Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn« und Feiertage, vierteljährlicher Bezugspreis ohne vringerlohn und Bestellgeld in Zulda sowie auswärts l.5OMk.
verantw. Redakteur:
Carl Schütte;
für die Anzeigen:
3. Parzrller in Fulda.
ZMaer
wschcnbellage: „Illustrierte Sonntagszeitung"
Monakbellagr: „Fuldaer Geschichtsblätter"
Anzeige«: Vie thb fpaltige Petitzeil« »det deren Raum 15 pfg. Bet! amen dieprtitzeil« 25 pfg.. bei Wieder» Holungen wird eutspL
Rabatt gewährt. J
Lotationrdrucknnd Verlag der Fuldaer Ad tiendruckerri in Fulda
Fernsprecher Nr. 9.
M 7.
Fulda, Freitag den 10. Januar 1908.
35. Jahrgang.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 9. Januar 1908.
DaS Haus beginnt die Beratung deS tsetetz» entwurss betr. „Aenderimg des Gesetzes über den llnterstützungswohnsitz.
Der Entwurf sieht eine Herabsetzung der Altersgrenze für den Erwerb und Verlust des Unterstützungs- Wohnsitzes vvm 18. auf das 16. Lebensjahr vor. Ferner schlägt er eine Abkürzung der Frist, deren Ablauf den Verlust des bisherigen Unt'rstützungswohnsitzes bedingt, von zwei Jahren auf ein Ja„r vor. In sachlicher Be- Ziehung wird die durch § 29 dem Ortsverbande des Dienst- oder Arbeitsorles auserlegte Verpflichtung aus alle Fälle der Hilfsbedüritigkeit mit der Maßgabe ausgedehnt, daß diese Verpflichtung auch dann begründet ist, wenn die Hrlfsbedüriugkeil innerhalb einer Frist von einer Woche nach Beendtrung des Dienst- oder ArbeitsverKältnisses einlrilt. In Zukunft ist also die Fürsorgepflicht nicht mehr auf Erkrankungssällr beschränkt.
Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg: Die Vorlage hat in derselbn Fassung den Reichstag schon vor zwei Jahren beschäftigt. Tie verbündeten Regierungen stehen heute noch auf dem Standpunkt, daß die stetige Abwanderung großer Bevölkerungsteile vom Lande und aus den Kleinstädten nach den Großstädten vielfach eine über- große Belastung der Heimatsgemcinden zur Folge hat. und daß cs daher notwendig ist, die letzteren bezüglich ihrer Armenlastverpflichtungen zu entlasten. Die Kommission hat vor zwei Jahren in drei Punkten den Entwurf abgeändert. Leider war es aus praktischen und zum Teil auch aus formalen Gründen nicht möglich, diesen Wünschen Rechnung zu tragen. Der Staatssekretär bittet die Vorlage einer wohlwollenden Prüfung zu unterziehen.
Abg. Frhr. von Gamp (Rp.) ist mit der Vorlage im großen und ganzen einverstanden.
Abg. Herold (Ztr.): Wie soll die Armenunter- stützung — so müssen wir uns fragen — geregelt werden, wenn die Abwanderung so anhält, wie in den letzten Jahrzehnten? Nur ein Beispiel! Die Bevölkerung von Berlin hat achtmal mehr zugenommen, wie die der ganzen Provinz Westfalen. Die Ilngcrechtiokeiten, die durch di« geaeuwärtige gesetzliche Regelung für die frühere Wohnfitzgemeinde bestehen, will die Vorlage dadurch beseitigen, daß sie für die im Alter von 16 Jahren oder früher abgewanderten Arbeiter schon mit dem vollendeten 17. Jahre und nicht erst wie jetzt mit dem 20. Jahr? die Fürsorgepflicht der Heimotsgemeinde enden läßt. Ob man hierbei wird stehen bleiben können, wird die Zukunft zeigen. Viel schwieriger liegen die Verhältnisse zwischen der Arbeitsgemcinde und der Wohnsitz- gcmeinde. Nach dieser Richtung bedarf die Regierungsvorlage allerdings der allereingehendsten Erwägungen in der Kommission. Handelt es sich um Arbeiter, welche sich an einem nur vorüber- gehendeu Arbeitsort au^bolten, so wird die Unterstützungspflicht des Arbeitsortes aus 26 Wochen ausgedehnt. Hierdurch wird eine grundsätzlich« Verschiebung der Grundsätze für den Unterstützungswohnsitz herbeigeführt. Anders liegen die Verhältnisse, wenn es sich um Arbeiter handelt, welche in Vororten wohnen und dauernd in Nebengemeind.-n ihre Arbeit suchen, sodaß die Vorteile der Arbeiter in erster Linie der Arbeits» gemeinde zuteil werden, die Lasten aber der Wohnortsgemeinde zufallen sollen. Das ist eine ungerechtfertigte Belastung der Vorortsgemein- deu: duse müssen in hinreichendem Maße entlastet tverden. Wir werden in der Kommission prüfen müssen, ob sich überhaupt eine Scheidung von Arbeitsgeminde und Wohnortsgemeinde wird durchführen lassen, ob wir nicht vielmehr Zweckverbände für d-e Armenunterstützung und für die Begründung des Untcrstützungswohnsitzcs
werden schaffen müssen, sodaß hierdurch der Un- terschied zwischen Arbeitsgemeinde und Wokmge- meinde aufgehoben wird. Wir werden aus das ernsteste prüfen müflen, ob man nicht wird diesen W„g beschreiten müssen. (Beifall im Zentrum.)
Abg. von Brockhausen (k.) ist mit der Vorlage einverstanden, wünscht aber, daß das, Gesetz auch aus Elsaß-Lothringen ausgedehnt wird.
Bundesratsbevollmächtigter für Elsaß-Lothrin- gen Hallest erklärt, daß der Entwurf eines Gesetzes zur Genehmigung der Einführung des Gesetzes dem Landesausschuß schon zngcgangen sei.
Abg. Horn (ntl.) weist die Behauptung zu- rück, als handele es sich bei der Vorlage um einen Entwurf zugunsten der Landwirtschaft.
Abg. Kaden (Soz.) bemängelt es, daß die Organisationen und Vereine für Armenpflege nicht um ein Gutachten angegangen feien; wäre das geschehen, dann würde der Entwurf ganz anders ausgefallen fein. Tie Vorlage sei nur 51 itfarbeit, sie sei in erster Linie ein agrarisches Gesetz; bessern werde sie nichts. (Beifall b. d. Soz.)
Abg. Dr. Ablaß (fr. Vp.): Die Rede des Vor- redners zeigt nur die Unzulänglichkeit aller menschlichen Einrichtungen. Tatsache ist, daß fortgesetzt eine starke Abwanderung vom Lande nach den großen Städten stattfindet, und diese Abwanderung ist am stärksten aus den Gegenden des sogenannten ostelbischen Grundbesitzes; vielleicht bietet sich ein andermal Gelegenheit den Ursachen dieser Erscheinung nachzugehen. Der Vorlage selbst kann ich den Vorwurf der Halbheit nicht ersparen. Sie ist in keiner Weise geeignet, dem Krebsschaden zu Leibe zugehen, der sich in Verbindung mit dem Freizügigkeitsgesetz aus dem Unterstützungswohnsitzgesetz ergeben hat, nämlich dem System der Abschiebung von Unterstützungsbedürftigen. Diesem Krebsschaden kann nur ab- geholfen werden durch die zwangsweise Bildung von Gesamtarmenverbänden. Solange das nicht geschieht, bleibt das vorliegende Gesetz nur Flickwerk.
Abg. Herzog (W. Vgg.): Wir stehen dem Vorschlag, größere Zweckverbände für den Unterstützungswohnsitz zu bilden, sympathisch gegenüber, denn daiirch würden die Mißstände des Abschiebe- wesens sehr beschränkt werden.
Abg. VrejSki (Pole): Wir glauben, daß die Vorlage noch verbesserungsbedürftig ist. Es ist zu erwägen, ob nicht die Altersgrenze statt auf 16 auf 14 Jahre herabgesetzt werden kann. Bedenklich ist die Vorschrift, daß Deutsche, die als unrerstützunflspflichtig aus dem Ausland übernommen werden, zwar dem Staat zur Last fallen sollen, daß aber der Einzelstaat wieder die Gemeinde zur Tragung der Lasten heranziehen kann. Man kann doch der Gemeinde eine solche Last nickt anfbi'rden. (Beifall bei den Polen.)
Abg. Mommsen (srs. Vgg.) erklärt, seine Freunde ständen der Vorlage grundsätzlich ablehnend gegenüber.
Abg. Storz (Ssidd. Dp.) betont unter Bezugnahme auf die Verhältnisse in Baden und Würt- temb -ra die Schwierigkeiten, die sich bei der Abwanderung über die Grenze ergeben.
Die Vorlage wird einer Kommission von 21 Mitgliedern überwiesen.
Freitag 1 Uhr: Tierhalterparagraph, Vogel- schutzgefetz.
Schluß 6 Uhr.
K Die preußische wahlrefsrm
wird also heute im Abgeordnetenhause zur Sprach? kommen. Neugierig braucht man auf das Ergebnis nicht zu fein.
Als Fürst Bülow sein Schicksal mit der Block- niebrheit solidarisch machte, da hatten die Jung» und Linksliberalen die Möglichkeit, eine Wahl
reform in Preußen zu erzwingen. Sie waren der gegenwärtigen Regierung unentbehrlich geworden, sie konnten ihre Bedingungen stellen und Fürst Bülow hätte bei einem ernsten „Entweder — Oder" der einfachen Selbsterhaltung wegen für eine sofortige Wahlresorm seine Macht ein setzen müssen. Aber tm Hochsommer fchon ließen sich die Liberalen das Heft aus der Hand winden. Sie erklärten, daß sie unbedingt am Block festhalten wollten, und sogar ihr Heißsporn Naumann, der zuerst eine gewaltige Volksbewegung an die Wand gemalt hatte, lernte mit wunderbarer Schnelligkeit das Blasen der Rück- zugstrompete. Tie Zentrumsscheu war stärker, als das Verlangen nach der Wohlreform. Seitdem Fürst Bülow in Norderney diese Gewißheit erlangt hatte, fiel für ihn die Veranlassung fort, wegen dieser Frage einen ernsten Kamps gegen die konservativen Wünsche und In- teressen zu unternehmen. In seiner Blockrede vom Ende November verkündete der Blockkrnzler den wichtigen „taktischen" Satz: Zurückstel- len, worüber die Blockparteien nicht einig sind. In der Frage der Wahlresorm sorgen die Kon- servotiven durch ihren Widerspruch schon für den Nachweis der mangelnden Einigkeit; also ist die Verschiebung nach allen Regeln der Blockpolitik von selbst gegeben.
In diese Taktik gehört auch die Verschiebung der Beantwortung und Besprechung der sreisin- nigen Jnlervellation. Tie Herren Interpellanten haben diese Verschiebung, die eine gesetzgeberische Maßnahme von den Neuwahlen unmöglich macht, mit einer Gemütsruhe hingenommen, die nur durch das Bewußtsein der Spiegelfechterei zu erklären ist. Um die Wähler zu täuschen, wird in der Presse und in Versammlungen zeitweilig „demokratischer" Lärm geschlagen, und wahrscheinlich werden wir auch in der heutigen Sitzung des Ab- geordnetenhauses tönendes Erz und klingende Schelle hören. Es steckt aber kein ernstes Wol - l e n dahinter und feit dem Kotau vor dem Götzenbilde des Antizentrumblocks auch kein Können mehr. Mit der ersten großen „Konzession" an die Liberalen wird es also wohl nicht viel werden. Die „Germania" spottet:
Die freisinnige Wurst wird nicht so lang werden; eS wäre ihnen trotz der Freude etwas bange geworden. Daher haben sie seit ihrem Parteitage dutzendmal erklärt, daß es ihnen mit dem Anträge auf Einführung des Reichstags-Wahlrechts in Preußen gar nicht ernst fei; sie seien auch mit Abschlags,adlungen zufrieden. Mit »»bereit Worten: man treibt etwas Komödie; der Freisinn schlägt viel auf, um desto mehr nachgeben zu können, und freut sich dann seines Kuhhandelgetchäftes, da? er als eine „liberale Konzession" bezeichnet. Wie aber, wenn er nun jetzt gar keine Wurst erhält und der Ministerpräsident ihm nur einen aufgedlasenen Darm vor die Augen hält mit dem Hin,«fügen, daß die nächsten Wahlen zu entscheiden hätten, was in den Darm hineinkommen soll? Dann wird eben die Wind Politik fortgesetzt und je voller Fürst Bülow die Backen aufbläst, um jo detrlicher und größer wird man die „liberale Konzession" feiern. Sollte fteilidi jemand so vermessen sein zu fragen: was habt ihr denn bekommen? so weist man einem solchen schlechten „Taktiken die Türe und zwcr ganz entrüstet l Die erste liberale „Konzession" wird also — Wind sein, und hiergegen haben schließlich auch die Konservativen nichts einzuwenden, weil er ihr Wahsichisflein gut treiben wird.
Persönlich würde es ja wohl dem Blockkanzler ianz angenehm sein, wenn durch eine Wahlreform die Stellung der Konservativen in Preußen ge- schwächt und der liberale Einfluß im Landtage entsprechend gesteigert würde. Er wird auch gewiß das Seinige tun, um im bevorstehenden preußischen Wahlkampf die Regicrungsmacht weniger zugunsten der Konservativen und mehr zugunsten seiner liberalen Freunde wirken zu lassen. Vermutlich spekulieren sogar die Liberalen darauf, daß sie infolge der veränderten Haltung der Re
gierung eine Zahl von Mandaten gewinnen und alsdann mehr Anspruch auf eine liberale Schul- und K i r ch e np o l i t i k und auch auf ein Wahlrecht zum VorteilderStädte und zum Nachteil des platt en Landes gewinnen. Vorläufig aber wird mit der Verschte- bung gearbeitet.
Deutscher Reich.
Im Reichstage gibt eS Abgeordnete, dir nur hin und wieder das Wort ergreifen, die aber, wenn sie einmal zu Worte gekommen sind, kein Maß kennen. Zu dieser Kategorie gehört der Sozialdemokrat Kaden. Ein kleiner untersetzter Herr, der trotz seines stark ergrauten Haares über ein Organ verfügt, welches, namentlich im Pathos, weithin durch de» Saal dröhnt. Auf der Tagesordnung stand die Novelle betr. den Unter* stützungs-Wohnsitz; sie bezweckt, das platte Land zu entlasten, indem sie feine Fürsorgepflicht zeitlich um 3 Jahre kürzt. Während die ersten Redner von der Rechten und vom Zentrum sich einer knappen sachlichen Ausführung befleißigten, in der sie der Tendenz des Gesetzes zustimmten und für einzelne Punkte ihre Stellungnahme für die Kommission vorbehielten, fing der Abg. Kaden seine Rede mit so epischer Breite an, daß all» Hoffnung auf einen glatten Verlauf der Bei Hand* lunq schwand und schließlich ein großer Teil der Volksvertretung, sowie der Tribünenbesucher ge* langweilt die Flucht ergriff. Das genierte aber Herrn Kaden nicht, er redete weiter und weiter, und wenn in der Wandelhalle gefragt wurde: „Wer spricht?", so lautete die beständige Antwort: „Roch immer Kaden!" Auf der Jourua- listen-Tribüne wurde das Wort geprägt: „Herr Kaden werde so lange reden, bis er sich den Un« terstützungs - Wohnsitz im Reichstage erworben habe." Gegen 5 Uhr endete die Qual, und von nun an ging es in etwas schnellerem Tempo roeiier. Die Vorlage wurde an dir Kommission verwiesen.
L Ter Zentrumsabg. Becker ist am Donnerstag während der Sitzung des Reichstags von einem Unwohlsein befallen worden. Wie wir hören, handelt eS sich um eine neurasthenische Erscheinung. Der Abg. Dr. Mugdan leistete dem Erkrankten sofort ärztlichen Beistand.
.*. Die Büdgetkommission des Reichstages setzte am Donnerstag die Beratung des Manne" etalS fort. Die meisten Positionen wurden ohne erhebliche Debatte genehmigt. Zux Zuschußanleih« beantragten Erzberger und Mükler-Fulda (Zir.), diese um 20,7 Mill. Mk. zu vermindern, um die Flotte nicht auf Pump zu bauen. Mit Oer Verkürzung der Lebensdauer der Schiffe und den erhöhten Baukosten müffe mehr durch laufende Einnahmen gedeckt werden. Dr. Wiemer (Frs. V.) wünscht, daß erst später eine solche Erhöhung eintretm soll, für 1908 könne man nicht gemäß dem Zentrumsantrag vorgehen. Unter« staatssekretär Siro eie: der Antrag sei innerlich begründet, aber für dieses Jahr könne man ihn nicht annehmen. Der Antrag des Zentrum- wird durch den Block abge'.ehnt. Eine länger« Debatte besaßt sich mit der Frage, ob Schwimmdocks oder Trockendocks anzulegen seien. Müller- Fulda sZlr.) stellt den weiteren Antrag, den außerordenilichen Etat einzuschränken; heule nehm» man selbst Papiere aus die Anleihe. Wo bleiben da di» soliden Grundsätze der Vergangenheit?
Mess Merian.
Roman von Marie Baierlein.
13] (Nachdruck verboten.)
Draußen im Flur erscholl jetzt der sonore Klang einer Männerstimme und die Baronin roarf bei diesen wohlbekannten Tönen, die ihr eine Frendenröte ins Gesicht jagten, einen raschen, prüfenden Blick in den gegenüberstehenden großen Wandspiegel. Tie weißen, beringten Händchen ordneten blitzgcschwind die in die Stirne fallende goldene Lockenwirrnis, fuhren dann bernie- der an der lichtblauen, spitzenüberriejelten Haus- toilelte, den fließenden Kaschmir in malerische Fallen zu ordnen, um sich dann voll Grazie und Ungezwungenheit hintenüber zu legen, als Stütze des in die schwellenden, purpurnen Polsterkissen zurückgesirnkenen Ha'lptes. Ihre seidenen, licht- auswärtsgebogenen Wimpern senkten sich über die Augen und warfen Weiche Schatten auf die ovalen Wangen. Eine in ahnungslosen Schlummer versunkene Märchenfigur!
Fritz Weilers, der von dem Stubenmädchen htetyer gewiesen war, hatte zweimal angepocht, ohne eine einladende Aufforderung zu erhalten. In der Meinung, das Zimmer leer und sämtliche Schloßbewohner im austoßendesr Garten zu finden, öffnete er die Tür und stand vor der reizenden Schläferin. Ein?» kurzen Moment nur, bann sprang die Baronin, wie von den behutsamen Tritten erst jetzt geweckt, in lieblicher Per- Wirrung in die Höhe und zwei feegrün schillernde Wisnderaiigen richteten sich mit freudigem Auf- strahlen auf den jungen Kaufmann.
„Entschuldigen Sie tausendmal, gnädige Fran, ich habe, wie mir scheint, ruchlos ihr Schlummer« Hündchen unterbrochen; ober ich hatte keine Ahnung —"
»Warum so viele Worte, Herr Weilers? Ich la froh, daß jemand kommt, der mich au8
meiner Schläfrigkeit herausreißt. Weil ich momentan auf mich allein angewiesen bin, io hat mich die hier herrschende Stille überwältigt — doch was braucht es vieler Entschuldigungen zwischen alten, vertrauten Freunden!"
Fritz Weilers gestand sich unumwunden, daß dec zärtliche Angencmfsckslag und das weiche, liebe Lächeln, welches diese Worte begleitete, ihn vor Jahren in einen leidenschaftlichen Freudentaumel versetzt hätten. Heute aber blieben Herz und Sinne kalt unter dem Zauber der schönen Frau. Er schaute nur durch's Fenster und fragte:
„Aber wo sind denn Rest und der Junge, daß Sic eine folche langweilige Anwandlung bekamen?"
.Spähen Sie nur dort hinter die Flirder- bllsche. Meine Freundin läßt sich eben den erst erschlossenen Zweig jener lilafarbigen Blüten vom Verwalter reichen, und Ihr Söhnchen tummelt sich mit meinem kleinen Spitz im Garten herum. Nicht wahr, ein gut zusammen passendes Paar?" sprach die Witwe dann weiter, als sie das lebhafte Interesse bemerkte, mit welchem der Mann die nebeneinanderstehenden gleich hochgewachsenen Gestalten Nesis und des Verwalters betrachtete.
„Wollen Cie nicht einstweilen bei mir Platz nehmen, Herr Weilers? Sie werden müde sein von dem weiten Weg, und Nesi wird ohnehin bald kommen, wenn sie dos unter der Assistenz des Herrn Hagen gesammelte Tischbukett vollendet hat."
Fritz Weilers ließ sich in den niederen Gartenstuhl gleiten, der zur Seite der Chaiselongue stand und fing mit der Schloßherrin zu plaudern an. obwohl er viel lieber auf die Blunrenterrafse geeilt wäre, um etwas von der vertraulichen Unterhaltung der zwei Spaziergänger zu erlaufenen. Nach einem längeren, in aller Konvenienz geführten gesellschaftlichen Frage- und Antwortspiel bemerkt? Frau Lilly in wehmütigem, vorwurfsvollem Ton:
„Wer hätte wohl je gedacht, lieber Freund, daß wir uns einmal gegenübersitzen würden, um über banale Höflichkeitsphraseu nicht hinauszn- fontmen? Und daß mir derjenige, der mir einst so nalsc stand, nichts anderes mehr zu jagen wußte?"
„O, was da? anbetrifft, so irren Sie sich, gnädige Frau. Wenn ich überzeugt sein darf, daß Sie es nicht als Zudringlichkeit auffassen, dann inoate ick meiner uneingedämmten Bewunderung Ausdruck geben und Ihnen gern eingestehen, daß Ihre Schönheit und Anmut seit den Jahren meiner Abwesenheit noch zugenommen hat. Ich habt s Iten einen solch bezaubernden Liebreiz gesehen wi: ihn die Mauern dieses Herrensitzes beherbergen."
Tie Freifrau lächelte geschmeichelt, obgleich der Ton, in welchem dieses gesprochen wurde, jeder inneren Wärme entbehrte.
„Heuchler, der Sie sind! Als ob ich nicht wüßte, daß Ihre verstorbene Gattin ein Ausbund von Grazie gewesen fein soll. Bitte, beschreiben Sie mir das Aussehen derselben; ich bin zu neugierig, wer den trotzigen, stolzen „Fritz" ein- gefangen hat."
Ter Prokurist antwortete frocketn „Sie hatte sehr riet Ähnlichkeit mit Ihnen, gnädige Frau."
„Ah!"
„Freilich lag diese weniger im Teint und in der Haarfarbe. Toinett war schwarz und ein ech^r Pariser Typ; aber in bezug auf Figur und Charakter hat sie mit Ihnen iibereingc- stimmt. Sie war nämlich gerade so zierlich wie Sie und ebenso entzückend, flatterhaft und leicht- yerzig."
„Fritz! Das war ein blutiger Seifenhieb auf mich, der mir zeigt, daß Sie meiner noch immer im Groll gedenken. Sie haben ja keine Ahnung, mit welch' gequältem Herzen ich damals den Wunsch meiner Mutter erfüllte und von meiner ersten, ei turnen Liebe Abschied nahm. Mas willen
Sie viel davon, tote man mit beschränkten Verhältnissen und fortwährenden Sorgen rechnen muß. Hätten Sie damals meinen unter Tränen geschriebenen Brief nicht ungelesen zurückgeschickt, fo würde Ihnen Kenntnis von meiner seelischen Zerrissenheit geworden sein!"
In den Nixenaugen schimmerten Tranenperlen, die bald langsam über die zarten Wangen Iwrabrollten und die mit beiden breiten @bereifen beringte Hand der Tome legte sich tote beschwörend auf den Arm des Herrn. Eine rotgol- beue, duftende Locke hatte sich bet der jähen Bewegung von der Haarmalle gelöst und schmiegt» sich liebkosend an die Stirn des Herrn.
„aber Gnädigste, welche unnötigen Erinn» rungen 1 Sie sind tn einem bedauerlichen Irrtum. t>enn Sie mir Gefühle wie Zorn und Grell zulraueu. Ich habe ja gar keinen Grund, mich bet irgend jemand über mein Schicksal zu bekla- gen. Mas die Vergangenheit mir brachte, das ist alles längst ins Meer der Dergeffenheit gesunken und einzig die Gegenwart hält mich in .hrem Bann. Mas sollte mich bedrücken — ich bin ja ein freier Mann!" <
„Und ich wieder eine freie Frau!"
Es war ein fast unhörbares Flüstern gewesen, was der kleine Frauenmund in das Ohr des Mannes gesprochen hatte und die Witwe mußt» auch ounehmen, daß die aufmunternoe Bemerkung von demselben gar nicht verstanden worden Ivar, denn der Kaufmann sprach plötzlich:
„Da kommt ja mein kleiner Bursche ange* sprungen", womit er den Herbetstürzenden Raoul in feinen Armen auffing. Frau von Simmern knirschte ärgerlich mit den blau-toetßen Perjzähn- chcn, daß die von ihr schon so lang herbeigesehnte Gelegenheit zu einer Aussprache mit ihrer alten Liebe unterbrochen teusbü.
(Fortsetzung folgt).