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M 289.

Samstag Sen 17. vezemdee 1910.

57. Jahrgang.

«Maer W Zeitung •

5. Blatt.

vrnck und Vttlog der Julia« Hdltnbrndtttl in jnlda

ischen barg, die alles besaßm, Ehre, nur nicht das Glück," wo-

ES folgen dann, nach Gegenständen geordnet, die von dem Episkopat beanstandeten Stellen der .Daye- rischen Lehrerzeitung", die zur Evidenz die ülotroen. digkeit eines energischen Eingreifens der bayeriichen Bischöfe erweisen

kann sich nie und nimmer von der Mitschuld an den Ausschreitungen der von ihr verhetzten Massen be­freien.

wältigt von Schmerz auf ihr Haar finken, und einen Augenblick war es totenstille in dem vomehmen Ge­mach, das zwei Menschen barg, die alles besaßm, Rang, Reichtum und Ehre, nur nicht das Gluck, wo- nach ihre Herzen begehrten, nicht das, waS alle Eltern ersehnm, erflehen: ein Kindl

„Eleonore, beruhige Dich!" bat er dann wir rauben der Toten die Ruhe und den Frieden mit un- seren Träum und Klagm! Wir werden dm heutige« Abend nicht allein verbringm, ich habe im Schnee eine niedliche Kleine gefunden und mit nach Hause g^ bracht Vielleicht kannst Du Dich trösten mit ihr und sie lieben lernen! Sie heißt Julie, wie unser totes Glück, und mag im gleichen Wer stehen l* Er ging hinaus und holte aus dem Vorzimmer das Kind, wei­ches das Dimstmädchm gewaschm und in andere Klei­

der gehüllt.

Sie sah allerliebst aus, die Kleine, in den elegan­ten Gewändern die blonden Locken recht hübsch ge­ordnet und im blaffen Gesichtchen ein scheues, »er­legenes Lächeln. Die junge Frau hob sie mit Tranen im Auge empor.

„Sie gleicht unserem Julchen, Karl, sie hat die großen, blauen Augen unir treuherzigen Mick."

„Möchtest Du wohl bei mir bleiben, Julie, und mich Mama nennen?" Das Lächeln verschwand au8 dem Antlitz des Mädchens.

„Mich hat niemand lieb zu Hmsse, die Mama nicht und die Buben nicht, sie schlagen mich immer und lassen mich hungern, und da würde ich Dich recht gern haben, wenn Du mich nimmer fortschicktest und hier ließest!" Die Augen der jungen Frau wurden naß und über ihres Mannes Züge ging es wie stil­les Glück. —

Ms man zur späten Abendstunde noch die Pflege­mutter Julchens auffuchte und fragte, ob sie das Kind forÜaffm wolle, atmete sie tief auf.

„Mein Gott, gerne! Ich kann das schwache, zarte Ding so wie so zu nichts brauchen!"

So wurde das Blumenmädchen, das Assessor So- ben am Weihnachtsabend wie ein Geschenk des Him­mels im Schnee gefunden, daö Töchterchen des rei­chen Ehepaares

Julchen mußte nimmer hungern und frieren, und den einst so einsamen Eltern wurde das „schwache, zarte Ding" ihr ganzes Glück, sie fühlten sich nimmer verlassen imb allein!

z Die Mitschuldige«.

Die Straßenkämpse in Moabit, die den roten Genossen anfänglich so großes Entzücken verursachten, ftnb ihnen allmählich höllisch unangenehm geworben. Das zeigt besonders die fürchterliche Wut, mit bet sie die Feststellung des Reichskanzlers im Reichstage, daß den Krawallen in Moabit und anderwärts die So­zialdemokratie die moralische Mitschuld trage, beant­wortet haben. Die Szenen, welche die roten Kultur­träger am Dienstag im Reichstage ansgesührt baben, sind nur daraus zu erklären, daß es der Sozialdemo­kratie äußerst peinlich ist, mit den Stratzmkrawallen in Verbindung zu stehen. In anderen Zeilläuftm wird sie vielleicht anders darüber denken, und wir halten es nicht für ausgeschlossen, daß in späteren Jahren die Moabiter Revolte auf den Ruhmes- blättern der roten Internationale ver­zeichnet wird. Aber im gegenwärtigen Augenblicke ist die Sache kompromittierlich, denn die Herren ©en off en befürchten, daß ihre Wahlagitation, ihre Spekulation auf die Unterstützung der Mtläufer ans dem bürger­lichen Lager, geschädigt werden könnte. Wir haben den Wunsch, daß dies geschehen möge, und deshalb keine Veranlassung, ihr Spiel zu unterstützen. Der „Vorwärts", der noch vor wenigen Tagen meinte: "Das billige Reichsverbandsgerede von der morali­schen Schuld an der Moabit« Revolution lockt leinen Hund hinter dem Ofen hervor", macht dem Reichs­kanzler den Vorwurf, daß er seine Beschuldigung ge­gen die Sozialdemokratie nicht beweise Herr von Bethmann Hollweg hat es wirllich nicht nötig, einen ausführlicheren Beweis anzutreten; dafür sind die Tatsachen denn doch allzu bekannt und — abgesehm natürlich von den He«en Genossen selbst — auch an­erkannt.

Die Mitschuld der Sozialdemokratie an den Stra- ßenunmhen in Moabit, Wedding ustv. besteht darin, daß sie durch ihre systematische Verhetzung gegen die Staatsordnung, die Staatseinrichtungen und die Per­sonen, welche die staatlichen Aufgaben «füllen, den Boden breeitet für die Auflehnung der Volksmassen gegen die bestehende Staatsgewalt. Die Massen sol­len zur Revolution erzogen w«ben, sie sol­len innerlich bem Staats gebauten entfrembet werben. Es ist kein Wund«, wenn dann die derart mit in­grimmigstem Haffe gegen den Staat und die Obrigkeit erfaßten Volkskreise bei paffend« Gelegenheit diese Gesinnung auch in die Tat umsetzen, wie es die Ge­walttaten in Moabit usw. ^gezeigt haben. Die So­zial oemokratie, welche die Saat ausgestreut hat, kann die Verantwortung für die Früchte nicht ablehnen. Die Sozialdemokratie ist ftug genug, daß sie heute noch nicht ihre Anhänger ztir offenen Gewalttat ermuntert Aber ihr einziges Bestreben geht dahin, die Vorbe­reitungen zu treffen, damit in einer späteren bes­seren Zeit die Gewalttat geschehen kann. Welchen anderen Zweck hat das Bekenntnis zur Republik und zur Revolution, die Ledebour im Reichstage ver­kündet hat, die „Kopf-ab"°Rede des Genoffen Wendel. Di: Bekenntnisse der roten Führer auf dem Magde­burger Parteitag sind noch nicht vergessen und wir werden dafür Sorge tragen, daß sie nicht in Vergessen­heit geraten. Wenn der Abg. Liebknecht, b« während fein« Referendariatszeit in Paderborn sich als bedeu­tenden Patrioten gerierte, spät« aber, als er es nicht mehr notwendig hatte, zum rabiatesten Genossen wurde, von dem „merkwürdigen historischen Selbstmord der Monarchie" spricht, dem die Sozialdemokratie „na­türlich kein Hindernis in den Weg lege", so versteht er es gewiß, die Grenze zu meiden, hint« b« et dem Strafrichter verfällt, aber üb« die Tendenz seiner Worte sind sich gewiß seine Parteifremide am wenig­sten 'm Unklaren.

Van kann kein sozialdemokratisches Blatt zur Hand nehmen, ohne -darin die schwersten Angriffe und Ver- dächttgungen gegen Polizei und Militärbehörden zu finden. Wenn dann aber die Volksmassen den ihnen ein gepflanzten Ingrimm in roh« Gewalttat austoben lassen, dann ist die Sozialdemokratie völlig unschuldig daran. Nein, die roten Genossen sollten es allmählich aufgeben, die bürgerlichen Streife von ihrer Harm­losigkeit überzeugen zu wollen. Die Sozialdemokratie

Salm des Assessors Soden war eine noch ziemlich junge, reizende Frau beschäftigt Sie brei­tete Gaben unter den bereits mit Lichtem aufgeftedten Weihnachtsbaum aus und hielt manchmal horchmd inne. Ihr Antlitz trug das Gepräge eines Hefen Kum­mers und ihre Augen blickten still und traurig, als ob fie eben «st noch geweint. Nun war sie fertig. Sie übersah noch einmal das Arrangement auf dem Weihnachtstisch und setzte sich bann auf den Stuhl in d« Fensternische. Es waren offenbar keine festes- ftohen Gedanken, sondern trübe, schmerzliche, die ihre Züge fo leiderfüllt erscheinen ließen. Sie sah oft und seufzend zu bet auf Alabastersäulen ruhenden Uhr auf bet Kommode, «hob sich bann und entnahm dem Schranke ein niedlicher, gelbes Sammetkleidchen. Den Augen bet jungen Frau entströmten Tränen.

„O, Julchen, daß Du mich verlassen mußtest, meine Einzige, mein Engel, Du, mein Kind!"

Sie preßte das Kleid am die Lippen und ver­hüllte weinend das Gesicht. Der traurige, trübe Herbst­tag erstand vor ihren Augen, der Tag, an dem ihre Etazige geschieden für immer. Wied« sah fie daS sterbende Kind, wie es noch einmal aufftöhnte und bann zurücksank in die Kiffen mit erloschenen Augen. Tränenlos, erstarrt vor tiefem, tiefem Weh, hatte fie bann bem Keinen Sarge nachqesehen, der ihr totes Glück, ihr totes Hoffen barg. Erst, als ihr Blick zu- rückstel auf bas le«e Bettchen, hatte fie aufgeschrieen vor Schmerz und Pein. „Wir sind üertaffen, allein!" ststaüe sie und sank in halb« Ohnmacht an die Brust ihres ftananen, weinenden Gatten.

Der Schall bet Glocke tönte durch die Wohnung und schreckte die Frau aus ihren trüben Erinnerun­gen auf Sie barg das Kleidchen in dem Schrank unb ging mit ziemlich gefaßt« Miene ihrem nach we­nigen Minuten etntretenben Manne entgegen.

^Jch habe Dich lange »arten lassen, nicht war, Eleonore?" Er küßte sie und sah ihr zärtlich in die Augen. „Du hast geweint!" meinte « voll bang« Sorge. Sie nickte stumm und kämpfte sichtlich gegen neu aussteigende Tränen.

„Karl", sagte sie leise, und wies auf den noch dunklen Weihnachtsbaum, „wir wollen den heutigen Tag nicht ohne Feier vorüdergehen taffen, wenn wir auch allein sind, allein und verlassen?"

Sie legte tfyt Haupt an 'eine Bre st und begann bitterlich zu weben. Er ließ fein Antlitz wie über-

Deutscher Reich.

+ Einberufung des Landtages. Nach einet im „Staatsanz.' veröffentlichten König!. Perord' nung sollen die beiden Häuser des Landtages au! den lo.ganuar 1911 in die Haupt» und Reff denzftadt zusammenberufen werden. Die Eröff' nung des Landtages erfolgt an diesem Tage mit* tags 12Ubt im Weißen Saale des Kömgl. Schlosses. Zuvor wird Gottesdienst um 11 Uhr im Dom für die evangelischen und um IP/e Uhr in der St. Hedwigskirche für die katholischen Mitglieder statlfinden? Am 9. Januar 1911 in den ©tun» den von 9 Uhr früh bis 8 U r abends und am 10. Januar 1911 in den Morgenstunden von 9 Uhr früh ab werden im Bureau deS Herren­hauses Leipzigerstr. Nr 3, und im Bureau des HauseS der Abgeordneten, Prinz Albrechtstraße Nr. 5/6, die Ausweis-Karten für die Eröffnungs- Sitzung ausgegeben und alle sonst erforderlichen Mitteilungen inbezug auf diese gemacht werden.

-s- Der Bundesrat hat am Donnerstag den Entwurf der deutschen Arzneitaxe 1911 sowie der Vorlage, betr. anderweite Festsetzung der Gesamtmenge des Absatzes von Kalisalzen für die Zeit vom 1. Mai dis 31. Dezember d. I., die Zustimmung erteilt. Annahme fanden die Vorlage betr. Aenderungen der Zündwarenstea r aussührungsgestimmungen bezw. der Zündwaren- kontingentierunasordnung. die Vorlage betr. Aen- derung der Zuckersteueraussührungsbestimmunqen, und die Vorlage wegen Aenderung und Ergänzung der Branntweinsteuerbesreiungsordnung. Der Vorlage, betr. Herabsetzung der von der Ver- aällungsflicht befreiten Branntweinmenge sür das Betriebsjahr 1910/11, den Anirägen des zu­ständigen Ausschusses wegen Feststellung be. stimmter Grundsätze Aber die Behandlung der Anträge aus Einreihung von Orten in eine höhere Ortsklaffe des OrtsklaffenverzeichniffeS, sowie der Vorlage, betr. die Verwaltung der Betriebs- auflage von Branntwein, stimmte die Ver­sammlung zu.

):( Ein Lob ber Zentrnniswähler enthält ein, Ar- titel im ,Tag', der den freikonservativen Abgeord­neten und Gegner des Zentrums, Herrn Dr. Otto Arendt, zum Verfasser hat. In Rr. 286 des ,Tag^ schreibt er über die englischen Wahlen und meint, daß wir von England manches lernen könnten. In seinen Ausführungen kommt er auch auf die Anforderungen der Wahlagitation zu sprechen, die infolge der persönlichen Opfer des Kandidaten, des häßlichen Wahlkampfes ufw. die geeignetsten Kandi- baten abschrecken, fo daß sie oftmals auf «ne Wiederaufstellung Verzicht leisten:

„Das ist", führt Dr. Arendt bann wörtlich aus, zweifellos auch ein« d« Gründe für die bedauerliche Tatsache, daß das geistige Nweau des Reichstages be­denklich sinkt. Nicht mit Unrecht wird die unbestreit­bare Erscheinung, daß keine andere Partei so viel hervorragend tüchtige Parlamen- arier aufweist rote das Zentrum, daraus tzurückaesührt, daß keine andere Partei so sichere Wahl­kreise besitzt und die Mandate mit so wenig Aufwand an Agitation zu behaupten vermag."

Darin liegt vor allem ein Lob der Wähl« des Zentrums, die Verständnis zeigen sür das, was em« Partei wie einem Parlament nottut. Selbst- verständlich ist das Wort Dr. Arendts aber auch eine Anerkennung der Leistungsfähigkeit des Zen- trums, die umso höher zu bewerten ist, als sie von einem Gegner ausgesprochen wird.

4- Ten Rns nach baldigen Neuwahlen erhebt wieder einmal die ,Rationalliberale Korrespondenz^' Sie schreibt:

„Daß die Mahnung, in bet gemeinsamen Arbeit die Gegensätze zu begraben, uns keinen schritt weiter bringt, das muh nach dieser Etatsvebatte auch Hirrn v. Bethmann - Hollroeg klar geworben fern. Die Nervosität, die Aber dem Ganzen lag, forderte geradezu gebieterifd) nach einer Einladung, und diele Entladung tönnfen nur die Neuwahlen bringen. Schon die Jnierpellationen, mit denen soviele Tage dieser kurzen Semon ausgefüllt waren, zeigen zur Genüge, woher und wohin der Wind weht; und wenn auch ab und zu eine darunter ist, die der positiven Arbeit zu,»zählen ist, so stehen doch schon am Eingang bet Tagung un künftigen Jahre neue Interpellationen, die zu den schönuen Wahlreden Anlaß geben. Das Zeichen uns«« politischen Getamtatuatwn1 sieht aus Neuwahlen. Möae die Regi«ung das rechtzeitig e^ kennen und Einflüffen widerstehen, die das Leben des jetzige» Reichstags noch künstlich verlängern wollen.

Seit dem Tage, da die Erbanfallsteu« im Reichstage abgelehnt wurde, fordern dte National- liberalen mit nimmer müdem Eifer ine taioxttge Auflösung des Reichstags, in der nicht verhehlten Hoffnung, daß die Steuerhetze die sonst fehlende Zugkraft für die liberale Sache ersetzen werde.

* Zum Kapitel der unverständlichen Duellsitten, wirb den „Münch. Reuest. Rachr." ein weitern Bei­trag aus Straßburg i. E. gemeldet:

Au einer dortigen Kinderklinik sind zwei Assistenz ärzte beschäsligt, em Norddeutscher und ein süd­deutscher. Ersterer erhöhte die bestehende Spannung dadurch, daß er beim Kommen und Geh^n kemen Gruß bot. Der Süddeutsche (El'äff«> ließ sich deshalb, als er sich infolge einer gutgelungenen Operation m gehobener Stimmung befand, dazu oertetlen, dem un­höflichen Kollegen eine kleine Lektion ju erteilen und rief, als jener wieder ohne Gruß den Saal verließ, ihm Adieu zu. Der Norddeutsche erbhefte tn bem bedeutungsvollen Adieu eine Belrid.gung und forderte den Elsässer auf Säbel, wozu dieser lerne Neigung verspürte. Auf die Weigerung enter Duellaunahme denunzierte der Ford«»de den Elsässer bet der Militär­behörde, und auf dem ehrengerichtlichen Instanzenweg wurde dieser Tage der Elsass« aus der Reihe der Reserveoffiziere gestrichen.

= Braucrei-Jndnstrie und ReMfinanzreiorm. Rach dem Handelsteil der „Franks. Ztg." Nr. 346, zwestes Morgenblatt, verteilen dieses Jahr die Klosterbrauer« Andreas in Eschwege 6 Proz. Dividende, rvte tm Vorjahre, die Brauerei .zur Hoffnung" Akt.-Ges. Sckittigheim (Elsaß) 6 Proz. wie rm Vorjahre, Stistsbranerei Hörde Dortmund 5 Proz., un Vor­jahre nichts. Bürgerliches Brauhaus Ingolstadt 5 Proz., wie im Vorjahre. Die Vereinigten Braue- reten Waldshnl« Löwenbrauerei und Sackmger Trompeterbräu hat zwar einen etwa? geringeren Absatz an Bier zu verzeichne«, die Gefamtetrmahme beträgt jedoch etwas mehr als im vorigen Jahr, der Reingewinn ist bedeutend größer als rm Vor­jahr. Moidenden werben jedoch tn diesem Jahr nicht verteilt, um den inneren Betrtebssond zu stärken. — Und dies trotz Reichsfinanzreform und Bittdoykott.

** Eine Petition der Bereinigung kriegs- invalider, nichtpenfionierter Offiziere des Beur- laublenstai'des in München um Aenderung veS 8 41 d s OffizierS-Pensionsgesetzes hat die Peti­tions-Kommission des Reichstages dem Reichs­kanzler als Material übergeben. Die Petition will den nich pensionierten Offizieren des Beur« tau tenstandes noch jetzt ermöglichen, Mrlt- tär-Pension und Kriegs-Zulage zu er­halten im Falle des Nachweises, daß ihre jetzige Invalidität auf den Krieg der Jahre 1870/71 und seine Folgen zurückzusühren sei. Seitens der Regierung wurde hierzu erklärt, daß dem Er- suchen nicht stattgegeben werden könne, weil sich nach 40 Jahren wohl kaum mit einiger Sicher­heit seststellen lasse, daß ein heute vorhandenes Leiden seine Ursache in einem so lange zurück­liegenden Vorgänge habe. Eine Aenderung des Offiziers-Pensionsgesetzes we v« von den Verbün-

Das Kirrmerrmadcherr.

Skizze von S. Barinkay.

Wenn Du die Blumen heute alle verkaufft, bann soll auch Dir bai Christkind etwas bringen, Julie!" Die Fr-Xi hing b« kaum sechsjährigen Meinen einen Korb mit Rosen und Veilchenbuketts an beit Arm und drängle sie ber Türe zu.

„Alle?" fragte ba3 Kind zögernd und sah bange auf ben ziemlich reichen Inhalt des Körbchens und bann sehnsüchtig auf ben Tisch in der Stube, wo zwei größere Knaben mit Eifer unb Wohlbehagen die Kaf- ffetöpfe leerten.

„Alle, natürlich! Glaubst Du denn, ich habe Dich zu mir genommen, nur um Dich zu füttern unb Pla­ckereien mit Dir zu haben. Du Nichtsnutz? Es wäre auch besser, man hätte Dich mit Seiner Mutt« begra­ben. Gehe! Mache Deine Sache nicht fo bumm, bann hast Du fie halb los. Laufe nicht gleich davon. Wenn Dir abweifenbe Worte gesagt werben, bleibe stehen sei zudringlicher, bann nimmt manch« etwas, um Dich los zu w«ben! Merke Dirs! Pack Dich fetzt!"

Die Kleine schlüpfte aus bem Zimm«, hinaus auf bte Straße. Durch bas bünne Kleidchen, bas sie trug, wehte ber rauhe Dezemberwind, unb bte Häub­chen, bie ben Blumenkorb hielten, waren starr unb falt. Ueberall, wo an großen Fenstern unb Türen das Wort Restaurant ob« CafS staub, trat sie hinein unb bot ihre Blumen zum Verkaufe Aber die weni­gen, bie heute in ben gastlichen Räumen wellten, fan­den keinen Gefallen an ben buftenben Sträußchen. Waren es boch zumeist einsame ober verbitterte Men­schen, die keine Familie, kein Heim hatten. Die Frohen und Glücklichen v«brachten ben heutigen, ben schönsten Tag des Jahres im Kresse ihr« Lieben.

Schon war es dunkel geworben, blendende Helle fiel aus ben hohen Fenstern heraus auf die Straße. Juliens Blumenkörbchen war erst um ein armseliges Leilchenbukettcheu leichter geworben. Das Herz ber Kleinen begann ängstlich zu pochen unb ihre Augen füllten sich mit Tränen. Es war nicht der Gedanke, lmß der Weihnachtstisch für fie le« bleiben möchte, d« tat Stangen verursachte, sondern der Gedanke an die ©eplage, bte ihrer harrten. Wenn sie mit ben Blumen 9rk t(?m und an bie Entziehung des

Abendbrotes. Denn bie Pflegemutter hatte so rauhe,

* Der bayerische Episkopat «ad die »Bayerische Hehrerzritnag*.

D« Bayerische Lehrerverein ist be­kanntlich ein Zweig des Allgemeinen deutschen Lehrer. Vereins. Wie b« Gesamtverein, so hat auch b« Bayerische Lehrerverein seit ein« Reihe von Jahren schon zu ernsten Klagen bezüglich fein« Stel­lung zur Kirche und btt kirchlichen Autori­tät Anlaß gegeben. Vor einer Reihe von Jahren schloß sich bekamtttich eine Anzahl katholischer baye­risch« Lehr« in einem katholischen Lehrerverein zu­sammen, weil fie es nicht länger mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten, einem Vereine anzugehören, der sett langem schon zu ernsten Beanstandungen tn reli­giöser Hinficht Anlaß gab und seine Mitglieder auf Wege führen wollte, die ein katholischer Lehrer, der auf treu kirchlichem Boden steht, nun einmal nicht Wandeln kann.

Besond«S Anlaß zur Klage gab das Organ des Bayttischen Lehrervereins, die „Bayerische Leh­re r z t g.", das Organ eines Vereins, dem in der «drückenden Mehrzahl katholische Lehr« ange­hören. Dieses Blatt scheute sich nicht, sogar die Grundwahrheiten des Christentums in einet unerhörten Weise anzugreifen Das verdient um so schärfere Verurteilung, als feit dem Jahre 1892 für alle Mitglieder des Bayerischen Lehrerv«eins das Z w a n g8 a b on n em en t auf dieses Blatt eingeführt ist. Wiedttholt wurde in der katholischen Presse unb im Organ des Katholischen Lehrervereins ht Bayern auf die gefährliche Haltung b« „Bayerischen Lehrerzeitung" hingewiesen, ohne baß ber Bayerische Lehrerverein und die in den Hän­den von protestontsschen Lehrern liegende Redaktion d« „Bayttischen Lehrerzritimg" sich bemüßigt ge­funden hätten, Wandel eintreten zu. lassen unb Ab­hilfe zu schaffen.

Nun hat sich der bayerische Episkopat gezwungen gesehen, gegen die Haltung der „Baye- rffchen Lebrerzeitung" Stellung zu nehmen. Er tut das in einem Schreiben der Herren Bischöfe, das tn diesen Tage» jedem katholischen Lehrer durch das zuständige Pfarramt zu gestellt würbe. Die­ses Schreiben hat folgenben Wortlaut:

„Wir baben feit langer Zeit die.Bayerische Lehrer­zeitung' auf ihren kirchlichen Inhalt geprüft unb haben zu unserem lebhaften Bedau«n gefunden, daß seit mehreren Jahren in einer Reihe von Artikeln An» feinbungen ber katholischen Glaubenslehre unb der Be­tätigung kirchlich« Gesinnung vorkamen: Jahrg. 1909 Nr. 1, Seite 5, 1908 Wechuachtsartikel, 1908 Nr. 34, S. 852, 1909 Nr. 8, S. 146. Wir erinnern an jene Artikel, welche sich gegen kirchliche Hierarchie, die Bischöfe richten: Jahrgang 1907 Nr. 1, S. 8, und Nr. 13, S. 240 dis 241, 1909 Nr. 8, S. 146 und Nr. 10., S. 189. Fern« an jene Artikel, welche Ausfälle gegen die Wissenschaft der religiösen Wahrheiten und den Glau­ben enthalten: Jahrgang 1909Nr.8. S. 146 unb Nr. 21, S. 446 unb 454. Ferner an die Artikel, welche das Recht b« Kirche auf die Aufsicht über ben Religions­unterricht der Kirche bestreiten: Jahrgang 1908 Nr. 36, S. 917, unb Bücher empfehlen, bie mir vom Stand­punkt des Glaubens aus verurteilen müssen: Jahrgang 1907 Nr. 42, S. 823, 1908 Nr. 43, S. 1132, 1909 Nr. 8, S. 156 unb 1909 Nr. 14 S. 303.

Nachbem hinsichtlich der „Bayerischen Lehrerztg." für die katholischen Mitglieder des Bayerischen Lehrer­vereins Abonnementszwang besteht, sehen wir uns ver­anlaßt, im Namen und Auftrag unseres hochwürdigsten Herrn Bifchofs bas ebenso bringenbe wie ernste Er­suchen an die katholischen Lehrer unserer Diözese zu stellen, auf bie Borstandschaft des Bayerischen Lehrer­vereins emroirten zu wollen, daß der Abonnements- zwang beseitigt ober wenigstens die Redaktion btt .Bayeriichen Lehrerzettung" auigeforbert werde, sich aller Angriffe auf Religion und kirchliche Autorität zu enthalten. - „

Wir setzen in bie katholischen Lehrer das Vertrauen, daß sie auch in ihrer Fachpresse nichts dulden, was katholssche Lehrer verletzen könnte."

große Hände, die schwer unb schmerzend aus die schwachen Schultem, den kleinen Rücken fielen, und es war so entsetzlich für dos nie ganz satt gewordene Kind gequält von Hunger und Durst daS harte Lag« aufzusuchen.

Wieder betrat Julie ein großes, elegante# Rchan- rantiokal, leer starrten ihr die hellerleuchteten Räume desselben entgegen. Rur wenige Gaste saßen an den gedeckten Tischen, gänzlich versunken in die Journale vor ihnen. Kein fröhliches Geplauder, kein munteres Lachen durchschwirrte wie sonst den Sackt, keine über­mütige Stimme rief daS Reine Blumenmädchen her­an. Julie trat, den Deckel ihres Körbchens öffnend, zu einem älteren Herrn, der unwillig über die Stö­rung von seiner Leflüre auffah und dann wortlos wieder die Augen auf das Blatt fenfte. Julie war versucht, zu gehen, sie verstand den kurzen, abweisen- ben Blick, aber die Worte der Mutt« kamen ihr in den Sinn: Sei zudringlicher, dann nimmt manch« et- waS, um Dich los zu werden.

An bie harten, großen Hände der strengen Frau zu Hause dachte sie, und an den Hunger, ber sie peinigte. Sie trat noch einen Schritt naher zu dem Lesenden und flüsterte einige bittende, imverständliche Worte.

Er fuhr empor.

„Aufdringliche Bettelvolk!" schrie er unb hob die Hand, als wolle « fie auf das Kind niederfinken las­sen. Julie stürzte aus dem Lokal, das kleine Herz voll Angst und Schrecken und Scham. Heiße Tranen rieselten über die mageren Wangen und mit müden Füßen rannte fie wett« auf der schneebedeckten Straße. Und durch die Tränen sah sie den Weg nimm«, fie glitt aus und fiel mit einem leisen Wehruf über den Randstein hinab in den Graben. Die duftenden, teue­ren Blumen lagen zerstrent tat Schnee.

Ein eben vorübergchender He« tat kostbaren Pelz­mantel hob das jammernde Kind empor.

Wie heißt Du, meine Kleine?" fragte er, ihr die blonden Locken aus dem naffen Gesicht streichend.

Suite!" stotterte fie weinend und blickte ängstlich auf Me Blumen im Schnee. Em wehmütig« Schein überflog daS Anllitz de» eleganten Mannes. Er preßte, wie in momentaner Erregung, das Kind m Mütterchen wird mich schlagen, wenn ich ohne Geld und ohne Blumen nach Hause komme, schlagen, tot schlagen!" Kaute unter Tränen das Mädchen.