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Lotationrdrnckund Verlag der Fuldaer Al- tiendruckerei in Suita Sernsprecher Nr. 4.

35. Jahrgang.

Fulda, Donnerstag den 9. Januar 1908.

M 6.

Erstes WLcrll.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 8. Januar 1908.

; Stn erster Stelle standen auf derTagesord- nung die Mittelstandsantrage des Zentrums. (Anträge Graf Hompesch und Gen.). Die Anträge sind bereits in zwei Sitzun- gen besprochen worden. Sie behandeln die Er­haltung und Förderung des Handwerkerstandes und des kaufmännischen Mittelstandes.

Abg. Irl (Ztr.) sprach zu der Debatte namens des Zentrums das Schlußwort. Er begrüßte die Bereitwilligkeit des Hauses, dem Mittelstände zu helfen. Es sei ein gutes Zeichen, daß man dies­mal drei. Tage für eine Materie verwende, die sonst in wenigen Stunden abgetan wurde. Er gibt weiterhin seiner Entrüstung Ausdruck über die Agitation der Sozialdemokratie unter den Lehrlingen. Es sei geradezu erschütternd, wie sie sich bemühe, in die Herzen der Jugend Ber- lvirrungen zu tragen und aus ihnen Religion und Sitte mit Gewalt herauszureißen.

Bei der Abstimmung wurden die Anträge Graf Hompesch und Genossen in allen ihren Tei­len mit großen Mehrheiten angenommen. Die Freisinnigen stimmten gegen die Anstellung von Handelsinspektoren.

Die Privatbeamtenversicherung betraf der dann folgende Antrag Frhr. v. Nicht- Hofen (f.). Er ersucht die Verbündeten Regie­rungen. die Vorarbeiten zu einem Gesetzentwurf, Sehr, die Pensions- und Hinterbliebenenversiche- rung der Privatbeamten, so zu fördern, daß der­selbe zu Beginn der nächsten Reichstagssession zur Vorlage gelangen kann.

Abg. Frhr. von Nichthofen (f.) begründet den Antrag. Er weist auf die Vorgeschichte hin auf die dem Hause von dem Vorgänger des jetzigen Staatssekretärs des Innern unterbreitete Denk­schrift, ferner auf die innerhalb der beteiligten über die Lösung der Frage herrschenden Mei­nungsverschiedenheiten, so zwischen den Werk­meistern auf der einen, den Handlungsgehilfen auf der andern Seite. Redner beleuchtet sodann die bekannten Beschlüsse des Privatbeamtenkoii- guesseS in Frankfurt a. M., ist aber in seinen EinzelauSführungen hierüber schwer zu verstehen. Ein Teil der Frankfurter „Leitsätze" sei zu bil­ligen, ein weiterer Teil scheine jedoch zu weit »u geben. Wenn die Voraussetzungen für Invalidi­tät anders gestaltet werden sollten, als dies im allgemeinen Jnvalidenversicherungsgesehe ge­schehen sei so würde jedenfalls schon aus diesem Grunde eine Angliederung an die allgemeine Jnval'denversicherung unmöglich und eine Son­der-Kasse unumgänglich fein I

Während dieser Ausführungen ereignet sich ein peinlicher Vorfall. Im Eifer der Unterhal­tung mar ein fremder Herr mit einem Abgeord­neten durch die Portiere in den Saal getreten Vizepräsident P a a s ch e weist ihn, den Redner unterbrechend, heraus mit den Worten: Verlassen Sie den Saal, Sie haben hier nichts zu suchen l

Abg. Siresrmann (ntl.) vertritt ebenfalls den Standpunkt der Mehrheit der Privatbeantren- Verbände, d. h. die Sonder-Kaste. Mit vollem 9?edi' bade schon der Vorredner betont, daß allein schon die Förderung der Hinterbliebenen-Vernchr- rung zur Sonderkasse führen müsie und ebenso und erst recht die von den Privatbeamten ver­langte Berufs-Invalidität und die Herabsetzung der Altersgrenze!

Abg. Linz lRp.): In der Privatbeamtenfraze

befindet sich da» Parlament in vollster Ueberein- stimmung mit der Volksmeinung, was sonst nicht oft der Fall ist. Ich hoffe, daß die Forderunzen der Privatdcamten bald Erfüllung finden.

Abg. eittart (Ztr.): Die beiden Herren Vor- redner sind ausführlich auf den Widerspruch der Interessen der verschiedenen Gruppen der Privat­beamten eingegangen. Ich werde Ihnen darin nicht folgen, und zwar aus dem Grunde, weil ich den Streit, der draußen im Lande tobt, nicht in dieses Haus hineintragen möchte. (Beifall.), Ich möchte auch die Erwartung aussprechen, daß die Herren Kollegen, die direkt in dieser Vewegung stehen — es ist ja schon der Name Potthof, ge­nannt worden — es nach Möglichkeit vermeiden werden, diese Interessengegensätze hier zum Ans- trag zu bringen, damit das herrliche und ein­mütige Bild, das der Reichstag bisher in seiner Stellungnahme zu dieser Frage geboten hat, nicht getrübt wird. (Beifall.) Die Bezugnahme des Herrn Vorredners auf die Forderung der Hand- Werker gibt mir Veranlasiung, die Tatsache feft- zustellen, daß, als es sich seinerzeit darum hau- delte. auf dem Gebiete der Versicherung der Hand- Werker einen Schritt vorwärts zu kommen, diele Aktion in der Hauptsache daran scheiterte, daß die Handwerker selbst in der Frage nickt einig wa­ren. Mögen die Privatbeamten draußen im Lande nicht eine Wiederholung dieses unerfreu­lichen Bildes dadurchherbeiführen, daß sie sich weigern, in Einzelfragen ihre Meinung derjeni­gen der großen Mehrheit unterzuordnen. W i e es eine Zeit gibt, sich zu regen, so konimt auch die Zeit, wo es gilt, sich zu fügen. (Beifall.) Ich kann wohl auch die erfreuliche Tatsache konstatieren, daß die Führer der verschiedenen Jnteressentengruppen sich be­reits bemüht haben, in der Beziehung mäßigend auf ihre Anhänger einzuwirken, und so eröffnet sich vielleicht der tröstliche Ausblick, daß wir eines Tages den ganzen Privatbeamtenstand in dieser Frage geschlosien vor den Reichstag treten sehen (Beifall.) Mit großer Freude hat es mich er- füllt, daß die beiden Herren Vorredner mit so großer Energie die Auffassung zurückgewiesen ha­ben, als ob es sich bei der Forderung einer Son­derversicherung um den Ausfluß des Standes­dünkels handele. Davon kann keine R"de sein. Mir — und ich darf wohl für mich in Anspruch nehmen, daß es mir an inniger Fühlung mit den Kreisen der Privatbeamten nicht fehlt — ist in all den zahlreichen Versammlungen von Prinat- beamten, die ich mitgemacht habe, niemals auch nur ein Wort oder eine Andeutung zu Ohren gekommen, aus der man einen solchen Vorwurf herleiten könnte, und wenn in einzelnen Fallen änderte Anschauungen zutage getreten sind, so kann es sich dabei nur um Ausnahmen handeln. (Verfall und Zustimmung.) Zu den verschiede­nen hier laut gewordenen Meinungen willich mich nicht äußern. Ich begrüße aber mit großer Freude die Lösung, welche die Neichsregiernng für die Versicherung ins Auge gefaßt bat, nämlich die Kombination der allgemeinen Versicherung mit einer besonderen Kasse. Diese Lösung scheint mir besonders glücklich $it sein. Den Antrag Richtbofeu unterstützen wir gern und wir bossen, daß das erste Jahrzehnt des 20. Jobrbunderts nickt zu Ende geht, ohne daß die Versicherung zustande kommst Die Diskussion hat ein ruckes Material gcl'ksert, auf der die Regierung auf- bauen kann. Dem Verbände, den Herr Ztiese- mann angeführt hat, kann ich noch den Ver­band der katholischen kaufmänni­schen Vereinigungen hinzufügen, der aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern besteht und der sich einmütig für die Versicherung ausgesprochen hat. Andere Verbände sind ihm gefolgt. Wenn, der Beitrag von 5 Prozent als zu groß bezeichnet wird, so darf man nicht vergessen, daß die Stim­

men, die ihn als zu hoch bezeichnen, nur ganz verschwindend sind gegenüber der Kundgebung der großen Prinatbeamtenorganisation. 5 Pro­zent sind nickt zu v>el und jene Stimmen werden in demselben Maße schwinden, al» sich in den Beamtenklassen die Auffassung Bahn bricht, daß Leistung und Gegenleistung in das richtige Ver­hältnis gebracht werden mässe. Würde man {tie­fen Prozentsatz bekämpfen, so könnte das für die Beamten in der jetzigen Zeit der wirtschaftlichen Depression bedenkliche Folgen haben. Sollte sich aber fchließlick doch eine große Mehrheit gegen die 5 Prozent aussprechen, so würde man zu unter­suchen haben, ob nicht eine Gehaltsgrenze gefitn- deu werden muß, bis zu der ein Zwang nicht aus- gesprochen werden darf. Ferner ist eine Gehalts­grenze nach oben hin festzusetzen. Hierbei fragt es sich, ob man nicht, wenn man eine Gehaltsgrenze von '000 jl nimmt, denjenigen Beamten, welche Kinder haben, diese Grenze derart erhöht, daß zu den 5000 pro jedes Kind 300 weiter hin- zutreten könnten. Außerdem wäre es freudig zu begrüßen, wenn die Höhe des Einkommens, bei der die Versicherungspflicht der Arbeiter aufhört, hinaufgesetzt würde. Eine besonders wichtige Frage ist die der Ersatzinstitute. In Oesterreich haben wir solche, aber der österreichischen Regie­rung wird angst und bange hierbei. Man wird allerdings diese großen Institute, die viel für ihre Arbeiter getan haben, nicht beseitigen kön­nen, aber die Voraussetzung muß sein, daß der ganze Ertrag aus den Versickerungen auch wirk­lich den Versicherten zugute kommt. Außerdem darf nicht irgend ein Druck, sei es wirtschaftlich oder politisch auf die Versicherten ausgeübt wer­den. Auch müffen die Ersgtzinstitnte mindestens dasselbe leisten wie der Staat. Privatbeamte, deren Einkommen 5000 <4t übersteigt, müßten veranlaßt werden, für die ersten 5003 M ihre Beiträge zu leisten, da sie sehr leicht später ein­mal wieder auf eine geringere Gehaltsklasse zu­rücksinken können. Eine besondere Behandlung werden die weiblichen Angestellten erfahren müs­sen, weil die Leistungen der, Kassen für sie ge­ringer sind, als für die männlichen Privatbe­amten, denn bei ihnen fällt vollständig die Wit­wenversicherung fort. Man hat nun vorgeschla­gen, daß, wenn eine solche frühere Angestellte während der Zeit ihrer Ehe die Beiträge weiter geleistet hat, nach ihrem Tode eine Rente an den Mann gezahlt werden sollte, also gewissermaßen ein? Witwerpension. Ein besserer Vorschlag ist der, daß eine weibliche Angestellte, welche vor der Ehe vielleicht 15 Jahre lang ihre Beiträge, ge­zahlt hat, wenn sie Witwe wird, für sich oder ihre Kinder eine Pension auf Grund ihrer eigenen Beiträge erhält. Jedenfalls sollten sich die weib­lichen Angestellten zur Vertretung ihrer Inter­essen an die Abgeordneten des Hauses wenden, das ist der Weg, um zu einem guten Ziele zu ge­langen, während eine Opposition gegen die Sache selbst für die Angelegenheit vom Nachteil fein muß. Zum Schluß spreche ich nochmals meine Sympathie aus für die Kombination der beiden Versicherungsarten. Gleichwie bei der Arbeiter- Versicherung sich die Leistungen der Arbeitgeber umgefetzt haben in einen wirtschaftlichen Erfolg, mögen auch diele Wohltaten, welche die Arbeit­geber durch dieses Gesetz dem anfblühenden Stan­de der Privatbeamt-'n spenden sollen, einen guten Erfolg zeitigen für Handel und Wandel. (Beifall.)

Tie Abga. Mugdau (fr. 23g.) und Schmidt- Berlin (So-.) sprechen gegen die Sonderkasse.

Tas Haus vertagt sich dann auf Donnerstag mit der Tagesordnung: Unterstützungswohnsitz, Vogelschutz. Maß- und Gewichtsordnung, Tier­halterhaftung.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhand.

Sitzung vom 8. Januar 1908.

Das Wort erhält zur Einbringung deS Etats

Finanzminister Frhr. von Rhcmbabcn: Das Jahr 1906 war ein besonders günstiges Jahr. Ich hatte int vorigen Jahr den Abschluß desd Jah­res 1906 mit einem Ueberschuß von 30 bis 37 Millionen gegen den Voranschlag berechnet, aber gleichzeitig hinzugefügt, wie schwierig es sei, eine solche Berechnung im Voraus anzustellen, da viele unvorhergesehene Momente in Betracht kommen. Während ich die Mehreinnahmen bei der Eisen­bahnverwaltung mit 149 Millionen und die ?Iuö- gaben mit 113 Millionen berechnet hatte, smd die Einnahmen um 13 Millionen zurückgeblieben, die Ausgaben aber um 8 Millionen gestiegen. Bei der Eisenbahnverwaltung hat sich daher der Uber­schuß gegen den Voranschlag auf 15 Millionen statt auf 36 Millionen gestellt. Der Minister er­örtert dann den Etat der Bergverwaltung, der auch nicht erfreulich abschließe, und kommt bann zu dem Ergebnis, daß das Gesamtdefr z t1 des Etats bei der günstigeren Schätzung ber Ei­senbahn-Mehreinnahmen auf 45—55 Millionen, bei der ungünstigeren Schätzung auf 68 Millionen sich stellen wird. Statt des U e b e r s ch n s s e s von 30—37 Millionen werde sich nur ein fsicher von 14,5 Millionen ergeben. Der Finanzmimster wendet sich mmmehr dem neuen Etatsjabr 1908 und der wirtschaftlichen Lage zu: Es sprechen alle Anzeichen der letzten Monate dafür, daß tote jetzt einer weniger günstigen Zeit entgegengeben.' Die Abslauung der Konjuuktur, die in der zweiten Hälfte von 1907 eintrat, wird vor­aussichtlich ihre Wellen auch in das Jahr 1908 werfen. Aber ich sehe andererseits keinen Grund zum Kleinmut, bin vielmehr der Meinung, daß eine Nation, wie die unfrige, die auf eine foldje glänzende wirtschaftliche Entwickelung zurück­blicken kann, auch minder günstige Zeiten über- winden wird, daß wir also keinen Grund haben, die Türe hinter uns zuzuschlagen, wenn Wetter­wolken am Himmel unseres wirtschaftlichen Le­bens auftauchen. Ich halte unser Wirtschaft^, leben im Grunde für durchaus gesund, und es ist wohl ein Moment von nicht zu unterschätzender Bedeutung, daß unsere Industrie nicht entfernt in dem Maße w'e. in den früheren Hausse-Perl­oden die Produktion ins Ungemessene gesteigert hat und namentlich ihre Anlagen nicht in einer ganz übermäßigen Weise ansgebaut hat. Endlich ist die Landwirtschaft hinsichtlich ihrer Chancen gleichberechtigt mit anderen Erwerbsständen ge- worben, sie bat wieder Mut gefaßt ,sid ist inner­lich erstarkt und wird wesentlich dazu beitragen, die Schwierigkeiten zu beseitigen. Ich glaube also, daß wir auch diese Zeiten überwinden wer­den, wenn wir uns Selbstvertrauen und Arbeit» famkeit, die Wurzeln unserer Kraft, auch ferner bewahren, und wenn wir uns der Grenzen unte­rer wirtschaftlichen Entwickelung bewußt bleiben. Daran knüpft der Minister dann eine scharfe Rede gegen Luxus im Privatleben, in Staat und Gemeinde. Ein etwas lang­samerer Gang des Wirtschaftslebens wird ans die Erziehung der Nation insofern vielleicht guten Einfluß haben, als er uns Anlaß gibt,un§ wieder auf uns selbst zu besinnen, und uns die Frage vorzulegen, ob wir uns nicht vielfach an einen Zu­schnitt des Lebens gewöhnt haben, ber selbst zu den berbefferten und vervollkommneten Beding­ungen unseres Lebens in feinem Verhältnis steht. (Sehr wahr!) Wenn man unbefangen und mit offenem Blick die Entwickelung unserer Nation Übersicht, so kann ich mich dem Eindruck nicht verschließen, daß sich vielfach — ich nehme da fei-

Rest Merian.

Roman von Marie B a i e r I ei it.

12] (Nachdruck verboten.)

Es war ein wonniger Lenzabend. Die Schleier der Dämmerung sanken auf Wiesen und Fluren nieder. Von den frischgeackerten Feldern stieg ein kräftiger Erdgeruch auf und mischte sich mit dem feinen Aroma, das die harzigen, schwellenden Blü­ten ausätze ber sprossenden Bäume in die Lust sandten. Am wolkenlosen Firmament stanven be­reits die ersten Sternchen und hier und da zwit­scherte ein verspätetes Vöglein der im nahen Nest harrenden Genossin feine Ankunft zu. Ueberall ein ahnendes, sehueudeS Weben ber Natur!

Jetzt vernahm er das Aufschlagen von flüchti- gen Pferdehufen und das rollende Geräusch eines Wagens. Fritz Weilers scharfes Auge hatte -en herrschaftlichen Landauer mit zwei darin sitzen- den weiblichen Gestalten bald erspäht. Er zog in jugendlicher Aufwallung sein Helles Taschen­tuch und winkte damit dem Wagen entgegen, biß Uw aber ärgerlich auf die Lippen,als kein Gegen- gruß erfolgte.

Was doch ein in Langeweile zugebrachter Nachmittag bewirken konnte.

Er stand hier auf der menschenleeren Chaussee und harrte unter dumpfem Herzklopfen auf das Erscheinen seiner Resi — seines Schwesterchens, tn derselben ungeduldigen Stimmung, die ihn früher umsponnen hatte, wenn er zürn der hei- feenen Rendezvous mit Lylli Liefert eilte.

Die Equipage hielt nun dicht vor ihm und Resi verabschiedete sich von der ebenfalls zur Stadt zurückkehrenden Bürgermeisterin.

„Aha, der Herr Pflegebruder l Also adieu, imein liebes Fräulein, und noch viel Vergnügen!"

War es Wirklichkeit ober täuschte sich dier Kaufmann, wenn er au3 den mit Betonung ge­sprochenen letzten Worten eine gewiße Jmperti- ywnj herauSzubören meinte? Der Kutscher

schnalzte mit der Zunge und die feurigen Pferde jagten weiter. Der Herr zog den Arm des Fräu- leins durch den seinen und sagte:

„So, Resi, das gibt jetzt noch einen schönen, genußreichen Abendgang. Schau nur, wie fried­lich und doch von künftigem frohen Leben redend Gottes gesegnete Welt um uns da liegt!"

Aber er unterbrach sich selbst und schaute be­sorgt in das blasse Gesicht Rests. „Fehlt Dir etwas. Du hast ja keine Spur von Farbe auf den Wangen und scheinst ganz verstört zu sein!"

„Ach, es ist nichts, als daß ich heilige Kopf­schmerzen verfpüre. Weißt Du, die Damen mit ihren kunterbunten Redereien und Klatschgeschich- ten haben meine Nerven etwas angegriffen."

„Armes Mädel I Ta wär es gefdjettcr gewe­sen, Tu hättest die Gesellschaft nicht besucht. Du paßt eben nicht unter die schnatternden Phrasen­heldinnen. Nächstes Mal nimmst Du die Ein­ladung nicht mehr an und bleibst schön bei uns; da ist's gemütlicher. Gelt, Rest?"

Er hatte unwillkürlich ihren Arm an sich ge­preßt und war nicht wenig verdutzt, als die Pfle­geschwester denselben hierauf frei machte.

Eine Strecke gingen sie stumm neben einander her und der am Himmel aufsteigende Mond be­strahlte zwei verschiedene Gemütsaffekte leibet- spiegelnde Gesichter.

„Das mit dem Daheimbleibcn wird wohl nicht gehen, Fritz," begann endlich das Fräulein; „denn ich habe heute ber Lylli versprochen, schon morgen zu ihr zu kommen und etliche Wochen auf Sim­mern zu verleben. Da der Arzt letzthin unserem Raoul den täglichen Genuß stischer Ziegenmilch verordnet hat und auf dem Gute einige gesunde Tiere im Stalle stehen, so wirst Du erlauben, daß der liebe Junge mit mir geht. Das ist für ihn bann auch gleichzeitig eine Luftkur."

Rests Stimme klang merkwürdig gepreßt bei dieser Ankündigung und sie schaute während der­selben nicht auf; daher entging ihr die Enttäusch­ung, welche sich in dem Antlitz des Mannes kund- gab.

„Hiermit verurteilst Du mich also zu einem wochenlangen Alleinsein mit ber alten Christel? — Na, mir muß es natürlich recht fein; ich werbe Dir Dein Vergnügen nicht vereiteln!"

Unb ba es ihn gleich darauf reute, seinen Mißmut über bie getäuschte Erwartung eines fer­neren gemütlichen Zusammenlebens funbgetan zu haben, fuhr er ruhiger fort: „Für den Knaben trifft es sich ja vorzüglich; den nimmst Du selbst- verständlich mit Dir. Der kleine Racker würde ohnehin nicht allein bei uns aushalten."

Damit war bie Angelegenheit zwischen ihnen abgetan; aber Fritz Weilers kehrte in durchaus entgegengesetzter Stimmung, als jene war, in welcher er die Stadt verlassen, mit Resi dahin zu­rück. Er hätte nicht zu sagen vermocht, was ihm seit einigen Minuten genommen worden war, aber er kam sich plötzlich hoffnnngsärmer unb le- bensunlnstiger vor denn je. Mißmutig kaute er an seinem Schnurrbart, als sein Söhnlein ber ins Haus tretenben Taute mit einem durchdrin- genben Freudenschrei entgegenstürzte. Raoul hatte sich durchaus nicht zu Bette bringen lassen, bevor er seiner „einzigen lieben Tante" Gute Nacht sagen konnte.

Das gemeinsame Nachtmahl verlief schweig­sam und die auftragende Köchin schüttelte immer wieder den grauen Kopf vor Verwunderung über die sich plötzlich stumm gegenüber sitzenden Pflege­geschwister. Und während sie dann in der Küche das Eßgeschirr spülte, murmelte sie vor sich hin:

„Was es nur gegeben hat zwischen den bei­den? Heute mittag noch habe ich dem „Fritzi" die heimliche Ungeduld unb Sehnsucht nach dem Reserl ohne viel Studieren vom Gesicht herunter- gelesen, und jetzt tut er, als ob ihm die Anwe­senheit ganz gleichgültig wäre! Sollten die Aktien meines Goldkindes schon wieder gesunken sein? Wenn nur die „gemalte Gnädige" nicht hinter der Veränderung steckt! Der Verkehr mit dieser Ko­mödiantin paßt mir gar nicht für die Resi. Aber was kann ich altes, dumme- Geschöpf dagegen machen!"

Und sie war doch gar nicht so dumm, die gute Christel. Ihr Mißtrauen gegen den Einfluß Frau von Simmerns war nur zu berechtigt; denn diese hatte heute nachmittag durch geschickt angebrachte ganz harmlos klingende Aeußernngen das Ge­spräch auf das Verhältnis zwischen Resi Merian und dem Pflegebruder gebracht. Die spinösen Kaffeeschwestern und die tugendstolze Bürgermei­sterin hatten sich höchlichst gewundert, daß eS eine alleinstehende Dame über sich brachte, das Gerede ber Leute herauszufordern, indem sie mit einem im vierten ober im fünften Grade verwandten jungen Mann unter einem und demselben Dach hause. Resi war sich unter all den Stichelreden wie gefoltert vorgekommen und erst jetzt tarn ihr der Gedanke, daß ihr familiäres, durch die ge­meinsam verlebte Jugendzeit sanktioniertes Zu­sammenleben irgendwo Anstoß erregen konnte. Sie hatte sich in namenloser Verlegenheit den Kopf zerbrochen, wie sie dem Gerede aus dem Wege gehen könne und schließlich die in liebens­würdigster Weise hervorgebrachte Einladung der Baronin, einige Wochen auf Simmern zu verle­ben, um den kränklichen Raoul während einer Milchkur zu bewachen, heiß dankend angenommen.

6. Kapitel.

Frau von Simmern lag auf einer Chaiselon­gue im Gartenzimmer und schaute durch die of­fene Tur der in Begleitung Raouls und de» Gutsverwalters lustwandelnden Resi Merian zu.

Ein eigenes Lächeln spielte um die Lippen der Dame, als sie die chevalereske Zuvorkommen­heit des stattlichen Herrn gegen das Fräulein be­obachtete.

„Die gute Resi hat sich da ohne viel Anstren­gung einen ernsthaften Verehrer getapert," flü­sterte sie vor sich hin, „obwohl ich eine solche Kon­sequenz bei meiner Einladung ganz außer acht getanen habe. Nun, da kommt ja dann etwas Gutes auch für sie selbst heraus!" .

(Fortsetzung folgt).