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verantw. Redakteur: Larl Schütte;
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3.N^Ä MchEllage: „Jkluflriette Sonntagszeitung"
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tttltlge«: Mt de fpalttge Petit jeBe obe deren Raum 1» pfg LeNameudiePetitzeike 25 Pfg., bei wieder» Holungen wird entfpt.
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Lotatkonrdrnckund vertag der Fuldaer 2!» üeudruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 4.
JA 2.
Fulda, Freitag den 3. Januar 1908.
35. Jahrgang.
Das Ausland im Iahre 1907.
Abgesehen von Marokko, wo die innere Ruhe trotz der Algeciraskonfercnz noch immer nicht wiederhcrpestellt wnrde, ist erfreulicherweise in dem verflossenen Iabre der Weltfrieden nicht geffört worden. Zeitweise tauchten allerdings am politischen Horizont gewitterschwangere Wolken auf, die den Ausbruch eines Krieges befürchten liehen. Insbesondere wurde befürchtet, daß die Spannung zwischen Nordamerika und Ja- Pan zu einem Zusammenstoß führen würde.
Ti« internationalen Reibungsflächen sind auch setzt nicht beseitigt, trotz der zweiten Haager Friedenskonferenz nicht. Das eigentliche Ziel dieser Konferenz, die Sicherung des Weltfriedens, liegt noch in weiter Ferne und wie wenig Zuversicht die Einzellander in die Erfüllung dieser Friedensrnifsion der Haager Konferenz haben, erbeut aus dem Umstand«, daß die ungeheuren Rüstungen zu Wasser und zu Lande stetig ihren Fortgang nehmen. Deutschland hat es — und mit Recht — nicht einmal für richtig gehalten, die Abrüstungssrage auf der Konferenz zu behandeln. weil gerade diese Frag« zu internationalen Berwickelungen hätte führen können.
Die internationale Lage läßt auch apr Schlüsse des Jahres 1907 den Dreibund als eine politische NotN'endigkeit erkennen und es ist mit Genugtuung festzustellen, daß der Dreibund trotz der zeitweiligen „Extratouren" Italien- in feinem Bestände nicht erschüttert ist.
Oesterreich hat einen gewagten Schritt vorwärts getan, indem es das allgemeine Wahlrecht für den Reichsrat einführte; wenn jedoch nicht alle Anzeickien trügen, so ist gerade hierin das Hell für Oesterreich zu erblicken. Als eine große gut österreichisch gesinnte Dolkspartei kamen die Christlich-Sozialen an die Spitze und da sich die Konservativen mit ihnen vereinigten, so zählen sie 96 Abgeordnete; sie stellten auch das Präsidium im Reichsrate. Um den Ausgleich mit Ungarn zu retten, sah das Ministerium Beck sich genötigt, zwei Christlich-Soziale in das Kabinett aufzunehmen. Man kann nur wünschen, daß die kräftig aufstrebende dem deutschen Zentrum nachgebildete Partei an der Regierungskrippe nichts von ihrer Kraft verlieren möge.
Frankreich hat fein Ministerium Clemen- reau auch noch am Jahreswechsel. Wiederholt schon drchte sein Kabinett zu scheitern, aber der Kulturkampf hielt die radikal-soziale Mehrheit immer wieder zusammen. Wie heute in Deutschland mit dem Haß gegen die Katholiken und das Zentrum regiert wird, so in Frankreich mit dem Haß gegen die Kirche. Das angebliche große Werk der Trennung von Staat und Kirche hat beute schon Fiasko gemacht. In jeder Session müfleu neue Knebelgesetz« gegen die Kirck-e ge- schmiedet werden. Die gläubigen Katholiken aber lasten ruhig die Hande im Schoß liege». Wmn mag die Rettung kommen diesem Lande?
Für England haben sich die vielen Reisen des Königs bezahlt gemacht. Ein Biindilisver- trag nach dem anderen wurde abgeschlossen und zum Schluste holte sich England den Triumph, daß es sich mit Rußland über die Mittelasiatischen »tasten tAkghonistan und Persien) verständigte. Was leit 80 Jahren den Zankapfel zwischen bet- den Staaten bildete, ist ein Gegenstand friedlichen vebereinkommens geworden. Keiner von den vielen englischen Verträgen hat eine solch« Bedeutung wie dieser.
In Rußland hat die offene Revolution zwar ausgehört, aber im Innern gährt sie fort und sie kommt zur Entladung in zahlreichen Attentaten auf doch gestellte Persönlichkeiten. Auch eine Verschwörung gegen den Zaren in Zarskoje Slelo hat von sich reden machen, indessen scheint
diese Meldung übertrieben gewesen zu sein, denn seit Mitte Mai, wo man der Verschwörung auf die Spur gekommen fein sollte, bat man von der Angelegenheit nichts mehr zu hören bekommen. Vielleicht war es ein« Mache zu dem Zweck, dem Zaren die Sympathie weiterer Volkskreise wieder zuzuführen. denn zu jener Zeit hallte die Erbitterung m Volke barüber noch nach, daß der eben erst eröffneten zweiten Reichsduma im Tau- rischen Palais die Decke auf den Kopf gestürzt war. Man hatte in diesem Einsturz eine russische Bewillkommnung der Volksvertreter durch die gouvernementalen Kreise erblicken zu sollen geglaubt. Der Teckeneinsturz war ein Omen für die Duma. Ihre Lebensdauer war sehr kurz; bereits am 16. Juni bekam sie den zu erwartenden Fußtritt, nachdem Ministerpräsident Stolypin zwei Tage zuvor die Genehmigung der Duma zur Verhaftung von fünfzehn sozialdemokratischen Abgeordneten und die Ausschließung aller Mitglieder dieser Partei verlangt hatte. Im November trat die auf Grund eines verschlechterten Wahlge- setzes zustande gekommene dritte Duma zusammen; ob sie das konstitutionelle Regime, wenn überhaupt von einem solchen in Rußland gesprochen werden kann, fördern wird, muß das neue Jahr zeigen.
Einen Kampf der Autokratie mit der modernen Staatsform brachte das Jahr 1907 auch in Persien. Der neue Schah versuchte das Rad der Zeit rückwärts zu drehen, indem er die Anerkennung der Verfassung ablehnte. Infolgedessen brachen Mitte Mai Nnruhen aus. die sich bis an die Jahreswende fortgesetzt haben. Es scheint, als ob das Parlament Oberwasser gewinnt und damit der persischen Autokratie ein für allemal das Rückgrat gebrochen wird. In Konkurrenz mit Rußland hat, was Attentate anlangt, Bulgarien gestanden. Im März wurde der Ministerpräsident Petkow auf offener Straße ermordet und tm Dezember fielen die Häupter der Revolu- tionsorganisation Sarafow und Garwanow ebenfalls durch Meuchelmord. Es ist kein angenehmes Neujahr für den Fürsten Ferdinand. Das Glück, das er im Besitze einer zweiten Braut empfindet, wird durch die Angst erdrückt, daß man ihm auch nach dem Lcben trachtet. Eine gewisse Verwandtschaft mit der Lage in Persien hat Portugal im verflossenen Jahre aufzuweisen gehabt. Die im Mai erfolgte Auflösung der Kammer ist vom Volke als «in Staatsstreich empfunden worden. Da im Juni bereits die Volksunruhen einen bedrohlichen Charakter annahmen, fühlte sich König Carlos, zu Gewaltmaßregeln veranlaßt, die schließlich dazu führten, daß im November die Diktatur eingeführt wurde. Zu einer eigentlichen Revolution ist es indessen noch nicht gekommen.
IWftbts Keich.
(?) „Der Sieg Über das Zentrum" spielt in den Betrachtungen, mit denen die Blockpresse oa« Jahr 1908 begrüßt, eine gr.ße Rolle. Mit oer ganzen „nationalen" Begeisterung, die in der Brust der Block Helden schlummert, wird triumphie- tend verkündet, daß im Jahre 1907 die Herr- schast des Zentrums gkbrechen sei. Mit solchen Jubelgesängen wird dann Die Aufmerk am leit von dem ungünstigen Jahresabschluß der Block- Herrlichkeit abgelenkt. Die Wockparteien saßen zwar am Reoienrngstisch, aber sie haben sich nut an den schonen Tischreden Bülows beramchen, dürfen, von den gute» naschbaflen Gerichten, die ihnen aufgetischt werden sollten, haben sie nichts bekommen und nun flehen sie da mit hungetigem Magen, aber doch voll« Begeisterung, daß das Zentrum nicht auch mit am Tische sitzen durste. Betonders entzückt tut die ,Rhein. Wests.
Ztg/. Sie reibt unterm Tiich bi* Hände und sieht in ihren Phantasien bereit» den Zentrums- türm wanken und innerhalb des Turmes zum Gaudium der Blockleute alle« in wildem Ausruhr. Die Mauein fallen und bumS: es ist erreicht. ,Wirkt demnächst", so schreibt daS Blatt, „neben dem tat hol,scheu Kaplan der prolestanstiche Pfarrer, neben dem katholischen Landwirt der jüdische Bankier in der Zentrumspartei. kurz, fäll' der Konfession lismus, dann stürzt das Zentrum in feiner bisherigen Stärke und Gefährlichkeit zusammen. Es wird eine Partei wie jede andere, eine besondere Gefährlichkeit für die politische Entwickelung deS deutschen Reiches und Bolkes besitzt sie nicht mehr". Das Blatt dichtet hier dem Zentrum eine Grundlage an, die es garnicht bot. Tas Zentrum ist feine katholische, sondern eine politische Partei, und wir würden es nur begrüßen, wenn zahlreiche gläubige Protestanten sich ihm anschlöfsen und auf dem Boden seines Parteiprogramms mit für Wahrheit, Freiheit und Recht kämpften. Wenn Andersgläubige Dem 3 rurum nur in geringer Anzahl beitreten, so ist daran lediglich das Vorurteil und die konfessionelle Verhetzung schnld, nicht der angebltche Konfessionalismus des Zentrums.
* Rene Reichsmouspole? Wie die,Münch. Reuest. Rachr/ ersahren, wird im Reichspostamte der Plan eines Reichsmonopols für die drahtlose Telegraphie und die Unter- wai seri ig nale bei Seeschiffen ausgearbeitet.
1. Zur Wahlrechtsreform in Preußen. Die ,Kre«z>lg/ forderte dreier Tage, daß sich die Blockparteien gegen das „agitatorische Drängen" aus eine Wahlrechtsänderung in Preußen ablehnend verhalten sollen. Daroushm antwortet die »Rational;tg/ u. a.: „Die Forderung der,Kreuzztg/ bedeutet eine so beleidigende Rücksichtslosigkeit gegen alle übrigen Blockparteien, daß diese sich um jeden politischen Kredit vor ihrer Wählerschaft brächten, wenn sie sie ruhig hinnehmen würden." DaS ,B»rl. Tagebl/ äußert sich noch schärfer und erklärt: „Mag sich Fürst Bülow klar werden, lvaS ans dem Spiele steht; mögen sich auch die Konservativen entscheiden. Hier heißt es: Biegen oder brechen. Der Block wird in Preußen die Wahlrechtsreform bringen oder er wird in Stücke gehen". — Man wird gut tun, diese Androhung nicht allzu tragisch zu nehmen.
— lieber die Höhe des Batrkdiskonts hat der konservative Abg. Graf Kanitz bekanntlich im Reichstage eine Interpellation eingebracht. Reulich hat die Regierung sich zur Beantivortung nicht verstanden. Jetzt ist die Mitteilung eingegangen, daß die Beantwortung am 13. Januar erfolgen könne.
§ 7 des Reichsvereinsgesetzes. Die liberale und offiziöse Presse, die unsere Darstellung über die Entstehung des § 7 als „politischen Klatsch" bezeichnet hatte, schweigt auf unsere jüngste Feststellung. Sie hat nicht den Mut. ihren Lebern mtijuteiien, wie der Reichskanzler sich zum Abg. Wiedeberg nach unserer Schilderung geäußert bat
.*. Die Stimmungsmache im Flotten verein. Die Leute um Seim sind mit Volldampf an der Arbeit; sie schießen aus allen zur Verfügung stellen den Blättern und suchen unter der Hand für Keim eine große Mehrheit in Kastel zusammenzubringen. Bekanntlich hat eine Versammlung von Vertretern einer Reihe von Landes! ausichüfsen deS Flottenvereins in Frankfur-
dem FlottenveremSpräsidinm ihre „vollste Au erfennung* und ihr „unentwegtes Vertrauen« ausgesprochen. Zu dieser Velsammlung liefert folgende dem ,B«rl. Tagebl' aus Frankfurt zugehende Zuschrift einen hübschen Beitrag:
„ES dürfte ffir Ibren Leserkreis nicht ohne Inte« reffe fein, ba6 am 27. d. General Reim au8 Berti« laut Fremdenliste im gleichen Hotel in Frankfurt a M-, n?mlich im „Deutschen Raiter", abqesilegen t»i, in dem am nächst en Tage die Versammlung von Vertretern deS FloNenvereinS stattgefunden bat. ES ist deshalb wohl antimebmen, daß Herr Geheimrat Reim sich an den Verhandlungen beteiligt und sie unter seinen Einfluß gebracht haben wird •
Sagen wir es offen: General Keim hat diese Vertrauenskundgebung gemacht. Man sieht, Waste wert ift
— Der offene Brief an de» Abg. Paasche ist von fast alle.« liberalen und farblosen Blättern totgeschwiegen worden. AuchAbg.Dr.Paasch« schweigt. Er bat offenbar ein dickes Fell.
Q Knno Moltke. DaS ,Berl. Tagebl/, dessen wichtigste Meldungen allerdings für gewöhnlich dementiert werden, will von „unterrichteter Seite" etwas sehr ^tereffantes wissen. Danach „dürfte Graf Kuno Moltke sofort nach der Urteilssällung im Prozeß Harden reaktiviert werden. Der Kaiser beabsichtige, den Grafen Moltke durch eine ganz besondere Ehrung ausztiz^ichnen und ihn auf einen der höchsten militärischen Posten zu berufen. Es foll sich dabei um eine Stellung in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers handeln".
* In der Strafsache gegen die Grafen Hohenau uns, Lynar finden Vernebmnngen namentlich von Polizcibeamtou über den Ruf der Angeschuldigten statt. — Ter Vorsitzende des ersten Harden-Pro- zefses, Amisrichter Kern, ist auf feinen Wunsch aus der Strafabteilimg in die Zivilabteilung versetzt worden.
* Marburg, 30. Dez. 1907. In der beute abend abgehaitenen Vertammlnng des Liberalen Bolksvereins wurde als Kandidat zum Landtag für den Wahlkreis Marburg Professor Schücking auf gestellt.
• Bielefeld, 2. Jan. 1908. Um 2 Uhr trafen der Kaiser und Prinz Heinrich zur Beisetzung des Geheimrats Hinzpeker ein. Sie fuhren nach dem Trauerhaufe, l.gten cm Sarge Kränze nieder und begleiten den Leichenzug em Stück, bann begaben sie sich im Automobil nach dem Bahnhof, wo um 3 Uhr die Abreise erfolgte.
* Arnsberg, 31. Dez. 1907. Dem Vernehmen des „Centr.-VollSbl." nach ist zum Präsidenten de«, hiesigen König!. Negierung Herr Obcrregie- ruugsrat v. Bals in Magdeburg ernannt worden.
* München, 2. Jan. 1908. Der jungliberate Abg. Hübsch bat die Mitglieder der liberalen Fraktion „altc Esel" genannt. Die Bauern nannte er „fchlitzöhrige Bauern", auf die man zu viel Rücksicht nehme. Diele Aeußerungen des Abg. Hübsch wurden in einem Beleldigungs- Prozesse, der vor dem Schöffengerichte Nürnberg verbandelt wurde, festgeflellt. Dieser vielversprechende Anfänger dürste alsbald dem liberalen Führer Casselmann ernstlich Konkurrenz machen.
* München, 1. Jan. 1908. Zum bayerischen Generalstabschef wurde Generalmajor Fasbender ernannt. Er kommandierte bisher die 9. In. anteue-Brigade. 1875 Ossi ier geworden, war Fasbender nur 5 Jahre im Genecalstabe tätig. Auch Lehrer an der Kriegsakademie war er.
Rest Mena«.
Roman von MarieDaierkeiu.
8) fRachvruck verboten.)
Christel kam, räumte den Tisch ab «nd brachte auch den Knaben wieder in bas Zimmer, der anf's neue sein Spiel mit den Bauhölzern auf- nahm. Nachdem die Alte das Fräulein eine Weite von der Seite betrachtet hatte, um aus ihren Mienen da» Erteil über den Besuch zu lesen, sagte sie endlich nach Art vertrauter, treuer Dienstboten, die sich schon etwas bei der Herrschaft herausnehmen dürfen:
»Run, warum sprechen Sie sich jetzt die ge- haöte llebcrrafdmng nicht vom Herzen, Fräuteiy Resi? Sie waren bock gerade so perplex über die zuckersüße Liebenswürdigkeit der „Gnädigen" wie ich. Seit der Zeit, da unser junger Herr Fntz noch das Leben im Hause aufrecht erhielt, und das Fräulein liefert alle Augenblicke etwas zu fragen ober .'uSzurickiten hatte bei Ihnen und bei ber seligen Frau, find die hübschen Füßchen nicht mehr über unser: einsache Schwelle gekommen. Damals hatte sie freilich oft Zeit für uns, und ” nicht daraus an,manch gut ausgedehnte» Stündchen mit unferm Herrn zu verjchäkern und zn vertrödeln, die — die — falsche Katze!"
Rest schaute ganz bestürzt in das von unter- briieftem Zorn hochrot gefärbte Gesicht der biederen Magd. -
„Aber Christel! Du machst ja wahrhaft haßerfüllte Augen! Ich habe gar nicht geahnt, daß Du solchen Pick auf Frau von Simmern hast. Was hat sie Dir denn angetan, um Deine Antipathie in diesem Maße zu erregen?"
JWir? O mir nicht daS geringste! Aber ich «nne jemand, an dem sie ein wirkliches Lerbre- ?c.n begangen hat. Ihr Verdienst ist es nicht,
»«fet jemanb nicht zu Grunde ging an Leib ««• Seele. Wenn die gnädige Baronin einen
Schimmer hätte von den Wahrnehmungen, ivelche die dumme, einfältige Christel einstens gemacht hat!"
„Alterchen! Altercken! Schimpf nicht so! Tu konntest eben Lilly niemals verstehen, und ich glaube, meistens deswegen, weil die reizende Blondine Deiner simplen Rest einmal alle Tänzer weggeschnappt Hoti"
„Weggeschnappt? Hm — weggeschnappt ist zutreffend, aber an die gezierten Menschen von damals denke ich dabei nicht!"
Christel verließ, geräuschvoll mit den Taffen klappernd, das Zimmer, kam ober gleich zurück und während fic die wegen des Besucl-es aufgelegte gute Kaffeedecke — eine wundervolle Stickerei Rests — zusammen faltete, brummte sie weiter:
„Wie ich gestern beim Fleischer die Koteletts holte, und mich Frau Schlatten nach dem Ergehen Raouls ausjragte, habe ich ihr auch erzählt, daß unser junger Herr in Bald« auf Besuch kommen wird. T-os scheint Frau von Simmern, die gerade Bestellungen wegen eine» Gesellschaftsessens mackste, gehört zu haben, — vielleicht nicht ganz genau, und ich wette, die feine Dame kam heule nur, uw sich die oufgegabelte Neuigkeit von Ihnen bestätigen zu lassen."
BumbS! — Christel hatte voll Ingrimm die Türe im Hinaus gehen zugeschlagen. Das tat sie immer, wenn sie die Wahrheit einer ihrer Auslagen ober Mutmaßungen bekräftigen wollte und Ren amüsierte sich stets über dieses „schlagende" Argument. — Heute aber trat fein nachsichtiges Lächeln in ihr frisches, kräftiges Gesicht. AIS die Alt« außer Sehweite war, nickte sie nur nachdenklich und ernsthaft mit dem Kopfe und während ein leiser Seufzer ihren Lippen entschlüpfte, flüsterte sie:
„Also das war'»! Mein« treue Christel sieht heller als ichl Fritz ist Witwer und Lilly'S Hand ist ebenfalls Wieder frei. Darf ich der Frau, die
vielleicht eine Schuld gut mache« will, Steine in den Weg legen? — Nein, ich werde ihre Ai»- nähernngsversuche nicht zuriickweijen."
IV.
Als der Winter endlich fein strenges Regiment abbrach, atmete Resi Merian erleichtert auf. Raoul konnte nämlich den rauben, frostigen Atem desselben gar nicht gut vertragen. Seine scknvache. kleine Brust kam aus dem fortwährenden Husten und Hüsteln nimmer heraus und das gebrechliche Körperchen zitterte und fror bei jedem direkten Luftzug znm Erbarmen.
Der um Rat gefragte Hausarzt konstatierte eine auffallend erschreckende Blutarmut und eine ungemein schwache, für jede Indisposition empfängliche Lunge des kleinen Patienten. Während der ganzen verflosienen Monate hatte er gekränkelt, nur selten einmal da» Zimmer verlassen und selbst Weihnachten mußte er im Bett feiern. Trotzdem hatte ihn der lidjtergefdjnüidle Tannenbaum, welchen er zum erstenmal sah, — denn seine Mutter schien diesen herzerhebenden, deutschen Brauch nicht gekannt zu hoben — mit grenzenlosem Jubel erfüllt. Tie Geschenke, welche et vom Vater und Resi erhalten, traten in Den Hintergrund vor dem entzückten Betrachten des strahlenden Christbaumes, und die junge Pflegemutter fand in der enthusiastischen Freude des Knaben reichlichen Lohn für bte mit Schmückung der Tanne und Anfertigung der vielen daran hängenden Zierarten aufgewandte Mühe. So groß war die Erregung und Ueberroschung de» armen ßerldxn? gewesen — daß sich nach den Feiertagen erhöhtes Fieber einstellte und Resi Tag und Nacht nicht von seinem Bettchen wcgkam.
Al» di« Tage sonniger und die Lüfte milder wurde«, da besierte sich auch das Allgemeinbefinden des Kinde». Nesi kam einigermaßen au« ihren Aengsten und Sorgen heraus und Saoid konnte sich nach und nach wieder daran gewöhne«, beim Ausaeben die einbüQenben Tuch»»
Pelze Wegzulassen und den freien, lauen Gottes- ödem uneingeschränkt zu genießen. —
Ostern fiel heuer sehr spät, und die Natur hatte bereits an vielen Stellen ihr möglichste» gekeistet, um dem flatternden Panier de» Auferstandenen ein festliches Relief zu bereiten. Do und dort drängten sich schüchterne Blütenköpfche« aus dem fproffenden, lichtgriinen Rasen; die silberweißen Palmkätzchen und die knospenden Zweiglein deS Weißdorns kündeten in stummer aber eindringlicher Sprache den über Nacht in» Land gezogenen Frühling an, und der zwar noch nicht vollzählige ober nichts destoweniger jubilierende Vogelchor fang von Lenzespracht uni künftiger Maten Herrlichkeit.
Resi Merian, die ihren Schützling in alle Herr- liifeit deutscher Kinderfreude und Jugendpoesie einweiben wollte, hatte die für Raoul bestimmten Ostereier im Gemüsegarten vor der Stadt ver- stedt. DaS war ein geeignetes Feld, um all di« niedlichen Moos- und Heunestcken, welche die gefärbten Schätze aufnahmen, zu verbergen und dem Knaben eine lang währende Vorfreude durch ihr Aufsuchen zu bereiten. Sie war daher gleich nach dem feierlichen Hochamt mit dem Jungen vor die Stadt gegangen, während Christel daheim über de« österlichen Lammbraten wachte.
Mik beimlidier Genugtuung sonnte sich das Fräulein an den vor freudiger Hoffnung glänzenden, großen Kinderaugen, welche so innig und dankerfüllt zu ihr aufbliden konnten. Vermochte all ihre Sorolichkeit und Mühewaltung auch nicht die leibliche Gesundheit dieses schwachen Geschöpf» chen» zu fördern, so hatte sie doch die verkümmerte, darbende Kinderseele zu frischem Lede« und fräftiger Entfaltung erweckt und derselben eine« Schatz von Zuneigung und Liebe gesckumtt. Und ber Knabe gab ihr dafür fein ganzes, öder« voller Herzchen und hing mit einer eeröenfffiatfr lidjteit an ihr, welche sie mandjinal fast crfujrecttt
(Fortsetzung fetatt