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M 296.

Dienstag den 2«. Deputier 19,0.

57. Aahrg«s-

* fuldaer

2. Blatt.

Druck wn> vertag der Fuldaer »etteudruckerei in Mda

Leitung «

E Deutschland im Jahre 1910»

i.

Das Zahr 1910 ist für die innerpolitische Ent­wicklung zu charakterisieren als eine Zeit der Nach­wirkung und der Vorbereitung.

Die durch den Zusammenbruch der Bulow schm Blockpolitik geschaffene parteipolitische Lage erfuhr keine Veränderung. Die Parteien, die die Jman^ reform zur Durchführung gebracht hatten, blieben »ach wie vor der geschlossenen Gegnerschaft der liberalen Parteien ausgesetzt, und diese Gegnerschaft nahm eine wachsende feindselig gehässige Form an. Bestimmend war dafür die Rücksicht auf die bevorstehenden allge­meinen Neuwahlen zum Reichstage. Der Libe­ralismus, dec dm oppositionellen Wind für sein Par­teischifflein benutzen will, war dadurch gezwungen, die agitatorische Hetze gegen die Reichsfi- n a n z r e f o r m fortzusetzen. Den Rügen davon hat allerdings bis jetzt nicht er selbst, sondern die So­zialdemokratie gehabt, die natürlich von der Entfesselung der radikalen Instinkte stets den größten Vorteil haben muß.

Die Reichstagsersatzwahlen lieferten dm offenkundigen Beweis. Tie Sozialdemokratie er­oberte die Mandate für Eisenach, für Usedom-Wollin, für Friedberg-Büdingen, für Cannstatt-Ludwigsburg, für Zschopau-Marienburg und für Frankfurt a. O. Von diesm sechs Mandaten waren nicht weniger als vier vorher in liberalem Besitz. Die naturgemäße Entwicklung der Lmksstellung der liberalen Parteim war die Annäherung an dieSozialdcmo- k r a t i e, die sowohl in der parlamentarischen Aktion wie auch bei den Wahlen in die Erscheinung trat. Die Wahlunterstützung durch die Sozialdemokratie ver­schaffte der Fortschrittlichen Volkspartei das früher in konservativem Besitz befindliche Mandat für Labiau-Wehlau und das durch den Tod des Zm- trumsabg. Ziesche freigewordcne Landtagsniandat für Breslau. Der einzige Gewinn der Nationallibe­ralen, das Mandat für Oletzko-Lyck, das den Konser­vativen abgenommen wurde, war der Erfolg eines von dem Hansabunde nach amerikanischem System durchgeführten Wahlkampfes. Die beiden durch den Tod der Abgg. de Witt und Schmidt erledigten Z e n- trumsmandate für Wipperfürth-Gummersbach und Warburg-Höxter wurden von der Partei behaup­tet,' in dem erstgenannten Wahlkreise wurde nach einem überaus heftigen Kampfe Oberlandesgerichtsrat Marx, in dem anderen Prof. Dr. Spahn gewählt.

Die Regierung verblieb gegenüber dem Streite der Parteien zunächst in ihrer früheren Reserve. Das Werk der Reichsfinanzreform, dessen Bedeu­tung für das Reich sowohl wie für das Wirtschafts­leben immer klarer zu Tage trat und überall, wo nicht die parteipolitischen Rücksichten das Urteil verwirrten, steigende Anerkennung fand, erfuhr seitens der Reichs- rcgicrung eine offizielle Anerkennung erst in der Etatsrede des Reichsschatzsekretärs Wermuch am 9. Dezember zur Einführung des Etats für 1911. Der Reichskanzler v. Bcthmann Hollweg, der durch die Verleihung des Schwarzen Ädlerordens am Kaifer- Geburtstagsseste einen Allerhöchsten Vertrauensbeweis erhielt, suchte seine Aufgabe darin, die Arbeitsgemein- schafr der bütgcrlichen Parteien, die bis zum Jahre 1906 zum Segen des Reiches bestanden hatte, wieder herzustellen. Seine Bemühungen, durch weitgehendes, die schuldige Rücksichtnahme auf, die die Last und die Gefahren der parlamentarifchen Arbeit übernehmenden Parteien manchmal verletzendes Entgegenkommen die Nationalliberalen aus ihrer Oppositionsstellung her- übcrzuziehen, hatten keinen Erfolg, ebensowenig sein Appell an die Gemeindebürgschaft der bürgerlichen Parteien gegenüber der wachsenden sozialdemokrati­schen Gefahr. Der nationalliberale Par­teitag, der am 1. Oktober in Kassel zusammentrat, brachte viel; schöne Worte, aber keine klare Entschei­dung über die künftige Stellungnahme der Partei. Die in der Partei bestehenden Differenzen, die vornehmlich die Stellungnahme gegenüber der Sozialdemokratie be­treffen, wurden nicht zum Austrag gebracht mit Rück­sicht auf die für die Reichstagswahlen notwendige Einigkeit der Partei. Die erste Etatslcsung, die in den Tagen vom 9. bis 14. Dezember stattfand, lieferte den Beweis, daß eine Aenderung in der partei­politischen Konstellation vor den nächsten Wahlen nicht zu erwarten ist.

In der Etatsrede des Reichskanzlers war das be- deutsamste Moment die scharfe Kampfansage gegen die Sozialdemokrati e. Die Äizial- demokratie hat vielleicht noch nie ein so günstiges Jahr gehabt wie das nun verflossene. Die unverantwortliche Hche des Liberalismus gegen die Reichsfinanzreform hat chre Erfolge vorbereitet. Eine rastlose agitatorische Tätigkeit nutzte die Gunst der Stunde aus. Der Kampf um die preußische Wahlrechtsreform gab ihr willkommene Gelegenheit, durch öffentliches Massenaufgebot ihre Stärke zu zeigen. Das Scheitem der Wahlrechtsreform gab Anlaß zu neuer agitato­rischer Verhetzung. Die außerordentlichen Wahler­folge steigerten das Machtgefühl der Sozialdemokratie. Der Parteitag, der am 18. September in Magde­burg zusammentrat, proklamierte das Bekenntnis zur Republik als die Parole für den bevorstehenden Wahl­kampf. Der Disziplin«rbnich der badischen Ge­nossen, die entgegen den Beschlüssen des Parteitags gut Durchführung ihrer Großblockpolitik das Budget bewilligt hatten, fand eine unschädliche Verurteilung. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung, die den Streit zwischen Radikalen und Revisionisten zum Austrag hätte bringen können, wurde ängstlich vermie­den. Auch hier galt als oberster Grundsatz die Parole, daß für die bevorstehenden Wahlen die Einigkeit am ersten Not tue. Die revolutionäre Verhetzung der Waffen äußerte alsbald ihre Wirkung in blutigen Straßenkrawallen in Berlin in den Stadt­teilen Moabit und Wedding, und in anderen Städten. Angesichts dieser Erscheinungen sah sich der Reichs­kanzler veranlaßt, zur Verteidigung des Staates und der bürgerlichen Gesellschaft die bürgerlichen Parteien zusammenzurufen. Daß er dabei die Forderung, die­sen Kampf durch Ausnahmegesetze zu führen, strikte ablehnte, war nach den bisher mit Ausnahmegesetzen gemachten Erfahrungen nur natürlich.

Die antimonarchische Propaganda der Sozialdemo­kratie, die in der Verherrlichung der portugiesischen Revolution ein dankbares Feld der Betätigung fand, suchte auch die Reden, die Kaiser Wilhelm am 25. und 26. August in Königsberg und Ma­rienburg gehalten hat und in denen er sein Be­kenntnis zum Gottesgnadentum verkündete, für ihre Zwecke auszubeuten, leider auch bei dieser Gelegenheit unter bereitester Hilfeleistung des Linksliberalismus, der sogenannten bürgerlichen Demokratie. Der Ver­such, auch den Reichstag durch eine Interpella­tion, welche am 26. November zur Verhandlung kam, zur Fortsetzung des frechen Spiels zu beimtzen, erlitt ein klägliches Fiasko. Das offenherzige Be­kenntnis des Interpellanten, des Abg. Ledebour, zur Republik, trug dankenswerterweise dazu bei, dos wahre Ziel der Aktion zu enthüllen.

venifches Neich.

** Wieder ein schwarzer Schellenbaumträger. Wie die „Deutsche Tageszrg." mitteilt, wird schon wieder die Naturalisierung eines Negers betrieben und zwar zum Zwecke der Einstellunz des Mannes in ein Ber­liner Garderegiment. Der Schwarze soll Schellen- bmimträger werden. Es handelt sich um einen Reger aus einem deutschen Schutzgebiet und, gleich dem Ne­ger Sambo, der seinerzeit bei dem Eisenbahnregiment Nr. 1 als Freiwilliger angenommen wurde, um einen Klienten des Herrn Antelmann. Wir lehnen es ab, uns auf den „Herrenmenschen-Standpunkt" zu stellen, müffcn aber die Bedenken gegen die Einstellung von Regern in deutsche Regimenter als durchaus berechtigt anerkennen, und zwar aus dein Grunde, weil diese Leute fast durchweg sittlich verkommen find. Einen Menschen soll man nicht als Schaustück verwenden, und unsere Kasernen sind keine Erziehungsanstalten für exotische Völker.

)( Arbe-Mammern und Eisenbalmarbeiter. Die offiziöse Korrespondenz erklärt es für „ganz sicher", daß die Regierung den Gesetzentwurf ü6er die Ar- beitskammern ablehnen würde, wenn die Eisenbahn­arbeiter diesem Gesetz unterstellt werden sollten. — Wenn das das letzte Wort der Regierung fein sollte, dann kann man das Gesetz schon als gescheitert be­trachten, denn so groß, daß man es in weniger guter Form annehmen müßte, ist dieses Gesetz denn doch nicht.

* Darmstadt, 24. Dez. 1910. Ter hessische Etat balanziert in Einnahmen und Ausgaben mit

80122 000 Mark und schließt unter Beibehaltung der im vorigen Jahre von den Landständm genehmigten Steuererhöhung von 15 Prozent auf die Einkommen­steuer und 20 Pfg. pro Tausend Mark auf die Ver­mögenssteuer ohne Fehlbetrag ab. Es verbleibt sogar noch ein kleiner Ueberschuß. Eine Vermehrung der Seamten ft eilen findet in diesem Jahre auf kei­nem Gebiet statt. Die direkten Steuern sind mit 414 000 Mark höher her eingestellt als im vorigen Jahre, darunter die Einkommensteuer mit 376 000 Mk. und die Vermögenssteuer mit 35 000 Mark. Am er= fteulichstm aber stellt sich das Kapitel Eisenbahn- e i n u ah m e n. Hier ist als zu erwartender Ueber­schuß im neuen Jahr ein Betrag von rund 15 Millio­nen Mark angenommen worden. Das find 2 Millio­nen Mark mehr als im Vorjahre. Im neuen Etat er­scheint auch zum ersten Mal die Position der zweiten Oberrealschule in Offenbach.

* Stuttgart, 24. Dez. 1910. Durch eine königliche Verordnung wird der württembergische Landtag auf Freitag den 13. Januar einberufen.

d1 München, 25. Dez. 1910. Der Liberalismus, welcher es den Bischöfen wehren will, sich mit einem Ersuchen an die katholischen Lehrer zu wenden, erhält Beihilfe von der Sozialdemo­kratie. Die sozialistische „Münchener Post" hat ohne weiteres Stellung im Sinne des liberalen Lehrer­organs genommen. Was aber das Münchener Sozia­listenblatt in noch verhältnismäßig ruhiger, toenn auch spöttischer Weise sagte, wird im Berliner „Vorwärts" in blindwütigem Toben fortgesponnen. Der „Vor­wärts" (Nr. 298), nennt die Bischöfe „gottesfürchtig und dreist", sagt, die Bischöfe hätten einen „heftigen Vorstoß" gegen die Lehrergewerkschaft unternommen. Es sei ein Stück „kirchlicher Arroganz und geistlichen Terrorismus". In Bayern sei „der Kirche und den Heiligen einfach alles erlaubt". Es ist nicht Übel, was hier das Hauptorgan der Sozialdemokratie bietet. Das schlichte Ersuchen der Bischöfe an die katholischen Leh­rer, sie möchten auf die Redaktion der „Bayerischen Lehrerzeitung" einwirken, daß diese ihre — selbst von der „Köln. Ztg." zugegebene — glaubens- und kirchen­feindliche Haltung aufgebe, wollen die sozialdemokra­tischen Freiheitshelden nicht zulaffen. Die „Bayer. Lehrerztg." darf als Zwangsorgan, welches die Mitglieder des Bayerischen Lehrervereins halten m ü s- s e n, machen was sie will, sie darf ihre glaubens- und kirchenfeindliche Auffassung den Lehrern ausdrängen, sie darf, ihren Charakter als paritätisch-neutrales Fach­organ abstreifend, den katholischen Glauben und seine Lehre bekämpfen. Das ift ihr erlaubt. Aber die bischöfliche Mahnung an die katholischen Lehrer, sie sollten auf eine neutrale Haltung ihres Zwangs­organs hinwirkm und sich nicht zwingen lassen, die glaubens- und kirchenfeindlichen Kundgebungen der „Bayer. Lehrerztg." hinzunehmen, ist nicht erlaubt. Das, was das sozialdemokratische Organ hier vertritt, ist in Wahrheit Gewissenszwang und Unterdrückung der staatsbürgerlichen Freiheit. — Damit auch die Komik nicht zu kurz komme, hat eine Versammlung katholischer Lehrer in Nürnberg das Schreiben der Bischöfe als „einen Eingriff in interne Vereins- cmgelegenheiien und als eine Einschränkung des freien Entschließungsrechtes" abgelehnt. Höher geht's nim­mer!

Ausland.

** Der französische Senat setzte am Samstag die Weiterberatunq der Interpellation über die Staats­bahn fort. Der Minister der öffentlichen Arbeiten P u e ch betonte die Notwendigkeit, die Staatsbolm finanziell selbständig zu machen und neben den Schie­nenwegen auch Wasserwege zur Ergänzung dar­an zu schaffen. Der Minister schloß mit dem Hin­weis darauf, daß man den allgemeinen Wohlstand und die Produktionsmittel heben müsse. Die Regie­rung erhielt abermals ein Vertrauensvotum.

** Der Mord der Arbeitswilligen in Havre. Un­ter der Anschuldigung, den Führer einer Arbeitswil­ligenkolonne Dongö gelegentlich des Hafenarbeiteraus- tandes in Havre vorsätzlich getötet zu haben, ist der ^aiarbeiter Guilloest verhaftet worden. Es handelt ich um den Fall, wegen dessen das Todesurteil gegen den Shndikatssekretär Durand ergangen ist. — 36 ra­dikale und sozialistisch-radikale Deputierte haben an den Präsidenten der Republik die Bitte um Begnadi­

gung des vom Rouener Schwurgericht zum Tode ver­urteilten Shndikatssekretärs Durand gerichtet, dessen Verurteilung unzweifelhaft auf einem Irrtum be­ruhe.

** Die kretische Nationalversammlung hat den Rücktritt der Regierung angenommen, wel­che durch ein aus Anhängern aller Parteien gebildetes Kabinett ersetzt werden wird. Das neue Kabinett soll passiven Widerstand leisten, salls die Schutzmächte den Kretern eine Lösung der Situation auferlegen, die sich gegen die Vereinigung mit Grie­chenland richtet. Die Kammer hat ferner die Be­waffnung der Armee für den Fall einer Inter­vention der Türkei beschlossen und eine Million zum Ankauf von Waffen bewilligt.

* Ein zu Tode mißhandelter Fremdenlegionär. Im Departement Oran in Algerien war letzthin der einer Disziplmarabteilung angehörige Soldat Arnoult von Offizieren und Unteroffizieren zu Tode gepeinigt worden. Da es sich in diesem Fall um einen fran­zösischen St räslin g und nicht um einen unbe­scholtenen Fremdenlegionär wie in dem Fall Weißrock handelte, schrieb der Kriegsminister General Brun eine Untersuchung vor. Infolge der dabei ans Licht ge- tommenen Tatsachen hat der die Division von Oran kommandierende General den Leutnant Sabatier und die Sergeanten Casanova und Besnier unter der Anklage absichtlicher Tötung in militär- gerichtliche Untersuchung gezogen. Leutnant Sabatter befand sich gerade in Frankreich auf Urlaub und stellte sich sofort, nachdem er nach Oran zurückgekehrt war, den Militärbehörden.

** Die Revolution in Mexiko. Präsident D i a z entsendet seinen Generalstabschef C h e l l a r zur Lei­tung der Operationen gegen die Revolutionäre. 1000 Mann weitere Truppen sind in Chihuahua eingetroffen und noch 1000 weitere sind unterwegs dorthin. Ra- varro ist vollständig von den Insurgenten eingeschlos­sen, sodaß die Soldaten Mangel an den notwendigsten Lebensrnitteln haben und ihre Pferde schlachten müssen.

Aus dem Nachbargebiete.

* Maar, 24. Dez. 1910. Seit einigen Tagen ist hier ein Oberfeuerwerker des Artilleriedepots Fulda mit der Untersuchung auf die Gefährlichkeit der s ch o s s e beschäftigt, die verschiedene Bewoh­ner nach dem Scharsschießen in hiesiger Gemarkung gefunden u. nach Hause gebracht hatten. Die Annahme, daß sämtliche Geschosse ungefährlich feien, hat sich nicht bestätigt, denn es wurden noch 14 unter 70 Ge­schossen vorgefunden, die nicht vollständig ausgeblasen waren und daher leicht ein Unglücksfall hätten herbei­führen können. Diese werden im freien Felde durch den obigen Beamten durch Sprengen unschädlich ge­macht, während die übrigen Geschosse nach der Ge- schoßfabrik Siegburg verbracht werden. Da immer noch etwa 100 Geschosse fehlen, ist anzunehmen, daß sich diese ebenfalls größtenteils in Privathänden be­finden und auch unter diesen eine Anzahl sein dürf­ten, die nicht vollständig ausgeblasen sind. Es wird deshalb auf die Gefährlichkeit der Geschosse aufmerk­sam gemacht, damit em leichtfertiges Aufbewahrm oder Behandeln vermieden wird.

** Frankfurt a. M., 24. Dez. 1910. Gegenwärtig sind wieder viele falsche Fünfmarkscheine in Umlauf; sie find mit den Bildnissen Kaiser Wil­helm II. und des Königs von Württemberg versehen und tragen die Jahreszahlen 1902 und 1907. — Die Kriminalpolizei verhaftete drei Einbrecher, die einem Großkaufmann in Klingenberg a. M. einen größeren Betrag an Staatsvapieren und Bargeld ge­stohlen hatten.

* Mainz, 24. Dez. 1910. Der festgenommene Postschwindl er, der versucht hatte, auf dem hie­sigen Hauptpostamte auf eine gefälschte Postanweisung 400 Mark zu erheben, ist der 35jährige Goldschmied Emil Loch aus Oberstem an der Nähe. Vor dem Untersuchungsrichter gab er an, der hiesige Versuch, bei dem er gefaßt wurde, sei sein erster. Ueber seinen Mitschuldigen, der bei der Post gesucht wird, verwei­gert er jede Auskunft. Ein Beamter der Kriminal­polizei ist zur weiteren Recherchierung in der Ange­legenheit nach Oberstein gereift. — In dem Vororte Finthen legte der Gemeinderat Kohl bei der Rück­kehr von der Jagd die noch geladene Flinte

Kleines Feniüeton.

— Cme Maschine zur Messung des menschliche:: Grifte? ist erfunden worden. Das soll kein Llprilscherz feim sondern die sehr ernsthafte Meldung kommt aus England, wo die Maschine in der neuerten Nummer der Zeitschrift „Knowledge" abgebildet ist. Schade, daß die Erfindung für dm diesjährigen Weihnachis- markt etwas zu spät kommt: die Geistmcssungsmaschine wäre der große Artikel des diesjährigen Weihnachts­geschäftes geworden. Jeder Mann, der seine Frau lieb hat, hätte seiner Fran neben der Wasch- und Wringmaschine solche neue Maschine ausgebaut. Man heute, wie praktisch solch Ding ist für den Hausge­brauch. Madame will ein neues Dienstmädchen enga­gieren. Sie annonciert, und alle die Minnas, Rosas usw., die sich vorstellen, müßten chren Kopf zunächst von der Geistmessungsmaschine messen lassen. Zeigt die Maschine: „Gesunde Vernunft", so kann mm: das Mädchen mieten, einige Grad höher zeigt Genie, das ist bei Dienstboten schon gefährlich, wenn es sich nicht um eine Köchin handelt. Schlimmer sind freilich die Grase unter „Gesunde Vernunft", da kommt der frivole, der verbrecherische, idiotische Geist usw. Die Maschine kann eine völlige Umwandlung in unserem Leben Hervorrufen. Die Richter brauchen nur die wer­ten Köpfe der Angeklagten zu messen. Der Verteidiger mag sich dann den Mund kaput reden, die Zeugen noch so günstig aussagen, wenn der Kopf eines Angeklagten verbrecherischen Geist aufweist, was nützen da alle schönen Verteidigerreden und günsttgen Aussagen: der Angeklagte wird verknaxt. Der Lehrer wird, ehe er fich mit schlechten Schülern abmüht, ihre Köpfe prüfen; sind's geniale Köpfe, nützen doch alle Aufgaben von griechischen Regeln nichts, die genialen Jungen lernen sie doch nicht. — Wie wir erfahren, ist auch der Kopf des Erfinders zur Probe mit der Maschine gemessen worden: die Maschine zeigte auf Idiot. Sie funktioniert tadellos.

— Etwas vom übelriechenden Stern. Die Er­scheinung des übelriechenden Atems ist eine so häufige,

tat, ihre Zähne nach jeder Mahlzeit zu putzen, denken

doch nicht daran, dies auch vor dem ersten Fruhsttick

— Beharrlichkeit. Vor etwa 30 Jahren trat an

durch Zersetzung der vorn Abendbrot zwischen den

n würdest du unserm Hause Schande

habe die Schuhe, Herr", sagte er. — „Du wolltest also Laufbursche bei uns werden? Ja, Junge, aber in

! deinen Lun

i machen" 5

Zähnen zurückgebliebenen Speisereste reichliche Un­reinigkeiten ansammeln, die den üblen Geruch veran- laffen. — Nachdem man die Zähne an: Morgen ge­putzt hat, spüle man den Mllnd noch mit irgend einem Mundwcssser aus. Wo der übelriechende Atem durch eine unheilbare Krankheit bedingt ist, verdient die be­treffende Person natürlich verständige Rücksicht, doch

zu tun — vor Kaffee — und doch ist es zu keiner das Pult eines reichen schottischen Handelsherrn ein Zeit notwendiger als hier, da sich im Laufe der Nacht Knabe, barfüßig, in zerfetzten Kleidern, und bat um

daß man eigenllich wenig Worte darüber verlieren und annehmen müßte, die meisten Menschen müßten die Ur­sachen dazu kennen. Und doch ist dies nicht der Fall, und es ist ost direkt efftaunlich, daß sehr oft die betref- fenben Menschen es nicht merken, daß sie mit diesem Uebcl behaftet sind. Die Ursachen für den übelriechen­den Atem sind sehr verfchiedener Natur. In sehr vie­len Fällen sind die schlechten Zähne und die Zähne überhaupt daran schuld, in anderen ein verdorbener Magen oder eine katarrhalische Störung desselben, in

wieder anderen eine verstopfte Nase und in nicht zu wenigen Fällen auch Erkrankungen und Zerfall des Lungengcwebes. Viele Leute, die an schlecht riechen­dem Atem leiden, wissen, wie schon oben angeführt, gar nicht, daß sie daran leiden, und es ist daher Pflicht aller, die mit ihnen in nähere Berührung tre- ten oder gar mit ihnen sehr bekannt sind, sie in ganz schonender Weise darauf aufmerksam zu machen. Rührt der Geruch aus dem Munoe von schlechten Zähnen her, so ist natürlich die Herbeiziehung eines erfahrenen Zahnarztes erforderlich, ebenso die Anwendung eines geeigneten Mundwassers. Es braucht wohl nicht noch

eine Anstellung als Laufbursche. „Unsere Laufburschen sind bei: ganzen Tag auf ben Beinen", war bie Ant­wort, „bu mußt erst Schuhe haben." Der Knabe ver- schwMb mit einem ernsthaften Kopfnicken. Nach zwei Monaten stellte er sich toieber Bei bem Handelsherrn ein. Er hatte während dieser Zeit etwas Geld ver­dient und schlief des Nachts in einem Schuppen. „Ich

auch in solchen Fällen sollte fleißig ein unschädliches, desinfizierendes Mittel für die Mundhöhle gebraucht werden. . fmachen " Ter Knabe entfernte sich abermals, ohne ein

— Beschleunigter Rückzug. Der Herr Adalbert, Wort zu sagen. Sechs Monate waren vergangen, als

Zuckerl hat dem hübschen Klärchen schon lange den i er wieder erschien, diesmal anständig und sauber ge- Hof gemacht; er ist mit ihr Schlittschuh gelaufen, hat' kleidet. Seinem bleichen Gellchte sah man es ar daß

mit ihr getanzt, gespielt, gesungen and geschäkert, aber zu einem ernstlichen Heiratsantrag kann er sich nicht entschließen. Eines Tages erscheint bei ihm der kleine, sechsjährige Bruder Klärchcns und bringt eine Ein­ladung zum Abendbrot. Zuckerl ift sehr erfreut, bemr er ißt gern etwas Gutes und die Mutier Klärchcns versteht das Kochen aus bem ff! „Sehr liebenswür­dig von Deinen Heben Eltern! Ich werde mich pünkilich einstellen! Sag' einmal, Hänschen, weißt Du vielleicht, was es bei euch zu essen gibt?" — Haus besinnt sich eine Welle. — „Zuerst Karpfen." — „Herrlich! Das ist ja mein Leibgericht!" — „Enten­braten mit Krautklößm —" — „Ei! Mir läuft schon das Wasser im Munde zusammen!" — „Klärchen soll Pfannkuchen backen und bann —" — „Deine Schwester ift ei« Engel! Aber was kommt dann noch?" — „Dann muß Herr Zuckerl an beißen — er mag wollen oder nicht! hat meine Mutter gesagt." Adalbert Zuckerl schweigt eine Weile betroffen, dann fegt er etwas verlegen: „Hans, mir fällt soeben ein, daß mir der Doktor leider gesagt hat ich sollte abends

geeigneten Mundwassers. Es braucht wohl nicht noch , nur Wassersuppe essen — außerdem bm ich bereits em- hesonders hervorgehoben zu werden, daß daneben die \ geladen — und werde wahrsckeinlich schnell verreisen peinlichste Sauberhaltung der Zähne und des Mundes ' müssen! Ich kann also zu meinem großen Bedauern unerläßlich ist. Lickr Personen, die streng daraus Hal- bie freundliche Einladung nicht annehrnen! Adieu, , "/ 2"r. 2 . : mein Junge!"

er viel gehungert hatte, um einen Anzug zu ersparen. -Der Handelsmann fragte jetzt nach seinen Leistungen, fand aber zn seinem Bedauern, daß der Knabe weder lesen noch schreiben konnte. „Wenn du unsere Pakete auStragen willst, mußt du beides können. Da du es nicht kannst, haben wir keinen Platz für dich." Des Burschen Gesicht wurde noch bleicher, als es schon war, doch er ging wieder von bannen, ohne ein Wort der Klage, toanberte fünf Meilen landeinwärts und arbeitete bei einem Landwirte in der Nähe einer Abendschule. Nach einem Jahre erschien er aufs neue in jenem Geschäftshause. „Ich kann nun lesen und schreiben", sagte er kurz. Nun gab ihm der Handels­mann die Stelle Er erzählte später: „Damals wußte ich, daß der Bursche viel erreichen würde. Die jungen Leute in unfern schottischen Geschäften rücken nur lang­sam vor, jener Knabe aber ist heute schon der erste unserer Angestellten."

— Gelungene List. Franz und Toni müssen einen Schrank zum Herrn Doktor tragen, hoffend, er werde ihnen, wie sonst immer, mit einem schönen Trinkgeld auf warten. Aber, o weh! Der gute Herr hctt's ver­gessen. Schnell entschloffen fangen die beiden derart zu raufen an, daß der Herr Doktor herbeispringt und nach der Ursache der Keilerei fragt — „Der Toni hat das Trinkgeld für sich allein eingesteckt!" — Und ich sag' nein, der Franz hctt's eingesteckt!" — „Ah, da habt ihr beide unrecht — gleich werd' ich dem Streit ein Ende machen — hier hat jeder 50 Pfennig!"

— Weise. Unteroffizier: Was muß der Soldat zuerst tun, wenn er morgens auffteht?" — Erster Re­krut: „Sich anzieh'n!" — Unteroffizier: „Falsch!" — Zweiter Rekrut: „Sich waschen!" — Unteroffizier:, ^Falsch, Kerls!" Er muß am Abend vorher seine Sachen so hingelegt haben, daß er sie am Morgen gleich findet."

— «Ach, wenn doch alle Tag' Sonntag wär'!" heißt cs in einem Liede; der Wunsch ssl aber völlig überflüssig, denn in Wirklichkeit tft alle Tage Sonntag: Sonntag bei dm Christen, Montag bei den Griechen, Dienstag bei den Persem, Mittwoch bei den Assyrern Donnerstag bei ben Egyptern, Freitag bei beit Tür­ken Samstaa bei ben Juden.