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Fulda, Samstag den 18. Januar 1908.

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3.Ä«’ä«- Wchendellage! .Illustrierte Sonntagszeitung

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Monatsbellage: „Mdaer Geschichtsblatter zer-sprecher rrr. 9.

Erstes Wl'alk.

Deutscher Reichstag.

, Sitzung vom 17. Januar 1093.

( Die Debatte über die KuappschaftSin» terpellationen wurde fortgesetzt.

I Abg. Schiffer (Ztr.) begründete in einer zwei­stündigen Rede die Zentrumsinterpellation, die auf eine reichsgesetzliche Regelung des Knapp- fchaftswesens hinausgeht. An der Hand eines umfangreichen Tatsachen- und Zahlenmaterials wies er im einzelnen nach, daß die Novelle zum preußischen Knappschaftsgesetz vom Jahre 1906 den Bergleuten keine Verbesserung, sondern eher Verschlechterungen gebracht habe, und schilderte dann den Verlauf der Verhandlungen zur Schaf­fung eines den Forderungen der Bergarbeiter wenigstens einigermaßen gerecht werdenden neuen Knappschaftsstatuts. Nachdem diese Verhandlun­gen gescheitert feien, bleib« nur noch die Mög­lichkeit, auf reichgesetzlichem Wege den Bergarbei­tern zu ihrem Rechte zu verhelfen. Eine solche Regelung könne aber nur durch das Reich erfol­gen und in den Kreisen der Bergarbeiter sei nun einmal die Ueberzeugung allgemein ver­breitet, daß das preußische Dreiklassenparlament mit seiner reaktionären Mehrheit nicht fähig sei, auf diesem Gebiete ein sozial brauchbares Gesetz zu schassen.

Abg. Huö (Soz.) begründete die sozialdemo­kratische Interpellation. Seine Ausführungen toten aber nicht viel Sachliches; sie bestanden in der Hauptsache aus Angriffen gegen die Preu- ßische Regierung und namentlich gegen das Zen­trum, dem er den Vorwurf machte, daß es ihm «mit der Vertretung der Interessen der Berg­arbeiter gar nicht ernst sei.

Staatssekretär v. Bcthmann-Hvllweg beant­wortete die Interpellation. Seine ziemlich lan­gen Ausführungen lassen sich in die Worte zusam­menfassen: So wie es gegenwärtig ist, ist alles gut. Von einer reichsgesetzlichen Regelung des Knappschaftswesens hätten die Bergarbeiter kei­nerlei Vorteil«, sondern eher Nachteile zn srwar- ten selbst wenn, was er nicht bestreiten wolle, möglicherweise der Reichstag die Mindestforde­rungen für die Leistungen der Knappschastskas- sen etwas höher ansehen sollte, als es die preu- sische Gesetzgebung getan habe; eine reichsgesetz- lWe Regelung des Bergrechts überhaupt erklärte der Staatssekretär schlechthin für undiskutabel.

Abg. Osann (nI.) bedauerte, daß die Verhand- .lungen zur Schaffung eines neuen Knappschafts- statuts gescheitert seien und versprach, daß seine Partei im Interesse des Friedens zn wirken be­strebt sein wird. In der Sache selbst sprach auch er sich für eine reichsgesebliche Regelung des Knappschaftswesens wie des Bergrechts überhaupt aus.

_ Abg. Dr. Mugdan (fr. Vp.) forderte die Sie- ’gterung aus, den Arbeitern entgegenzukommen.

Abg. v. Brockhausrn (k.) hielt eine lange Rede, iim nachzuwersen, daß die ganze Materie eigent­lich gar nicht vor den Reichstag gehöre. Im übrigen versicherte er, daß seine Partei allen Ar- veiterorganisationen freundlich gegenüberstehe, soweit diese unter Berücksichtigung der berechtig­en Interessen anderer Erwerbsstände auf dem Boden des Christentums und doe» Königstreue für die Hebung des ArbeiterstaWes tätig seien.

Samstag wird die Beratung fortgesetzt.

):( Die brutsche Vereinigung.

Am Donnerestag hat bekanntlich in Köln die Gründungsversammlung der „Deutschen Vereini­gung" stattgefunden. Während man Zentrums­blättern den Zutritt zu dieser Versammlung ver- sagte, find nationalliberale Blätter in der Lage, ausführlich über sie zu berichten. Den längsten und eingehendsten Bericht bringt die „Rordd. Allg. Ztg.". In nicht weniger als drei engbe­druckten Spalten referiert sie über die Versamm­lung.

®afe gerade das offiziöse Blatt so großes Interesse für die „Deutsche Vereinigung" an den Tag legt, kann Kenner der Verhältnisse nicht überraschen. In Regierungskreisen scheint man große Hosfnugen auf die neue „Gründung" zu setzen. Es heißt in dem Bericht, daß aus allen Teilen des Reiches Vertreter der verschiedensten Berufsstände der Einladung gefolgt waren; im ganzen sollen es 500 Besucher gewesen sein. Bei den Beratungen selbst traten besonders Mitglie­der des rheinisch-westfälischen Adels, der Profes­soren- und höheren Beamtenschaft und der evan- gelischen Geistlichkeit als Redner auf. Graf zu Hoensbroech (Haag) eröffnete die Sitzung. Er war es auch, der das Programm der Deutschen Vereinigung vorlegte und erklärte. Danach will die neue Schöpfung „sich weder an die Seite der politisck^n Parteien, noch gegen dieselben stellen, sie will den nationalen Gedanken im Volke heben und von diesem ausgehend di« politischen, wirt- schaftlickzen und sozialen Fragen zur Behandlung bringen". Man fragt sich unwillkürlich: Erheben die vorhandenen bürgerlichen Parteien in Deutschland nicht dieselben Ansprüche, und haben sie sich in ihrer Wirksamkeit nicht nach bestem Wissen und Können von dem nationalen Ge­danken und von den Interessen für die Wohl­fahrt des ganzen Volkes leiten lassen? Erstrebt also die Deutsche Vereinigung dasselbe wie die vorhandenen Parteien, so ist sie als selbständige Schöpfung überflüssig; dann täte sie am besten, wenn sie die in ihr schlummernden Kräfte den anderen Parteien tunlichst nutzbar machte.. Ver­folgt fi< aber entgegengesetzte Ziele, so möge sie offen damit herausrücken.

Welche Ziele man im Auge hat, kann man übrigens klar genug erkennen. Gegen die be­stehenden Parteien will sich die Vereinigung an­geblich nicht wenden und dabei beschäftigte man sich fast ausschließlich mit der Renten m s- p artet. Dem Grafen Wilhelm Hoens­broech (-Haag) blieb es Vorbehalten, das Mär­chen von dem konfessionellen Charakter der Zentrums Partei wieder aufzuwärmen. Nach der „Nordd. Allg. Ztg." führte er ans: „Wer angesichts der Tatsachen, daß das Zentrum den Anspruch erhebt, die ausschließliche Vertre­tung der deutschen Katholiken zu fein, daß das Zentrum nur aus Katholiken besteht — hieran ändern nichts die wenigen nichtkatholischen wöl­fischen Hospitanten —, daß in den nach Hunder­ten zählenden großen und kleinen Parteivertre- tungen nur Katholiken sind, der wird sich eines Airgurenlächelns nicht erwehren können, wenn man das Zentrum als interkonfesiionelle Partei hinzustellen sucht." Gewiß, das Zentrum hat im gegebenen Moment die Interessen der Katholiken vertreten, aber es ist ebenso allezeit bemüht ge­wesen, die seiner evangelischen Mitbürger mit der gleichen Gerechtigkeit zu wahren. Nicht die Zen­trumsanhänger werfen Zentrum und Katholi­zismus in einen Topf, das tun gerade die Leute von der „Deutschen Vereinigung."

Graf Hoensbroech sagte u. a. auch: „Wer als Beobachter der Entwickelung der letzten 20 Jabre folgte, konnte sich der Wahrnehmung nicht verschließen, daß die ausschlaggebende Stel­lung des Z e n tr u m s in der Gesetzgebung des

Reichs eine Störung d.-s konfession^l- len Gleichgewichts im Gefolge hatte. A.tc Tatsache daß daß Zentrum als Vertretung der katholischen Minorität der Bevölkerung einen maßgebenden politischen Einfluß ausüben konnte, steigerte in der e v a n g e l i s ch e n Majorität von Jahr zu Jahr die M i ß st i m m u n g über dieses der Konfessionszisfer nicht entsprechende Verhalt- nis. Ich bin weit davon entfernt, hieraus dem Zentrum einen Vorwurf machen zu wollen, denn wer wollte einer Partei vorwerfen, daß sie mog- lichst viel Mandt« zu erringen sucht? Wohl aber darf man die Frage stellen, ob das Zentrum feine Machtstellung trt richtiger Weise gebraucht. „Sol- che Ausführungen sind in der Tat sehr bezeich­nend. Also die ausschlaggebende Stellung des Zentrums hat eine „Mißstimmung" bei den Pro- teftanten geweckt. Grund genug, eine Anklage zu richten gegen das — Zentruml Kein Wort des Tadels gegen den Evangelischen Bund. -öft es denn das Zentrum oder ist es der Evangelische Bund der den konfessionellen Frieden bei uns fortgesetzt stört? Waren es vielleicht Zentrums­leute. die zu Beginn des verflossenen Jahres bei den Wahlen den konfessionellen furor zur Siede­hitze gebracht haben? Tie Deutsche Vereinigung möge sich für ihre versöhnlichen Bestrebungen bei denen, die es angeht, das entsprechende Tätig­keitsfeld suchen und das Zentrum gefälligst in Ruhe lasten.

Zum Vorsitzenden der Vevelnigung wurde Graf Hoensbroech (Haag), zu Stellvertretern, Frhr. b Ledebur-Crollage und Geh. Kommerzien­rat v. Birch-Mettlach gewählt. Tie Gründungs­versammlung hat für jeden, der sehen will, deut­lich gezeigt, wohin der Weg geht. Möge man in Zentrumskreisen daraus die ersorderlichen Konseauenzen rechtzeitig zu ziehen verstehen.

Deutsches Reich.

* Das Fest des Schwarzen Adlerordens wurde am Freitag im König!. Schlosse in Berlin abgehalien. Prinz Eitel Friedrich und Herzog Albrecht von Württemberg wurden feierlich in den Orden aufgenommen; ferner General-Inspekteur Freiherr v. d. Goltz, Staatsminister v. Tirpitz, Finanzminister v. Rheinbaben, General der Kavallerie v. Slünzner und Freiherr Marschall v. Bieberstein, Botschafter in Konstantinopel. Nachher kste't der Kaiser ein Kapitel ab.

1. Die Budgstkommission des Reichstages setzte am Freitag die Beratung des Militär­etats fort. Zur Besprechung kam zunächst die Zulage an die patentierten Oberstleutnants, die sich nicht in Kommandeur stellen befinben. Der Etat sieht 270 Stellen vor. Gegen die Position wurde eingewandt, es liege die Gefahr vor, daß sie dazu benutzt werde, um die Pen- fionsverhältnisse gewisser Ossi teie zu verbessern. Dagegen wandte sich Kriegsminister v. Einem; es werde nur beabsichtigt, eine Gleichstellung der Offiziere in Heer und Marine herbeizuführen. Abg. Gröber (Zir.) meinte, es solle wohl ganz allgemein eine Besserung der Gehälter der Oberst­leutnant herbeigelührt werden, und bat um Bor- legung statistischen Materials, damit eme sichere Berechnung der notwendigen Zulagestellen möglich fei. Ein Antrag v. (Siern (fünf.), daß 235 Stellen eingesetzt werden sollen, wurde gegen Zentrum und Sozialdemokraten angenommen. Hebet zu anstrengende Marschleistungen beim letzten Kaisermanöver beklagte sich Abg. Noske (Sozd.). Kriegsminister v. Emern erklärte, daß dte Zeitungsmeldungen darüber start übertrieben feien, der Kranlenbestand fei

im Gegenteil gering gewesen. Nächste Sitzung Dienstag.

L Sicherung der Bauforderungen. Die Reichstagskommission zur Beratung vieles Gesetz­entwurfs besprach in ihrer Sitzung vom Freiiag zunächst die in der Kommiision beantragte Aus. dehnung des Gesetzes auf Umbauten und Ersatz­bauten. Staatssekretär isiieberding sprach sich entschieden dagegen aus. Seine Bedenken wurden von den meisten Kommissionsmitgl'.edern nicht geteilt. Es wurde schließlich betchlossen, daß die Vorschriften auf Abrißbauten, aber nicht aus Umbauten ausgedehnt werden sollen. Auf Grund eines konservativen Antrags roiwbe beschlossen, vaß das Gesetz nicht allgemein,'fonbern örtlich durch landesherrliche Verordnung nach Anhörung der Handwerkskammern eingetührt werden soll.

A Der landwirtschaftliche Etat ist in diesen Tagen in der Budgetkommission des PreußisckM Abgeordnetenhauses beraten worden. Die Bera­tung gestaltete sich zu einer grundlegenden Ans- spräche über die verschiedensten Fragen, die die Landwirtschaft angehen. Zunächst spielte die landwirtschaftliche Arbeiterfrage in dec Debatte eine Rolle. Eine Frage dahin, ob ein Gesetz über den Kontraktbruch der Arbeiter zu erwarten sei, beantwortete der Minister dahin, daß die Aussichten auf Durchdringung eines sol­chen Gesetzes nicht sehr günstig seien, indessen sei er bereit, die Sache erneut zu prüfen. Es sei zweckmäßig, zunächst abzuwarten, welchen Erfolg die Einführung der Jnlandslegitimation für auswärtige Arbeiter habe. Auch mit der baus- wirtschaftlichen Ausbildung der j u n g e n M a b- chen auf dem Lande beschäftigte man sich bei einem Titel, durch welche für ländliche Fort­bildungsschulen 140 000 mehr ausgeworfen werden. Dabei wurde betont, daß die sogenann­ten fliegenden Kochschulen, bie einen Kursus von 6 Wochen haben, außerordentlich günstig wirken. Für den öffentlichen Wetterdienst in Norddeutschland werden 159 500 „ft (mehr 59 500 -F) gefordert. Auf eine Bemerkung, daß die großen Niederschläge des letzten Sommers nicht angekündigt worden seien, erklärte der Mi- nister, die Wettervoraussage kranke daran, daß nur das Land, nicht aber der Atlantische Ozean und das Eismeer beobachtet werde. Dr., Pohlis- Aachen sei nach Amerika gesandt, nm die dorti­gen bewährten Zustände zu untersuchen. Auch die oberen Luftschichten müßten mehr beobachtet werden. Aber in Deutschland wirkten lokale Um­stände mit, die Verhältnisse seien nicht so gleich­mäßig wie in Amerika. Jedoch stehe Besierung der Wettervoraussagen in Aussicht.

* Der Rücktritt des Generals Keim vom Präsidium des Flottenvereins scheint nach der Stimmung, die in den dem Flottenverein nahe« stehenden Kreisen vorherrscht, bald bevorzustehen. Keim fefipit jedoch einige Bedingungen an feinen Rücktritt. Er wünscht vorerst eine Art Huldigung in Kasiel, will, daß die Generalversammlung durch Abstimmung sein Handeln gut heiße, bann wird er sich dem Frieden „opfern". Mlt ihm wird Fürst Salm zurücktreten.

* Ans dem Flottenverein. In den be­kannten Keim'schen Briefen spielte zur Zeit der Wahl auch der Briefwechsel des Generals Keim mit den Beuthener Landrichter Stern eine Rolle. Herr Stern war für die Flottenvereinssache in Oberschtesien ganz hervorragend tätig. In der letzten Sitzung des Beuthener Kreisverbandes bat .Herr Stern nun seine Mandate niedergeleat. — Wie der ,Schwäbische Merkur^ mitteilt, gehört der König von Württemberg zu den Pro­tektoren, die in der Sache roch keine Partei

Rest Merian.

Roman von Marie Bairrlein.

9°1 (Nachdruck verboten.)

. »Ich vergaß, bas Kollier umzuhängen, bas •mtr Rudolf gestern schickte, damit ich mich für heute schmücken sollte", slüsterte bas Mädchen im Dorbeieilen und hastete die Treppe hinauf, ihrem Zimmerchen zu.

>. »Mit welcher Genauigkeit sie die Wunsche nhres Verlobten erfüllt!" arbeitete es in dem ufersuchtigen Pslezebruder, „und wie sie cs zu vermeiden sucht, denselben auch nur im Kleinsten durch Vergeßlichkeit zu kränken.".

Er horte bereits wieder die leichten Schritte ckkesi» am der Treppe, ein Heller Schatten huschte i»™1. sbv; ?cc Zutscher schnalzte mit der Zunge und die drei Festteilnehmer fuhren den Vergnugimgen entgegen, welche ihnen auf dem ^'ttergut Simmern anläßlich des beute wie all- lahrlich stattfmdenden Erntefestes geboten wer- lockten — Die schöne Witwe erwartete aber emgeladenen jungen Kaufmann biiwn geblieben und hatte

er nicht Geschäftsgang vorgeschützt, inert •WeÄliX K °°" *

aen hatte und die durch den aufgewirbelten in dichten Wolken sich erhebenden Strakensraub' aV kennzeichnet wurde; bann atmete er tief auf «uhr sich mit der flachen Hand über die Stirn' vls wollte er eine Last von quälenden Gedanken verscheuchen und begab sich in das Wohnzimmer.

Seltsam I Auch hier hatte er keine Ruhe. War es ihm doch, als ob gerade heute jeder Gegen- L?ud und jedes alte, abgenutzte Möbel auf das S- ndrmglichste von der abwesenden Pflegeschwe- ".Su reden anfing. Dort über dem massiven, Familientisch hatte des Abends die Petro- »eunrtamve geleuchtet, wenn er seine Pensums­

arbeit für's Gymnasium erledigte und Nesi ihm dabei zutraulich und interessiert üoer die Achsel sah. Ans dem Ledersofa hatten sie Arm in Arm — wie Brüderlein und Schwesterlein im Mär­chen — gesessen, wenn die gestrenge Malter schon längst zu Bette war, und der junge Handelsschü- ler las der aufmerksam Lauschenden seine mit Mühe und Not zusammengereimten Liebesverse vor, zu denen ihn wieder einmal eine der von ihm angeschwärmten Tanzstundenschönen begei­stert hatte. Der nut noch matt reflektierende Stehspiegel im defekten Barokrahmeu war es aber auch gewesen, welcher das jugendstrahlende Bild Nesis zurückwarf, als sie, mit Vergißmein­nicht und blauen Bändern geschmückt, zum ersten Balle ging und ihre liebliche Schönheit von ihm unbeachtet blieb.

Lauter schmerzlichsüße Erinnerungen für den gereiften Mann, der still zusehen mußte, wie jetzt das vollerblühte Mädchen, für dessen Wert ihm die Augen zu spät aufgegangen waren, von einem Fremden gefunden und gewonnen wurde.

Und als die einstürmenden Erinnerungen sich derart mit Macht bei ihm bemerkbar machten, trieben sie ihn von Gemach zu Gemach. Ueberall fand er neue Nahrung für seine bitteren Ge­danken. Dieser Tag sollte ihm ein großes 8b- schiednahmen ermöglichen, weil heute niemand Zeuge fein konnte, wie er voll heißen Weh's die stirne in die Polster der Lehnstühle und Sofas drückte, in welcher die Geliebte zu ruhen pflegte. — Christel waltete ihres Amtes in Küche und Keller und hatte kein Acht darauf, daß der junge verr rastlos von Zimmer zu Zimmer wanderte.

>)«tzt befand er sich im oberen Stockwerk und gewahrte voll Freude, daß die Tür von Rests chrwatzimmerchen halb geöffnet war. Das Fräu- lein hatte dieselbe in der Eile, mit welcher es ba9 vergessene Kollier holte, zu schließen verges- fen. Ein kurzer Kampf zwischen anerzogener Diskretion und wehmütiger Neugierde — und ber Herr trat ganz unter die offene Türe, um die friedeatmende Atmosphäre dieses, von vein-

lichster Sauberkeit und Ordnung redenden Mäd- chenstübchens auf sich einwirken zu lassen.

Wie lange war es her, daß er das Zimmer N'cht mehr betreten hatte. Früher hatte die Stiefmutter ihr Domizil darin aufgeschlagen ge­habt und das ganze Interieur charakterisiert die pedantische Strenge unb kühle Herzensart der­selben. Jetzt war die Luft vom Atem der auf dem Fenstersims blühenden Monatsrosen und Bufchnelken durchzogen; ein kleiner Distelfink — Rests Liebling — schmetterte dem Eindring­ling feinen Willkomm zu. Die schneeweißen, duf­tigen Gardinen blähten sich im Luftzug; von den hellgrün tapezierten Wänden grüßten altbe­kannte Bilder und einige Kreidezeichnungen, die er dem „SckM>esterchen" einstens geschenkt hatte. Aus ber Kommode nickte ihm ber alte, porzella­nene Chinese entgegen,, unb zwei verblaßte Pho­tographien, welche ihn in seinen Jünglingsjahren barstellten, begegneten seinem gerührten Blicke. Er trat unwillkürlich näher. Wer konnte ihm verwehren, sein eigenes, verflossenes Abbild zu betrachten? Der Mann mußte lächeln — das eine stellte ihn dar, wie er stolz und selbstbewußt in die Weite schaute. Er wußte jetzt ganz genau, — damals, als er die ersten, sprossenden Keime eines Lippenbartes zu spüren vermeinte, halte er sich photographieren lassen; und das andere Mal, nachdem das letzte Semester der Handels­schule absolviert war. — Es war doch nett von Rest, diese Proben werdender Männlichkeit auf- zubewahren. Da stand ja auch bie Stiefmutter in bester Garnitur und mit ihrem strengsten Ge­sicht abfenterieit. Unb hier aus ber halbossenen Schublade sah ber Einband von Nesis erstem Tagebuch hervor. Fritz Weilers erkannte es so­fort wieder — war es doch ein Weihnachtsgeschenk gewesen, das er der Jugendfreundin einmal auf den Gabentisch gelegt hatte. Wie doch so ein Mädck-en eine jede Kleinigkeit aufzubewahren Pflegt. Ob sie wohl noch mehr solcher Reliquien aus ber ersten Jugendzeit gesammelt hatte? Un­willkürlich zog er die Schublade nocb etwas mehr

heraus, ohne dabei an die Indiskretion zn denken, die er sich zu schulden kommen ließ. Richtig! Da lagen wohlgeordnet alle Albums, Tanzkarten, Kotillonsträuße und Fächer ihrer un­schuldigen Backsischzeit nebeneinander. Welch rührend« Pietätl Doch was verwahrte Rest so überaus sorgsam in jener gelben, großen Enve- loppe, die noch obendrein mit dicken Seidenbau, bern umwickelt war? Sollten hier die Billets- bour und Liebeszeichen des Verlobten ihren Platz finden? — Den jungen Mann überkam eine Peinvolle, nicht zurückzudämmende Neugier. Er mußte Einblick nehmen in die Dokumente deS liebeglühenden Verwalters; mußte endlich sehen, worin die Gewalt bestand, welche bie Pflege« schwester bewogen halte, besten Neigung zu er- toibern. Vielleicht atmeten die Briese jene über­redende Leidenschaft, welche die ganze nüchterne, schlichte Erscheinung des Beamten vermissen ließ. Die Briefschaften mußten Rest ungemein teuer sein, weil sie ihnen einen Platz unter bett sorgsam behüteten Kinbheitserinnerungen anwies, unb dieselben gerade in diesem Schubfach aufbewahrte, zu dessen Schloß der kleine Schlüssel beständig an .ihrem Schlüsselbunde hing. Jetzt stak er an ber Kommode und der Schlüsselbund baumelte daneben. Das Fräulein hatte in ihrer Eile auch diesen zn entfernen vergessen.

Tie Hand Fritz Weilers zitterte merklich, als et die gelbe Enveloppe von dem feffelnben Bind­faden befreite, um Einblick in die berinuteten Liebesbriefe zu nehmen. Doch er zog nur einen einzigen großen Papierbogen heraus — vielleicht ein besonders teures Schreiben des Bräutigams — wahrscheinlich seine wohlstilisierte Bewerbung um ihre Hand. In fieberhafter, eifersüchtiger Hast entfaltete er das Papier; seine Blicke über­flogen die ersten Worte und nun zuckte der kraft­volle Mann plötzlich zusgimnen. Eine dunkle Rote färbte das noch kurz zuvor blasse Gefickt bis unter die Stirne, die Augen weiteten sich in maßloser Ueberraschung und bi« Brust atmete rasch un­schwer. (Fortsetzung folat.) i