einem herunterstürzenden Balken nur gestreift werden, allein derselbe hatte gerade die Schläfe getroffen. Im fahlen Blitzlicht und dem Scheine des von der Brandstätte herüberleuchtenden Feuers konnte sie ein blutiges Bächlein bemerken, das über das blaffe Knabengesicht rieselte.
Das Mädchen setzte sich in die Nähe des Toten, nahm Raoul auf ihren Schoß und trocknete mit einem nassen Tüchlein das von Blut und Ruß beschmutzte liebe Angesicht. Unaufhaltsam stürzten die Tränen aus Rests Auge», und wenn sie einen kurzen Blick auf den stummen Mann neben sich warf und von diesem wieder auf den leblosen Knabenkörper niederschaute, so meinte fie vor Schmerz und Angst wahnsinnig zu werden. Denn um ihr eigenes armes Leben zu retten, hatten sich die beiden teuren Wesen in die Gefahr begeben. War sie nickst wahrhaft und stark geliebt worden? Wog ihr Wohl das Dasein dieses edlen Mannes und die hoffnungsvolle Zukunft des Kindes auf?
Fräulein schüttelte sich plötzlich vor Frost, trotz der schwülen Gewittertemperatur. In ihrem Kopfe hämmerte und pochte es uiibarmherzig und die Schläfen glühten, daß ihre Hand umvillkür- lich hintasteie, in der Meinung, es wäre ein feu
riges Holzstück darauf geflogen und kohle weiter. Rest mußte sich Gewalt antun, um die Gedanken nicht ganz zu verlieren; denn für Augenblicke konnte fie sich kaum zusammenreimen, wie sie unter die Bäume des Simniernschen Parkes gekoni- men war, und toarinn dort im regenfeuchten Grase lang ausgestreckt ein stiller Mann und auf ihrem Schoße der regungslose Raoul lag. Das Schreien und Jammern der Leute drang nur noch wie ein fernes Echo vom Gutshofe herüber und sie konnte das Geräusch, das die von der Stadt kommenden Feuerspritzen verursachten, schon nicht mehr unterscheiden. — — —
„Rest! Resit" tief es im Ton der höchsten Angst.
Diese hörte nichts. Nach rückwärts gesunken, den Kopf an den Buchenstamm gelehnt, glich sie selbst einer Toten.
Als Fritz die Pslegeschwester endlich auch unter den allen Bäumen des Parks suchte, da stürzte er schreckensbleich zu der Ohnmächtigen hin, die sein verunglücktes Kind mit den Armen umschlungen hielt. Einige Feuerwehrmänner waren ihm gefolgt und machten nun Anstalten, die zwei bewußtlosen und den toten Menschen auf Tragbahren in die Stadt zu bringen. Ter Kauf, mann begleitete die Sänfte, auf welcher das Weid seiner Liebe und sein einziges Kind ruhten, mit schwankenden Schritten und schmerzverzerrtein Antlitz. In dieser Stunde war er sich nicht be- wußt, um welches von beiden fein Herz mehr bange. Der dumpfe, ungeheure Schmerz ließ ihn keinen Vergleich ziehen!
Als die traurige Gruppe vor dem Vorstadtbäuschen — den Toten hatte man in das städtische Lcichenhaus getragen — angenommen war, und Christel, die unter Weinen und Velen auf den Ausgang des nächt!irfjen Fortlauseu? ihres Herrn gewartet hatte, sich mit einem Wehrus auf die beiden regungslosen Gestalten wars, da öffnete Rest zum erstenmal die Augen. Aber das war nicht mehr ihr ruhiger, klarer Blick. Ungewöhnlich groß und inerkwürdia glänzend schau
ten die braunen Sterne in die bekannten Gesichter des Pslegebruders und der treuen Magd. Allein nichts verriet, daß das Mädchen wußte, wer sich um es beschäftige. Als Christel weinend fragte: „Fräulein Resi! Liebes Fräulein! Sennen Sie mich denn nimmer?" Da stieß die Kranke einen durchdringenden Schrei aus, stieß mit den Händen nach der Alten und wehrte entsetzt ab:
„Fort! fort! Ich will nicht hinein ins Feuert Stillt das Blut dort am Kopfe Raouls — wet sagt, daß Rudolf tot ist, ich habe ihn nicht gemordet!" —
Fritz Weilers war gleich, nachdem er die beiden unter dem Dache seines Hauses wußte, fortgeeilt, um einen Arzt zu rufen; und als er atemlos und schweißtriefend mit diesem zuriickkehrte, da hatte Christel mit Mühe und Rot bewerkstelligt, daß Resi in ihr Bett gebracht tvorden war und Raoul neben ihr auf seinem Lager ruhte.
Ter alte vertraute Doktor, welcher schon den Vater des jungen Kaufmanns, sowie auch die verstorbene Frau Weilers während ihrer Kranklieii behandelt hatte, machte ein sorgenvolles Gesicht, als er zuerst den noch immer wie leblos baliegen- den Knaben untersuchte. Lange — lange behielt er das dünne Kinderhändchen in seiner Rechten, um den schwachen Pulsschlag zu fühlen, legte das Ohr gegen die entblößte schmale Brust, hob die langen bläulichen Lider mit Gewalt von den Pupillen und schaute mit trauriger Miene in die säst schon verglasten Augen.
„Warum sollen Sie sich noch länger mit Zweifel und Angst abguälen, armer Baler?" sprach er zu dem jungen Mann, und der tiefernste Ton benahm diesem jegliche Hoffnung. „Das Kind hat nur noch wenige Stunden zu atmen, denn „leben" kann man dieses Hindäminern nicht mehr nennen. Die Wunde an der linken Schläfe ist ja an sich nicht lebensgefährlich, von dieser datiert nur der bewußtlose Zustand; allein das schwach« Brüstchen ist eingedrückt, es muß von einem schweren Balken getroffen worden feilt!" (3. f.).