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35. Jahrgang.

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Inffung log eine Konzession an den ßiberahdmug. welcher bei seinen Forderungen auf dem sckul- volitisch'n Gebiete beim Minister Stufet auf Wi- derstand stieß. Ob unter dem neuen Regime der liberale Weizen seiner Reise entgegenfieht, er­scheint unS zwei fei lrast. denn erfreu licherwerfe wollen die Konservativen im preußischen Abge- ordnetenhause von einer Entchristlichung unserer Volksschule nichts wissen So haben sie noch im März mit dem Zentrum den Antrag, die geist­liche Schulaufsicht aufzuheben und sie in die Hände von Fachmännern zu legen, abgelehnt. Infolge der Wahlen zum Reichstag batte das Preußische Abgeordnetenhaus in der Wintersession 1907 nur eine kurze Tagung. Var Weihnachten beriet es noch die Polen-Ent- eignungsvorlaae. Eine Zeit lang schien es, als ob die Kontervativen die Vorlage zum Fall bringen würden, es ist aber der Regierung gelungen, eine Verständigung zu tocge zu bringen und so wird das Jahr 1908 ein neues ungerechte? Gesetz gegen die Polen zeitigen.

Zu den erfreulichen Ereignissen des wahres 1907, die nicht besonders zahlreich sind, gehört die Einsicht der Regierung im Reich und in den Einzelstaate.i, daß sich eine Aufbesserung unserer Beamten nicht mehr umgehen läßt. Möge» sich die Hoffnungen, von welchen unser Beamtenstand um die Jahreswende erfüllt ist, im neuen Jahre in reichlichem Maße erfüllen. Es ist das umlomebr zu wünschen, als das Jahr 1907 eine allgemeine Steuerung und eine Geld­knappheit gebracht bat, wie wir sie lange nicht mehr erlebt haben. Der Diskont bat eine ge­radezu erschreckende Höbe erreicht. Tie Anzei­chen, daß wir vor dem Rückgang der wirt­schaftlichen Konjunktur stehen, lassen uns mit einem nicht unberechtigten Pessimismus in daS neue Jahr eiidteten.

In unserer auswärtigenPolitik hatte sich im lebten Iabre eine Besserung vollzogen. Im Jahre vorher standen wir unter dem Ein- druck der englischen Einkreisungsversuche. Da» energische Auftreten Deutschlands in der Marok- toaffare hatte in Frankreich eine Riesenangst her- vorgerufen; man glaubte damals ganz bestinnnt. Deutschland wolle den Krieg erklären, und suchte schnell Deckung durch ein englifckres Bündnis. In- zwischen hat man aber wohl ein gesehen, daß wir nicht so gefährlich sind, die Wellen der Erregung haben sich in Frankreich gelegt, unb ein Besuch des Kaisers bcijn englischen Könige hat auch, das englifcbe Volk beruhigt. Wir freuen uns dieses Wandels, aber von einem übertriebenen Opti­mismus halten wir uns fern. Mir es möglich war, auf einen Schlag durch den Austausch der Besuche in künstlicher Weise eine Verständigung herbeizufügen, ebenso muß mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß dir Macht der Tatsachen im gegebenen Falle ebenso schnell wieder einen Um­schlag zum Bosen herbeiführt.

< Deutschland im Jahre 1907»

In der politischen Geschichte tottb da» Jahr 1907 wohl als das Jahr der B l o ck p o l r 111 fer­nen Platz finden. Mit seinem Blockevangelrum, dem Silvesterbrief, den er am Abend vor dem Anbruch des Jahres 1907 in die Wett setzte, suchte Reichskanzler Fürst Bülow dem Blockgebrlde das Programm vorzuzeichnen. Es rft thm gelungen, einen Augenblickserfolg zu erreichen. Aufgerut- telt durch einen ungeheuren Wahlapparat Irenen die Leute von der flehend um Hilfe für den Block angerufenen „Partei der Nichtwähler", dte AuS- lese der politischen „Intelligenz", sich, zur Nieder- ftimmung der Sozialdemokraten derertfmden. Am Tage nach der Hauptwahl war der Block oben­auf, die Niederlage der Sozialdemokratie war besiegelt und der „nationale" Reichstag konnte seine Arbeit aufnehmen. WaS die „nationale" Freude störte, war der Umstand, daß das Zen­trum aus den Neuwahlen gestärkt hervorging.

Die großen Hoffnungen, welche ber Reichs» kanzler auf den Block und die von ihm zu füh­rende Politik gesetzt hatte, haben sich als trüge­risch erwiesen. Als kluger Diplomat suchte Fürst v. Bülow während der ersten Reichstagstagung den Block durch Hintanstellung aller wichtigeren gcsetzgeberisck>en Aufgaben Zeit zu geben, sich in die konservativ-liberale Paarung einzuleben. Aber der Verlauf der Tinge hat gezeigt, daß die Gegensätze, die zwißheir den einzelnen Blockpar­teien bestehen, eine Ausgleichung nicht erfahren haben. Weder die Norderneyer Diners haben daran etwas geändert, noch der jüngste Krach int Reichstag, wo Fürst Bülow mit der Androhung seines Rücktrittes bett Block toieber aneinander „gekittet" hat. Mau hat das Bereinsgesetz und Börsengesetz aus dem Plemiin ver- schwinden lassen, um nicht der Welt weiter das Schauspiel der Uneinigkeit zu geben.

Die Hauptaufgabe wird der Block erst noch yu Liften haben. Das Elend der Reichs- r i n a n 3 e p schreit zum Himmel. Hier hat feer Block Gelegenheit, feine politische Leistungs­fähigkeit zu erweisen. Wir befürchten indessen, daß diese Leistungsfähigkeit wenig nach beut Ge­schmack der Steuerzahler sein wird.

Während ber Weilmachtsserien ist bekannt ge­worben, daß di; Regierung die Einführuitg eines Spiritus Monopols und eine Bande- ö c r o I eft euer für fligarren beabsichtigt. Na­türlich wird es hierbei nicht bleiben. Tas Zen­trum lehnt bie Mitwirkung an der ©teuergeieh- gebung selbstverständlich nicht ab, aber eS ist in ber glücklichen Lage, fest- Vorschläge an sich heran- treten lassen zu können. Der Entwicklung bet Dinge kann es fonnt in aller Ruhe entgegen- leben, umsomehr, als es bisher in der Finanz­politik einen gefunben politischen Instinkt be­würbet hat Dieser politische Instinkt hat sich auch bewährt gegenüber bem Flotte n ver- ein. Bei den Wahlen war es das Zentrum, nu» unter der gefährlichen politischen Hetze des Flot­tenvereins zu leiden hatte. Tas Blatt hat sich jetzt gewendet. Das Ansscheiden des Prinzen Rupprecht von Bayern war eine befrei­ende Tat deren Wirkungen sich andere hochge­stellte Persönlichkeiten nicht haben entziebeir kön­nen. Selbst in den Kreisen, bie sonst durch dick und dünn zn dem Flottenverein gehalten haben, dämmert es jetzt, daß btc Methode eines Generals Keim nicht danach angetan ist, bie Interessen des Vereins zu fördern und für bie vom Verein er­strebte Flottenvermehrung Synrpathien zu er­wecken. Wenn bie besonnenen Elemente des Ver­eins cklug sind, so werden sie Herrn Keim, der nach feiner bisherigen Entwickelung bem Verein mehr schadet als nützt, opfern. Mit seinem Rück- tritt wird bann wohl ein anberer Geist in ben Flotteuvrein einziehen, der sich in jeder Hinsicht

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verantw. Redakteur:

Larl Schütte;

für die Anzeige«:

Z.parzrAer in Lulda.

e Sehnsucht nach bem Zentrum.

Höchstes Ziel der Regierungspolitik ist es heute, das Zentrum „auszuschallen". Block- kanzler und Blockparteien sind darin gleichen Zinnes. Gleichwohl haben sowohl Konservat ve als auch Liberale schon zu erkennen gegeben, daß sie in die neue Mehrheit auch gerne das Zen­trum aufnehmen möchten; Ber „Block" soll größer werden und mit Ausnahme der Polen und Sozialdemokraten alles umfassen.

Am größten ist die Sehwucht nach dem Zentrum bei den Konservativen: Das ist leicht erklärlich. Mit diesen hat das Zentrum lahrelang die Politik, namentlich die WirvchaflS- Politik, gemacht; sie sind gut dabei gefahren.

Deutsches Reich.

* Reichs steuer fr «gen. Die Finanzministet von Bayern, Baden und Württemberg halten zur Zeit in Stuttgart eine Konferenz über Die schwebenden Reichssteuersragen ab. ~ Im Lordergründe der Beratungen steht die Frage der „Beredlung der Mat ifulatbeikäge" durch Umänderung deS Systems nach der Einwohner»

Mdaer

wochenbellage: „Ill«ftrlM§WtagrM«g"

m^tzis^vSstoer ReickSregrerung gestellten For­derungen für die Marine eines unlauteren Wett­bewerbs enthält. . , ,.

WaS bie von ber Regierung erngebrachte Ma­rinevorlage selbst betrifft, so haben wir auf den finanziellen Effekt ber Forderung, daß bte Le­bensdauer ber Schiffe von 25 auf 20 Jahre her­abgesetzt werben soll, bereits hingewiesen. Die Vorlage ist an eine Kommission verwiesen war- den. An ihrer Annahme kann nicht gezweifelt werben. ...... «. .

Die bisherige üolcnialabtetlung, bte Bern Auswärtigen Amte unterstand, ist in ein Staats­sekretariat verwandelt und dieses Ressort dem früheren Kolonialdirektor Dernbur g übertra­gen worden. Herr Dornburg hat den Sommer zu einer Reise nach unteren afrikanischen Kolonien benutzt. Welchen Niederschlag diese Reise in For­derungen an den Reichssäckel haben wird, steht noch dahin. Zweifellos wird bas Wort eines Parlamentariers xutreffen, welches lautet: Wenn Dernburg eine Reise tut, Jo gibt es viel zu zahlen. Die Ablösung des KolcNiälamtes vom Auswärti­gen Amt war nicht bie einzige Aenderung, bie sich im Jahre 1907 in bem auswärtigen Amte voll­zogen hat. Der Leiter dieses Amtes, der Staats­sekretär v. Tschirschky ist nach kurzer Amts­tätigkeit aus diesem Ressort wieder ausgeschie- bt-n, um den Botschafterposten in Wien zu über­nehmen. lieber ben Giunb seines Rücktrittes ist man nicht recht kluo geworden. Bekanntlich wurde er mit ber Kamarilla in Zusammen­hang gebracht Er sollte von biefer gegen ben Willen bes Reichskanzlers in bas Auswärtige Amt hineinbngfiert worden fein. Wenn ein poli­tischer Einfluß ber Kamarilla bestanden hat, so ist eS jetzt dainit wohl vorbei. In biefer Be- vehung hat ber Prozeß Harden luftreini- genb gewirkt. Die in diesem Prozesse zur Sprache gekommenen sittlichen Verfehlungen in der Armee haben im Volke eine berechtigte Entrüstung her- vorgernfen und im Ausland nicht zur Hebung nnseles Ansehens beigetragen. Glücklicherweise sind das Einzelerscheinungen, bie der gesunde Zinn des Kaisers und des deutschen Volkes hof­fentlich völlig ansmerzen werden. Ein Nachspiel dieses Prozesses war der scharfe Konflikt zwischen dem Kriegsminister von Einem und dem natio­nalliberalen Abg. Dr. Paasche. Er löste sich in­dessen wieder in Wohlgefallen auf.

Neben Herrn von Tschirschky ist am 22. Juni zur großen. Ueberraschmig bes deutschen Volkes und zum großen Bebauern aller aufrichtigen Freunde unserer Sozialresorm ber Staatssekre­tär des Innern, G r af Posadowsky aus fei­nem Amte entfernt worden. Er fiel der Block­politik zum Opfer. Als Mann von politischer Erfahrung und als griinblicher Kenner der poli- lischen Verhältnisse konnte er sich der Einsicht nicht verschließen, daß eine künstliche Politik, wie sie Fürst Bülow mit ber Blockpolitik eröffnet hat, auf bie Dauer unhaltbar ist. An seine Stelle trat ber preußische Minister des Innern voll B e t h m a n n - H o l l w e g. Im Reichstag hat dieser fein sozialpolitisches Programm entwickelt. So dankenswert es ist, so darf doch nicht außer acht gelassen werden, daß bie Ofefebenttoiirfe, bie er in Aussicht gestellt hat. bie Frucht jahrelanger Arbeit bes Zentrums unb des Staatssekretärs Grasen Pvsabowsky sind. Ter Block tritt hier also nur ein Erbe an. Nachfolger des Ministers v. Hollweg, der als Vize-Präsident des preußiscl)en Stalitsministerfums bie Politik im Reich unb in Preußen in llebereinftimmung zu bringen anser- feljen ist. wurde der Ober-Präsident von Ost­preußen, Graf M o l t ke.

Der erste Schritt des Fürsten Bülow, die Blockpolitik des Reichs auf Preußen zu übertra­gen, bestand in ber Entlastung bes preußischen Kultusministers Dr. S t u b t. In dieser Ent-

^ibliotheca| Smerätag ben 2. AllllUlU 1908.

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weil da- Zentrum in uneigennütziger Weis« arbeitete. Jetzt ist es anders geworden; bit Freisinnigen haben bie Politik be« Kuhhandel- ganz offen proklamiert - und rundweg ertlärt, daß sie mit bem „Bleistifte in bet Hand" rechnen werden. Kein Wunder, baß es da ben Konser­vativen immer unbehaglicher wirb. In ihrer letzten Wochenrund'chau fordert nun bie ,Kreuz- jeitung' rückhaltlos, daß bas Zentrum in ben Block aufgenommen werbe.

Sie schreibt:

„ES ist auf die Dauer ein unnatürlicher und un- aesunder Zustand, daß im Reichstage die größte geschlossene dürgertiche Partei abseits steht. DaS Zentrum wird nicht antinaiionale Politik treiben tonnen noch wollen. Aber es ist von den Verein­barungen der anderen Parteien ausgeschlossen und wird aus taktischen Gründen häufig ihrer Kompromiß- Politik Opposition machen. Mit dieser Politik Ist — das liegt ja in ihrer Natur — niemand ganz zufrieden. Populär, selbst in beschränktem Maße, kann sie nrcht sein. Das Zentrum wird allo oft genug in der Lag« lein, unpopuläre Kompromißbeschlüsse gegen den Block auszunutzen. Dte Kampsnaturen im Zen. trum freuen sich dieser Situation ganz unverhohlen. Es ist den Blockparteien wegen ihrer Uneinigkeit bet den Neuwahlen nicht gelungen, dem Zentrum so mel Abbruch ,u tun, daß es bte Fehler des vorigen Winter« am eigenen Leibe zn suhlen bekam. Der Regierung und den Blockparteien bleibt kein anderes Mittel, daS Zentrum zur späteren Mitarbeit heranzu» vilden, als durch das denkbar festeste Zusammen­halten diese Mitarbeit entbehrlich zu machen. Wir haben zu den jetzt wieder in den Vordergrund gelte- lenen allen Führern dieser Partei das Zutrauen, daß sie nach den ersten entscheidenden Beweisen für du Festigkeit des Blocks langsam den Anschluß an die anderen bürgerlichen Parteien vorbereiten werden, und die Diegteiung wird ohne Zweifel einen ehren­vollen Frieden dem jetzigen Kriegszustände vorziehen.'

Das Zentrum hat absolut keine Sehnsucht danach, in ben Block aufgenommen zu werben. Das Z°ntrum ist keine Partei der Unversöhn- lichkeit und bes TrotzeS; es wirb nicht in bem Schmollwinkel stehen, sondern tüchtig milat beiten, wie es schon ber kurze Tagungsabschnitt vor Weihnachten gezeigt hat. Aber mit Bülow gibt es für das Zentrum kein Zu» sammenarbeiten mehr. „(Sbte und Repu­tation* haben es bem Reichskanzler nach seiner Versicherung geboten, wegen einiger untergeorb- neter Kolonial,ragen einen Vernichtungskampf gegen bas Zentrum zu führen. Jahrelang bie Unterstützung bie,es Zentrums in ben wtchligsten Fragen anzunehmen unb sich von ihm aus Be» drängniffen helfen zu laffen, verboten „Ehre unb Reputation" ihm natürlich nicht. „Ehre unb Reputation" verlangen bloS, baß bie Parteien ihm ohne Widerspruch hie Dienste leisten, bie er braucht. Dem Zenlrum verbieten es aber jeden­falls Ehre und Reputation, sich als Au-Hilfs- mädchen in der Blockw'rtschaft verwenden zu lasten. Cs wird keineswegs, wie man ihm unter» lchtebl, aus Parletpolilik unb Parlethaß Oppo­sition treiben, aber es kann auch unmöglich bie Politik der Würdelosigkeit betreiben, wenn es sich nicht bei seinen Wählern und in den Augen der Gegner selbst unheilbar kompromiltieren will.

Mesi Merian.

Roman von M a r i e B a i e r l ei n.

7] (Nachdruck verboten.)

„Also auch verwitwet!" Der Ausruf war den chwellenden Lippen unwillkürlich entfahren und rüg wie ein gedämpfter Iubelschrei.

Tann rief sie den Knaben zu sich heran, beugte dessen schwarzes Köpfchen etwas zurück und indem sie leidenschaftlich forschend in das Kindergesicht­chen blickte, sagte sie: „Keine Spur von ihm — aber man sieht auch keine Aehnlichkeit mit seiner Mutter — ich meine, weil diese eine so wunder­schöne Person gewsen fein soll — der Junge ist ja grundhäßlich l"

Rest zog den Kleinen an sich und warf einen entlüfteten Blick auf die Baronin. Wie konnte diese vor den Obren Raouls eine derartige Aeu- ßerung machen! Da schlang der arme kleine Kerl beide Aermchen um den Hals seiner Pflegemutter unb schluchzte laut auf:

„Bring mich weg von der bösen Frau; sie findet mich auch häßlich, wie meine Mama immer sagte; aber darum baft Du mich doch lieb, gelt Du einzige, gute Tante Resi?"

Das war ber erste Zärtlichkeitsbeweis, ben Resi von ihrem Schützling erhielt, und das Fräu­lein drückte daS schwache leichte Körperchen halb beunruhigt, halb beseligt an sich, während es innig kosend ftüsterte:

„Sei ruhig, mein süßer, einziger Junge! Du hist für Deine Tante das schönste Geschöpfchen ber Welt."

Frau von Simmern wurde doch etwas be- {angen übet bie Folgen ihrer taktlosen, unbebaut­en Aeußerung.

„Ei, ei, welch' winzige, männliche Eitelkeit!" ersuchte sie zu scherzen, schlug aber vor dem vor­wurfsvollen Blick der braunen Mädchenaugen den hrigen zu Boden.

Christel, welche das Weinen Raouls gehört hatte, erschien sofort, um den Knaben himvegzu- tragen. Mit ihr drang aber mich der aromatische Duft frisch gebrühten Kaffees in das Zimmer, und der Besuch fragte ungeniert unb begehrlich.

„Ach, der Vesperkaffee! Würdest Du die große Gastlichkeit besitzen und mich daran teilnehmen lasten, Rest? Ich schmachte nach einer guten Tasse Mokka. Bis ich heim komme, habe ich die richtige Stunde übergangen und der Kaffee in ben Gast­häusern ist immer entsetzlich fabel"

„Du kommst meiner Einladung zuvor, Lilly! Entschuldige einen Moment — ich will Christel die nötige Anweisung geben."

Rest eckte in die Küche und gab der Magd einen Wink, damit dieselbe das bessere Service und die guten Löffelchen bringen solle.

Es soll geschehen, Fräulein, obwohl es mir dummen, einfältigen Person recht lächerlich vor- kommt, wenn man für diejenige ein großes Brim- borium machen muß, die Ihnen früher immer die Butterbrote unb Aepfel abgebettelt hat, weil bet ihr zu Hause Schmalhans Küchenmeister war!' Frau von Simmern schlürfte voll Behagen ben ihr servierten braunen Trank. Wenn sie es da­heim wirklich gewohnt war, feine Bäckereien dazu zu knuspern, so ließ sie es sich hier wenigstens nicht anmerken, sondern tat den einfachen, lockern Semmeln, sowie der frischen Butter und Honig alle Ehre an. Beauem in die Sofaecke sich schmie­gend, ließ sie bie Augen wie traumverloren durch das Zimmer schweifen und begann:

„Eigentlich kann ich gar wohl begreifen, daß e8 Dir hier in Deiner Kemenate gefällt und daß Tu keine gesellschaftlichen Anwandlungen be­kommst. ES wirkt hier alles so ftiedlich unb beruhigend: man meint den Hauch der bürger­lichen Gemütlichkeit, der von diesen soliden, alten Möbeln ausgeht, förmlich zu spüren. Wenn man allein im Zimmer sitzt, müssen sich die Gedanken unwillkürlich auf bte Vergangenheit richten, und man läßt die Gestatten von Großvater und Groß­mütterlein im langen Bratenrock und ©djnep-

pentaille, die sich dieser Einrichtung bedienten, im Geiste an sieh vorüberziehen. Wenn Tu wuß­test. wie ich mich manchmal sehne nach solch' einem erholend n. traulichen Stündchen. Seit meine Mutter gestorben ist, bähe ich niemand mehr, bet dem ich eine Sehnsucht nach bürgerlicher Gemüt­lichkeit auch nur für kurze Zeit befriedigen könnte. Würdest Du mir daher erlauben. Dich in Zukunft öfter auszusucken, Rest?"

Tie junge Frau hatte in ganz elegischem Tone gesprochen und bte schillernden Augen wand­ten sich mit schwärmerischem Aufschlag zu der Jugendfreundin.

„Wenn Dir unsere einfachen Gewohnheiten für die Dauer anziehend sein würden — warum nickt?"

Resi brachte eS nicht übet sich, der Dame herz­licher entgegen zu kommen. Diese plötzliche Ein­genommenheit für die anspruchslose Art ihrer bürgerlichen Vorfahren kam dem Mädchen doch etwas auffallend und überraschend vor, zumal Lilly nie an allzu großer Gemütsveranlaguiig gelitten hatte.

„Du machst mich glücklich, liebe Freundin; ich werde Deine gütige Erlaubnis von nun an tüchtig ausnützen Du mußt dagegen auch öfter meine Gastfreundschaft in Simmern annehmen. Ach, ich habe das Bedürfnis, mich wieder an die Seele einer lieben, treuen Freundin anzuschließen. Und da wir h< unteren Mädchenjahren doch stets so gut mit einander harmonierten--“

Resi konnte sich abfolut nicht besinnen, worin diele Seelenharmonie bestanden hätte; aber höf- licharweife wollte sie nicht widersprechen.

Die Baronin lenkte nun, an bie gemeinsam verlebte Jugendzeit anknüpsend. das Gespräch ge­wandt und unauffällig auf Fritz Weilers, und obwohl Resi gerade diesbezüglich nur kurze, reser­vierte Antworten gab, so hatte bie Witwe doch bald herausgefunden, daß der Kaufmann nach Beendigung einer Reise hierherkommen werde.

Die schone Frau fuhr mit einem Mal au» ihrer ruhenden Lags auf; denn man hörte das

Rollen eines Gefährtes, welches gleich darauf vor bem Hause anbielt.

„Ach, wie schnell dock bei Dir die Zeit ver­gangen ist; draußen hält bereits wieder mein Wagen, um mich, meiner Weisung gemäß, abzu­holen. Liebste Resi. ich danke Dir innigst für Deine herzliche Ausnahme unb Bewirtung. Grüße mir den süßen, kleinen Knaben; ich werde ihm nächstens ein reizendes Spielzeug mitbringen, weil er heute im Zorn von mir gegangen ist."

Die Freifrau war mit Resis Hilfe in ihr pelzgefüttertes Jackett geschlüpft und hatte bie kleidsame Sealskinkappe auf die goldenen Lo­cken gedrückt. Nun beugte sie sich zu Resi unb war im Begriffe, ihre rosigen Lippen aus die runde, feste Madchenwange zu presien; allein daS Fräulein mußte dies nickt bemerkt haben, denn Resi wandte im gleichen Moment das Haupt unb auf bie Straße blickend fragte sie:

„Hast Du Dick gut eingehüllt, Lilly? Es geht draußen ein eifiaer Nordwind. Gib acht, damit Du Tich nicht erkältest!"

Die Blondin» trat etwas enttäuscht einen Schritt zurück Doch der verlegene Zug war au» ihrem blendenden Antlitz bald wieder verschwun­den und ein reizendes Lächeln spielte um ben kleinen Mund, als sie bem Fräulein wieder und wieder dankend die Hände zum Abschied schüttelte.

Als das mit dem freiherrlichen Wappen ge­schmückte Kupee schon längst auf seinen Gumini- räbern fortaeroltt war, zerbrach sich Resi Merian noch lange ben Kopf, welche Absichten bie Witwe mit biefem ersten, überraschenden Besuch verbun­den hatte. Lilly hatte sich doch während all' den Jahren feit ihrer Verehelichung nicht mehr um die einstige Schul und Spielgenoffin gekümmert unb jetzt war so urplötzlich der Wunsch nach Freundschaft unb inniger Seelenverbindung übet die Baronin gekommen! DaS war doch sehr rat» selhast!

(Fortsetzung folgt).

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