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Perantw. Redattenr:

Sari Schütte;

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xSÄ« wochenbellage: „Illustrierte Somltagrzeikmg"

mmÄrblUage: „Fuldaer lveschichtsblätter"

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Sotationsdruckund Verlag der Fuldaer tiendruckerei in Fuldo Fernsprecher Nr. 9.

M 17.

Fulda, Mittwoch den 22. Januar 1908.

35. Jahrqansi.

Erges Mlatt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 21. Januar 1908.

Der Reichstag verwies heute zunächst nach unerheblicher Debatte den Gesetzentwurf, durch den die drahtlose Telegraphie dem all­gemeinen Telcgraphengesetz unterstellt wird, an eine Kommission von 14 Mitgliedern und be­schäftigte sich dann in zweiter Beratung mit dem Majestätsbeleidigungsgeseh.

Die Kommission hat die Regierungsvorlage in meh­reren Punkten abgeändert. Nach der Borlage sollen Majeslätsbeleidigungen nur dann strafbar fein, wenn sie bösmillig unv mit Vorbedacht begangen sind. Diese Bestimmung hat die Kommission abgeändert, daß Be­strafung nur eintreten soll, wenn die Beleidigung, „tn der Absicht der Ehrverletzung, böswillig und mit Ueber- tegung" begangen ist. Zweitens Hal die Kommission einen neuen Absatz geschaffen, wonach bei Borhanden- 1e«n mildernder Umstände die Gefängnisstrafe oder die Kestungshast bis auf eine Woche ermäßigt werden kann. Weiter hat die Kommisnon beschlossen, daß bei Verur­teil ung wegen Majestälsbeleidigung neben der Gesäng- .«'äftraie nut noch auf den Verlust der bekleideten öffentlichen Aemier, also nicht mehr, wie bisher, auch auf den Verlust der auS öffentlichen Wahlen hervor- pehenden Rechte erkannt werden kann. Die in der Regierungsvorlage enthaltene Bestimmung, wonach die Verfolgung von nicht öffentlich begangenen Majestäts- beletöigungen nur mit Genehmigung der Landesiustij- t-er>va>tung eintieten soll, hat di« Kommission gestrichen

Abg. Rocren (Ztr.) erklärte sich mit den Kom- missionsbefchlüssen einverstanden; dir Vorlage bleibe zwar weit hinter dem zurück, was man von einer gründlichen Reform des Majestätsbe- leidigungsparagraphen erwarten dürfe, bringe aber trotzdem gegenüber dem bestehenden Rechts­zustande erhebliche Verbesserungen.

Die Abgg. Brnnstermann (L), Osann sntl.), Graes (wirtsch. Vgg.), Dr. Müller-Meiningen (frs. Vp.) erklärten sich ebenfalls mit den Kom- »tissionsbeschlüssen einverstanden.

Inzwischen ist ein sozialdemokrati- sch er Antrag eingegangen, welcher den Maje- siätsbeleidigungsparagraphen ganz beseitigt wis­sen will.

Abg. Heine (Soz.) spricht die Befürchtung aus, daß der Begriff böswillig in der Rechts­sprechung parteiisch zu Ungunsten mißliebiger Parteien ausgenützt werden möchte. Der Red­ner ging auch auf den Königsberger Schänd- /iaulen-Prozeß ein, in dem der Redakteur des Königsberger sozialdemokratischen Blattes Marck- wald wegen Majestätsbeleidigung zu 15 Mona- len Gefängnis verurteilt wurde. In dem Ar- trkel war die Denkmalenthüllung eine Tragiko- mödie genannt und das Denkmal weiter als Schandsäule bezeichnet. Aus diesen Tatsachen babe man nun eine Majestätsbeleidigung kon- fintiert, obgleich in dem ganzen Artikel vom Kö­nige keine Rede sei. Tas Gericht war der An­sicht, daß der Ausdntck „Tragikomödie" eine Be- leidigung aller Personen sei, die an der Ent­hüllung teilgenommen hätten, also auch des Kai- skrs. (Hört! hört! bei den Soz.) Wenn solche urteile gefallt werden, dann könne man nicht das Zutrauen haben, daß das Gesetz künftig das frete Wort und die berechtigte Kritik schützen werde.

Staatssekretär Dr. Nieberding bekämpft den sozraldemok itischen Antrag und sucht die De- furchtung zu zerstreuen, als ob das Wort „bös­willig" politisch verwertet werden könne. Ein Pasten derer Ausdruck lasse sich nicht finden und bei der Ehrenhaftigkeit unserer Richter müsse nmn das Vertrauen haben, daß ein Mißbrauch r.idjt vorkommen werde. Der Prozeß in Königs-

berg befinde sich noch in Schwebe; er könne sich daher an der Erörterung nicht beteiligen, toeil der Schein einer Beeinflussung vermied«» wer­den müsse.

Der sozialdemokratische Antrag wird ab ge­lehnt und die Vorlage in Fassung der Kom- Mission angenommen.

Abg. Racken (Ztr.): Unsere ganze wirtschaft­liche Entwickelung drängt dahin, in unferm Zah­lungswesen an Stelle des Metallgeldes in höhe­rem Maße als bisher den Scheck heranzuziehen. Es ist daher wiederholt aus kaufmännischen firei­fen heraus der Wunsch nach einem Scheckgesey ge­äußert worden. Ein wesentlickies Hemmnis für eine weitere Ausbreitung des Scheckverkehrs war das vollständige Fehlen eines Scheckgesetzes. Des­halb will der vorliegende Entwurf dem Scheck als Zahlungsmittel eine richtige Grundlage geben. Wir stehen der Vorlage durchaus sympa­thisch gegenüber. Ter Gesetzentwurf ist bestrebt, in kurzer bündiger Form allen Verhältnissen ge­recht zu werden und man darf daher erwarten, daß es wesentlich zu einer Besserung des heimi­schen Goldmarktes beitragen wird. Bei einigen Paragraphen werden allerdings einige Aonde- rungen in der Richtung einer schärferen Fassung zu erwägen fein, deshalb beantragen wir, die Vorlage an eine Kommission von t4 Mitgliedern zu verweisen. Mit besonderer Anerkennung ge­dachte der Redner den Bestrebungen des katho- lisch-k aufmännischen Verbandes, der sich schon zu einer Zeit; als andere kaufmännische Korporationen dieser Frage noch ziemlich kühl gegenüber standen, für die Einführung des Scheck­verkehrs und seine gesetzliche Regelung ausge­sprochen habe.

Nach weiterer unwesentlicher Tebatte, in der die Vorlage auf allen Seiten grundsätzlich Zu­stimmung fand, aber mehrfach der Wunsch ge­äußert wurde, daß bald ein Post-Scheckgesetz fol­gen möge, wurde die Weiterberatung auf mor­gen vertagt, vorher Besprechung der sozialdemo­kratischen Interpellation betr. Einführung des Neichstagswahlrechts in den Bun­des st aalen.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 21. Januar 1903.

Bei dem Etat der Münzverwa11uttg regt

Abg. von Arnim (k.) die Ausprägung von 2S-Psg.-Stücken an.

Abg. Dr. Krüger (fr. Vp.): Durch eine Geld- Verschlechterung kann man die wirtschaftliche Kri­sis nicht beseitigen; man kann nicht behaupten, daß unsere wirtschaftlichen Verhältnisse besser wären, wenn die Taler im Verkehr geblieben wären.

Abg. Vorster (ff.) befürwortet die Einführung eines fjanblieberen Fünsniarksti'ickes.

Abg. Kirsch (Ztr.) bedauert die Einziehung des Talers und vermißt ein dementsprechendes im Volke beliebtes Geldstück. Ter Redner fordert eine allgemeine Revision des Münzgesetzes.

Abg. Knnitz (k.) befürwortet eine Erhöhung der Silberguote pro Kopf auf 20 M. Die Ein­ziehung des Talers werde im ganzen Lande als ein Mißgriff betrachtet. Redner bittet die ein­gezogenen Talerstücke nicht einzuschmelzen, son­dern wieder in den Verkehr ztt bringen.

Finanzminister Frhr. von Rheiubnben: Ein 25-Pfg-Stück halte auch ich für erwünscht. Die Versuche, eine bessere Gestaltung des Fiinfm.rrk- stückes herbeizuführen, sind noch nicht aufgegeben. Ich habe Anlaß zu, glauben, daß eine Lösung der Frage gefunden wird, lieber den Taler äußert sich der Minister nicht.

Damit ist der Etat der Münzverwaltung er­ledigt; mehrere kleinere Etats werden ohne De­batte 'erledigt und die zweite Beratung des LandwirtschaftSetatS fortgesetzt.

Abg. von dem Hagen (Ztr.) erörtert des län­geren, ob die Fehnkullur oder die Hochmoorkul­tur daS Richtigere sei; er kommt zu dem Resul­tat, daß diese Frage je nach dem Werte der um­liegenden Ländereien entschieden werden müsse. Für die linksemsischen Gebiete sei jedenfalls die Fehnkultur das Richtige. Es müsse eine Behörde geschaffen werden zur Leitung und Förderung der Bestrebungen in der Moorkultivierung.

Landwirtschaftsminister von Arnim erklärt, in nähere Erwägungen über die Anregungen des Vorredners eintreten zu wollen.

Abg. Baensch-Schmidtlein (ft.) wünscht die Aufforstung der Oedländereien von Staatswegen und um Unterstützung von kleinen Leuten bei der Aufforstung.

Abg. Dr. Glattfelter (Ztr.) forderte eine Aen- derung des beabsichtigten Regulativs für die Ge- meindeforstverwaltung in der Rheinprovinz. Ter jetzt ausgearbeitete Entwurf des Provinzialaus- schusses beraube die Gemeinden , des Rechtes., ihre Förster und Oberförster zu wählen, und über­trage dem Kreisausschuß das Vorschlagsrecht.

Abg. Dr. Ferbers (Ztr.) schloß sich dem an. Die Staatsaufsicht über die Forstverwaltungen der Gemeinden müßte in der Rheinprovinz ein­heitlich geregelt werden.

Abg. Tourneau (Ztr.) trat für die Auffor­stung auf den Höhen des E i ch s selbes ein, er sprach die Hoffnung aus, daß im nächsten Jahre die für diesen Etatstitel ausgeworfene Summe verzehnfacht werde. Die Durchführung der Ver­fügung des Ministers, daß staatliche Beihilfen zur Anpflanzung von Obstbäumen nur dann ge­währt werden sollen, wenn es sich um die Schaf­fung von Musteranlagcn handelt, kann zu einer Veredlung der Obstkultur zweifellos beitragen. Indessen ist doch zu bedenken, daß den ärmeren Kreisen dadurch die Möglichkeit genommen wird, den Anbau besserer Obstsorten zu beginnen.

Ein Antrag von Bieberstein (k.) will bei dem Titel „Förderung der Land- und Forstwirtschaft in den östlichen Provinzen" eine Verstärkung um 200 000 M gegenüber einer Verminderung des Titels „Förderung der inneren Kolonisation in Ostpreußen und Pommern" um den gleichen Be­trag. — Ein Antrag von Bockelberg (f.) will von dem letzteren Titel die Summe von 300 000 Jl zur Förderung der inneren Kolonisation in den übrigen Provinzen abzweigen. — Ein Antrag Heydweiller (ntl.) wünscht gesetzliche Erleichte­rungen für die Inhaber von Rcntenantern hin­sichtlich der Beschaffung von Betriebskapital und Bodenkrediff sowie die gesetzliche Ermöglichung des Erbbaurechts für kleinste Rentenguter.

Abg. Ehßling lfrs. Vp.) hat Bedenken gegen die Anträge von Bieberstein und Bockelberg, weil sie eine Schwächung dec Mittel für den Osten in ich schließen.

Landwirtschaftsminister von Arnim erklärt sich bereit noch einmal mit dem Finanzminister we­gen einer eventuellen Erhöhung der eingesetzten Summen in Verbindung zu treten. Den vorge­tragenen Wünschen werde nach Möglichkeit ent- prochen werden.

Abg. von Savigny (Ztr.) glaubt, daß man nach den Erfahrungen der letzten drei Jahre in Ostpreußen, und Pommern auch daran gehen ollte, ähnliche Erinrichtungen auch in anderen Provinzen zu treffen. Im Westen lege man Wert darauf, daß die Behandlung des Grund und Bodens in die Hände der Selbstverwaltung gelegt werden ohne Einwirkung des Staates. (Beifall im Zentrum.) Tie beiden Titel gehen

mit den drei dazu gestellten Anträgen an die Budgetkommisfion zurück.

Das Hans vertagt sich auf Donnerstag mit der Tagesordnung: Bankdiskoutinterpellation, Automobilantrag. Antrag Hitze (Ztr.) wegen Aenderung des Einkommensteuergesetzes, Fort­setzung der Etatberatung.

):(Die soMdemokratijche Wahlrechts' Interpellation

wird Beule den Reichstag beschädigen. „ Da, rote verschiedentlich verlautet, Fürst Bülow die Interpellation selbst beantworten wird, fleht also ein sogenannter «großer Tag" bevor. Aber weit mehr als die Antwort des Reichskanzlers dürfte die Stellungnahme der freisinnigen Fraktionen an diesem Tage interessieren.

Wenn einmal wegen der Wahlrechtssrage interpelliert werden sollte, waren die Freisinnigen die nächsten dazu- beim ihnen war im Abgeord­netenhause das schroffe Nein ins Gesicht ge'chleu- bett worden und sie hatten als entfcheibender Terl des Negierungsblocks im Reichstage die Macht, eine roitlfame Verhandlung über die Sache her­beizuführen. Aber die freisinnigen „Herren" vom Reichstag haben es in der Selbstverleugnung schon so weit gebracht, daß sie Schweigen für die beste Quittung einer richtig empfangenen Ohr­feige halten.

Die neueren bekannten Vorgänge im Lande zeigen, daß die freisinnigen Wähler in vielen Orten mit dieser lammfrommen Haltung ihrer Fraktionen nicht einverstanden sind. Das macht die Situation der Abgeordneten bei der heutigen Interpellation etwas ungemückich. Mit dem Kopfe müssen sie Bülow freundlich zunicken und mit den Beinen zur Erbauung ihrer Wähler lrästig ausschlagen und den Zornigen markieren. Zn eine Llerschärfung der Situation sind die Freisinnigen gedrängt worden durch dir Forde­rungen derBerlmerRationalfozialen, die bekannt­lich eine Rewlrttion annahmen, in der jedes wei­tere Festhalten der freisinnigen Fraktionen an der Blockpolitik für unverträglich mit der Ehre deS Liberalismus erklärt und der Wahlrechtsausschuß der freisinnigen Fraktionen nach feinet Zusammen« ietzung als kein geeignetes Mittel bezeichnet wird zur Entfachung einer Bollsbewegung. Weiler wird in der Resolution die Fraktion der freisin­nigen Bereinigung beauftragt, dafür zu sorgen, daß bei Besprechung der sozialdemokratischen Wahl­rechts-Interpellation im Reichstag ein offizielles Mißtrauensvotum seitens der Fraktions-Ge­meinschaft der Politik des Reichst anckers gegen­über erfolgt. Schließlich wird dem Reichstags- Abg. Dr. Potthosf der Dank der Verlamm- lung dafür ausgesprochen, „daß et als erster bi« Ehre des Liberalismus im Reichstage burch sein« Kampfzufage gegen Bülow zu retten versucht hat.*

Richt mintereffant sind auch die Bemerkungen, die die ,Berl. Volksztg/ im Anschluß an bit geheimnisvolle Sitzung der Freisinnigen Vereini­gung vom Sonntag knüpft. Das Blatt meint, an ein harmonischrs Zuta mme na rbeiten in der libeiaien Fraklwnsgemein'chaft sei, so lang« die lauen Elemente die Overhand habcn, nicht zu denten. Es habe gar leinen Zweck, diese Differenzen zu vertu'chen wie es die pariei- vffiz ö>en Organe und Korrespondenzen tun. Eine reinliche Scheidung, bie sich freilich n.cht aufdieWleberhersteUung bei allenFraktionsvestände

Resi Merian.

Roman von Marie Bairrlein.

231 (Nachdruck verboten.)

^Das Fräulein, welches gerade bei der Gast­geberin stand und dieser auf ihre Fragen nach dem Pflegebruder Antwort gab, bemerkte Plötz- lich, daß jemand schüchtern und doch dringlich an ihrer Rockfalte zupfte.

„Ach mein herziger, kleiner Mann! Du machst Dich bemerkbar, weil Du meinst, die Tante hätte sagte sie, als sie in das betrübte schicken des Knaben blickte. „Doch warte noch gleich kommt unser gemein- fchaftlicher Tanz an die Reihe."

Alles lächelte, als bei wiedereinsetzender Musik S. 2lu?eV C‘ne" Raoul in die Reihen der ausgestellten Paare eintrat. Tie Miene des Kin- des war ernsthaft und würdevoll, und seine kur- An Beinchen bemühten sich, mit den Tanzschritten Jg? «! Einklang zu bleiben. Obwohl etwas £ e^bochn Ak ungewohnten Herumwirbel,,s. nung die große Auszcich.

hatte' Gr xnn anderen Kindern voraus

Kopf'Nesis z7sickL»°? beendigtem Tanz den lächelnde Angesicht derselben und ttüll fier Liebesbezeugung: b fktflcrte In

rrf"SHeine Cjrt3iqe' g°sdene Tantel Du bi» fn heb und gut, und Raoul hat Dich unmenschlick könnte^" EC fUt gleich ganz tot werden eigentümlich berührt, als fast die gleiche Redewendung, nut welcher ihr vorhin der Bräutigam stine Liebe beteuert hatte, jetzt auch o nn T K'ndermund an ihr Ohr klang. Es genstrick^n-n^.n^'"Ernacht, als die letzten Gei- feft betti!infr b-lc flefamte am Ernte-

unb SiQf *"•£ b°n ^nz, Freude

zu pflegen —’8 um der Ruhe

*• g ’ diejenigen Gaste, welche wieder in

die Stadt zurückkehren wollten, hatten sich des kommenden Gewitters halber bereits früher ver­abschiedet. Resi aber mußte mit Rücksicht auf das Kind die Einladung der Baronin, auf Sim­mern zu übernachten, entnehmen.

Sie und Raoul lagen denn auch bald im traumlosen, tiefen Schlummer und nicht einmal das Grollen des Donners drang an die Ohren der beiden friedlichen Schläfer. Aber sie waren nicht die einzigen, deren Sinne so wenig auf die Außenwelt reagierten; die müde getanzten Dienstboten, die drüben im Gesindehaus schliefen, der die Nachtwache habende Stallknecht, der sich an Branntwein und Bier allzu gütlich getan hatte, schliefen ebenso fest, wie sämtliche Insassen des weitläufigen Herrenhauses. Nur das Vieh in den Ställen brüllte laut und ängstlich bei dem Zucken der fahlen Blitze. Es zerrte unruhig an seiner Kette, so daß ein unausgesetztes Rasseln und Klirren in den heißen, durch die Ausdün­stung der Tiere noch schwüler gemachten Räumen laut wurde.

Man konnte daher das Entsetzen der schlaf- trunkenen Menschen begreifen, die mit einem Male von dem furchtbaren, ohrenbetäubenden Donnerschlag geweckt wurden, nachdem fast gleich, zeitig die Helle des zündenden Strahles wie ein Abglanz des grausigen Höllenfeuers sich unter ihre festgeschlossenen Augen gedrängt und die Pn- pillen trotz der schützenden Lider geblendet hatte.

Eine namenlose Panik bemächtigte sich der Bewohner Simmerns. — Kopflos vor Schreck und noch mehr oder weniger berauscht von dem nachmittägigen Erntetrunk, starrten die Knechte in die aus beut Herrenhaus hervorbrcchenden züngelnden Flammen, ohne daran zu denken, Maßregeln zur Bekämpfung des rasch um sich greifenden Feuers zu Unternehmern Mäd­chen liefen kreischend und händeringend umher, und das die nahende Gefahr ahnende Vieh zer­riß tn wahnsinnigem Schrecken feine Feffelkt und drängte brüllend ins Freie.

Der Verwalter war der einzige, welcher ge­faßt und energisch zugleich, Ordnung und Ruhe unter die Gesellschaft brachte. Er ließ das kleine auf den Wirtschaftsgebäuden angebrachte Sturm- glöcklein läuten, beorderte in aller Eile einige Männer an die Spritzen und ließ die Mägde mit den ledernen Wassereimern zur Hand stehen. Seine nächste Sorge galt Resi. — Doch bevor er bis zum zweiten Stockwerk, wo dieselbe einlo- giert war, bringen konnte, kam sie ihnt schon mit dem Knaben auf bem Arme entgegen. Ihr fönst so rosig blühendes Gesicht war'zwar totenbleich und die weitgeöffneten Augen sprachen von Be­stürzung und Angst; aber sie bot doch nicht den Anblick des äußersten Entsetzens, wie die hinter ihr auftauchende Gutsfrau selbst. Lllly von Sim­mern war in diesem Augenblicke nichts weniger als bie bewunderte, schone Frau. — Die roten vielbesungenen Lorelcilocken waren in Papilloten aufgedreht und verrieten ihren keineswegs natür­lichen Ursprung. Der vor Schreck weitgeöffnete Mund zeigte eine Lücke zwischen den Perlzähn­chen,, die am Tage nicht zu sehen war; bas ver­zerrte Gesicht war aschgrau unb der Teint wies jetzt merkwürdigerweise viele Risse und Näcb- chen, die am Tage nicht zu sehen war; das ver- Kontrast noch tiefrot — Frau Lilly mochte ver- geffen haben, vor dem Schlafengehen die Schminke auch von diesen tvegzuwaschen.

„Um GotteswillenI Herr Verwalter, stützen Sie mich, ich sterbe vor Aufregung!" rief sie dem Beamten entgegen, drängte rücksichtslos an Resi vorbei und umklammerte den Arm des Herrn, sc-daß dieser im Weitergehen gehemmt war.

„Beruhigen Sie sich, gnädige Frau! — Ge- schwind bie Treppe hinunter, bevor bas Feuer dieselbe ergreift 1 — Bitte um Verzeihung — aber kaffen Sie mir freie Bewegung, fonst kann ich die Damen nicht ins Freie geleiten! — Resi gib mir den Kleinen und führe Du die Frau Baro­nin — und jetzt — rasch hinunter, damit wir auf den Hof gelangen; denn die Flammen lecken be- reitß von oben her am Treppengeländer l"

Von rechts und links erschienen nun auch die zitternden Gestalten der ßimmermägbe und des Küchenpersonals; alles drängte in größter Hast dem Ausgang zu. Der Blitz hatte an zwei Stel­len zugleich gezündet, darum das rapide Umsich­greifen des Feuers.

Auf dem Hofe des Rittergutes stand ein er­barmungswürdiges, schreckensstarres Häuflein Menschen und sah in stummer Verzweiflung in das weitnm den Nachthinimel rötende Flammen­meer. Man konnte beinahe nichts tun, bem Um­sichgreifen bes tückischen Elements zu steuern, denn die kleine Spritze, welche für den Notfall ausbewahrt war und nur einen dünnen Strahl entsenden konnte, war unzulänglich für einen solchen Riesenbrand. Der tobende Sturm hatte nämlich die Feuerfunken auch auf die Wirtschafts­gebäude hinübergetragen und bald standen diese samt den heurigen Erntesegen bergenden Scheu­nen gleichfalls in Flammen. Wenn aus der Stadt nicht bald Hilfe kam, sah der dämmernde Morgen auf eine total verwüstete, öde Brandstätte l

Resi Merian hatte Raoul, der leise vor sich hinweinte, und dessen schwaches Körperchen vor Schreck und Aufregung bebte, an einen geschützten Platz getragen und bemühte sich nun um die wie versteinert vor dem brennenden Gutshause ver­harrende Witwe. Dieselbe wollte sich fortwährend in das Flammenmeer stürzen, um ihrs Barfchaft und die Pretiosen, an welche sie zu spät gedacht hatte, zu retten.

Was gingen sie das Gutshaus und die bent Untergänge geweihten Wirtlckmftsgebäube an. Die waren jetzt Eigentum des Majoratsderrn un­obendrein versichert; aber drinnen im lodernden Fenerhanfen verbrannte ihr persönliches Eigen­tum und niemand war mehr zu bewegen, bas- selbe herauszuholen unb boRj» Leben zu ris­kieren! ,

(Fortsetzung folgt).