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Zuldaer W Zeitung

Fulda, Montag den 13. Januar 1908.

JV3 9

35. Jahrgang.

monatsbeNM: „Fuldaer Geschichtsblätter"

N-. wochmbcllagr: „Illustrierte Sonmagrzeitung"

»„eise«: vl« et»

P«fi tjtilt ottt bereu Raum 15 pfg. Reflameudiepetktzeile 25 Pfg., bei Meder. Holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Rotatkonrdrnckund Verlag der Fuldaer Sk- tiendruckerel in Zuldo Zernsprecher Nr. 9.

Lrfchetttt täglich mit Rurnahme der Son«. «ndZeiettage. viertel, fährllcher Vezugrpreir ohne vringerloha und Bestellgeld in Zulda so­wie auswärts 1.50 Ml.

verantw. Redatteur: Larl Schütte;

Awei-es Wlalt.

d Stadt und Land.

Tie Gegensätze zwischen Stadt und Land lassen itdj nickt beieifipen, wohl aber mildern.

Bei i?der Gelegenheit treten sie hervor. Noch bei den Bmatungen über die Reform der Tcle- phengebühren kamen sie zur Geftung, bi die Bar» treter der großen städtischen Geschäfte sich keine gerechtere Anpassung der Tclcphongcbüvren an die Leistungen des Fernsprechers zuannstcn einer besseren Ausbreitung des Telephons auf den« Lande, gefallen lassen wollten. Mit einer Gefttz» materie, die für die Gemeinden, namentlich die ländlichen, von besonderer Bedeutung ist, beschäf­tigte fick an» Donnerstag der Reichstag, mit dem ft n terstü tu in gsweh n sitz. Die Regelung ist unbe­dingt erforderlich, weil das Land infolge der stärkeren Lebenskraft, der größeren Gesundheit und der urwüchsigeren Lebenskraft feiner Bevöl­kerung die Quelle der Bolkskraft für die Stadt bildet, die Stadt aber nicht alle die Lasten trägt, die ans diesem Verhältnis sich entwickeln.

Die Novelle zum Unftrstühungswohnsitz soll die Schäden ausgleichen, die dem Lande durch die Freizügigkeit entstehen. Das Gesetz sickert jedem Menschen ein Armenrecht. gibt ihm einen Schutz vor dein Verhungern. Aber wer soll dieMaß- nahmen bezahlen, die aus diesem Gefttz heraus notwendig sind? Der eigentliche Träger des Armenreckts sind die Gemeinden. Der aste gute Zustand, daß die Geburtsgemeinde die Hei- niatgemeinde bleibt, znaleich Wohnsitz- und Ar- beitsgemeinde ist, ist längst geschwni'den. Die Auswanderung vom platten Lande in die großen Städte und Industriegebiete hat eine früher nie gekannte Ausdehnung erlangt. In Berlin sind 7P.4 Prozent d-r Bevölkerung als cingewandert, in Hamburg 55,4 Prozent, in Bremen 39 5 Pro­zent nackaewrcsen. Dahingegen sind in Ostoreu- ßen IS,6 Prozent der Eingeborenen aöaemandert, in Posen 14,7. in Mecklenbnrg-Schw"rin 192, in Pommern 11.8, in Westpreußen 10,7 Prozent.

Für alle diese Auswanderer haben natürlich die Geburtsaemeinden die Schullasten und et- waiae Arn'eunnterftüt-unaen für die vielleicht er- werbenusäbigcn Eltern getragen. Als die jungen Leute in das Alter gelangten, wo sie verdienen konnten, wanderten sie ab und zahlten ihre Steu­ern in anderen Gemeinden. Die Heimat- gemeinde erhält also gar keinen Erft!? für die aufaewaadten Sck'Oftsten. Nach einigen Jahren ober, wenn der Abwandernde vielleicht in der Industrie verunglückt oder krank aeworden ist, oder eher in Krisenreiten keine Arbeit findet, dann keh-t er arbeits- und verdieu'tlos in die Heimataemeinde zurück, und dann hat er unter den gegenwärtigen Verhäftniffen bis Zum Alter von 20 Jahren einen Anspruch auf eine Armen- unterstüMina der Heimatgemeinde, in der er nre gearbeitet, nie Steuern gezahlt hat. D araus sind ländlichen Gemeinden immer wieder sehr erheb­liche Lasten enftanben, die fetzt von ihnen genom­men irerben sollen. Wie schwer bisse Lasten vi-'l- fack waren, acht daraus hervor, daß in Berlin ans 100 Vollarbeitsfähige nur 50,54 Ervoerbsun» sähiae fflinber, alte Leute) kamen, während die­ser Satz in rstprenßis^en Gemeinde!, die un- gche-'r- H"he von 108,79 erreichte! Bisher war dw Erwerb oder Verlust des Unterstützungswohn­sitzes an eine Anwesenheit von 2 Jahren rwbun- deu. und diese Frist konnte erst mit dem 18. 2t« bensjabre beginnen. Fetzt soll die Frist auf ein ?lal,r herabgesetzt werden und ihr Laut bereits nut der Vollendung des 16. Lebensjahres be­ginnen. Wer also nach Vollendung des 16. Le­

bensjahres aus der Heimat fortgeht und 1 Fahr draußen bleibt, der verliert den heimatlichen UnterstHtzungswohnsitz und erwirbt den Unter- stützuugswchnsitz in der Stadt. Damit ist die Möglichkeit beseitigt, daß die Industrie die zu- wandernden Arbeiter in, schleckten Zeiten wieder tn ihre heimatliche Gemeinde abschieot.

Nack dem geltenden Rechte ist die Arbeits- gemeinde während der Zeit, in der die HeimatZ- gemeinde noch als Unterstützungswahnsiz gilt, verpflichtet, in E r k r a n k u n g s f ä l l e n, wenn der Zngewandertr länger als eine Woche in brt Gemeinde fick ausgehalten hat, ibm für 13 Wochen eine Unterstützung zu gewähren. Diese Unterstützung soll nach der Novelle nicht nur zeit­lich auf 26 Wockeu ausgedehnt toerd"n, sondern auch in allen Fällen der Hilfsbedürftigkeit, also beispielsU'eise bei der Arbeitslosigkeit, Play grei­fen. Diese Bestimmung wird als eine zu große Belastung der Arbssfsgemeinde empfunden und wird in der Kommission wahrscheinlich eine Ab­änderung erfahren.^ Ein anderer strittiger Punkt betrifft das Verhältnis von Vororten und Arbeitsgemeinde. Die Steigerung der Miets­preise in großen Arbeitszentren hat dazu geführt, daß die Arbeiter ihre Wohnung in die Vororte verlegen. In Bedürfnisfälleu soll künftig die Arbeitsgemeiude 26 Wochen lang eine Unter­stützung gewähren. Gegenüber den Lasten des betreffenben Vororts erscheint diese Juansvruch- nahine d-r Arbeitsgememds zu gering. Einen praktischen Vorschlag machte hinsichtlich dieser Schwierigkeit der Abg. Herold vom Zmlrum. in­dem er in,Anregung brachte, daß sich die Vororte und Arbeit; gemeinde zu einem Gesamt verband für die Unterstützungen zusammenscklössen. Nach der Aufnahme, wsscke die Novelle im Reichstag gefunden hat, erscheint ihr Zustgndekoinmen ge­sickert, so daß der bisherige Mißstand an der Be­lastung der ländlichen Gemeinden in absehbarer Zeit behoben wird.

Fiir die Städte wird sich aus der Novelle, eine nickt unerhebliche Mehrbelastung ergeben. Man wird aber seilens der Städte nicht sagen können, daß diese neue Verteilung nicht der Gerechtigkeit entspräche.

Deutscher Reich.

= Der Reichsbaukdiskont soll, tote am SamS- tag auf der Berliner Börse bestimmt verlautete, in der Sitzung des Zentralvorstandes nm Montag auf 6y2 Prozent herabgesetzt werden.

K. Liberale Heuchelei. Als wir jüngst den famosen Bries des Aba. Dr. Paasche oneinen Parteigenossen feines Wahlkreises veröffentlichten, den das .Berliner Tageblatt' mit den bezeich­nenden Worten: »Wie gelogen wird-, weder- aaben, da erhob sich in der liberalen Presse ein Enlrüslunassturin über diesen „Vettrauensbruck-, „Diebstakt" und detg'eicken. Beiondeis tat sich die »Breslauer Zeitung' hierbei hervor, dir da­mals sckrieb:

„ob der srumb« Zentrumsmann, der diesen Brief dem ultramontanen Vlatie tut Verfügung gestellt hat, ein Fälscher oder Langfinger ist, bleckt pveisel- hatt . . . Nach einer gewissen Auffassung heiligt be­kanntlich der Zweck die Mittel."

Wie nun die ,Kreuznacher Zeitung' feststellt, ist der Br,es weder gefälscht, noch ge­stohlen. NebngenS ist diese „Enttüftima" liberoler Blätter nichts a!s Heuchelei. Sie selbst sind die lebten, die sich über den Uifvrung oder über den Abdruck von deratLigen Dokumenten Skrupel -machen. Hier nur ein prächtiges Bei- fpiel: Die ,Naftonalzeiluna', das ossigö'eOrgan der ÄiationaUiberalen, veiöffentlichte im März

des verfloffenm Jahres vertrauliche Zirku­lare der Soziatvemokra'ie, die nur durch offen­baren BertrauenSbruch in ihre Hände gekommen sein konnlen. Als ober der /Vorwärts' sich dar­über beschwerte, schrieb das Blall:

„WaS gebt es uns schließlich an, wenn die Empfänaer „vertraulicher Zirkulare" allerhöch ier Pmteiinftanien nicht dicht halten'/ Und wenn uns solche Zirkulare „auf den NedaktionStlsck fliegen" — alanbt der .Vorwärts', wir wären Narren, sie ihm postwendend zurück;u>chicken?"

tftoch eine Reihe ähnlicher interessanter Fälle könnten w>r aus unsrer Mappe hervorholen. Es war z. B. fein anderer als Fürst Bismarck, der einen bei einer resultailos verlaufenen Haus­suchung mitgenommenen Privatbrief tm Heir nhause vorlas. Und die .Köln. Ztg.' druckie einst einen amtlichen geheimen Brief ab, was den Minister Eulenburg zu folgender Be­utet kung veranlaßte:

„Ich habe kein Interesse daran, zu uniersuchen, wie dieser Privatbrief auS ecr Verwahrung der amtlichen Stelle an die .Köln. Ztg.' geraten iit, das zu untersuchen vt Sache derjenigen, die ein Jnlereoe daran hatte», daß der Br.es nicht veröffentlicht wurde".

Wir erinnern seiner an Herrn Paasche selbst, der mit großer Selbstgesälliqkeit int Reichs­tage am 3. Dei. einen ganzen Pack Bliese des Gra en Molt ft het norzog, non denen selbst der Kriegsminister von Einem mit seiner Spitze gegen Paajche sagen mußte: „Ich frage nicht, wo Herr Paasche die Briefe herbekommen hat" (hört! hott!). Wollen also die Herren Liberalen nicht lieber vor der e genen Türe kehren? Es stände ihnen wahrhaftig besser an und würde der journalistischen und politischen Ehrlichkeil weit eher enlspvechen, wenn sie klipp und klar endlich einmal zt Dem Inhalte des famosen Briefes, — den sie natürlich dann auch ver­öffentlichen müßlen —Stellung nehmen unb mit Herrn Paasche em deutlickes Wort reden würden. Aubernfalls machen sie sich zu Mit­schuldigen dieses niet.r als sonderbaren Mannes, der sich vor der gesamten Welt io entsetzlich bloß- aeste..t hat, daß man eS nicht für möglich haften sollte, wie er noch ferner alS V zepräsident des Reichstages fungieren kann.

* München, 10. Jan. 1003. Im Landtage beantworteie der neue Minister des Innern eine liberale Interpellation über die Erschießung des Studenten Moschel. ES sei ein überaus trauriges Vorkommnis, und es werde auch von der Polizeidirektion aufrichtig bedauert. DaS ge­richtliche Verfahren lege ihm Zurückhaltung aus hinsichtlich der Beurteilung des Bei haltens der seiden Schutzleute. Die Instruktionen erlaubten die Benutzung der Pistole nur in der Notwehr !)ei einem gefährlichen Angriff. Der Minister erachtet die Abschaffung der in 50 deutschen Slädten eingesühtten Handseuertvaffe als ausge­schlossen. In München sei vor der Erschießung Moscheis die Pistole nur zweimal benutzt worden, in diesen Fällen ohue Mißbrauch. In London, bas häufig als Muster angeiührt würde, würden die Schutzleute vom Publikum besser behandeti. Die Oefjenllichkeit tollt der Polizei Vertrauen und Wohlwollen entaegenbrinaen.

Ausland

* Die ungläubige Männerwelt in Frankreich wirb bcm Klerus noch viel zu schaffen machen, bis sie bas sogenannte „Praktizieren" einmal

toieber gelernt hat. Der Erzbischof vv.-t Toulouse hat aus Anlaß bes Jahreswechsels mnen Hirten- trief erlaßen, in bent er die Bildung von befertbe­reit Vereinen vorschlägtz. bereit Mitglieder sich zur Anhörung der Sonntagsmesse und »um Emvfang der hl. Kommunion sowie zur Teilnahme an Sa- kramentsprozessionen ausdrücklich verpflichten. Msgr. OicrmQiii hegt die Hoffnung, daß die Män­ner durck engeren Zusammenschluß leichter dazu bewogen werben, ihre religiösen Pflicht"» zu er­füllen. und daß ihr einmütiges und öffentliches Glmtbensbckenntnis auf die gseickgittige Menge nicht ohne heilsamen Einfluß bleiben wird.

* Mit dem italienisch-abessinischen Zwischenfall bei Lugh beschäftigen sich eingehend die röimsckxm Blätter. Sie beben saft alle die bisherigen flu­ten Beziehunflen der italienischen Residenten mit den benachbarten Stämmen und besonders mit dem Neflus hervor, und stimmen darin überein, daß die Angelegenheit mit dem größten Takt zu behandeln sei. Die Deputierten Luciftro und Ar- toni haben eine Interpellation über den Vorgang bei Lugh cingebracht.

* Marokko. Wie die .Agence Haoas'offiziell meldet, ist Sultan Abdul Ans abgesetzt und Muloy Hafid am 4. d. M. in der Moschee von Fez zum Sultan proklamiert worden. Der Grund dtr Absetzung Abdul Asis' ist seine Haftung gegenüber den Europäern und Frank­reich. Abdul Afis wird beschuldigt, daS Ein- dtingen der Christen in das marokkanische Ge« biet geduldet zu haben unb mit ihnen wegen der Organisation der Polizei, di den marokk.mi'chen lleberlieierungen und Gebräuchen wider'p>.eche, im Einvernehmen zn stehen. Der „heilige Krieg- ist erklärt worden. In Fez ist ein Khalifat Mulay HafidS errichtet worden.

* Gegen die Inder in Transvaal geht die Burenregieiung scharf vor. In Johannes­burg und in Pretoria sind mehrere Inder zu Gefängnisstrafen verurteilt worden, weil sie der Ve'jüaung. Transvaal zu verlassen, nicht nachgekommen sind, nachdem sie es unterteilen hatten, sich gemäß der Verordnung der Trans- oaalreaierung in die Listen für Asiaten eintragen zu lassen.

vermischtes.

• Mannheim, 11. Jan. 1903. Der Geschäfts- i'ihrer der Mannheimer Darleihkasse Karl Mäher hat sich gestern unter auffallenden Um­ständen entfernt. Eine Revision ergab, daß Mayer ans der Kasse größere Beträge entnom­men und dafür Wertpapiere hinterlegt hat. wobei aber ein M an ko von 6 0,0 0 0 Mar! bleibt. Die Depots sind vollständig unberührt. Ter Fehlbetrag ist bei dem aktiven Vermögen des Instituts von rund einer Million Mark obnt wesentliche Bedeutung auf das Geschäft. Di« Darleihkasse ist ein altes, ursprünglich nur zu ge> meinnützigen Zwecke» gegründetes Institut.

* Beraubt und verbrannt. Ein entsetzliches Ende fand ein Geschwisterpaar in Halle a. S. Die Witwe Rein und ihre Schwester, die Witwe Becher in Allstedt, die als verkohlte Leichen ge- iinbcn wurden, sind nach dem Ergebuis der Üit» ersttchnng die Opfer eines Raubmordes gewor­ben. Tie Täler haben 1000 Mark geraubt, die Frauen erschlagen und verbrannt.

* 30 Feuerwehrleute verschüttet. Das brel- zehnstöckige Parkergebäude in Newvork b r a n n t e a b. 30 Feuerwehrleute wurden von den Trümmern verschüttet. Vier sind tot. viele verletzt. Ter Materialschaden beträgt sechs Mil­lionen Dollars.

Kleines Feuilleton.

— Die Historisch-politischen Blätter haben nunmehr ihren 73. Jahrgang vollendet. Gle'ch- zeitig begeht ihr Redakteur Dr. Binder, ein sei- lenes Sckriftstellerjubiläum. Hofrat Dr. Binder gehört nämlich nunmehr ein halbes Jahrhundert taug der Redaktion der hochangesehenen unb für das katholische Deutschland bedeutsam"!: Zeit­schrift an. Ter Jubilar ist geboren am 7. No- bember 1828 zu Ettringen in Württemberg. Im Jahre 1857 trat er in die Redaktion der Historisch- politischen-Blätter ein, in der er noch heute tätig ift. 41 Jahre führte er in Gemeinschaft mit Ed- mund Joerg die Redaktion unb nach Joergs Tode gemeinsam mit Hofrat Jockner. Neben seiner re- daktionellen Tätigkeit fand er Zeit zn Arbeiten auf dem Gebiete der Geschickte und Literaturge- schichte, die ihn als gründlichen Forscher unb be- deutenden Stilisten zeigen. Zu Ehren des Jubi- lars hat das erste Heft des neuen Jahrganfls dec „gelben Blätter" den dreifachen Umfang des ge- wchnlicken Heftes erhalten, da treue Freunde und langmhrige Mitarbeiter sich darin vereinigt ha­ben zu einer Gabe des Tankes und der Anerken­nung. Es enthält nicht weniger als 26 inter­essant'' Aufsätze verschiedensten Inhalts. Die'eu vorauf geht ein Vorwort des Verlegers, ein Be- griißunflsfledicht von A Baumgartner und ein Festartikel von Sophie Görres.

— Der Einfluß des Schnürens auf den Ma­gen. So viel auch immer auf die Schädlichkeit des Korsetts für den weiblichen Organismus hin- gewieft» wird, genutzt haben alle diese Waruun- gen nicht viel; die Tyrannei der Mode erweist sich eben bis jetzt noch stärker als alle Vorstellmt- flen der Hygiene unb der Vernunft. Obwohl die Frauen wissen, daß jeder Druck auf die dünnen Bauchdecken sich auf die Baucheingeweide fort- und, da er bauernd wirkt, ein besonders schädlicher ist, so können sie sich doch nicht von

dem geliebten Kleidungsstücke emanzipieren. Dr. Franz G r ö d c l in Bad Nauheim hat kürzlich die Einwirkung des Schnürens auf den Magen mit Hilft der Röntgenstrahlen nachgewisscm. Wenn mau den zu Untersuchenden einen Brei essen läßt, her mit 10 Prozent Wismut versetzt ist, so erhält man auf dem Röntgenschirm einen scharfen Schatten des gssüllten Magens und da­durch ein zuverlässiges B'lb von der Größe, Form und Lage be§ Magens. Es läßt sich da sehr deut­lich die Einschnürung des Magens erkennen. Tie Ausnahmen wurden mit und ohne Korsett ge­macht. Bei ersteren wurde der absteigende Ma­genteil genau an der dec Taille ent sprechenden Stelle eingeschnürt und verschmälert gesunde», er war nach unten und oben auseinander ge- zogen. Tie Maflenblase, die dicht unter dem Zwerchfell liegt, nimmt oft vollkommene Trichter- form an, das Zwerchfell steigt nach oben itnb der absteigende Magenftil ist nach links und unten gezogen. Tas Korsett vergrößert die schon von vornherein beim weiblichen Geschlecht vorhandene Neigung zur Entstehung der Magensenkung und Magenerweiteruufl.

— Ein Merkblatt für Mütter hat die städtische Sckuldeputation zn München heransaegeben. Es heißt darin «. a.: „Gebt Euren Kindern keine alkoholischen Getränke! Nach Ansicht der Aeczte ist auch der mäßige Alkoholgenuß für Kinder schädlich. Kinder sollen weder Bier noch Wein, noch viel weniger Schnaps, Likör, Kognak ulw. erhalten, auch nicht in kleinen Men­gen. Der Alkohol, der in allen diesen Getränken enthalten ist, ist ein Giftstoff: Bier enthält 2—6 Prozent, Wein 6-20 Prozent, Schnaps 30 -70 Prozent Alkohol. Wer einen Liter Rier trinkt, mmmtebensoviel Alkohol zn sich wie jemand, der ein Achtel Liter Schnaps trinkt. Ter Alkohol regt zwar vorübergehend an, es folgt aber Er­müdung und Erschlaffung nach, sowohl für den Geist als für den Körper. Wer alkoholische Ge­tränke zu sich genommen hatzist weniger ausiuerk- sam (daher viele Unglücksfülle), ist unlustiz und

1 unfähig zn geistiger unb körperlicher Arbeit 'schlechtes Zeugnis in ber Schule, Entlassung aus der Arbeit) und verliert die Selbstbeherrschung (Verbrecken). DaS gewohnheitsmäßige Trinken schädigt seinem Körper (besonders das Herz, die Leber, dic Nieren und den Magen), er erkrankt leichter und stirbt frühzeitig. Bei Fieberkrank­heiten tz. V. LungenentzHndungen) haben bis Trinker immer geringere Widerstandskraft, die meiste» sterben, während die, tvelche nicht gewöhnt sind, Rier, Schnaps ober Wein zu trinken, mehr Aussichten haben, micbcr gesund zu werden. Auch führt das flewohnheitsmäßige Trinken leicht zum Uebermoß Ter unmäßige Trinker aber macht fick und seine Familie unglücklich, ob er nun Stellung und Verdienst verliert und zum Bettler wird, oder ob er ins Gefängnis kommt (mehr als bic- Hälfte aller Verbrechen und Vergehen wird durch Atkobolmißbrauch verursacht) ober ob er zuu: Selbstmörber wird. Im Krankeuhauft Friedrickshain wurden in einem Jahre über 200 Verwuen wegen Säuferwahnsinns ausgenommen. In dcutscken Irrenanstalten befinden sich über 12 000 Kranke mit Säuferwahnsinn. Meint Ihr es also gut mit Euren Kindern, ft gebt ihnen keine geistigen Getränke, die die körperliche und geistige Entwicklung der Kinder schäbiqen, die die UnbohnSfigfcit befördern, die Kinder anf- regeu unb nervös machen und die Sittlichkeit gefährden. Gebt ihnen Obst, Milch, Wasser, Kakao.

— Der Standamm von Assuan (Aegypten) wird gegenwärtig um 6 Meter erhöht, wodurch ein größerer bittrer Landstrich am Nil 'n frucht­bare Felder umgetoanbclt und hauptsächlich die Baumwollkuftur einen großen Anfschwnng erhal- ten wird. Leider vernichtet diese Aufstauung aber auck wertvolle Kunstwerke, die Tempel zu Phila?. Scken sind die Straßen, aus deneu sonst die Pilger zu den Heiligtümern geivandcrt sind, überflutet, mit bcm Nachen gelangt man ins Heiligtum, wo bie gntgelnben Wogen bereits die kunstvollen Mauern schwarz gefärbt haben und

wo ein wertvoller Stein um den andern abbrö­ckelt und von den Wassern verschlnngm wird. Ge'penstig hebt sich das Riesenbild der Isis aus der Nerwüstnnfl empor, mit cmfgchobttpm Arm scheint die Gottheit einer weiteren Zerstörung Einhalt gebieten zu wollen.

— Mit Älkidcrn, die bas Untertauchen unter Wasser verhindern, und mit denen man tagelang sich über Wasser halten kann, find kurzlick in Chl'istiania Versuche angestellt worden. Diese Kleidungsstücke sind mit einer Schicht Pflanzen­fasern gefüttert die nach einem besonderen Ver­fahren vorbereitet sind. Schon 360 Gramm die­ses Materials sollen genügen, um einen Menschen über Stftsser zn halten. Wattierte Decken werden ebenfalls angesertigt, die, auf dem Wasser ans- flebreitet, 2—3 Mann zn tragen imstande sind. Bewähren sich diese Konstruktionen, so dürfte es sich lohnen, unsere Rettungsstationen an de» hei­mischen Seen damit auszurüsten.

— Irr Rückweg. Der „Täzl. Nundschau" wirb von einer Leserin das folgende Geschickt- die erzählt: „Gelt, Heinz," fragte eine Mnrter ihren kleinen fiebeiijährigen Sohn, der nun fast schon ein Jahr lang zn jener Stätte pilgert, all- wo ber Jugeub bie Weisheit verabfolgt wird, »jetzt gefällt es Dir schon ganz gut, zur Schule 1» gehen?" — „Ach nein, Mutter," sagte der Heinz, „eigentlich gefallen tut mir nur der Rück­weg."

— Aufregend. „Weshalb ist denn der Rentier Pizel so furchtbar aufgereat, wenn.sich ein Auio- bil nähert ?" — „Seine Frau ift ihm in einem Automobil durchgegangen — und jetzt fürchtet er jedesmal, daß sie zmücttommt."

— Aus Umwegen. „Von Ihnen steht ja was in der Zeitung, Dottor!" — „So, — was den»?" — „Die Todesanzeige vom Lindenbauer — den haben sie doch behandelt!"

- Unter Freundimren. „Mein letzter Liebhaber hieß Zacharias nut Vornamen l" — „Da haft Du w»hl nach dem Alphabet geliebt?"