M 290.
ntontag »eit 19. vezember 1910.
37. ladraang.
Tuldaer
U Leitung *
2. Blatt.
vn»ck und Verlag der Zuldarr Aetirndruckerei in $wl6a.
———M, r !■
0 Der Bersaffnngsentwnrs für Elfaß-Lothringen
findet in keinem Parteilager unbedingte Zustimmung, was übrigens an sich nicht gegen eine Vorlage zu sprechen braucht. Aber die Kritik, der der Entwurf unterworfen wird, ist doch derart scharf, daß inan schon heute sagen kann, daß er in der jetzigen Fassung Wohl kaum Gesetz werden kann. Während tue Vorlage dem einen nicht genug bringt, geht sie dem andern viel zu weit. Die rechtsstehenden Matter äußern natürlich Bedenken gegen den allzugroßen „Radikalismus", dessen sich die verbündeten Regierungen schuldig machen sollen. Gefährlicher wird für die Vorlage der Widerstand der Kreise sein, die in der Verfassungsreform einen Damm gegen die angebliche Gefahr des „Nationalismus" errichten wollen.
Halbamtlich wird als Grundgedanke des Entwurfs {ezeichnet: Dem Reichslande größere Selbstän- igkeit zu verleihen, ohne indessen die historische Stellung Elsaß-Lothringens im Reichs selbst zu ändern. An den staatsrechtlichen Beziehungen des Kaisers zum Reichslande und an der Institution der Statthalterschaft- wird nichts geändert. Vor allem wichtig ist, daß dem Reichslande die V ertretun g im Bundesra te, durch die erst Elsaß-Lothringen zu einem vollberechtigten Bundesstaat wird, weiter Versagt bleiben soll. Zur Begründung wird gesagt:
„Wenn neuerdings in der Presse der Wunsch hervor- getreten ist, ob man nicht Elsab-Loihriugen seiner Be- vötkcrungszahl entsprechend, drei Stimmen im Bundesrat, wenigstens in innerwirtschaftlichen Fragen des Reiches, zugestehen könne, so blieben auch dem beschränkten Stimmrecht gegenüber die gleichen Schwierigkeiten bestehen, wie einem vollen Stimmrecht, da jede Verleihung von Stimmen an das Reichsland eine Verschiebung der in der Reichsverfassung fest- gestellten Verteilung der Machtverhältnisse bedeuten würde."
Die staatsrechtliche Stellung Elsaß-Lothringens zum Reiche erfährt, wie man sieht, eine Verschiebung, die im wesentlichen formaler Natur ist. Elsaß-Lothringen wird nicht in die Reihen der Bundesstaaten ausgenommen, kann demnach auch nicht an der Ausübung der Reichsgewalt teilnehmen Nach wie vor wird der Kaiser den Statthalter einsetzrn, außerdem erfolgt die Hälfte der Ernennungen zur ersten Kammer auch durch den Kaiser. Im Reichslande ist man mit der Vorenthaltung der Vertretung im Bundesrate natürlich wenig einverstanden. Man sagt dort, es komme allein darauf an, ob die Elsaß-Lothringer ein Mecht auf ihre Vertretung im Bundesrate haben, und wenn dieses Recht besteht, daun müssen die Bundesstaaten einen Ausweg suchen.
In der Erledigung der eigenen Angelegenheiten ist dem Reichslande jedoch, wie zugestauden werden muß, eine große Selbständigkeit bewilligt worden. Das Zweikamme rsy st em auf der in der Vorlage gegebenen Grundlage bedeutet jedenfalls einen Fortschritt. Innerhalb des Zweikammersystems be- Pehi jedenfalls eine völlige Autonomie vorbehaltlich per Vollziehung der Gesetze durch den Kaiser etwa in dem Sinne, wie dies in Preußen durch den König geschieht. Bundesrat und Reichstag haben mit der Inneren Gesetzgebung der Reichslaude nichts mehr zu tun. Das bedingte Lerordnungsrecht des Kaisers scheidet aus. Der Beeinfiußung durch Den Statthalter und die vom Kaiser ernannten Mitglieder des Oberhauses steht die Widerstandsfähigkeit der übrigen gesetzgebenden Faktoren des Reichslandes gegenüber. Das Wahlrecht zur zweiten Kammer soll allgemein, direkt und geheim sein. Daß ein modernes Wahlrecht nur auf der Grundlage der direkten und geheimen Wahl möglich ist, wird jetzt hoffentlich die preußische Regierung auch für Preußen eintreten. Man muß sich unwillkürlich fragen: wenn die Regierung ein solches Wahlrecht für die Reichslande zugibt, warum macht sie nicht endlich auch in Preußen ernst mit der Einführung des Reichstags Wahlrechtes? Hind die Preußen als Staatsbürger und Patrioten etwa weniger vertrauenswürdig oder weniger zuverlässig als die Elsaß-Lothringer? Das gleiche Wahl- recht wird dem Reichslande nicht gewährt. Die Regierung legt vielmehr ein mäßiges Alterspluralwahlrecht vor, wonach Wahlberechtigten im Alter von mindestens 35 Jähsten 2, im Alter von mindestens 45 Jahren 3 Stimmen zustehen. In der Begründung wird hervorgehoben, daß durch das Alterspluralwahlrecht eine „Garantie für ein maßvolles Wirken der
zweiten Kammer" geschaffen werden solle. Die Wahlkreiseinteilung soll der Regierung überlassen bleiben Vorzuziehen wäre aber, wenn die Wahlkreiseinteilung durch das Gesetz selbst vorgenommen würde.
Im ganzen muß man sagen, daß der Verfassungsentwurf für Elsaß-Lothringen, der im Reichstage ja noch zu umfangreichen Debatten Anlaß geben wird, einen erheblichen Schritt vorwärts bedeutet in der fteiheitlichen politischen Entwickelung der Reichslande. Dies darf man anerkennen, wenngleich man in Elsaß- Lothringen durch die Vorlage keineswegs befriedigt ist.
Deutsches Reich.
X Für die Eisenbahnfreifahrt der Eisenbahn beamten treten am 1. Januar neue Bestimmungen in Kraft. Freie Fahrt in der 1. Wagenklasse wird nur noch den Beamten vom Oberregierungsrat aufwärts gewährt. Die diesen nachstehenden Oberbeamten, sowie die Subalternbeamten 1. Klasse erhalten freie fahrt in 2., alle übrigen Subalternbeamten und Unterbeamten in 3, und die Arbeiter der Staatseisen- bahnverwaltung in 4. Wagenklasse. Nach Vorstehendem werden für die Lokomotivführer die Bemühungen um die Vergünstigung, in 2. Wagenklasse fahren zu dürfen, gegenstandslos. .
)( Der Gouverneur für Samoa Dr. Solf soll an Stelle des zurücktretenden und wegen einer schweren Nierenkrankheit seit längerer Zeit int Süden weilenden Unterstaatssekretärs Stemrich als Unterstaatssekretär ins Auswärtige Amt berufen werden. — Stemrich war Spezialist in der persischen Frage. Sein Ausscheiden wird daher vielfach bedauert. Dr. Solf hat auf Samoa sehr segensreich gewirkt. Ob man für ihn einen Nachfolger finden wird, der gleiches leistet, ist sehr fraglich.
X Heulen und Zähneklappern des Kapitalismus und seiner Helfershelfer! In der inzwischen eingegangenen Zeitschrift „Tas deutsche Volk" findet sich unter dem 12. Dezember 1908 ein Aufsatz über: „Das soziale Moment in der Finaitzreftrm". Darin heißt es u. a.:
„Eine Finanzreform, die lediglich den Massenkonsum trifft und als Ausgleich eine Erbschaftssteuer bringt, ist das direkte Gegenteil von vem, was in den breitesten Kreisen des Volles als gesunde Resorm der Fincnncn empfunden und gefordert wird . . ." „Die große Tat der Finanzrewrm wird nicht möglich sein ohne erhebliche Belastung der Genußmittel; sie wird aber eine wahrhaft große, eine sozial gerechte nur genannt werden, wenn sie begleitet wird vom Heulen und Zähneklappern des Kapitalismus und seiner Helfershelfer."
Wenn man nach dem Geschrei des Hansabundes urteilen will, muß man auitehmen, daß dieser Erfolg erreicht ist. Vor allem müßte der Verfasser jenes Artikels die Finanzreform als ein sozial gerechtes, wahrhaft großesWeck anerkennen. Vielleicht wird er es auch nachdem er an diese Worte erinnert worden ist, in Zukunft tun und nicht mehr in der Bekämpfung dieser Reform Arm in Arm mit dem Hanfabund marschieren, vielmehr alle jene Kandidaten bekämpfen, die sich des Goldregens des Hansabundes erfreuen. Der Verfasser ist nämlich, wie die „Kreuzztg." erinnert, der jetzige Direktor des liberalen Bauernbundes, der Reichstagsabg. Dr Böhme, „ein Mann von seltener Ueberzeugungstrme".
** Abg. Spahn-Warburg über feinen Eintritt in die Zenirumssrattivn. Das Straßburger Zentrums- bfatt „Der Elsässer" veröffentlicht eine Unterredung mit dem Reichstagsabg. ProfeM Martin Spahn, die nach der Angabe des Blattes eine Feststellung der tatsächlichen Vorgänge beim Eintritt Spahns in bie Reichstagsfraktion sein soll. Herr Spahn führte ans:
„Unmittelbar vor dem Wiederzusammenlril! des Reich:ags erhielten alle Mitglieder der Zentrumssraltion, auch ich, vertraulich eine Broschüre des Grafen Oppersdorfs. Die Broschüre verdächtigte mich, als gehörte ich zur Zentrumspariei erst vom 30. Juli d. I., das heißt von dem Tage an, da ich mich als R.ichs- tagskandidal ausstelleu ti:ß, und als verträte ich in meiner literarischen Tätigkeit Ansichten, die mit dem Programm des Zentrums unvereinbar sind. Für jeden ansiändischeu Menschen dürfte es als selbstverständlich gelten, daß ich nicht in die Mitte meiner neuen Fraktionskollegen eintreten möchte, bt5 ich diesen Angriff zurückgewiesen hätte. Ich tat dies zunächst mündlich vor dem Vorstand der Iratlion, dann durch ein an
den Vorsitzenden gerichtetes ausführliches Schreiben. Dieses Schreiben ist allen Mitgliedern der Fraktion vertraulich zugeftellt worden. In diesem Schreiben beschränkte ich mich daraus, an der Broschüre des Grafen Oppersdorfs zu zeigen, auf welche Art der Gras die Auslese aus meinen Aeußerungen vorgenommen hat und wie er die zitierten Aeußerungen meist entweder auS ihrem Zusammenhang herausgerisfen oder sie geradezu entstellt Hai. Weder hatte ich beim Eintritt in die Reichstagssraktion Meinungen abzuschwören, dir ich bisher vertreten hatte, noch war ich der Mann, der sich auf dergleichen Zumutungen, wenn sie gemacht worden wären — ich rechne dazu auch Zusicherungen für die Zukunft —, einliebe. Es gehört die ganze Verbitterung und Unanständigkeit des heutigen Parteikampfes dazu, um einem politischen Gegner dergleichen zuzutrauen und zum Belege dafür ohne Sachprüfung Broschüren von der Art der Oppersdorffschen abzudrucken. Die Möglichkeit dazu bekamen die liberalen Zeitungen dadurch, daß die Broschüre in der vorigen Woche in die Oeffentlichkeit geworfen wurde. Diese Schrift des Grasen kam unerwartet. Meine Fraktion hat darauf gemeint, durch einen besonderen Beschluß vor der Oeffentlichkeit ausdrücklich ba'ür einstehen zu müssen, daß sie sich auf meine ihr übermittelten Erläuterungen hin von der Hinsälligkeit d er Angriffe jener Broschüre überzeugt hat. Das und nichts anderes ist der Sin t jener Worte des Beschlusses, wonach ich über die beanstandeten literarischen Kundgebungen befriedigende Erklärungen abgegeben hätte und die Zentrumssra.tion damit die Bedenken gegen meine Ausnahme für beseitigt betrachtet habe."
♦ Uebet die Verbilligung der Zündhölzer klagte eine Abordnung der deutschen Zündholzsabnkanten beim Staatssekretär des Reichsschatzamtes. Sie behaupten, daß sich die Zündholzfabrikanteu zur Aus. Hebung der bisherigen (weit über den Steuerbetrag hinausgebenden) hohen Preise entschließen mußten, weil das Zündholzsyndikat sich aufgelöst habe. Demnach hat das Syudilat die Preise künstlich in der Höhe gehalten. Die Zündholzfabrikanten verlangen aber nicht eine Aufhebung der ©teuer, welche eine Interpellation der Fortschrittler wünscht ondern eine Besteuerung aller Zündwaren, besonders der jetzt vielgebrauchten, von bei Steuer nicht getroffenen Ersatzmittel. Diese haben soeben erst in Frankreich eine starke Bestem- rung erfahren, und zwar je nach Ausstattung von 2-40 Francs das Sluck. Tiefe Steuer dürste auch bei der deutschen R gieiung keinen allzugroßeii W-derstand begegnen. Ein Zündholz-Monopol dagegen, das noch angeregt wurde, dürste kaum eine Mehrheit im Reichstage finden.
♦♦ Darmstadt, 17. Dcz 1910. Der Staatssekretär des Innern Delbrück und Reichsjchatzsekretär Wermuib haben heute den Ministern Besuche ab- gestattet. Ferner wurden die Herren vom Großherzog in Audienz empfangen .
* Posen, 17. Dez. 1910. In Schweisenz bet Posen ist der bisherige LandtagSabg. Dr Szürn a n im Alter von 89 Jahren plötzlich gestorben.
Ausland.
««■ Den früheren dänischen Justizminisier Alberti verurteilte das Krimmalgericht in Kopenhagen zu 8 Jahren Z u ch t da u s. Außerdem werden ihm die Kosten für den Verteidiger und den Ankläger, je 1500 Kronen, auserlegt. Alberti hatte sich bekanntlich Ende 1908, nachdem er als Justi,Minister zurückgetreten war, der Polizei gestellt unter der Beschuldigung, in seiner Eigenschaft als Direktor der Bauernsparkasse und anderer Gesellschaften Betrügereien und Unterschlagungen verübt zu haben, die durch die Untersuchung aus 15f/-> Millionen festgestellt wurden.
** In Bolivien ist das Ministerium zurückgetreten, weil der Präsident, ohne das Ministerium zu befragen, die Beziehungen zu Argentinien wieder angeknüpft hat.
Aus dem Nachbargebreie.
♦ Hünfeld, 18. Dez. 1910. Der Landwirt Wuchert in Soislieden ist auf acht Jahre zum Bürge r m e i st e r gewählt und bestätigt worden.
* Bad Brückenau, 18. Dezember 1910. In Lüsberg wurde der verheiratete 30jährige Müller Georg Teguer in seiner Mühle von einer Transmission?- luclte erfaßt und solange herumgelchlrnvert, bis der Tod eintrat. Ter Verunglückte hinterläßt eine Witwe mit 3 kleinen Kindern.
* Bebra, 18, Dez. 1910. Ein junger Mensch, der sich in der hiesigen Gegend längere Zeit Herumtrieb und Psarrer und Lehrer in Stadl und Land durch Anbette'ei unter der falschen Vorspiegelung, er fei ein Lehrer, brandschatzte und beschwindelte, ist endlich in der Gegend von Melsungen aufgegriffen und eingespcrrl worden, sodaß er sich in kurzer Zeit vor dem Strafrichter wegen feiner verschiedenen Streiche verantworten muß.
* Schlüchtern, 17. Dez. 1910. Der Kreistag be- chloß die Annahme der von der Freifrau von Stumm auf Schloß Ramholz zum Bau eines Kreiskrankenhauses überwiesenen Stiftung von 200 000 Mark. — Dieser Tage stahl der Diamantschleifer Z. einem Arbeitgeber in Salmünster 21 Diamanten int Werte von 500 Mk. und flüchtete über die Kinzig in der Richtung nach Soden. Als er den Stolzenberg herunteckam und die Stadt betreten wollte, wurde er verhaftet und nach dem Rathaus verbracht Der Besitzer könne seine Diamanten wieder erhalten. Der Dieb wurde ins Gefängnis nach Salmünster verbracht.
* Offenbach, 17. Dez. 1910. Der Werkmeister Rolberg, der in einer hiesigen Fabrik beschäftigt war, hat sich in dem Ausflugsort Käsmühle erschossen. Die näheren Umstünde lassen auf Geistesumnachtung schießen.
* Frankfurt, 18. Dez. 1910. Gegen das Ergebnis der Stadtverordntenwahl im 11. Bezirk (Ost- Sachsenhansen) ist wegen erheblicher Verstöße gegen das Wahlges Einspruch erhoben worden. In diesem Bezirke in der Kaufmann Georg Maier mit nur acht Stimmen über die absolute Mehrheit gewählt worden.
* Wanfried, 17 Dez. 1910. Für die städtische Straßenbeleuchtung, wofür die Stadt bisher einen dem Stromverbrauch entsprechenden Betrag zahlte, ist nach einem neu getroffenen Abkommen eine Pauschalsumme festgestellt worden, welche die Stadt an das Mühlenwerk, das die Elektrizität liefert, zu zahlen hat. Dagegen ist der Stadt nunmehr unbeschränkte Brenndauer für diesen Betrag zugestauden worden; auch werden die Kohlenfadenkamp en durch Metallfadenlampen ersetzt.
* Niederzwehren, 18. Dez. 1910. Kürzlich weilte eine Kommission in unserem Oue, um mit dere Gemeindeverwaltung über den Bau eines Lehrerse» minars zu verhandeln
* Kassel, 18. Dez. 1910. Die erste küust- liche Eisb ahn wird demnächst hier entstehen. Tie alte Reitbahn vor der Garde du Corps- Kaserne wird als Eisbahn eingerichtet werden.
X Kassel, 17. Dez. 1910. Ein Arbeiter, der sich in einer Wirtschaft einen Teller Suppe für 10 Pfg. geben ließ, fand diese nicht schmackhaft genug, wes- wegen er mit dem bedienenden Mädchen, das zufällig ein kteines Kind auf dem Arm trug, in Streit geriet. In dessen Verlauf warf er das Mädchen derartig an die Wand, daß es gleich dem Kinde Verletzungen davontrug. Den dem Mädchen zu Hilfe eilenden Wirt bedrohte der Unmensch mit einem großen Messer. Wegen dieser Untaten erhielt der schon 18 mal wegen Körperverletzung Vörde- stracke vor dem hiesigen Schöffengericht 2 Monate Gefängnis. — Ein desertierter Musketier der 5. Komp, des Jnf.-Regt. 83 wurde aui Freitag im holländischen Stadtteil verhaftet und feiner Kompagnie wieder zugeführt. — Bei der diesjährigen Prämiierung gut gepflegt er Ob st anlagen gelangten die vom Staate zur Verfügung gestellten Medaillen und Geldmittel in folgender Weise zur Verteilung: Frau Geheimrat Henschel-Kassel große silberne Staaksmedaille, Magistrat der Stadt Esch- roege silberne. Staatsmedaille, Fabrikant Schilde- Gebcudors bronzene Staatsmedaille. Außerdem kamen noch für 150 Mk. Geldpreise zur Verteilung.
* Gemünden (Westerw.), 16. Dez. 1910. Gestern stieß man beim Ausschachten eines Neubaues auf Massengräber, die eine Menge Knochen und Schädelstücke, sowie ganze Backenknochen mit Zähnen, auch Achselstücke von Offizieren an den Tag brachten. Die Knochen kamen in solcher Menge vor, daß ganze Wagen voll von der Baustelle abgefahren wurden.
* Göttingen, 18. Dez. 1910. Die in einem Hotel in Walkenried am Harz in Dienst stehende Köchin Else
Lm gefährlicher Geheimnis.
64] Roman ui zwei Bänden von Charles Reade.
„Lieber Mr. Hope, ich fühle, daß ich Ihnen alles Rntiertrauen kann", und in reizender Verwirrung die Augen niederschlagend, stammelte sie:
„Meine Erinnerungen haben etwas Geheimnisvolles — aber ich möchte Ihnen, wenn Sie es mir gestatten wollen, noch etwas offenbaren . . ."
„Bedürfen Sie dazu vielleicht der Erlaubnis eines anderen?"
„Durchaus notwendig ist sie nicht, lieber Hope" „Aber doch wünschenswert?"
Mary nickte.
„Dann nehmen Sie sich Zeit, sie einzuholen ', antwortete Hope und, seine Uhr aus der Tasche ziehend, fügte er hinzu: „Ich muß jetzt nach der Kohlengrube gehen; mein Aufseher hat gemeldet, daß ein Schuft von Arbeiter dabei ertappt worden ist, wie er sich, trotz vorhergegangener.Warnung, an einer sehr gefährlichen Stelle die Pfeife angezündet. Dem muß ich ein für allemal ein Ende machen, wir könne» sonst eine fürchterliche Katastrophe erleben. I» einer halben Stunde bin ich wieder hier, sollten Sie früher wieder da sein, so können Sie mich in meinem Büro erwarten; es ist sauber und kühl darin."
Hope eilte fort, seine Aufgabe zu erfüllen, und während Mary noch bastand und ihm nachschante, hörte sie den Huffchlag eines Psersrs, und sah Walter, der seinem Vater entflohen war, dahertraben. Sobald er Mary erblickte, stieg er ab, und sie flogen einander zu wie Magnet und Eisen.
„Lieber Walter",. Tagte Mary, „wir sind nicht mehr so elend und verlassen, wie wir vor kurzem zu sein glaubten, denn wir haben einen einflußreichen Freund. Aber wohin reitest Du so eilig?"
„Tie Frage ist doch nur Scherz? Hast Du mk denn nicht ausgetragen, mich so eilig als möglich »ach den Seen zu begeben?"
„Ach ja, wegen Julias Armband; das hatte ich ganz vergessen."
„Du darfst das — mir aber ist es nicht erlaubt. Deine Befehle unausgeführt zu lassen."
„Du guter Walter! aber, Geliebtester, seitdem sind Dinge von größerer Wichtigkeit geschehen . . . Mau hat uns beschimpft . . o, wie sehr!"
„Das hat man getan!" gab Walter düster zur Antwort.
„Und die Wahrheit ist niemand bekannt."
„Bis jetzt noch nicht."
„Vergib — ich kann nicht anders; ich leide zu schwer darunter. Aber laß mich ein Weilchen mitgehen, Geliebter, damit ich Dir sagen kann, was ich von Dir verlange. Heute noch wirst Du es tun, nicht wahr? Du wirst gut sein, wie Du immer bist, und meinen Wunsch erfüllen."
Daraus erzählte sie ihm, welche innige Zuneigung Hope soeben für sie verraten,, und erinnerte Walter, mit welcher Entschiedenheit der sonst so sanfte Mann gegen ihren Vater ausgetreten war. „Es scheint fast", sagte sie, „als ob zwischen den Beiden in Bezug aus mich ein geheimnisvoller Vertrag bestände. Daß ich jemals den Mut haben werde, nach diesem Vertrag zu fragen, glaube ich kaum — weil ich bann mein Horchen eingestehen müßte. Jedenfalls ift mir klar geworden, daß wir uns auf Mr. Hope verlassen und ihm alles offenbaren tonnen. Das erste, was ich von Dir verlange, Geliebter, ist daher, daß Du Deiner kleinen Frau Erlaubnis gibst, Mr. Hope ins Vertrauen zu ziehen"
Zu ihrer Verwunderung und Enttäuschung sah Mary, daß Walters Miene sich verdüsterte.
„Ich weiß nicht, ob das gut wäre", sagte er nach einer Pause „Mr. Bartley ist leider nicht der einzige, der uns feindlich entgegentritt."
„Eben darum, lieber Walter", gab Mary zur Antwort. „Je größer die Zahl unserer Widersacher ist, umsomehr bedürfen wir der Hülfe eines mächtigen Freundes und Beschützers. Mr. Hope wird aber, wie Du weißt, von aller Welt geliebt und geachtet . . . selbst von Deinem Vater."
„Dennoch habe ich allerlei dagegen", sagte Walter. „Wenn Mann und Weib sich so lieben wie wir beide, müssen sie sich gegenseitig ineinander fügen."
„Auf dem Standesamt hat man uns das eigentlich nicht gesagt."
„Ja, die Trauungsformel ist etwas einseitig", meinte Walter; „was ich Dir gelobt habe, um Dich für die Heirat zu gewinnen, klang ganz anders, und dabei will ich bleiben. Wird Dir also das Geheimnis zu schwer, so magst Du immerhin Mr. Hope damit bekannt machen "
„Jetzt kann ich das nicht mehr", gab Mary mit einiger Bitterkeit zur Antwort
„Warum nicht, da ich es Dir erlaube,"
„Unsreundliche Erlaubnis ist so gut wie gar keine."
„Liebe Mary, Du bist wirklich zu herrschsüchtig. Wie kann ich plötzlich gern tun, was mir widerstrebt? Wenn ich meinen Willen dem Deinigen unterordne, muh es Dir genügen. Mehr kann ich wirklich nicht sagen."
‘ „Gut, jo sage nichts mehr!" gab Mary in bemahe strengem Ton zur Antwort.
„Einen Abschiedskuß wirst Du mir doch aber geben?" fragte Walter.
Mary tat es ohne Weiteres: ein warmer Kuß war es jedoch nicht.
Walter galoppierte davon, feinen Auftrag zu erfüllen, während Mary verlegen und unsicher den Rückweg nach Mr. Hope's Büro langsam verfolgte. Was sollte sie dem väterlichen Freunde sagen? Walters Wünschen zuwider zu handeln, um sich das Herz zu befreien, war ihr unmöglich. Vergebens aber fragte sie sich selbst, was Walter dagegen haben könnte, daß Mr. Hope bie Wahrheit erführe. Sie war nicht imstande, sich das klar zu machen.
Die unglückliche Unterredung, die soeben zwischen ihr und Walter stattgesunden, war umso beklagenswerter, da sie dadurch veranlaßt wurde, in demselben Augenblick über Tun und Wesen des geliebten Mannes nachzugrübeln, da ein Feind, der die Gewandtheit der Schlange aus dem Paradiese besaß, nur auf Gelegenheit wartete, sich ihr zu nähern und ihr Gift
ins Herz zu gießen. Leonhard Monkton, der sich solange in der Nähe herumgetrieben hatte, um allein mit ihr sprechen zu können, begegnete ihr, nachdem sie sich von Walter getrennt hatte, zog ehrfurchtsvoll den Hut und sagte:
„Miß Bartley, wenn ich nicht irre?"
Mary sah auf und erblickte einen alteren Herrn mit blassem Gesicht und dunklen Augenbrauen, dessen Haltung und Benehmen von dem ihrer Bekannten auffallend abwich. Sein Gesicht machte ihr einen abstoßenden Eindruck, und mit großer Kälte gab sie zur Antwort:
„Die bin ich, Sir; ich habe aber nicht die Ehre, Sie zu kennen."
Mit diesen Worten wollte sie ruhig vorübergehen, aber Monkton tat, als ob er die Abweisung nicht bemerkt hätte; er gesellte sich zu ihr und sagte, indem er an ihrer Seite hinschritt:
„Sie selbst habe ich seit Ihrer frühen Kindheit nicht wiedergesehen; aber ich hatte die Ehre, Ihre Frau Mutter zu kennen."
„Meine Mutter. Sir?"
„Ich habe sie gekannt und hoch verehrt."
„Wie sah sie denn aus?"
„Sie war groß und brünett; Ihnen gar nicht ähnlich."
„Das habe ich auch von andern gehört", sagte Mary, die der Ton seiner Stimme einigermaßen mit ihm versöhnte; außerdem hatte er sich bemüht, seinem Schurkengesicht einen besseren Ausdruck zu geben, und so fügte sie freundlicher als bisher, hinzu: „Da Sie meine Mutter kannten, sollen Sie auch mir willkommen sein." _ .
Der Verstellungskünstler stieß einen leisen Seufzer aus.
„Das ist mehr ,als ich hoffen und erwarten darf", antwortete der, „denn der Auftrag, der mich herführt, ist ein sehr unliebsamer. Nur meine Verehrung für Ihre Frau Mutter hat mich dazu bestimmt, ihn zu übernehmen, denn meine Bekanntschaft mit der andern Dame ist in Wahrheit nut eine oberflächliche."
(Fortsetzung folgt)