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Fulda, Montag den 20. Januar 1908.
35. Jahrgang.
Deutscher Reichstag.
» Sitzung vom 18. Januar 1908.
,■ Der Reichstag führte heute die Besprech- chung der Knappschaftsinterpellationen zu Ende.
Abg. Gothein (fr. Vgg.) als früherer Oberbergrat selbst ein hervorragender Fachmann, spricht sich mit großer Entschiedenheit für die reichsgesetzliche Regelung des gesamten Bergwesens aus.
, , Abg. Brejskr (Pole) spricht in demselben 'Sinne und betont, daß durch die rückständigen Landesgesetzgebungen die Bergarbeiter von Jahr zu Jahr mehr entrechtet worden seien.
Abg. Gicsberts (Ztr.) hielt mit dem gestrigen Versuch des sozialdemokratischen Abg. Hue, die Frage parteipolitisch auszuschlachten, eine gründliche und wirkungsvolle Abrechnung. Unter dem lebhaften Beifall nicht nur seiner eigenen Parteigenossen sprach er sein tiefstes Bedauern dar- über aus, baß der Abg. Hue in einem Augenblick, wo es galt, in einer großen Aktion zu Gunsten der Bergleute einig und kameradschaftlich zusammenzustehen, ohne jede Veranlassung par- teipolitische Quertreibereien und Harspaltereien in die Debatte geworfen habe. Auch sachlich rückte er den Behauptungen des Abg. Hue, daß das Zentrum in der Vertretung der Bergarbeiterinteressen nicht seine Pflicht getan habe, energisch zu Leibe. Er schloß mit einem warmen Appell an die Regierung, alles aufzubieten, um jetzt noch eine friedliche Einigung herbeizufuhren, und er knüpfte daran die Erwartung, daß die Bergwerksbesitzer, nachdem ihre bisherige Haltung eine solche Unsumme von Mißtrauen und Mißmut ausgelöst habe, nun endlich des Grundsatzes noblesse adlige eingedenk sein möchten.
, Die Abgg. Sachse und Hue (Soz.» antworteten rn ziemlich kleinlichen Ausführungen dem Abg. Giesberts. Hue hielt zwar an seiner Auffassung fest, daß der Abg. Schiffer mit seinen Bemerkungen über die „reaktionären Parteien" des preußischen Abgeordnetenhauses diese ganze parteipolitische , Auseinandersetzung provoziert habe. Sachse schien aber nicht ganz dieser Ueberzeugung zu sein, sonst hätte er es wohl nicht für nötig gehalten, das Vorgehen des Herrn Hue damit zu rechtfertigen, daß andere, nämlich in erster Linie 6er. Abg. Behrens von der wirtschaftlichen Vereinigung, das gleiche getan hätten.
Abg. Baffermanu (ntl.) wies den seiner Partei gemachten Vorwurf zurück, daß sie zwar in der Theorie, nämlich im Reichstag, in Fragen r,es Bcig-echts liberal ser daß fie aber in de.- Praxis, nämlich bei der Gesetzgebung im Ab- geordnctenhaus, alle reaktionären Gesetze unterstütze
Montag: Viehseuchengesetz.
Preußischer Lau-Lag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 18. Januar 1908.
Das Haus beginnt die 3. Beratung der Dolenvorlage.
Abg.Tr. Szumann (Pole) gibt folgende Er- klarung ab: Einem Gesetzentwurf gegenüber, wie dem vorliegenden, welcher der Verfassung und den Rechtsnormen widerspricht und der zu einer rücksichtslosen Vergewaltigung der polnischen Be- völkerung in Preußen führt, lehnen wir es ab, uns an der Debatte zu beteiligen. Wir legen hier vor der ganzen Welt feierlichen Protest gegen den Gewaltakt ein, welcher in dieser Vor- läge verkörpert ist. Das schonungslose Unrecht, das die Regierung imd die Majorität dieses Hau
ses im Begriff steht, einer wehrlosen Minorität anzutun, wird und muß sich an den Urhebern desselben von selbst rächen. Den Kampf um unsere väterliche Scholle werden wir mit ungebrochenem Mut aufnehmen. Was wir als Volk sind, wollen und werden wir bleiben. (Lebhafter Beifall bei den Polen.)
Abg. Dewitz (ff.): Ich bedauere die Uebertrei- bungen des Grafen Praschma (Stürm. Widerspruch im Z., sehr richtig! rechts.)
Präsident v. Kröcher: M. H., regen Sie sich doch nicht so auf! (Große Heiterkeit.)
Abg. v. Dewitz (fortfahrend): Sie haben kein Recht dazu, zu sagen, daß wir die Verfassung beugen wollen, Sie haben auch keine Beweise dafür. (Lebhafter Widerspruch i. Z.) Nach allen AuS- fübrungen polnischer Zeitungen ist an eine Versöhnung nicht zu denken. In Posen hört man das Wort „deutscher Hund" mehr, als „lieber Gott". (Lebhafter Widerspruch i. Z. und bei den Pol.; sehr richtig! rechts.) Den Konservativen und uns ist die Entscheidung sehr schwer gefallen, aber das Staatswohl geht uns über das Privatwohl. (Lebhafter Beifall rechts und bei den Nationalliberal. Zischen bei den Polen und den Freisinnigen.)
Abg. v. Hehdebrand (k.): Wir haben Ja gesagt und werden dabei stehen bleiben. Wir wer- den auch in dritter Lesung für die Vorlage stimmen. (Verfall rechts.)
Graf Spee (Ztr.) meint, der erregte Ton de§ Abg. v. Dewitz habe im großen Gegensatz zu den ruhigen, sachlichen und meisterhaften Ausführungen des Grafen Praschma gestanden. (Sehr richtig!) Der Ministerpräsident habe ausdrücklich erklärt, daß er bis zu den äußersten Mitteln gehen würde und das sei eben die Expropriation. (Sehr richtig i. Z. und bet den Polen.) Graf Praschma hat nicht gesagt, daß die Konservativen die Verfassung beugen wollen, er hat objektiv festgestellt, daß durch ihr Vorgehen in unseren Augen die Verfassung verletzt werde. (Sehr richtig!) Auch unsere Sorge ist, wie es dem Staate in den Ostmarken infolge dieser Politik weiter ergehen mag. Gerade weil nach unserer Ueberzeugung der Staat auf falschem Wege ist, deshalb sind wir so entschieden gegen die Mittel, die hier vorgeschlagen werden. (Sehr richtig! i. Z.) In diesem letzten äußersten Augenblick will ich dem Haufe wie dem Volke nochmals zeigen, daß wir mit beiter Ueberzeugung und voller Ueberlegung entschiedene Gegner der Enteignungs- politk sind. (Beifall i. Z.) Unserer Ansicht nacy ist durch die Enteignung die preußische Verfassung verletzt (sehr richtig!), in der es heißt: das Eigentum ist unverletzlich, und: alle Preußen sind vor dem Gesetze gleich. Da liegt der Konflikt mit der Verfassung ganz unwiderleglich auf der Hand. Die Unverletzlichkeit des Eigentums, insbesondere an Grund und Boden, ist ein Grundpfeiler allen Rechtes in deutschen Landen. Sie (zu den Konservativen) werden sich doch schließlich sagen müssen: Weiter können wir nicht gehen! Aber dann haben Sie alle vorher- gegangenen Koirzessionen umsonst gemacht. (Lebhafter Beifall.) Ich muß es auf das lebhafteste bedauern, daß hier nicht der Bund der Landwirte Seite an Seite kämpft mit den christlichen Bauernvereinen. Was uns zusammenschließt, ist das Gefühl der Bodensessigkeit. Flammender Protest muß jedes deutsche Bauernherz erfüllen bei dieser Vorlage. (Lebhafter Beifall.) Dieses Vorgehen des Bundes der Landwirte wird ihm viel mehr bei den rheinischen Bauern schaden, als ihm das Lob der Deutschen Vereinigung jemals nützt. Die Folgen einer derartigen Gesetzgebung sind unübersehbar. Die Hoffnung des Fürsten Bülow, daß allein schon die Möglichkeit der Enteignung die Ansiedlungskommission auch polnisches Land freihändig erwerben kann, halte ich für unberechtigt. Ich glaube, die landbesitzen-
bett Polen sind dem Deutschtum nicht halb so ge- fährlich, als die aus dem Lande vertriebenen. Sie verletzen daS konservativste aller konserva- tiöeu und daS liberalste aller liberalen Prinzipien, während wir wie ein fester Turm und ein Bollwerk bet Verfassung für die Unverletzlichkei des Eigentums in Grund und Boden einstehen. (Lebhaftes Bravo!) Unsere Haltung straft auch das viel gebrauchte Schlagwort vom rechten und linken Flügel des Zentrums Lüge. Hier stehen wir geschlossen in der Verteidigung des konservativsten aller konservativen Rechte. (Lebhafter Beifall i. Z.) Es ist schon wiederholt hier betont: worden, daß Fürst Bismarck, wenn er einen Weg beschritten hatte und einsah, daß er auf falfdyem Wege war, er dann den Mut und die Kraft hatte, seine bisherigen Schritte rückgängig zu machen. Das hat er bei dem Kulturkampf gezeigt. Wün- scheu wir der Regierung den Mut und die Kraft des Fürsten Bismarck, damit, sie feiner Größe näher komme. (Lebhafter Beifall bei dem Zentrum und bei den Polen.)
Abg. Lusenskq (nL) betont, daß seine Partei nach genauer Pnüsung keine moralischen und rechtlichen Bedenken gegen die Vorlage habe.
Abg Wolss-Lissa (fr. Vgg.) sagt, daß die Vor- läge gegen die Verfassung so selbswerständlich verstoße, daß man bet Abfassung der Verfassung gegen ein derartiges Unternehmen wie jetzt keine Vorkehrungen zu treffen für nötig hielt.
Abg. Marx (Z.): Die Annahme der Vorlage wird, abgesehen von wirtschaftlichen Folgen, namentlich von unübersehbaren Folgen für die Rechtsentwicklung sein. In Erinnerung an die alten Traditionen unserer Partei können wir uns nicht enthalten, auch bei der dritten Lesung mit allem Nachdruck und aller Entschiedenheit wiederum darauf hinzuweifen, daß die Verfassung in sehr wichtigen, grundlegenden Bestimmungen verletzt wird. Das vorliegende Gesetz richtet sich ganz unzweislehaft gegen die Polen, die in unserem Vaterlande wohnen, die durch dies Gesetz anders gestellt werden sollen als die übrigen Angehörigen des Staates; das wird auch bestätigt durch die Erklärungen der Regierung, die nur den polnischen Grundhesitz treffen will. In der Kommission ist ein Antrag eingebracht, daß der deutsche Grundbesitz nur freihändig erworben werden sollte, aber der Justizminister hat daselbst erflärt, daß dieser Antrag in Widerspruch mit der Verfassung stehe, daher unannehmbar sei. (Hört, hört! im Zentrum.) Der Justizminister gibt also selbst zu, daß das Gesetz keinen Unterschied machen darf. (Hort, hort! in Zentrum? Das Gesetz vreletzt ferner Artikel 9 der Verfassung. Was öffentliches Wohl sei, darüber werden wir uns wohl niemals verständigen und niemals einigen. Wenn die Auffassung des Justizmini- sters und der Mehrheit des Hauses die Oberhand gewinnen sollte und richtig ist, wozu brauchen wir dann noch den Artikel 9 der Verfassung? (Sehr richtig! im Zentrum.) Wer entscheidet denn über baS öffentliche Wohl? Die zufällige Mehrheit, i)ie dann in den gesetzgebenden Faktoren des Lan- des vorhanden ist. (Hort, hort! im Zentrum.) Durch die Auslegung, die dem Artikel 9 gegeben werden soll, wird der Begriff des öffentlichen Wohles einfach verflüchtigt, er wird schrankenlos. Ich weiß nicht, wie man dann weiteren Schritten Halt gebieten kann. (Sehr richtig! im Zentrum.) Vor einigen Wochen ging durch die Zeitungen die Notiz,, daß man die innere Kolonisation in ein viel wirksameres Fahrwasser bringen könne, wenn man für ihre Zwecke die Enteignung gäbe. Gegen diesen Vorschlag wendet sich die Deutsch Tageszeitung mit aller Schärfe (hort, hört! im Zen- rum) und sagt: das ist der erste Schritt zum sozialistischen Zukunftsstaat. (Hort, hort! im Zentrum.) Ich sehe keinen Unterschied zwischen der hier gemachten Vorlage und dem Vorschläge
zugunsten der inneren Kolonisation; auch diese Vorlage ist der erste Schritt zum sozialistischen Zukunftsstaat (Sehr richtig! im Zentrum.). Daß ein ganz besonderer Fall der Enteignung hier vorliegt, unterliegt keinem Zweifel. Da» Gesetz von 1874 sagt, daß die Enteignung, wenn das öffentliche Wohl es verlangt, durch königliche Verordnung ausgesprochen werden sollen, die höchste Stelle im Staate soll verantwortlich fein, wenn das Eigentumsrecht angetaftet wird. Nun, wo das öffentliche Wohl nach Ansicht einer großen Anzahl von Mitgliedern dieses Hauses und der größten Mehrheit des preußischen Volkes (Sehr richtig! im Zentrum) als gefährdet betrachtet wird, da sieht man ab von der königlichen Verordnung, da läßt man aber diesen wichtigen Schritt lediglich die Ansiedlungskommission entscheiden. (Hort, hort! im Zentrum.) Ich meine, dies Vorgehen verdient die schärfste Kritik. (Sehr richtig! im Zentrum.) Eine Kommission, die zunächst nur zu wirtschaftlichen Zwecken zusammenberufen ist, soll über die heiligsten Rechte der Verfassung und des Grundeigentums entscheiden. (Hort, hort! im Zentrum.) Alle diese Bedenken nötigen uns zu einem Schritte, welcher der Mehrheit des Hauses die Gefährlichkeit und Bedenklichkeit ihres Vorgehen» vorführen soll: Wir werden beantragen, daß di« bekannte zweimalige Abstimmung nach der Verfassung vorgenommen werden soll. Ich bitte Sie noch einmal, lehnen Sie ein solche» verfassungswidriges Gesetz ab. (Lebhafter Beifall beim Zentrum, den Freisinnigen und den Polen. Zischen rechts und bei den Nationalliberalen.)
Hierauf wird die Vorlage im ganzen a n-' genommen und der Antrag auf zweimalige Abstimmung abgelehnt. Bei der Feststellung dieses Resultates fällt von der Linken der Ruf: Pfui!
Präsident v. Kröcher: Wenn ich wüßte, wer Pfui gerufen hat, so würde ich den Herrn zue Ordnung rufen. (Beifall rechts.)
Das Haus tritt dann in die Lesung des Etats ein. Tie Beratung beginnt beim Landwirtschaftsetat. *•'
Abg. Kreth (k.) wünscht Mitteilung über die Wirkung der zur Entschuldung der Landwirtschaft getroffenen Maßnahmen. Seine weiteren Ausführungen beschäftigen sich mit dem Kontraktbruch der landwirtschaftlichen Arbeiter.
Landwirtschaftsminister v. Arnim erklärt, daß die Regierung nicht an die Uebertragitng des Koalitonsrechtes an die landwirtschaftlichen Arbeiter denke. Die Maßnahmen gegen die ausländischen Arbeiter würden streng zur Ausbildung gelangen. In der Entschuldungsfrage feien keine weiteren Fortschritts gemacht worden.
Abg. Dr. Rewold (fk.):Die Sperrmaßregeln sind notwendig im Interesse der ganzen Bevölkerung; ein Rechtsanspruch auf Entschädigung kann nicht anerkannt werden. Das Koalitionsrecht darf den landwirtschaftlichen Arbeitern unter keinen Umständen gewährt werden.
Abg. Gyßling (frf. Pp.): Wir halfen die Ausdehnung des Koalitionsrechts im Prinzip für notwendig und bedauern deshalb die ablehnende Erklärung des Landwirtschaftsministers. Gegen die Unterstützung der durch Sperrmaßregeln geschädigten Landwirte habe ich Bedenken. Die wichtige Frage der Entschuldung muß gelöst werkten.
Abg. Wamhoff (ntl.): die Schutzzollpolitik har ich bewährt und der Landwirtschaft gute Dienst« geleistet. Die weiteren Ausführungen btetiben unverständlich.
Abg. Gras Spee (Ztr.) begründet die von der Kommission vorgeschlagene Resolution, welche diese entsprechend einem Antrag Graf Spee (Z.)
Rrsi Merian.
Roman von Marie Bairrlein.
(Nachdruck verboten.)
"Do mache ich ja eine ungeahnte Entdeckung!" ~5Cer Kaufmann rief die Worte in höchster Ge- mutsbetoegung aus und trocknete sich die Schweißperlen von der Stirn, welche diesmal mehr von der ungeheueren Erregung, als von der intensiven Sommerhitze darauf hervorgelockt waren. 7r auf Einen Stuhl niedersetzen und
dur-cks Erkunden schaute er wir schlaftrunken BBeite tn öte blaue, sonnendurchglänzte
aärhEP!?^ *Pcr Christel drunten im Haus- 9rS;f^n ^tQt °bschnitt, den man für den SIben&ttfdj benötigte und dieser nüchterne Vorgang rm Verein mit dem besonders geräuschvollen Ä schmettern des Distelfinken zeigte ihm daß er fnns€r ^“^Hbaftcn Stimmung unterworfen war sondern daß er tatsächlich das von jedermann als tertnfSäXnt[tl^'tümertt seiner Stiefinut- ferntni§ b°Ä Manne die volle Er-
Stunde dasTokmnent versteckt hab^, »Tn*« S “ÄiZ Ä vbFMSLSLSe^ btefer Selbstentäußerung bewogen? Rest hatte
Qn9<n^.rt' toie er im guten Glauben des Emaßigen Besitzers das Vaterhaus vertauschen Äfht l eme Armögen in das projektierte Ge- X toontr und keine Miene, keine An- iSaf PnÖ'rb66 fremdem Kapital wirt-
schön/ «Äs Und dieses Geld wäre doch eine naltPrs^hn91-1 9--efcn Iur die Braut des Ver- ne§ Sofm.f tm Älnnfc hatte sich selbst ein Hei- wirkliFÄ?" ^rben. Fritz Weilers wußte beuten bffi' die Beweggründe Rests zu Minen hafte, aber das wußte er gewiß, daß er,
nachdem er so unverhofft und ungeahnt hinter den Betrug des felbstlosen Fräuleins gekommen, das nachträglich aufgesundene Testament selbst bei Gericht hinterlegen, und damit der rechtmäßigen Eigentümerin ihren Besitz aushändigen würde.
Er konnte und wollte sich nichts schenken lassen von berjenigen, die ihm das größte Leid antat durch die beabsichtigte Vereinigung mit dem jungen Oekonornen. Sein Mannesstolz, der ja immer mit der leidenschaftlichen Liebe zur Pflegeschwester im Streite lag, wurde buisch diesen Großmutsakt des Mädchens nur noch verstärkt. Ah — er brauchte kein Geschenk anzunehmen. Wenn ihm die unversöhnlich gestorbene Stiefmutter durch ihren letzten Willen die Hinterlassenschaft zugunsten Resis entzogen hatte, so blieb ihm nur übrig, dies ruhig hinzunehmen; er war sich Mann genug, seine Zukunft auch ohne großmütige Abtretung der Pflegeschwester zu sichern. Er wollte der Frau eines andern keinerlei Dank schulden. Fritz Weilers legte den letzten Willen seiner Stiefmutter, welcher ihn alles Besitzes beraubte, wieder an den Platz zurück. Er wollte zuerst Rest auf fein Mitwissen aufmerksam machen, und sie dazu bewegen, das Testament freiwillig herouszugeben; würde diese es verweigern, dann wollte er selbst das Gericht auf das Por- handensein eines solchen aiifmerksam machen. Er sah eine höhere Fügung darin, daß das Fräulein heute in der Eile nicht nut ihr Zimmer unverschlossen, sondern auch die Kominodenschublade offen gelassen hatte, so daß er, freilich nur von Wermut und eifersüchtiger Bitterkeit getrieben, E überwältigende Entdeckung machen mußte.
Schweigsam und von den verschiedensten Ge- danken bewegt, brachte er den langen Sommernachmittag zu. Christel warf dann und wann einen forschenden Blick auf fein ernstes, grübeln- des Gesicht. Sie war es ja gewohnt, daß der „Fritz" in letzter Zeit nur wenig redete und stets eine reservierte Miene zur Schau trug; aber heute wollte die nachdenkliche Falte zwischen den
Brauen garnicht weichen. Er beachtete es gar- nicht, daß sie sich um ihn zu schassen machte, sondern blickte an ihrer Person vorbei, als befände sich außer ihm niemand anders tm Zimmer.
Nachdem die Alte ihr Tagewerk vollendet und dem Hausherrn alles für die Nacht hergerichtet hatte, schickte sie sich an, ihr Lager aufzusuchen. Dian wird nicht umsonst weißhaarig: man bückt sich unter der Last der Jahre und fühlt das Zittern der Glieder von Tag zu Tag immer mehr! Ein alter, abgearbeiteter Leib wird schnell müde, besonders wenn die schwüle Hitze eines Hochsommertages auf den welken Körper einwirtt.
„Wenn es Ihnen recht ist, Herr Fritz, bann möchte ich auf meine Kammer gehen. Oder haben Sie noch eine Besorgung für mich?" fragte die Köchin.
Der Kaufmann winkte nur lässig mit der Hand ab. Ihm war es gerade recht, daß sich die Alte zurückzog. Er wünschte heute nichts als Un- gestortheit und Ruhe. Bei ihm konnte natürlich von Schlaf keine Rede fein; der Nachmittag mit seiner überwältigenden Entdeckung hatte zu aufregend auf seine Nerven gewirkt. Zwar zündete er kein Licht an; der Vollmond, welcher hinter dickten Wolken — den sicheren Vorboten eines nahenden schweren Gewitters — hervorleuchtete, durchstrahlte das ganze Gemach mit magischer Helle. Tie Fenster standen weit offen, konnten aber keinen erfrischenden Luftzug bringen; denn die Glühhitze des Tages hatte sich zu einer dumpfen, beklemmenden Schwüle konzentriert, die beängstigend auf alle Sinne wirkte.
Als aber gigantisch«, sich mehr und mehr auf- türmende Wolkengebilde die gelblich leuchtende Mondscheibe unter ihren schwarzen Massen gänzlich verdeckten, sodaß ihm eine nur schwer zu durchdringende Finsternis entgegengähnte, da legte er sich samt den Kleidern auf das bequeme Ledersofa und verfolgte bas nun von Zeit zu Zeit aufzuckende Blendlicht kurzer, greller Blitze.
„Gott sei Dank! Wir werden nun doch Ab- kübluna durch ein Gewitter erhalten I" murmelte
er vor sich hin. „Da ist eS jetzt put, daß Rest und Raoul diese Nacht ganz auf Simmern bleiben, sonst würde sie der Regen vielleicht auf dem Heimweg überrascht haben!"
„Resi und Raoul!" Die beiden teuren Wesen nahmen se'n ganzes Denken und Sinnen in Anspruch Er konnte sich keines ohne das ander« mehr vorstellen. Sie waren ja zu Hause auch unzertrennlich; — aber für wie lange noch---
Leise — unmerklich senkte sich nun doch der Schlaf auf die Lider des Herrn und löschte mit wohltätiger Gewalt alle schmerzlichen Regungen aus seinem Seelenleben.
Er horte nicht mehr bas zuerst dumpfe, bann stets mehr anwachsende Grollen des Donners, sah nicht die gleich lodernden Feuerschlangen aufzu- ckenden Blitze und war taub für das gewaltig« Brausen des vor dem Gewitter einhereilenden Orkans. ____
Die alte Christel droben in ihrem Kämmerchen, die schon längst vor dem Wüten des Sturmes, der die Ziegel des Daches ob ihrem Haupt« zum Rütteln und Klirren brachte, geweckt worden war, faltete die schwieligen Hände zum Gebet und flehte in banger Sorge für diejenigen, welche di« unheimliche Gewalt der entfesselten Elemente unmittelbar bedrohte.
„O, Du gütiger Herrgott!" — Die Magd richtete sich ganz entsetzt im Bett auf und be- kreuzigte sich Auf einen intensiv lodernden, in zackigen Feuerlinien niedersahrenden Blitz war ein fast gleichzeitiger, knatternder, ohrenbetäubender Donner gefolgt. „Alle Heiligen! Das hat eingeschlagen I Der Herr sei den Betroffenen gnädig!" — Christel schlüpfte in ihre Kleider. Wer konnte wissen, ob der Blitz nicht in nächste« Nachbarschaft getroffen hatte?
Auf den furchtbaren Donnerscklag fuhr auH der Schläfer auf dem Sofa im Wohnzimmer ett schreckt in die Höhe.
(Fortsetzung folgt).