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Zuldaer W Zeitung

wochenbeilag«: „Illustrierte Sonntagsreitung" Momtstellag«: „8«ldaer Geschichtrblätter"

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RatatkonsdrnSnnd Verlag tat Fuldaer Äk. ttendrnckerei in Fnlda zernsprecherRr.4.

35. Jahrgang.

Fulda, Samstag den 4. Januar 1908.

jv$ 3.

Drittes Wtatt.

(•) Var wittschastsjahr 1907.

Mit der wirtschaftlichen Hochkonjunktur, die fünf Jahre lang angehalten hat, ist eSvorbei. Teit einem Vierteljahr sehen wir deutliche an* zeickten eines Konjunkturrückganges. >;n den Großstädten zeigt sich eine vermehrte Arderts- losigkeit, von der besonders dre „ungelernten Arbeiter betroffen werden. Tie Geschäfte gehen nicht mebr flott, und überall fehlt die rechte echte Unternehmungslust. ,

Es ist kein Zweifel mehr: deS 20. Jahrhun­derts erste wirtschaftliche Hochflut ist vorbei. ES ist zwar nicht daS Ende, aber der Abschluß der Entwickelung da. Und, so wird in einem länge­ren. dem Wirtschaftsjahr 1907 gewidmeten Ar­tikel der „Kölnischen Zeitung" ausgeführt, nur um einen vorübergehenden Abschlust handelt es sich, dem wie man hofft, früher oder später wieder die belebenden Fluten zu neuem Aufschwung entquelle«.

Lange hat man stch, so heißt es in dem er­mähnten Artikel weiter, voll bewußt der im wirtschaftlichen Kampfe gestählten Spannkraft, gegen die Erkenntnis gesträubt, daß es mit der wirtschaftliche» Hochflut vorbei sei. Krankhafte Erscheinungen, wie sich sonst nach Zeiten langen Aufschwungs am Wirtschastskörper zu zeigen pfle­gen, waren diesmal nur vereinzelt vorhanden. Ts fehlte an einer alles überwuchernden Ueber- spekulation und an dem fo sehr gefürchteten Zu­stande der Ueberproduktion. Bedarf war im Segenteil in manchen Wirtschaftszweigen so stark vorhanden, daß ihn die Erzeugung aller An» strengungen zum Trotz nicht befriedigen konnte. Die Steinkohlenförderung, die Roheisenerzeugung und bis vor kurzem auch noch die Stahlgewin­nung übertrafen noch die mächtigen Rekkord- ziffern des vorigen Jahres. Der Güterverkehr auf den deutschen Eisenbahnen nahm noch geival- tig zu.

Alle diese Symptome, denen noch die glänzen- den Ergebnisse der nm die Jahresmitte abschlie­ßenden Aktiengesellschaften hrnzuzurechnen sind, ’ogen sich als Ausläufer einer beispiellosen Stuf- oärtsbewegung teilweise bis in das Ende des Jahres 1907 herüber, gaben ihm aber nicht das Gepräge. Seine Bedeutung liegt nicht in seinen Ergebnissen, sondern in der unter ihrer glänzen­den Deck» in aller Stille sich tiorbereitenben und »ollziehenden Wirtschaftswende. Diese wat unter dem Zeichen der Kapitalteue- r u n q ein. die durch die starke Nachfrage nach Kapital infolge der wachsenden Menge der am Äarkte befindlichen Güter, der Preissteigerung für Rohstoffe und Fertigerzeugnisse und der stei­fenden Löhne herbei geführt wurde.

Die gewaltige Verteuerung und die Knapp- yeit des Kapitals mußte die Anfwärtsbewegunq zum Stillstand bringen und zur Einschränkung der wirtschaftlichen Tätigkeit führen. Gegenüber der Berteuerung der Jndustrieerzeugnisss hielt die Berteuerung der wichtigsten Lebens- mittel weiter an, unk daraus ergab sich zu­gleich die Notweridigkert der Einschränkung des Verbrauchs.

Die Geld- und Kapitalknappheit führte den Abschluß des bisherigen Verlaufs der Entwicke­lung herbei, der jedoch nur den Anfang eines neuen Abschnitts unserer Wirtschaftsgeschichte.be­deutet. Darum liegt auch in jener Feststellung nichts, was zu nutzlosem Verzagen Anlaß bieten könnte. Manche Hoffnung allerdings wird mit dieser Feststellung begraben. Vielleicht wird auch gar manches, was im Verlaufe des Aufschwunges

geschaffen wurde, sich als nicht widerstandsfähig I erweisen und der Umgestaltung bedürfen. Alles muß zugleich der veränderten Anlage angepaßt werden, und damit ergibt sich wieder eine Fülle von Arbeit, die in dem beruhigenden Bewußt­sein in Angriff genommen werden kann, daß der Boden, auf dem sie getan werden muß, keines­wegs unterhöhlt und moralisch morsch ist, sondern eben nur, durch die unwiderstehliche Macht der Tatsachen eyyrn Ausdehnungsdrange ein Ziel ge- setzt wurde, 5er den itm zu Gebote stehenden Mit­teln weit vorausgeeilt war.

Der Ausgleich, der hier angestrebt werden muß, die allmähliche Linderung des vom Kapital­märkte aus,gehenden Drucks bedeutet darum allem Anscheine nach auch eine Wiederbelebung der wirtschaftlichen Tätigkeit. Eine über den Bedarf hinausgehende Steigerung der Giiter- erzeugung liegt nicht vor. Wichtige Voraus­setzungen für eine Besserung bet Lage sind somit gegeben. Und darum gilt es, den Blick nicht dar­auf zu richten, was war, sondern vorwärts auf das, was kommen wird, auf die hoffentlich nicht ferne Zeit, in der mau auch von der rückläufigen Bewegung der Gegenwart sagen wird: vorbei I

Deutsches Reich.

— Die Reform der Matrikularbeiträge ist Gegenstand eifriger Beratungen in der Re­gierung gewesen. Nach einer Mitteilung eines mitteldeutschen Blattes soll eine Reichsver- mögenssteuer in Höhe von Vi Mark pro lOOÖ Mark Vermögen in der Form einet bundesstaatlichen ©teuer vorgeschlagen werden. Mü dieser würde man dann die Unterlage für .te Wohlhabenheitsverdältniffe der einzelnen Staate« gewinnen und daraus dann einen neuen Maßstab für die Verteilung der Matrikularbei- träge konstruiere« können. — Natürlich handelt es sich auch hier um Projekte, bei denen es keineswegs sicher ist, daß die Negierung sie zur Enlscheidnng verlegen wird.

* Landwirte ohne Wohnhäuser. Den polni- s ch e n L a n d w i r t e u, die wegen der ihnen ver­weigerten Ansiedelungsgenehmigung die Land­wirtschaft im „Umherziehen" ausüben, indem sie, in alten Zigeuner- oder Zirkuswagen hausend, auf der von ihnen erworbenen Scholle Hausen, will man jetzt auch das unmöglich machen. Der erste dieser wandernden Landwirte, Drzhmala in Podgradowice, für den durch allgemeine Samm­lungen die Polen einen Wohnwagen gestiftet ha­ben, hatte bald mehrere Nachahmer gefunden, u. a. einen gewissen Peplinski in Wiepczowice und Gacztowski in Lindenbusch. Dem letzteren wurde dieser Tage von dem Gemeindevorsteher in Lindenbusch folgende Aufforderung zugestellt:

Rach einer Anzeige des Beyrtsgendarmen yaben Sie sich in Ihrer wagenähnttchen Behausung einen ckeuerungs Herd errichtet. Da Ihnen auf Ihrer Ansiedlung die Errichtung von FeueruuqSanlage« untersagt worden ist, fo forbtrt ich Sie hiermit auf, die in Frag« kommende Kochuorrichknng unverzüglich zu entfernen. Sofern dies nicht innerhalb drei lagen nach Zustellung dieser Aufforderung geschehen sollte, so wird Ihne» auf Grund bet § 132 deS Ge­setzes über die allgemeine LondrSverwallung eine Ord­nungsstrafe in Höhe von 30 Mark auserlegt werden Gez.: Friese.

Obgleich Gacxkowskl gegen die Verfügung so­fort Einspruch erhoben hat, versuchte am 23. v. Mts. tm Auftrage des Gemeindevorstehers der Bollziehungsbeamte den Betrag von 10 Mark — Kosten für die amtliche zwangsweise Entfernung des Ofens — cinzuzwhen. Da freiwillige Zahl- Ung nicht geleistet wurde, wurde der ganze Wohn­wagen gepfändet und Versteigerungstermin nach Ablauf einer Woche enberaumt. Die „Gaz. Grud-

ziadzka" bemerkt hierzu: Diebische« Zigeuner- banden ist cs erlaubt, in geheizten Wohnwagen zu Hansen, ,richt aber den Polen auf ihrer eigenen Scholle und In ihrem Vatcrlande. — Kleinlicher tonnte man nicht gut Vorgehen und auch nicht drastischer dem Ansiedlungsgesetz den Stempel bet Entrechtung aufbrüden. Rechtlich unhaltbar lote bies ganze Gesetz erscheint uns auch bas jetzige Vorgehen. tcc'I cs in seiner Wirkung ge­gen bte Freizügigkeit verstößt.

II. München, 2. Jan. 1908. Herr Dr. Armin Kausen hatte dringend gebeten, bei feinem 25jährigen Redakteur-Jubiläum von jeder äuß-ren Feier abzusehen, dennoch nahmen die Gratulationen einen außerordentlichen Umfang an. Es fehlte auch nicht an kostbaren Ehrengaben und prächtigen Blumenipenden. Eine unserer bekanntesten Schriststellerinnen sandle einen mächtigen Lorbeerkranz mit der Widmung: „Dem berufenen Kämpen im Dienste Gottes und der Brüder — dem Edelmeufch n und Freunde!" Von überall her liefen und laufen noch fort­während ungezählte Depeschen, Briefe und Karten ein. Redaktion und Verlag der .Fuldaer Zeitung', die vor 25 Jahren bas erste Feld der Redaklionstäugkeit Dr. Kau-ens gewe'en war, stellten sich mit einer schmeichelhaften Adresse ein, desgleichen die Angestellten der /Allgemeinen Rundschau'. Unter den Glückwünschen befinden sich solche aus den höchsten Kreiien, wie von Parlamentariern, Polinkern, Kollegen und Fachgenossen aus ganz Deutschland und aus dem Auslande; auch aus gegnerischen Lagern trafen erfreuliche Gratulationen ein. Die wert­vollste Festgabe war jedenfalls das ehrenvolle Schreiben, da« der neue apostolische Nunliu» in München, Erzbischof Andreas Franziskus Früh- wirlh, unter dem 1. Januar im Auftrag« Sr. Heiligkeit unter Uebermitteiung des päpst­lichen Segens an den Jubilar richtete.

Ausland.

♦ Ein „antiklerikaler" Kongreß der Libera­le« uni» Sozialifirn fand vor einigen Tagen in Brüssel statt. Eine Resolution deS Kongres­ses verlangt den üblichen Block der Linken, die Beseitigung dec „toten Hand", Trennung von Kirche und Staat, Beseitigung der kirchlichen Privilegien. Die Sozialisten gerieten schließlich mit den Liberalen, die eine antimili- taristische Resolution abgelehnt hatten, zusainmen und warfen diesen vor, ihre Kinder ja selbst zu den Jesuiten in die Schule zu schicken. Ein So- zialistenführer schrie, nicht bet Klerikalismus sei der Feind, sonderii das „satte Bürgertum".

* In der spanischen Kammer sind einige Skandälche» aufgedeckt worden, die in der inneren Verwaltung des Parlaments selbst lie­gen. Nach der „Tribuna" in Barcelona handelt es sich in einem Falle um 50 000 Pesetas, in einem andern Falle um kleinere Beträge für Spucknäpfe, die gar nicht anaefchafft wurden. Alle Deputierten sollen außerdem die ihnen ge- währte Portofreiheit mißbraucht haben. Einige haben vom Parlamentspostamt aus Briefschaften von Handelshäusern expediert. Mau hat berech­net, daß der Staat durch diese Manipulationen einen Schaden von jährlich 2% Millionen Pesetas erleidet.

Aus dem Nachvargebiete.

0 Hünfeld, 3. Jan. 1908. Im Anschluß an die am nächsten Donnerstag nachmittags im

hiesigen katholischen Gestllenboust stattfindende Bemkskonserenz des Volksvereins für d 13 katho-, liiche Deutschland wird ebendaselbst am nämlichen, Tage, abends 7 Uhr, eine allgemeine Volksverein«» Versammlung abgehalten werden. Die Oberleitung des Volksvereins hegt den Wunsch, daß auch diese Versammlung, in welcher Herr Direktor Dr. Hohn von M.», Glabbach al« Referent erscheinen wird, recht zahlreich besucht werde, besonder« seitens der Volksverein-freunde in der Stadt Hünfeld und beu nächstliegende« Orlichasien.

* Oberursel, 3. Jan. 1908. Der in Paris int 45. Lebensjahre gestorbene berühmte Schnei­der Paa »in. der ein Vermögen von ca. 50 Millionen hinterließ, war ein geborener Oberur­seler und hieß eigentlich Isidor Jacob. Als jun­ger Bursche ist er mit dem Ranzel auf dem Rücken von hier fortgewandert.

* Hann. Münden, 1. Jan. 1908. Die Flüsse, namentlich die Werra, zeigen starkes Treibeis. — Der Nodelsport wird auch in hiesiger Bergzegcnb fleißig gepflegt. — Die Zuckerfabrik Ehr. Wüsteseld u. Sohn hicrselbst verlegt ihren Fabrikatiousbetrieb nebst Kontor in diesem Jahre vollständig nach dem benachbarten Oberscheden, woselbst sie ein sechs Morgen großes Grund­stück erworben hat.

• Gerstungen, 1. Jan. 1908. Am Dienstag vormittag wurde auf der hiesigen Station ein Eisend ab »arbeit er aus O b e r s u h l, welcher mit dem Reinigen einer Weiche vom Schnee beschäftigt war. von einer Rangierma­schine erfaßt und sofort getötet.

* (Böttingen, 1. Jan. 1907. Die älteste Ein­wohnerin des Stadt- und Landkreises Göttingen, Witwe Boruemann im Nachbarort Grom, vollen­dete am gestrigen SilVestcrtage ihr 100. Le­bensjahr. Die Jubilarin ist körperlich un- geistig noch sehr rüstig.

* Würzburg, 1. Jan. 1908. Dom Untersuch­ungsrichter am Landgericht Würzburg wurde ein Steckbrief hinter dem 1858 in Heßdorf ge­borenen früheren Gctrcidehändler und späteren Kommissionär Abraham Stern von Gemünden wegen W c ch s e l f ä l f ch u n g und Betrugs in Höhe von über 50000 Mark erlassen.

Literarisches.

Natur tuth Kultur. Monatlich 2 Hefte i 32 13. Reich illustriert. Vierteljg. 2 <41. 5. Jahr­gang). München, Viktor iastraße 4. H. 6.

Von diesem vorzüglich gelungenen Hefte heben wir an erster Stelle ben eben so belehrenden wis w'e interessanten Aussatz „Unfern oder Ottern" von Dr. T Knauer hervor, der mit Illustra­tionen nach Originalzrichnurkgen geschmückt ist, die hinsichtlich Naturtrcne und Ausführung in der bisl-erigen Literatur über Schlangen ihres­gleichen suchen. Geh. Reg.-Rat Dr. Petri gibt mit „Die Miskrobe des Philipp Bannani" ein an­regendes Kapitel Geschickte der Naturwissenschaf­ten. Prof. D reglet führt uns in ein „Moder­nes zoolrgischcs Museum", während uns Dank- Icr die gefährlichsten „Schädlinge aus der In- fektenwett" mit Wort und Bild zeigt. M. B r a un eröffnete eine hochanregende Studie über „Wil­lensfreiheit und Verbrechertum" mit besonderer Berücksichtigung der Original-Anthropologie, die wohl die weitesten Kreise interessieren dürste. Prächtige Notizen enthält weiter die Rubrik: „Bunte Steine: Zahnarzt und Verbrechen, die Bleichsucht der Pflanzen, Wohltätige Einwir­kung der Erdwärme auf die Qualität deS Bo­dens usw. In der Erpcrirnentierecke zeigt Prof. Rebenstorfs, wie man einen kartesischen Taue cher aus einem Reagenzglas fertigt.

Rest Merian.

Roman von Marie Baierlei«.

4] (Nachdruck verboten.)

Der kleine Mann lief jauchzend von einem Winkel des Gartens zum andern; entnahm bald dem einen unter dcr Buchsbaumeinfassung ver­borgenen Nestchen rotglänzende, bald dem aus der noch kahlen Stachelbeerhecke hervorlugcnden Mooskranz blau und grün gefärbte Eier. Ver­schiedene aus Schokolade und Biskuit verfertigte Osterhasen hatte Rest auf Herumliegende Steine und auf der Gartenbank plaziert, und der in eif- Allster Geschäftigkeit hin und her trippelnde Junge rief bei jedem neuen Funde den Ranien seines Pflegemütterchens in jubelnder Ekstase.

„Tante Rest — komm hierher — welche wun­derbaren E»er — und — allerliebste Tante — ein Vase — ein wirklicher Schokoladenhase mit einem Huckelkörbchen voll Bonbons!"

Rest trug ein Weibenkorbchen, in das die ge- runbenen Schätze gesammelt wurden. Sie lief nut Raoul um die Wette; ihr kräftiger, aber •!lr2.let Körper bückte sich geduldig und uner- "Elch zu lebem von ihm entdeckten Nestchen nnd schnellte elastisch wieder empor, wenn die tm Körbchen gesunden hatten.

„Mein Liebling, wir haben jetzt alles gcfun- den, was bet gute Osterhase für Dich versteckt hatte. Nun gehen wir zu Christel und zeigen auch rhr, was es Schönes und Gutes im Garten gegeben hat."

„Die wird mal Augen machen. Meinst Du Nickst auch, liebes, einziges Tantchen?"

. Der Knabe hob seine Aermchen verlangend zu denl Fräulein auf, und dieses beugte sich nieder, um ben kleinen Schmeichler, der ihr dann das ^>cht mit Küssen bedeckte, an die Brust zu liebem

Beiden hatte« bei ihrer Geschäftigkeit r-J, . wahr genommen, daß ein hochgewachsener Wert tm Paletot und Reisemütze schon einige Zeit

an der Gartentür stand und zwischen den eisernen Stäben hindurch die liebliche Spielerei beobachtet hatte. Als er aber jetzt auf die zärtlicl-e Gruppe fchaute, da hielt es ihn i-'cht länget. Mit einem energischen Ruck das Gitter öffnend, rief er be­wegt aus:

„Raouli Schwesterchen! fchaut her, wen der Osterhase noch geschickt hat!"

Ein jubelndes „Papa! Papa!" antwortete ihm, und der Knabe flog stürmisch i» die aus ge­breiteten Arme seines Vaters. Dieser preßte das Söhnchen ans Herz und blickte über dessen Kops hinweg auf die wie gelähmt dastehende Mädchen- gestalt.

„Aber Rest! Schwester! Kennst Du mich nicht mehr? Du kommst mir ja nicht einen einzigen Schritt entgegen!"

Fritz Weilers schaute ganz beunruhigt in das schneebleich gewordene Gesicht des Fräuleins, deren braune Augen in maßloser Ueberraschung auf den unerwartet Erschienenen blickten. End­lich kam Leben in daS starre Bild; Resi schritt, ihm die Hand bietend, auf den Herrn zu und stammelte:

„Verzeih' Fritz! Das kam zu urplötzlich! Mein Herz hatte für Sekunden ausgesetzt zu schlagen — vor lauter Ueberraschung!"

Herr Weilers stellte den Knaben zu Boden und bewillkommnete nun die Pflegeschwester. Er war im Begriffe gewesen, derselben nach alter, fami­liärer Gewohnheit einen Kuß auf die blühenden Lippen zu brücken — boch ein unerklärliches Et­was hielt ihn bavot zurück. Die vertraute Jugendgespielin crkchien ihm mit einem Male so ganz anders wie früher. War es der gereifte Ausdruck in den Zügen, waren es die herrlich entwickelten Formen der hohen, kräftigen Figur — feine alte R si kam ihm verändert vor.

Doch diese Anwandlung ging bald vorüber. Nachdem er den vor Wiedersehensfreude ganz zappelig gewordenen Raoul auf den einen Arm genommen hatte, um ihn während deS Heimwegs zu tragen, bot er den andern dem Fräulein an.

„Gelt, Kinder", lachte er, „das wat ein ge­lungener Streich. An diese Osterüberraschung hättet ihr doch nicht gedacht, so wenig wie unsere alte Christel. Tie gut» Seele hat laut aufge­schrien, als sie mich so mir nichts dir nichts stehen sah. Ich glaube fast, sie vermeinte anfangs mei­nen Geist zu erblicken; denn sie stotterte: „Alle guten Eeisietl Ist das jetzt wirklich der Fritzl?""

Nun mußte auch Refi lächeln. Sie konnte sich den Freudenschreck der treuen Magd vorftellen. Es war ihr ja gerade so ergangen, und sie hatte im ersten Moment gefürchtet, ohnmächtig zu wer­den.

„Es scheint. Dir habe ich kein allzu großes Dergiiüngen mit meinem Erscheinen gemacht. Rest", sprach der Mann weiter, wobei er eine kleine (^reiztheit nicht ganz unterdrücken konnte. „Ich glaube, man empfängt sonst jemand, der acht Jahre von Hause abwesend war, mit etwas mehr Herzlichkeit!"

„Fritz, ich bitte Dich! Wie kannst Du mein Verstumme» so »»Siegen? Du weißt doch von früher her, daß mich eine übergroße Freude stet« still und fägveigfam machte. Ich kann es ja gar nicht sagen, was ich bei. Deinem unverhofften Anblick empfinde."

Resi schaute ihn bittend in daS gebräunte, von einem blenden Bart umgebene Angesicht. Und als die blauen und braunen Augen einen Herzschlag lang ineinander tauchten, stieß Fritz Weilers bewundernd hervor:

„Potztausend, hast Du schöne, ernste Guckerle bekommen, Resi! Die schauen einem ja bis auf den Seelengrundl"

Als er sah, Ivie Rest glühend rot wurde, bis in den Nacken hinein, lachte er belustigt auf: „Wie rasch Du bi: Farbe wechselst, Möbel! Ich werbe Dir doch noch eine Galanterie sagen bürst»."

Unter fröhliche» Wechselreden legten sie nun die kurze Wegstrecke bis zu ihrem Hause zurück. Die festtäglich gepichten Spaziergänger blickten ihnen verwundert noch und zerbrachen sich bst

Köpfe, iver wohl ber Herr im staubigen, zerknist terten Paletot, mit der Reisetasche über der Schultet und dem Trauerflor um den Arm sein könne. Seine Kleidung fiel an diesem hohen Tage um so mehr auf, als Fräulein Merian in der dunkelblauen, gutsitzenden Seidenrobe und Raoul im samtnen Fesitagsgewande stark damit kontrastierten.

Sie befanden sich nicht mehr weit von ihrer Wohnung, da rollte eine aufgeschlagene Equipage mit einem neben dem Kutscher gallonierten Die­ner an ihnen vorbei. Herr Weilers würde darauf kaum acht gegeben haben, wenn nicht Resi grü­ßend mit dem Kopfe genickt hätte. Ein kurzer Blick auf die Dame, welche graziös zurückgelchnt im hellgrau ausgeschlagenen Wagenfond saß und deren Gesicht, daS soeben noch liebenswürdig auf Resi hingelächelt hatte, bei seinem Anblick ur­plötzlich zu versteinern schien, ließ ihn fragend ausrufen:

„Wenn ich nicht irre, so fuhr soeben die Ba­ronin Simmern vorbei!"

„Tu hast Tick; nicht getäuscht; es war die frühere Lhlli Liefert," sagte Resi leise und be­obachtete scheu seine Gesichtszüge. Doch in dem regelmäßigen Männerantlitz zeigte sich auch nicht die leiseste Veränderung, als er bemerkte:

„Die hat's weiter gebracht, wie wir, Reserll Fährt nun auf Gummi und läßt uns den aufge­wirbelten Staub ihrcs Gefährtes fchluckenl — Lebt sie denn gut mit ihrem feudalen Eheherrn?"

„Ihr Eheleben mit ihm entzog sich meine# Beurteilung, da ich feine Gelegenheit zur Beo bachtunq hatte. Jetzt ifi sie Witwe — er starb vor Jahressrist."

„Ei, sieh! Da hat sie das ersehnte Ktonlei« auf billige Weise bekommen! Muß ihr gut 1« Gesicht gestanden Haien das stumpfe Trauer­schwarz. Gab gewiß die richtige Folie ab zu ihrem Nirenhaarl"

(Fortsetzung folgt).