35. Jahrgang.
Fulda, Samstag den 11. Januar 1908.
M 8.
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Carl Schutte;
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ArveUes WLat.
Wochen-Rundschau.
X Fulda, 11. Januar 1908.
Nm Mittwoch haben sowohl der Reichstag tote daS preußische Abgeordnetenhaus ihre Tagungen wieder ausgenommen. Für beide Häuser bedeutet dieser Abschnitt den Beginn für den wichtigsten und schwierigsten Teil der Session. Im Ab- gcordnetrnhause wurde eine Erhöhung der Einkommensteuer angekündigt.
Ter Streit um Harden wird setzt für einige Zeit ruhen können. Harden wurde zu vier Monaten Gefängnis und zur Tragung der Kosten beider Prozesse verurteilt. Für Graf Moltke bedeutet der Prozeß eine vollkommene Reinigung von den Anklagen, die man gegen ihn erhob. Harden hat gegen das Urteil Revision eingelegt.
In der K e i m - F r a ge wird eifrig auf einen Ausgleich hingearbeitet. Die Dermutuntg, daß der Kaiser nicht eingreifen werde, bestätigt sich. Er will offenbar durch seine Stellungnahme nicht den Sn eit verschärfen. Bor einigen Tagen war Prinz Ruvprccht in Berlin, und er hat bei der Gelegenheit dem General Keim eine Gelegenheit zu feiner Verteidigungsrede gegeben.
Tie Mehrheit de» deutschen Episkopats war im Anfang Dezember i« Köln versammelt, um z» der neuen Enzyklika Stellung zu nehmen. Liberale Blätter wußten sofort zu berichten, daß es z» fchwcrrn Differenzen gekommen sei. Nun sind sie gründlich blamiert; denn die Bischöfe haben gemeinsam ein: Adresse an den Papst gesendet, worin sie ihm danken, daß er die neuen Irrlehren <o entschieden verworfen habe und versprechen alles zu tun, um diesen entgegenzutre- ien.
In Köln wird seht vor dem Schöffengericht eia neuer Peter »Prozeß verbandelt. Tabei hat der frühere Gouverneur von Bennigsen ganz ungeheuerliche Anklagen gegen die frühere Kolonialverwaltung erhoben. Er er- !klärte: .Schon ehe die dritte Untersuchung, gegen Tr. Peters angeordnet war, stand bei mir aus iGrnnd meiner Erfahrungen und der Aktenkennt- chi» fest, daß die berden ersten Untersuchungen nur Sckeinnntersuchungen gewesen waren und den iRamen Untersuchung gar nicht verdienten, daß 'matt ne hatte absichtlich im Sande verlaufen lassen. Damals war ich geneigt, die ganze Schuld dem verstcrbenen Kolonialdirektor Kayler ;uzu- sebrriben. Seitdem habe ich mich überzeugt, daß bei dieser Oelracnheit ebenso wie bei allen späteren Ler'uchen Peters wieder in den ReichSdienst z« bringen. Kayser die schiveren Dorwürfe gar nicht verdiente, die iym von vielen Seiten gemacht worden ßnd. Er war ein ungewöhnlich fleißiger. ge- toiffenbafter. unterrichteter und tüchtiger Beamter und wurde zu seiner ganzen Haltung in der Peterr-Affäre nur durch die Drohungen und Machinationen der Pelers-Presie und der Peters- Freunde gezwungen. Leider war Kayser ein sanfter, schw'ächer, nachgiebiger Charakter. Da» war in diesem Falle sein Unglück; denn die Peter»- A'säre bat wie ein Wurm an feinem Marke gezehrt und ibn frühzeitig ins Grab gebracht.
In Frankreich wird das „antiklerikale' Programm weiter abgewickelt. Bekanntlich bat man die Entdeckung gemacht, daß für die Staatskasse von der berühmten Milliarde der Kongregationen fast nichts abgefallen ist. Tie gesamten 6:riefe aus dem konfiszierten Eigentum der, Orden und Klöster find von den Liauidatoren wieder ausgegeben worden, d. h. im Rechnungsabschluß sind die Ausgaben ziemlich genau so hoch ange
geben worden wie die Einnahmen. , Man Jieint aber dock, nicht ganz gewillt zu fern, dreie Ge- schäftskunst anzuerkennen. Ter Senat hat eine llnterfuchungskommission über bie Tätigtest der Liauidatoren eingesetzt. Vielleicht ist es auch nur ein Scheinmanöver: eine Stäbe backt sonst der andern kein Auge aus. Tie Erledigung dieser Untersuchung wird eine der ersten Aufgaben des neuen Iustizministers Briand sein. Driand tu ig in Kulturkampf-Angelegenheiten Fachmann. Damit in der Durchführung des Kulturkampfes kein Stillstand erntrete, ist die Kultusabteilung vom Unterrichtsministerium, das bekanntlich bisher von Briand geleitet wurde, abgetrennt und dem Justizministerium zugewiesen worden. Damit hat Briand für den Kampf gegen die Kirche fast unbeschränkte Macht bekommen.
Tie Seeschlange der neuzeitlichen Polrtrk ist und bleibt die M a r o k k o f r a g e. Entweder verüben die Franzosen irgendeine verwegene Dummheit, oder die beiden feindlichen Brüder, die dort als Sultan und als Gegensultan „tätig" sind, raffen sich zu einer gegenseitigen Anremve- lung, die sie dann großspurig „Schlacht" nennen, auf, oder aber Raisuli, dec alte Bandit, macht den Engländern neue Bedingungen über die Auslieferung des gefangenen Engländers Mac Lean. Das Ringen zwischen dem alten Sultan Aziz und seinem hercschsüchtigen Bruder Mulan Hafid vollzieht sich zurzeit in der Form des Buhlens um die Gunst der Soldaten; jeder sucht vom anderen möglichst viele Soldaten herüberzuziehen, um so den größeren Einfluß zu erlangen. Während diese beiden so dem Lande das Bild der inneren Zerklüftung ausdrücken, machen die Franzosen im Nordosten erhebliche Fortschritte. Ein Stamm nach dem andern wird „gezüchtigt", obwohl sie meistens nichts getan haben. Mit der Berücksichtigung der Akte von Algeciras ist es schon längst zu Ende, und der Ministerpräsident Cle- meuceau hat neulich erklären lasten, Deutschland werde dagegen keinen Einspruch einlegen. Ter französische Minister des Aeußern weilt zur Zeit in Madrid. Man wird nicht fehlgehen in der ,An- nähme, daß dort Abmachungen über die weitere Marokko-Politik getroffen werden sollen. In Frankreich bezeichnet man als Ziel der Reise Pichons den Abschluß einer Allianz zwischen Frankreich England und Spanien. Dagegen hat dec spanische Ministerpräsident eine Erklärung veröffentlicht, wonach die Znsammenkunft keinen hochpolitischen Charakter trage.
-r- Eise» Reichrkaszlervrchsel
stellt das ,.Berl. Tagebl." in Aussicht. Fürst Bülow sei »seit Beginn dieser Session wirklich und ehrlich amtSmüde — oder in Anlehnung an seine eigenen Worte: auf alle» gefaßt".
Dem Fürsten Bülow wird in dem Artikel gesagt, daß er nur noch das eine Bestreben habe, eine schöne „politische Leiche" zu werden; seine Billa Malta in Rom werde mit schleuniger Hast restauriert. „So trat denn", lieft man weiter, „der Reichskanzler in die neue Kampagne, in den jetzigen Sitzungsabschnitt ein — kühler als je, leichter al» je und innerlich sicherer als je. Er spielt ein Spir"' an das die Leidenschaft ihn nicht mehr fesselt. Ihm kann nicht» geschehen; er kann ohne Gefahr auch „Ys banque!" rufen. Scheitert er au der Polenvorlage, so ist da? nicht unehrenvoll, vielleicht sogar klug, und fällt er mit seinem Block, so ist das fast nur natürlich. Dann war die Zeit seinem Problem noch nicht reif. Dann ist der Abgang willkommen. Da» alles empfindet Fürst Bülow, und er empfindet zugleich, daß e» doch etwa» gibt, worüber man nicht fallen darf, ein einzige» Etwas, ein unerfreuliches ein unästhetisches fast. Das ist die Harden-Eulen-
morgen mit jenem zusammen zu arbeiten, erhöbt seine Leistungsfähigkeit und bewahrt seine Unabhängigkeit, da er den einen Helfer gegen den anderen ausspiclen kann. Das ist eine Weisheits» reael der Praktischen Politik, die Fürst Bismarck in ihrer allgemeinen Anwendung ausprägte in dem Gleichnis: man müsse immer zwei Eilen im Feuer haben Unter den gegenwärtigen Stärke- Verhältnissen der Parteien hätte die Regierung eine herrliche Machtstellung, wenn sie bald nut den Konservativen und Freisinnigen, bald nut dem Zentrum und Konservativen regieren und nack Bedarf die eine Partei gegen die andere ausfvielen könnte.
Man glaubt, daß die beiden Manner d>- Ge- schicklichkeit hätten, das Zentrum zu gewinnen, weil sie noch unbelastet seien. Aber wir mtnen, daß Fürst zn Fürstenberg bei der letzten Reichs- tagswahl seinen ganzen Wagenpark für die Nationalliberalen zur Verfügung stellte, wenn wir auch gerne zu geben, daß er persönlich sich zurückhie't und cu* seine Beamten keinen verson- licken Truck ousübte. Bethmann-Hollweg aber ist der Blockminister wie er im Buche steht: er ist eben neben dem Reichskanzler der größte Gegner des Zentrums im heutigen Ministerium, eo ganz unbeschrieben sind also beide nicht; aller- ding? würde das Zentrum in Ruhe ihre Taren abwarten, ausgerüstet mit der gebotenen Vorsicht. „.
Vorerst ist Fürst Bülow noch im Amte. Wir werden alles tun, ihn dort zu halten, bis er mit seinem Blockexperiment gründlich ’.m Sumpft steckt. ____________________________ ___
Deutsches Reich.
* Angebliche Steuerungen des Kaisers. Der Engländer Edward Dicey erzählt im letzten Heste der.Empire Review' von einem G> sprach, das er mit Kaiser Wi.helm ht der deutschen Botschaft gehabt bat, wohin ihn der Kaiser an einem der letzte« Tage seines Aufenthalts in London geladen hatte. Dicey macht ausdrücklich darauf aufmerksam, daß er die Worte lediglich nach seinem persönlichen Eindrücke wledergebe.
,«ach»«m btt Kaiser seiner Bewunderung für Mt Ich-utzeik Englands, die ct früher nie gekannt habe, B«8br*4 gegeben, rühmte er den Reichtum der Guts- bescher, be« Komfort der Bauernhäuser, die Unab- der Bauern, ihre Freiheit t« der Sprache Hub ihre Freundlichkeit. „Ich glaube", sagte er, „Eng- Umb wirb am besten al» das glückliche Land be. leichnet." Seine LanbAeule wären im ganzen zu • Tin x*b vom (Jtwcvb ibtc3 2{bcn§unitTi)dlt3 in Anchrnch genommen, al» daß sie sich bem Sport und ähnliche« Zeitnertreib h ngebeu könnten, aber er hoffe, ba| dem «nehmenden industrielle» Wohlstände Deutschland» fern Volk künftig ein wmtg mehr Sport «etueüen werde, der für Körper und Geist gleich gesund sei. een bas da» englische Volk wohl aber etwas zu riet habe. Hmüchttlch der Handelsbeziehungen Deutsch- !«nb» feierte der Kaiser: „Ich bin entschieden ,ur die Offene Tür, kann aber unter den gegenwärtigen inbullrieNen Berbä'tnisien dieses PUnzip nicht m die Ne ich«-»«, »wischen Deutschland und den fremden «tichtru ei«führen."
-> Nicht schön benimmt sich das ,FuIdaer jfrtieti/ in seiner Nummer vom 8. Januar. > «mm Artikel ,,Jn kritüchea Tcmen" begleitet ei das Btockrrquuent mit seine« besten Wünschen und macht mit de« „antinationalen Gegenpartei«»" bange, bie keine Gelegenheit ver- ÜKmefi würden, um eine Zersplitterung deS Block»tzerbeizusühre«. Unterbieten „antinationalen Partei««'' soll natür xf) in erster Linie das Zentrum verstanden sein. Wir haben noch nicht her«i»t>e!unv n, unter welche Partei das Jltet#bl«u' zu registrieren ist, vielleicht weiß es
burg-Sache. Da»? nei n I Bon allen Kama- rillas denen man Stand halten muß, M sm peinlichsten jene, die es nicht gibt." — Soweit das liberale Blatt, das schon einmal (Oktober 19.JC) gut unterrichtet war, als e§ die für den Fürsten Bülow sehr schwüle Herbststimmung vor- zeichnete. . , ,. , .
Wir würden es a u f r t dj 11 g b e b a u e r tt, wenn das Blatt auch diesmal recht haben sollte. In gewissen politischen Kreisen glaubt man freilich. das Zentrum würde über Bülows Nuck.iiit in Jubel ausbrechen. Hat sich was mit dem Jubel! Bülows Abschied würde uns heute viel zu früh kommenl , .
Wir können fernen innigeren Wunsch haben, als den, daß die herrliche Blockpolitik so lange fortwurstelt, als es irgend geht. Noch sind die pomphaft angekündigten Früchte dreier neuen Politik nickt gereift. Es gab bisher^nur ®Iuten- träume, aber sonst nichts, nur L chanms ch l ä» gerei, Verwirrung, Unsicherheit. Nichts wäre uns unerwünschter, als daß dem Block nicht hinreichend Zeit gelassen würde, sich jetzt in ooptwcr Arbeit zu versuchen. Diese ans Zentrumsscheu geborene Mehrheit darf man nicht irgendwie tue Möglichkeit verschränken, zu zeigen, was sie kann. Das Zentrum hat seine Sacke ja so schlecht gemacht, daß es um jeden Preis auSge- sckaltet werden mußte und zur größten Beine- diaung aller „Nationalgesinnten" auch ausgeschaltet worden ist. Nun ist die Zeit gekommen, wo die neue Blockmehrheit es bester machen muß. So mache sie's denn! Wir bitten inständig darum. Aber sie möge es machen unter der bewährten Oberleitung des Fürsten Bülow. Es wäre ja doch zu schade, wenn Bülow seine Schövfting tm Stich lassen würde. Die Situation würde damit für das Zentrum viel von ihrer Klarheit becheren, unsere Partei würde auch in den pol^ tischen Strudel hineingerissen werden, in dem sich der Block so unbehaglich suhlt.
Nein, das darf uns Fürst Bülow nicht ontnn. Wir sind deshalb durchaus der Meinung, daß der verehrte Herr Blockkanzler, noch keine Müdigkeit oorschützen darf. Wer dreimal im Reichstag die Lebensfähigkeit seines Geschöpfes in den höchsten Tönen pries, der muß noch arbeiten, weil man sonst sein Experiment als ein politisches Gaukelspiel au sieht, weil sonst die gesamte Situation feil dem 13. Dezember 1906 als das „persönliche Reginrent" de» Fürsten Bülow bezeichnet werden müßt«. Wir erinnern den Fürsten Bülow daran, daß ihm seine Mehrheit am 5. Dezember auf3 neue gehuldigt hat, und alle Parteien der Mehrheit sich seitdem wirklich brav gehalten haben. Allo. bitte, versuchen Sie es doch noch einige Zeit, Here Reickskanzler l
Als Anwärteg auf - en Reichskansiervssten hört man die Ra.- < n Fü:'t vo > Fürsten berg und v. Betbmann-Hollweg nennen. Beide find Blockmcinner, aber in ihrer Vergangenheit nicht so schwer belastet wie Fürst Bülow. Ihnen würde die Aufgabe zufallen, die bart Bülow begonnene Politik fortzusetzen, aber den Block durch die Aufnahme des Z e n t r u m » zu erweitern. Man weiß nachgerade in allen Kreisen, daß Fürst Bülow sich nie mehr mit bem Zentrum verständigen kann, man wünscht aber an einflußreicher Stelle, daß das Zentrum nicht „geächtet" sein soll, weil man hiervon einen bedenklichen Rückschlag im Volke befurchtet, und weil die Macht der Regierung wesentlich gestärkt würde, wenn man durch Heranziehung des Zentrums zwei Mehrheiten hätte.
Ach ja, es wäre für die Regierung zu schön, lventl sie eine zweifache Mehrheit zur Verfügung hätte. Wer auf einen bestimmten Bundesgenossen ausschließlich angewiesen ist. wird von diesem unentbehrlichen Helfer abhängig. Wer dagegen die Wahl hat, heute mit diesem und
Die zerstückelte Statt
Amerikanische Deteftivnovelle.
Xuf der Straße standen die Leute in dichten Gruppen beisammen und unterhielten sich über da» schreckliche Ereignis, das nun schon eine Woche lang Alles in Aufregung hielt. Seit fünr Jahren, als der Direktor der städtischen Bank mit einer halben Million verschwand, war ein derartiges „Kapital"-Verbrechen nicht wieder Verübt worden Eine um so größere Aufregung be- mädjtigle sich deshalb Aller, als daS Gerücht auf- tauchte: die Frau des Uhrmachers Berry sei plötzlich verschwunden! Noch vor drei Tagen hatte man sie Vergnügt und lustig gesehen, wie ei ihre Art war; nun war |ie verschwunden!
Ta standen nun die alten Weiber beiderlei Geschleckt» und debattierten über die Gründe, welche dir „unglückliche" Frau veranlaßt hätten, sich beimliit) zu entfernen.
„Wahrscheinlich ist sie ins Wasser gegangen!" „Unsinn! Einer so lebenslustigen Frau ist da» nichr zuzutrauen!"
.. --^knii ich einen Mann hätte, wie Berry, würde ick das Leben bald satt bekommen!"
„Er bat sie oft geprügelt!"
„Na, er wird sich freuen, daß er sie lo» ist! Lielleickt war er selbst —"
Tie Sprecherin wagte nicht den Satz zu vollenden. aber die Zuhörer verstanden sie und in allen stieg ein unbestimmter^Verdacht gegen den Mann der verschwundenen Frau! Es war ihm wohl zuzuuauen, dem unheimlichen Menfchen!
Tie ganze Nachbarschaft behauptete einstim- wig, daß der Uhrmacher Berry ein widerlicher Kerl feil ,Tie Natur hatte ihn allerdings nicht nnt den Borzügen eines Adonis ausgestattct; er tonr eher ein Mittel gegen bieSiebe! Groß und Jn°aer machte er burch feine borgebeugte Hal- L-?cn Umdruck bes Schleichenden und Heim- ra<L]d)en. Dazu kam ein Gesicht mit Blatter
narben — „er hat gewiß einmal mit der Disage auf entern Rohrstuhl gesessen!" höhnten die Nack- bar» — eine Geiernase und ein paar schielende Augen, die er hinter einer blauen Brille zu verbergen suchte. Außerdem war er schweigsam und mißtrauisch, er besuchte nie ein Lokal, sprach mit niemaild, außer feinen Kunden — kurz, Berry hatte nut Feinde, aber feine Freunde! Seine Fr.ru war da? Gegenteil von ihm: jung, hübsch, U'.unt-r und beweglich.
Taß sie mit einem Manne wie Berry nicht glücklich lebet, konnte, war allen klar! Recht häufig hört; man aus der an den Laden anstoßenden Wohnung de» Uhrmachers Streit und Lärm; die Nachbarn sagten bann: „Dieser Lump schlägt wieder einmal seine Frau!"
Frau Derry war trotzdem immer beiter und guter Tinge! Wenn man sie bemitleidete ober vor ihrem Manne warnte so lachte sie aus vollem Halse über solche Sieben. Unb wenn man ibt riet, sich von ihrem (Satten zu trennen, so konnte sie sogar grob werben ob bieser unerhörten Zumutung!
Als einst eine teilnehmende Freundin ihr ein tragisches Eube vorherfagte, lachte sie ihr, ms Getickt: „Wenn mein Mann die Absicht hätte, mich zn ermotben würbe er feine Wohnung doch nicht gerade unter ber eines ber tüchtigsten Poli- zeiöeamten gemietet haben!"
Das war richtig; ber Detektiv Greebish war ber Schrecken aller Verbrecher unb ber gefürck- totste Polizeibeamte ber Stadt. Er war ein kri- minalifdiei Genie, nichts blieb feinem Scharfblick verborgen, schon vor der Siöntidjen Entdeckung drang sein Späherauge durch die dicksten Mauern und Wände, und selbst die abgefeimieiien Verbrecher durchschaute er! Wenn er auch selten einen Missetäter erwischte, so war er ihm doch stets „auf der Spur", wie er sich rühmte, unb wenn er manches Geheimnis nicht entdeckte, so befaß er wenigstens immer „den Schlussel dazu ', wenn es auch manchmal nicht ber richtige war!
Nun war bie hübsche Uhrmacherin feit neu« Tagen plötzlich verschwmiben.
Ein beherzter Nachbar hatte endlich den Mut. Herr!t Berry über den Verbleib seiner Gattin zn fragen.
„Scheren Sie sich zum Teufel!" brüllte ihn der Uhrmacher an.
Der Mann befolgte diesen Rat; man ging zu dem Detektiv Greebish, der noch keine Ahnung von dem Verschwinden der Frau hatte, obgleich er in demselben Hause wohnte.
Ter berühmte Kriminalist hörte mit offenem Munde die Erzählung ber Leute an, bann «nt- fchloß er sich sofort, einen Gewaltstreich auszu- fiihreu.
Er begab sich im Sturmschritt nach bem Sahen des Uhrmachers, blickte Berry fest in die Augen und fragte: „Wo haben Sie ben Leichnam Ihrer Fran Verborgen, nachbem Sie sie ernnorbet?"
„Ich, meine Frau ermordet?" fragte der Uhrmacher mit größter Ruhe. „Sie ist stärker, als ich, unb wenn es bei uns Streit gibt, prügelt sie mich burch: soll ich Ihnen meine blauen Flecke zeigen und mein zerkratztes Gesicht?"
„Jedenfalls ist dem Morb ein Kampf^vorher gegangen!" erwiderte ber Detektiv, „unb Lre haben biefe Derwimbung von ihrem Opfer erhalten 1 Wo ist Ihre Frau, wo haben Sie sie verscharrt'"
„Verscharrt?" lachte ber Uhrmacher. Vor acht Tagen ist sie fortgegangen, um, wie sie sagte Zwirn zu kaufen. Und scitbem weiß ich nicht, wo sie hingekommen ist; übrigens wirb sie schon wiederkommenI Lassen Sie mich in Stube 1"
„Ich soll Sie in Stube lassen?" schrie bei Polizist empört. „Sie Elender! Ich verhafte Sie soioct, wenn Sie mir nicht gestehen, wo Sie den Leichnam Ihrer Frau, ben Sie zweifellos zer- stückelt haben, verborgen ballen!"
Ter Uhrmacher verzog noch immer feine Miene, nur ein höhnisches Lächeln flog übet scm Gesicht.
„Schön, verhakten Sie mich!" sagte er, „Ich
nehme e» Ihnen nicht übel. Sie tun ja nur Ihr« Pflicht."
Selbst ber berühmte Deteftw. ber doch man- dien verstockten Verbrecher fennen gelernt, schauderte vor der Verruchtheit und Kaltblütigfsit dieses FrauenmdrderS zurück.
Tie Konstabler, welcke ben Verhafteten zur Polizei führten, batten Mühe, ihn vor ber Wut der Bolfsmenqe zu schützen. Sie hätten ibn am liebsten in Stücke gerissen, namentlich weil ne sahen, daß bet Mörder feine Spur von Reu« zeigte, ruhig aus seiner Tote schnupfte und sc tat, al» ob ihn bie ganze Sache nichts an ginge.
„Armes, unglückliches Weib!" tönte bie allgemeine Klage unb Auflage.
Jede» Morgen stürzte sich das Publifum mit großer Hast auf bie Zeitungen, um nur irgend etwa» neues über bie zerstückelte yrau zu leien. Ter „Srabt-Lofal-Anzeiger" hatte eine eitra Rubrif .,D:e zerstückelte Frau" in feinem roeitcer- breiteten Blatt eingerichtet. Ter Tireftor vom Theater des Ostens fiinbigte ein von feinem Hausscklächter teiveftive Tichter verfaßtes Stück „Tie zerstückelte Frau" an, in welcher ber Uhr- madicr Berry von einem wirtlichen Uhrmacher dargestellt werben sollte! Ter Helb bes Tages war aber Greebish ber Entbecker bes MördersI Auch bie Polizei verhörte täglich eine unzählige Menge von Personen, bie alle eine Menge zu erzählen hatten, aber leiber fein Wort, welches Licht in bie Sache brachte!
Ter Tcteftiv Greebish aber erbat sich von seinem Vorgesetzten bic Erlaubnis, ben Voruntersuchungen über biefe ebenso geheimnisvolle als enlietzliche Tat feine Haupttärigfcit zu widmen. Mit größtem Eifer studierte er das Vorleven des Uhrmachers; hunderterlei llnmänbe bewiesen, daß der Monn ein geborener Mörder sei! Tag für Tag nahm der Teteftiv Untersuchungen m ber Berry schon Wohnung vor, kerne dauerte weniger als vier Stunden, niemals nur bas kleinste Stückchen vofl dem Leichnam der zerstuckeUen Frau gefunden 1