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0 Anr österreichischen Mmisterrrisis.

-Die Widerlicher deS Mnist«iums Bienerth haben chr Ziel nicht ganz erreicht. Sie wollten da» Herr v. Bienerth mit seinem System von der politischen Bildfläche verschwinden solle. Doch nicht einmal vor- übergchmd ist es ihnen gelungen, ihre Pläne durch- zusetztu. Bekanntlich hat Kaiser Franz Joseph H^rn v. Bienerth. als er die Entlassung des gesamten Ka- b'incts nachsuchte, mit der einstweiligen Fortführung der Geschäfte betraut, was zur Erledigung der Staats- nolweiwigkeiten allerdings von unzweifelhafter Wich­tigkeit war. Die Wiederkehr des Herrn v. Bie-- nerth ist bestimmt. Unmittelbar nach Neujahr wird das neue Ministerium zusammengebracht sein. Mini­sterpräsident wird Herr v. Bienerth werden.

Sonst verlautet über die Zusammensetzung, wen« man den Wiener Meldungen Glauben schenken darf, daß der deutsch-radikale Aög Pachar deutscher Lands- mannminister werden wird. Dazu soll ein tschechischer Landsmannminister und ein tschechischer Reffortmtnt- ster ein polnischer Landsmannminister und ein pol­nischer Ressortminister treten. Im übrigen behalten die bisherigen Träger ihre Aemter. Graf Stuerkh wird wieder Unterrichtsniinister werden, falls er nicht vorzieht, das Portefeuille des Jnnem zu übernehmen. Das Handelsministerium bleibt in den Händen Dr. Weiskirchners, der vielleicht auch das Arbeitsmtniste- rium erhält. Die Polen präsentieren für die Kabi­nettsliste den Abg. Dr. Glombinski. Diese Zusam­mensetzung, die die Wahrscheinlichkeit für sie hat, läßt erraten, daß man gewillt ist, dem Einfluß der P o l e n und der Tschechen, soweit es sich mit der Staats- raison verträgt, gebührend Rechnung zu tragen. Eine andere Frage ist die, ob die Polen und die Tschechen damit zufrieden fein werden, oder ob sie fortfahren werden .den Kampf gegen das Ministerium Bienerth bis aufs Messer zu führen, wodurch natürlich eine heillose Verwirrung in das Land getragen würde. Die Neigung zur Obstruktion scheint freilich neuer­dings abzuflauen. Und so darf Herr v Bienerth der Zukunft doch einigermaßen hoffnungsvoll entgegen­sehen.

Werfen wir einen Rückblick auf die Entwicke­lung, die das Abtreten des Ministeriums Bienerth gezeitigt hat, so erhalten wir folgendes Bild: Die Sonnnerobstruktion im Budaetausschuffe, die zur Ver- taguug des Parlaments geführt hatte, war beigelegt und der tschechische Ausgleich hatte alle Aussicht auf Verwirklichung. Das provisorische Budget und das neue Lankgesetz hatten eine Majorität gefunden. Und auch sonst wurde die Geschästsfiihrung Bienerchs von allen Parteien mit Ausnahme der Sozialdemokraten anerkannt. Herr v. Bienerth hat sich als ein rich­tiger Geschäftsminister erwiesen, der objektiv und ruhig seine Tätigkeit versah, und die Politik in positivem Wirken -stetig vorwärts brachte. Er gehört nicht zu den glänzenden Feuerwerkern, die Raketen in die Lust steigen und in taufenb funkelnde Sterne zer­platzen lassen, aber den Vorwurf politischer Giftmische­rei, politischer Hinterhältigkeit oder Unaufrichtigkeit hat ihm wohl noch niemand gemacht. Allerdings wur­den die stark nationalen Allüren der Polen sowohl tote der Tschechen unter seinem Regime etwas zurückge- dränat, was namentlich den machthungrigen Polen, die cl-3 ein politischer Faktor im Parlamente im Vor­dergründe stehen, unbequem erscheinen mußte. Herr ZkramartS, der Führer der Tschechen, der gleich dem Polerrführer Glombinski radikal-national gesinnt ist, wurde von den Tschechen abgesägt. Ihre Führung hat inzwischen em müderer und ruhigerer Mann über­nommen, nämlich der frühere Handelsminister Fidler. Herr Glombinski aber, dem das Zusammengchen mit Herrn Kramarts wohl im Hinblick auf die Krone etwas unheimlich erschien, fand nichts darin, sich mit Herrn Fidler, der nach oben hin sich eines gewiffen Nnschms noch immer erfreut, zu verbinden. Dieses Bündnis führte zu den: rmerwartete« Sturze von erth. Die Polen begeisterten sich für den Kanal-

, für den sie eine Lußerst heftige Agitation ein- steten Und nachdem sie das Land genügend bear­beitet zu haben glaubten, richtete Glombinski an Herm von Bienerth die Frage, ob die Regierung nun end­lich das alte Wasserstraßennetz durchzuführen gewillt sei. Dagegen hätte ja ivohl auch Herr v. Bienerth nichts einzuwenden gehabt, aber die Durchführung des evesekcs beansprucht leider die Kleinigkeü von 800 Millionen Kronen und dafür glaubte der Ministerpräsident' die Verantwortung nicht überneh­

men zu könne». Die Ausführung deS Waflerstratzen- gesetzeS aber war beschlossen und vom Kaiser sanktto- inert worden. Die Polen stellten sich auf dm Rechts­standpunkt, demgegenüber Herr v. Bienerch weichen mußte.

ES fragt sich, ob nach der Wiederkehr des Mni- steriums Bienerth die Einigkeit zwischm Polm und Tschechm in dtefer Frage Vorhalten wird.

Deutsches Reich.

Will Basiermann einlenken? Die Rede, die der nationalliderale Wortführer Bassermann in Braunschweig hielt (vgl. Nr. 289), klingt nach An­näherung. Zwar nicht Annäherung an die Konser- vativm oder gar an das Zentrum, aber doch An­näherung an die Regierung, an den Reichs­kanzler. Wie wir einem ausführlicheren Bericht entnehmen, sagte er:

Die Nationalliberalen müßten unter allen Um­ständen und mit aller Schärfe Front machen gegen das Anwachsen der roten Flut. Der Reichs­kanzler wolle jetzt durch die scharfe Absage an die Gefolgschaft des Herrn v. Heydebrand doch damit Ernst machen, fich nicht von der schwarzblauen Mehrheit lediglich ins Schlepptau nehmen zu lassen, und verbitte fich auch jede Schulmeisterung von dieser Sette. Die weiteren Ausführungen Basfermanns, so heißt es am Schlüsse des Berichts, gipfelten in der Anforderung, die Unzufriedenheiten im Volke nicht mehr weiter zu schüren, sondern alle libe­ralen Kräfte zu sammeln zum Kampfe bei den nächsten Wahlen. (Bezeichnenderweise wird in der Berliner „Nalionalztg." dieses Schlußstück unterdrückt; diesem Hauptorgan der nationalliberalen Partei scheint also die angebliche Absage an die Hetze enlweder unan­genehm oder unglaubwürdig zu sein.)

Die Aeußerungett Basfermanns werden leider in ihrer beruhigenden Wirkung wieder beeinträchtigt durch die Wenn und Aber, die nun kommen. Nachdem der Reichskanzler eine Verbeugung er­halten hat, wird ihm von Herrn Bassermann vor­geschrieben,

„daß er von jetzt ab ganz andere Wege ein« schlagen müsse". In erster Linie müsse die Regierung dafür sorgen, daß die Einmischung der Beamten in die Wahlgeschäfte ein für allemal unterbleibe, und ferner müsse die Regierung, wenn sie über den Par­teien stehen wolle, den Liberalismus Mitarbeiten lassen und „eine ehrliche und gerechte liberale Politik treiben".

Angesichts dieser Aeußerungen des „verlorenen Sohnes" muß man in dem Urteil über die an­scheinende Annäherung etwas vorsichtig sein. Wenn überhaupt eine „Bekehrung" im Gange sein sollte, so ist doch erst ein Bruchteil davon fertig. Der Reichskanzler hatte offenbar sein« große Etats­rede darauf eingerichtet, daß den verständigeren Elementen des RationalliberalismuS die Rückkehr zur positive« Mitarbeit erleichtert werde. Für fein Entgegenkommen hat er nun wenigstens den Dank geerntet, daß Herr Bassermann sich etwas freund­licher ihm gegenüber ausdrückt. Wenn der nationalliderale Führer dabei feine alten Forderun­gen der Sache nach aufrecht erhält, so können die Schwarzseher das so auslegeu, daß in Wirklichkeit die alte Taktik beibehalten werde, und die Optimisten können dagegen geltend machen, daß eine Schwen­kung der nationalliberalen Partei zur positiven Sette hiu mit „unentwegten" Worten maskiert werden müsse. Der bedächtige Zuschauer kommt bei alledem zu dem einfachen Schluß: Abwarten! Eine Bassermanusche Vertrauens-Rede macht noch keinen Sommer. Die Sammlungsbestrebungen, denen das letzte Auftreten des Reichskanzlers dienen sollte, können auch nicht im Handumdrehen ihre Wirkungen entfalten. Auch der Reichskanzler wird abwarten müssen, ob sein Entgegenkommen tat­sächliche Früchte hervorruft. Wir möchten so­gar sehr wünschen, daß er recht viel Geduld habe; denn nach unserer Kenntnis der Seele des Liberalismus würden wir es sür verfehlt und sogar gefährlich halten müssen, wenn man den National­liberalen jetzt noch mehr Aufmerksamkeit erwiese imd so den Schein des Nachlaufens erweckte Solcher Schein verstärkt den liberalen Größen­wahn, von dem sich Anklänge sogar noch in der erwähnten Rede Basfermanns finden. Es muß immer fest klar bleiben, daß es auch ohne Basser« mann und Genossen geht!

Straßburg, 20. Dez. 1910. Die Aufnahme, die der Verfassungsentwurf nach den Beschlüs­sen des Bundesrats in Elsaß-Lothringen selbst gefun­den hat, ist nirgends begeistert. Eine volle Erfüllung der flsaß-lothringischen Wünsche wird von keiner Seite in dem Entwurf gesehen, sondern höchstens eine an­nehmbare Abschlagszahlung. Allerdings will ja auch der Bundesrat die reichsländische Verfassungsfrage nur auf der „mittleren Linie" gelöst haben. So muß sich der Entwurf einerseits von radikeflen Steuer­ungen fern halten. Auf der Linie, die sich mitten dunh die verschiedenartigen Interessen und Forder­ungen hindurchzuschlängeln versucht, liegen freilich noch Steine des Anstoßes genug, so daß die Erledigung des Entwurfs noch zu langen und leb­haften Auseinandersetzungen im Reichstag führen dürfte. Die staatsrechtliche Stellung Elsatz-Lothrin- gens im Reichsverbande soll bekannttich bleiben, tote sie ist Von der Erhebung zu einem vollberechtigten Bundesstaat mit Sitz und Stimme im regierenden Bundesrat wird abgesehen. Dieses heiße Eisen hat man nicht cmzufassen gewagt. Man braucht indessen auch auf die paar Stimmen, die Elsaß-Lothringen im Bundesrat erlangt haben würde, kein übermäßiges Gewicht zu legen. Es wird dort selten so abgestimmt, daß die Entscheidung von einer ober einigen wenigen Stimmen abhängt. Nur muß Vorsorge getroffen fein, daß die Elsaß-Lothringer ihre Interessen bei der Vorbereitung der R eich 8 gesetzt rechtzrittg und nach­drücklich darstellen können, also nicht bloß im Reichs­tage, sondern auch bei der sog. Reichsregierung und dem Bundesrat. Die Hauptsache ist, daß die Lan- desgesehgebung für Elsaß-Lothringen fortan nicht mehr durch den Bundesrat und Reichstag (oder durch dm Bundesrat und Landesausschuß) besorgt wird, fonbetn vom Kaiser mit Zustimmung des aus zwei Sammern bestehenden Landtags. Der Bundesrat beteiligt sich fortan an den Landesgeschäf- ten nur insofern, als die Hälfte der ersten Kammer vom Kaiser auf Vorschlag des Bundesrats ernannt werden soll. Gegen die Einsetzung dererftenKam- mer müssen die Demokraten grundsätzlich Einspruch erheben Die übrigen Realpolitiker werden fich aber mit diesem Element der Stetigkeit abfinden. Es kommt nur darauf an, die Zusammensetzung der ersten Kam­mer möglichst zu verbeffern. Der Entwurf sieht vor: 7 staatliche tmd kirchliche Würdenträger, 4 Vertreter der großen Städte, 7 berufsftändige Vertreter, 18 er­nannte Mitglieder. Die ZcH der letzteren Gruppe sst offenbar zu hoch. Die Zahl der bemfsständigen Vertreter verdient eine Erweiterung; namentlich sollte man dm Arbeiter, und Mittelstand dazu heranziehen, wie eS ftüher auch geplant war. Und was den vier größten Städten recht sst, dürfte auch für die länd­lichen, kommunalm Körperschaften nicht unbillig sein. Die zweite Kammer fall aus 60 gewählten Volks­vertretern bestehen Es kommt ein Landtagsabgeord- neter auf je 30 000 Einwohner. Die Wahlkreise sollen auf dem Wege der Verordnung gebildet werden mtt dem Spielraum zwischen 25 000 uni) 35 000 Einwoh­nern. Um die „Wahlkreisgeometrie" oder den Ver­dacht einer sokchm zu verhüten, wäre, wie schon her- vorgehobm, die gesetzliche Ordnung der Wahl­kreise erwünscht. Um das Alters-Plural-Wahlrecht wird wähl lebhaft gestritten werden. Seine Wir­kungen, die sich vielfach gegenfeitig ausheben werden, sind vielleicht gar nicht so groß, daß sich deshalb die Abweichung vom gleichen Wahlrecht lohnen könnte. Jrn Ganzen eröffnet die Vorlage die Aussicht auf eine Verständigung. Es wird auch Zeit, daß mdlich der erste Schritt zur Befreiung Elsaß-Lothringms getan wird.

Ausland.

** Paris als Seehafen. In der ftanzösischen Kam­mer wurde ein von 227 Deputierten unterzeichneter Antrag des Abg. L eb o u c q verteilt, das Projekt des Kanals zwischen Parts und Rouen als Angelegenheit von öffentlichem Nutzen zu erklären. Dies ist die vor- aeschriebene Formel, um den Plan vor die Kammer zu bringen. Die Kosten des Projekts werden auf 300 Millionen Franks berechnet.

F» der it-ilicnischen Kammer herrscht seit einigen Tagen Sturm. Der Ministerpräsident Luzzattl hatte im April dm Sozialisten versprochen, das Gesetz be- treffenb die Wahlreform mit der Erweiterung des Stimmrechts noch vor Ende des Jahres cinzu-

bringen. Slls er kürzlich Miene machte, das 53er-’ sprechen zu halten, wurde die gialotttnische Mehrheit verschnupft, sodaß die gialottinischen SJHntflcrJm Mi­nisterrat aufsässig wurden. Verschiedene Schwarz­seher sagen daher, freiluf) voreilig, eine Minister- krisiS voraus, wenn die Sozialisten auf einer Ver­mehrung der Wähler bestehen und den Gegenvorschlag bet Giolitticmer auf Einführung der obligatorischen Abstimmung ablehnen.

** Für die junge portugiesische Republik koimnen jetzt die Schwierigkeiten, deren Ursachen man­nigfaltig sind. „Da ist zunächst die P l ö tz l i ch k e i t, mit der die Revolution ausbrach und durchgeführt wurde. Wodl war die republikanische Partei einig und stark, aber sie war doch nicht genügend darauf vor. bereitet, sofort die ganze Staatsverwaltung zu über­nehmen und alle Aemter von oben bis unten mit tauglichen und zuverlässigen Persönlichkeiten zu be­setzen. Dieser Mangck zeigt fich sogar in der Negie- run g selbst, deren Mitglieder nicht alle ihrem ver- antworllichen Posten völlig gewachsen zu sein scheinen. Em zweites Uebel ist die Lockerung der Disziplin im Heere. Es ist der Nachteil der Re­volutionen, die mit dein Heere gemacht werden, daß das Militär entweder zu anspruchsvoll in politischer Beziehung wird, ober bie Lockerung der Bande, die während der Revolutton vielleicht eine Notwendigkeit war, dauernd machen >vill." — So schreibt wöcttich die „Frkf. Ztg." (Nr. 346), die ihren Lesern den Segen der vottugiestschen Revolution nicht glänzend genug darstellen konnte. Sie beklagt es bann, daß die Revolutionäre ihre Macht behalten wollen. Auch das Volk sei mttättscht, da „viele Leute der Meümng waren, jetzt fange die goldene Zeit an, in der niemand zu arbeiten brauche und doch jedet- mamt wie im Schlaraffenland leben könne." — Was hier von Portugal gefügt wird, dürften die Schwär-s mer für den Bebelschen Zukunftsstaat in Deutschland sich wohl zu Herzen nehmen. Genau so wie in Pvr-, tugal wird cs kommeen, wenn die „völkerbefreiende" Sozialdemokratie einmal die Herrschaft erlangt haben würde.

** Die kretische Nationalversammlung protestiett in ihrer Antwort an die Mächte gegen den Gebrauch der Worte von der türkischen Souveränität. Sie spricht den Wunsch au5, daß die Mächte dm der Annexion an Griechenland ähnlichen Zustand anerkmncn möch­ten.

volkswirtschaftlicher und Soziales.

m Frankfurt, 20. Dez 1910. Nach dem Bericht des Mitteldeutschm ArbeltSnachweisverbandeS über die Sage des Arb ei t Sm arkk«S in Hessen, Hes­sen-Nassen und Waldeck im November ist i« Frank­furt in der Metallindustrie, über beten gün­stige Lage seit einer Reihe von Monaten berichtet wurde, die Zahl der Arbeitslosen gegen ben Bov-, monat gewachsen. Der Beschäftigungsgrad in der Metallindustrie darf trotzdem im allgemeinen als gün­stig bezeichnet werden. Bei den Bauschlossern war auch im vergangenen Monat der Beschäfttgungs- grab günstig. Der Geschäftsgang tn bet Starten-- nage n-Jndusttie wirb im allgemeinen als gut be­zeichnet. In bet Seberinbufttte sind die Satt­let und Tapezieret geringer beschäftigt als im Vor­monat. In der Industrie der H o l z - und Schul tz- stofse ist in der Möbelbtanche der Beschäftigungs­grad schlechter geworden Im Baugewerbe wat bie Beschäftigung des günstigen Winters wegen noch gut. Der Beschäftigungsgrad für die ungelern­ten Arbeiter war noch nicht so ungünstig, rote er sonst um diese Zett in früheren Jahren hervortrat.

** Der Kaffee-Ausschlag macht den liberalen Blät­tern wieder einmal Kopfschmerzen. So Hagen baS „Würzb. Journal" unb bie „Aschaffenb. Ztg.": „Der Kasfeeauffchlag ist eingetreten, und ist trinkbarer Kaffe« unter 1.30 Mk. per Pfund nicht mehr zu haben. Da­bei muß selbst der ordinärste gebrannte Kaffee mU rund 40 Vsg. verzollt werden. Dank dem volksfreund- lichen Sentrum." — Ter wahre Grund des Kaffee­aufschlags wurde schon öfter in den Zeiwngen mitge- teilt und bie Kurse stehen ja täglich in ben großen liberalen Blättern. Der Aufschlag kommt daher, weil der Hauptkonsilmkaffce in Brasilien jetzt zirka 30 Pfg. per Pfund teuerer bezahlt werden mutz, als vor ungefähr 2 Jahren. Mtt diesem Aufschlag von 30

* fulllaer

J» 292.

Mittwoch tei 2b Dezember M0. rr. Jahrgang.

Zeitung«

2. Blatt.

Druck mb Verlag der Zuldaer Actlenbr uckerei - i« $elba.

Wie Pater Roh Sie Neligroirs- spötter absertiKte.

Ter berühmte Jesuitvipatet Roh (f 1872) war nicht nur ein gefeierter K-mzelredner und bedeutender ®olteSgeIehrta, sonder» auch rin feiner Witzbold, bet es namentlich verstand, bie frechen Religwnsspöt- ter mit ihrer eigenen Waffe zu schlagen. Ein guter und lressender Witz ist muh rnesslens der einzige Aus­weg, solche verdorbene und unverschämte Menschen sich vom Hals« zu schassen, denn einer Belehrung übet das, was sie verspotten, zeigen sie in der Regel fich wenig zugäu^ich. Zur Erheiterung der Leser feien hier einige Beispiele aus dem Leben des genannten Paters angeführt:

1 Einst reifte Pater Reh m bet sehr kenntlichen Jesuiten tracht imch Patts. Em teich-fertiger Haud- Iung6teifcnber konnte nicht unterlassen, »m Eisenbahn­wagen an dem ihm vechaßten Reisegefährten seinen Spott zu versuchen. „Haben Sie schon gehört", fragte er ihn, „baß ehedem in Paris, wenn ein Jesuit verbrannt wurde, zugleich mit ihm ein Esel verbrannt worden ist?" Pater Roh sah den dreisten und stechen Wicht mtt seinem geistreichen, bis aus bett Grund bet Trete hinabschauenden Äuge unb sagte dann mit einem unaussprechlich schalkhaften Lächeln: „Nun liebet Freund, ba haben wir beide alle Ursache, Gott zu kucken, kch mir zu jener Zeit nicht in Patts ge­lebt haben."

Nach dtefer SüHertigung wagte bet Zudringliche kein Wort mehr zu spreche« und fand es für gut, bei per nächsten Haltestelle einen Wagmwechsel eintreten W lasse«.

2. 5ÜS Pater Roh «i ferner Erholung in der schönet- Niederlassung Mmin-Laach verweilte, kam er eines Tages mit einem Buche in bet Hand, gerate jjon fiueui Spaziergänge zurücklehrend, an ben längs bet SSalbeS sich hinzieh enden Schwein eftällen vorbei. Hier begegnete« ihm 'einige semgekleidete Mannet, von betten einer im Vorbeigehen laut sagte, wahr­scheinlich um ben Pater zu ärgern: „Hier sieht man nichts als Schweine und Jesuiten."

Sogleich roanbte Pater Roh sich um unb bemerkte:

„Pardon, meine £>erren, weil ich, wie Sie sehen, einer von ben letzteren bin, so müssen Ste wohl von her e r ft e n Sorte fein."

Jetzt stauben bie Herren da, wie ans ben Wolken gefallen unb schauten sich einander an, wie bie Oel- gätzcn.

3. Eines schönes Morgens Wandelle Pater Roh vor dem Bahuhose zu M. auf unb ab, um die Ankunft des tiächsten Zuges abzuwatten. Nachdem einige in derselben Absicht dort weilende „aufgehörte" Herren ihn einige Zeit lang mit ihren giftigen Blicken ver­folgt hatten, sagte einer derselben: Wartet nur, dm Pfaffen will ich etwas ärgern!"

Er ging auf Pater Roh zn unb fragte ihn mit scheinbarer Höflichkeit: „Sind Sie wohl, wenn ich fragen darf, ein Jesuit?" „Zu dienen, mein Herr!" lautete bie Antwort des Gefragten. „Ich habe immer gehört", fuhr der andere fort, „daß die Jesuiten so gescheite Leute sind; darum werden Sie mir wohl fagm können, woher es kommt, dstz ich noch schwarzes Hastpthaar, aber einen weißen Stert hab«."

„Darüber", erwiderte Pater Roh mit einer zier­lichen Verbeugung vor dem faden Schwätzet ziemlich laut, „kann ich Ihnen genaue Auskunft geben; Sie haben ihr Leben lang mehr mit dem Munde gearbeitet als mit dem Geiste."

Der nun wirklich Aufgeklärte bergafe ben Dank für bie Belehrung unb kehrte tote ein begossener Pudel yx seinen GHährtm zurück, die ihn obendrein weidlich auslachten.

— Wertvolle Weihuachtsbänme. Der Wert des WeihnachtSbanmeS sollte nicht nach feinem Aufputz enneffen Werben, denn der einfachste Baum kann unter Umftäflben mehr Freud« bereiten, als wie ein mit Goid überladener. Interessant ist jedoch, welche Sum­men bie Ausstattung eines Baumes verschlingen kann. So schmückte vor einigen Jahren den Salon des Klon- dyker Millionär- James Clemens zu Rewtzock ein äußerst wertvoller Baum. Clements war einst ein blutarmer Bremser Bei der Southetn-Pacific-Raflrvay und ging, als seinerzeit die ttfttn Nachrichten von ben Goldfunden in Alaska bekannt wurden, nach Klondyke,

wo er in verhältnismäßig kurzer Zeit ein nach Millio- nen zählendes Vermögen erwarb Nach langen Irr­fahrten bann nach Newyork zurückgekehrt, schenkt« et feiner Familie einen Weihnachtsbaum im Werte von nicht weniger als 300 000 Mark. Jeder Zweig des Tannenrtesen war mit Goldklumpchen beloben. Die Lichte steckten in aus Gold extra gefertigten Leuchtern, unb bet Baumftänbet wat durch einen Berg von 20 Dollar-Goldfoicken verdeckt. Einen fast gleich kost- baren Weihnachtsbaum leistete sich der Newyocker Mil- tirmär Brown. Zum Weihnachtsfeste hatte er einen Verwandten- und Freundeskreis von etwa hundert Personen geladen. Die Geschenke für die Gesellschaft bildeten den Schmuck beS durch 72 Flammen erleuch­teten Weihnachtsbaumes und bestanden aus allen nur möglichen Wertsachen, wie goldenen Uhren unb Ket­ten, goldenen Zigaretteudofen und Streichholzschach­teln, Broschen, Ringen, Atrnbändem, Radeln ufw. be­setzt mit Brillanten und anbeten Edelsteinen. Für bie Kinder gab es goldene und silberne Trompeten, Trommeln mit Goldbeschlag, goldene Klappern usw. Der Wert dieser Geschenke betrug 250 000 Mark. Uebrigcn« war bet erste Weihnachtsbaum bet verstor­benen Königin Viktoria von England ebenfalls ein Prwhtstück ersten Ranges. Dieser Baum war 40 Fuß hoch unb trug Geschenke im Werte von 180 000 Mack.

— Vertraulich. Ein reicher Rentner hatte einen Freund zu Mittag gebeten, unb da das Wetter am Abend schlecht wurde, forderte er ihn auf, die Nacht m seinem Hause zuzubttngeu, da er doch einen Heim­weg von einigen Stunden zu machen habe. Der Freund folgte der Einladung, unb nachdem sic beide emeu Gang durch den Gatten gemacht hatten, bat der Rentner seinen Gest, ins Haus zutückzukehmr, wäh- rend er noch nach seinen Pferden feheu wolle. Kaum war bet Fremde in das dunkle Zimmer eingetreten, als die Frau des Rentners ihn im Finstern für ihren Mann haltend, das erste, beste große Buch ergriff und, ihm damit einen tüchtige« Schlag versetzend, augtief: J&aS fjäft Du dafür, daß Du diesen widerwärtigen dummen Menschen bie Rächt über hier behälft."

— Der beste Rat . Die Athener Zeitung „Hestta" erzählt folgende hübsche Geschichte: Ein junger Advo­

kat sitzt mit gekreuzten Armen int Saale des Zucht­polizeigerichts unb erwartet von bet Vorsehung seinen ersten Prozeß. Unb wirklich naht sich ihm die Vor­sehung in Gestalt des Richters: „Herr. 91., der An­geklagte findet keinen Anwalt, wollen Sie nicht sein« Verteidigung übernehmen?" — „Gern, Herr Richter! Aber erlauben Sie mir, daß ich mich mit ihm vorher auf ein paar Augenblicke m das Nebenzimmer zurück­ziehe, um seine Sache zu untersuchen." — „Gut! Sorgen Sie nur dafür, daß Sie ihm Ihren besten Rat geben." Ein schwaches spöttisches Lächeln um­schwebte bei den letzten Worten die Lippen des Rich­ters; doch der junge Advokat begab sich mit seinem elften Klienten in das Nebenzimmer. Die Tür schloß sich hinter ihnen, und zehn Minuten lang hörte man im SitzungSfaale lebhafte Gespräche aller Art — End­lich kehrt der Abvokat zurück unb nimmt mit der Miene eines mit fich selbst recht zufriedenen Meirschen seinen Sitz ein. Der Richter sieht ihn an und fragt würdevoll: „Herr Verteidiger, find Sie bereit? Kann die Verhanbiung ihren Fortgang nehmen?" — „Ja wohl, Herr Richter!" — „Wo ist der Angeklagte?" — „Der Angeklagte? Ich weiß nicht." — „Wie?" — „Ich versichere Sie, ich weiß nicht, wo der Angeklagte in diesem Augenblick fich befindet." — „Herr Ver­teidiget, Sic werden mir übet dies merkwürdige Be­nehmen, um keinen anderen Ausdruck zu gebrauchen, Austlärung geben!" — „Herr Richter, haben Sie mit nicht anempfohlen, dem Angeklagten, meinem elften Klienten, meinen besten Rat zu geben?" — „9hm, was soll das?" — „Entschuldigen Sie, Herr Richter! Aber bei der Untersuchung des Falles sand ich, datz mein Klient unzweifelhaft schuldig ist, und in meinem Eifer, nach Kräften Ihrer Empschlung nachzukommen unb ihm meinen besten Rat zu erteilen, habe ich ihm geraten, . . . . aus dem Fenster zu springen unb sich aus dem «Staube zu machen. Ich vermute, oder besser gesagt, ich weiß, baß er ben ersten Tess meines Roter buchstäblich befolgt hat, und glaube, daß er auch ben zweiten Teil ebenso treu befolgen wirb. Ich schmeichle mir mit bet Ueberzeugung, daß ich Sie zufrieden gestM hab«, indem ich Ihrer Empfehlung aufs genauefte nochgekommen bin'