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Fuldaer

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Satatksnrdruckunö Verlag der Fuldaer Ar- litLdruSerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

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Erstes Blatt.

Fulda, Dienstaq den 27. Dezember 1910.

37. Iahrssan^.

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Graf Ballestrem f.

Der Vorabend des Weihnachtsfestes brachte dem katholischen Deutschland und der Zentrumspartei eine schmerzliche Trauerkrmde: Am Freitag abend 101/* Uhr ist Exzellenz Franz Graf von Balle»

strem, der frühere Präsident des deutschen Reichs­tages, nach längerem Leiden infolge von Alters- und Herzs ' wäche auf feinem Schlöffe Plawniowitz in Oberschlesien gestorben. Die Todesnachricht kam überraschend, nachdem die Folgen des vor etwa 2 Jahren erlittenen Schlaganfalls vollständig be­seitigt schienen. Mit ihm ist wieder einer der Füyrer des katholischen Volkes und der Veteranen aus der schweren Kulturkampf» zeit dahingeschieden.

Auf Schloß Plawniowitz am 5. September 1834 geboren, erhielt Franz Joseph Graf von Ballestrem seine Erziehung auf geistlichen Anstalten. In den Jahren 1853—'855 besuchte er die Universität Lüttich und wurde dann K a v a l l e r i e o f s i z i e r. Als solcher machte er die Feldzüge von 1858 und 1870/71 mit. Infolge eines Sturzes invalive geworden, schied er 1871 aus der Armee aus. Im nächsten Jahre wurde er von dem Wahlkreise Tost- Lublinitz - Gleiwitz in den Reichstag entsandt, wo er sich der Zenit uursfraktion auschlosi, in der er sich bald eine an­gesehene Stellung errang. Am 17. Mai 1872 trat er in einer denkwürdigen Rede dem Reichskanzler Fürst Bismarck entgegen/ütbetn er die Jesuiten, feine „ehrwürdigen " Lehrer", energisch gegen die Angriffe verterdigte. In der folgenden Zeit trat er nach außen weniccr hervor, obwohl seine glänzende Beredsamkeit ihn wohl dazu befähigte. In ganz Deutschland wurde fein Name genannt, als er am 4. Dezember 1874 dem Fürsten Bismarck, der den Attentäter Kullmann der Zentrumspartei an die Rockschöße hängen wollte, ein entrüsteles „P s u i!" entgegenschleuderte. Dieser Aus­ruf der Empörung, der allen deutschen Katholiken aus der Seele gesprochen war, führte im Reichstag zu einer überaus stürmischen Szene, in der der nationalliberale Abg. Bähr-Offenburg sich beinahe zu tätlichen An­griffen gegen reu Grafen Ballestrem hinreißen ließ. Graf Ballestrem war Relchslagsmitglied bis zum Jahre 1893 und später noch von 1898 bis 1906, wo er mit Rücksicht auf fein hohes Alter die schwere Bürde des ihm vom Reichstage seit 1898 anvertrc.ulen Amtes des Präsidenten nlederlegte. Sein Ausscheiden 1893 hing mit dem Kampfe um die M i l i t ä r v o r l a g e zusammen, für die er im Gegensatz zu der Mehrheit der Zentrums» fraktiou stimmte. Im Jahre 1890 war er bereits zum 1. Vizepräsidenten des Reichstags gewählt worden, und am 7. Dez. 1898 wurde er aus Vorschlag der Zentrumssiaklion zum Präsidenten gewählt. Seine Amtsführung rechtjerligte dal- auf ihn gesetzte Ve.trauen. Seine Ge­schäft ersahrung und Umsicht, feine strenge Unpartei­lichkeit, dazu feine nie versagende Schlagfertigkeit und ein Humor, die selbst in den schwierigsten Lagen stets einen versöhnenden Ausgleich fand, dazu feine ganze lieben würdige und überlegene Persönlichkeit, machten aus ihm wie ein auf einem m deren politischen Stand­punkte stehendes Blatt rühmend anerkennt, vielleicht den besten Präsidenten, den der Reichstag bis jetzt o ehabt Hal. Er genoß die Achtung und das Ber- trau-n aller Parteien. Als Präsident Graf Ballestrem im Januar 19 3 sein Amt niederlegen wollte wegen eines m der Kreuzzeitung erhobenen Angriffes gegen seine Geschäftsführung, bezeugte ihm die große Mehr- heit des Reichstages durch seine Wiederwahl ihr uner­schütterliches Vertrauen. In den Jahren 1891—1893 führte Graf Ballestrem auch den Vorsitz in der Zentrumsfraktion. Bei Kaiser Wilhelm stand er, der als aller Osfizier und als Sproß eines ange­sehenen Adelsgeschlechts tönigstreu bis in die Knochen war und feine monarchische Treue und Ergebenheit gegenüber der Person des Herrschers mit warmen Worten bekannte, in hohem Ansehen. 1900 erhielt er den Titel eines Wirklichen Geheimen JiatS mit dem Prädikate Exzellenz.

Auch itn preußischen Abgeordnetenhause, dem er von 1891 bis 1903 angehörte, hat Gras Balleürem eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. Be­merkenswert war fein namhafter Widerstand gegen die Kanalvorlage. Im Jahre 1903 wurde er zum erblichen Mitgl ed des Herrenhauses ernannt.

Am 21. Juni 1858 hatte er sich mit der Gräfin Hedwigis von Sauzma-Jlllsch vermählt, mit der er vor zwei Iahten das Fest der goldenen Hochzeit fest­lich begehen konnte. Dem Ehebunde, der das Muster eines christlichen Familienlebens bot, sind 9 Kinder, 6 Söhne und 3 Töchter entsprossen. Einer seiner Söhne, dM Mitglied ter Zentrumsfraktion des Ab­geordnetenhauses war, ist vor einiger Zeit durch einen Automobilimsall im besten Mannesalter den Seinen entrissen worden.

Ebenso vorbildlich wie fein Familienleben war das Verhalten des Grasen Ballestrem, der Herr eines der größten Besitztümer itn Deutschen Reiche war, gegen­über feinen zahlreichen Angestellten und Ar­beitern. Eine großartige soziale Fürsorge und zahl­reiche Wohlsahrtseinrichtungen bezeugten, daß er sich der christlichen Pflichten des Arbeitgebers vollauf be­wußt war.

Ter derzeitige Präsident des Reichstag-, Graf Schwerin-Loewitz hat an die Gräfin Balle­strem, folgendes Telegramm gesandt:

Tief erschüttert durch die soeben erhaltene Nach­richt von dem Heimgang Sr. Exzellenz Ihres von mir so hoch verehrten Herrn Gemahls, sende ich Eurer Exzellenz zugleich namens des Deutschen Reichstages den Ausdruck allerherzlichster Antellnahme. Mit dem gefaniten deutschen Volke wird der Deutsche Reichstag seinem langjährigen allverehrten und hochverdienten Präsidenten in unvergänglicher Dankbarkeit ein treues Und ehrenvolles Andenken bewahren.

Tie Berliner Blätter beschäftigen sich eingehend mit dem Todesfall und widmen dem verewigten

Reichstagspräfidenten durchweg Worte warmer An- erkennung. So schreibt die ,R»rdd. Allg. Ztg/:

Damit hat einer der bedeutendsten unter den Männern, bfe zur Leitung der Geschäfte des Reichs­tages berufen waren, fein tätiges Leben beschlossen. WaS Gras Ballestrem als Präsident geleistet hat, ist von den verschiedensten und politisch einander ent» gegen flehenden Seiten oftmals in den lobendsten Aus­drucken anerkannt worden. Er vereinigte vor allem eine große Schlagfertigkeit, die von guten Humor gewürzt war. mitllnparteilichkeit tu umfassenderGeschästskunde; wieder­holt hak er feine ganze Energie einsetzen müssen, z. B. in den Kämpfen um den Zolltarif, um überhaupt eine Fortsetzung der Verhandlungen zu ermöglichen. Gras Ballestrem wußte in solchen schwierigen Situationen seine Autorität trefflich zu wahren, ohne doch durch feine Schroffheit zu verletzen; mit seltener Klarheit hielt er auch in den verwickellsten Geschästsordnungs- sragen den Faden fest, und sein wohlwollender Humor half über manche peinlichen Situationen hinweg. So darf die Erinnerung an die achtjährige Amtsperiode des Grasen Ballestrem als Reichstagspräsidenten mit Fug eine glänzende genannt werden, und das An­denken des vaterlandsliebenden und klugen Politikers wird in hohen Ehren bleiben.

Die ,Kreuzzeitnng" schließt ihren Nachruf mit den Worten:

Als Reichstagspräsident erfreute sich Graf Balle­strem des größten Ansehens und außerordentlicher Be­liebtheit bei allen Parteien; dir Kunde von seinem Heimgang wird hier überall mit herzlicher Teilnahme ausgenommen werden und sein Andenken wird lange fortleben.

Der ,Reichsbote^ sagt:

Die Sicherheit, Unparteilichkeit und Jovialität, mit welcher er die Geschäfte des Reichstagspräsidenten führte, brachten ihm die Hochachtung und Sympathie aller Reichstagsmitglieder ein. Mit vornehmem, schlich­tem Wesen verband er ein herzgewinnendes Wohl­wollen gegen alle, die mit ihm in dienstliche Berührung kamen. Bon ungewöhnlicher Sachkenntnis, großer Er­fahrung und begabt mit der Fähigkeit, oft durch einen treffenden Witz über bedenkliche Situationen hinweg- zuhelsen und Gegeniätze zu versöhnen, hat er sich ein bleibendes Verdienst um das parlamentarische Leben und die Gesetzgebung des Deutschen Reiches erworben.

Sogar die,Tägliche Rundschau' kann nicht umhin, die persönliche Beliebtheit und die großen Verdienste des Verewigten zu rühmen. Die ,Deutsche Tageszlg." rühmt seiner Präsidial- tätigkeit nach:

Seine Tätigkeit an dieser Stelle war die Glanzzeit seines politischen Wirkens. Seine Gefchäfkserfahnmg und Umsicht, seine nie versagende Schlagfertigkeit und ein Humor, der selbst in de» schwierigsten Lagen säst immer einen versöhnenden Ausgleich fand, und seine ganze ebenso liebenswürdige wie überlegene Persönlich­keit machten aus ihm vielleicht den besten Präsidenten, den der Reichstag bis dahin gehabt hat. . . Graf Ballestrem erfreute sich beim Kaiser eines großen Wohl­wollens und Vertrauens. Unser politisches Leben ver­liert in ihm einen ungewöhnlich befähigten, charakter­vollen und vornehmen Parlameutar'.er und einen treuen und erprobten Patrioten.

Tas ,Berliner Tageblatt' schließt seinen Nachruf mit den Worten:

Im Gedächtnis des Voltes aber wird er weiter­leben, bekleidet mit der höchsten Würde, die das Volk zu vergeben hat: als einer der besten Präsidenten, die der Deutsche Reichstag gesel>en hat. Für den Liberalen bleibt er ein Manu aus einer anderen Welt, aber — in feinen Vorzügen und Fehlern — ein ganzer Mann, dessen Anrenken man Achtung nicht versagen wird.

*

Ter Kaiser hat an den Grafen Valentin von Ballestrem folgendes Telegramm gerichtet:

Schmerzlich bewegt durch die Meldung von dem Hinscheid« Ihres teuren Vaters spreche Ich Ihrer Frau Mutter, Ihn« und den übrigen Hinterbltebcn« zu dem schweren Verlust Mein wärmstes Bei­leid aus. Der hervorragenden Verdienste wie der charaktervollen Persönlichkeit des Ent­schlafen« werde Ich stets gern und dankbar gedenken.

Wilhelm R.

Das Hervorheben der persönlichen Eigenart ist hier durchaus gerechtfertigt. Graf Franz v. Balle­strem war im vollsten und schönsten Sinne des Wortes eine .Persönlichkeit". Ein Charakter, der mit der modernen Vielseitigkeit die antik-harmo- nifche Einfachheit, mit der männlichen Kraft die kindliche Lauterkeit und Klarheit, mit der imponie- renden Festigkeit die gewinnende Güte vereinigte. Ein gegnerisches Blatt drückt dasselbe aus mit den Worten: et sei für die Liberalen ein Mann aus einer anderen Welt gewesen, aber ein ganzer Mann.

In seinem Wesen und Wirken war nichts, was nach Berechnung, Angewöhnung, Nachahmung oder irgend welcher Künstelei aussah. Alles kam bei ihm „von selbst", d. h. es erwuchs mit einer selbstver­ständlichen Frische aus dem inneren Grunde dieser so reich begabt«, kerngesunden, wahrhaft edlen Seele. DaS Wurzelechte in seinem ganzen Denken und Fühlen, Tun und Lassen erweckte auch bei denen, die in anderer Weltanschauung standen, Sym­pathie und Hochachtung. Natürlich nicht bei jenen untergeordneten Geistern, die einen großen Charakter überhaupt nicht zu erfassen vermögen, sondern sich in kleinliche Einzelheit verbeißen, wie z. B. der Abg. Müller-Meiningen in dem Gebrauch einer herge- brachten höfischen Formel bei einer Zuschrift an den Monarchen.

Graf Franz v. Ballestrem war in seinen jungen Jahren ein tapferer und treuer Offizier. Er wuchs sich aus zu einem der hervorragendsten Politiker Deutschlands, zu einem Führer und einer glänzenden Zierde der großen Zentrums­partei, zu dem anerkannt besten Präsidenten des deutschen Reichstags. Er gehörte zu jenen bevor- Migten Naturen, die meisterhaftes leisten auf allen Posten, zu denen sie berufen werden, mögen diese Aufgaben auch äußerlich höchst verschieden sich ge- ft ölten. Es ist der reiche Fonds von gesundem Verstand, sicherem Takt, praktischem Sinn, Energie und lauterem, uneigennützigem Wollen, der ihnen m allen Verhältnissen em reiches, fruchtbares Wirken

ermöglicht, indem zugleich die Natürlichkeit ihres Wesens sie davor bewahrt, daß sie sich in Verhält­nisse verlocken lassen, die ihrer Individualität nicht entsprechen.

Die charaktervolle Persönlichkett des Verewigten hat sich schon vor nahezu 40 Jahren bewährt, als er zuerst in das öffentliche Leben eintrat. Es war zu Beginn des Bismarck-Fall'schen Kulturkampfes, als die Zentrumspartei noch in ihren ersten schwie­rigen Anfängen stand. Der junge Graf Ballestrem, der Sprößling eines mit Leib und Seele dem König­tum ergebenen Geschlechts, ein begeisterter Offizier, der im Kriegs- und Friedensdienste seinen wilitänschen Sinn bewährt hatte, wurde damals vor die Ge» wissensfrage gestellt, ob er den starken Verlockungen „von oben" Folge leisten oder als Verteidiger der Rechte der Kirche und des katholischen Volkes sich ,Sr. Majestät allergetreuester", aber schwer verleum- beter und scharf bekämpfter Opposition, der Zentrums­partei, anschließen sollte. Die Versuchung war be­kanntlich besonders groß in Schlesien, da ein-Teil des katholischen Adels Schlesiens, fei es durchs alte Gewöhnung in der sreikouservativen Partei, sei es durch besondere Bearbeitung von Berlin her, für die kulturkämpferische Politik des allmächtigen Fürsten Bismarck eintrat. Franz Ballestrem ließ sich nicht irre machen, weder durch Verleumdungen und Trug­schlüsse, an denen damals ei» unerhörter Ueberfluß herrschte, noch durch schlechtes Beispiel, noch durch Furcht vor Ungnade und Verfolgung. Und er trat sofort voll und ganz em für die Fahne, die er er­wählt hatte. Er wurde ein rühriger Agitator und Organisator für die junge Zentrumspartei in Schle­sien ; nicht bloß Bekenner, sondern auch Mitarbeiter und sehr bald auch Märtyrer mit einer Festungs­haft wegen eines kräftigen Wahlaufrufes. Dieses bahnbrechende Wirken des jungen Grafen soll man ja nicht vergessen über die glänzenden Erfolge des alten Herrn.

Die charaktervolle Perfönlichkest trat auch hervor bei dem weltbekannten „P f u i", durch das Graf Ballestrem instinktiv die richtige und erschöpfende Antwort gab auf eine der häßlichsten Ausschreitungen bet vulkanischen Bismarck-Natur im heißen Kultur­kampf.

Die Charakterfestigkeit des Entschlafenen hat auch gegenüber seinen Parteifreunden sich bekundet, wenn er anderer Ueberzeugnng war, so bei der Meinungs­verschiedenheit von 1893 wegen der Caprivi'schen Heeresvorlage und des Amendements Huene und bei der Abstimmung über den Antrag Ablaß im Dez. 1906. Aber das ist der ewige Ruhm des Grafen, daß er niemals eine Meinungsverschiedenheit zum Anlaß des Schmollens ober gar der Auflehnung gegen die Partei genommen hat. Er blieb sich selbst stets treu, aber zugleich der großen gemein­samen Sache. — Bis zum letzten Atemzuge ein ganzer christlicher und deutscher Mann! Gott lohne es ihm!

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Dez. 1910. Das Kaiserpaar feierte das Weihnachtsfest in Potsdam im engsten Familienkreise; dir Drei Kinder des Kronprinzen­paares waren beim Kaiserpaare. — Die mathe­matisch-naturwissenschaftliche Fakultät der Univer­sität Klausenburg in Ungarn hat Kaiser Wilhelm zum Ehrendoktor ernannt. — Der deutsche Kronprinz besichtigte am 1. Wechnachtstage vor­mittags die Ruinen in der acht Kilometer von Jaipur entfernten verödeten früheren Hauptstadt Amber. Er widmete sich nachmittags Dein Studium der Sammlung von Erzeugnissen des einheimischen Gewerbefleißes. Später wohnte der Kronprinz einem Gottesdienste bei. — König Friedrich August von Sachsen tritt seine Afrika-Jagdreife am 28. Januar an. — Prinz Heinrich Reuß XXXV. j. L. hat sich mit der Prinzessin Maria von Sachseu-Altenburg verlobt. Der Prinz steht als Leutnant im Dragonerregiment König Friedrich Hl. Nr. 8 in Oels. — Die preußischen Ober« Präsidenten werden sich am 5. Januar im Ministerium des Innern zu ihrer Jahreskonferenz versammeln. — Baron de Mathies (Ansgar Alding) dementiert in einer Zuschrift an Den „Berliner Lokal-Anzeiger" die Dresdner Meldung, daß er dem König fein Bedauern ausgedrückt habe. — Gras Georg Saurina v. d. Jeltsch auf Stärzeudors, früher Mitglied der konservativen Neichstagsfraktion, ist soeben im 60. Lebensjahr ge­storben.

♦ Tie preußische Wahlrechtssrage. Nach einer Mitteilung des ,Taxst wurde in einer der letzten Sitzungen des preußischen Staatsministeriums im Hinblick auf die herannahende Tagung des Ab­geordnetenhauses auch über die Frage der preußi- scheu Wahlreform gesprochen. Es ergab sich, wie auch schon früher berichtet worden ist, daß eine neue preußische Wahlreform-Vorlage in der nächsten Tagung nicht wieder an den Landtag gelangen soll. Minister v. Beth- mann-Hollweg ist der Ansicht, daß diese Angelegen­heit bis zum Vollzug der allgemeinen Neuwahlen zum Reichstag ruhen muß.

** Ein Senszer der Erleichterung entfleucht der ,Köln. Ztg/. Sie verzeichnet die Meldung, derzu- folge jüngst Herr v. Kiderlen-Wächier durch unseren Gesandten in Lissabon der provisorischen Regie- rung der Republik eine energische Note habe über­reichen lassen, worin gegen die zum 1. Januar 1911 angekündigte Aus Weisung der deutschen Stift io na re (Jesuiten und Väter vom Hl. Geist) aus den portugiesischen Kolonien Protest eingelegt werde. Dazu läßt sich das rheinische liberale Blatt aus Berlin melden, daß sich der Protest nicht gegen die Ausweisung des Ordens als solchen richte. Die deutsche Regierung habe lediglich die Interessen ihrer Staatsangehörigen ge­wahrt, indem sie Portugal ersucht hat, bei der Auf­lösung der Jesuiten Missionen in den portugiesischen Kolonien jede Verletzung deutschen Eigentums zu vermeiden und die Auflösung auch nicht so zu über­

stürzen, daß dadurch materielle Interessen geschädigt werden.

— Der sächsische Hof mi6 der Batt an. In der bekannten Angelegenheit des Prinzen Max von Sachfen nimmt jetzt auch das offiziöse Organ der sächsischen Regierung Stellung. Das .Dresdner Journatt erklärt, daß die kritischen Bemerkungen und Vorschläge auf exegetischem, kirchengefchichtlichem und kirchenrechtlichem Gebiete, die ter Prinz in seinem vielberusenen Artikel über die Vereinigung der römisch-katholischen mit der griechisch-katholischen Kirche gemacht habe, nicht einwandsfrei seien. Die Zurückziehung des Artikels sei zweckentsprechend gewesen, schon west er so viele Mißverständnisse hervorgerusen habe.

* Weimar, 25. Dez. 1910. Dem in einigen Wochen zusammentretenden Landtag wird, gutem Vernehmen nach, em Gesetzentwurf zur Be k ä mpf- ung der Güterschlächterei zugehen.

ReichstagSmahlvvrbereitkmgen.

* Marburg, 25. Dez. 1910. Die Oberhess. Ztg. schreibt zu den Gerüchten, daß Dr. Södel wieder kan­didieren wolle: Verschiedentlich find einzelne der Mei­nung, Dr. Böckel wolle wieder im Wahlkreise kan­didieren. Daststnicht d er F a ll; Dr. Böckel hat in einer öffentlichen Versammlung in Gemünden ausdrücklich erklärt, daß et nicht daran denke.

Ausland.

** Die Ermordung des Deutschen Unger in Syrien, wird jetzt gesühnt werden. Wie aus der Hafen­stadt Haifa berichtet wird, ist der Hauptschuldige an ein gewisser Machmud, von dem neuen Gen­darmeriekommandeur von Akka und 7 Gendarmen in einer Berghöhle des Karmel festgenommen und in das Gefängnis von Akka eingeliefert worden.

** Die Neger - Republik Haiti geht bösen Tagen entgegen. Nach einer Meldung des ,New» Aork Herald' aus Port au Prince haben die drplomatifchen Vertreter von Großbrttannien, den Vereinigten Staaten von Stordamerika, Deutsch­land, Frankreich und Italien eine gemeinsame Note überreicht, in der die Einsetzung einer inter­nationalen Kommission zur Prüfung der An­sprüche gegen Haiti vorgeschkagen wird. Es handelt sich danach nm die Schulden Haitis.

** Der VerfaffmkgSkmlflitt m China. Infolge bet neuerlichen Petitionen um Einberufung des Parlw- mente und infolge der Ankunft von Abgesandten bet Bittsteller in Peking ist am Samstag ein Edikt erlass« worben, in bem jede Agitation in parlamenta­rischen Angelegenheiten streng verboten unb die Pekin­ger Polizei dafür verantwortlich gemacht wirb, baß neue Agitatoren nicht zugelassen und bereite anwesende aus gewiesen werben. Das Edikt weist ben Vizekönig unb bie Gouverneure an, die Agitation in ben Provinzen burch ähnliche Maßnahmen zu unter­brücken. Rach Erlaß bes Edikts genehmigte bet Reichsausschuß bie Denkschrift, in bet bie Ein­setzung eines verantwortlichen Kabinetts geforbert wirb. — Diese Denkschrift hat überraschend schnell Er­folg gehabt. Ein Telegramm aus Peking vom 25. Dez. meldet: .Ein heute erschienenes zweites kaiser­lich e s Edikt ordnet an, daß ein konstitutionelles Progrmnm, das die Bstdung eines verantwort­lichen Kabinetts vorsieht, schleunigst ausgear- bettet und dem Throne Borgefegt werden soll. Das Edikt erscheint in Verbindung mit dem gestrigen als eine kluge Maßnahme, um dem allgemeinen Verlangen nach einem Parlament zu entsprechen, ohne der Würde der Regierung etwas zu vergeben."

Aus Utrche und Schule.

W. Rom, 26. Dez. 1910. Prinz Max von Sachsen ist hier ei nge troff en.

totales.

Fulda, Den 27 Dezember 1910.

A Heiligerabend und Weihnachten sind vorüber. Der große Moment der Weihnachtsbescherung, dem manche Sorge, noch mehr Arbett und am meisten Heim­lichkeit gegolten, hat hoffentlich allen Wünschen ihre lebendige Wirklichkett gebracht. Manches Auge hat sicherlich aufgeleuchtet vor Neberraschung, manche Freubenträne ist übet die Wangen geperlt beim glück­lichen Wiedersehen mit geliebten Angehörigen. Unb Bubi hat all seine Sachen und Sächelchen, bie famosen Bleisoldaten und Ohren betäubenden „Mu­siken" mit ins Brüchen genommen. Es ist doch das glücklichste Genießen all btr Weihnachtswonne, kein Wenn und Aber stört seine Freuden. Ungewöhnlich früh sagte man sich Gute Nacht! Denn am Weihnachts­morgen mußte man schon früh wieder munter sein, ura der Mette beiwohnen zu können. Scharen von An- dächttgen wanderten m die strahlend erleuchteten Kir­chen unb fangen dort in Rührung unb Begeisterung bas alte Lieb: „Auf, Christen, singt festliche Lieber!" Ein grauer Morgen bricht an. Kein Weihnachtsmor­gen, wie man ihn liebt, mit knarrendem Schnee unb roten, frisch strahlenden Gesichtern. Traurig, gries­grämig, niesepetrig! Für diese Wittening gab es allenchalben unparlameittarische Ausdrücke, die des Chronisten Höflichkeit nicht wiedergeben mag. Der Regenschirm bildete die Signatur der Sttaße. Was nützt bie schönste Boa, die man zum Christfest be­kommt, wenn man sie nicht spazieren führen kann; was ist ein Rodelschlitten wert, wenn's Bindfaden gießt; was soll man mit dem weihnachtlichen Bräutigam an­fangen, wenn der neue Zykinderyut keine himmlische Rässe verträgt? Regen, Regen, nichts als Regen, das ist mehr als man an zwei Feiertagen aushalten kann. Dafür profitierte das Familienleben von der miser­ablen Witterung etwas, denn die echte deutsche Gemüt­lichkeit entfaltet sich stets am schönsten in den heimischen vier Wänden. So war denn überall im trauten Fa­milienheim der ganze Jubel des herrlichsten aller Fest« lebendig.