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Sul-aer W Zeitung

Monakbellage: „Zuldaer Seschichtsblätter"

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JV5 5.

Fulda, Mittwoch den 8. Januar 1908.

35. Jahrgang.

fite dir Anzeigen:

S-parzeLer in Fulda. Wochenbeilage: „Illustrierte 5onntagzzeitung"

Erscheint ISglich mit Anrmchm« der Sonn, «nd Feiertage. Viertel. Mrlicher vrzngspreir ohne vringerlohn und VeftellgeldinFnldaso» wie auswärts L50IHL

verantw. Redakteur: Sari SchUtt«;

Stjeiget: Vie dm ,faltig« Petitzeile ober »«re, Boern 15 pfg. veaamendiepetitzeii, 25 pfg.. bei wieder. Holungen wird entspr.

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Rotalionsdruckund Verlag der Fuldaer Ak. tiendruckrrei in Fulda Fernsprecher Ur.-.

Sroetfes ^£aft.

Deutscher Reich.

0 Die Wahlrechtsinterpellation der Frei­sinnigen im preußischen Landtage hat bisher die Beantwortung der preußischen Regierung noch nicht gefunden. Kurz nach dem Ende der Ferien aber wird die Regierung ihren lieben Blockgetreuen doch wohl einen Bescheid geben müssen. Wie dieser Bescheid aussallen wird, steht dahin. Eine parlamentarische Korrespondenz will jetzt wissen, es würde sür die nächste Legislaturperiode eine Reform in Aussicht gestellt werden. Bülow fe; der Ansicht, daß manche Mängel des heutigen Wahlrechts der Abstellung bedürften. Die Mängel seien aber so kompliziert, daß an ihre Erledigung im jetzigen Landtage nicht mehr gedach werden kann, man auch vorher die Wirkung der letzten Wahlrechtsreform (über die Beseitigung der übergroßen Wahlkreise) abwarten müffe. Die Regierung sei aber nicht der Ansicht, daß das Reichstagswahlrecht in Preußen eingesührt werden müsse. Es müsse vielmehr unter Beibehaltung des Dreiklassenwahlsystems eine Milde­rung de- Uebergewichts der oberen Klassen und eine anderweitige Wahlkretseiuleilung Dorgenom- men werden. Die Regierung wolle zunächst den Standpunkt der einzelnen Parteien in der Wahl- rechtsfrage kennen lernen, um danach ihre Maß- nahmen einzurichten. — Wenn die Regierung „ben Standpunkt der einzelnen Parteien in der Wahlrechtsfrage" jetzt immer noch nicht kennt, wird es allerdings die höchste Zeit, daß sie sich umhört. Jedenfalls kann man den obigen Mit­teilungen entnehmen, daß die Wahlreforin noch lang« nicht erledigt werden wird. Roch lanae nicht I

* Der Widersinn des Gemeindewahlrechts in Preußen wird wieder einmal trefflich illustriert durch folgende Meldung aus der rheinischen Bür­germeisterei Erkelenz: „Aus der durch den Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Internationa­len Bohrgesellschaft Raky als dem einzigen Wähler der ersten Abteilung vollzogenen Stadtverordnetenwahl gingen die Herren Joseph Riitten und Ingenieur Zimmermann hervor.

— Dir nativ,mllibtralen Jugendvereine haben die Einigung zwischen Nord und Süd noch im-^ mer nicht erreicht. In, einer Einigungsberatung am Sonntag lehnten die Bayern wegen der Hal­tung des Gesamtverbandes einen Eintritt in die­sen ab, waren aber bereit, ein engeres Verhältnis durch Delegierte zum Gesanitverband zu erstreben.

* Post- und Militäranwärter. Die Reichs- postverwaltung läßt nach der „Voss. Zig." vom 1. April ab Militäranwärter in gewissem Umfangs auch für Tiätarstellen zu . Aus diesen treten die Anwärter in etatsmäßige Stellen über, sobald diese frei werden.

Vertreter der am Polizeikostengesetz interes­sierten Städte hielten am Dienstag in Berlin eine Versammlung zur Besprechung des Gesetzent­wurfes ab.

KsIlrsrvirWstjjches und Sschles.

— Zweiter sozialer Kursus für Handwerker. -Die Handwerkerbewegung erfordert dringend erue größere Anzahl sozial geschulter Kräfte. Es rst kein Zweifel, daß bk Kurse, welche seit Iah-1 ren an der Zentralstelle des Volksvereins in M.-

Gladbach veranstaltet werben, zur Förderung der christlichen Arbeiterbewegung ganz erheblich bei­getragen haben. Einsichtige Handwerker haben längst erkannt, daß gleiche Mittel auch für das Handwerk in Anwendung gebracht werden müs­sen, wenn es mit der Handwerkerbewegung bes­ser vorangehen soll. Der Dolksverein hat diesem Bedürfnis Rechnung getragen, indem er im vori­gen Jahre zum ersten Male einen sozialen Kursus für Handwerker veranstaltete, der fortan jedes Jahr toieberbolt werden soll. Der nächste Kursus findet vom 13. bis 25. Januar in M.-Gladbach statt. Mögen die Handwerker die Aufgaben der Zeit erkennen und die gebotene Gelegenheit zur Förderung der Handwerkersache nicht ungenütz vorübcrgehen lassen. Anmeldungen werden nod i biä zum 10. Januar entgegengenommen.

Lokales»

Fulda, 8. Jaanur 1908.

+ Oberbürgermeister Mackenrodt. Zweifels­ohne wird jeder Kenner der Vergangenheit Fuldas mit dem Herrn Verfasier der Notiz über „Straßennamen und Sonstiges" (in9h1.1 der ,Fuld. Ztg/ 1908) darin gerne einverstanden sein, daß der erste Oberbürgermeister Fuldas (1835—1859) Daniel Mackenrodt, sich große Verdienste um die Stadt Fulda erworben hat. In Nr. 22 seiner „Buchonia" vom 28. Mai 1881 widmet F. Zwenger dem „vorhinnigen Ober- bürgermeister von Fulda", D. Mackenrodt, „Ein Erinnerungsblatt für einen Verkannten", in dem es u. u. heißt: „Mackenrodt hat sich viele und große Verdienste um die Stadt Fulda erworben. Die schönen Anlagen, welche unsere Stadt um­geben, die Wege mit Obstbaumpflanzungen nach Horas, Riesig, Petersberg, am Frauenberge, die Badeanstalt im städtischen Badegarten, die fog. Seufzerallee, jetzige Lindenstraße,- die Anlegung der Hausgärtchen am Eichsfelde, am Angel, vor den Häusern zwilchen der Tränte und der LengS- eldergasse, die Lindenpromenade am äußeren Graben, der jetzigen Königstraße, die Einführung deS Schichtenpflasters, die Ueberdeckung und Reupflasierung des Wollwebergrobens, die An­legung von Trottoirs in der Friedrichstraße und in der Allee, die Baumschule am Mkolai-Hospi- ale, das LeichenhauS am städt. Friedhöfe, das rüher bestandene Holzmagazin, die städt. Spar- kaffe. — Alle diese Schöpfungen sind, bezw. waren fein Werk." Auch wie es vielleicht ge- kommen sein mag, daß der Name dieses Ber­iten ten ManneS bis heute noch nicht in einem äußerlichen Denkmal irgend welcher Art in der Stadt seines Wirkens fortlebt, erwähnt Zwenger in seinem Nachruf: „Sein Grab ziert, seinem bei Lebzeiten ausgesprochenen Wunsche gemäß, kein Denkstein, nut eine knorrige Eiche ist dort­hin gepflanzt, das passendste Sinnbild seines Charaklers." — Was nun die in der Notiz er­wähnte „danlbare Ausgabe für den Geschichte- mein" angeht, so glauben wir in der Annahme nicht fehl zu gehen, daß der Verein diese Auf- gäbe bei der bevorstehenden Sammlung der Flur- namen miterledigen wird, soweit sie dorthin ge­hört. Einfach und leicht allerdings ist diele Aufgabe nicht, sie erfordert viel Zeit und auch Geld. Jeder Freund von Fuldas Geschichte (und Vergangenheit) sollte deshalb diese Ausgabe durch seinen Beitritt zum Geschichtsverein unterstützen.

Nus -em Nachbargeblele.

(::] Petersberg, 7. Jan. 1908. ES dürfte vielleicht weitere Kreise interessieren, anläßlich des zwei hundertjährig:» Jubiläums der Alrnen- dorfet Kapelle über deren Geschichte einiges zu hörm. Die Kapelle wurde erbaut 1707 uns am 14. August desselben Jahres geweiht, lieber den Stifter belehrt uns eine über dem Portale angebrachte Steintafel, auf der dieses geschrieben steht: „Annuente illustr. D. D. Principe Adal- berto, sub Philippa a Spiegel praeposito hoc sacellnm in honorem Dolorosae Virginia Mariae erigi curavit Adm. Udos et eximiua Dominus Joannes Scheffer ord. Teutonici presbyter et parochus in civitale Eschenbach. MDCC.VH.“ Zu Deutsch: «Mit Zustimmung des erlauchten Fürstadtes Adalbert, unter Propst Philipp von Spiegel ließ diese Kapelle zu Ehren der schmerz- hafien Jungstau Mariä erbauen der hochwürdige und hochangesehene Herr Johannes Scheffer, Deulschordenspriester und Pfarrer in der Stadt Eschenbach, 1707." Johannes Scheffer gehörte zu der in der ganzen Plarrei Petersberg weit- verzweigten Familie Scheffer, welche, wie die Matrikelbücher bekunden, sich durch besondere Stiftungen auszeichnete. Wann und wo der Er­bauer der Almendorfer Kapelle geboten wurde, läßt sich nicht genau feftfteUen, da erst mit dem 4. Juni 1662 auch die Namen der getauften Kinder angeführt werden. In den Vorjahren (feit 1651) heißt es immer zum Beispiel zum 28. März 1653: „Andreas Grömling auff dem peterSberg hatt petro Scheffern zum Malmen- dorf (Aimendorf) einen Sohn auß der hl. Taus gehoben." Zum 18. Juni 1666 steht im Tauf- mche: „EswurdegetaustJohannes Scheffer, Sohn des Philipp Scheffer zum Stöckels". Da wir andere Scheffer mit dem Vornamen Johannes nicht finden, (Johannes Scheffer, ein Laie auS Almendorf, gestorben den 23. August 1714, kommt nicht in Betracht), so dürfen wir wohl den vorerwähnten Johannes Schäfer aus Stöckels als den Erbauer der Almendorfer Ka­pelle betrachten. Er dürfte ein Bruder des Pfarrers Valentin Scheffer fein, von dem noch die Rede fein wird. Im Jahre 1709 lebte Johannes Scheffer noch; denn am 9. Juni dieses Jahres hatte er die Patenschaft übernommen für ein Kind seines Bruders Heinrich zu Götzenhof. Zu diesem Datum steht: „Johann s Scheffer, Heinrichs Sch ffer Sohn aus Götzenhof. Pate war der hochw. und ausgezeichnete Herr Johannes Scheffer, leibiicher Bruder, Deutschordenspriester und Pfarrer in der Stadt Eschenbach." Seit Januar 1678 war über 33 Jahre lang ein Glied der Familie Scheffer Pfarrer am Peters berge, Valentin Schäffer, Pcofeßpriester des Kon­vents zu Fulda. Er starb am 23. April 1711. Sein letzter Eintrag geschah, wie die Schrift- Vergleichung bekundet, am 10. April seines Todes­jahres. Sein Nachfolger im Pfarramts spendete ihm alles Lob. Er sand seine Ruhestätte in der am 2. Juni 1699 vollendeten und zu Ehren des hl. Bonifatius geweihten Totenhofkapelle, welche zumeist seinem wohltätigen Sinne ihre Erbauung verdankte. Wie der noch erhaltene Grabstein bekundet, war der Verstorbene 66 Jahre alt, zählte 36 Jahre seines Priestertums und brauchte nur noch 7 Jahre, um fein gol- deneS Ordensjubiläum zu feiern. Auf dem

oberen Teile des Grabdenkmals sieht man Kelch mit Hostie und um denselben die Worte, welA zu deutsch lauten: „Diesen Kelch hat der Sen io, des Konvents öfters erhoben." Valentin Schasst, war demnach auch der älteste Profeßpriester des Fuldaer Konvents. Unter den gestifteten Seelen­ämtern findet sich ein solches, welches 1689 von( Pfarrer Schäffer fundiert wurde für beffei Eltern Konrad und Katharina. Der Vater nxn ,,8chulectus principis Fuldensis in Batten6, Ej scheinen demnach die Scheffer in der Mitte bei 17. Jahrhunderts nach Almendors gezogen zr fein und als die Begründer dieser Familie geltet zu hörten. Unter Pfarrer Schäffer wurden a« 12. März 1693 der Hochaltar und zwei Neben» altäre, welche letztere bis in die neuere Zeil rechts unj links von der Kommunionbank standen, neu errichtet und von Johann Daniel Gudenus, Weihbischof von Erfurt > konsekriert: (Seitf Bruder Johann Kaspar von Brauhaus (früher der Name des Ortes Petersberg, foroet derselbe außerhalb der Mauern der Propstei lag; folgte ihm bald im Tode, es war am 4. De< zember 1712. Neben seinem Bruder in bet St. Bonifatiuskapelle wurde er bestattet. Ein Sohn von letzterem war zu Arnsburg all Novize am 27. November 16 0 - gestorben, Arnsburg, jetzt Domäne, in der Nähe von Siq in Oberhessen, gegründet als Ciste ziensenkloste, im 12. Jahrhundert, überdauerte die Stürme dek dreißig- und siebenjährigen Krieges und bewahrt« seinen glänzenden Ruf ausgezeichneter Kloster» zücht bis zu seinem letzten Abte Alexander Weitzel, der 1819 starb. Im Jahre 1721 ix zum 10. November als Tauspate eingetragen Vater Michael Schäffer, Pfarrer in Holz; kirchen. Die Scheffer sind in der Pfarrei nicht ausgestorben; Träger dieses Namens wohnen noch in PeterSberg und Almendorf und führek heute den Namen Schäfer.

vermischtes.

* Im Exerzitienhause St. Remigius in Vier en traf am Samstagabend eine große Zahl ka holischer Handwerksgesellen ein, um an den Exev i ittien teilzunehmen. In den Zimmern schlafek ;e drei Gesellen und in der Zwischenwand zwischen zwei dieser Zimmer steht jedesmal ein Ofen. Dr« junge Leute hatten nun die Klappen an den! Ofen geschlossen. Montag morgen fand mar einen der drei tot im Bette, während die beides anderen eine schwere Kohlengasvergifi t u n g davontrngen. Die in dem nebenanliegew den Zimmer schlafenden jungen Leute wurdet leicht vergiftet. — Durch Kohlengas sind auch tr Seh l ern bei Braunschweig zwei Kinder erstickte' ein drittes schwebt in Lebensgefahr. Man hatte einen Kohlentopf in das Schlafzimmer gestellt.

* Ein Fuchseisen hatte der Besitzer I. in sei­nem Garten in Nekla (Posen) aufgestellt und leicht mit Schnee bedeckt, weil ihm trotz aller Warnung wiederholt die im Garten mit Schlin­gen gefangenen Hasen gestohlen worden waren. Als nun kürzlich seine Frau in den Garten ging, betrat sie die gefährliche Stelle. Das starke Eisen schlug zu und brach der Bedauernswerten die Mittelftißknochen des rechten Fußes. Das Bein wird nach dem Urteil des Arztes lahm bleiben.

* Beim Spielen mit einem Hunde kam in Neuß ein junger Mann zu Fall. Dabei platzte ihm die Harnblase, und er starb bald unter fürch­terlichen Schmerzen.

Rest Merian.

Roman von Marie Barerlein.

M] (Nachdruck verboten.)

V.

Slefi Merian betrachtete ihre Gesamterschei­nung noch einmal im großen Trümeau ihres Zimmers. — Die Toilette, welche sie gemacht hatte, mußte, für die Nachmittagsgesellschaft bei von Simmern wohl genügen. Wenn die etlichen Gulsbesitzersfrauen oder die ebenfalls eingeladene hochmütige Frau Bürgermeister — eine geborene von Trenken — auch etwas die Nase über die Einfachheit rümpften, was lag ihr ooranl — Sie war ia ohnehin das einzige schlichte Element in diesem Kreis vornehmer Damen. Und darum hatte sie sich auch so gewehrt, dabei zu er- scheinen als ihr Lylli die Einladung übersandte. Aber letztere hatte mit schriftlichen Bitten nicht nachgelassen und auch Fritz redete ihr zu. „Denn", w sagte er, „Du kommst ja nie aus Deinen vier Wanden heraus und es ist sehr liebenswürdig der Freifrau, daß sie bei ihrem Kaffeekränz­chen auch an Dich dachte."

ea Flinte,sie keine Ausrede mehr machen —

a»»g doch Nicht an, daß sie die einladenden Bit- Fn Lr,y.-Iö-Cn^rcu,nil,n immer und immer wie­der abschlägig beantwortete.

Rest tat es freilich furchtbar leid um den für sie verlorenen Nachmittag. Viel lieber wäre sie daheim geblieben, um wieder stickend oder häk- kelnd unter dem knospenden Kastanienbaum hin- .ter dem Hause zu sitzen und sich von Fritz das Neueste aus den auswärtigen Zeitungen vorlesen ^rffen. Etwa wie gestern, wo der kleine Raoul ipielend auf dem trotfenen Kiesweg saß und mit zHS. winzigen Schaufel einen ganzen Berg auf-

.^brenb fein Vater still vergnügt im *Älc lag und den Rauch der Zigarre in fS» ^"Mln in die Frühlingslust blies. f^A^er heimlichen Seligkeit hatte sie da die “ ve hr zwU liebsten Wesen empfunden! Sie

brauchte eben nichts weiteres zu ihrem Glück als , trauliche, freundliche Dahinleben in deren Mitte. Deshalb betrachtete sie die vierzehn Tage, welche Herr Weilers bereits im Vaterhause zu­brachte, als vollen Ersatz für ihre jahrelange Ver­einsamung und für alle darin verlebten, weh­mütigen, entsagniigereichen Stunden.

Rest setzte das gefällige, englische Hütchen auf, das so schick kleidete und dessen schmaler Rand den mächtigen, braunen Haarkiioten im Nacken nicht verbergen konnte und schritt die Treppe hinab, dem Wohnzimmer zu.

Fritz Weilers stand am Fenster und hielt sein Söhnchen auf dein Arm, dem er eben die dicken Tränen von den Wänglem abtrocknete. Der Kleine war untröstlich, daß die Tante mit dem draußen haltenden Landauer fort fahren sollte, ohne ihn mitzunehmen.

„Schämst Du Dich nicht, Bubi?" hatte der Herr zu ihm gesagt. „Du bist doch ein kleiner Mann und Männer dürfen eigentlich keine Trä­nen zeigen!"

„Aber wenn doch meine einzige Tante davon­fährt, und ich so lange nimmer sehen tu', und wenn mir das so wehweh macht, und wenn ich die süße Tante so lieb habe, und wenn---"

Dec Junge verstummte, um von neuem in Tranen auszubrechen, als er das Fräulein, das plötzlich unter der geöffneten Tür stand, er­blickte.

„Potztausend Refil Du hast Dich aber schmuck gemacht I" sagte jetzt Fritz Weilers und betrach­tete voll offener Bewunderung die in eine hell­graue Frühjahrstoilette gekleidete Dame. Der Anzug war zwar von einfachem, anspruchslosem Schnitt und nur mit schwarzen Sammtschleifchen an wagen und Gürtel versehen, aber die hoch- gewachsene tadellose Figur erschien darin so vor- nehmund elegant und die blühende Farbe ihres Gesichtes leuchtete so wirkungsvoll unter dem wei­ßen, kuezen Tullschleier, daß die blauen Männer­augen ihr Wohlgefallen daran nicht verheimlichen konnten. Und Rest, welche das bewundernde Auf- leuchten in denselben woül bemerkt batte, wurde

darob so verlegen und verwirrt, daß ihr eine Helle Glut bis unter die welligen Stirnhaare drang. Der Pflegebruder beredete sie aber nicht mehr wegen dieses jähen Farbenwechsels, sondern er schien ihrem Beispiel zu folgen; denn eine kurze Bluiwelle stieg auch ihm in sein blondbär­tiges Gesicht. — einige Atemzüge lang herrschte Stille im Wohnzimmer, nur Raoul weinte noch immer leise vor sich hin. Da beugte sich die Tante zu ihm nieder, küßte ihm die Träne» von den Wimpern und tröstete:

«Sei still, mein Liebling 1 Tante kommt ja am abend wieder zu Dir, und weil sie Dich nicht mitnehmen kann, so darfst Du dafür heute nacht bei ihr schlafen."

Die Ankündigung bewirkte, daß der Junge ruhiger wurde und still zusah, wie das Fräulein in den Wagen stieg, den ihr die Baronin entge­gengeschickt hatte.

»Ich gehe Dir also um 7 Uhr entgegen, Resi. und dann legen wir die kurze Strecke zu Fuß zurück," sagte Herr Weilers und nahm mit einem langen Händedruck von ihr Abschied.

Als der Landauer mit seiner Insassin schon längst verschwunden war. da stand der Mann noch auf dem gleichen Platze, den Blick nach der Rich­tung gewendet, welche er eingeschlagen hatte, und ein eigener, nachdenklicher Ausdruck lag auf sei­nen Zügen.

Raoul trippelte neben ihm her, als er ins Haus zurücktrat, und sein hohes Stimmchen weckte den Vater aus dessen Träumereien.

,.Tut es Dir auch leid, daß die Tante uns heute allein läßt und hast Du sie auch so lieb wie ich?"

Er bekam zwar keine Antwort: aber die bär­tigen Lippen küßten ihn auf einmal mit einer solchen Inbrunst, daß die unschuldigen Kinder- augen erstaunt in fein von den verschiedensten Ge­fühlen bewegtes Antlitz sahen.

Der Tag wurde den beiden Zurückgelassenen gar lang. Dec Kaufmann ging von einem Zim­mer in das andere, als triebe ihn eine innere, verwirrende Ungeduld baut, und obwohl Christel

alles tat, um es ihrem jungen Herrn gemütlich zu machen — er konnte die rechte Behaglichkeit doch nicht finden. Der Nachmittagskaffee schmeckte ihm fade und die buttergestrichenen Semmeln ranzig, weil ihm Rest gegenüber fehlte, deren weiße, wohlgeformte Häiwe ihn sonst immer ha­bet bedient hatten. Selbst die gewohnten Zigar­ren wollten heute nicht richtig ziehen; er brannte ein Streichholz um das andere an, wie wenn er dieses Geschäft verlernt hätte, seitdem ihm Rest stets das hierfür nötige Feuer besorgte. Da konnte man sehen, tote verwöhnt man wurde durch solch stillwaltende, geschäftige Frau! Wie lange hatte er aber auch diesen wohltuenden weiblichen Einfluß entbehren müssen! Kein Wunder, daß es ihm jetzt Herz und Sinn gefangen nahm. Welchen Kontrast bot das ernste, zielbewußte Wesen dec gesunden, natürlichen Pflegeschwester zu dem zer­fahrenen, nervösen Temperament seiner verstor­benen Gattin 1 Und wie mußte er dem Mädchen danken für die aufopfernde Zärtlichkeit und Sorge, die sie seinem Knaben zuteil werden ließt Raoul hatte durch sie eine frohe, behütete Kind­heit kennen gelernt und seine liebebedürftige Seele durfte sich anschmiegen und verhätscheln las­sen. Um zur vollen Erkenntnis der hervorragen, den Eigenschaften seiner goldreinen Jugendgenos­sin zu gelangen, mußte er zuerst seinen Männer­stolz und sein Herz von den Dornen weiblicher Koketterie und ausländischer, frivoler Lebens­auffassung wundritzen lassen. Tor, der er ge- wesen I

Noch nie war ihm die Zeit so lang geworden, wie an diesem Nachmittag, der auf einmal ein intensives Streiflicht in sein Gefühlsleben warf; und noch nie hatte er die Dienste seiner guten Taschenuhr so oft in Anspruch genommen, wie heute. Endlich war die verabredete Stunde ge­kommen, wo er Rest entgegenzugehen versprochen hatte, und in stürmischer Lebhaftigkeit eilte er die mit Obstbaumen aller Art besetzte, |u dem Rittergut führende Landstraße entlang. -

Fortsetzung folgt).»