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Carl Schütte;

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30 12.

Fulda, Donnerstag den 16. Januar 1908.

35. Jahrgang.

Zweites WLatt.

- Die IJorgirngt in Ittarohho.

Die Absetzung Abdul Asis und die Ausrufung seines Bruders, des Gegensultans Mulay Hafid zum Sultan hat den Franzosen einen dicken Strich durch ihre Rechnung gemacht.

Abdul Asis wurde entthront, weil er das Ein­dringen der Franzosen in Marokko b e g ü n- st i g t und sich mit ihnen wegen der Organisa­tion der Polizei ins Einvernehmen gesetzt hatte. Vom Standpunkt der Marokkaner aus sind das berechtigte Vorwürfe. Mehr oder minder offen ging der Plan Frankreichs darauf hinaus, ganz Marokko in die Tasche zu stecken trotz der Algeciras-Akte, und Abdul Asis, der durch Frank­reich sein gewaltiges Geldbedürfnis befriedigen wollte, hat ihnen dabei in die Hände gearbeitet.

Nun ist ihr Bundesgenosse von seinen eige­nen Leuten in seiner eigenen Hauptstadt zur Ohnmacht verurteilt. Grund genug für die Franzosen, böser Laune zu sein. Man gibt sich zwar den Anschein, als glaube man, die Ausruf­ung Mulay Hafids zum Sultan habe nicht gar viel zu bedeuten und die Lage des bisherigen Sultans Abdul Asis sei „nicht ernstlich erschwert, so lange er die Hafentruppen besoldet", d. h. so lange Frankreich das Geld hergibt, damit er die atlantische Küste zu halten vermag. Soviel ist aber schon zu erkennen, daß auch die Franzosen das Innere Marokkos für Abdul Asis verlo­ren geben und ihn bloß noch als einen Kiisten- sultan betrachten, dessen Schicksal ganz allein von rhnen selbst abhägt.

Was Abdul Asis schließlich den Hals gebrochen hat, ist sein Versuch, die städtischen Abgabeii in Marokko auf zehn Jahre in die Verwaltung Frankreichs zu geben. Dieser Plan hing zusam­men mit dem Geldbedürfnis des Ersnl- tans, der gerade jetzt durch seinen getreuen El Mokri in Paris den Vertrag über eine Hundert­millionenanleihe zum Abschluß bringen wollte. Das große Geldbedürfnis hat offeiibar den Ex- Sultan auch dazu verführt, mit so unvorsichtiger Offenheit die Siege der Franzosen über Marok­kaner zu begrüßens neuerdings hatte der Ex- Sultan noch durch seinen Oheim in Casablanca sein: Glückwünsche zur Eroberung der Kasbah der Mediunas überbringen lassen, um Stimmung für seinen Pump zu machen. Das Volk hat sich nicht so geduldig einwickeln lassen wie der geld- hungrige Kalif. In den mohammedan. Ländern muß man aber mit der Spekulation auf die Per­son eines Herrschers sehr vorsichtig sein; der dor­tige Despotismus wird zeitweilig „gemildert" durch eine Revolution. Die lllemas (Würdenträ­ger) sind schnell mit einer Absetzung fertig, wenn sich dem Herrscher eine Verletzung der „heiligen Gesetze" nachsagen läßt. Auch in Persien haben wir ja kürzlich gesehen, daß der Volkswille, wenn er einmal erwacht, ist, eine große Macht hat.

. Was nun? Die französische Eroberungspoli­tik wurde nachgerade gefährlich für den Frieden Europas, da die nachsichtige Haltung Dentsch- kands gegenüber der Aushöhlung der Älgeciras- akte doch schließlich ihre Grenzen haben mußte, ^etzt geht es mit der bisherigen Art der „Turch- orlngung" nicht weiter. Die Tore von Fez, die Abdul Asis dem mit Geduld beladenen Esel öff­

nen wollte, sind wieder geschloffen. Mit List ist nichts mehr zu machen; entweder verzichten oder einen richtigen Eroberungsfeldzug in das Innere unternehmen.

Ter Pariser „Temps" meint, es sei schwer $« sagen, welche Haltung Frankreich angesichts der neuen Vorgänge beobachten solle. Jedenfalls sei die äußerste Vorsicht nötig. Um Abdul Asis ge­gen seinen Bruder zu verteidigen, werde es einer überaus großen militärischen Anstrengung be­dürfen. Frankreich, welches diese Anstrengung für sich nickt machen wolle, könne viel weniger um Abdul Asis den Gang nach Fez unternehmen. Ebenso schwierig sei cs, die Darlehensverhand­lungen fortzusetzen, welche El Moku in Paris angeknüpft habe, weil man ja nicht wisse, welche Regierung es morgen in Marokko geben werde. Frankreich müsse sich deshalb ausschließlich von feinen unmittelbaren Jnteresien und seinen un­erläßlichen Pslichten leiten lassen. Es werde vor­aussichtlich genötigt sein, vorläufig zu stoppen.

Bravo! Das ganze friedlebende Europa wird es begrüßen, wenn Frankreich sich auf das Ab­warten verlegen wollte. Die Bewegung in Ma­rokko richtet sich wie gegen die Franzosen, so gegen die Europäer überhaupt und gegen das Abkommen von Algeciras. Zweifellos leiden alle europäischen Interessen in Marokko infolge des Draufgängertums der Franzosen jetzt Schaden.- Ob aber Muley Hafid, wenn er zur vollen Macht gelangt ist, die Älgecirasakte wirklich zerreißen wird, ist noch gar nicht ausgemacht. Ter Mann wird um so eher mit sich reden lassen, je weniger Schwierigkeiten ihm das Ausland bei seinen Kämpfen mit dein Bruder macht.

Uebrigens ist es eine durch die Erfahrung des letzten halben Jahres neu bekräftigte Tatsache, daß die Europäer in den Häfen nicht bedroht sind, so lange Frankreich die Hand von diesen Plätzen läßt. Sie würden noch weit weniger be­droht sein, wenn der energische Mulay Hafids, der nach der Ermordimg Maychamps in Marra­kesch in Ordnung rasch wiederherstellte, und die europäische Kolonie von Marrakesch unter sei­nen Schub nahm und unter sicherem Geleit an die Küste schickte, die Macht auch über den Küsten­strich erlangen würde.

Deutsches Reich.

X Tas milde Urteil des Tisziplinarhofes in Leipzig gegen den früheren Gouverneur von Kameruli, Jesko von Putt k a in e r erregt all­gemeines Aufsehen. Schon in der ersten Tiszi- Plinariusianz, vor der Potsdamer Tisziplinar- kaininer hatte Puttkamer gnädige Richter gefint- den. Er kam trotz schiverer Verfehlungen mit einem Verweis und einer Geldstrafe von IGO M davon. Tie zweite und letzte Instanz hat die Geldstrafe gestrichen und nur den Verweis bestehen lassen. Und dabei hat das Gericht in seinem Urteil ausgesprochen, daß Puttkamer gegen die Pflichten seines Amtes verstoßen, daß er einen falschen Paß für feine „Kusine" ausge­fertigt und einen Bezirksrichter zu beeinflussen gesucht hat. Pnttkainer hatte bekanntlich eine angebliche Freifrau v. Eckardtstein als „Haus­dame" nach Kamerun mitgenommen, und dieser, einem Fräulein Ecke, jetzigen Frau v. Gerinar, die er in Berliner Tingeltangeln kennen gelernt und von deren unsauberem Gewerbe er wußte.

hat er schließlich, als er sie heimschicken mußte, persönlich einen Paß auf den Namen v. Eckardt­stein ausgestellt. Der Disziplinarhof hat ihm geglaiibt. daß er die „Kusine" unter dem Namen v. Eckardtstein kennen gelernt habe, er habe ledig­lich bei der Ausstellung des falschen Passes leicht­fertig gehandelt. Für uns hält es schwer, zu glauben, daß jemand, der jahrelang mit einem Frauenzimmer so nahe zusammenlebt, nicht wis­sen soll, mit wem er es zu tun hat. Tie ehemalige Kusine beschwor, selbstverständlich habe v. Putt­kamer das gewußt, er habe ihr selbst den Namen beigelegt, um sie in Kamerun in die Offiziers­kreise einführen zu können. Das Zeugnis der Ecke wird dadurch gestützt, daß Puttkamer seine Hausdame in Kamerun sogar als eine nahe Ver­wandte vorgestellt hat, und er wird wohl nicht behaupten wollen, daß er auch das selber ge­glaubt habe, und ferner, daß er wirklich eine Verwandte des Namens Eckardtstein besitzt, was ihn doch unter allen Umständen bei Ausstellung des unrichtigen Passes hätte stutzig machen müs­sen. Und dann hat Puttkamer den Paß erst aus­gestellt, nachdem der zuständige Beamte sich ge- weigert hatte, den Paß mit dem falschen Namen auszufüllen. Trotzdem glaubt das Gericht, daß Puttkamer den Namen v. Eckardtstein für den richtigen gehalten habe! Vor Gericht ist ferner nachgewiesen worden, daß Puttkamer erneut Be­zirksrichter Vorhaltungen über feine den Schwar­zen zu günstige Rechtsprechung gemacht hat. Da­rin sah auch der Disziplinarhof einen Beeinslns- sungsverfuch, nahm aber mildernd an. daß er keinen eigennützigen Zweck gehabt habe. Was würde man wohl sagen, wenn in gleicher Weise in Deutschland auf die Rechtsprechung der Rich­ter Einflüsse geübt würden! — Wir gönnen Puttkamer durchaus das gnädige Urteil. Hof­fentlich geht es aber nächstens anderen Sündern nicht schlechter als ihm, auch wenn sie nicht zu­fällig einen Minister zuiu Vater haben.

Aus Kirche und Schule.

* Regensburg, 15. Jan. 1908. Wie von geist­licher Seite mitgeteilt wird, sind in der Regens­burger Diözese mehr als 200 Kaplaneistellen wegen P r i e st e r m a n g el s verwaist. Vergeb­lich sollen sich die oft alten, schonungsbedürftigen Pfarrherren bemühen, eine Hilfe in der Seel­sorge zu bekouimen.

Aus dem Rachbargebiete.

[:] Hilders, 15. Jan. 1908. Anläßlich der Feier des 11. Stiftungsfestes am vergangenen Sonntage, hielt der hiesige Mannergesang- verein „Liederkranz" morgens 9 Uhr gemein­schaftlichen Kirchgang. Während des Gottes-' dienstes trug der tßeiein eine vierstimmige Messe wirkungsvoll vor. Abends sand im Theatersaale deS Gasthofes „Zum Stern" eine in allen ein­zelnen Teilen glänzend verlaufene theatralisch- musikalische Abendunterhaliung statt. Das zwei­aktige Lustspiel: „Die Rest vom Wildhos" ging flott über die Bretter und tief unter dem Pub­likum wahre Lachsalven hervor. Die einge­legten ein» und mehrstimmigen Gesänge klappten vorzüglich, weil sämtliche Darsteller über gute musikalische Kenntnisse versügten. Auch das ur­

komische Kouplet: „Der Automobilunfall" erntete stürmischen Beifall. Freunden einer gediegenen Vokal- und Instrumentalmusik wurden einige genußreiche Stunden geboten. Von den Gesamt­vorträgen seien besonders erwähnt: „Grüße an die Heimat" von Kromer; „Zwei Blümelein" von Pauli und „Der Alpenjäger" von Waldau. Während aller gesanglichen Darbietungen zeigte der strebsame Dirigent, Herr Briefträger Faul- stich, daß er die Ziele des deutschen Männer- gesanges richtig erfaßt und mit seinen Sängern fleißig geübt hat. Sämtliche Leistungen sanden großen Anklang. Tie 18 Mann starke eigene Vereinskapelle spielte mit gewohnter Sicherheit und Fertigkeit selbst schwierige Konzertstücke.

* Hanau, 15. Jan. 1908. Die Strafkammer verurteilte einen jugendlichen Kaufmann von hier, der seinem Prinzipal, einem Kaufmann Bracker, in kurzer Zeit nicht weniger als 1650 tK unterschlug und für sich verwendete, zu sechs Monaten G e f än g n i s.

* Frankfurt n. M., 15. Jan. 1908. In einer leerstehenden Wohnung in der Kleinen Eschenheimerstraße wurde gestern ein sechs Monate alles verkümmertes Kind hilflos aufge­funden. Die Mutter des Kindes ist feit Frei­tag spurlos verschwunden. Das Kind ist seit dieser Zeit ohne Nahrung geblieben und nun ins Krankenhaus gebracht worden. Der Vater des Kindes ist unbekannt. — Wie das statistische Amt meldet, hat Frankfurt feit der letzten Volks­zählung um 20,000 Einwohner zugenom- men. Die Einwohnerzahl beträgt jetzt 354,000. — Der internationale Verband der Köche, der hier feinen Sitz hat, wird in Kürze hier, ein Museum für Kochkunst und kulinarische Wissenschast eröffnen mit dem Zweck, der Koch­kunst eine dauernde Pflegestätte zu schaffen.

* Witzenhausen, 15. Jan. 1908. Im Jahrt 1907 wurden in den Gemeinden des Kreises Witzen- hausen für Obst gelöst: für Kirschen 3002,45 Mk., für Birnen 508 25 Mk., für Aepfel 1121,85 ■Ulf., für Zweischen 547,90 Mk., für verschiedene Obstsorten 5369,05 Mk., insgesamt 10669,50 Mk.

* Eltville, 15. Jan. 1908. Um die Hand­werker zur rechtzeitigen Einreichung ihrerMech- nun gen zu veranlassen, hat die Stadtver­waltung eine beachtenswerte Neuerung eingesührl. Die Stadt verlangt nämlich, daß alle Rechnungen mindestens einen Monat nach Schluß des betreffenden Kalendervierteljahres eingereicht werden und will bei Mchlinn Haltung dieser Bestimmung die Rechnung um zehn Prozent kürzen.

* Vom Eichsfelde, 15. Januar 1908. Ein schlech tes Resultat hat für die tabakbamnden Landwirte des Untereichsfeldes die letztjährige Tabakernte dadurch gehabt, daß trotz niedrigster Preise sich kein Händler auf den Dörfern einfindet, der die Ware abnehmen will. Da nun vie! Tabak gerade von den kleineren Anbauer gepflanzt wird und diese mit einem schnellen Erlös der Ernte rechnen müssen, so ist mit Sicherheit an- nehmcn, daß bei solch ungünstigen Verhältnissen der Tabakbau auf dem Untereichsfelde einen weiteren starken Rückgang erleiden wird.

Wartburg oder Marburg ?

3ur LebkiisgesWte fier hl. Mbeth van Thüringen.

Von P. C. C. Strecker, 0. M. I.

. TAb Bild der lieben hl. Elisabeth, wie sie nach t()re§ Am^bls mit ihren drei Kindern

^Wartourg vlltten tm kalten Winter verlassen mußte und obdachlos in Eisenach umherirrte, ist jedem wohl bekannt und tief ins Herz eingegra- «fi frib von der geschichtlichen Wahrheit dieser Begebenheit überzeugt, und vielleicht nur tofrnge ahnen, daß an dieser Tatsache gerüttelt

Vor einigen Jahren erschienen einige Schrif­ten, die unter dem Vorwande, das Bild der hol- den Landgrafni von Uebermalung und Verzer­rung zu befreien, die Verstoßung von der Wart- ourg entweder ganz leugneten oder aber als Anlatz'hpaW-T- Unb im letzten Jahre, ans + be§ TOOjatjngen Gedenktages ihrer Ge- l- EJ* die auffallende Behauptung auf, Elnabeth Ware nicht von der Wartburg, sondern von der Burg oberhalb der Stadt Marburg efnir-n5^•to°tr?Cn"<ndürste gewiß viele inter- enieren, hierüber Näheres zu erfahren.

ÄwÄTÄÄ ä SÄ’

unb Demut im Bettlerkleid zu ÄÄ bet Beichtvater der Heiligen Kon'rad ?on 9Ra?. bürg der ein ^ahr nach ihrem Tode einen kur- aen Lebensabriß niederschrieb, in dem er Mate- J“r, E Heiligsprechung zusammentrug, über -l^lbung fein Wort verloren, obwohl doch ?Jefe Tatsache die Tugend und baÄ'Lrn'i 'beths gezeigt hätte. Desgleichen die Ä Sregor IX. -n der Kanonisationsbulle

^eritoßung nicht.erwähnt.

können wir leicht abfertigen. Bri°fe m°tn Marburg beschränkte sich in seinem denen rr11? wichtigen Begebenheiten, bei konnte und gewesen, und bet Papst

■— nic un') wollte nicht in einem an die ganze

Christenheit gerichteten offiziellen Schriftstück die landgräfliche Familie bloßstellen. In einem Schreiben an Königin Beatrix von Kastilien (7. Juni !235) gebraucht Gregor IX. bas Wort „Be­raubt". Im Jahre 1235, kaum drei Jahre nach dem Tode des Heiligen, sagten zwei Dienerinnen derselben vor päpstlichen Konnnissaren unter Eid aus, daß sie vertrieben worden sei. Eine der­selben, Jsentrud von Hörselgau, Elisabeths Jugendfreilndiil und Hofdame bis in die letzten Tage der Landgräfin, hatte die Verstoßung an ihrer Seite miterduldet. Die Aussage Isen- triids wurde durch Gnda, eine andere Hofdame, eidlich bekräftigt. Ein Ereignis von solch er­greifender Tragik im Leben der Königstochter und hochangesehenen Fürstin war den Zeitgenos­sen bekannt. Chronisten haben es gebucht, und eine mündliche Ueberlieferung hat es in den Geschlechtern lebendig erhalten. Wenn mir alle historischen Taten mit solchen Belegen aus- gestattet iverben könnten!

Von welcher Burg ist die Heilige Ver­trieben worden? Ueberraschend kamen jüngst die sehr beachtenswerten Ausführungen des Mar­burger Staatsarchivassistenten Dr. A. Huyskens. der die Vertreibung Elisabeths nach Marburg verlegt (Histor. Jahrb. 4. Heft 1907 S. 751 bis 765). Er schreibt: „Als die Kunde vom Tode ihres Gatten eintraf, begab sich die Heilige selbst- verständlich von der Wartburg fort, die nun den Nachfolgern in der Landesregierung gehörte, auf ihr Wittum nach Marburg. Hier in Marburg fand sie bald, vielleicht aus Anlaß ihres keines­wegs fürstlichen Auftretens und ihrer schranken­losen Freigebigkeit, erbitterte Gegner an dem dortigen Adel, insbesondere wohl dem Amtmann und den Burgmannen. Ihr Haß gegen die Land- grafin riß sie soweit fort, daß sie sich nicht scheu­ten, sie mitten im Winter zu Beginn der Fasten­zeit Von der Burg zu Vertreiben. Man ließ sich zwar großmütig herbei, ihr am folgenden Tage ein Obdach bei einem ihrer Widersacher anzu­weisen. Von ihrem Schwager, dein Vormund ihres Sohnes, war nicht einmal viel zu hoffen, der Adel war, vermutlich infolge der häufigen Abwesenheit des Landgrafen Ludwig, mächtig

und übermütig geworden." Ich will versuchen, Huyskens Ansicht unbefangen zu prüfen.

Jsentrud von Hörselgau, die Jugendfreundin Elisabeths sagte eidlich aus: „Nach dem Tode ihres Mannes wurde Elisabeth Vertrieben Von der Burg und allen Besitzungen ihres Wittums Von einigen Vasallen ihres Gatten, da der Bru­der ihres Gemahls noch jung war." An diese Stelle knüpft Huyskens an: „Tie Aussagen (der Vier Dienerinnen Elisabeths) erzählen uns ein­mal Von den Sondereinkünften, ans denen die Heilige schon zu Lebzeiten ihres Mannes teil­weise ihren und ihrer Dienerinnen Unterhalt be­stritt, nm nicht vom Raub und Von der Besteue­rung der Armen leben zu müssen. Darunter können nur die Liegenschaften oder die Einkünfte aus solchen verstanden werden, welche der jungen Frau als Morgengabe verschrieben worden waren. Neben dcr Morgengabe standen in allen fürst­lichen Heiratsverträgen dieser Zeit noch Heim- fteuer und „Widerlegung", d. h. es wurden für die Mitgift der Frau und die meist gleich hohe Gegengabe des Mannes gewisse Güter und Ein­künfte verschrieben, an denen die Frau, aber erst als Witwe, ihre Nutznießung hatte, und zwar nur solange sie lebte. Nach dem Tode ihres Mannes mußte die Landgräfin also neben der Morgengabe, die sie schon besaß, noch ihr Wit- tumsgnt erhalten." Huyskens fand in der Schrift eines niederländischen Mönches, der zu den Aus­sagen der vier Dienerinnen einzelne Randglossen machte, nachdem er einige Jahre nach dem Tode der Heiligen nach Wartburg gepilgert war und an Ort und Stelle sich über ihr Leben erkundigt hatte, daß Landgraf Ludwig seiner Gattin die Stadt Marburg als Morgengaöe oder als Wit­tum verschrieben hatte. Mit dieser Angabe baut Huyskens nunmehr seine Erklärung auf. Jsen­trud meint den ganzen Komple; von Gütern der Morgengabe und des Wittums, wenn sie da­von spricht, daß sie ihrer Burg und aller Güter beraubt wurde. Da einige Vasallen genügten, dieses Werk zu vollbringen, so müssen diese Gü­ter nicht allzuweit von einander entfernt ge­legen haben. Sonst wäre sie wohl nicht aller Güter mit einem Male beraubt worden. Tie die Stadt Marburg überragende Burg war der Mittelpunkt dieser Güter und gleichzeitig Wohn­sitz der Heiligem

Ich vermag dieser Auffassung und Auslegung nicht beizupflichten und ich erlaube mir folgendes dagegen zu bemerken:

Jsentrud deutet in keinerlei Weise an, daß Elisabeth nach Marburg gegangen sei, sie berich­tet lediglich nur von ihrer Verstoßung. Die Landgräsin konnte ihres Besitztums beraubt wer­den, ohne auf demselben ansässig zu sein.

Ebenso wenig scheint mir, ist in der Aussage Jseiitrud's eine Unterlage dafür gegeben, daß die erwähnte Burg zu den Gütern der Landgrä­fin gehört habe oder der Mittelpunkt derselben gewefen sei. Es heißt, daß sie von der Burg ver­stoßen wurde und von all ihren Besitzungen. Diese Vertreibung von den Gütern brauchte nun, aber keineswegs durch einen gewalttätigen Handstreich zu gesäiehen', die Entziehung des Nießbrauches ihrer Güter und die Vorenthaltung aller Ein­künfte schloß eine Vertreibung in sich.

Was für eine Burg meinte denn eigentlich die Hofdame? Vorher hatte sie den Kommissaren die „Wartburg" gezeichnet als eine hochgelegene Burg und hatte der Landgräfin tugendhaftes Walten und Schalten daselbst geschildert. Im engsten Zusammenhang hieran berichtet sie von der Vertreibung. Das Wort „Burg" kommt ihr zum zweiteninal auf die Lippen, und sie fügt bei. unterhalb der Burg sei eine Stadt gelegen, in Weicker Elisabeth ein Obdach gesucht habe. Aber auch nicht die geringste Andeutung, daß der Schauplatz dieser Szene ein anderer fei. Der Zuhörer oder Leser hat die soeben erwähnte Burg, die Slätte der Jugendjahre und des Eheleben; der Heiligen vor Augen, und er würde es unge­heuerlich finden, daß die fo gewandte Erzählerin einen Sprung tue, ohne es ihm mitzuteilen, und vornehmlich einen Sprung von Eisenach nach dem weitentfernten Marburg, von dem übrigens int bisherigen Verlauf der Erzählung noch keinerlei Meldung geschehen. Weit später, nachdem sie die Reise Elisabeths nach Bayern und ihre Rückkehr nach Thüringen in genauen Strichen erzählt, die Ortsnamen und sogar den Namen eines baye­rischen Schlosses attgegben hat, kommt zum ersten Mal „Marburg" in ihren Mund — es ist dec Verzug Elisabeths mit ihrem Seelenfnhrer Kon- rad nach der Lahnstadt. Das Schlag oberhalb dieser Stadt wird aber auch hier mit keiner Silbe berührt. .(Schluß folgt.)