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verantw. Redakteur:

Carl Schütte;

s.K««Si«. wochenb-llage:„IllustrierteSonntagszeitung"

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Rotatlonsdruckund Verlag der Fuldaer Lk- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.

Jß 11.

Fulda, Mittwoch den 15. Januar 1908.

35. Iahrqanst.

IweUes Mlatt.

< k. Menn Dkl -lts>t!bt hm.

Einmütig wird von allen Blattern, der Rech­en wie der Linken, die S t r a he n d cm o n - f ration vor dem Abgeordneten!,anie am Frer- rag anläßlich der Wahlrechtsintervc'lation ver» ltrteilt', noch mehr regen sie sich über die Umzüge ! »orn Sonntag auf. Auch im Hause haben die Redner die Temonstrationen allgemein veriir- teikt. Mit Recht, denn wir steife Norddeutsche haben nun einmal nicht das Zeug zu ioldien Masienichauspielen und Straßentumnltcn, und wir sehnen uns auch gar nicht danach, daß der­artige italienische, spanische, französische oder gar russische Manieren nach Deutschland importiert werden.

। Was uns gewundert hat, ist, daß auch spürst Bülow den Mut fand, diese Demonstrationen zu verurteilen. Aber freilich, man darf sich heute über nichts mehr wundern. Hat Kürst Bütow denn schon den berühmten 2 5. Januar 1907 bezw. die darauf folgende Wahl vergessen wo in Berlin eine aus Studenten, nur balbwüch- Ii g e n Burschen, zusammengesetzte Menge, nach- em sie sich in den verschiedenen Kneipen die no­tige „Begeisterung" geholt hatte, johlend vor das bekannte Kittertor in der Wilhelnutraße 72 zog?

, Was geschah damals? Wurde etwa die angehei­terte Menge wegen nächtlicher Ruhestörung no- ticrt? Drangen Schutzleute gegen die Menge vor? Dumme Kragen l Im Gegenteil, weit öjf- nete sich des Gitters Tor und hersür trat —

l Herr Bülow des Kaisers Kanzler, der Löwe des Tages, und „dankte" den „Herren" für die Hul­digung, wobei er das bekannte Wort vom , Rei-

i ten" des deutschen Volkes prägte. Aber freilich, darnalL hieß es ja auch im Cbore: .,Pfi:i Zen­trum! Pfui Zentrum!" Das war freilich „was

(anderes" I

Und dann kam die zweite Nacht, es war nach den Stichwahlen. Die huldvolle Aufnahme der ersten Straßendemonstration hatte den „na­tionalen" Jünglingen Mut gemacht. Jetzt war ihnen Herr Bülow nicht einmal gut genug; dies­mal ging'S — ein eigener Polizeierlatz hatte jedes ! polizeiliche Einschreiten von vornherein verboten I— direkt zum königlichen Schloß. Und stehe, auch dieses mal lachte ihnen der Sonne Huld. Weit öffnen sich zur mitternächtlichen Stunde die Fenster und dieselbe Menge, ange­führt von dem Personal Scherl'icher Institute, wird mit einer Rede des Kaisers und dem Ta­schentuch-Winken der Kaiserin und der kaiser­lichen Familie beehrt und beglückt.

Nach solchen Vorgängen hat Fürst Bülow kei­nen Anlaß mehr, sich über Strastendemonstra- tionen anf?.uhakten, die ihm nicht gefallen, er selbst hat sie ja „reiten" gelehrt.

Wir glauben dem Fürsten Bülow, wenn er sagt, daß die Staatsregierung sich durch Demo»- strationen nicht um Haaresbreite von dem Wege abdrängen lassen werde, den das Staatsinteresse vorschreibt, wobei wir freilich mit ihm in der Auffassung des „Staatsinteresies" nicht gleichen Sinnes,sind. Aber Straßendemonstrationen ein­mal gnädig zulächeln, wenn dadurch eine große nationale Partei beschimpft werden soll, und das anbcremal mit dem blanken Säbel gegen sie vor­gehen, das kann höchstens das Vlockinteresse, aber nicht das Staatsinteresse vorschreiben.

M

Deutsches Reich.

* Neichstagsauflösung in Sicht? Süd- deutschen Blättern wird au5 parlamentarischen Kreisen geschrieben:

.DieGefahr einer erneuten R ei chstags- auflSsn ng ist nicht unbedingt in da- Gebiet der politischen Unmöglichkeiten zu nrrroetfen. Es liegt zwar jetzt kein unmittelbarer ?'n ast vor. Ader wie schnell dieser geschaffen ift, haben die Detembertage 1905 bewiesen. Scheitert die neue Mehrheit an der Absplitterung der Rechten, so kann tatsächlich mit einem neuen Appell an das Volk gerechnet werden. Aus diesem geht dann ein liberal-sozlaldemokrati- sch er Block hervor, mit dem der Reichskanzler die Seschäfte führen wird. Es muß gegenüber Bertrauens- l tilgen auf diese politische Möglichkeit bingeiviejen werden, damit man sich nicht überraschen läßt."

ES ist doch nicht wohl anzunehmen, daß der Reichskanzler so weit gehen könnte, daß er mU einer itberal-sozialdemokratifchen Mehrheit regieren mellt*. Das wäre doch ein Hohn auf die eie« mentarsten staatsmännischen Grundsätze. Und die weilere Frage wäre die: ist eS denn so absolut sicher, daß der Reichskanzler eine liberal-fo.Mab demoktati'che Mehrheit erhielte? Mag aber dem fein, wie ihm wolle: auf jeden Fall ist eS gut, wenn unsere Parteifreunde sich auf alle Mög­lichkeiten einrichtcn. Bereit sein — das ist alle«!

Hülfe! Hülfe! Der bekannte Führer des Evangelischen Bundes, Kirchenrat Meyer» Zwickau, hat an sämtliche bürgerlichen Reichs- trgsabgeo'dnete aus Sachsen einen längeren Bries gerichtet, worin er sie förmlich beschwört, bei Schaffung des R e l ch 3 v e r e i n s g e s e tz e s die £tbcn. besonders die Jesuiten, und die Pro- Zessionen nicht zuzulassen. Nom wolle schon längst Sachsen katholisch machen; bringe aber das Neichsvereinsgesetz die Freiheit für die Orden, so werde ganz Sachsen von Jesu­it.« überschwemmt werden und die Pro- zess'.onen würden wieder eingeführt werden. — Das wäre ja fürchterlich! In Zwickau würde großes Heulen und Wehklagen erschallen und die tapferen Sachsen tvürden schnell ihre letzte Taste Bli.unchenkaffee austrinken, denn wenn mal die f t t Jesuiten nach Sachsen kommen, dann ist gewiß der jüngste Tag nicht mehr fern.

* Aus dem Laudeskriegrrverbande waren sei­nerzeit zahlreiche westfälische Kriegerver­eins gestrichen worden wegen Nichtaner­kennung der Kieler Beschlüsse (Aenderun.z des Uiiterstützungswefens). In der auf Sonntag nach Schwarte von der Regierung einBcrnfeni'n Vertreterversanmilung der ausgeschiedenen Ver­eine. welche die Aufnahme von neuen Verhand­lungen bezweckte, waren 30 Vereine mit 10 000 Mitgliedern vertreten. Geheimrat Schlosser- Berlin wohnte der Versammlung als Vertreter des Ministers bei. Don den Rednern wurde das schatte Vorgehen des Landesverbandes, das den Anlaß zum Austritt gegeben hatte, kritisiert. In Püttlingen an der Saar seien sogar Polizisten erschienen und hätten dem Vereine zwangsweise die Falme abgenommen. Besonderen Unwillen habe es unter den Kriegern hervorgerufen, daß sie von der Teilnahme an der Kaiserparade in Münster ausgeschlossen wurden. Rach dreistün­diger Sitzung wurden die Verhandlungen abge­brochen, da keine Einigung erzielt werden konnte.

* Gin Kartell von Gottesleugnern hat sich kurz vor Jahresschluß in Weimar konstituiert. Zehn größere atheistische Verbände mit Dutzenden von Untergruppen waren dort vertreten zu dem Zwecke, einen Zentralpunkt zu schassen, um den sich die bislang zerstreuten Neuheiden sam­meln sollen zu einem späteren Vorstoß gegen

alles, was dem gläubigen Christusbekenner heilig ist. Sie selbst diese Gottesleugner aller Schattie­rungen, nennen sieb „Freunde des sittlichen und geistioen Fortschritts". In dem Kartell haben sich der „Augsb. Postztg." zufolge zusammenge- schloßen: Ter Bund freireligiöser Gemeinden, der Bund für persönliche Religion lKasselsi der deutsche Bund für weltlichen Schul- und Moral- unterricht, die deutsche Gesellschaft für ethische Kultur, der deutsche Monislenbnnd, der Frei- denkerbtind, die freie ethische Gesellschaft (Jena', dec Giordano Vrunobund, der jnngdeutsche Kul­turbund und das Kartell der vier freiheitlichen Vereine Münchens. Tas Kartell wird die Hände nicht in den Schoß legen und warten, bis idm die gebratenen Tauben in den Mund sltea-u. so», dem es will mit allen Kräften den Kampf gegen den Gettesglanben und gegen die Kirche in Wort und Schrift aufnehmen. Darum: die Augen auf!

* Karlsruhe, 13. Jan. 1908. In der Zweiten Kammer gelangte heute die vom Zentrum ein- getünchte Interpellation über das Vereins» gesetz zur Besprechung. Landgerichtspräsident Zehnter begründete namens des Zentrums, Geck namens der Sozialdemokraten den scharj ablehnenden Standpunkt ihrer Fraktionen. Mi­nister Frhr. v. B c d m a n erklärte, daß die ba­dische Regierung dem Vereinsgesetzentwurf zuge- stimmt habe, um den berechtigten Wünschen nach Schaffung eines einheitlichen deutschen Vereins­gesetzes zu entsprechen. Tie gegen den Entwurf vorgebrachlku Einwande seien so unwesent­licher Natur, daß sie gegenüber den erheblichen Verbesterunge» kaum in die Wagschale fielen.

Ansiand

* König Leopold von Belgien soll, wie ein hervorragender Brüsseler Arzt sich geäußert hat, am iroctfnen Greisenbranv leiden, der zwar noch begrenzt lei, aber dennoch zu großen Bedenken Anlaß gebe, da er von der Ferse auf- steigend sich ui verbreiten drohe.

* Tie Weltreise der amerikanischen Flotte um das Kap Horn herum zum Stillen Ozean stellt die M a n n e §z u ch t der anterifani- s che n S ce le rr t e in ein e i ge n t ü m kr ch es Licht. Brasilien, wo die Flotte landete, gingen viele Matrosen mit Urlaub ans Land. Eine größere Anzahl ist sofort desertiert. Bei der Musterung vor der Abfahrt fehlten im ganzen mehr als hundert Mann. Diejenigen, die nicht desertierten, veranstalteten große Unruhen aus den Straßen der brasilianisck)en Stadt. Die ame­rikanischen Matrosen drangen in Häuser ein und beleidigten die Frauen und verprügelten viele Männer. Miele Geschäftsläden wurden von den Matrosen ausgeplündert. Zweihundert ameri- fanif.fje Matrosen gerieten in einen Kampf mit der brasilianischen Polizei. — Die Leute leben eben in dem Gefühl, daß sie in den Krieg ziehen. In solchen Fällen pflegt die Disziplin stets unter der gewaltigen Erregung zu leiden.

* Anarchistische Zustände herrschen in Chi­cago. Während der letzten acht Tage verzeich­nete man dort 500 Straßenräubereien, zahlreiche Einbrüche und zwei Morde. Bei den Straßen- räilbereien wurden etwa 300 Bürger verletzt, als sie versuchten sich gegen die Räuber zu verteidi­gen. Tie Polizei unternimmt keinerlei Schritte, um geordnete Zustände wiederderzustellen. und viele beschuldigen die Polizei, bau den Räubern bestochen zu sein. Die Inhaber der Geschäfts­läden lasten ihre Lokalitäten durch bewaffnete Wächter beschützen. Selbst die Angestellten >ver- den bewaffnet und tragen Tag und Nacht Revol­ver. Bei Nackt ist es geradezu lebensgeMtlich, in entlegenen Straßen allein zu gehen. In den Vorstädten ist es überhaupt unmöglich. Diese

"«erhörten Zustände werden der allgemeinen Kriie zngeschrieben. Infolge der geschäftlichen Kalamität sind viele Taufende Arbeiter entlasten worden, und diese Scharen der Arbeitslosen sind durch Hunger und bitterste Not zur Verzweif- lung getrieben.

Aus Kirche unü Schule.

* Trr Katholizismus in England. Groß­britannien (ohne Irland) zählt 1075 katt>ol,sck>e Geistliche, darunter 1121 Ordensleute, von denen sehr viele ans Frankreich stammen und nach ihrer Veitreibnng aus dem Vaterlande im gastlichen England eine zweite Heimat gesucht haben. 45 neue Kirchen sind im verflossenen Jahre erstan­den, 33 in England und 12 in Schottland. 2,180,000 Katholiken wohnen in England, Wales und Schottland, 3,320,000 in Irland.

Aus dem Nachdargebiete.

t Witzevhausrn, 14. Jan. 1908. Wie verlau­tet, hat die dieser Tage verstorbene Witwe deS Kaufmanns Slörke der Stadt 15 U03 Jf, zur Er«> baiiiing einer Friedhosskapelle letztwillig vermacht.

* Warburg, 13 Jan. 1908. Im Tunnel bei Altena wurde ein Maurer von einer Loko­motive erfaßt und sofort getötet.

t Kasirl. 14. Jan. 1908. Ter Magistrat hat eine Petition an das Abgeordnetenhaus gerichtet mit der Bitte, die Stadt Kassel von dem Gel­tungsbereich des neuen Polizeikostenge- fetz es auszuschließen. — Das Dienstmädchen einer Herrschaft vor dem Königslor erhielt von feiten Eltern einen Brief, besten Umschlag es so­fort in be t Ofen warf. Ter Brief enthielt die M triiung, daß ein Zwanzigmarkschein bei'.iegc. Während die Empfängerin dies las, hatte sich der Schein mit dem Kouvert im Ofen bereits in Asche verwandelt.

* Frankfurt, 12. Jan. 1908. Das Schöffen- gertcht verurteilte einen Gastwirt, der in seinem früheren Restaurant „Kaiser Barbarossa" in Paulanerkrügen Sternbräu statt Paulanerbräu zum Ausschank gebracht hatte, wegen Betrug- zu 50 JU Geldstrafe.

* Idstein i. Taunus, 13. Jan. 1908. Eine dankenswerte Einrichtung ist mit Beginn bei neuen Jahres durch Ämtsgerichtsrat Lieber ge­troffen worden. Vor Beginn des Unterrichts et- halten bedürftige Schüler, die kein oder ein un­genügendes Frühstück daheim erhalten, in der Dohmmg des Schuldieners je ein Viertel­liter warmer Milch und zwei Brötchen.

* Trrsfurt, 14. Jan. 1908. Zur Zeit sind hier eine ganze Anzahl Kinder an Windpocken erkrankt. Infolgedessen fehlt in den beiden Uu- terklaüen fast die Hälfte der Kinder. »

vermischter.

* Ein Stenograph ohne Arme. Vor zwei Jahren verunglückte der dreizehnjährige Sohn eines Schuhmachers in der Pößnecker Tampf- tvaschanstalt, daß ihm beide Arme bis auf einen Stumpf abgenommen werden mußten. Ter Ver­unglückte wurde ins Krüppelheim nach Arnstadt gebracht, wo ihm der Herzog von Sachsen-Mei- ningen die fehlenden Glieder durch künstliche er­setzen ließ. Ter junge Mann hat sich dort unter­dessen zum Schreiber und Stenographen so weit ausgebildet, daß er jetzt schon 115 Silben in der Minute wiedergibt. Ein Stenogravh ohne Hande — ledenlalls etwas Ungewöhnliches. ,

* Todessprung eines nusgewieienen Nnstrn. Der Russe Paluczynski, der von Hamburg au- an die russische Grenze geschafft werden sollte, sprang aus dem Berliner Schnellzuge, trotzdem

Resi Merian.

Roman von M a r i e B a i e r l ei n.

17] (Nachdruck verboten.)

„Tas bin ich feit gestern, Herr Weilers, und t«) danke aufrichtig für Ihr wohlwollendes Ent­gegenkommen. Seien Sie versichert, ich werde Ihre Pflegeschwcster auf den Händen tragen; beim ich hege eine warme, tiefe Liebe zu ihr im Herzen und sie hat mich durch ihre Zusage zu einem glückseligen Manne gemacht."

Ter Verwalter legte darauf dem künftige» Schwager seine Vermögensverhältnist; klar: sagte ihr», daß er sich später, sobald er in den Besitz des clterhden Vermögens komme, ein bekheibe- neS Gut erwerben wolle und erzählte ihm immer und immer wieder, mit welcher Zärtlichkeit er ferne Braut zu umgeben gedenke. Ter stille, ein- fache Mann war dabei ganz beredt geworden, sah das Glück aus seinem hübschen Gesicht VH.

^abschiedete er sich mit festem, ,nr Mnf 9rn^C^nd Fritz Weilers. Er hatte gar .eine ..cht, wie wortlos und stumm ihm die- [L.c, ‘3c'?ci'ul?cr Olsten hatte, und wie das Helle » ich!, das iii den Hausflur strömte, fein Antlitz merklich bleich und seine Augen matt unb duster erscheinen ließ. 1

Der Kaufmann setzte sich finster brütend an den zum Mittagessen gedeckten Tisch. Wie so ganz anders sah es heute aus, als vor sieben Wo­chen, da et die Wiedersehensfreude von dem strah- lenden Gesicht Rests und aus den glänzenden >")warzen Augen seines Kindes gelesen hatte! •— Wie beseligt hatte man den OsterichinauS zu» lammen eingenommen, und wie hausfrauenhaft zuvorkommend bedienten ihn dabei die lieben, schlanken Hände des „Schwesterchen"!

. .^eut« saß er mutterseelenallein vor den Gc» .rrchteil. <ei>cr Bissen der schmackhaft bereiteten

Speisen guoll ihm im Munde, und Christels Mie­nen wurden immer erstaunter und vorwurfsvol­ler, wenn sie eine Schüssel um die andere ab­tragen mußte und den fast unberührten Inhalt derselben sah.

Als sie dann zum Schluffe die Tasse schwar­zen Kaffees vor ihn hinsetzte. konnte die gekrankte Köchin die Bemerkung nicht unterlaßen:

„Hab' ihn heute extra stark gemacht, Herr- Fritz. Er wird Ihnen den verstauchten Magen schon wieder einrichten."

Fritz Weilers ließ die Anspielung unberück­sichtigt.

Christel rieb gerade die rußigen Böden der gebrauchten Kochtöpfe mit gewissenhaster Vehe­menz, als der junge Herr zu ihr in die Küche trat und ihr leise auf die Schulter klopfend er­zählte:

„Bald hätte ich es zu sagen vergessen, Altchen: Nesi hat sich verlobtl"

„Alle vierzehn Nothelfer!" Die große Sup- penkasscrolle entfiel den zitternden Frauenhänden und plumpste dem Herrn auf den Fuß. Und Chi i- stel konnte jetzt annehmen, daß ihm der plötzliche Schmerz die Augen so feuchtete und seiner Stim­me den rauhen Ton entpreßte:

„Ja, liebe Seele, sie verläßt uns ganz und gar und wird Frau Verwalter Hageni — Eine gute Partie."

Bevor die Magd den Topf, der in die Ecke neben dem Herd gerollt war, wieder erhaschte, hatte sich ihr junger Herr aus der Küche entfernt.

-.D jemine 1 — Aber so was! — Ei, eil" Christel wurde mit ihremStaunen und heimlichen Aerger gar nicht fertig. WaS denn nur der •neit auf einmal einfiell Dieses rasche Verlieben und Verloben paßte so gar nicht zu ihrem »üch- ternen und bestuumtcn Wese». Und gerade jetzt mußte sie einen fürchterlich dicken Strich ditrck die Rechnung der alten Christel machen, wo dieser

schon vor heimlicher Genugtuung das Herz im Leibe gelacht halte! Also darum die Unlust zum Eisen und das finstere Getue vom Fritz! Ja, so kommls! Eigentlich geschieht es ihm recht. Wer zu lange zaudert und wägt, bringt sich selbst nm seinen Vorteil!

Fritz Weilers lief diesen ganzen Nachmittag Planlos umher; er suchte gewaltsam nackt etwas, das ihm die GSebanfen ablenken sollte. Die Tat­sache. daß Nesi Merian, die seine ganze vertiefte Manneslikbe erweckt hatte, nunmehr die Frau eines andern werden würde, war zu rasch über ihn gekommen. Jetzt mußte er jede, auch die kleinste Hoffnung, welche trotz alledem noch immer in ihm geflackert hatte, ersticken und sich an die Vorstellung gewöhnen, daß Herr Hagen bald im unantastbaren Besitz der Geliebten sein wiirde. Wäre es nicht bester für ihn gewesen, er halte seinen Fuß nimmer ans die heimatliche Erde gesetzt, sondern sich gleich nach seiner Landung in Marseille wieder in den betäubenden Strudel des Pariser Lebens gestürzt? Tann wäre doch nicht das Heimatsgefühl neu in ihm erwacht und mit ihm die Sehnsucht nach einem gemütreidien deutschen Familic'nglück. Ter Einfluß der echt weiblichen, unendlich anziehenden Pflegeschwester hatte ai<3 ihm keinen hoffnungslosen, liebes- kranken Mann machen können. Ec hatte eben teilt Glück mit den Frauen I Zuerst ließ er sich von jugendlicher Torheit und Leidenschaft hin» reißen und verbitterte sich die schönsten Jahre durch das Zusammenleben mit einem leichtferti­gen Welikind, und dann, als er den wahren, gol­denen Schatz eines edlen FrauenherzenS gefunden hatte und heben wollte, da wandte sich dieses in Liebe und- Treue einem andern zu!

Von de» Türmen der Pfarrkirche erscholl das allabendlickie Angelusläutcn, als der Kaufmann todmüde in sein Haus zurückkehrte. Heute hatte er es nicht über sich gebracht, den gewohnten Be­such auf Simmern abzustatten. Wozu auch? — Die glückliche Braut würde ihn wohl kaum ver­missen und all der Schmerz und die Enttäuschung,

die er heute ausgekostet, hatten einen Gedanken an sein Söhnchen, das den Vater jeden Abend bestimmt erwartete, gar nicht aufkommen Iahen..

8. Kapitel. ■.

Nesi Merian war feit einigen Tagen wieder daheim

Jetzt, nachdem sie die ausgesprochene Braut deS Simmern'schen Gutsverwalters war, konnte ja niemand mehr Anstoß an dem Zusammen­leben mit dem Pflegebruder nehmen und sie wollte die Galgenfrist — schon int Spätsommer sollte die Hochzeit fein — noch aUsnützen und die Tage im Umgang mit dem geliebten Manne ge­nießen. Sie wollte sich int voraus entschädigen für die langen, trostlosen Jahre, welche Vor ihr lagen und die sie als das Weib eines ungeliebten Garten zubringen mußte. Wenn Rest an die Stunde dachte, welche sie für immer mit Herrn > Hagen bereinigen sollte, so fühlte sie einen kalten Schmier über ihren Körper rieseln. |

Ja, sie hatte mit ihrer Verlobung dem Bruder ein schweres, riesengroßes Opfer gebracht. Doch es mußte fein! Er sollte sich in feinen Kombi­nationen nicht gehemmt fühlen durch die Rllck- sichtnavme auf ein von ihm abhängiges Madckerr. Nun konnte er ungehindert um seine Jugendliebe werben und dem Schicksal dasjenige abtrotien, was es ihm in frühere» Jahren verweigert halte. Es beduttte jetzt auch der Anwesenheit Raouls auf dem Rittergut nicht mehr, um als Vorwand für die täglichen Besuche des ungeduldig Lieben­den zu dienen. Die Baronin selbst erschien fast jeden zweiten Tag in dem hübschen VorstadthäuS- chen; scheinbar aus Anhänglichkeit an Nesi. Aber diese wußte nur zu gut, für wen die Sommertoi­letten berechnet waren und wem der schmelzend« Tonfall ihrer Silberstimme galt. Darum ver­ließ sie so oft es nur tunlich war, das ßcmute^ liche Wohnzimmer.

(Fortsetzung folgt). •' " .