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JV3 8.

Fulda, Sanlstag den 11. Januar 1908.

35. Jahrqanq.

Drittes IKLatt.

(*) Zum Gjpzierzmorde in Allenstein sendet ein höherer Oifijier dem .Wests. Volksbl.' in Paderborn folgende Betrachtung: .Noch ehe die eigentliche Unleriuchunq in dieser höchst sen­sationellen Affäre begonnen und der Hauptmann v. Göben auf den Verdacht hin, den Major er- schoflen zu haben, verhaftet war, wußten die Zeitungen in spalienlangen Artikeln von den iniimen Beziehungen zu erzählen, in welchen n.cht olle.n der genannte Hauptmann, sondern auch andere Herren vom Milnär und Zivil seit Jahr und Tag zu der koketten Frau des er­schossenen Majors gestanden hatten. Als aber der Hauptmann v. Gäben ein offenes Geständnis abgelegt halle, und auch die leichtsinnige Frau v. Schönebeck in dem begründeten Verdacht, die grausige Tat angestistet zu haben, verhaftet war, da wurden in den vielen Zeitungen über das Leben und Treiben bieier Dame Mitteilungen gemacht, die schier unglaub. lich klangen. Da hieß es, daß die Frau Majorin mit jungenOifixeren m verlchiedenen Weinrestau­rants in Ber in öfters gesehen, daß junge Herren ihretwegen in Wucherhände geraten, daß der Hauptmann v. Göben mit ihr in Bädern gelebt habe re., daß das eheliche Leben aber schon seil Jahren völlig gestört sei, infolge dessen der Major in einem Testamente die Frau enterbt habe. Wenn, wie u«S glaubhaft versichert wird, alles das und noch viele- anderes in Allenstein erzählt und bekannt war, und die Frau v. Schönbeck allgemein in dem Rufe einer sehr kokelten und leichtfertigen Frau stand, so drängt sich hier von selbst die Frage auf, konnte bas Gerede den Herren Vor­gesetzten der Osfifiere, die im Banne der Frau standen, unbekannt bleiben und lag nicht genügend Veranlaftung vor, den eisernen Besen in Beivegunq zu setzen, mit welchem der Ilriegsminifier v. Einem alle unlauteren Elemente auS der Armee enqerncn will?"

Zu derselben Angelegenheit schreibt der »Reichsbole':

Jtaum ist der Harden-Prozeß mit seinen sexuellen >Widerwärtigkeiten zu End«, so steigt ein Mordprozrß in sMUnmein auf, und tauui hat man diese Nachricht nrrmrrti, so kommt heute schon wieder eine neue von einem schon vor Wochen verübten, aber jetzt erst be­kannt gewordenen Mord -• und bei allen spielen sinnliche Frauen eine furchtbare Rolle. Das mo­derne Weid, das seine Bildung und Moral aus modernen Romanen schöpft, für welches die vor dem Zwilstandesbeamten geschloffene She kein Heilig­tum mehr ist, uns Ojfipere, die sich nicht in die Zucht zu nehmen verstehen und leine eigene «he gründen, weil ihn n die traditionellen Anschauungen in ihren Kreisen mit den hohen «nford erungen eS wohl nicht erlauben — treten un8 hier entgegen und geben Anlaß zu sehr ernsten Beirach.ungen, die wir denen empsehlen, die hier von Einfluß sind. Wenn v. Soeben es zu einem »uell mit dem Major von Schönebeck hätte lammen laffeu _ und hätte ihn dann 'erschaffen — dann haue ernachdenDuellansichten j keinen Mord begangen, er wäre ein Ehrenmann ge­blieben — fein eheorecherisches Verhalten hätte ian nutzt ehrlos gemacht. Hier liegt eine große Schuld, die manchen jungen Offizier z» Leicht,ertigkeiten im Verkehr mit fremden Frauen verleitet. Hier mutz ein- gesetzt werden! Es bedarf einer Reform dieses falschen Ehrbegriffs."

Die hier erwähnte „neue Kunde* besieht sich auf ein Ehedrama, das sich bereits vor einem Vierteljahr im Westen Berlins obfpielie und einem jungen Offizier das Leben kostete aber erst jetzt zur Kenntnis der Behörden gelangte. Es spielte sich int Hause des Privatoberiörsters Paul Lewandowski, der aus Kassel stammt, ab. Lewandowskr war oft dienst'ich abwesend. In dielen Zeiten empfing seine Frau eine ge- borene Freiin v. Korff wiederholt Herrenbesuch. Ais eines Tages der Ober'örster ganz unver­mutet nach Hause kam, sah er einen Schatten an den Glasscheiben der Tür des Ankleide immers vorbeihu'chen. Die Tür sand er verriegelt. In großer Erregung schoß er nun mit seiner Pistole durch die Tür in das Zimmer hinein. Die Kugel durchschlug die Türfüllung und drang dem Leutnant v. Schmid aus Spandau, der sich in dem Zimmer befand, in den Unterleib. Frau L. stellte es der Außenwelt so dar, als fei einem Herrn, der zum Besuch bei ihrem Manne weilte, beim Ankleiden aus dem Revolver, den er in einer besonderen Tasche der Beinkleider trage, ein Schuf in den Unterleib eingedrungen. Der Verletzte starb im Krankenhause bereits nach sechs Stunden.

So reiht sich Skandal an Skandal. Herr a. Einem, wo bleibt der eiserne Beien?

Römischer Wochenbries.

U Rom, 6. Januar 190?.

Bekanntlich lassen die Päpste alljährlich eine eigene Medaille prägen, auf welcher neben ihrem Bilde die hervorragendste Tat des betref­fenden Pontifikatsjahres dargestellt ist. Für die­ses Jahr plante man ursprünglich die Verewi­gung des XV. Centenars des hl. Johann Chry- svstomus oder diejenige der neuen vatikanischen Sternwarte, welche in diesem Jahre eingeweiht werden soll. Schließlich beschloß man indessen, den Kampf des apostolischen Stuhles gcg"n den Modernismus als Vorwurf für die neue Ponti- Kkatsmcbaille zu nehmen, welche altem Brauch gemäß, am St. Peter-Paulstage vom hl. Vater in ®olb, Silber und Bronze ausgeteilt wird. Eine Anspielung an das erwähnte Centenar er­hält die Medaille dadurch, daß auf der Stola des Papstbildes das Portrait des hl. Chrysostomus erscheint. Auf der anderen Seite sieht man den hl. Vater, in der Hand die Eneyklika gegen die Moderr.isten haltend und vor ihm mehrere Figu­ren, darunter Frankreich und Deutschland, letz- ters an den; walkürenartign Helmaufpuy erkenn­bar. In den Wolken erscheint eine blitzet schleu­dernde Hand. — Dem Senat, in seiner Eigen­schaft ais. Staatsaerichtshof, hat der Nasipro- zeß bereits 25 000 Franken gekostet. Nun hat der Präsident Senator Mangredi, gefunden, daß kein Geld mehr für die Fortsetzung desselven vor­handen ist. Er wendete sich an den Jusftzmlni- ster, doch auch dieser hatte den Fall nicht vorge­sehen. Es muß also der Schatzminister aushelfen durch fchlcriniae Ausarbeitung und Einbringung eines eigenen Gesetzentwurfes, durch welchen „zu­nächst* 75 000 Franken für den Staatsgecichtsbof verlangt werden. Wohlverstanden handelt es sich hierbei nicht um die allgemeinen' Prozeßkosten, sondern nur um die Privatauslagen des Senats. Tie ersteren' dürften bereits eine schwindelhafte Höbe erreicht haben: Wer wird sie einmal zu zahlen haben? —

In jüngster Zeit ist in dem italienischen Par­lament. wie in der Prelle wieder die Frage er­örtert worden: Wer ist der Besitzer der Mu­

seen. der Bibliothek u. der Sammlungen des Va­ti k a n s? Ter Papst oder der italienische staat? Zu diesen Fragen veröffentlicht der Mailänder „Corriere della Sera" ein bisher geheim gehalte­nes Telegramm Crispis vom 3. Januar 1891 an die italienische Botschaft in Berlin. Es heißt darin: Tie vatikanischen Paläste mit allen ihren Kunstschätzen seien unveräußerliches Ei- gen tum des italienischen Staates, nicht des Heiligen Stuhles. Tem Papste sei le­diglich die Nutznießung garantiert kraft des von uns beobachteten Gesetzes. Ter Papst have ferne weltliche Macht, könne keine Steuern auferlegen. (Ter Papst hatte eine Eintrittsgebühr für die Museen eingeführt.) Tue er es dennoch, so ber­iete er das Gesetz. Tie italienische Regierung kümmere sich aber nicht darum, wie sie cs auch in andren Fällen mit solchen Gesetzesverletzungen gehalten habe. — Im nichtamtlichen Teile wendet sich nun der „Osservatore Nomano" gegen die Veröffentlichung der Depesche Crispis. Tas Blatt wirft die Frage auf, wie es möglich sein würde, den Papst durch italienische Gendarmen verhaften zu lallen, wenn ihn die italienische Regierung wegen angeblicher Ungesetzlichkeiten zur Rechen - schäft zöoe.

In den letzten Monaten haben die angeblichen „klerikalen Skandale" wieder g"blüht. Zahlreiche schändliche Berichte wurden verbreitet, die in der unreinen Phantasie kirchenfeindlicher Agitatoren entstanden und von gewissenlosen Journalisten kritiklos ins Ausland weitergege­ben und dort von der nichtkatholischen Prelle m't Behagen abgedruckt wurden. Ter Schwindel in dieser Bziehung war so enorm, daß man c5 als Pflicht erachten muß, einige der Entscheidungen ö'fentlicker Gerichte mitzuteilen. Wir haben etwa dreißig solcher Entscheidungen zur Hand, wo die beschuldigten Geistlichen von jeder Schuld befreit erscheinen. Nehmen wir zuerst Benedig! Vor einigen Monaten gab die antiklerikale Presse jener Stadt einen „wirklich entsetzlichen Fall von Immoralität" bekannt. Ein Mönch von S. Fran­cesca della Vigna und eine Nonne waren die handelnden Personen dieses Schwindels. Eine amtliche Untersuchung wurde eingeleitet und,er­gab ein merkwürdiges Resultat: Ter Mönch hatte niemals criftiert, und die Schwester war zu der Zeit schon längst tot, als ihr die antiklerikale Schmähsucht ein Verbrechen andichtete. Ein an­derer Fall wurde aus San Martino di Rovigo berichtet. Dort sollte ein Geistlicher „mit großer Unversorenheit" junge Mädchen mißbraucht ha­ben. Tie Sache kam vor Gericht, und vor den dringlichen Ermahnungen des Richters, nur die reine Wahrheit zu sagen, gaben sie an, von dem Herausgeber der antiklerikalen „Gazzettina" ge­dungen worden zu sein, um die falschen Angaben gegen den Ordensmann zu mache». Das soziali­stische Blatt „II Lavoro" veröffentlichte eine An­klage gegen einen Geistlichen, der sich als Ka­plan im Kloster Jmmacolata verfehlt haben sollte. In demütigster Weise mußte das Blatt Abbitte leisten, um eine Gefängnisstrafe zu verhüten. TaS gleiche Schandblatt brachte die Nachricht, daß eine Nonne des Dorotheenklosters geflüchtet $ei. Tie „Flucht", welche noch romantisch geschil­dert war, bestand in einem ausdrücklich von der Oberin bewilliaten Urlaub zum Begräbnis der verstorbenen Mutterl In Bolzaneto setzte die antiklerikale Presse das Gerücht in Umlauf, im Keller eines dortigen Klosters sei das Skelett eines Kindes gefunden worden. Im Anschluß daran brachte diese Schandpresse ganze Spalten über die „Immoralität" in den Klöstern. Tie amtliche Untersuchung ergab, daß man das Ske­lett eines Hundes gefunden batte. In Castet- lamare veröffentlichte ein sozialistisches Organ}

eine Erzählung von „einem schrecklichen Skandal" zwischen entern Kaplan und der Superioriu eines. Hospitals. Tie Beteiligten stellten Klage, und der Herausgeber des Blattes wurde verurteilt und im Urteil noch als „Verleumder ictzlimmstcr Sorte' bezeichnet. Ein besonders krasser Fall lag in Pitigliano vor; er zeigt, mit nxlcter Fri­volität die Antiklerikalen gegen würoige Geist­liche vorgehen. Sie beschuldigten den Tomherrn Capitani der Immoralität; er wurde verhaftet. Infolge von Umständen, die von Capuaur unab­hängig waren, dauerte die Untersuchungshaft mehrere Monate. Als die Untersuchung die voll­ständige Unschuld des Tomherrn ergab, war er zwar gänzlich gerechtsertigt, aber ein gebrochener Mann. Tie Haft hatte seine Gesnndheit zerstört. In kürzester Zeit wird die Verhandlung gegen seine Verleumder beginnen. Zum Schluß sei noch ein Fall in Reggio erwähnt, wo gegen zwei Ordensleuie schwere Anschuldigungen erhoben wurden. Tie amtliche Untersuchung stellte genau fest, wie die Anschuldigungen systematisch beraten und beschlossen worden waren.

Au§ dem Nachbargebiete.

t Obcrbimbach, 9. Jan. 1907. Am 6. Januar wurde bierselbst eine stark besuchte Versammlung des V o l k s v e r e i n s in der Weismüller'schen Gastwirtschaft abgehalten. Nachdem von Herrn Dechant Zimmer ein Hoch auf Papst und Kaiser ausgebracht worden war, hielt ein auswärtiger Redner einen Vortrag über „Die ReUgionsfeind- lichkeit der Sozialdemokratie". Bei dieier Ge­legenheit wurden 19 neue Mitglieder in den Volksocrein ausgenommen, so daß die Pfar­rei Oberbimbach zur Zeit 159 Vereiusmitglieder zählt.

A Hilders, 9. Jan. 1908. Die regelmäßigen Sitzungen des Vorstandes der hiesigen Kreis» sparkasje während des Jahres 1908 finden an folgenden Taaen im Kaffenlokale statt: am 14. Jan., 4. Febr., 10. März, 7. April, 5. Mai. 2. Juni, 7. Juli, 4. August, 1. September. 6. Okt., 3. Nov., 1. Tez., Ter Vorstand besteht aus den Herren Pfarrer Breitung-Hilders, Kreisausschuß­sekretär Barlhelmes-Gersfeld, Diirgermeister Dehler-Batten und Hohmann-Hilders.

— Hü »selb, 8. Jan. 1907. Am Feste der hl. 3 Könige sand hier die Wiederholung des fünf- aktigen Dramas „Lucius" von P Humper! 0. M. I. statt. Das Stück wie auch die Äupfüh» rung verdient hohe Anerkennung. Mit, gernd-zu überraschendem Verständnis und Geschick spielte der Held des Stückes seine schwierige Rolle. Ter Eesamt-indruck war ein sehr befriedigender. Da am Sonntag Nachmittag um 3y2 Uhr eine noch­malige Wiederholung stattsinder. ist auch Auswärtigen Gelegenheit gegeben, daS Drama zu jchen.

* Klcinaubkim, 8. Jan. 1907. Auf der zu- gefroreneti „Pferdeschwemme", einer Ausbuch­tung des Mains, vergnügten sich dieser Tage muntere Schulknaben im Alter von 10 bis 13 Jabren mit Schlittschuhlaufen. Plötzlich brach die Eisdecke, und die acht Knaben versanken in der „Schwemme". Ter neunte Kamerad, ein Knabe im Alter von 13 Jahren, eilte rasch ent­schlossen hinzu und rettete mit eigener Lebens- gefabr seine acht Kameraden vor dem Er- trinkungstode.

* Hanau, 9. Jan. 1908. Als zweiter Abge­ordneter zum Kommunallandtag für den Wahlbezirk Stadt Hanau wurde an Stelle des Rentiers Nickel, der mit Rücksicht auf sein hohes Alter sein Mandat niedergelegt hat, Kommer­zienrat Chantal einstimmig gewählt.

Unpolitische Zeitlaufe.

(::) Berlin, L Januar 1908.

(Nachdruck verboten.)

Zuschneider sollen wir werden, den richt!- gen Zuschnitt machen lernen, nämlich den Zu­schnitt des Lebens. So hat der preußische Fi- nanzminister gestern in seiner Haushaltspredigt gesagt, und ich glaube, daß er recht hat. Wir haben uns in der Tat vielfach an einen Zuschnitt des Lebens gewöhnt, der mit den wirtschastlicheu Verhältnissen nicht im Einklang steht. Die mei­sten Leute oder doch sehr viele Leute strecken sich weiter aus, als tote ihre Decke reicht, und holen sich lalle, Füße.

Es gibt Zuschneideakademien für angehende Kleiderkünstler, und jede Werkstatt eines rüchfi- aen Meisters ist eme praktische Schule für das Zuschneiden. Wir sprechen von einem Schnei- k> c r meister und bekunden dadurch unwillkürlich, daß das Zuschneiden eine viel wichtigere Knnst ist, als das, Zusammennähen. Auf der weibli­chen Seile gilt die Schneiderin als eine schaffende Künstlerin, während die Näherin nur das aus- Ttinrent'e oder nachflickende Organ ist. Wenn der Zujwnitt geraten ist gerät auch das ganze Ge­wand; ist aber der Zuschnitt zu kurz ober zu 'ai’0' ^er zu schmal geraten, dann sitzt das Tma nickt Hier kneift es und dort schweift es, mag der sioffnoch so gut und schön sein, das Gewand iit yafflich und unbequem.

Für die männliche Kleidung wird jetzt in der Regel das Zeug vom Schneider geliefert. Früher kaufte man sich erst anderswo ein Stück Zeug und ging dann zum Schneider, um sich daraus etwas machen zu lassen. Ter gewissenhafte Schnei­der bekah sich erst die Größe des Stückes; wenn es noch nicht gekrumpen war, so rechnete er Vorsicht?» paibcr noch den zu erwartenden Einschrumpf ab und entschied dann, ob es zu einem würdigen ^onntaaSrod ausreichte. War der Stoff zu kiiapp so wurde ein bescheideneres Kamisol, ein ■^ungimöSrotf oder eine Weste usw. daraus ge» inaait. Aus dem unzulänglichen Stück einen zu

I kurzen oder zu engen Bratenrock herauszupressen, lehnte der gewissenhafte Kleiderrat ab. „Das Zeng ist nicht von Gummi."

Wenn wir nun unsere Lebenshaltung uns zu­schneiden wellen, so müssen wir cs machen, wie der gute Schneider, und erst genau zusehen, wie weit der Stofs langt. Wer 10 000 Jl jährlich zu verzehren hat, kann seinem Haushalt einen viel weiteren und üppigeren Zuschnitt geben, als der kleine Mann, der mit 2000 oder gar mit 1000 auskommen soll. Wenn aber ber 10 000 in Berlin W. ein großes Haus machen wollte, fo würde er bald merken, daß für diesen Luxusman­tel auch fein Zeugstück nicht reicht.

Ach, was sind das für alte Wahrheiten, die jedes halbwüchsige Kind schon kennt 1 Freilich, bekannt sind sie, aber beachtet werden sie nicht. Wer den Zuschnitt seines Lebens machen soll, tauscht sich gar zu gern und schneidet infolge­dessen arg daneben.

Er täuscht sich zunächst über seine Einnah­men. Der glückselige Bräutigam z. B. hat ein gewaltiges Selbstvertrauen; wenn er erst einmal in seinem eigenen Nest sitzt, dann wird er natür­lich viermal und dreimal so fleißig geschickt und erfolgreich fein, wie bisher. Also warum sollte er feinem geliebten Weibchen etwas abgehen las- fen? Sie stammt ja aus guter Familie und man darf sich doch vor den Schwägersleuten keine Blöße geben. Tie Schwiegereltern haben ja auch für eine Ausstattung gesorgt, die sich sehen lassen kann, und dann ist die Mitgift da, mit der sich manches Sclöne „begründen" läßt. Daß man eigentlich nur die Zinsen der Mitgift verbrauchen und das Kapital unberührt lassen sollte, gehört auch zu den alten Weisheitsregeln, die nicht bloß fortdauern, sondern sogar anwachsen. Tritt nun &te erhoffte Steigerung des Arbeitsverdienstes oder Geschästsgewinnes wirklich ein, so gebt es vorläufig leidlich. Bleibt aber die höhere Ein­nahme aus, die sich der Vertrauensselige erträumt hat, ober stellt sich einer von ben zeitweiligen Rückschlägen^ im Erwerbsleben ein, so gerät als­bald der glänzende Haushalt aus dem Lot. In die geplanten Genüsse gießt Frau Sorge ihren

Essig, und statt des erwarteten Ruhmes bei den Nachbarn erntet man die liebliche Nachrede: Na, wer zuviel Wind macht, dem geht bald die Puste aus!

Tie Einnahmen tverden zu doch veranschlagt, die Ausgaben zu niedrig. ^Das ist nun mal int irdischen Leben so hinterlistig eingerichtet, daß man immer mehr ausgeben muß, als wie man sich gedacht hat. Tie Preise haben eine stei­gende Tendenz, und obendrein vermehren sich die Bedürfnisse. Tie Familie vermehrt sich; jeder Zuwachs bedmgt einmalige und dauernde Mehr­ausgaben. Die Kinder wachsen heran, und statt ber erhofften Erleichterung bringen sie ben El­tern erhöhte Lasten. Als man bie Lebenshaltung zuschnitt, war man jung und gesund; wer denkt ba an die schweren Ausgaben und Ausfälle, bie mit beit Krankheiten ber verschiedenen Familien- mitglicber verbunden sind! So gibt cs hier eine Mehrausgabe und dort eine Mehrausgabe. Wer in seinen Voranschlag nicht einen tüchtigen Posten für unvorhergesehene Bedürfnisse einge­stellt hat, der kratzt bald vergeblich in den Ecken der Kasse.

Daraus folgt: man darf beim Zuschneiden der Lebenshaltung nicht das ganze Tuch bis mw's äußerste ausnutzen, sondern muß gehörige Stücke in Reserve balten — zum Flicken und zum Er­gänzen im Bedarfsfälle.

„Nun, trenn es schief geht, kann ich mich ja nachher wieder cinsckstänfen," sagt der Wagehals. Nein, vorher kannst und wllst du dich vernünf­tig einsckränfen. Nachher, wenn du und die dei­nigen erst an den Luxus gewöhnt sind, geht cs verzweifelt schwer und nnr unter großen Sckmer- zen des Leibes und der Seele. Was andere Leute gar nicht vermissen, ist euch zum Bedürfnis ge­worden. Sollt,ihr in eine bescheidene Wohnung ziehen, den Kleiderstaat aufgeben, die gesellschaft. lichen Vergnügungen abbrechen, fo kommt ihr euch vor wie ausgestoßen und entehrt. Tas Zu- rückschreiten, das Niedersteigen tut weh. Darum richtet der flaue Mensch feine Lebensführung so ein, daß er nach allem menschlichen Ermessen die Stelluna dauernd bchauvten kann. Verma» er

sich weiter antzusckwingen, so steigt er nachher Schritt für Schritt empor, — immer nach vor­sichtiger Prüfung der Grundlage, damit da) Gleiten und Herunterrutschen ausgeschlossen ist.

Was helfen alle guten Lehren, wenn das böse Beispiel eine so aroße Zugkraft nach der Gegen­seite ausübt! In der Tat, man mutz gegen den ström der Zeit schwimmen, wenn man den Lu­xus vermeiden will. Wie eine Zeitkrankheit ist die Snckt nach einer „feinen" Lebensführung über uns hereingebrochen. Jeder will höher hin­aus. Jeder will glänzen über seinen Standes- genoffen, jeder will genießen. Jeder denkt, die Einnahmen würden sich schon steigern lassen und man brauche also in den Ausgaben nicht so knau­serig zu sein. Die vorsorgliche Sparsamkeit gilt als altväterliche Rückständigkeit. In den feiten Jabren wird man übermütig und denkt nicht daran, daß die mageren Jahre unvermeidlich bin- terfcer kommen. Wenn die Leute ibr besseres Ein- kommen dazu benutzen, um wirkliche Bedürfnisse zu befriedigen, z. B. eine kräftigere Nahrung und eine gesundere Wohnung sich zu verschaffen, so ist das als wirklicher Kulturfortschritt zu begrüßen. Aber leider wird ein sehr großer Teil des TZ ehr« Verdienstes auf glänzenden Krimskrams und auf faule Dergnügungsjägerei verwendet,— auf einen Luxus, ber nicht glücklich macht, sondern nur Be­gehrlichkeit, Zerfahrenheit und Unzufriedenheit weckt.

Es gilt immer noch der Spruch des griechi­schen Weisen, daß derjenige dem Glück am näch­sten kommt, der die wenigsten Bedürfnisse hat.

Der Finanzminister hat recht, wenn er in dem falschen Zuschnitt des Lebens die Wurzel großer Nebel sieht. Wir sollten uns auf die rechte Zn» schneidekunst wieder besinnen. Ist der Schnitt ver­fehlt, so kann die eifrigste Naharbeit nicht Helsen.

In Afrika ist die Sklaverei abgeschafft. In Europa aber seufzen Millionen in dem Sklaven- joch eines törichten Luxus, das sie in ihrem Leicht­sinn sich selbst aufgehalss _