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Wochenbeilage: Illustrierte Sonntagrzeitung" _
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Fulda, Samstag den 18. Januar 1908.
30 14.
35. Jahrgarg.
Zweites Wtcrtt.
Wochen-Rundschau.
X Fulda. 18. Januar 1908.
Zm Abgeordnetenhause hat der Freisinn in der Wahlrechtsfrage ein« schwere Schlappe erlitten. Sein Antrag auf Einführung des Reichstagswahlrechtes in Preußen wurde von Bülow brüsk abgelehnt. Unter tosendem Jubel der Rechten einschließlich der Nationalliberalen, eisigem Sc^veigen des Zentrums und Zischen des gedemütigten Freisinns erfolgte diese Abfuhr und daraufhin wurde der freisinnige Antrag von den konservativen Parteien und den Nationalliberalen gegen Zentrum, Freisinn und Polen abge- lehnt. Und was tat der Freisinn? In einer lahmen Rede des Abg. Fischbeck schwang er sich nicht einmal zu einer entrüsteten Absage auf. Er will weiter hoffen und harren. Die Freisinnigen im Lande haben für diese Dulderstimmung vielfach nicht das rechte Verständnis, sie revoltierten in scharfen Resolutionen gegen die Partei und gegen den Block. Es scheint aber, daß der Sturm ganz gemütlich verebben wird. Auch im Lande ist der Freisinn eigentlich nur noch dann lebendig, wenn es sich um die Interessen der Börse oder um den Kulturkampf handelt.
Für die Sozialdemokratie bot die Wahlrechtsfrage eine erwünschte Gelegenheit zur Agitation. Am Sonntag haben sie in verschiedenen Großstädten Demonstrationen veranstaltet, und m Berlin ist es dabei zu Zusammenstößen mit der Polizei gekommen. Die Sozialdemokraten Sind sich sicher bewußt, daß durch derartige Stra- zendemonstrationen an dem bestehenden Zustand durchaus nichts geändert wird, aber aus agitatorischen Gründen haben sie die Menge der Polizei ^entgegen getrieben. Ob es richtig war, daß die Berliner Polizei so forsch gegen die Wahlrechts- demonstranten vorging, während sie doch bei anderer Gelegenheit, z. B. am Stichwahlstag eine andere Haltung einnahm, ist eine andere Frage. Auf jeden Fall haben aber die sozialdemokratischen Demonstrationen den vernünftigen Bestrebungen zur Herbeiführung einer Wahlrechtsänderung mehr geschadet als genützt. Die Zentrumspartei wird sich nicht beirren lassen, nach wie vor ihren schon oft dargelegtcn Standpunkt in der Wahlrechtsfrage mit Nachdruck und mit den Mitteln verfolgen, von denen schließlich doch ein Sieg zu erwarten steht.
! Das Flottengesetz wurde vou der B»d- lgetkommission des Reichstags angenommen. Das Zentrum enthielt sich der Abstimmung, weil nicht auch für die Beschaffung der erforderlichen Mittel gesorgt war. Die Blockmehrheit hatte keine Morgen darüber, sie nahm die Vorlage an, ohne darüber nachzudenken, wie die erforderlichen Hunderte von Millionen beschafft werden sollen.
In Bayern berät der Landtag den Etat "weiter. Der badische Landtag arbeitet noch Einzelfragen ab. Dabei hat die badische Regie- runfl sich auch zur Frage des Reichsvereinsgesehes äußern müssen. Sie hat sich dabei einfach auf den Standpunkt der preußische» Regierimg gestellt, daß das Gesetz keine Verschlechterungen für
Baden bringe, eine Ansicht, die außer ihr so gut wie niemand in Baden teilt. In Oldenburg regt sich die öffentliche Meinung auf über einen Konflikt des Großherzogs mit dem Parlament. Der Großherzog hatte in der noch immer streitigen Erbsolgefrage eine „geheime" Vorlage an den Landtag gelangen lassen, deren Ziel die Verkürzung der Regentschaftsrechte der Großherzogin war. Dagegen haben die knorrigen Niedersachsen im Landtage sowohl als im Volke mit Energie Front gemacht, und seitdem ist man am Hofe ziemlich verschnupft.
Die Flottenvereinskrise hat eine Klärung dahin erfahren, daß der Protektor des Vereins, Prinz Heinrich, eine Erklärung abgab, er werde das Protektorat des Vereins nicht weiter führen, wenn General Keim im Amte bleibe. Am Samstag hat in Berlin der Delegiertentag der brandenburgischen Abteilung des Deutschen Flottenvereins zur Affäre Keim Stellung genommen und sich nach längerer stürmischer Debatte auf eine Resolution geeinigt, die die Erwartung ausspricht, daß die jetzige Krise im Flottenverein durch den Rücktritt des Generals Keim von dem Amte des geschäftsführenden Vorsitzenden beseitigt wird. Auf ein an den Kaiser gerichtetes Telegramm des Delegiertentages erfolgte eine Antwort, in der der Kaiser erklärt, daß die im Telegramm zum Ausdruck gebrachte Gesinnung seine volle Billigung find«.
In Belgien wurde zum Ministerpräsidenten der bisherige Kammerpräsident Schollaert ernannt, dessen Hauptaufgabe die Angliederung des Kongo st aates an Belgien sein wird. Am Dienstag wurde über dieAngelegenheit in der Kammer beraten, eine gründliche aber wohlwollende Prüfung des Angliederungsvertrages wurde von der Mehrheit der Parteien in Aussicht gestellt. Ter neue Ministerpräsident selbst wird im Gegensatz zu seinem Vorgänger seinen ganzen Einfluß aufbieten, den König zur Herabsetzung seiner Forderungen zu bestimmen.
An der Ostküste Afrikas kam es zu einem schiveren Konflikt zwischen Abessinien und Italien. In dem südlichen Teil der italienischen Kolonie Somoliland drang eine Horde von 2000 bewaffneten Abessiniern ein, eine in Lugh stationierte italienische Truppe wurde wahrscheinlich vollständig aufgerieben. Zunächst wurde angenommen, daß der Negns Mettelik an dem Vor- gehen unbeteiligt sei; Bedenken aber mußte die Tatsache erregen, daß der Zielpunkt des Angriffs der Ort Lugh war, eine Stelle, die für den Handelsverkehr außerordentlich wichtig ist und über deren Gebietszugehörigkeit bisher keine Einigung zwischen Italien und dem Neans zu erreichen war. Nach den neuesten Meldungen hat der Negus auf Vorstellungen des italienischen Residenten hin Maßnahmen getroffen, damit die Raubscharen sofort das italienische Gebiet verlassen; weiter sollen di« Gefangenen und die Bente alsbald ausgeliefert iverden.
In Marokko ist den Franzosen durch den schönen Plan der allmählichen „Durchdringung" des Landes ein Strich gemacht worden, indem die Hauptstadt Fez in der landesüblichen Weise den Sultan Abdul Asis, den Kostgänger Frankreichs. für abgesebt erklärt und den Bruder des Entthronten, den Prätendenten Muley Hafid zum Sultan ausgerufen hat. Miiley Hafid, dessen
Sache nach den bisherigen Pariser Nachrichten so gut wie verloren zu sein schien, hat nun mit einem Male die besten Aussichten, die Macht über das ganze Kalifat zu erlangen. Das Ueberlaufen der Truppen zu ihm soll bereits im Gange sein. Abdul Asis scheint nach den Proben des letzten Jahres nicht fähig zu sein, seine Hauptstadt und seine Krone wieder zu erobern. Vor wenigen Tagen noch sah die Lage für die Franzosen nicht ungünstig aus. Der neue Oberbefehlshaber General d'Amade drang siegreich vor, in Madrid war zwischen dem spanischen Ministerpräsidenten Maura und dem französischen Minister des Aeu- ßern Pichon eine Einigung dahin zustande gekommen, daß auch Spanien fortan die Verhandlungen von Algeciras tatsächlich als nicht vorhanden betrachten, sondern Franrkeich frei« Hand in Marokko lassen wird, wofür es als Gegengabe einen nördlichen Küstenstrich besetzen darf, in Paris suchte der Finanzminister des stets an Geldmangel leidenden Sultans Abdul Asis, El Mokri, mit gutem Erfolg 150 Millionen für feinen Herrn zu pumpen. All diese Pläne wurden nun jäh durchkreuzt durch die Absetzung des Sultans. Tie Marokkaner werfen Abdul Asis vor, daß er das Land den Weißen ausgeliefert habe. Die Sendung El Mokris wird mit der Absetzung des Sultans aussichtslos fein, für Frankreich ergibt sich die Notwendigkeit, entweder das marokkanisch« Abenteuer aufzugeben oder aber gegen den Prätendenten einen langwierigen Feldzug zu beginnen, um Abdul Asis wieder in seine Rechte einzusetzen. Für Marokko wird voraussichtlich eine böse Zeit anbrechen, da auch ein Bürgerkrieg nicht ausgeschlossen erscheint, wenn auch Abdul Asis durch fein allzu nachgiebiges Verhalten den Franzosen gegenüber sich viele Feinde gemacht hat.
Tie Flotte der Vereinigten Staaten ist ausgezogen, um im Stillen Ozean die ameri- kanischenJnteressen zu schützen. Die Japaner wissen natürlich ebensogut wie jeder andere, daß dös Elerede von der großen „Uebungsfahrt" der Flotte eitel Wind ist, daß man es dabei vielmehr mit der Verlegung des Schwerpunktes der amerikanischen Flotte in den Stillen Ozean gegen die japanischen Interessen zu tun hat. Aber sie sind sicher viel zu gut orientiert, um sich Sorgen zu machen. Die Vorgänge in den brasilianischen Landungshäfen, die zahllosen Desertionen zeigen mir zu deutlich, daß bei- den Amerikanern sehr vieles faut ist, daß die amerikanischen Söldlinge im Kriege sicher nicht entfernt jene Zuverlässigkeit bieten, wie die zähen Japaner, die noch nicht gelernt haben, ibre eigene Persönlichkeit zu achten.
Los vom Block
ruft der Linksliberale Dr. Breil scheid in seiner neuesten Schrift: „Der Bülow-Block und der Liberalismus" (Verlag von E. Reinhardt in München).
Breitscheid hat den Mut, die Unwahrheil von dem „antinationolm" Zentrum deutlich zu kennzeichnen, und schreibt offen:
„Kein Zweifel! Fürst Bütow wollte den Bruch, wollte die Auflösung des Reichstages. ... Die Borwürfe, die der Silvesterbries gegen 'das unpatnotische
Zentrum richtet, sind sehr schlecht begründet; man do lagen: sie sind von einer geradezu unglaublichen Leichtfertigkeit. DaS muß hier feitgefteöt werden, nicht etwa, weil eine Apologie des Zentrums geschrieben werden soll, sondern weil das Ganze fe überaus charakteristisch ist für den Fürsten Bülow und seine Politik."
Breitscheid führt weiter auS, dem Reichs« kanzler sei es unangenehm geworden, daß er sich habe auf das Zentrum stützen müssen; er hab« oarin eine Gefahr für die Fortdauer seiner Kanzlerschaft erblickt und die scharfe Kritik der Nationalliberalen und teilweise auch der konservativen Presie gegen das persönliche Regiment, hätten eine Ablenkung gefordert. Da habe er eben jenen Moment gesucht, wo das Zentrum mit Polen und Sozialdemok'aten allein in der Opposition gestanden sei; nur diese Konstellation habe den Reichskanzler retten können.
Nach einer zutreffenden Schilderung der amtlichen Wahlagitation kommt der Verfasser zu dem Schluffe: Die Masse ist auf die Beine gebracht worden durch den Nus: „Los vom Zentrum!" Der Ruf vom schwarz-roten Kartell habe viele Mitläufer der Genoffen stutzig gemacht; sie hätten die Schwarzen nicht durch Abgabe eines roten Stimmzettels unterstützen wollen. Dana stellt der Verfasser fest, wie der GedankenganA der „nationalen" Massen gewesen fei:
„Sie träumte von einem frischen fröhlichen Krieg gegen Pfaffentum und Geiste sknechtschaf^ sie 'wähnten, daß die Feuer auf den Bergen da- Signal zum Vernichtungslrieg gegen die Feinde freier Forschung, freier Lehre, freier Schule geben sollten. Die Herrschaft der Kirche über den Staat sollte gebrochen werden, so hoffte man, die Fesseln der Orthodoxie gedachte man zu zerreißen, das Recht der Wissenschaft neben dem der Religion und über dem des Dogmas zu festigen, die Nebel des Mystizismus und der Romantik zu zerteilen, Staat und Individuum von den Ketten zu befreien, die der Klerikalismus geschmiedet hatte. ... Es war tatsächlich so etwas wie em furor proteetanticns über die Masse gekommen, aber bei den meisten richtete er sich nicht nur gegen den Katholizismus. Sie sahen in ihm nur den Hauplrepräientante« des herrschenden Systems und im Grunde kehrte sich der protestantische Zorn genau so gut gegen bis evangelische Rechlgläubigkeit wie gegen die katholische." (S. 45).
Run harren diese Streiter ihres Sieges- Preises! Doch der Siegespreis will, wie auch Breiticheid meint, nicht kommen, wohl aber habe der Vlockgedanke die Freisinnigen gefangen genommen. Die einzelnen Faktor n im Freisinn seien der Reihe nach umgefallen. Sehr eingehend besaßt sich dann der Versaffer mit der freisinnigen „Tattlk des Zurückweichens" in der Frage der Wahlreform. Er sagt: „Die Block- setischisten suchen sich mit dem Hinweis zu recht- 'trügen, daß, sobald die Liberalen in die Cppo» stion träten, daS Zentrum wieder in die alte Herrlichkeit einziehen würde. Das Zentrum leistet also dem Kanzler auch nach seiner Entthronung die wertvollsten Dienste." Breitscheid meint zwar, daß das Zentrum jederzeit bereit fei, „aufs neue von derselben Regierung Handgeld zu nehmen, von der es kurze Zeit vorher gewiffermaßen ver-
Unpolitische Zeitlöuse.
(u) Berlin, 16 Januar 1908.
(Nachdruck verboten.)
Berlin bekommt jetzt einen neuen Polizeipräsidenten. Ter alte Präsident hat gerade vor seinem Abgang, sozusagen zwischelr Tür und Angel, noch die Kraftprobe des „roten Sonntags" bestehen müssen. Man nennt den Sonntag rot, wenn die Sozialdemokraten ihn benutzen, um in Massen auf die Gassen zu steigen. So ein Massenzug hat Aehnlichkeit mit einer Lawine. Beide fangen klein an, wachsen unterwegs gewaltig an und können zum Schluß eine fürchterliche Verheerung anrichten. Wer ihnen zufällig in die Quere kommt, ist arg gefährdet. Die Polizei hat bei solchen Straßendemonstrationen einen schweren Stand. Sie soll die Ordnung aufrecht erhalten und sie soll zugleich di« Schonung wahren gegenüber den beweglichen Massen. Selten kann die Polizei es beiden Teilen recht machen; oft wird sie von beiden Seiten gescholten, hier wegen Schlappheit, dort wegen blutdürstiger Schneldrgkeit. Ein Polizeipräsident von Berlin fnuß Nerven wie Stahltrossen Haden. Soweit ich den neuen Spreepräfekten kenne, unseren bis- hengen Landrat von Stubenrauch, besitzt er in 5er Tat die erforderliche Nervenstärke, und dabei hat er einen gewaltigen Nacken, als ob er von oem alten Himmelsträger Atlas abstammte. Vogen Straßenkrawalle wird er sicherlich nicht ßdinber auftreten, als sein Vorgänger.
Ländern gehört es zu den teur"^n' baß die Politik auf die ©afie steigt. 2)fcrt lafet man die unruhigen Gei» per unt« fremn Himmel sich austoben, bis die Berne müde und tue Kehlen trocken werden. Dort lebt man überhaupt mehr auf der öffentlichen xkraße, während wir gewohnt sind, sowohl das Familienleben wie daS öffentliche Leben in den Wanden sich abspielen zu lassen. Wir betrachten
Straße als einen Fahr- und Fußweg zum pwecke der Ortsveränderung, aber nicht als Vor- |?”1*!J“*nQsWal oder gar als Kriegsschauplatz, m "WÜ sich vielleicht das Straßenleben
noch zu einer sogenannten ReiTTJL Kulturstufe entwickeln; auf absehbare EL. muß mit dem prosaischen Standpunkt \ «^L^b'8weckmäßigkeit gerechnet werden.
,Straßen werden doch auch zu Fest
zügen, Leichenzügen, ernsten oder heiteren Auffahrten ?c. benutzt. Freilich, und die Polizei handelt ungerecht und unklug, wenn sie solchen geordneten Aufzügen unnötige Hindernisse in den Weg legt. Sobald sie vorher über die Art und den Zweck, den Umfang, die Wege und das Ziel des Aufzuges unterrichtet ist, kann sie die nötigen Sicherheitsmaßregeln treffen, damit sich die Sache ohne Gefahr für die Ordnung und Sicherheit abwickelt. So sind z. B. auch den Sozialdemokraten in Berlin gewaltige Leicheilzüge gestattet und begünstigt worden, obschon sie tatsächlich eine politisch« Demonstration bildeten. Es war eine übersichtliche geordnete und deshalb ungefährliche Demonstration.
Im vorliegenden Fall lag die Sach« aber anders. In den verschiedenen Stadtteilen ballten sich Gruppen von Menschen zusammen und setzten sich in der Richtung auf die innere Stadt in Bewegung, unterwegs fortwährend wachsend durch den Anschluß von Gesinnungsgenossen und von Neugierigen. Wenn man diese Menschen- ftröme unbehindert hätte laufen lassen, so wären sie in der Umgebung des Schlosses zusammen- gelaufen und dort hätte sich ein brandendes Menschenmeer gebildet, — eine Anhäufung von zehn- tausend, zwanzigtausend erregten Leuten. Wer hätte die gährend« Masse in Ordnung halten können? Man kann es dem Polizeipräsidenten nachfüblen, daß er die Verantwortlichkeit für eine solch« Anhäufung inmitten der Stadt nickst tragen mochte. Es wurde also die Order ausgegeben, die verschiedenen Züge vor ihrer Vereinigung von dem erstrebten Mittelpunkt abzulenken. Wenn nun ein Zug seinen Weg versperrt sah und in Seitenstraßen verwiesen wurde, gab es Stau- uilgen. Reibungen und in mehreren Fällen scharfe Konflikte mit den Schutzleuten. Die Menschen, welche von hinten nachdrängen, riskieren wenig; aber die vordersten Reihen deS Zuges und die Neugierigen, welche Spalier bilden, haben das Süppchen auszulöffeln. Sie sollen „auseinandergehen": einige wollen nicht .andere können nicht; manche schimpfen und etliche werden mit den Po- nzrsten handgemein. Nun kommt das Kommando zum Blankzrehen, und die Schuymannskette ortngt unter Hteben mit der flachen Klinge vor, um den krttlschen Straßenpunkt frei zu machen. Natürlich wird nicht erst gefragt: Bist du ein harmloser Neugieriger oder ein unschuldiger Passant oder em Demonstrant; Wer dabei rst, muß MM- "
Nun gibt es ja eine Menge Leute, die überall dabei sein müssen, wenn „etwas los" ist. Die Neugierde ist gerade in den Großstädten, wo doch eigentlich das Publikum abgebrüht fein sollte, sehr stark verbreitet. Wer aus einem kleinen Ort nach Berlin kommt, wundert sich z. B. über die Eile, mit der die Leute sich über die Straße be- ioegen. Aber ivenn irgendwo ein Droschkengaul fällt oder ein Wagenrad ausläuft, so kann er sich abermals wundern, nämlich über die Geduld, mit her alsbald Hunderte von Neugierigen bei diesem Ereignis Posto fassen. Jetzt haben sie auf einmal feine Eile mehr. Und taucht gar ein Chinese in fernem Nafionalkostüm auf, fo haben die sogenannten Weltstädter erst recht Zeit, um den Zopf und den Kittel recht ausgiebig zu bewundern. Die ftteugtertgen kann man in zwei Klaffen feilen. Die einen nehmen alles mit, was sich fo zufällig auf ihren Geschäftsgängen ihnen bietet, das sind gleichsam die Gelegenheitsdiebe der Neuigkeiten. Tie anderen aber bummeln ohne soliden Zweck in oen Straßen herum, um dort Zeitvertreib und Nervenreiz zu finden; das sind die prosessionel- len Jäger auf Zwischenfälle. Unter den letzteren befinden sich ganz nichtsnutzige Gesellen, und gerade dieser Janehagel der Großstadt ist sofort zur Stelle, wenn irgendwo ein Radau in Gang kommt. Wie gefährlich diese Radaubrüder sind, kann man in der Silvesternacht sehen. Im Grunde ist doch so eine Menschenansammlung Zum Austausch von Prost Neujahrrufen eine harmlose Sache; in Berlin aber verroht sofort das Silvestertreiben und trotz aller polizeilichen Vorsichtsmaßregeln gibt es Konflikte und hun- derte von Verhaftungen. Schon daraus sieht man. daß hier das Volk noch nicht reif ist für freie Kundgebungen auf der. Straße.
Ob und wann Deutschland für Straßenpolitik reif wird, bleibt abzuwarten. Ein wesentliches Hindernis ist der zielbewußte Ernst, mit dem bei uns zu Land« solche Dinge angefaßt werden. In den romantischen Landern ist es ein Strohfeuer, hier eine nachhaltige Kohlenglut. Dort werden die Straßendemonstrationen mit einem spielerischen Leichtsinn getrieben; man tollt sich und geht dann befriedigt nach Hause, wenn auch nichts Greifbares erreicht ist. Wenn aber bei uns zu Lande die Leidenschaften erregt werden, so ist zu befürchten, daß die Massen sich nicht mit leeren Demonstrationen begnügen, sondern in der Nervenerregung auf Gegenseitigkeit sich zu ernsten Ausschreitungen hinreißea lassen. DaS schreck
lichste der Schrecken — das ist eine Menschemnasss in entern gemeinsamen Wahn. t
Mi übrigen ist es wahrlich kein Unglück, wenn wir in Deutschland uns nach wie vor ohne Straßendemonstrationen behelfen müssen. Was di« Leute denken und wollen, das ist ia ohnedie- längst bekannt. In den Zeitungen, in den Versammlungen und vor allem bei der allgemeinen und geheimen Stimmabgabe für den Reichstag bekundet sich der Volkswille zur Genüge. Ein paar Tausend Straßenschreier fallen gar nicht ins Gewicht, wenn man die Wahlstimmen nach Millionen abwägen kann. Die wilden Aufläufe, mögen sie noch so groß sein, können die Gegner nicht erschrecken, sondern nur reizen. In der Regel schaden sie nur der Sache, der sie angeblich gelten, was in dem vorliegenden Falle mit Händen zu greifen ist.
Aus solchen Vernunftpredigten werden sich freilich die Drahtzieher nichts machen. Aber eS ist doch vielleicht gut, wenn man die leichtgläubigen Mafien ermahnt, sie möchten doch erst mal in aller Ruhe und Gründlichkeit prüfen, ob denn die Sache zweckmäßig ist, oder ob sie für nichts und wieder nichts sich in Gefahr und Schaden stürzen sollen, während die beredten Anstifter sich vorsichtig im Hintergründe halten. Namentlich müsien die Neugierigen aus der Erfahrung sich eine Lehre ziehen. Es ist falsch, wenn sich einer einredet, ihm könne nichts passieren, da er doch nur ein harmloser Zuschauer sei. Wer sich in das Getriebe mischt, der wird von den Wellen mit erfaßt Ter Säbel und die Kugel lassen sich nicht auf eine Auslese ein. Mitgetroffen, mitge» schlagen! Tu brauchst lischt dabei zu sein, wo etwas los ist. Warte ruhig zu Hause, bis die Zeitung dir den ausführlichen Bericht bringt. Wenn du den am Kaffeetisch lieft, so hat deine Neugierde eine ungefährliche Befriedigung. Die Frauen sollten das mögliche tun, um in ern-', sten Zeiten ihre Männer vom bedenklichen Wege zurückzuhalten. Und zum Schutze der Kinder müssen Mann und Frau zusammenwirken; namentlich die halbwüchsige Jugend, die noch keine Vorsicht kennt, muß strenge zurückgehalten werden von allen Straßenbewegungen. i
„Demonstrationen" ist ein Fremdwort. Auch die Sache selbst ist uns bedächtigen Deutschen fremd. Zu vernünftigen Kundgebungen gibt es bessere Mittel und Wege, als wrrre, Straßenaufläufe.