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Z.parzeller in Fulda.
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votationsdrnckund Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr.-.
M 5.
Fulda, Mittwoch den 8. Januar 1908.
35. Jahrgang.
erstes Ml'crtk.
Das Liebeswerben um Mt Gunst des Zentrums
rtoirb in den konservativen Blättern fortgesetzt.
Die ..Kreuzztg." hat noch in den letzten Tagen das Zentrum herangewinkt. Auch die fretfonjer* dative „Post" möchte jetzt wieder mit dem Zen- trum anbändeln. TaS Blatt ist recht araerlich über die liberalen Forderungen betr. das preußische Wahlrecht und die Reichssteuern. Darum erinnert es daran, daß die Reichstagsauflösung „erst in zweiter Linie gegen das Zentrum" g* richtet gewesen sei und daß das Zentrum „bei den Stichwahlen — wie in Köln —.....die
bereitwillige Unterstützung des Blocks erhalten" habe. Davon ist nun zwar in Köln nichts bekannt, aber der Hinweis leitet geschickt dazu über, zu erklären: „Warum die Konservativen eine Ab- Neigung Haven sollen, gegebenenfalls mit dem Zentrum zusammen zu gehen, ist nicht ersichtlich." Ganz recht; nur sollen die Konservativen nicht verlangen, daß die Fälle, in denen daS Zusammengehen stattfinden soll, von den Konservativen allein bestimmt werden. Sonst würde die Geschichte schließlich darauf hinauslaufen, daß das Zentrum den Konservativen für ihre Wünsche Vorlprnndienste leisten müßte. Wenn die Konservativen bei irgend einem ihrer Pläne die Unterstützung des Freisinns nicht fänden, würden sie die starken Zentrumspferde vor ihren Wagen spannen, die ihn auch über die schlechtesten Wege nach Hause brächten. Aber am nächsten Tage könnte die Situation sich ändern. Die Regierung und die Konservativen hätten irgend ein Planchen, z. V. ein hakatistisches oder ein anderes „übernationales", bei dessen Durchführung ihnen der Freisinn als geeigneter Mitarbeiter erschiene, als das Zentrum. Kann würde man der Zentrumspartei sofort zeigen, daß man sie im Notfälle nicht braucht. Die ganze Tätigkeit -es Zentrums würde also nur dazu dienen, den Einfluß und die parlamentarische Macht der Konservativen zu erhöhen, und dergestalt nur im Interesse einer fremden Partei zu arbeiten, kann man einer so starken Partei nicht zumuten. Eine Partei mit 104 Mandaten will auch Politik für eigne Rechnung treiben, nicht für fremde.
Lächerlich wirkt es, wie der „Reichsbote" sich über das undankbare Zentrum ereifert, das nicht ohne weiteres den Konservativen um den Hals allen will. „Die Zentrumspresse sitzt also noch mmer auf hohem Roß der Partei, der eressen des Vaterlandes untergeordnet werven. Die ultramontane Presse schadet durch dieses Verhalten dem Ansehen des Zentrums mehr, als es die Gegner vermöchten. Sie bestätigt durch ihre jetzige oppositionelle, nichts wie Wirrsamen säende Haltung alles, was man ihr je vorgeworfen hat." Also auch der Reichsbote hält für etwas ganz selbstverständliches, daß das Zentrum helfen muß, wenn die Linksliberalen versagen. Es muß das „im Jnteresie des Vaterlandes tun und darf sich über die Zumutung nicht befremdet zeigen. Der Reichsbote sollte seine Mahnung doch billigerweise an die Freisinnigen, als Angehörige des Blocks richten.
Mögen die Blockparteien doch tun, was sie wollen. Das Zentrum bedankt sich dafür, anderer Leute Kastanien aus dem Feuer zu holen.
Deutsches Reich.
1. Die beiden Berliner Parlamente nehmen heute ihre Arbeiten wieder auf. Der Reichs.
tag steht sich vor den wichtigsten und zugleich schwierigsten Teil seiner Tätigkeit gestellt. Es ist begreiflich, wenn die Blockblätler des heutigen Tage- in Artikeln über den Block gedenken und sich im Prophezeien üben. DaS .Berliner Tageblatts daS die Zentrumsangst nicht los werden kann, meint, es werde sich zwischen Weihnachten und Ostern entscheiden, ob Fürst Bülow mit seinem PaarungSruf der deutschen Politik neue Bahnen gewiesen habe, oder ob der Block nur einen Umweg zu der Wiederaufrichtung der Zentrumsherrschaft bedeute. Recht kühl beurteilen die vom nationalliberalen Zentralbureau heraus- gegebenen .Nationalliberalen Blätter'die Situation. Sie meinen, solle der Block Bestand haben, so werde man der Nationalliberalen als der geborenen Mittler nicht entraten können. Der Block sei zwar eine sehr nützliche Erfindung, ja eine politische Notwendigkeit. Aber leider geschehe auf dieser bresthaften Erde daS notroen- dige ebenso oft nicht wie das verständige und nötzliche. Darum sei eS ein Gebot der Vernunft, die nationalliberale Politik grundsätzlich so zu orientieren, daß sie auch einen Wechsel der Personen und Situationen zu überdauern vermöchte. Zutreffend bemerkt hierzu die ,Kreuzzeitung': „Wenn schon der „Kern des Blocks" und der nicht zu entratende „geborene Mittler" der Blockpolitik gegenüber eine so ostentative, zur Schau getragene kühle Haltung einnimmt und sich weniger auf den Bestand, als auf den Zerfall des Blockes einrichtet, so kann man sich die Schwierigkeiten vorstellen, mit denen die Regierung in dem bevorstehenden Sessionsabschnitte deS Reichstages zu rechnen haben wird."
= Der Wechsel im Reichsbankpräsidium ist nunmehr offiziell erfolgt. Der bisherige Präsident Dr. Koch ist unter Verleihung des Großkreuzes deS Roten Adlerordens verabschiedet worden und an feine Stelle der bisherige Präsident der Seehandlung, Haven st ein, wie an- gekündigt, zum Reichsbankpräsidenten ernannt worden.
* Zur Pensionsversichcrung der Privatbe- arnten. Die Gladbacher „Sozialpol. Korrespond." schreibt: In der ersten Reichstagssitzung wird der Antrag Frhr. v. Richtbofen betr. Witwen- und Waisenversicherung der Privatbeamten zur Beratung gelangen, und hierbei wird sich jedenfalls Gelegenheit bieten, die reichsgesetzliche Regelung dieser Frage ausgiebig zu besprechen. Die amtliche Denkschrift, die seit Ostern vorigen Jahres vorliegt, ist nach allen Seiten einer solch gründlichen Kritik unterzogen worden, daß man auch an maßgebender Stelle zu einem abschließenden Urteil gelangt fein dürfte. Die Frankfurter Tagung vom 16. November 1907 hat bekanntlich den Streit der Meinugen um die organisatiorische Form der neu zu schaffenden Versicherung dahin zum endgültigen Austrage gebracht, daß man die Errichtung einer Sonderkasse für die Privatangestellten mit 510000 Stimmen gegen 146 000 Stimmen beschlossen hat. Die übrigen Programmpunkte wurden en bloc mit 436 500 gegen 221 000 Stimmen angenommen. In einer am 4. Dezember 1907 einer Angestellten-Abord- nung im Reichsamt des Innern gewährten Audienz wurden die in Frankfurt gefaßten Beschlüsse des Hauptausschilffes ausführlich erläutert. In der für die Presse bestimmten anscheinend offiziösen Mitteilung war zu lesen: „Tie Beschlüffe des Hauptausschusses fanden im wesentlichen zustimmende Aufnahme." In der Privatangestell- ten-Korrespondenz (Nr. 67, 1907) hieß cs ferner: „Der Plan der Minderheit, die Pensionsfrage der
Privatangestellten nur durch einen Ausbau der Invalidenversicherung zu lösen, kann damit als endgültig abgetan angesehen werden." Ob und inwieweit diese Auffafiung an amtlicher Stelle geteilt wird, werden die Verhandlungen am 8. Januar ergeben müssen. Von wesentlicher Be- deutung für diese Unterredung ist die Tatsache, daß die Kostenfrage anscheinend auf keiner Seite zu Beanstandungen geführt hat. Die Be- teiligten haben sich im Namen ihrer Mandatare bereit erklärt, eine Beitragspflicht von zehn Prozent deS Einkommens zu übernehmen, unter entsprechender Verteilung der Lasten auf Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Damit ist der Regierung der Anhaltspunkt geboten, um zur endgültigen Feststellung der im Gesetz vorzusehenden Leistungen usw. überzugehen. So viel von den Vorarbeiten bereits in der Oesfentlichkeit durchgesickert ist, soll eine Loslösung der in die allgemeine Versicherung einbegriffenen Angestellten unter keinen Umstänoen in Frage kommen,. neben diese Versicherung soll jedoch eine Sonderkasse mit Zwangsbeteiligung treten.
----- Der Bundesrat hat das Chekgesetz enbgiltig angenommen, so daß feine Bearbeitung im Reichstage nunmehr in Angriff genommen werden kann.
□ Bon einer deutsch - französischen 58er- ständiaunq ist in Frankreich augenblicklich wieder viel die Rede. Die vorläufig noch etwas verschwommenen Mitteilungen stammen vondem früheren französischen Abg. Francis ßaur. Er kündigte für die nächsten Tage eine große Kundgebung von roeittragenberSebeutung an. Im einzelnen macht er herüber folgende Andeutungen: „Es scheint, daß trotz allem etwas in der Luft liegt wie ein offenbarer Wunsch, zu einet Annäherung zwischen Frank- reich und Deutschland zu *ommen. Dieser Wunsch zeigt sich in verschiedenen Bestrebungen und Vorgängen. Es wäre von großer Bedeutung, wenn alle Äeußerangen eines guten Willens zusammengefaßt würden. Wir erfahren aus zuverlässiger Quelle, baß ein solcher Versuch gemacht worden ist, indem bie Bedingungen einer endgültigen Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland formuliert worben stnb. Man hat dem deutschen Kaiser während seines Aufenthaltes in Highcliffe ein Memorandum vorgelegt, in dem eine absolut neue und unerwartete Lösung der sog. e l s a ß - l o t h r i n- gischen Frage mit dem vollständigen Wortlaute einer neuen Verfassung für Elsaß-Lothringen enthalten ist. Es ist eine endgültige Lösung, die sich nicht auf bloße Gefühle gründet, sondern in gleicher Weise bie Interessen Frankreichs und die Rechte Deutschlands berücksichtigt. Diese Löung kann allein den wahren Frieden geben. Sie ist von Gambeita inspiriert worden und geht von einem französischen Politiker aus, der einer seiner besten Freunde gewesen ist und in der Nationalverteidigung von 1870—71 eine große Rolle ge'pielt hat. Er ist bis indiejüngste Zeit ein unversöhnlicher Feind Deutschlands geblieben." — Dunkel ist der Rede Sinn!
— Die Keimfreunde sind mit Hochdruck sür ihren Herrn und Meister tätig. Keim selbst geht ihnen mit gutem Beispiel in der Stimmungsmache für sich voran. Vor einigen Tagen berichteten wir, daß General Keim am Tage vor der Sitzung von Landesvorständen in Frank- furt a. M. dort war und in demselben Hotel wohnte, in dem die Sitzung ftatifanb. Auch in Dessau, wo eine Versammlung des anhaltischen Landesverbandes ganz zur Zufriedenheit des Herrn Keim ausgefallen ist, hatte er vorgearbeitet. Er war persönlich umhergereift und hatte für das
Präsidium Stimmung aemacht. Etwas ähnliches berichtet die liberale ,AugSb. Abendztg.' auS bet Pfalz:
In der bayerischen Rheinpfalz reist seit einiger Zeit ein Abgesandter deS Präsidiums herum, der früher auch im diesrheinischen Bayern als Vorlraas- redner tätig war, aber wegen sehr bedenklicher Vorkommnisse sich hier nicht mehr sehen lassen kann, und sucht die Vorstände von Ortsgruppen unter Verdrehung deS Sachverhaltes zur Unterzeichnung von Vertrauen?- kundgebungen zu bewegen. Es werden sogar zu diesem Zweck eigens neue Ortsgruppen, bestehend aus drei oder vier Mann, gegründet.
So wird's gemacht! — Im Flottenverein hatte man sich darauf gespitzt, daß der Kaiser vielleicht den Prinzen Rupprecht, der kürzlich in Berlin war, veranlaffen werde, fein Protektorat wieder aufzunehmen. Die Tatsache, daß nichts geschehen ist, wird jetzt in der Flottenvereinspreffe in der Form wiedergegeben: Der Prinz habe auch nach seiner Reise nach Berlin keine Veranlassung, seine Stelle zum Flottenverein zu revidieren. — In der oben erwähnten Dessauer Versammlung wurde eine Aufsehen erregende Mitteilung über die Stellung des Prinzen Heinrich und damit auch deS Kaisers gemacht. Kreisdirektor Saalfeld, der Schriftführer des anhaltischen Landesverbandes, versicherte, er könne „auf Grund von Informationen der Ansicht Ausdruck geben, daß der Protektor des Gesamt Vereins, Prinz Heinrich von Preußen auf der Seite des Präsidiums steht." — Eine ähnliche Mitteilung wurde ja auch früher schon einmal verbreitet, ist bann aber dementiert worden. Allmählich dürste es doch an der Zeit fein, über die Stellung des Prinzen Heinrich Klarheit zu schaffen.
[] Die „Keimfrage" soll „beigelegt" werden. Es wird neuerdings berichtet. Keim hatte während der Anwesenheit des Prinzen Rupprecht in Berlin eine Audienz gehabt, „in der dem General Keim Gelegenheit gegeben wurde, ausführlich seinen Standpunkt und die Entstehung des Zwistes darzulegen."
* Zum Hardenprozeß, in dem der zu vier Monaten Gefängnis verurteilte Angeklagte Revision eingelegt hat, ist berichtet worden, daß Harden auch die Kosten deS ersten ProzeffeS zu tragen habe, in dem er freigefprochen wurde. Die Angabe begegnete Zweifeln, da ja ein vollständig neues Verfahren eröffnet worden war, sie wurde aber auf Anfrage von dem Landgerichtsbirektor Lehmann bestätigt. Das Gericht beruft sich auf eine Reichsgerichtsentscheidung. Es handle sich um einen Angeklagten, eine straf- bare Handlung, und daher auch nur um eine einzige Erledigung der Kostenfrage.
** Die Polen sehen ihre Abwehrmaßregeln gegen bie preußische Polenpolitik mit allem Raddruck fort. Unter den russischen und österreichischen Polen sind schon feit einiger Zeit Bestrebungen im Gange, um den deutschen Landwirten den größten Teil der Saisonarbeiter zu entziehen. Es ist jetzt eine Organisation der russisch-polnischen Saisonarbeiter und, was noch mehr ins Gewicht fällt, der polnischen Kommissionäre, deren Mitwirkung bei der Anwerbung der Leute sich kaum umgehen läßt, inS Leben gerufen worden. Ein weitverzweigtes Komitee soll sich des weitgehendsten Einflusses und der Gefolgschaft beider Organisationen versichert haben. Die Organisation der Kommissionäre ist die Verpflichtung ringe-
Sanuar.
Von I. Kirdorf.
«Nachdruck verboten.)
Die Erstgeborenen und Aeltesten haben von jeher gewisse Vorrechte vor ihren nachgeborenen Geschwistern gehabt und in Anspruch genommen. So macht auch der erste von den zwölf Monaten des Jahres, der Januar, für sich das Recht der Erstgeburt geltend; besondere Verdienste hat er zwar nicht anfzuweisen, aber er tritt recht streng und energisch auf und ist ein besonderer Freund von fröhlichen Festlichkeiten. Böse Zungen behaupten, bei manchen menschlichen Erstgeborenen sei es gerade so bestellt. Ein strenges Regiment führt dec Januar, Eiszapfen und Schneeflocken sind seine Wappenzeichen, und in Kälte leistet er in den meisten Jahren mehr als seine elf Brüder zusammen. Ten deuifchen Namen „Eismonat" verdient er redlich; er ist für die meisten Gegenden Deutschlands der einzige Monat, in welchem ba§ Monatsmittel des Thermometerstandes unter dem Nullpunkte liegt. Wenn der gestrenge Herr ^anuanus einmal besonders schlecht gelaunt ist, dann zeigt er sich weniger von der kalten Seite, denn das ist seine beste ©eitel — sondern dann febrt er feine nasse Seite hervor. Ein nasser ^anuar aber ist recht ungemütlich und ungesund, indem er nicht nur zu Schnupfen und Husten, sondern gar oft auch zu ernsten und gefährlichen Krankheiten Anlaß gibt Daß auch die Landwirte lieber einen kalten als einen naffen Januar sehe», ist in vielen Bauernregeln deutlich ausge- sprachen.
Daß der Januar ein Freund von Festlichkeiten Vergnügungen ist, zeigt er schon dadurch, daß er stets mit einem Festtage beginnt, der allenthalben von Jung und Alt fröhlich gefeiert wird, --ein anderer Monat ist denn auch so sehr dem -vergnügen gewidmet, wie der Januar, in toel- gern Konzerte, Bälle, Theatervorstellungen uni «en-trtSrefte sich häufen und drängen. Die langen
Winterabende sind ja zu solchen Festlichkeiten be- sonders geeignet; im Dezember aber störte die Adventszeit die öffentlichen Vergnügungen und das frohe Meihn achtsfest ist neben seiner hohen religiösen Bedeutung ein Familienfest. Im Februar tritt schon die Fastenzeit ein und macht dem Jubel ein Ende — der Januar aber hat all seine 31 Tage fvr frohe Feste frei. Auf dem Lande, wo jene städtischen Vergnügungen — Gott sei dankl — noch nicht so allgemein eingebürgert sind, wird im Januar in sehr vielen Familien ein anderes Fest gefeiert, das mehr reale Genüsse bietet: das Schlachtfest. Unzählige selbstgemästete Borstentiere müssen ihr Leben lassen, um den kleinen und großen Leuten das Leben zu verschönern. So lebt der Januar gewisfermaßen von dem Ertrage der Arbeit seiner Vorfahren, wie das ja bei Erstgeborenen, soweit sie in der Wahl ihrer Eltern vorsichtig gewesen sind, auch bei den Menschen nicht selten vorkommt.
Eine Schattenseite des Januar, die von vielen Leuten bitter empfunden wird, besteht darin, daß er als Haupt der Monatsfamilie auch für die Schulden seiner Brüder aufkommen muß, er ist der Zahlmonat. Gläubiger, Hausbesitzer, Aerzte, Handwerker, Lieferanten rc. haben jetzt ihre Erntezeit, und die Zahlungspflichtigen nehmen Abschied von den letzten Goldfüchsen und Silberlingen, die ihnen das Weihnachts-Schenkfieber noch übrig gelassen hat. Leute, die es wissen können, behaupten, daß die Pfandleihgeschäfte im Januar einen ebenso großen Aufschwung nehmen, wie die Derkaufsgeschäfts im Dezember. Die Hauptschuld daran tragen neben den Jahresrechnungen die kostspieligen Fastnachtsvergnügungen, die schon im Januar beginnen. Wer sich vor den Bitterkeiten des Januar sicherstellen will, muß das ganze Jahr hindurch darauf bedacht fein, keine Schulden zu machen, die der nächste Januar bezahlen muß, und im Januar selber die Beteiligung an Festlichkeiten auf ein bescheidenes Maß zu beschränken. Wer sich nicht nach der Decke streckt, dem bleiben die Füße unbedeckt.
Aber nicht nur weltliche Feste und Vergnügungen hat der Januar aufzuweisen; es zieren ihn auch zwei schöne kirchliche Feste. Am Neujahrstage feiet t die Kirche das Fest der Beschneidung des Herrn was von den meisten Menschen unter dem Neujahrstrubel vergessen wird. Am 6. Januar folgt dann das Fest der Erscheinung des Herrn (hl. Treikönige), welches in den ältesten Zeiten zugleich auch als Geburtstag Christi galt. In Sachsen, wo auch die Protestanten diesen Festtag haben, nennt man ihn „Groß-Neujahr" und feiert ihn hauptsächlich durch Kuchenessen.
An Ereignissen von geschichtlicher Bedeutung hat der Januar keinen befonbern Reichtum. Am 28. Januar 814 starb Karl der Große, der Begründer des römischen Kaiserreiches deutscher Nation. Am 18. Januar 1701 fand in Königsberg die Krönung des ersten preußischen Königs statt, und an demselben Tage — 170 Jahre später — wurde König Wilhelm I. von Preußen im Schlosie zu Versailles zum deutschen Kaiser aus- gerufen. Zehn Tage nachher mußte Paris fapi tuheren. Am 27. Januor 1858 wurde der älteste Schn des damaligen Prinzen Friedrich Wilhelm, unser jetziger Kaiser und König Wilhelm II. geboren.
Von andern hervorragenden Persönlichkeiten, die im Januar geboren waren, nennen wir: den Dichter Bürger (1. Jc nuar 1748), die Dichterin Annette v. Droste Hülshoff (10. Jan. 1797), den Pädagogen Pestalozzi (12. Jan. 1746), den fran- -ü'fischen Dichrer Molidre (15. Jan. 1622), Benjamin Franklin (17. Jan. 1706), Ludwig Windthorst (17. Jan. 1812), den englischen Philosophen Bacon (22. Jan. 1561), den Dichter Lessing (22. Jan. 1729), Joseph v. Görres <24. Jan. 1776.1, den Komponisten Mozart (27. Jan. 1756). Gestorben sind u. a. im Januar: Moses Mendelssohn (i Jan. 1786), Galiläi (8. Jan. 1642), Sinns (10. Jan. 1778), Dichter Wieland (20. Jan. 1813), Adalbert Stifter (28. Jan. 1868), Ernst Moriz Arndt (29, Jan. 1860), Rückert (31, Jan. 1866)
Im vergangenen Jahre war der Januar in politischer Hinsicht für Deutschland ausgezeichnet durch die Vorbereitungen auf die ReichstagSwah- len, die am 26. Januar stattfanden. Wenn man sich der gewaltigen Erregung erinnert, die dieser Wahlkampf allenthalben hervorrief, so dürfen wir uns freuen, daß wir in diesem Jahre den Monat in vollster politischer Ruhe beginnen konnten und hoffen dürfen, daß uns ein ruhiger Monat und so Gott will ein ruhiges Jahr beschieden sein werde.
— Das rauchende England. Eine Statrstrk des Tabakverbrauchs läßt erkennen, daß die kurze Pfeife, die früher für den Engländer so charakteristisch war, immer mehr an Boden verliert, ohne daß der Verbrauch an Tabak zurückgegangen wäre. Die Zigarette erobert schnell und sicher das rauchende Publikum. Man nimmt an, daß 80 Prozent der Männer in England Raucher sind. Diese Raucher zahlten für Tabak in dem letzten Jahre rund 25 Millionen Pfund Sterling. Davon kommen 15 Millionen Pfd. Sterl. auf Zigaretten, 9 Millionen Pfd. Sterl. auf Pfeifentabak und nur 1 Million Pfd. Sterling auf Zigarren. Die Tonpfeife, ohne die bisher ein englischer Arbeiter nicht auskommen konnte, ist sozusagen verschwunden. Die Zigarre hat ebenfalls der Zigarette gegenüber verloren. Dies erklärt sich natürlich daraus, daß die Zigarre in England zu kostspielig ist.
— Das gesunde Island. Wer lange leben will, muß nach Island ziehen, denn es ist statistisch nachgewiesen, daß die Leute dort durchschnittlich älter werden als in irgend einem anderen Lande der Welt. Die im Jahre 1905 auf Island vorgenommene Volkszählung hat ergeben, daß die Bewohner dieser glücklichen Ins« ein Durchschnittsalter von 61,8 Jahren errerchen, daS sind beinahe doppelt so viel Jahre, wre daS durchschnittliche Lebensalter emeS Menschen vor ungefähr einer Generation,