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Mouatrdülage: „Zllldaer Geschichtsblätter" Lerusprecher Ur. §.

Irveiies Wlatt.

Wochen-Rundschau.

rf- Fulda, 4. Januar 1908.

Um die Jahrekw.'nde ist vor allem dank­bar anzuerkennen, daß Las vergangene Jahr den Frieden bewahrt hat und erfreulicherweise de- *uuben auch die Neujahrsbetrachtungen in der ^resie der europäischen Grotzmächte einstimmig »en ehrlichen Wunsch nach der weiteren Erhaltung »es Weltfriedens und die Bewahrung vor Krie> »eslaft und Kriegesnot wird als das bedeutendste ükttvum in der Jahresbilanz verzeichnet. Mit «echt. Die von den älteren Jahrgängen wissen rus eigener Erfahrung, wie viele Opfer an Gut end Blut der Krieg fordert, auch ein so sieghafter rnd glorreicher Krieg wie der von 1870 und 71. Luter dem Nachwuchs mag es wohl einige geben, «ie das »ewige Friedenslied" etwas abgeleiert tinben; aber sie sollen sich von denen, die durch Erfahrung klug geworden sind, belehren lajje i, »aß all die vielbeschrrecnen Friedenslasten ein tinderspiel sind im iBerglcid) zu den Bürden und ^ufeen, die der Krieg cuierlegt Auch dieFurcht »or dem Kriege ist schon ein Unglück. Seit der Narokkokrisis war das Bertrauen auf die Festig­et des Friedens nicht mehr so unerschütterlich. Im so erfreulicher ist es, daß das verflossene Jahr tns eine tüchtige Auffrischung der Friedenssicher- leit gebracht hat, durch die glatte Erneuerung des Dreibundes und den Nückgang der Spannung zwischen Deutschland und dem Reiche des Khnigs Lduard. Die Friedenssicherheit ist für uns von erhöhtem Werte. Ohne sie würde die wirt­schaftliche Krisis, deren Vorzeichen die Welt schon empfindet, viel schärfer sich entwickeln. Es ist schon schlimm genug, wenn die wirtschaft­liche Ebbe zusammentrisst mit der argen Fluauz- not, die sich fetzt im Reich und in den meisten Bundesstaaten geltend macht

Ganz im Stillen sind gleich nach Weihnachten die süddeutschen Finanzininister in Stuttgart zu- sammengekommen. Es wäre ihnen wohl nicht unlieb gewesen, wenn ihre Tätigkeit dort verbor­gen geblieben wäre. Aber sogar ihre Beratungs­ordnung ist bekannt geworden, und die sprach von „verbesserter" Branntweinsteuer, Tavakfabrikat- fteuer, Wehrsteuer und Erbschaftssteuer. Ein­stimmigkeit ist also in dieser wichtigen Frage noch nicht erzielt, und da man auch in den Blockpar­teien immer mehr zu der Ansicht kommt, daß die Entscheidung über die neuen Steuern den Block sprengen must, wird man sich gar nicht zu wun­dern brauchen, wenn nächstens die „Losung" der Finanzfrage bis zum nächsten Winter vertagt wird.

Die Krisis im Flottenverein ist auf die lange Bank geraten. Die Bayern haben am Sonntag in München ihre Landesversammlung t>es Flottenvereins abgehalten und bei der Ge­legenheit heftige Reden gegen Keim gehalten. Ter bayerische Prinz Rupprecht ist mit dem Kaiser -usammengetrofsen, doch helfet es jetzt, dieser werde nicht zugunsten der einen oder anderen Seite eingreifen, da es sich um einen „privaten" Verein handele.

Im rheinisch-westfälischen Koh­lenrevier gärt es bedenklich; das neue Knappschaft-statut kam nicht zustande, da die Ver­treter der Werke und die der Arbeiter sich nicht einigen konten. Nunmehr must ein Zwangssta­tut eingeführt Werder'. Tie Arbeiter find sehr erbittert; zu einem Streik wird es hoffentlich nicht kommen, die Kohlennot würde dadurch ge­radezu gefährlich werden.

Die bayerische Armee hat ein schwerer Verlust getroffen. Der Ches des Generalstabe», General, leutnant von Endres ist nach längerem schwe­ren Leiden gestorben. Von 1901 bis 1905 war er bayerischer Militärbevollmächtigter zum Bundes­rat Als solcher hat er sehr häufig im Reichs- tag das Wort ergriffen. Ende 1905 wurde er Ge­neralstabschef der bayerischen Armee. Ende der 90er Jahre war er zum Protestantismus über ge­treten. Im Reichstage hatte er einen heftigen Strauß mit dem Abg. Dr. Müller-Meiningcn. Dieser hatte die bayerischen Offiziere und ihre Vorbildung gerühmt und sie den preußischen Ka­meraden gewissermaßen als Muster hingestellt. Da trat Generalleutnant v. Endres auf, um mit außerordentlicher Schärfe den Angriff, den er aus der Rede heraushörte, zurückzuweisen und das preußische Offizierskorps als mindestens gleich- stehend in Schutz zu nehmen. Man meinte da­mals, Generalleutnant v. Endres habe damit sich selbst geschadet, und die Gunst des Prinzregenten verscherzt Indes bedeutete auch sein Weggang von Berlin nur eine neue Beförderung; er wurde Kommandeur der 2. bayerischen Division in Augs­burg und schon nach 6 Monaten Chef des bayeri­schen Generalstabes.

In Holland hat daS liberale Kabinett De Meester seine Entlassung genommen. Der Grund zu der Krisis ist die Verwerfung des Heeresbud- getS. Die Lage, die sick jetzt ergibt, ist ziemlich verworren. Dem liberalen Block war es gelun­gen, das Ministerium Kuyper zu Fall zu bringen. Aber die liberale Einigkeit dauerte nicht lange, die Mehrheit blieb stets sehr unsicher, es fanden sogar aus den Reihen der Liberalen Vechand- hingen mit den Gegnern statt, die aber abgeleynt wurden, wie diese denn in richtiger Erkenntnis der Sachlage, nicht eher daran denken wollten, die Macht wieder zu übernehmen, als bis das liberale Regime wieder völlig abgewirtschaftet hätte. Heute werden die Kuyper-Getreuen mit gesam­melten Kräften auf den Plan treten, umsomehr, als für die ganze Zukunft des Landes bedeu­tungsvolle Fragen zu erledigen sind, deren Lö­sung das liberale Kabinett De Meester nicht ge­lungen ist.

In Belgien steht die Kongo-Angelegenheit im Vordergrund des Interesses. Der Kongostaat soll eine belgische Kolonie werden. Die Verhand- jungen darüber sind bereits vor mehreren Jahren eingeleitet worden. Der augenblicklich zur Bera­tung stehende Vertragsentwurf, der lediglich die persönlichen Interessen Leopolds II. berücksichtigt, wird in der jetzigen Form von der Kammer nicht angenommen werden; andererseits ist der Kö­nig wenig gewillt, den Interessen des belgischen Staates Rechnung zu tragen.

In Marokko ist der französische Oberbe­fehlshaber General Drude durch den General D Amade ersetzt worden, angeblich „krankheitshal­ber". In Frankreich gibt man sich allerdings keiner Täuschung darüber hin, daß Drude in Un­gnade gefallen sei, weil er das Eindringen Frank­reichs in Marokko nicht energisch genug gefördert habe. Ob er es an eigener Tatkraft hat fehlen lassen oder nur Weisungen höheren Orts nachkam und jetzt den Sündenbock abgeben muß, steht noch dahin. Tie Franzosen melden andauernd von großen Unruhen im Innern des Landes, beson­ders in der Hauptstadt Fez. Sie wollen von Nordosten her, wo sie mit den Bergstämmen einen Streit vom Zaune gebrochen haben, ins Innere Vordringen und auch eine Straferpedition bis nach Fez einrichten. Tas ganze sieht genau aus wie die Eroberung eines Landes. Der Algeciras- Vertrag macht den Franzosen offenbar keine Sorge mehr, da Deutschland sich anscheinend um Marokko gar nicht mehr bekümmert.

Rußland bot der Welt in dieser Woche ein beschämendes Schauspiel. Als die letzte Duma

aufgelöst wurde und bte Regierung dazu über­ging, dem Volke trotz deS Eides des Zaren auf die letzte Verfastung eine neue, schlechtere Verfassung aufzuzwingen, da zogen die volksfreundlicben Mitglieder der aufgelösten Duma zu einer Der- fammlung nach Viborg in Finnland, das Pe­tersburg gegenüber auf der anderen Seit« der Newa liegt. Sie haben dort beraten und einen Aufruf an da» Volk erIaffen, der gegen diesen Gewaltakt der Stolypinschen Regierung prote- stiert. Diese Leute ha: man jetzt, obwohl die Dumamitglieder unverletzlich sind und wegen der Tätigkeit in Ausübung ihres Amtes nicht Per- folgt werden dürfen, vor Gericht gestellt und alle- samt — e8 handelt sich um die Mehrheit der alten Duma — au 2 Monaten Gefängnis verurteilt. Dadurch wird der politische Friede des Landes natürlich nicht gefördert. In Petersburg ver­handelt das Kriegsgerichr gegen die Generäle, die im japanischen Kriege an der Kapitulation von Port Arthur beteiligt waren. Für General Stöf­fel insbesondere, der angeklagt ist, die Festung vorzeitig übergeben zu haben, ergab die bisherige Beweisaufnahme sehr belastende Tatsachen.

Da; Stltfinmiier her $ereinigten Staaten setzt seinen Weg nach dem Stillen Ozean um die Südspitze von Südamerika ohne viel Geräusch fort. Ma» kann es in gewissem Sinne mit der Flotte Roschestwenskys vergleichen. Wie diese unternimmt das amerikanische Geschwader den weiten Weg nach Alien. Wie diese richtet es sich gegenJapan, wenn auch nicht direkt offensiv. Aber ein Unterschied ist doch: Es ist Friedens-, nicht Kriegszeit, noch herrscht keine Not. Das ist die Klugheit Roosevelts schon im Frieden für den Krieg zu sorgen und nicht so sorglos wie seinerzeit Rußland zu sein. Er will keinen Krieg, aber er ist darauf gerüstet.

Darüber herrscht fein Zweifel, daß Japan eine Ausdehnung im ost asiatischen Jnselgebiet sucht. Seine Absichten erstrecken sich auf die Philippinen die Hawaii-Inseln und vielleicht auch noch auf den niederländischen Ar­chipel. Bei den erstgenannten Inselgruppen ist das japanische Element bereits so stark geworden, daß es die Amerikaner in Schrek» feit gesetzt hat. Auch die wirtschaftliche Erobe­rung des asiatischen Marktes durch Japan hat begonnen, und es ist bezeichnend genug, daß so­gar England, der Verbündete Japans, bei diesem Kampf Haare lassen muß. Die japanischen Schiff­fahrtslinien verbinden bereits Indien mit China und Japan und verdrängen englische Gesellschaf­ten. Zwischen japanischen und russischen, japani­schen und amerikanischen wie australischen Häsen laufen Dampfer unter javanischer Flagge. Chi­nesische und siidainerikanische Schiffe werden auf japanischen Werften gebaut, Japan liefert Me­tallwaren nach China, Japan vermittelt den Handelsverkehr zwischen zwei asiatischen Ländern. Zwischen Hawaii und Japan verkehren fast nur japanische Schiffe.

Man befürchtet in Amerika, sobald die Ja­paner die Gewißheit zu haben glauben, daß ihnen die Inselwelt sicher ist, würden sie auf den Inseln eine Erhebung veranlassen, sie frei vom „Joche" Amerikas machen und den Anschluß an Japan erklären. So gut Amerika seine Monroe-Doktrin hat: Amerika den Amerikanern, so hat Japan die Devise aufgebracht, daß „Asien den Asiaten" gehört, Australasien inbegriffen. Die führende Macht Asiens ist Japan, und sie glaubt daher auch das Recht und die Pflicht zu haben, über die Rechte Asiens zu wachen.

Diese Gelüste sollen den Japanern durch die warnende Lektion mit dem amerikanischen Ge­schwader ausgetrieben werden. Und Japan? Es

macht die harmloseste Miene dazu. Man tut, alt glaube man. das Erfckcinen des amerifanifdwn Gesc^vaders im Stillen Ozean sei ein bloßer Manöver ohne politische Hintergedanken. Man wird sich nichts merken lassen, aber indessen nach besten Kräften rüsten. Doch die Bereinigten Staaten haben einen längeren Atem, und Japan wird sich schon damit bescheiden müffen, künftig die zweite Rolle im Stillen Ozean zu spielen. Umsomehr freilich wird es dann darauf bedacht fein, feinem Ehrgeiz und Machthunger nach dem asiatischen Festlands bin Raum zu ver­schaffen. Korea genügt ihm schon nickt; in der Mandschurei spielt es sich bereits als den Herrn auf. China wird zwar dadurch vor den Kops gestoßen, aber die japanische Politik glaubt Chi­nas schon Meister zu werden und sich des heute noch so ungelenken Kolosses einmal mit unwider­stehlichem Nachdruck bedienen zu können. Da» Bündnis mit England bildet fein moralisches Hindernis für eine unabhängige Politik Japan» gegen England, wenn es dann feinen Vorteil er­blickt. In England hat man das anfangs nickst glauben wollen, weil man an Japans Dankbar­keit glaubte, heute ist man aber ernüchtert.

„Die dreihundert Millionen Indier, die von den Europäern unterdrückt werden, schauen nach dem Schutz Japans gegen die europäische Unter- drückimg aus. Die Indier bereiten mit Eifer die Sperre der europäischen Waren vor; und wenn die Japaner versäumen, diese Gelegenheit auszunutzen, bereiten sie dem indischen Volke eine Enttäuschung. Wenn sie sich weigern, das zu er­greifen, was der Himmel ihnen gesandt hat, werden sie dementsprechend bestraft werden." So sprach kürzlich in Kobe der alte Führer der Fort­schrittspartei, Graf Okuma, der ehemalige Mi­nister des Auswärtigen und Ministerpräsident.

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Deutsches Reich.

* Die Folgen der Ansiedlungspolitik. I« keiner Gegend Deutschlands bat die Boden­spekulation die Preise der ländlichen Besitzungen derart in die Höhe getrieben, als in den Ost­marken infolge der Ansiedlungspolitik. Besitz­wechsel ist hier epidemisch geworden, und Tag für Tag wissen die ostmärkischen Blätter Liste« übet Guisverkäufe zu bringen. Zur Charakteri­sierung der ungesunden Verhältnisse und der un­sinnigen Steigerung der Bodenpreise soll ei« neues Beispiel dienen, da- wir der Bromberger ,Ostd. Rundschau' entnehmen: Vor z e h n Jahre« lauste ein Deutscher das Vorwerk Hanry bei Glowno für 24,000 Mk. Inzwischen hat das Vorwerk siebenmal den Besitz gewechselt. Im vorigen Jahr gelangte es für den Preis von 92,000 Mk. in den Besitz der Bank Parcelanyjny in Posen, und jetzt hat diese das Gut für sag« und schreibe 130,000 Mk. an einen Polen in Kriewen weiterverkauft. Der Preis ist demnach in nur zehn Jahren um 106,000 Mk., also um 440 Proz. gestiegen. Es ist etwas Großes um unsere Ostmai kenpolitik!

* Der starken Rückwanderung aus Amerika hat auch die Regierung ihre Ausmerksamkrit zu- roenben müffen. Für sie handelt es sich in erster Linie darum, den Staat davor zu schützen, daß ihm unerwünschte nichtdeutsche Elemente zur Last fallen. In dieser Beziehung ist insofern Vorsorgt getroffen, als die in Deutschland konzessionierte« AuSwanderungs • Unternehmungen Garantie für alle Kosten leisten müffen, welche für die Durch­beförderung nichtdeutscher Rückwanderer durch Deutschland in die Heimat dem Reiche etwa er­wachsen könnten. Die Erwartung, die deutsche«

Unpolitische SelttSufe.

(:;) Berlin, 2. Januar 1908.

(Nachdruck verboten.)

■ Der eheliche Jammer im Hause deS Grafen Moltke wurde um Weihnachten zum ztvciten Male im Gericktssaal abgehandelt. Zu derselben Zeit, wo in Millionen von Familien daS schönste häusliche Fest unter dem Christbaum deS Frie­dens und der Liebe begangen wurde! Liefert der Berliner Prozeß nicht schon genug und übergenug von ergreifenden Enthüllungen aus dem glänzen­den Elend? Zum Ueberflufe kam nun in der Festwoche noch die Nachricht von einer entsetzlichen Bluttat: ein Major wird nachts im eigenen Hause erschossen von einem Hauptmann, und die schöne Gattin des Major» wird verhaftet unter bet Anklage, ihren Geliebten zur Ermordung de» Ehemannes angestiftet zu haben. Am Weih­nachtsabend waren das Opfer, die verräterische Frau und deren Kinder sowie der mörderische Hausfreund noch unter dem Christbaum versam- mclt gewesen.

Das schöne Geschleckt, das schwache Geschlecht was fuc eine unheimliche Gewalt hat es über ®o8 sogenannte starke Geschlecht!

Graf Moltke gewinnt in feinen vorgerückten fahren Gefallen an der reizenden Witwe des Herrn v. Kruse. Er erhält das ersehnte Ja und schreibt in überströmender Herzensfreude: das ist fast zu viel Gluck für mich alten Knaben! Schon m der Brautzeit kommt die Ernüchterung: di» Angebetete zeigt die ärgsten Launen und macht rhm sowie seinen Angehörigen die peinlichsten Szenen. Aber inzwischen wirft sie sich ihm immer toteöec an den Hals, und er ist gutmütig genug, Hclratsversprechen einzulösen, obschon er ine krankhaften Nerven der Frau genügend erprobt bat. Sein Zusammenleben mit der hysterischen "rou wird zu einer wahren Hölle. Tie Treu- »uug wird unvermeidlich. Er ist anständig ge-

vor der Welt die ganze Schuld an der Schei­

dung auf sich nehmen zu wollen. Aber die Ge­schiedene schwört ihm Rache. Sie schiebt die Ehescheidungsakten dem Preßmann Harden zu und erzähl! ihm dazu die schändlichsten Geschich­ten über ihren früheren Ehemann. Herr Harden glaubt der rachsüchtigen Frau unbesehens und läßt die Artikel los, die den Grafen Moltke und dessen Freunde unmöglich machen sollen. Graf Moltke klagt, und in der ersten Verhandlung vor dem Schöffengericht muß er ein Schicksal erdul­den, gegen das die körperlichen Foltern der Vor­zeit ein Kinderspiel waren. Vor dem Schöffen­gericht sagt die geschiedene Frau unter dem Zeu­geneid alles gegen ihn ans, was sie sich in ihrem krankhaften Gehirn zusammengebraut hat; das Zeugnis gilt als klassisch. Die vom Grafen Äolike vorgeschlagenen Gegenzeugen werden nicht ver­nommen. Seinen eigenen Sachverständigen wird das Wort entzogen. Der Sachverständige der Gegenpartei erklärt den Grasen Moltke für un­bewußt normwidrig in feinem geschlechtlichen Em­pfinden. Harden und sein Verteidiger Dr. Bern- stein können sich in der Kränkung und Verhöh­nung beS armen Grafen nicht genug tun. Das Schöffengericht spricht auf die Aussage der ge­schiedenen Frau und des sonderbaren Gutachtens des Arztes den Beleidiger frei. Graf Moltke steht vor aller Welt da als ein Mensch mit un­natürlichen Trieben, der seine Frau in Wort und Tat auf das roheste mißhandelt habe. Daß dieser Mann unter der Folter des Gerichtsverfahrens und unter der Wucht des vernichtenden Erkennt­nisses nicht zusammengcbrvchen ist, muß man a's halbes Wunder befrachten. Ossenbar hat nur die Hoffnung auf eine zweite, bessere Verhandlung ihn aufrecht erhalten. Und zum Jahreswechsel hat wirklich die Wahrheit triumphiert Das Bild hat sich vollständig umgedreht. Eine ganze Reihe van Sachverständigen sagt jetzt einstimmig, daß Graf Mcltke ein ganz normaler Mann sei; auch der sonderbare Sachverständige von damals nimmt fein Urteil förmlich und feierlich zurück. »- der traurigen Ebe hat es freilich Mißhand­

lungen gegeben; aber sie war der gewalttätige Teil. Er duldete und vertuschte die zerkratzten Arme und Augen. Er benahm sich mehr als rit­terlich, wirklich ebelmütig gegen das kranke Weib; auch in der ersten Verhandlung noch, wo doch wahrlich der Selbsterhaltungstrieb ihn drängen mußte, die Wahrheit über seine häusliche Rolle in die Welt hinauszujchreien. — Wie furchtbar hat der Mann leiden müssen unter den Folgen des Johannistriebes, der ihn den Reizen eines schö- neu Weibes erliegen liefet Und wahrhaft tragisch erscheint sein Schicksal, wenn man bedenkt, dafe schon während der Verlobungszeit die Enttäu­schung eingetreten war, aber sein Zartgefühl ihn bestimmte, von der vollberechtigten Auflösung der Verlobung Abstand zu nehmen I Schwächen und Fehler findet man freilich auch beim Grafen Moltke; aber das Tragische liegt gerade darin, dafe er für entschuldbare Mißgriffe so schrecklich büfeen mußte, indem er vor aller Welt wegen der abscheulichsten Tinge Monate lang am Pranger stehen mußte. „Ich habe seit Oktober den Schlaf verloren; deshalb gebrauche ich ein Riechfläschchen mit englifd'cm Salz." Welch' eine Folterqual der Nerven wird in diesen einfachen Worten bekundet!

In dem blutigen Trama zu Allenstein erscheint das Opfer als ein tadelloser Mann. Eine Gerichtsverhandlung hat freilich noch nicht stattgefunden; dock nach den übereinstimmenden Berichten ist anzunehmen, daß der erschossene Major ein braver Mann, ein sehr tüchtiger Offi­zier, ein frischfröhlicher Jägersmann, ein zärt- lieber Familienvater war, stolz auf seine schöne Frau und voll von Vertrauen auf ihre Siebe und ihre Tugend. Und diese Familienmutter, die sich in einer beneidenswerten Sage befindet, treibt schnöden Ehebruch und stiftet schließlich einen Liebhaber zur Ermordung ihres Mannes an. Wer begreift diese teuflische Entartung einer Seele, die in einem zarten, lieblichen Frauenkörper wohnt? Und wer begreift es, daß ein Haupt­mann unter dem Einflüsse des liederlichen WeibcS sich zum Mörder an seinem Kameraden und

Freunde machen läßt. Das ist das „starke Ge« schleckst" I So schwach ist das männliche Geschlecht sogar in denjenigen Exemplaren, die als Offizier« der preufeischen Armee für die Blüte männlicher Kraft «nd männlicher Ehre geltenl

Der Menschh-ii ganzer Jammer faßt un» a«, wenn wir diese Irrungen und Verwirrungen, diele Verkettungen von Lust und Oual, vo« Krankheit und Verderben, von Schuld und Schande betrachten. O. ihr einfachen Leute, di« ihr in schwerer Arbeit das tägliche Brot verdient und es am ärmlichen Tisch in Frieden mit den eurigen verzehrt, beneidet nicht unbesehens dr« „höheren" Leute von Rang und Reichtum. Unter dem glänzenden Rock schlägt oft ein verzweifeln­des Herz, und hinter den strahlenden Fenster« wohnt oft das gräulichste Elend.

„Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glück­lich liebend Paar." So singt Schiller zur Freud« der Heiratslust i geu Jugend. Dkan kann auch sagen: Raum ist in dem feinsten Paläste für ein unglückliches Paar, dem die geschwundene Sieb« eine Hölle zurückliefe l Die wahre Siebe macht im­mer glücklich; aber wehe, wenn auf einer Seit» oder gar auf beiden Seihen die sogenannte Sieb« nur Selbstsucht oder gemeiner Sinnentrieb ist. Von den volkstümlichen Sprüchen Schillers wird leider der eine nicht genug beachtet: Darum prüfe, wer sich ewig bindett Prüfen, prüfen, und noch­mal» prüfen t Ja, die Aeufeerlichkeiten werde« genugfom geprüft: ob das Gesicht schön, die Sta­tur hübsch. daS Lächeln lieblich, die Mitgift reich­lich ist. Aber das Herz, daS Gemüt, der Charak­ter? O, darüber hüpft man hinweg. Während der Tandel- oder Brautzeit pflegen sie ja sich lie­benswürdig zu geben; man spielt sich gegenseitig nur reizende Komödie vor. Und da nach alt« Erfahrung die Liebe blind macht, te hat ma« keine Zeit und keine Lust, hinter die Kulissen die­ses angenehmen Theaters zu gucken. Wenn El­tern oder Verwaiste em Wort der Aufklärung und Mahnung riskieren, so hält man da» für eine unverständig- ober Apt boshafte Einmischung