MaerWZeitmg
monatsbcitage: „Zuldaer Geschlchtsblätttt"
Fulda, Dienstag den 7. Januar 1908.
35. Jahrgang
3.K'.’ni'«ä":»«. wochmbeilage:„IllustrierteZonntagszeitung"
Iiselete: Vie tt» fpaltlgepetltrelleoder deren Baum IS pfg. BeNameadiepetitzeil« 25 pfg., bei Wiederholungen wir- entfpr.
Babatt gewährt.
Botationrdruckund verlag der Zuldaer Ak< tiendruckerei in Zulda Lernsprecher Nr. 9.
AnrnahMr -er Sonn, und Leiertage. viertel« sShrlicher vtjngrprelr ohne vrtngerlohn und Bestellgeld in Zulda s». wie auswärts 1.50 Elt
verontw. Redakteur: «arlbchStte;
Deutsches Reich.
□ Ein Wechsel in hohen Beamtenstellen ist am Montag eingetreten. Der Berliner Polizeipräsident v. BorrieS, von dem man neulich sagte, er habe durch die Auslieferung amtlichen Material- für eine geradezu vernich» tende Broschüre gegen die Auswüchse de- Auto» mobili-mu- „oben" stark angestoßen, ist in den Ruhestand geraten. An seiner Stelle wird der bisherige Landrat de- Kreises Teltow bei Berlin, von Stubenrauch, Polizeiprästdent der Reichs- Hauptstadt. Von Stubenrauch ist bisher al- besonder- rücksichtsloser Bekämpfer der Sozialdemokratie bekannt geworden. Außerdem hat er durchgesetzt, daß der preußische Staat in seinem Kreise den Spree-Havel-Kanal baute. Dieser Kanal hat, nachdem sich immer und immer wieder Neubewilligungen notwendig gemacht hatten, scyließlich die Kleinigkeit von 40 Millionen Mark gekostet, die sich in alle Ewigkeit nicht rentieren können. Die Freisinnige Zeitung hat seinerzeit wegen der argen Grundstückspekulaiion sehr ge- psefferte Angriffe gegen dm Herrn v. Stubenrauch gerichtet, dieser hat sich damals auf Erwiderungen in seinem KreiSblatt beschränkt. — Dann ist der Oberpräsident von Sachsen in den Ruhestand getreten. An seine Stelle tritt der Regierungspräsident Hegel von Allenstein; Regierungspräsident von Arnsberg wird der Re- gierunasvräsident von Bake aus Trier, der durch oen Regierungspräsidenten Dr. Boltz in Magdeburg ersetzt werden wird.
* Die Einkommensteuer - Erhöhung in Preußen. Die offizröse Kölnische Ztg/ ist schon vor der Etatsrede des Finanzministers v. Rhein- hab." ii der Lage mitzuteilen, in welchem Umsange o.e Erhöhung der Einkommensteuer in Preußen, die sich infolge der BeamtenbesoldungS- Äusbefferung angeblich als notwendig herauS- stellt, stattfinden soll. Da» Blatt schreibt: Finanz. Minister Frhr. v. Rheinbaben sei der Ansicht, daß eine Erhöhung der Staffelung der Einkommensteuer möglichst erst bei 10,000 Mk. beginnen solle, bei etwa 40,000 sollen 4 Prozent, bei 100,000 Mk. 5. Proper- reicht werden. Wie die .Köln. Ztg/ hinzugefügt, würde innerhalb der verschiedenen Parteien des Abgeordnetenhauses ein solches Vorgehen für unrichtig gehalten werden, weil man der Ansicht sei, daß die neuen Anforderungen, welche b« Etat an dieStaalSauSgaven stellt, von allen Steuerpflichtigen getragen werden müßten. Diese An- schaumig würde zur Folge haben, daß man eine gleichmäßige prozentuale Steigerung der bestehen- den Elnkommensteuersätze vornehme, oder aber ein bis zwei Monatsraten mehr zur Er- Hebung bringe. — Ja weffen Auftrage die,Köln. Ztg.' die letzteren Ausführungen macht, ist nicht verständlich. ES handelt sich hier kaum um mehr all um eine Vermutung; denn noch in keiner Fraktion haben Beratungen über diese Frage stattgefunden, geschweige denn, daß Be- schlüffe gefaßt worden wären, vielmehr wird man auf allen Seiten erst abwarten, welche Vorschläge offiziell in bezug auf die.Einkommensteuer gee macht werden.
* Der preußische Staatshaushalt für 1908 ist vom Staat-Ministerium endgültig genehmigt worden. Er wird am 8. Januar im Landtage zur Au-gabe gelangen. Finanzminister Freiherr
von Rheinbaben wird den Etat mit einer längeren Rede einbringen.
d. DaS Zentralkomitee für die General- Versammlung der Katholiken Deutschlands hielt in den letzten Tagen unter dem Vorsitz des Grafen Droste zu Vischerung eine Sitzung zu Frankfurt a. M. ab, in der bezüglich der Jubelfeier Papst PiuS X. beschlossen wurde: „Der auf der Würzburger Katholikenversamm- lung gefaßte Beschluß, in der ersten Maiwoche 1908 einen Pilgerzug der Katholiken Deutsch- lands zum Jubiläum des hl. VarerS nach Rom zu führen, kann mit Rücksicht auf die dem Zentralkomitee aus Rom zugegangenen Aeuße- rungen bezüglich der den Pilgerzügen in Rom drohenden Unsicherheit nicht zur Ausführung gelangen. Dahingegen wird beschlossen, durch eine Deputation die Glückwünsche der Katholiken Deutschlands dem hl. Vatrr darzubringen."
* Das Gesetz über die paritätischen Arbeitskammern, das bekanntlich die Genehmigung des preußischen Staatsministeriums erhalten hatte, ist der ,Nationalztg/ zufolge den übrigen Bundesregierungen zur Prüfung und Begutachtung zugegangen. In diesen Arbeitskammern sollen Arbeitgeber und Arbeiter in gleicher Zahl vertreten fein. Vorgesehen sind Kammern für den Bergbau, die Eisenindustrie, das Holzgewerbe, die Bekleidungsindustrie und die graphischen Gewerbe.
* Keine „interkonfessionelle" Zeitun gd- gründung? Vor kurzem war bekanntlich viel von einem geplanten neuen Blatte die Rede, das die Ueberbrückung der Gegensätze zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche zu seiner Hauptaufgabe machen sollte. Wie der »Trierer Ztg/ zufolge jetzt verlautet, ist dis Gründung geicheitert. Es sind nur 100000 Mark gezeichnet worden. Die Zeitung, die täglich zweimal erscheinen sollte, hätte natürlich ein weit größeres Kapital erfordert.
.'. Wiesbaden, 5. Jan. 1903. Heute hielt die Zentrum sparte! unseres Regierungsbezirks hier ihren Parteitag ab. Beiprechungen des Vorstandes des naffauischen Zentrumswahlvereins im Leseoeremsfaole vormittags hatten .einen vertraulichen Charakter. — Nachmittags fand im Kaisersaal in Anwesenheit von etwa 800 Personen eine Parteioersammlung statt, in welcher Herr Abg. Dahlem über die politische Lage, Herr Dr. Sonnenschein aus M.-Gladbach über die Bedeutung und Grundsätze der Zentrumspartei sprach. Der erste Redner beschäftigte sich in der Hauptsache mit den Na- tionattiberalen und dem Block. Herr Dk. Sonnen- schein berichtete u. a. über die sich aus katholi- scheu Kreisen gegen das Zentrum entwickelnde Opposition. Der sich in der katholischen Welt präsentierende kleine Flügel, der sich den Regierenden anzupassen versuche, deute darauf hin, daß etn großer Weltanichauungskampf bevorstehe, der eine Richtung der Grundsätze mit sich bringen werde. Der Sturm habe notgedrungen aus der Kulturentwicklung herauskomnten müssen, nachdem wir eine Periode großen wirtschaftlichen Erfolges erlebt hätten. Der Parteitag schloß mit einem Hoch auf das deutsche Zentrum.
* Dresden, 7. Jan. 1908. Der bisherige sächsische Kultusminister v. Sch lieben ist jetzt als geisteskrank in eine Anstalt gebracht worden.
NolksmchchMches uni Sojiatcs.
* Tie sinkende Konjunktur kündigt sich auch in England durch große Lohn kämpfe in der Industrie an: Die Baumwollfabrikamen haben sich entschlossen, 200000 Angestellte auszusperren. Die Lohnfrage bildet den Streitpunkt.
* DaS Ruhrgebiet scheint vor schweren Er- schütterungen bewahrt zu bleiben. In einer sozialdem. Bergarbeiterversammlung zu Bochum erklärte sich nämlich der Reichstagsabg. Hue mit aller Entschiedenheit gegen einen Ausstand, weil dieser gegenwärtig den Zechenbesitzer durchaus gelegen komme, während er den Organisationen nur Schaden bringen könne. Auch der soziald. Reichstagsabg. Sachse hat in Dortmund dringend vor dem Eintreten in den Ausstand gewarnt. Daß in den Versammlungen der christlichen Ge- werkschasten vor dem Streik gewarnt wurde, braucht nicht besonders betont zu werden.
Ausland.
* Zum Ministerpräsidenten in Belgien ist nun doch nicht der Finanzminister Lrebaert, sondern der Kammerpräsident Schollaert ernannt worden. Schollaert hatte letzthin als Präsident der Kolonialkommission mehrfache Kritik an der Kongovorlage geübt. Danach zu urteilen ist also dir König bereit, der Ab änderung der Kongovorlöge zuzustimmen.
* Vom französischen Kulturkämpfe. Zuerst dekoriert, dann verstoßenl Unter den mit Ordensauszeichnungen bedachten Personen befindet sich auch Schwester Ch omard, die Leiterin des Hospitals in Lyon. Mit dem ihr für ihre auf- opfernde Tätigkeit verliehenen Orden aus der Brust wird sie demnächst von der „dankbaren" Regierung auf die Straße gestoßen werden. — Der sozialistische Unterrichtsminister Briand, welchem die Durchjührnng der Trennung von Staat und Kirche zu „danken" ist, wurde zum Justizminister ernannt, um „fein Werk" weiterzuführen; denn die Trennung von Staat und Kirche ist jetzt in den Bereich der Justiz eingetreien. Anstelle von Briand wird als Unterrichtsmiaister der bisherige Handttsmimsier Doumergu; treten, den der bereits genannte Vizepräsident der Kammer und Advokat Gr an ppi ersetzen wird. Briand wird als Justizrainister Bize - Ministerpräsident.
* Das Befinden der Zarin, die wochenlang unter den Nachwehen einer Influenza gelitten, hat sich soweit gebessert, daß sie daS Bett wieder verlassen konnte. Am bevorstehenden russischen Weihnachtsfeste gedenkt sie die erste Ausfahrt zu unternehmen.
* Der russische Terrorismus macht sich wieder in seinen furchtbarsten Erscheinungen bemerkbar. Aus Petersburg wird berichtet, daß am Samstag eine Frau versuchte, sich Zutritt zu dem Chef der Schwarzmeerflstle Admiral Wiren, 6tr in einem Petersburger Hotel abgestiegen war, zu verschaffen. Geheimpoliz-sten nahmen sie jedoch an dem Portal des Hotels fest und sanden bei ihr fine geladene Browningpistole. Die Frau weigert sich, ihren Namen zu nennen.
* Aus Australien kommen Meldunzen von einem regelrechten Menschen handel mit chinesischen KuliS. Stach amtlichen Me!- dungen aus Melbourne zieht eine Bande verbrechen- scher Europäer aus dem gelben Menschenhandel ungeheuere Gewinne. Es bestehen geheime Fäden
zwischen den in Australien bereits wohnhaften Chinesen und Agenten der chinesischen Regierung, um daS vom Ministerpräsidenten Deakin einge- rächte Gesetz zu umgehen, das den Behörden das Recht einräumt, die Schisse nach Chinesen zu durchsuchen, um die unerwünschte Einwanderung von KuliS zu verhindern. ES soll jetzt kräftig durchgegriffen werden.
Aus Uirche und Schule.
*' Wien, 4. Jan. 1908. Nach einem Bericht der Wiener offiziösen . Politischen Korrespondenz" hat das Schreiben des deutschen Episkopats an den P a p st, worin die vollständige Zustimmung der Bischöfe zu der Enzyklika gegen den Modernismus ausgedrückt wird, im Vatikan den besten Eindruck gemacht. Das Gerücht, daß bei der Versammlung des deutschen Episkopats in Köln Meinungsverschiedenheiten zwischen den Kardinalen Fischer und Kopp über den Modernismus und die vom Papste in der Enzyklika vorgeschriebenen Disziplinarmaßregeln entstanden seien, werde durch die erwähnte Kundgebung der Bischöfe in autoritativer Weise widerlegt. Dem Heiligen Stuhle kommt es hauptsächlich darauf an, daß die Bischöfe die feste Absicht zeigen, die nwdernistischen Irrtümer zu bekämpfen, wenn sie dabei auch nötigenfalls mit Milde vergingen.
Arbeiterversammlung im Gesettenhause zu Hulda.
(C Fulda, 7. Januar 1907.
Zn der auf gestern nachmittag im Gesellen- Hanse anberaumten VersWllmlung waren die Arbeiter aus Stadt und Land erfreulicherweise so zahlreich erschienen, daß etwa 450 bis 500 Personen Saal und Vorzimmer füllten. Freudig bewegt rief um VzA Uhr Herr Domkapitular Herbener als Didzesanpräses und Vorsitzender den Männern der Arbeit ein herzliches Willkommen entgegen. Er erinnerte an die imposante Versammlung vom November 1906 rin gleichen Saale, wo die Herren Neichstagsabgeordne- ten Müller und Erzberger zu uns redeten. DaS damals gegebene Versprechen, treu zum Zentrum zu hatten, sei bei den Wahlen glänzend eingelöst worden. -Heute schwollt das Hochgefühl der Freude die Brust, weil wir nicht bloß den Vertreter deS Kreises im Reichstage, unseren Müller, te- grüßen können, sondern mit ihm auch unseren Generalissimus, den Vorsitzenden des westdeutschen Arbeiterverbandes Herrn Generaldirektor Dr. Pieper aus M.-Gladbach und den Diözesanpräses des Volksoereins Herrn Negierungsrat Klocke aus Treyia.
Herr Generaldirektor Dr. Pieper, der hierauf als erster Redner das Wort erhielt, schöpfte seine einstündigen Ausführungen über die Pflichten und Aufgaben des kath. Arbeiters aus der reichen Fülle seiner Praxis und aus einem für die Bestrebungen des Arbeiterstandes wann schlagenden Herzen. Er ging aus von den Anfängen der ka- tholrschen Arbeiterbewegung in den 1880er Jahren, wo die Arbeiter gleichsam noch vor der Tür stmiden, die sich heute aber Geltung zu ver- schaften gewußt ballen, so daß man von einer christlich-nationalen Arbeiterbewegung sprechen dürfe, mit der die Sozialdemokratie als einer ermtbaften Konkurrenz rechne. Tas Mißtrauen und die Schönheitsfehler, die sich an der au'steigenden christlich-nationalen Arbeiterbewegung zeigten, die damals noch von praktisch unerfahrenen Leuten geleitet wurde, seien geschwunden, Heute könne man sagen, daß die christlich-nationale Arbeiterbewegung einmünden werde in bte
Rest Merian.
Roman von Marie Baierlein.
10] (Nachdruck verboten.)
Resi fühlte, wie ihre Pulse schlugen bei diesen spottenden Worten. — Wie doch der heimliche Groll doch gleich beim ersten Sehen wieder daraus Vibriertei Da konnte doch noch sicher keine Rede sein von gänzlichem Vergessen l--
Christel stand schon auf der Türschwelle, schaute nach dem Ankommenden aus und strahlte über das ganze gute Gesicht, als sie die familiäre Gruppe gewahrte.
„DaS heiß ich eine Osterfreudel Nicht wahr, Fraulein Nesi, an so was hätten Sie auch nicht gedacht? Aber jetzt kommen Sie mir rasch zum EssenI Der Herr wird Appetit verspüren nach der langen Steife Ich wollte ihm schon gleich eine Erquickung vorsetzeu; ober er hat sie ausgeschla» gen, weil er absolut das Fräulein und sein Söhnchen abholen wollte; nachdem ich ihm gesagt, wo Sie zu finden wären, ist er eiligst davongestürmt."
^rlLtcl lächelte so eigen und zufrieden bei diesen Worten und warf einen schelmischen Blick auf das Mädchen. Jetzt mußte sie die mitge- brachten Ostereier Raouls bewundern und sich von dem Knaben all' die Plätzchen und Winkelchen beschreiben lassen, auf denen der splendide Hase dieselben versteckt hatte.
Fritz Weilers und Resi Merian waren daher für Augenblicke allein im Zimmer. Dec Mann betrachtete wehmütig und doch beseligt die alte traute Umgebung. Christel hatte den Tisch gar festlich gerüstet. Auf dem blendenden Damast» gedecke stand das ehrwürdige, wertvolle Familien- porzeüan und das schwere Silber, welches das <: r hindurch wohlverwahrt in seinen verschloss cxTf-Jz^ältern lag, blitzte neben den altmodisch geschliffenen Kristallgläsern. Mitten auf der prangte ein Strauß von Frühanemonen «ns Prrmeln, ganz eingefaßt mit grauglänzenden
Palmzweiglein. Und Büschelchen von letzteren waren auf Kommode, Fenstersims und Nähtisch» chen verteilt. Das Ganze bewirkte eine richtige, freudige Lsterstimmung.
„Wieder daheim!" Fritz Weilers sagte es leise vor sich hin und sein Blick suchte die beiden Brust- bilder der verstorbenen Eltern. Ein Schatten legte sich über feine heiteren, offenen Züge, als er das strenge Antlitz der Stiefmutter betrachtete.
„Ob sie mir auch jetzt noch zürnt, die harte, unversöhnliche Frau? — Sie weiß ja nun, wie ich für meine ihr so verhaßte Heirat gebüßt habe!"
Diese Bemerkung erinnerte Refi daran, daß sie zu dein Pflegebruder noch kein teilnebmendes Wort wegen des Todes seiner Frau gesprochen hatte. Sie trat daher zu ihm und sagte:
„Lieber Fritz, Du darfst mir's glauben, als Du uns damals die Nachricht von dem Hinscheiden Deiner lieben Frau sandtest, da haben Christel und ich aufrichtig mit Dir getrauert und Deinen Schmerz geteilt. Es muß fürchterlich für Dich gewesen sein"--
Er unterbrach sie fast rauh:
„Ich bin versichert, daß Euer Beileid aus aufrichtigem, treuem Herzen kam; aber Nesi — so pietätlos es klingen mag, verscheuche mir durch diese Erinnerungen nicht meine frohe, selige Wiedersehens» und Osterstinimung."
Und als er die bestürzte Miene des Fräuleins bemerkte, welches beinahe vorwurfsvoll in sein plötzlich verdüstertes Gesicht blickte, fuhr er fort: „Du nennst mich g->wiß innerlich herzlos und roh, weil ich mich bemühe, das Andenken an Toinette so wenig wie möglich in mir aufleben 3» lassen. Du weißt ja nicht, welche Enttäuschungen und Qualen mir diese Ehe bereitet hat. Ich war ein unerfahrener Mann, der mit aller Gewalt einen erlittenen Seelenschmerz ersticken wollte, als ich die schöne Sängerin kennen lernte, und habe nicht berechnet, daß die leichtsinnige nur an Vergnügen und Putz hängende Natur derselben mit meinem Charakter nie harmonieren
konnte. Ich trug im tiefsten Herzen die Sehnsucht nach einem gemütvollen deutschen Familienleben, dessen Kernpunkt die sorgende, in Liebe waltende Gattin ausmachen sollte, und sah mich bald in eine unordentliche Pariser Wirtschaft ver- setzt. Woher hätte auch meine Frau die richtigen haushälterischen Kenntnisse haben sollen? — Sie hatte eben nichts gelernt als Toilette zu machen und die Lieder mit Grazie und Schick vorzutra- gen. Wenn ich einst so leichtgläubig war und annahm, daß das blutjunge, gutherzige Wesen durch meinen liebenden Einfluß in bürgerliche, anspruchssose Bahnen gelenkt würde, so mußte ich diesen Irrtum schwer büßen. Mein Weib hat die Gewohnheiten ihres früheren Standes nie abgelegt. Von Jahr zu Jahr enthüllte sie mir immer mehr ihre grenzenlose Oberflächlichkeit, Koketterie und federleichte Moral. Sie verschleuderte mein schönes Einkommen und belastete mich mit Schulden Was half alles Grollen und Zürnen? Was nützten Vorwürfe und alle gut oder böfe angebrachten Einwendungen? — Sie bewirkten nur, daß der eheliche Frieden auf immer entfloh, und daß Zank und Streit an der Tagesordnung waren. Wenn ich bei der Geburt unseres kleinen Raoul auf Besserung dieser traurigen Verhältnisse hoffte, so hatte ich mich auch hierin wieder verrechnet. Meine Frau hatte blutwenig übrig für ihr armes, kränkliches Kind. Es wurde von ihr ebenso vernachlässigt wie der Mann, der ihr in Kebereitung und törichter Verblendung seinen Namen gegeben hatte. Kein Wunder, daß mir mein Dasein als eine Hölle erschien und meine Leidenschaft für diejenige, wegen der tdj mit Heimat und Vaterhaus gebrochen, aus meinem Herzen schwand. Ich habe sie zwar sehr bemitleidet, als sie in der langen Zeit ihres Lun- genleideils — den Keim dazu mag sie sich während ihrer Tbeatertäligkeit zugezogen haben — Tag und Nacht keine Ruhe fanb; aber als sie der Tod von ihren Qualen erlöste, konnte ich nur wenige Tränen vergießen. Und diese galten mehr meinem mutterlosen, atmen Jungen als der
Frau, welche, als sie die letzte Stunde nahen fühlte, durchaus in ihrem Lieblingskostüm, —> sie stellte darin einen Schmetterling vor — sterben wollte. Aus diesem frivolen Wunsche kannst Du so recht ihre geistigen Qualitäten ermessen. Toinette wollte noch im Tode durch ihre Schönheit blenden!"
„Armer Fritzi" Resi erwiderte sonst nicht- auf diese in bitterm Tone abgelegte Beichte; aber sie hatte jetzt die lakonische, trockene Kürze begriffen, mit der er ihr vor Monaten das Ableben dieser Frau mitteilte.
Christel erschien mit der dampfenden Suppenterrine, gefolgt von Raoul, der ein mit lockerem Osterbrot gefülltes Körbchen trug, und entriß dir Beiden ihrer gedrückten Stimmung.
Es war ein fröhliches Mahl, das die vier Personen — denn auch Christel mußte heute mit am Tisch essen — vereinte. Der Heimgekehrte trug die Kosten der Unterhaltung, erzählte von seiner überseeischen Reise und dem Aufenthalt in Martinique; beschrieb die dortigen Sitten und Gebräuche und die ausgedehnten Besitzungen, welche seine Pariser Firma auf der Insel verwalten liefe. x
„Jetzt bleibst Du aber für längere Zeit hier, Fritz? Du hast doch gewiß einen genügenden Urlaub erhalten, um Dich zu erholen?"
Herr Weilers lächelte Resi auf die Frage bejahend zu.
Ich muß mich doch wieder einmal von Dir und Christel so richtig verwöhnen lassen. Habe mich ja schon lange darnach gesehnt. UebrigenS trage ich noch ganz andere Absichten im Busen; sie sind nur noch nicht spruchreif."
Christel deutete die geheimnisvolle Rede wieder nach ihrer Weise und schmunzelte befriedigt vor sich hin; Resi aber legte Gabel und Messer bei Seite. Sie verspürte plötzlich keinen Appetit mehr; denn sie mußte an das jäh erblaßte Antlitz der Baronin Simmern denken und an den tiefen, sprechenden Blick, welche dieselbe dem heunaekehrten Pflegebruder zugeworfep hatte.^ (F. f.)^