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SotatkanrdruckAnb Verlag derZuldaerAk- tiendrmlerri in Zulda Zernfprecher Nr. 9.

2L8. Erstes Blatt.

Fulda, Oonnerstafl den 29. Dezember 1910.

37. Jahrgang.

veullcher Reich.

♦ Berlln, 28. Dez. 1910. lluterstaatssekretär im Auswärtigen Amte für den wegen Krankheit zurück- tretenden Untrrftaatssekretär Släbrich fall entweder der Geheime Legalronsral Zimmermann aus dem Auswärtigen Amte oder der Gouverneur Dr. Soks von Samoa werden. — Der Landlagsabge­ordnete für den Wahlkreis Heiligeribeil - Preußifch- Eylau v. Saucken»Loschen (kons.) ist auf seiner Besitzung Gomthenen im Aller von 77 Jahren ge­storben. — Dem Generalsekretär des Zentralver­bandes Deutscher Industrieller, Henri Bueck, ist der Rote Adlerorden zweiter Klasse mit Eichenlaub verliehen worden. — Der Kronprinz ist nach Agra abgereist. Vorher nahm er in Jaipur an einem Festbankett im Palais des Maharadscha teil. Am Mittwoch besuchte er das Obseroalorium und besichtigte später die eingeborenen Truppen. Dem Maharadscha hat der Kronprinz den ihm verliehenen Kronenorden erster Masse überreicht.

)( Eine Handwerkerkonferenz soll am 3. März 1911 im Reichsamt des Innern statt­finden. Zur Besprechung sind geladen der deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag, der Zentral- ausschuß der Vereinigten Jnnungsverbände Deutschlands, die deutsche Mittelstmrdsvereinl- gung, verdeutsche Handelslag, derZentralverband deutscher Industrieller, der Bund der Industri­ellen und außerdem Vertreter der Bundesregie­rungen. Die Erörterungen sollen an einen Frage­bogen anknüpfen, der die Abgrenzung von Fabrik und Handwerk, zweitens die Heran­ziehung der Industrie zu den Kosten der Lehr­lingsausbildung durch das Handwerk und endlich die Abänderung des § 100 q der Ge­werbeordnung über die Festsetzung von Mindest­preisen durch die Innungen betrifft.

+ Das Schicksal des Entrignungsgesetzes erhält die .Post' andauernd in großer Unruhe. Die letzte Veröffentlichung in der ,Rhein.-Westf. Ztg.' die das Enteignungsgesetz als gescheitert bezeichnete, ruft bei ihr erneut die Befürchtung hervor, daß die Autorität des preußischen Staatsmiuifteriums durch die Verleugnung des vor zwei Jahren geforderten Gesetzes einen schweren Stoß erleiden werde. Das hakatistische Leibblatt erklärt es für unbedingt not­wendig,

„baß von den nationale« Parteien, die zum Teil erst nach langen inneren Kämpfen sich für die Eut- rignungsvorlage entschieden hcchen, sofort nach Znsam- mentreten des Landtages eine Anfrage an den Ministerpräfidenten gerichtet wird. Wir wollen hoffen, daß der Ministerpräsident daranf erwidern wird: Laut Beschluß des Slaatsmmisteri«ms von Anfang Januar 1911 sei mit der Enteignung bereits begonnen worden. Außerdem aber würde die Regierung zur weiteren Förderung des Anstedelungsgesetzes eine Vorlage zur Bekämpfung der polnischen Parzellierungs- 'banken in Kürze vorlegen. Eine derartige Beant­wortung der Anfrage würde alle Besorgnisse natio­naler Kreise vollständig beteiligen".

Danach ist also damit zu rechnen, daß die frei- konservative Fraktion eine Interpellation über die 'Anwendung des Entergnuugsgesetzes einbriugen wird. Die Regierung wird von dem stürmischen Eifer ihrer Getreuen wenig erbaut fein.

t Gras Franz Xaver v. Karst, gen. Schmifing» Kerssenbrock, päpstlicher Geheimer Kämmerer, ist zu Haus Brincke bei Halle i. W. am Sonntag nach längerem Leiden im 70. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene war, nachdem er zu Lüttich und Feldkirch feine Erziehung genossen hatte, mit seinen beiden jüngeren Brüdern in das 1. Garde-Regiment z. F. eingetretes. Als er vor die Frage gestellt, ob er eintretendenfalls in ein D u e 11 willigen werde, diese aus Gründen feiner religiösen Uederzeugung verneinte, wurde er und feine Brüder mit schlichtem Abschied aus dem Heeresdienst entlasse n. Er trat dann später unter dem General Kanzler m die päpstliche Armee ein: die Einnahme Roms ver- anlaßte ihn aber, nach Deutschland zarückzutehren, wo er im Jahre 1870 als Plaltrjerkommifsar für die Pflege der Verwundeten tätig war.

)( Ei« auffällige Meldung kommt ans Deutsch- Südwestafrika. Die 4. Kompagnie der Schutz- truppe wird zur Unterstützung der beim Bahndau Windhuk-Karibib beschäfligien 6. Kompagnie aus- rücken. Diese Strecke soll big zum 1. April fertig sein. Es handelt sich um die Strecke, auf der schon neulich die schweren Zusammenstöße mit den eingeborenen Arbeitern vorkamen, bei denen mehrere Schwarze erschossen wurden.

* Stuttgart, 27. Dez. 1910. Die Bürger- ausschußwahlen m Württemberg find nun im ganzen Land in der Hauptsache zu Ende. Auch diese Wahlen sind allmählich ein politischer Grad­messer geworden. Um so erfreulicher ist die Tat­sache, daß es, der „Köln. Ztg.* zufolge, gerade die Zentrumspartei ist, die trotz der schärfsten Be- kämpfung von liberaler und sozialdemokratischer Seite fich noch wackerer gehalten hat, als vorige? Jahr bei den Gemeinderatswahlen. Nicht nur hat das Zentrum auf bett Rathäusern seine alte Stärke bewahrt, sondern es hat eine Reihe von Rathaus­sitzen den anderen Parteien entrissen. Diesen Erfolg gesteht selbst der volksparleiliche Beobachter mit folgenden Worte« zn: „Dos Zentrum wurde, da- muß betont werden, von dieser fortdauernden Un­zufriedenheit weniger berührt, als die Konservativen und Heuer weniger als noch vor einem Jahr." Die Konservativen und Bauernbündler haben allerdings da und dort einige Verluste zu verzeichnen, doch find diese auf das Zusammengehen der National» tibrralm mit der Fortschrittlichen Volkspartei zurück­zuführen; die Kuhhandelepolilik dieser beiden Par­teien hat bei den dieSMrigen Bürgerausfchuywahlen melfr den Nationalliberaten genützt als den Bolks- parteilern. Auffallend gering ist das Wachstum der sozialdemokratischen Stimmen, trotzdem die vielen Neuaufnahmen in die Bürgerlisten der großen und mittleren Industriestädte fast ausschließlich auf das

Konto der „Genossen* zu setzen sind. Stellenweise wurden auch Breschen in sozialdemokratische Mehr« heiten gelegt.

Ausland.

** Der allgemeine Arbeiterverband in Frankreich hat den Beschluß gefaßt, den Gefamtausstand der Derbandsmitglieder vorzubereiten, um gegen oie Verurteilung des Syndikatssekretärs Durand zu Rouen zu protestieren.

** Das republikanische Ministerium in Portugal hat die erste „Kultur tat* vollbracht: Das Amls- blatt veröffentlicht zwei Dekrete, durch welche das Gesetz über die Zivilehe und das Gesetz betreffend die Legitimierung unehelicher Kinder veröffentlicht werden.

** In Arabien verstehen es die Engländer trotz aller Schläge, die die Eingeborenen bet ihren wiederholten Ausstandsversuchen erhalten haben, immer wieder, neue Putsche anzuzetteln. Abermals wird in einer Konstantinopeler Depesche von einem ernsten Kampfe gegen die Drusen bei Kerak, öst­lich vom Toten Meere, berichtet. Die Drusen, die in dir Flucht geschlagen wurde», verloren 450 Tote und Verwundete, 600 Mann ergaben sich. Die türkischen Truppen hatten 84 Tote und Verwundete.

-)(- Atts dem Wahlkreise Marbnrg- Kirchhain-Frankenverg.

Hier tobt der Wahlkampf lustig weiter und treibt unschöne Früchte. Wie sich die beteiligten Parteien Kraftausdrücke, wie .Flunkerei*, „Unwahr- heft*, „grobe Unwahrheit", „Ruppige Kampfes» weise* an den Kops werfen, das widert einen fast an. Das liberale Gerlach-Blatt, die „Hessische Landeszeitung*, zeigt darin schon eine gewisse Fertigkeit.

Welche Verhetzung und Verbitterung wird in unsere sonst so stillen ländlichen Kreise getragen, wenn dieser demoralisierende Kampf noch fast ein Jahr dauern soll! Das muß jeden wahren Freund unseres Volkes mit Schmerz erfüllen. Unsere katho­lischen Ortschaften waren bis jetzt noch davon ver­schont geblieben, doch scheint Herr v. Gerlach nun auch in ihnen sein demagogisches Talent verwerten und dort Wahlversammlungen halten zu wollen. Hoffentlich findet er die Zentrnmswähler geschlossen und einmütig hinter der Parole ihrer Vertrauens­männerversammlung: „Unter allen Umständen gegen Gerlach.*

Die Weltanschauung einer Partei kommt ge- wöhnlich in dem Leitartikel des Parteiblattes gelegentlich der christlichen Feste zum Ausdruck. Das dürfte auch der Fall sein in dem Weih­nachtsartikel des Leibblattes Gerlachs, der hessischen Landeszeitung*; überschrieben ist derselbe: „Der Heiland der Hirten*, und verfaßt von seinem Parteifieunde Naumann. Dort heißt es an einer Stelle:

„Es steht virimehr so, daß es uns völlig gleich­gültig geworden ist, was jene sechs oder acht Hirten gesehen haben (nämlich in der hl. Nacht), und ob sie überhaupt etwas sahen und ob sie lebten; denn daS alles läßt sich beim besten Willen nicht mehr feststellen.*

Wird da nicht die Wahrheit und Zuverlässigkest des evangelischen Berichtes über die Geburt Christi geleugnet und höchstens noch als fromme Sage hingestellt? „Die unwandelbare, innere Festigkest Jesu gegenüber Pharisäern und Schriftgelehrten* wird nicht seiner göttlichen Persönlichkeit und Natur zugeschrieben — denn diese scheint bei den liberalen Herren nicht zu existieren —, sondern „die Sicher­heit des Hirtenglaubens ist bei ihm im Untergrund zu suche», so mie das Herrnhutertnm bei Schleier- wacher.* Vielsagend für die Stellung dieser libe­ralen Herren vom Schlage Naumanns, und Ger­lachs gegenüber Kirche und Staat ist auch folgende Stelle:

„Nichts liegt den Anfängen des Evangeliums ferner, als die gerade in unseren Tagen vielgebrauchte Formel: „Thron und Altar*. Erscheint sie uns sonst nur als veraltete Abgeschmackthest, so bekommt sie im Angesichte des Weihnachtsfestes direkt etwas Wider­wärtiges. Kein einziger der Texte, über die jetzt ge­predigt werden muß, paßt zu Thron und Altar. Man singt: Den die Hilten lobten sehr . . . Nun, wer war denn das? War das etwa ein Fürstbischof ober Ober» konfistorialrat? oder war e§ ein Sultusminifter? Dann würden ihn die Hirten nicht gelobt haben, denn soviel wußten diese Matschen der freien Luft, daß ihre Er» löiuug nicht aus „Hirtenbriefen" und „Pastoral-Theo­logie" kommt, und daß sie lernen Segen der weltlichen Macht braucht."

Wem „Thron* — das ist wohl hier der deutsche Kaiferthron — und „Altar* — das ist hier die christliche Kirche — eine „abgeschmackte Formel*, ja „etwas Widerwärtiges* ist, der unterscheldet sich doch nicht viel »ehr von einem Umstürzler und Un­gläubigen. Und ist nicht die Hierarchie der katho­lischen Kirche, die durch ihre Bischöfe als goUbe- stellte Hirten in „Hirtenbriefen und Pastoral­theologie* ihre Gläubigen lehrt, lächerlich gemacht und herabgesetzt? Wenn dann noch der Artikel­schreiber den Mantel der gläubigen Frömmigkeit umhängt und von „Hirtenheiland* „Hirtenglaube*, „Hirtenreligion* redet und „die Maria* in die „zarte, heimliche Frömmigkeit der Gebirge versetzt*, so find daS gelinde gejagt nur Phrasen. Sehr bezeichnend für das liberale Ehristentum, daS hier vertreten wird, ist auch der Schluß des Artikels:

Jammer wieder ermahnt Weihnachten au die Uranfänge des lebendigen Glaubens — au die kleinen Leute, die der Welt den Heüaud brachten, an Joseph, Maria und au die Hirten.*

Damit ist Ehristus als der wahre Sohn GotteS abgesetzt und zu einem Sohne Josephs und Marias gemacht, alio zu einem bloßen Menschen. Und da entrüstete sich noch die Hessische Landeszeit ung", daß wir Herrn von Gerlach das Ehristentum absprächen, als wir neulich in der ,Fuldaer Zeitung' schrieben.

er gehöre einer Partei an, die eine Entchristlichung der Schule auf ihr Programm gesetzt hat. Wenn das in dem Wribnachtskestartikel der Hessischen Landeszeitung' produzierte Christentum das Christen­tum der Partei Naumann-Gerlach ist, dann ist trotz der Synodalwürde des Herrn von Gerlach daran nichts mehr zu entchristlichen, und das ganze deutsche Volk müßte entchristlicht werden, wenn diese Partei ans Ruder käme. Das ist ja da? Ziel dieser Großblockbrüder.

Zta-werordnelen-versammlung

△ Fulda, 28. Dezember 1910.

An der gestrigen Sitzung der Stadtverordneten- versammlung nahmen 22 Mitglieder des Kollegiums teil. Der Magistrat war durch die Herren Oberbür­germeister Dr. Antoni, die Beigeordneten Halb- lei b und A r n d öertreten. An der Sitzung nahmen auch die Herren Schtachthofdirektor Dr. Lemgen, Stadtbaumeifter Fuhrmann und Stadtprobator W o h l g e m u t h teil. Den Vorsitz führte der Stadt­verordnetenborsteher Herr Justizrat Gegenbaur.

Zu Beginn der Sitzung teilt der Vorsitz ende mit, daß er aus Wunsch des Oberbürgermeisters eine Aenderung in der Tagesordnung vorgenommen und den unter 4 vorgesehenen Punkt zunächst zur Be­ratung stelle.

4. Errichtung des Elektrizitätswerkes und Bewil­ligung eines Kredits für Vorarbeiten. Der erste Re­ferent Herr Trabert führte aus, daß die Frage der Errichtung eines Elektrizitätswerkes für die Stadt Fulda uns schon seit Jahren beschäftigt. Zunächst hat sich eine Gesellschaft aus Fuldaer Gewerbetreiben­den zur Errichtung eines Elektrizitätswerkes gebildet. Dann haben Magistrat und Stadtverordnetenkollegium im Juli 1906 den Beschluß gefaßt, daß die Stadt ein eigenes Elektrizitätswerk bauen möge. „Heber» flnß an Geldmangel* ist aber neben der schlechten Konjunktur schuld daran gewejm, daß der Br- schluß nicht ausgeführt worden ist. Die Elek- trizitätskomnnssion hat nun beschlossen, der Stadt­verordnetenversammlung vorzuschlagen, einer Pri- vatgesellschaft den Bau eines Elektrizitätswer­kes zu ausschließlicher Stromabgabe an die Konsu­menten zu übertragen. Zu diesemZweck ist es jedoch not- toenbig, ben Beschluß des Stadtverordnetenkollegiums v. 2. Juli 1906 unb des Magistrats vom 10. Juli 1906 aufzuheben. Der zweite Referent Herr Rübs am legte bar, daß die Umfrage, welche die im Jahre 1905 gebildete Gesellschaft für die Errichtung eines Elektri- zitätsweckes veranstaltete, ergeben habe, daß eine ziemlich große Gruppe von Interessenten vorhanden war, die gesonnen war, fich an dem Werk zu beteiligen. Später hat die Stadt Fulda den Plan aufgegriffen unb ben Beschluß gefaßt, selbst ein Werk zu bauen. In bet Presse ist wiederholt der Vorwurs erhoben worden, daß der Magistrat nichts getan habe, um das Projekt zu fördern. Dem ist nicht so. Es ist Jahre lang sehr viel an dem Projekt gearbeitet worden. Der Magistrat har Sachverständige zur Prüfung des Pro­jektes hetangezogen und zu seiner Durchführung Ver­handlungen gepflogen. Einen längeren Aufschub ha­ben die Arbeiten erlitten durch Verhandlungen mit dem Zementwerk in Elm, das sich angeboten hatte, un­ter sehr günstigen Bedingungen Strom abzugeben. Der Referent beftirchtet, daß bei Errichtung eines Elektri­zitätswerkes nun jeder Handwerker sich einen Motor anschaffen, und eine kleine Fabrik gründen würde, was bann toiebei durch die übergroße Konkurrenz einen Mangel an Aufträgen im Gefolge haben würde. Herr Rübsam sprach sich, da nach dem Vorschläge des Ma­gistrats ein pekuniäres Risiko für die Stadt nicht ein« treten werde, für die Bewilligung des für die Vorar­beiten verlangten Kredits aus. Herr Trabert be­tonte, daß das Bedürfnis für die Errichtung eines Elektrizitätswerkes allgemein, namentlich aber in den Kreisen der Gewerbetreibenden anerkannt werde. Well gute Arbeitskräfte und tüchtige Gchülsen so rar feien, sei jeder vorwärtsstrebenbe Geschäftsmann gezwungen, sich einen Motor anzufchoffen. Die Befürchtungen des Herrn Rübsam hinsichtlich des Erwerbslebens könne er nicht testen. Herr Dr. Schulte vermißt die Angabe von Gründm, welche es ratsam erscheinen taffen, denBe- schluß, ein eigenes Elektrizitätswerk zu errichten, wie­der aufzuheben. Auch ist er sich nicht klar darüber geworden, ob die Frage, ist ein Elektrizitätsweck für Fulda notwendig? so unbedingt zu bejahen wäre. Erst wenn mir nachgewiesen wird, daß die Klemgewerbe- treibenben Vorteil davon haben, wenn wir ein Elektri­zitätsweck bauen ober bauen lassen, dann werde auch ich dafür sein; bann hat auch die Stadt die Verpflich­tung, für die Kleingewerbetreibenden, die siebenmal mehr Steuern wie die Beamten zahlen, etwas zu tun. Herr Dr. Schulte ist gegen die Aufhebung des Be- fchluffes von 1906 und für Bewilligung des verlangten Kredits. Herr Sunkel tritt der Ansicht des Herm Dr. Schulte bet, daß man den Beschluß von 1906 be­stehen lassen und nur einen Kredit für die Vorarbeiten bewilligen solle. So ganz sei er der Ansicht nicht, daß das Elektrizitätswerk keinen Vortell für die Handwer­ker böte. Herr Fritz ist dafür, den Beschluß von 1906 aufzuheben, damit er den Stadtverordneten nicht mehr länger im Wege sst. Auch in der Kommisston haben wir dafür gestimmt, ibn aufzuheben. Sachver­ständige haben unsReritabstitätsberechnungen vorgelegt, wonach bei dem Elektrizitätswerk em riesiger Gewinn herauSkommen werbe. Wir haben biesen Berichten sehr skeptisch gegenübergeftanben. Erst, nachdem wir das Gutachten deS Ingenieurs Petersen in Händen hatten, daS uns sagte, in den ersten fünf Jahren sei ein Ver­dienst überhaupt nicht zu ermatten, sind wir anderen Sinnes geworden. Für ein Elektrizitätswerk wird die Großindustrie der Hauptabnehmer fein. Wenn hie Stadt ein Elektrizitätswerk baut, muß sie alle, ob Kleingewerbetreibender, ob Großindustckeller, gleich halten. Ein durch eine Firma erbautes Elektri­zitätswerk ist aber in der Lage, der Großindustrie ganz andere Vockeste zu bieten, wie dem Handwerker, der nur einige Stunden im Tage elektrische Energie ge- brancht. Das letztere Moment ist für mich ausschlag­gebend gewesen mir zu sagen: Jetzt ist das Elektri­

zitätsweck eimgermaßen gesichert. Der Herr Oberbür­germeister hat uns in der Kommission mitgeteilt, daß Offerten von einer ganzen Anzahl Firmen Vorlagen, die das Elcktrizllätsweck bauen wollen. Die Kom­mission hat sich mich dafür ausgesprochen, daß zur Beratung der Stadt kn dieser Angelegenheit ein Sach­verständiger berufen werde. Herr Fritz bittet, hierfür den verlangten Kredit von 1000 Mk. zur Verfügung zu stellen und den früheren Beschluß auszuheben. Der Referent Herr Trabert tritt :varm für die Be­seitigung des Beschlusses ein, dessen Aufhebung auch nach feinem Dafürhalten notwendig ist, um Klarheit zu schaffen. Für die Straßenbeleuchtung wird für uns die Elektrizstät nicht in Frage kommen, sondern nur das GaS. Wenn Herr Dr. Schulte sagt, das Bedürf­nis sei nicht nachgewiesen, so möchte ich darauf er­widern, daß eine größere Anzahl Handwerker sich schon früher zu einer Gesellschaft zusammengesiinden haben, in der Absicht, ein Elektrizitätswerk auf eigene Kosten zu bauen. Die Befürchtung einer mangelnden Rentabllität teilt Herr Trabert nicht. Die Firmen, die fich angeboten haben, das Weck zu bauen, find auf Grund ihrer langjährigen Erfahrungen von dessen Ren» tabüffät überzeugt. Ich bitte eine Summe für die Vorarbeiten zu bewilligen. Herr Dr. Schulte er­klärt sich nunmehr mit der Aushebung des früheren Be­schlusses einverstanden. Herr Rang, der gleichfalls für Aufhebung des früheren Beschlusses spricht, ist der Meinung, daß man den Sachverständigen auch fragen solle, ob er ein eigenes Elektrizitätswerk oder ein von einer Privatgesellfckast erbautes für das bessere hält. Der Vertrag werde auch eine Bestimmung darüber enthalten müssen, daß die Stadt in der Lage ist, daS Weck zu einem bestimmten Preis zu übernehmen. Der Oberbürgermeister: Wenn wir nicht_ins Uferlose mit unseren Spionen geben wollen, bann müsser wir erklären: Wir heben den früheren Beschluß auf Wir standen kn der Kommisston auf dem Standpunkt daß es das richtigere ist, einer Firma den Bau einet Elektrizitätswerkes bezw. die Konzeffion zur Errich- tung eines solchen zu übertragen. Wir haben uni schon vor vier Jahren dafür entschieden, für Fulde; ein Elektrizitätswerk zu bauen. Nur über den Zeitz' punkt ist man sich nicht klar geworden. Die Bedürfnis« frage hat man schon damals nachgewiesen und sie da­mit begründet, daß der Heinere Handwecker notwendig elektrische Energie brauche. Der Oberbürgermeister legt sodann dar, daß für die Hausbeleuchtung das Gas billiger sei, wie die Elektrizität und daß für die Stra­ßenbeleuchtung in Fulda das Gas beibeb alten werde. Weiter betonte er den großen Nutzen der Elektrizität für Kraftzwecke. Selbst wenn hier die Elektrizität im Nntrrfatz etwas teurer sein sollte, so werde diese- Manko durch billigere Arbeit wieder herauskommen. Herr Fritz hat mit Recht auf die Großindustrie als den Hauptabnehmer für Elektrizität hingewiesen. Wenn ■ wir mehr Industrie nach Fulda ziehen wollen, bann müssen wir Elefirizität haben. Daß ein Elektrizitäts­werk dem Gaswerk Konkurrenz machen wird, hakte ich nach den Erfahrungen sämtlicher Städte, welche Gas und Elektrizität haben, für ausgeschlossen. Im Gegenteil: durch die Elektrizität wird ein gewisser Lichthunger erzeugt, und je größer dieser ist, desto mehr steigt auch der Konsum der Gasanstalt. Wenn wir so ziemlich die letzte Stadt von der Größe Fuldas sind, die noch kein Elektrizitätswerk besitzt, so schadet das nichts. Ich glaube, wir haben in dieser Beziehung nichts ver­säumt und wir haben noch den Vorteil, daß wir uns die Erfahrungen anderer Elektrizitätswerke zunutze ma» chen können. Jetzt nmß aber auch eifrig ans Weck gegangen werden. Der Oberbürgermeister führt bau» den Nachweis, daß ein Elektrizitätsweck in städtischer Regie viel schwerfälliger arbeitet, wie eine Privatge­sellschaft. Ein fremdes Weck kann auch eine andere Preispolitik treiben als wir. Es wird dahin zu stre­ben fein, daß wir das Abfindungsrecht über das Weck und einen Einfluß auf die Preispolitik erhalten. Auch wird die Kommission mit der Firma zu vereinbaren haben, daß wir eine Abgabe bekommen. Der Ober­bürgermeister befürwortet die Aufhebung des früheren Beschlusses und die Bewilligung eines Kredits von 1000 Mack für einen der Stadt als Berater zur Sette zu stellenden technischen Fachmann. Die Diskussion war hiermtt beendet. Die Versammlung beschloß ein­stimmig, den Beschluß der Stadtverordnetenver­sammlung vom 2. Juli 1906 und des Magistrats vom 10. Juli 1906 (Errichtung eines eigenen Elektrizitäts­weckes) aufzuheben. Sodann lagen noch fol­gende Magistratsbeschlüff« zur Genehmigung vor:

1. Der Magirlrnt ersucht die SkaSiverorvuelen- versammlung, zuzuftünme», daß einer Firma die Er­laubnis zur Errichtung enreä Elektrizitätswerkes und zur ausschließlichen Siromabaade gegeben iverbc. 2. Mit der Vorberatung des zu diesem Zweck abyt« schließenden Beitrages soll die beßehende gemeinschaft­liche Kommission betraut werden, welche den ,yt ver­einbarenden Entwurf den beiden städtischen Körver- schastm zur Genehwiglmg vorzulegen hak. 3. Die Sommifftou wird ermächtigt, als Berater der Stadt «inen Sachverständigen hmzuzuKehen und hreifrr 10.0 Mark zur Bersügung zu stellen.

Auf Vorschlag des Oberbürgermeisters wurde nach kurzer Debatte die Beschlußfassung über Punkt 1 des Magsstratsmttrages ausgesetzt. Die Anträge 2 und 3 wurden einstimmig angenom­men. .

1. Entwurf zu der Ordmmg betr. die Erhebung von Li-stbarkeitssteuern. Nach einigen einleitenden Worten des Berichterstatters, Herrn Rang, begründet der Oberbürgermeister die Vorlage: Die bis­herige Lustbückeitssteuerordrmng weist verschiedene Mängel auf. Einige Veranstaltungen trifft sie gar nicht, andere so, daß die Steuer nicht als gerecht und biüig betrachtet werden tarnt; und schließlich zeigt die Erhebungsart der Steuer eine gewisse Schwerfällig­keit Schon seit Jahren hatte ich den Wunsch, eine Aenderung des Statuts herbeizuführen, da gerade die Schwerfälligkeit in der Erhebung uns man ehe Aus­fälle gebracht Hai. Auch das Panfchalshf.cm hat fich sehr ungerecht gezeigt. Es soll als» durch die neue Vorlage die bisherige Ordnung ergänzt und berichtigt werden. Das vorgeschlsgene Karlenftzstem bat sich bei andern Städten bewahrt. Diese Steuer wird sehr leicht getragen, weil sie den einzelnen wenig belastet.