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M 6.
Fulda, Donnerstag den 9. Januar 1908.
35. Jahrgang.
Zweites WLatt.
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* Uarl Peters.
. ES find jetzt 17 Jahre her, daß der Afrika- teifenbe Karl Peters fein Buch „Die deutsche Emir Pascha-Expedition" veröffentlichte. Der Zweck dieser Expedition ist bekanntlich nicht erreicht worden. Peters hat Emin Pascha nicht befreit, aber man mußte es ihm lassen, daß er bei dem äußerst gefährlichen Marsch durch das Gebiet der wilden Massai eine gewaltige Energie entwickelt und unsere Kenntnis OstafrikaS bedeutend erweitert hatte. Aber sofort wurde auch das Rücksichtslose Draufgängertum und die gewissenlose Schießerei dieses Reisenden und späteren „Reichskommissars" für Deutsch-Ostafrika aufs schärfste gerügt.
Viel geschadet hat ihm das damals anscheinend nicht, aber es kam eine Zeit, wo sein Maß überlief. ES kam allerhand heraus, wobei doch auch für den Liebhaber „forschen" Auftretens dir Gemütlichkeit aufhörte: Er hatte eine schtoarze Geliebte Jogodja und einen Diener Mabruck aus Eifersucht und Rachsucht hä n g e n lassen, einem Häuptling, der den Vater eines entflohenen Mädchens nicht als „Geisel" ausliefcrn wollte, den Krieg erklärt, war mit Sengen und Brennen gegen ihn vorgegangen und hatte über seine Erpedition seiner vorgesetzten Behörde falsche Berichte geliefert.
Er wurde durch Disziplinarurteil feines Amtes entsetzt, schütbelte den Staub des „undankbaren" Vaterlandes von seinen Füßen und ving »ach England, um für Leute, die mehr Verständnis für seine „Kolonisator"tugenden hatten, in Afrika neue Eroberungen und Entdeckungen zu machen. Die Petersfreunde sind seitdem nicht müde geworden, immer wieder zu versichern, der wackere Peters sei das Opfer einer schnöden Jntrigue geworden. Glück haben sie «damit nur insofern gehabt, als der Kaiser ihm 1905 den Titel „Reichskommissar" wieder verlieh, er konnte ihn aber nicht in dem Sinne „rehabilitieren", d. h. seinen guten Ruf wiederherstellen, daß die Verurteilung als nicht geschehen anzusehen wäre und er wieder im Reichsdienst an- gestellt würde. Dazu müßte zuerst eine Unschuld nachgewiesen werden. Die Verurteilung ist aber auf Grund von Zeugenaussagen erfolgt Und diese Aussagen find nicht erschüttert.
Es wird auch gar nicht versucht, zu behaupten, daß Peters die Handlungen, wegen deren er verurteilt wurde, nicht begangen habe, die „Rehabilitierungsversuche" greifen vielmehr immer wieder auf den berühmten Tuckerbrief zurück, der gar nicht vorhanden sei. In diesem Briese sollte Dr. Peters dem Bischöfe Tucker mitgeteilt haben, er ser nach arabischem Ritus mit der Negerin Jogodia verheiratet gewesen und habe diese roe- igen Ehebruchs, entsprechend den dortigen Sitten Anrichten lassen. Es ist richtig, daß dieser Brief Nicht eristiert. Darum hat aber, wie bekannt, dre „Köln. Zig." behauptet, Dr. Peters babe ähnlichen Inhalts an den Bi- schof Wood-Wood in Magila gerichtet, oder vicl- mebr, wie später richtig gestellt wurde, an den Bischof von Magila Smithies.
Das ist der Hintergrund des Prozesses, der jetzt in Köln vor den Schöffen verhandelt wird. Der Angeklagte, der Berliner Redakteur der „Köln. Ztg." Rud. v. Bennigsen, hat Dr. Pe- , .e schöpfte Gelegenheit gegeben, seine „Re- habilrtierung" gründlich durchzuführen. Aber Dr. Peters — mag nicht. Er erklärte am ersten Verhandlungstage, er fühle sich nicht beleidigt
durch die Kritik seiner amtlichen Tätigkeit in dem gesamten Artikel der „Kölnischen Zeitung", sondern lediglich durch die eine Behauptung über den Tuckerbrief. Ter Vertreter des Angeklagten bemrkte, die Bemerkung über den Tuckerbrief sei nicht der wichtigste Sah des Artikels, viel schwerer wiegend sei der Satz: „Wenn alles aus den Akten über Dr. Peters bekannt würde, würde ihn niemand mehr verteidigen." Er erbot dann denBeweis dafür: 1) Peters habe Mabruck ohne Recht aus Eifersucht zu Tode prügeln, 2) die Jagodja aus demselben Grunde hinrichten lasten, 3) Peters sei sich seines Unrechts bewußt gewesen, und habe einen falschen Bericht eingesandt, 4) Peters habe sich dieser Vorgänge gerühmt. Er wolle ferner den Beweis erbringen, daß die Voraussetzung für das milde Disziplinar- urteil, das nur auf Amtsentsehung laute, nicht vorhanden sei, daß also die Zustände auf der Station damals keinerlei Veranlastung zu Hinrich- tungen gegeben hätten. Weiter soll der Nackpveis erbracht werden, daß die Untersuchung nicht so geführt worden sei, wie sie hätte geführt werden müssen, weil Kolonialdirektor Kayser einem außerordentlichen Druck der Freunde des Dr. Peters erlegen sei.
Welchen Ausgang der Prozeß nehmen wird, ist vorläufig noch gänzlich ungewiß. Jedenfalls ergibt sich aber aus dem, was der beklagte Redakteur von Bennigsen in seiner Anklagerede sagte, daß der Prozeß sehr interessant werden kann und daß er einen Beitrag zur Geschichte der Kolonialskandale bringen kann, wie ihn diese nur in wenigen Beispielen aufzuweisen hat.
E i n scharf hervortretendes Moment aus der bisherigen Verhandlung möchten wir hier besonders hervorheben. Der Angeklagte v. Bennigsen ist der Sohn des früheren nationalliberalen Führers v. Bennigsen, der im Gegensatz zu Windt- horst sich in die Einverleibung seiner hannoverschen Heimat in Preußen leicht hineinfaiid und die preußischen Interessen von da an durch dick und dünn vertrat. Sein Sohn war zunächst preußischer Landrat. Dann trat er aus Interesse für die Kolonien in den Kolonialdienst. Er wird also durch und durch begeistert fein für die Kolonien, und wenn e r irgendwelche Angriffe gegen die. Kolonialverwaltung richtet, dann kann man wohl glauben, daß sie aus tiefster Ueberzeugung kommen. Es will darum schon etwas heiße», daß ein solcher Manu, wie das amTienstag geschehen ist, in öffentlicher Gerichtsverhandlung dec Regierung bezw. der Kolonialabteilung vorwirft, sie habe die Untersuchungen gegen Dr. Peters nicht ernstlich geführt, sie habe auf die starken Angriffe im Reichstage gegen Peters und das stürmische Verlangen der öffentlichen Meinng nach einer Sühnung seiner Verbrechen nicht reagiert, sie habe vielmehr nicht bloß einmal, sondern sogar zweimal die öffentliche Meinung mit einer S ch e i n u n t er s u ch un g zu beruhigen versucht und sie sei auch das dritte Mal dabei gewesen, die Sache möglichst durch eine Scheinuutersuchung aus der Welt zu schäften, bis ihr durch fein, Bennigsen's Eingreifen, die Möglichkeit dazu genommen worden feil
Für den Nachweis von Einzelheiten aus dem inneren Betriebe der Verwaltung ist in dec Regel dem Außenstehenden keinerlei Möglichkeit gegeben. Hier aber kommt ein Mann, der selbst in diesem Getriebe gestanden hat, der es genau kennen gelernt hat, und spricht es als etwas Selbstverständliches aus, daß hohe, sehr hohe Beamte andere hohe Beamte, deren Verurteilung das Rechtsgefühl des Volkes verlangt, durch eine Scheinoperation zu retten suchen! Das muß in den weitesten Kreisen des Volkes zu denken geben.
t Jit Smäljnmg unfrrtr Schulkind» auf dm Lande.
Wie es eine Zeit gegeben hat, in der man um die Ernährung der in der Großstadt Heranwachsenden Volksschuljugend Besorgnisse hegte, so scheint jetzt eine Zeit zu kommen, in der man den Emährungsverhältnissen der ländlichen Schuljugend besondere Aufmerksamkeit zuwenden muß.
Mit der Steigerung des Absatzes ländlicher Produkte in die Stadt, insbesondere mit der so stark gewachsenen Milchabgabe hat sich nämlich auf dem Lande eine gesteigerte Säuglingssterblichkeit gezeigt. Der Mrlchmangel auf dem Lande äußert sich aber nicht nur auf die Lebensmöglichkeiten des Säuglings. Im ersten Kindesalter, besonders noch im zweiten und dritte» Lebensjahre soll den Kinder» hauptsächlich Milch als wichtigstes Nahrungsmittel dienen, und sogar bis ins schulpflichtige Alter hinein die Milch nur in möglichst geringem Umfange von ander» Nahrungsstoffen verdrängt werden; je mehr Milch in der Nahrung des Kindes, desto besser gedeiht esl Der Milchmangel wirkt daher im vorschulpflichtigen Alter und sogar noch während der Schulzeit und darüber hinaus schädigend ein.
Die Schulzeiteinteilimg duf dem Lande zeitigt einen weiteren gesundheitlichen Uebelstand. Schon im Jahre 1889 betonte Regiernngsschulrat Dr. Falkenheiner in einer Versammlung des Deutschen Vereins für Armenpflege in Kassel, daß auf dem Lande vielfach arme Kindex, die einen weiten Schulweg haben, mittags des Essens entbehren müssen. Pfarrer Weiß in Steinkirchen (Oberbayern) teilte vor wenigen Monaten mit, daß auf dem platten Lande ohne Zweifel Tausende von Schulkindern — in seiner Gern künde sind es 66 Proz. aller Schulkinder die von auswärts zur Schule kommen und während der einstündigen Mittagspause nicht nach Haust gehen können, auf ein warmes Mittagsmahl verzichten müsien. Dr. Faßbender (Die Ernährung des Menschen in ihrer Bedeutung für Wohlfahrt und Kultur. C. Heyman ns Verlag, 1905) meint, daß int wohlhabenden Münster- lande z. B. auf diese Art der Unterernährung von Schulkindern der unverhältnismäßig hohe Prozentsatz an Tuberkulose unter den Kindern zurückzuführen sei. Ein hartes Stück Brot bildet den kärglichen Ersatz für das Mittagessen, und erst nach Rückkehr von der Schule am Spätnachmittag erhalten die armen Kleinen bestenfalls aufgewarmte Speisereste vom Mittag.
Das Milchbrot jedoch allein ist es nicht, auf das die Schulkinder auf dem Lande vielfach verzichten müssen: sehr häufig erhalten sie auch, wie z. B. Medizinalrat Leubnscher (Schularzttätigkeit und Schulgesundheitspflege. Leipzig, Teubner 1907) von den Jndustriedörfern des Sonneberger Bezirkes in Thüringen mitteilt, fein warmes Frühstück. Dieser Umstand läßt es nicht verwunderlich erscheinen, wenn der Schularzt des Landkreises Worms, in dem wahrscheinlich ähnliche Verhältnisse bestehen, angibt, daß unter den Knaben 13. unter de» Mädchen sogar 20 Proz. mit schlechtem Ernährungszustände befunden wurden. Für die Gemeinde Steinkirchen an der Ilm in Oberbayern wurde in den letzten Jahren von Pfarrer Weiß eine vorbildliche Organisation geschaffen, ein Suppen-Schnlverein, der in enger Verbindung mit der Schulbehörde steht und an durchschnittlich 25 auswärtige Schulkinder der Gemeindeschulen während der drei SBintermonate kräftige Suppe», manchmal auch Fleisch und Gemüse verteilt. Die geringen Auslagen werden gedeckt durch Vereinsmittel und durch Beiträge der vermögenderen Eltern in der Höhe von 50
Pfennig monatlich und der ärmeren mit dem Beitrage von 10 L. Wie leicht könnten derartige Einrichtungen an allen Landschulen geschaffen werden l
Wir glauben, daß diese Angaben, die wir einer Eingabe der Zentralstelle für Volkswohlfahrt und des Deutschen Vereins für ländliche Wohlfahrts- und Heimatpflege an die deutschen Staatsregierungen entnehmen, genügen, um auf die beginnende Unterernährung auch der Schitlkinder auf dem Lande hinznweisen. Wenn nicht rechtzeitig Mittel und Wege gefunden werden, dagegen über- all zu arbeiten, können unheilvolle Folge:, für unser Volk nicht ausbleiben.
Deutsches Reich.
K. Tie Beschimpfung der katholischen Kirche kann der frühere protestantis. e Pfarrer Gottfr« Schworzin Karlsruhe nicht lasten. Das neuest« Heft (Dezember) seines „Banners der Freiheit" strotzt geradezu wieder von den rohesten Be- schimpfungen der katholischen Kirche. Da lesen wir z. B. S. 10:
.Das römische Papsttum hat sich als der grob« Mörder der Menschheit entfielen. Und Bischöf« und Klerus haben ihm dabei gedient. Sie find all« nach dem Urteil unserer Slaatsgesetze die gefährlichsten Feinde der Menschheit und nach dem Urteil Jrju „Otterngezücht" gewesen."
Ferner S. 11:
„Der Papst ist als solcher der Mörder aHe< Propheten (?), und wer in seinem Dienste steht, ist feto Helfershelfer. Sie sind allesamt Otterngezücht."
Am Schlüße faßt er dann seine eschimpfungeis noch einmal zusammen in dem Satze:
„Also das innerste Wesen der römischen Kirch« ist das verderblichste Gift. Sie ist der Drache, der die Menschheit verschlingen will. Sie tft eine Mördergrube, eine viel größere, al» einst der Tempel in Jerusalent. Wer im Dienste ihres Ideals steht, der muß die eb elfte» seiner Mitbrüder verfolgen und morden Allesamt, sage ich, der Papst und sein« Kardinäle und Ordensgeneräle, die Erzbischöfe und Bischöfe mit samt dem Klerus, sie find alle Ottern, gezüchte genau in dein Sinne, in dem Jesus di« Pharisäer so genannt hat." (S. 25 f.)
An anderer Stelle nennt er die Bischöfe „Hoch^ Verräter am deutschen Reich". Der das schreibt, ist kein ungebildeter Man», sondern ein gebildeter protestantischer Theologe! Ob nicht auch einsichtige Protestanten einen Ekel bekommen vor dieser rohe» Verhetzung?
* Der frühere Gouverneur von Togo, Horn, ist, wie erinnerlich, durch die kaiserliche Diszipli« narkarnmer nur zur Strafversetzung in ein anderes Amt und zu einer geringfügigen Geldstrafe verurteilt worden. Die Milde dieses Urteils gegenüber der Schwere des Vergehens hat allgemein überrascht — wie eS scheint, auch de» Cbef der Kolonialverwaltung selbst. SBerngftent will der „Berl. Lak.-Anz." wissen, daß durch dals Urteil eine Aenderung in der Stellung Horns nicht heibcigcführt werde» wird. Herr Horn, der zur Disposition gestellt ist, werde eine weitere Verwendung im Reichsdienst voraussichtlich nicht finden. }
* Maximilian Harden hat sich unlängst von dem berliner Berichterstatter des „Matin" über den Prozeß ausfragen laste». Wörtlich erklärte er auf die Frage, ob das Urteil den Skandal be* ende» werde: „Ich kann nur wiederholen: Tie Sache ist nicht zu Ende, man kann vielmehr sagen, daß sie jetzt erst anfängt." Auf die Frage, ob er bereue, erwiderte Herr Harden: „Ja, ich bereue meine Zurückhaltung." Die weitere Frage, ob er aus seiner Zurückhaltung heraustreten werde, beantwortete Herr Harden lächelnd mit der Gegenfrage: „Darf ich Ihnen eine Zigarette anbicten?" — Wenn er was weiß, warum ist er dann damit nichtherausgekommen?
Leuchtende Haftungen.
Von Dr. H. Baum.
(Nachdruck verboten.)
ES ist eine weitbekannte und häufig beobach- *ete Tatsache, daß faulendes Holz, ferner Fische. Fleisch usw. im Dunkeln in einem schwachjchim- mernden Lichte leuchte». Früher harre man zur Erklärung dieser Erscheinung angenommen, daß infolge der Zersetzung der genannten Stoffe und mit derselben zugleich eine Verbindung mit dem Sauerstoff der Luft auftrete, und so das Licht die Folge des Oxydatioiikprozesses sei. Allerdings hatte schon im Jahre 1843 Haller die Ansicht ausgesprochen und auch durch Untersuchungen be- prünbet. daß beim faulenden Holze ein Pilz das Leuchte» Hervorrufe. Es ist nun aber auch auf geistigem Gebiete eine Art „Trägheitsgesetz" vor- yandeu, und die Geschichte der Naturwissenschaft ist besonders reich an Fällen, in denen eine wohl- begründere Anschauung sich nicht bahnbrechen konnte: sei es, daß die sie vertretende Persönlich. 'eit nicht bedeutend genug war, um dec Theorie furch ihre Autorität den nötigen Nachdruck zu ge- icn, oder sei es, daß die Allgemeinheit der For- !wer noch nicht reif war für eine solche neue Er- »nntnis. sodaß eben nut der Einzelne dem Lauf wr geschichtlichen Entwicklung der Wissenschaft wrausgeeilt war, und rwhev nicht verstanden vurde. Gelegentlich lag auch der Grund in dem Imstande, daß derjenige, der tatsächlich die rich- Äge Erklärung gab, sie für sich selbst klar erfaßte, vöhrend die wirklich dafür vorgebrachten Beweise »icht genügten, ja selbst ost die Untersuchungs- Nethode einer ruhigen Prüfung nicht einmal ktand hielt.
Auch unsere Frage ist ein Beispiel für das pefagte. Haller trug die Resultate seiner For- ftmig auf der Versammlung der Naturforscher t k c°5’ f'ckier an einer geeigneten Stelle vor, t’eröffenfi(i}te seine Untersuchungen auch stullher m einer eigenen Schrift, dennoch fand
seine Lehre keine Beachtung und geriet sogar bis zur jüngsten Zeit ganz in Vergessenheit. So sehen wir, daß später Th. Hartvig das Leuchten auf die Holzsubstanz zurücksühtt, und der für die Erforschung der Pilze so bedeutende Botaniker Breseld in dieser Frage kein Urteil abzugeben wagte. Später erkannte R. Hartvig, daß das von Haller als Grund des Leuchtens angesehene und von ihm Rhizomcrpha noctiluca genannte Pilzgeflecht das Mycel des eßbaren Hutpilzes Hallimasch (Agaricus mellens) sei, was dann auch von Brefeld durch Reinkulturen des Pilzes bestätigt wurde.
Dies; und eine Reihe anderer Versuche sind in letzter Zeit von Molisch, dem wir über das Leuch- ten der Pflanzen die meisten Aufschlüsse verdanke», wiederholt worden, wobei, es auch zum erstenmal gelang, den Pilz in Reinkulturen zur Fruchttrager- (Hut-) Bildung zu bringen. In solchen Reinkulturen leuchte» die zu sogenannten Rhizomorphen verflochtenen iPlzfäden und kleinere Pilzrase» monatelang in weißlichem Lichte, indem die beständig sich neubildenden Fäden das Licht aussenden.
Es gelang bei diesen Versuchen und Untersuchungen Molisch auch noch einen zweiten leuchtenden Pilz zu entdecken, der ähnlich wie der Hallimasch im Holz und in der Rinde der Bäume wuchert. Da jedoch in der Kultur desselben keine Fruchtbildung zu erlangen war, so ließ sich der Pilz nicht näher bestimmen, weshalb er einstweilen den Namen Mycellium X. erhielt. Ebensowenig gelang eine Bestimmung des Pilzes (oder der Pilze), von denen das Leuchten der verwesenden Blätter hcrrührt, das übrigens eine so allge- müne Erscheinung ist, daß Molisch versichert, der größte Teil des abgefallenen Laubes in einem Eichen- oder Buchenwalds sei leuchtend und „der Waldboden werde allenthalben vom Lichte verwesenden Laubes bestrahlt."
Eine viel weitere Verbreitung als die genannten Fadenpilze haben jedoch die leuchtenden Spaltpilze oder Bakterien, bei denen
auch die Zahl der leuchtenden Arten größer ist, nämlich 26 Arte», während man von den Faden- Pilzen nur 14 Arten kennt, die Lichtäußerungen zeigen. Wie bereits oben erwähnt, ist das Leuchten von Fleisch und Fischen längst beobachtet worden, bar man doch eine derartige Nachricht aus dem Jahre 1592 ausgefunden. Viel mehr aber als eben die einfache Tatsache des Leuchtens war auch bis in die letzten Jahre hinein nicht festgestellt, wozu der Mangel an geeignetem Be- obachftingSmaterial wesentlich beigetragen haben mag. Molisch selbst gelang es zuerst auch nicht, sich in den Besitz leuchtenden Fleisches zu setzen, da feine Nachfrage bei Metzgern ohne Erfolg blieb, freilich, wie sich nachher zeigte, wohl nicht wegen Mangels an solchem Fleisch. Als er nämlich das für feinen Haushalt gekaufte Fleisch einer Prüfung unterzog, fand er, daß ca. 80 Proz. desselben nach mehrtägigem Liegen leuchtend war. Er konnte dabei feststellen, daß eine Behandlung des Fleisches mit Salz, etwa durch teilweises Eintauchen in eine 3prozentige Salzlösung die Erscheinung günstig beeinflusse. Reinkulturen zeigten, daß der Erreger dieses Lichtes der von Cohn als Micrococcus phosphoreus bezeichnete Spaltpilz fei, von Molisch Bacterium phosphoreum genannt. Weif-w wurde festgestellt, daß das Leuchten der Meerfische auf andere Spaltpilze zurückzuführen ist, da Reinkulturen der Leuchtbakterien, die von Fischen stammten, vier neue Arten ergaben, das Bacterium phosphoreum aber nie dabei gefunden winde. Der Ilmstand, daß immer nut bei Meeresfischen Leuchten beobachtet wurde, sowie die oben erwähnte Begünstigung der Erscheinung durch Salz zeigt, daß wir es in all diesen Fällen mit salzliebenden (halophilen) Bakterien zu tun haben.
Unter den neu entdeckten Arten zeichnet sich eine durch ganz besonders starke Lichtentwicklung auS, die deshalb von Molisch Pseudomonas luci- fera genannt worden ist. Um eine Vorstellung von der Helligkeit dieses Lichtes zu geben, sei er- chähnt, daß es nicht nur gelang, die S0 alterten in
ihrem eigenen Lichte zu photographieren, sondern daß man das Leuchten der Reinkulturen bei gedämpftem Tageslichte, z. B. in einer vom Fenster entfernten Ecke des Zimmers, wahrnehmen und in dunkler Nacht beim Lichte einer solchen Kultur etwa eine Taschenuhr ablesen kann. Molisch konstruierte auch eine „B a k t e r i e n l a m p e", in deren Scheine bei genügend langer Exposition sogar andere Gegenstände photographiert werden konnten. Diese „lebendige Lampe" wurde hergestellt, indem Peptongelatine, die mit 3 proz. Salzlösung behandelt war, in einem sogenannten Er- lenrneierkolben durch Erwärmen gelöst und durch allseitiges Drehen des Kolbens auf dessen Innenwand in einer dünnen Schichte ausgebreitet wurde, wo sie sich beim Erkalten festsetzte. In diese Schicht wurden die Bakterien eingeimpst, wo sie bei einer Temperatur von ca. 10 Grad schon nach einigen Tagen zu leuchte» beginnen und der ganze Kolben in bläulich-grünem Lichte so bell erstrahlt, daß man dabei groben Truck entziffern kann. Eine solche Lampe behält bei richtiger Behandlung mehrere Wochen ihre Leuchtkraft bei. Keimlinge, die dem Lichte ausgesetzt wurden, zeigten Heliotropismus; ein Ergrünen der Keimlinge trat jedoch nicht ein, sodaß das Licht zur Bildung von Chlorophyll wohl zu schwach ist. j
Auch das hin und wieder beobachtete Leuchten lebender Meerestiere dürste in manchen Fällen auf diese Bakterien zurückzuführen fein, wie Beobachtungen von Tulasne (1891) und von Giard in jüngerer Zeit zeigen. So sand Giard am Strande vop Wimereux einen Flohkrebs, der sehr stark leuchtete, aber offensichtlich krank war, da er nicht die gewohnten Sprünge machte, sondern sich langsam im Sande kriechend fortbe- toegte. Tie miskroskopische Untersuchung zeigte nun, daß der ganze Körper des Tieres sozusagen erfüllt war mit Bakterien, wodurch die Muskeln geschwächt und teilweise zerstört waren. Tiefe Bakterien ließen sich auf andere Flohkrebsarten und auf Fische übertragen, ohne daß sie