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Rotationsdruck und Verlag der Luldaer Ak- tiendruckerei in Zuld« Lernfprecher Nr.».

JV3 14.

Fulda, Samstag den 18. Januar 1908.

35. Jahrgang.

Drittes MLatt.

K wilde Männer tauchen jetzt hier und da in freisinnigen Kreisen auf, die mit gewaltigem Augen­rollen und wütendem Gebrumm ihre Messer schleifen und dabei „Wehe Bülowl" zwi­schen den Zähnen hervorstoßen. Was sie so m Harnisch gebracht hat, ist die glatte Ablehnung der freisinnigen Forderung auf Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen.

In Nürnberg und Frankfurt a. M. fanden Ver­sammlungen der demokratischen Volkspartei statt. Die Nürnberger Versammlung nahm eine Resclution an, in der die demokratische Neichs- tagssraktion ersucht wird, nunmehr aus dem Blocke auszuscheiden. Die Frankfurter Versammlung erklärte in ihrer Resolution, sie erwarte, Laß jetzt alle zusammengehen würden, die das gleiche Ziel der Erringung des Neichs- tagswahlrechts für Preußen hätten, und zwar oh n e Rücksicht auf den Block. Die Leitung der württembergischen demokratischen Partei (Süddeutsche Volkspartei) erläßt im „Be- bachter" eine Erklärung, in der es heißt:

„Fürst Bülow besitzt, wie sich am 10. Januar er» wiesen hat, nicht die Straft oder nicht die Luit oder nicht den Mut, sich dem konservativen Kommando zu entziehen. Darum ist die politische Selbständigkeit des Kanzlers kein Faktor der politischen Rechnung mehr. Das politische Vertrauen zu dem Kanzler kann als ausgeschmtet angesehen werden. Fürst Bülow hat die politischen Pflichten nicht erfüllt, die er durch die Rich­tung seiner im Dezember 1906 inaugurierten neuen Politik übernommen hatte. Weniger konnte er für den Liberalismus nicht tun. Nicht einmal den schlimmsten Berstoß gegen oie guten Sitten, die Zulassung der Wählerknechtung im Wahlraum, hat er aufzuheben sich entschlossen. Preußen hat unter der Bettung des Fürsten Bülow einen historischen Moment und eine politische Konstellation verpaßt. Fürst Bülow Hot den Block eigenhändig gesprengt, als er den Grundgedanken seiner Blockpolitik verleugnet hat- Die Liberalen aber, die ihren guten Willen zur positiven Mitarbeit bewiesen haben, haben das Recht, sich vor jeder Steuer oder Gesetzesbewilligung aus das Miß­trauen zutückzuziehen, das ihnen Fürst Bülow zur Pflicht gemacht hat."

Ter Vorstand des liberalen Vereins für Dr esden und Umgegend, der bisher für Be­teiligung der drei linksliberalen Parteien an der Blockpolitik gewesen ist, erklärte in seiner Sitzung vom 13. Januar einstimmig, daß nach der Stel­lungnahme der preußischen Negierung und der Konservativen zur Wahlrechtsfrage ein längeres Verweilen der drei linksliberalen aPrteien im Block mit der Würde und den Ansichten des Li­beralismus absolut unvereinbar sei und fordert .daher den sofortigen Austritt aus dem Block, ohne Rücksicht auf das Schicksal der dem Reichstag zurzeit vorliegenden Gesetzentwürfe. Aehnlich sprachen sich einige demokratische Blät­ter aus. Die „Frkf. Zig." meint, daß die links- liberalcn Fraktionen jetzt weniger denn je, dem 'gegenwärtigen Reichskanzler oder irgend welchen Zukunflshoffnungen zuliebe, beim Etat oder bei einzelnen Gesetzen Konzessionen machen werden, die ihren grundsätzlichen programmatischen Über­zeugungen irgend etwas vergeben. Das demo­kratische Blatt glaubt, man werde sehr bald in den Verhandlungen des Reichstags, in den Kom­missionen und im Plenum merken, daß die links­liberalen Parteien aus der unbefriedigenden Er­klärung der preußischen Regierung die Konse­quenzen ziehen, nicht nur in Worten, sondern auch durch ihre Haltung zu manchen Forderungen des Etats und bei einzelnen Gesehen, wie z. B. beim Dereinsgesetz, das entweder in einer den Forde­

rungen des Liberalismus auch bezüglich des Sprachenparagraphen entsprechenden Fassung oder gar nicht zustande kommen wird.

„Es wird den linksliberalen Fraktionen, auch tvenn sie nur funtzig Mann zählen, nicht schwer werden, dem Reichskanzler bet manchen Gelegenheiten zum Bewußt­sein zu bringen, daß et ans ihre Unterstützung ange­wiesen ist, und daß die Bereitwilligkeit, um diese zu ge­währen, durch das Verhalten der preußischen Regierung in der Wahlrechtsfrage untergraben worden ist. Der oft betonte Entschluß der sogenannten Blockpolitik, nichts von den grundsätzlichen Ueberzeugungen aufzugeben, muß und wird konsequent durchgeführt werden."

Da dieser „Entschluß" schon so oft betont wor­den ist, ohne daß er „konsequent durcksgeführt" wurde, so wird man auch an seiner künftigen Durchführung berechtigte Zweifel hegen können. Große Worte, aber keine Taten, das ist jetzt linksliberale Politik. Die maßgebenden li­beralen Persönlichkeiten im Reichstage werden nicht gegen den Reichskanzler marschieren, son­dern ihm als getreue Lakaien nach wie vor wil­lig die Schleppe tragen. Das erkennt selbst der güt freisinnige „Hohenstaufen", in dem er schreibt: __

Wenn für die Linksliberalen die jüngste Erklärung Bülows kein G und ist, auf die Blockpolitik zu ver­zichten, dann gibt es über stäupt keinen Grund mehr für sie. Dann kann sich Bulow erlauben, was er mag, ohne noch irgendwelche Blockgefahr befürchten zu müssen. Er scheint seine Pappenheimer Überhaupt längst richtig einzuschätzen, sonst hatte er sich die Er­klärung vom letzten Freitag wohl gar nicht erlaubt."

Allerdings! Die Freisinnigen werden sich hü­ten, dem Reichskanzler die Freundschaft zn kün­digen. Mag es auch den Wählern im Lande schwer werden, die waschlappige Demut ihrer Vertreter zu verdauen, die Abgeordneten werden weiter sich ducken und wie ein Lamm nicht einmal blocken, wenn sie Schläge bekommen, denn, so schreibt die freisinnige „Voss. Zeitung":

„Die preußische Wahlresorm halte vor der Block­politik noch viel schlechtere Aussichten als augenblicklich. Nach einer Zertrümmerung des Blocks wird aber die Sintflut kommen."

Damit diese „Sintflut" für den Linkslibe- ralismus nicht komme,' bleiben sie im Bülowschen Sklavendienst. Wir sind's zufrieden,, denn, wie wir schon öfter ausgeführt haben, wir wünschen weder noch erwarten ivir einen schnellen Zusam­menbruch des Blocks; aber es ist doch notwendig und nützlich, die freisinnigen Mannen in ihrer ganzen Grundsatzlosigkeit und Feigheit dem deut­schen Volke zur Augenweide vorzuführen.

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K. Vie Loätsne des Sundes der LandwirLe.

Man schreibt uns:

Wo der Bund der Landwirte auf die Katho­liken und das Zentrum angewiesen ist, weiß u furchtbar „katholisch" und zentrumssreundlich zu tun. Man höre, was am 6. Januar Herr Dr. Hahn auf dec schlesischen Generalversammlung deS Bundes zu Breslau ausführle:

„Wir bedauern es lebhaft, daß eine nationale Partei, die jo lange treu und erfo lgreich an den nationalen Ausgaden mitgearbeitet hat, durch die politischen Verhälunsse (?) in die Reihen der Oppo­sition (ist nicht wahr. D. 9t.) gedrängt worden ist, und wir hoffen und wünschen dringend, daß das Zen­trum sich wieder auf dem vorigen Boden zu gemein­samer ytilarbeit zusammenfinden möge. Wir bedauern es lebhaft, daß eine Partei, in der sich so viel nationales Empfinden vor findet, wie das Zen­trum, sich in die Opposttionsstellung begeben hat." ...

Das ist ja gar nicht wahr, daß das Zentrum sich in Opposttionsstellung begeben fxti; freilich soll es mit aller Gewalt dahin gevrängr werden. Gelingen wird das aber nicht. Das Zentrum

wird aus allen Gebieten zum Wohle des Landes Mitarbeiten. Herr Dr. Hahn hat in seiner Rede selbst auseinanderqesetzt, in wie vielen wichtigen Fragen man die Mitarbeit des Zentrums unbe- dingt nötig habe, es war ihm das die Begründung sür seine Erklärung:

„Damm wollen wir die alten Brindn isse mit dem Zentrum bei den nächsten Wahlen aufrecht erhalte n, ob wir dafür geschimpft »erden oder mcht."

Herr Dr. Hahn scheint die Rede seines Freundes Wangenheim in Äieuß ganz vergessen zu haben, worin dieser ganz offen die „deutsche Bereinigung", die bekanntlich gegen das Zentrum gegründet ist, empwhl. Aber auch abgesehen da­von, sind die Worte des Dr. Hahn e'tel Schall angesichts der Ta t s a ch en. Es ist doch unbestreitbar, daß der Bund der Landwirte zu den Kern- truppen des Blocks gehört, mithin zu den schlimmsten Feinden des Zentrums, das um jeden Preis ausgeschaltet werben soll. Sein Organ, die,Deutsche Tageszeitung', tritt Tag für Tag für Vie Blockpolitik ein und fühlt sich zum besonderen Verteidiger Bülows berufen. Speziell im Osten ist der Bund der Landwirte der energischste Förderer der Hakatisten- politik, die die Polen enteignen und ihrer Muttersprache berauben möchte. Und was die „alten Bündnisse" angeht, die der Bund mit dem Zentrum geschloffen haben will, so könnten wir Herrn Dr. Hahn verschiedene Bei picke anführen, wo der Bund das Zentrum schmählich im Stiche gelassen und die Rationalliberalen unterstützt hat. Wir wollen ihn nur an die Pfalz erinnern.

Ganz ander- lautete dann auch schon, was in der Breslauer Versammlung ein weiterer Redner, Major v. Schweinichen, aussühr'e. Dieser Herr trat als echter Blockritter auf und schimpfte, was das Zeug hält, auf das bö!e Zentrum, das den Protestanten gewissermaßen zuqentfen habe: „Rieder in die Knie!" Dem müsse man entgegenhalten: „Bis hierher und nicht weiter, wir wollen nicht kokettieren mit dem Zentrum!"

Der Herr Major würde wohl rn Verlegen­heit geraten, wenn er Nachweisen sollte, wo das Zentrum jemals in dieser Weis« gegen die Pro­testanten aufgetreten ist. Dagegen können wir ihm das Gegenteil beweisen. Bei ver letzten Reichstagswahl im Kreise Kreuznach-Simmern traten die Katholiken Mann für Mann für den protestantischen Kandidaten des Bundes der Landwirte, Herrn Generalmajor v. Kloeden, ein. Die Wirkung war freilich die, daß jetzt unter den Protestanten eine schamlose konfessionelle Hetze einsetzt« und selbst ein Teil der Mitglieder des Bundes der Landwirte abfielen und zu den lliationalliberalen übergingen, so daß dieser, was bisher noch niemals der Fall war, schon im ersten Wahlgange siegte. Herr v. Kloeden bekam außer den sämtlichen 8000 Ze ntr u ms st im men höchstens 1500 Stimmen der protestantischen Bauern.

Deutsches Reich.

^Darmstadt, 16. Jan. 1908. Die Nutzbarinach- nng der gesamten Wasserkräfte Hes­sens zum Wohle des Landes bildet nach einer Erklärung des Ministers Braun in der Zweiten Kammer zurzeit den Gegenstand ernster Erwäg­ungen für die Regierung.

* München, 17. Jan. 1908. In der bayerischen Abgeordnetenkammer interpellierte Abg. Dr. Schädler den Kultusminister, ob es wahr sei, daß das Prüfungswesen an den Volksschulen eine Aenderung erfahren und ob die geistlichen Di- striktsschulinspektoren abgeschafft werden sollten. Dr Wehner erklärte, daß es sich um Reformoor« schlüge handle, die vom bayerischen Lehrcrverein ausgehend, von den Kreisschulkommissioncn be­gutachtet und von der Landesschulkommission, der auch Zentrumsabgeordnete und Geistliche ange­hören. einstimmig angenommen wurden. Die Beschlüsse gehen auf eine Vermehrung der außer­ordentlichen Visitationen hinaus. Die Rechte dec geistlichen Schulinspektoren werden . nicht be­schränkt. Das Zentrum erklärte sich mit der Hal­tung des Kultusministers einverstandeü.

Ausland.

* Oberbürgermeister Lueger von Wien hat einen Rückfall erlitten und ist von neuem an sei­nem chronischen Nierenleiden schwer er­krankt. Dazu gesellen sich häufige Anfälle von akuter Herzschwäche. Auch Luegers ohnedies sehr stark geschwächte Sehkraft hat neuerdings noch abgenommen.

* Die Generalversammlung der Katholiken Belgiens, welche im nächsten März zum ersten Male in Mecheln tagen sollte, ist auf unbestimmte Zeit vertagt worden. Als Grund wird ange­geben, daß der Vorsitzende des vorbereitenden Ausschusses, Schollaert, Ministerpräsident gewor­den sei. Die Frage seiner Ersetzung ist nicht leicht, Schollaert ist eben eine einzig dastehende Mittelsperson. Unter den belgischen Katholiken haben bezüglich der Veranstaltung einer General­versammlung nämlich Meinungsverschiedenheiten obgewaltet: der Gedanke wurde sogar von Woeste mit Spott bekämpft.

* Ueber den Auszug der Augustinerinnen au) dem Pariser Hospitale wird noch berichtet: Die etwa fünfzig Schwestern wurden im Hof des Ge­bäudes von vier Bahn-Omnibussen erwartet. Mehrere Hundert Deputierte, Munizipalräte, Journalisten hatten sich eingefunden, aber nur die politischen Persönlichkeiten, und auch diese nur nach großen Schwierigkeiten, wurden von der Verwaltung eingelassen. Im Hof kam es dann zn Kundgebungen. Es wurden Blumen über­reicht. Kranke, Greise, Damen, Krankcnwär- terinnen drängten sich hinzu, und man versuchte mehrfach, die Pferde auszuspannen. Auf dem Platz vor dem Hospital waren Tausende von Menschen versammelt, die religiöse Lieder sangen und erregte Rufe ausstiehen. Immer wieder wollte man die Wagen zurückschieben und die Pferde entfernen. Die Kundgebungen wieder­holten sich auf dem ganzen Wege bis zum Asyl Notre-Tame-du-Bon-Secours. Dort fand Got­tesdienst statt, an dem Kardinal Richard persön­lich teilnabm und eine Ansprache hielt.

* Tie liberale englische Regierung will einmal etwas ernstes auf dem Gebiete der inneren Poli­tik leisten, um nicht bei den nächsten Neuwahlen mit leeren Händen dazustehen: Der englische Fi­nanzminister Mr. Asquith ntacht bekannt, daß die Regierung sofort eine Vorlage einbringen wird, uni Alterspensionen für die gesantte unbemittelte Bevölkerung einzu­führen.

* Seite Flottenrüstungen kündigte der eng­lische Staatsminister des Auswärtigen, Sir Edward Grey, in einer Rede vor seinen Wählern an. Er erklärte es für unmöglich, daß England fortfahre, seine Marinestreitkräfte zu verringern, wenn die auswärtigen Mächte jene Marinepläne verwirklichen, die sic angekündigt hätten. Wenn gewisse Nationen ihr Schiffsbauprogramm voll

Wartburg oder Marburg ?

Zur LebkMschichle Btt |L ßlissbtlh im Wtingeu.

Von P. C. C. Strecker, 0. M. I.

(Schluß.)

Wer sich für Marburg entscheidet, mutz not- 'wendigerweise anuehmen, datz Elisabeth auch aus Ler Stadt Marburg, überhaupt aus dem ganzen Besitztum von der rohen Hand der Verfolger ver­stoßen wurde. Tie Heilige hielt sich aber in der Stadt auf. . Bei der alten Ueberlieferung, daß die Burg die „Wartperg" war und die Stadt das alte „Menache", das nicht als Witwengut illalt. begegnen wir keiner Schwierigkeit.

I Wiederum leicht erklärlich ist bei der letzten Annahme die Bemerkung Jsentruds: „Elisabeth wußte nicht, wohin sie die Häupter ihrer Kleinen niederlegen sollte, denen doch der Besitz der Stadt, das Recht auf die Stadt infolge väterlicher .Nachfolge zukam." Bei Marburg hätte sie sagen miusien, denen doch der Anspruch auf die Stadt Infolge mütterlichen Rechtes zukanr.

Von »Een" ihren Besitzungen. Der erste Ein­druck, den^daS Wort „allen" auf uns macht, ist der, daß Elisabeth verschiedene Güter im Lande befaß. An einen Guterkomplex, wie ihn Huys- kens annimmt denkt man fchwerlich.

Von „einigen" Vasallen wurde die Landgräfin verstoßen. Nicht ohne Mühe dürfte die Frage beantwortet werden können, wie „einige" Großen «des Hessischen Adels, beispielsweise dec Amt­mann und die Burgmannen von Marburg eS tvageu konnten, die Landgräfin zu verstoßen, da ste sich doch im Voraus sagen mußten, durch diese brutale Handlungsweise würden sie den Unwillen der anderen Vasallen und die rächende Strafe des Landgrafen sich zuziehen.

L r t 3 Dwrt „sie wurde verstoßen", kann einen rTx ?($en ®inn haben. Gebrauchte man Phy» Psche Gewalt, jagte man Elisabeth zur Burg Hin­dus. wie i. B. einen frechen Bettler, eine schlechte

Dicnstmagd, oder aber, war es eine moralische Verstoßung, indem man ihr ungerechter Weise den Aufenthalt auf der Burg verleidete und so­gar unmöglich machte? Eine Dienerin Elisa­beths, Irmgard, gibt willkommenen Ausschluß hierüber. Sie erzählt: „Nach dem Tode ihres Gemahls wurde der hl. Elisabeth eine Zeitlang der Nießbrauch der Güter ihres Mannes nicht gewährt: ihr Schwager verhinderte sie daran." Dann erzählt sie weiter, daß Elisabeth ihren Unterhalt aus der landgräflichen Köche hätte er­halten können, aber daß sie es ablehnte einge­denk der Verordnung ihres Beichtvaters, Konrad von Marburg, nichts zu nehmen, bevor sie sich überzeug! hätte, ob es von Beraubung und Er- Pressung der Armen käme oder nicht: die Land­gräfin verließ die Burg und zog vor, ein nied- riges Leben zu führen und mit Handarbeit sich ihr Brot zu verdienen. Jeder sieht ein, daß der Landgraf seiner Schwägerin einen ungerechten Zwang auferlegen wollte und sie moralisch von der Burg forttrieb. Es geht nicht an, diese Aus­sage Irmgards als Klatsch abzuweisen. Es ist eine eidliche Aussage, die ebenso viel Glaubwür­digkeit beansprucht, als die Aussage dec anderen Dienerinnen. Die päpstlichen Kommissare haben sie zu Protokoll genommen, weil sie dieselbe für begründet ansahen.

In dec Aussage Jsentruds heißt es noch: ,Da der Bruder ihres Gemahls noch jung war". Tie Hofdame ist sichtlich bemüht, den Regenten zu schonen und seinem VerhaltenElisabeth gegenüber mildernde Umstünde angedeihen zu lassen. Wer ledoch tiefer schaut, erkennt gar bald, daß Jsen» trud mit dem feingewählten Ausdrucke Mangel an Einsicht. Nichtbeachtung der Schwere des Ver­brechens, Bevormundung des jugendlichen Land­grafen durch einige Hofleute andeuten wollte. Der erste Lebensbiograph Elisabeths, der Eister- ziensermonch Caesarius von Heisterbach, sagt deut- sich zur Begründung der Vertreibung: „denn die Brüder ihres Mannes, beide noch jnng, wur­den von den Ratschläaen ihrer Leute geleitet."

Heißt das nicht auf gut deutsch: sie ließen einige Hoileute gewähren und ließen durch dieselben un­ter ihren Augen Elisabeth von der Burg vertrei­ben? daß später die beiden Schwäger versöhn­licher gestimmt wurden, Elisabeth bei ihrer Ho- spitalgründung sogar unterstützten, ist leicht ver­ständlich: sie wollten das schwere Unrecht wie- der gut machen und das durch diese Tal, bei ihren Untertanen verscherzte Vertrauen wieder ge­winnen.

Hichskens beruft sich auf den Mönch Nikolaus aiS den besten Gewährsmann seiner Auffassung. Vergebens sucht man aber bei dem Mönche nach dem Worte „Verstoßung". Gelegentlich der Er­zählung Jsentruds von der Vertreibung macht er keine Randglossen, erst später, als sie die Neber» siedlung Elisabeths nach Marburg mit ihrem Seelenführer erzählt, erwähnt er, daß Marburg die Morgengabe oder das Wittumsgut der Land­gräfin gewesen sei und berichtet bann von einer Anfeindung Elisabeths durch die dortigen Adli­gen. Meine Bemerkungen beziehen sich sämtlich auf den Sommer 1228; die Vertreibung Elisa­beths fällt bekanntlich in den Winter 1227/1228.

Landgraf Ludwig starb am 11. oder 12. Sep­tember 1227 unten in Sizilien. Bis die Todes- nachricht nach Thüringen kam, gingen wohl 4 bis 5 Wochen durchs Land. Brauchte doch damals selbst die Nachricht vom Tode der Päpste diese Zeit für ihren Weg nach Deutschland. Sodann ist die Vermutung sehr berechtigt, daß man der unglücklichen, schwergeprüften Witwe, die ihrer nahen Niederkunft entgegensah, die Nachricht bis auf spätere Zeit vorenthielt. Daß die Wöchnerin zu Beginn des Winters mit ihren drei Kindern, von denen das kleinste nur ein paar Wochen alt war, und mit ihrem ganzen Haushalt nach dem ziemlich ferngelegenen Marburg aufgebrochen fei, ist schwer annehmbar. Wenn Huyskens dem Schwager Elisabeths, Heinrich RaSpe, und der ganzen landgräflichen Familie jegliche feindselige Stimmung gegen Elisabeth ganz entschieden ab- svrickt. fo muß et doch zuaeben. daß di« land­

gräfliche Familie der schwergeprüften Witwe und der jungen Mutter mit größter Bereitwilligkeit Unterkunft auf der Wartburg bis zur schöneren Jahreszeit gewährt habe, oder daß sie, falls Eli­sabeth absolut gleich fort wollte, auf der Burg Marburg alles wohnlich einrichten ließ und für standesgemäße und behagliche Unterkunft Sorge getragen habe. Es ist aber dann auffallend, daß man auf der Wartburg sich so stark über die (Be­sinnungen des hessischen Adels täuschte, der brutal genug war, die Landgräfin gleich in den ersten Wochen auf die Straße zu setzen. Und'weshalb ries'diese „gute edle" landgräfliche Familie Elita- bcth nicht nach der Wartburg zurück, als dec Amtmann und die Burgmannen sic von der Mar­

burg verstoßen hatten?

Weshalb die Burgmannen der Wartburg die Heilige Vertrieben haben sollen, dafür läßt sich nirgends ein Anhaltspunkt finden. Huyskens sagt: „Hier in Marburg fand sie bald, vielleicht aus Anlaß ihres keineswegs fürstlichen Auftre­tens und ihrer schrankenlosen Freigebigkeit, er­bitterte Gegner .. . ." Die schrankenlose Frei­gebigkeit Elisabeths und die Verschleuderung dec Witwcngüter, die zweifelsohne der landgräflichen Familie bekannt sein mußte, ging aber doch in erster Linie den Regenten Heinrich Raspe an. Was für ein Interesse hatten die Vasallen eigent­lich daran, daß sie eigenmächtig die Sanbgräfin vertrieben?

Nock) ein weiterer Punkt verdient in Erwäg­ung gezogen zu werden. Man weis; bestimmt, daß Elisabeth im Monat März in Eisenach war, legte sie doch in der Karwoche am 23. ober 24. Mürz 1228 in ber Franziskanerkirche zn Eisenach daS dreifache Gelübde ab. Es drängt sich unS unwillkürlich die Frage auf die Lippen: Wes­halb kommt sie von Marburg nach Etsenache Und wie hat sie ber Regent Heinrich attfaenom* men? Huyskens muß, um seine Hypothese auf­recht zu erhalten, in den Zeitraum vom Oktober 1227 bis zum 24 März 1228 sehr vieles hinein- legen: 1. die Geburt deS 3. Kindes und Gene-