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J10 13.

Fulda, Freitag den 17. Januar 1908.

35. Jahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 18. Januar 1908.

Der Vertrag mit Belgien und Italien betr. daS Urheberrecht wird in dritter Lesung angenommen, ebenso der Handelsvertrag mit Montenegro. Dann setzte das Haus die Interpellation Seyda (Pole) betr. die Preußische EnteignungS- Vorlage fort. ,

. Abg Heckscher (fr. Vp.). Wir erbltcken tn der sEnteignungsvorlage eine Verletzung sowohl der preußischen wie der Reichsverfassung. Preußen hat sich mit der Vorlage auf eine sehr gefährliche Bahn begeben. Ich hoffe noch, daß das Herrenhaus einen derartigen Beschluß des Abgeordnetenhauses nicht sanktionieren wird. Es wäre beispiellos, wenn das -Herrenhaus einen derarttgen nahezu revolutionären Schritt gutheißen würde. Ich hoffe aber auch auf den deutschen Reichskanzler. (Schallende Heiterkeit im Zentrum und bei den Soz.) Ich hoffe, daß der Reichskanzler, deffen liberaler, einheitlicher und Moderner Geist (fortdauernde Heiterkeit), ich möchte hoffen, daß dieser Geist sich mit dem Geist des preußischen Ministerpräsidenten paart (Heiterkeit), und auch eine segensreich« Wirkung auf die Block­parteien ansübt.

Abg. Ledebour (Soz.). Die Enteignungsvorlage ist ein Ausnahmegesetz, das gegen die Verfassung verstößt. Die Enteignung ist eine Brutalität, eine Barbarei. Gegen diese Vergewaltigung muß an jeden ehrenhaft denkenden Menschen appelliert wer­den. Die Polen werden durch die Vorlage nur noch erbitterter. Ich wundere mich, daß Graf Hom­pesch die Enteignungsvorlage als eine sozialistische bezeichnete. Wir wollen keine sozialistssche Ent­eignung, sondern eine Enteignung des Kapitalismus. Vielleicht ist eS dem Grafen Hompesch bekannt, daß oute rheinische Katholiken, die Stützen des Zentrums sind, für wenig Geld säkularisierte Krrchengüter aus der Zeit der französischen Revolution angekauft haben. (Beifall bei den So;.).

Abg. 5>r. Böhme (wirtsch. Vgg). Mit der Ver- söhnungspolitik den Polen gegenüber haben wir gründlich Schiffbruch erlitten; schon deshalb müssen wir zu die en strengen Maßregeln greifen, weil das Etaatswohl das erfordert. Wir werden festhalten an der jetzigen Polenpolittk, weil sie notwendig ist im Inte-esse des Reichs, der Sicherheit und des Fortschritts des preußischen Staats.

Abg. Fürst Radziwill (Pole): Es ist verschiedent­lich auf die Behandlung hingewiesen, der in Galizien die rulhenischen Bauern ausgesetzt seien. Ich kann nur sagen, wir würden der preußischen Regierung sehr dankbar sein, wenn wir beispiels­weise aus dem Gebiete der Schule so behandelt würden wie die Rnthenen in Galizien. Ich be­dauere lebhaft, daß die Re-chsregierung es abge­lehnt hat, in Sachen der Enteignungspolitik einen Einfluß auf Preußen auszuüben. Es wäre doch geradezu widersinnig, wenn sich das Reich ein ge- meiniames Bürgerliches Gesetzbuch gegeben hätte, ohne dafür üorge zu tragen, daß ein gewiffes Rechtsbewußtsein in alle» seinen Einzelstaaten zu seinem Rechte käme. Je mehr der Staatssekretär und der Reichskanzler sich hinter das formale Recht zurüekzieheu, umso schwächer wird ihre moralische Position. (Lebh. Beifall der Polen.) Diese Politik ist ein Einbruch des Vandalismus in di« politische Kunst, das Gegenteil der politischen Moral. Un­erhört ist tl in der Gesetzgebung aller Kulturvölker, Strahn zu verhängen — ohne Strafgesetz, ohne ge­ordneten Rechtsschutz, gegen Leute, die nichts ver­brochen haben, als daß sie mit vollem Herzen an der Tradition der Geschichte, dem Stolz ihres an­gestammten Volksstantmes sesthalten. Die Vorlage tst ein flagranter uns in der Geschichte der gesetz- Sebenden Körperschaften aller Länder unerhörter techtsbruch Denn noch nie ist es dagewesen, daß man wider ihren Willen Reichsangehörige, die

gar nichts verbrochen haben, von ihrer Scholle ver­treibt. (Lebh. Beifall bei den Polen, Widerspruch und Zischen bei den Natlib.)

Abg. Görcke (natl) hält den Polen vor, daß st« zu Unrecht sich immer als loyal hinstellten.

Abg. Delsor (Els.). Durch die Polenvorlage schaffe man eine Diktatur über den Grundbesitz. Wir können nicht einem Grundsatz zustimmen, der lautet: Gewalt geht vor Recht. (Beifall im Zen- trurn und bei den Polen).

Abg. Polthoff (sr. Vgg.). Di« Enteignungsvor­lage ist verfassungswidrig. Was würden Si« (nach rechts) wohl sagen, wenn die äußerste Linke einmal auf den Gedanken käme, die Krone zu enteignen! Die Vorlage ist nicht nur etwas Schlimmes, sie ist auch etwas Dummes, wenn man ihre voraussicht­lichen Wirkungen in's Ange faßt. Ich halte es für nötig, offen auszusprechen, daß der Gesamtlibe­ralismus das Vertrauen, daS Herr Heckscher in den Reichskanzler gesetzt hat, nicht zu teilen ver­mag (Hört, hört!). Bülow hat dieses Vertrauen im Abgeordnetenhaus« schnöde enttäuscht. Es liege klar zu Tage, daß diejenigen Unrecht gehabt hätten, di« den schönen Worten Bülows von der konservativ-liberalen Paarung getraut hätten. (Be­wegung.) Wenn jemals eine Partei einem Staatsmann zu mißtrauen hatte, dann ist es der deutsche Liberalismus. (Fortgesetzte Bewe­gung.) Er müsse dem Reichskanzler versichern, daß der größte Teil des Liberalismus ihm mit schärfstem Mißtrauen gegenüber stehe. (Anhaltende Bewegung.)

Abg. Seyda (Pole). Die Besprechung hat ge­zeigt, daß die Mehrheit des deutschen Volkes nicht hinter der Vorlage steht. (Lebh. Beifall bei den Polen und ungestüme Oho!-Rufe bei den Kompro- mißparteien). Den Boykott darf man uns nicht vorwerfen, denn dieser besteht auf beiden Seiten und der polnisch« Boykott ist die Wirkung der preußischen Polenpolitik. (Beifall bei den Polen).

Es folgen die Knappschaftsinterpel­lationen der wirtschaftlichen Vereinigung, des Zentrums und der Sozialdemokraten. Abg. BebrenZ wirtsch. Vgg.) legt diese Schäden in längerer Rede unter großer Unaufmerksamkeit des bereits über­müdeten Hauses dar.

Morgen wird die Interpellation weitet beraten werden.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 16. Januar 1908.

Das Haus beginnt die zweite Beratung der P o l e n v o r l a g e. Die Mehrheitsparteien, Konser­vative, Freikonservative und Nationalliberale haben sich auf folgende grundlegende Bestimmung geeinigt:

Dem Staate wird das Recht verliehen, in den Be­zirken, in denen die Sicherung des gefährden» Deuisch- lums nicht anders als durch Stärkung und Abrundung deutscher Niederlassungen mittels Ansiedelungen möglich erscheint, die hierzu erforderllchen Grundstücke in einer Gesamtfläche von nicht mehr als 70,000 Hektaren nötigenfalls im Wege der Enteignung zu erwerben.

Zur Geschäftsordnung bemerkt Abg. Kirsch (Ztr.): Der auf Nr. 50 der Drucksachen neuer- bing§ gestellte Antrag von Hcydebrand und Ge­nossen ist so einschneidender Natur gegenüber dem ursprünglich vorgelegten Gesetzentwürfe und ge­genüber den Beschlüssen der Kommission, daß ich Namens meiner politischen Freunde den Antrag stellen muß, die Sache an die Kommission zurück- zuver weisen. In der Kommission sind in erster und zweiter Lesung die verschiedenartigsten Be­schlüsse gefaßt, es hat sich dabei gezeigt, wie sehr die Mitglieder der Kommission ihre Ansichten ge­wechselt haben: wir , im Zentrum haben unsere Ansichteit natürlich nicht gewechselt. (Heiterkeit.) Wir stehen sowohl diesem neuen Anträge, wie

auch den Beschlüssen der Kommission in erster und zweiter Lesunz ablehnend gegenüber, Rur der Beschluß erster Lesung bezüglich der Ablehn- ung der Enteignung war dasjenige, was totr er­strebt haben. Wir haben erwartet, nachdem die erste Lesung mit der Ablehnung der Enteignung geendet hatte und nachdem eine Sitzung zur zwer- ten Lesung anberaumt war daß in dieser zwei­ten Lesung über die Aufrechterhaltung oder Ab­änderung dieser Beschlüsse entschieden werden sollte: aber es kam anders! Nachdem die Sitz­ung anberaumt war, erhielten wir plötzlich eine Mitteilung des Vorsitzenden, daß die zweite Le- sung auf Wunsch der Staatsregierung ausfallen müsse, weil, wie der Vorsitzende später mitteilte, ein Schreiben des Landwirtschaftsministers ein- gegangen war, daß die Regierung noch Erwägun­gen anstellte, — eine Negierung, die keine Er­wägungen anstellt, ist mir nicht bekannt. (Heiter­keit.) — Es hätte aber gesagt wer)'n -• ..fen, oh nach der Richtung, daß nach dem Mißerfolge der Regierung in erster Lesung sie nun die Vor­lage znrückziehen wollte. In einem derartigen Falle ist es vorgekommen, daß die anberaumte Kommissionssitzung wieder abbestellt ist, das hat genügende Begründung in der Sach« selbst. Mir scheint aber, als hätte man die Kommission, ein varlameutarisches Institut des Abgeordnetenhau­ses, gewissermaßen wie eine Korvette oder Fre­gatte angesehen, die nach der Weisung des Fre­gattenkapitäns ihre Schwenkungen ausüben muß (Sehr richtig! im Zentrum): so steht die Kom­mission nicht. Ich muß in dieser Beziehung aller­dings mehr Vorwürfe gegen die Staatsregie­rung als gegen den Herrn Vorsitzenden richten, der auf Grund dieses Schreibens die Kommis­sionsberatung Abgesagt hat. In der ersten Mit­teilung war gesagt, die nächste Sitzung würde jedenfalls erst nach den Weihnachtsserien statt­finden, dann aber kam die Nachricht, daß eine neue Sitzung unmittelbar vor der WeihuachtS- panse angesetzt sei. Unterdessen hatten die Mehr­heit und die Regierung ein Kompromiß verein­bart. Durch den neuen Antrag in der Kommis­sion waren wir genau so überrascht wie durch den jetzigen neuen Antrag der drei Mehrheitspar­teien, Derartige wichtige Anträge muffen doch gründlich durchberaten werden, und es ge­nügt nicht, daß gewisse Parteien sich über An­träge einigen und den übrigen Parteien, die da­mit nicht übereinstimmen, nicht Zeit lassen, in eine eingehende Prüfung des Antrages einzutre­ten. (Sehr richtig! im Zentrum.) Wir würden im Plenum auch noch Anträge gestellt haben, die wir aber der Kommissiousberatiing Vorbehal­ten werden, und wir werden voraussichtlich, toenn Sie dazu kommen sollten, die Kommissionsbera­tung akzntchnen, im Plenum keine weiteren An­träge stellen. Die Frage, woher die 70 000 Hektar genommen werden füllen, bedarf der Beratung in der Kommission. Es muß doch ferner sestge- stellt werden, daß ein großer Teil der Kommis­sionsbeschlüsse nunmehr nicht mehr haltbar ist, wenn der Antrag auf Nr. 50 der Drucksachen an­genommen wird. Deshalb bitte ich »m Zürn ck- Verweisung au die Kom mission. (Bei­fall im Zentrum.)

Abg. Keruth (freis. Vp.) unterstützte den An­trag Kirsch: der neue Antrag enthalte eine gänz­liche Veränderung des Prinzips der Vorlage.

Abg. LnsenSkh (nl.) widersprach dem Anträge „auf das allerentschsedenste", (lebh. Widerspruch und hört! hört! im Ztr. und links) die Kommis- siousmehrheit habe die Enteignung gebilligt, eine neue Beratung könne einen anderen Ausgang nicht nehmen.

Abg. Viereck (freikons.) sagt: der Antrag der Mehrheitsparteien sei klar und durchsichtig und er könne im Plenum hinreichend erörtert werden.

Abg. Dziembowski-Pomiau (Pole) verwies darauf, daß selbst der konservative Führer Dr. v. Heydebrand eine gründliclie Durchberatung die­ses Antrages für notwendig erklärt habe, er hob weiter hervor, daß der § 17 der Geschäftsordnung des Hauses eine Kommissionsberatung in einem solchen Falle geradezu gebiete.

Abg. Wolfs-Lissa (freis. Vgg.) machte darauf aufmerksam, daß stets, wenn eine große Partei hie Vertagung oder die Zurückverweisung einer Sache an die KommissiW verlange, man der guten alten Tradition des Hauses entsprechend dem stattzugeben gewohnt sei. „Und Sic (nach rechts) werden doch wohl anerkennen, daß da« Zentrum eine große Partei ist". (Lebh. Heiterk.)

Abg. Tr. b. Heydebrand (kons.) erklärt für dr« Konservativen, sie wurden nichts gegen die Zu­rückverweisung einzuwcnden haben, wenn irgend eine Möglichkeit bestände, daß die neue Beratung ein anderes Ergebnis haben könnte. Das sei aber nicht" der Fall.

Der Antrag Kirsch (Ztr.) wurde gegen di« Stimmen der Konservativen, Freikonservativen und Nationalliberalen abgelchnt.

Abg. Dr. b. Jazdzewski (Pole) verliest als­dann eine Erklärung, nach der die Polen nach wie vor ans dem Standpunkt stehen, daß daS Gesetz dem Prinzip der Verfassung, der Gerech­tigkeit und der Unantastbarkeit des Privateigen­tums widerspricht. Selbst die Mehrheitsparteien sind durch diese exorbitante Vorlage ins Schwan­ken geraten: einmal suchen sie sie abzuschwächen, dann wieder zu verstärken. Schließlich wollen sie aber ein Ausnahmegesetz schaffen, welches die her­vorragendsten Denker und Politiker aller Staa­ten in der schärfsten Meise verurteilt haben. (Leb­hafte Zustimmung links und im Zentrum.) Wir überlassen der Staatsregierung und denjenigen Parteien, die sie unterstützen wollen, die Verant­wortung für ihr Vorgehen vor dem Forum der Geschichte. Das Gesetz ist nur geeignet,, die Saat der Zwietracht und des Mißtrauens wieder aus­zustreuen. Daß einzelne Parteien solche Zustände mit Gewalt herbeisühreu, müssen wir sehr bedau­ern. Wir haben beschlossen, uns an der weiteren Diskussion vorläufig nicht zu beteiligen.

Abg. b. Heydebrand (k.): Meine politischen Freunde werden mit ganz wenigen Ausnahmen für den Kompromiß der Kommission und den heutigen Antrag stimmen. Wir sind entschlossen, das Werk der Ansiedelung unter ollen Umständen aufrecht zuerhalten. Aber wir waren darüber im Zweifel, ob die Mittel der Negierung immer zweckmäßig und alle Maßirahmen dieser Vorlage wirklich notwendig waren. Die Negierung hat selbst anerkannt, daß die Vorlage verbesserungs­bedürftig ist. Was wir erreicht haben, entspricht nicht ganz unseren Wünschen, da, aber die Ne­gierung ans Gründen der Staatsraison nicht weiter gehen zu können glaubte und wir nicht das ganze Werk gefährden wollten, haben wir uns entschlossen, die Vorlage, so wie sie jetzt vor­liegt, anzunehmen. Wir wollten der Regierung nicht in dem ganz unbeschränkten Nahmen das Enteignungsrecht geben, wir sind aber der Mei­nung, daß man der Regierung 'm gewissen be­schränkten Grenzen das Enteignungsrecht geben muß, denn über dem privaten steht das öffent­liche Recht. Wir haben durch unseren Antrag ganz klar ausgedrückt, daß nur da, wo das Deutschtum und die Ansiedlung nicht anders ge­halten werden kann, die Enteignung angewendet werden darf. (Widerspruch links.) Wir habe« das Vertrauen zur Regierung, daß sie nur so­weit gehen wird, wie es unbedingt nöti^ ist. (Lebhafter Beifall rechts, dauerndes Zischen links.)

Ministerpräsident Fürst Bülow: Die Regie­rung wird dem Antrag der Herren v. Heyde­brand usw. zustimmen. Die Vorschläge stellen

Rest Merian.

Roman von M a r i e B a i r r l ei n.

19] (Nachdruck verboten.)

Mit einem weißen Latzschiirzchen angetan, das ihr allerliebst hausfrauenhaft stand, erschien Resi wieder und deckte den Kaffeetisch. Als sie vor feinem Platz die Tasse und das Löffelcheu ord­nete. griff er schnell nach der fleißigen Hand und druckte seine Lippen darauf. Zuerst verspürte « einen leisen Ruck der schlanken Rechten doch als er unter den Brillengläsern liebevoll zu dem Fräulein aufschaute, da formten deren Lippen sich zu einem schmerzlich süßen Lächeln und der gute, harmlose Mensch, der nur das Süße davon bemerkte, strahlte über das ganze Gesicht.

„Ren — bist Du mir wirklich gut?"

»Aber Bester, warum dieser feierliche Nach- br£d in der Frage? Wenn ich Dir nicht gut wäre, würde ich Dich nicht mit all dem delikaten Gebäck verwöhnen, das ich gleich hereinholen werde." ,— Ein scherzhaftes Lachen brach den Ernst seiner Herzensfrage.

„Mir bist Du aber auch gut, gelt Tante?"

Raoul, der die beiden stumm beobachtet hatte, kam jetzt aus feiner Spielecke hervor, und zerrte an den Rockfalten Rests.

„Aber Liebling — süßer — so sehr — ach so sehr!" Sie hob das Kind vom Boden auf und drückte es leidenschaftlich an sich. Da sah sie, wie es um den Mund ihres Verlobten schmerzlich zuckle, und in jähem Verständnis, daß der Unter­schied ihres Benehmens bei der Antwort auf di- -wei gleichlautenden Fragen dies verschuldete, trat sie wieder zu dem Manne und streichelte seine auf dem Tischtuch liegende Hand.

„Wünschest Du eine Tasse scl)warz mit Rum, Rudolf, ober nimmst Du Sahne dazu?"

,,Letzteres, Nesi."

Herr Hagen ließ sich voll bewußten Vergnü- ,S«ns von seiner Braut bedienen. Dieses Kafffee­

stündchen war von unnennbarem Reiz für ihn. Niemand als den mit Schlürfen feiner Milch voll­auf beschäftigten Raoul zum Beobachter, hingen die. von warmer, treuer Liebe redenden Augen des Verwalters voll leidenschaftlicher Zärtlichkeit an dem ruhigen, charakteristischen Antlitz des Fräuleins und Resi, die ihre Blicke nicht immer rvegwenden konnte, wurde bald blaß, bald glühend rot bei diesem wortlosen Liebeswerden. Sie fühlt« etwas in sich laut werden, das ihr ankla- gend entgegenrief: , ,. , „

„Ist es auch recht, daß Du auf dl« heiße Frage dieses Augenspiels nicht mit aufrichtigem Herzen di« erhoffte Antwort geben kannst, son­dern Deine Blicke wie schuldbewußt sinken lassen mußt? Und wäre es nicht ganz anders, wenn Dir statt dem ungeliebten Bräutigam ein blond- bärtiger Jemand mit diesem stummen Geständ­nis auf den Zügen gegenüber faße?"

„Liebfte, weißt Du auch, welche Botschaft ich Dir heute zu überbringen habe?" unterbrach Herr Hagen die für Resi peinvolle Stille

„Nein, lieber Shtbolf, ich bin darum gespannt auf dieselbe."

„Wenn Du mich morgen besuchen wirst, so werde ich Dich in den Pserdestall führen. Dort habe ich mit Erlaubnis der gnädigen Frau einen frommen, schneeweißen Schimmel eingestellt. Ich kaufte ihn gestern für Dich. Du sollst nun retten lernen kennen, da Du neulich sagtest, es würde Dir eine riesige Freude machen!"

„Aber Rudolf!" Die hellen Tränen hingen dem Mädchen an den Wimpern. „DaS — das kann ich ja gar nicht annehmen — ein solches Ge­schenk! Du bist viel zu gut — und eigentlich ist das Reiten gar kein passender Sport für mich!"

„So. es sollte sich nicht schicken für eine spä­tere Gutsbesitzersfrau? Du mußt mich doch be­gleiten, wenn ich einmal unfer kleines Hofgut inspiziere."

Das Mädchen war tief gerührt. Der gute, treue Mensch ergriff jede Gelegenheit, um ihr eine freudige Überraschung zu bereiten, und

feine sorgende Liebe tat sich in allen seinen Hand­lungen kund. Sie fühlte sich plötzlich so unwür­dig dieser ehrlichen, heißen Neigung gegenüber und in ihrem Herzen erwachte der starke, willens- feste Entschluß die Leidenschaft, die sie für den Pflegebrudec hegte, mit aller Kraft und Energie zu bekämpfen und alles zu tun, um den Verlob­ten glücklich zu machen. Er durfte keine Ahnung erhalten, baß mit ihrer Hand nicht auch ihre Seele in seinen Besitz kam: die Konsequenzen, welche diese Ehe mit sich bringen würbe, sollten sich nur für ihre Person fühlbar machen.

Den Verwalter ergriff ein wahrer Glucks- rausch. Rest hatte sich über ihn gebeugt und drückte ihre Lippen auf die {einigen. Es war der erste Kuß, den sie ihm freiwillig gab. Als sie bemerkte, wie die große Freude über diesen Zärtlichkeitsbeweis dem Verlobten die Augen feuchtete, und wie der ganze Mann vor tiefer Be­wegung erbebte, da legte das Fräulein den blon­den Kopf an die treue Männerbrust, die nur für sie atmete und flüstert« mit scheuer, süßer Stimme: , „

„Ich danke Dir für Deine große Liebe, Ru­dolf, und gelobe, Dir dafür ein braves Weib zu werden." , , .

Als der Verwalter den Heimweg antrat und auf der einsamen Landstraße dahinschrut, da achtete er der trüben Psiiven und schlammigen Wasserbäche nicht, welche der Gewitterregen pc- bildet hatte, obwohl seine Fuße in dieselben em- sanken. Tas Glück beflügelte feine Schritte, als ob er auf Blumenpfaben wandle, und in feinem Jmiern jubilierten tausend Freudenstimmen, welche sich mit dem Abendgesang der in den Lüf­ten konzertierenden Vogelchöre zu bereinigen schienen.

9. Kapitel.

Frau Sonne stand in strahlender Pracht am wolkenlosen, tiefblauen Himmel. Durch die glühende Luft ging ein Flimmern und Zittern: kein erfrischender Hauch kühlte di« heißen Stir­

nen der Menschen und die von SHveiß triefen- den Körper der Lasttiere.

Die zwei stattlichen vor den leichten Korb­wagen gespannten Rappen stampften ungeduldig mit den Husen unter den peinigenden Stichen dec Mückcnschwärme, so daß der Kutscher Not und Mühe hatte, die gequälten Tiere noch einige Mi­nuten am Platze zu bannen.

Herr Weilers setzte soeben sein Söhnlein auf das S.tzpolster und strich ihm voll Zärtlichkeit die intimen Löckchen aus dem vor freudige» Er- toartung strahlenden Gesichtchen.

„Kommst Tu wirklich nicht mit, Papa? ES wird doch gewiß wunderschön — denke mal —-> ein Erntefest! Tante Resi sagt, wenn getanzt wird, darf ich mit ihr herumwalzen."

„Habe leider heute keine Zeit zu Bergnügun- gen, mein Kind. Papa hat Geschäfte abzuschlie- ßen. Amüsiere Dich nur recht mit Tantchen.

Er wandte die Blicke nach dem Hause zurück, von woher das leise Auflachen Resis erklang und in bitterer Aufwallung preßten sich feine Lip­pen aufeinander, als er die in duftiges Weiß ge­kleidete Gestalt betrachtet«. Wie lieb und an­mutig das leichte Gewebe ihre tadellose Figur umschloß. Wie die samtnen Braunaugen unter dem breiten Rand des großen Florentinerhutes hervorglänzten und mit welch reizendem Lächeln sie jetzt zu dem sie ganz verzückt anstarrenden Verwalter aufblickte.

Ohne das Trittbrett zu benutzen — mit einem weiten Satz — sprang der Kaufmann vom Krem- fer herunter und machte dem einsteigenden Paar Platz. Er schien die ihm zum Abschied entgegen- gcfftrcckte Hand Resis nicht zu bemerken und eilte mit einem rasch hingeworfenen: „Adieu un- viel Vergnügen!" ins HauS zurück. Als er ftd) unter der Tür noch einmal umwandte, my er, wie die Pflegejchwefter das Gefährt wieder ver­ließ.

(Fortsetzung folgt).