Zeitung
* fuldaer
in diesen Kampf eingreifen. Es laßt natürlich beide Teile möglichst heftig auseinanderprallen und auf diese Weise dir Beruhigung selber besorgen. Aber dir Ehrenden Militärs der englischen Kolonialarmee werden bei dieser Gelegenheit doch gesagt haben muffen^ daß die englischen Machtmittel gegenüber diesem Em ge- borenenfanatismus nicht standzuhalten vermochten, sobald er die beiden Eingeborenengruppen vereint gegen die Engländer inS Feld führen würde. Ueber diese Einsicht täuscht auch das Gespött der englischen Blatter nicht hinweg, die gar zu gerne aus der Tatsache, daß ein förmlicher Krieg sich aus dem Streit um das Neckst des Schlachtens von Kühen entwickeln kann, em Beweis für den geistigen Tiefstand der Eingeborenenbevölkerung herleiten möchten
In Italien droht wieder eine Kabinettskrise. Luzattt, der von Anfang an keine eigene Mehrheit besaß und nur von der Gnade der Giolittianer lebt, kommt in immer größere Schwierigkeiten. Die Vorlage des radikalen Ministers Sacchi zur Aufbesserung der Lage der Eisenbahner wird von diesen als allzu geringfügig abgelehnt. Auf der anderen Seite nimmt der Senat eine feindliche Haltung gegen das Kabinett ein weil es sozialistenfreundlich sei. Der Senat will auch von dem im Juli von der Kammer angenommenen Schulgesetz wenig wisien, sodaß mit der Möglich- kett eines Konflikts gerechnet wird.
Die Adreßdebatte in der belgischen Kammer wurde von der Opposition zu einem wütenden Anturm gegen die katholische Regierung benutzt, gedoch nur mit dem Erfolg, daß die Stellung derselben noch etwas gestärkt wurde. Die Hoffnungen, durch die Wahlrechtsfrage die Mehrheit zu sprengen, find gescheitert; die Bemühungen konnten schon deshalb keinen besonderen Erfolg haben, weil Liberale und Sozialisten sich in der Frage selber nicht einig sind. Die Regierung will, ehe der Frage der Wahlrechtsande- rungen näher getreten werden soll, zunächst die schul- rage regeln und die sozialen Ausgaben zur Lösimg
aber schlägt sie mit der Behauptung, das Zentrum habe deshalb für den konservativen Antrag gestimmt, weil ihm an dec Heilung des Arbeiters nichts liegt, weil dem jetzigen Zentrum die Gelder der Versicherungsanstalt nur zur Entlastung der Ärmenlasten der Gemeinden dienen sollen". Eine solche Behauptung richtet sich selbst und ist mehr wie bezeichnend für die Niedertracht, die die sozialdemokratische Presse auf ihren stetigen Verleumdungsfeldzügen gegen das Zentrum an den Tag legtl
er nur die Verwegenheit besessen hätte, noch einmal einzu dringen.
Aus dem Vorfall ergeben sich drei Klugheitsregeln, die von allgemeiner Bedeutung sind.
Erstens soll man nicht mehr Geld oder Kostbarkeiten im Hanse haben, als unbedingt notwendig ist Wo Aas ist, da sammeln sich die Raben. Gelegenhett macht Diebe, und Wertsachen ziehen die Spitzbuben und Räuber an. Wer mit größeren Geldsummen zu tun hat, muß für eine Niederlage bei einer Sparkasse oder Bank sorgen. Natürlich muß er bei der Wahl der Depositenstelle vorsichtig fein und nicht auf eine Gründer- und Reklamebank hereinfallen, die durch Agenten usw. nach Einlagen handelt, mit denen sie ihr Defizit stopfen will. Eine solide Stelle muß es sein. Aber dorthin schasse man alles, was für den Augenblick entbehrlich ist, und halte das Haus rein auch in dem Sinne, daß für Sangfinger nichts verlockendes da ist
Es gibt ja Leute von den Hehparteien, die da behaupten, der Depostienvettehr werde unterbunden durch den Scheckstempel, der seit 1909 eingeführt war- den ist. Ach was! Der Scheckstempel beträgt einen ganzen Groschen; wegen äieses kleinen „Trinkgeldes von 10 Reichspfennigen braucht sich niemand von der Benutzung eines Scheckbuches abhalten zu lassen, wenn es sonst für seine Verhältnisse zweckmäßig ist. ' Gefährlich ist es auch schon, den Anschein zu erwecken, als ob man zu Hause erhebliche Schätze hat. Eitle Äusschneiderei und Protzerei hat schon manchmal die Verbrecher aufgestachelt. Besser wie alle Sicherheitsschlösser, Wachhunde, Revolver usw. ist die Erhaltung des Glaubens: Hier ist nichts zu haben! Wo nichts ist, da hat der Spitzbube die Anziehungskraft vettoren
Die zwette Mahnung ist: Alleinstehende Leute sollen nicht allein wohnen! Wo ein Mensch vereinzelt in der Wohnung haust, da ist für den Verbrecher ein lockendes Arbeitsfeld. Geht der Einfiedler aus, so ist die Wohnung ganz verlassen, kann also von einem Einbrecher ober Einschleicher beauem auäger'turnt werden. Kommt es zur Gewalttäügkeit, so hat der Verbrecher es nur mit einem Gegner zu tun, der in der Regel schwächer und weniger gewandt ist Wenn der Verbrecher Routine hat und nicht ein Zufall ihn
61 n$Se Neuwahlen zu der griechischen Nationalversammlung haben dem Minssierium Venizelos eine starke Mehrheit gebracht, sodaß also jetzt der Verwirklichung seiner Verfassungsreformpläne, die bekanntlich ziemlich gemäßigt find, nichts mehr im Wege steht. ,
Aus -em Nachbargebiete.
* Hgnau, 16. Dez. 1910. Im Alter von 66 fahren ist dahier der frühere Diamantschleifereidesitzer Fritz Houy gestorben, der 1874 mit feinem Bruder unter der Firma Gebr. Houy in Hanau die erste deutsche D ia manlschlei f erei gegründet hat.
♦ Höchst (Main), 16. Dez. 1910. Schlechte Ge- fctäfte machen die Gläubiger des Konkurses
Unpolitische Zettläuse
.N.) Berlin, 15. Dezember 1910.
(Nachdruck verboten.)
«Bo ist mau so recht einsam und verlassen? In den?Gewühl bet Weltstadt Von Menschen ist man dort freilich umgeben, -aber man findet keinen Nächsten darunter. Lauter urtofrembe Leute, die einen nichts angehen und sich auch um uns nicht kümmern. — Wenn ich mal in aller Ruhe über eine Sache Nachdenken will, so gehe ich durch recht belebte Straßen ober in ein wohigHLittrs Lokal; da kann ich ganz ungestört meinen Gedanken nachhäugen.
Wo wohnt man am abgeschlossensten? In einer Berliner Mietskaserne. Je größer sie ist, desto besser ckann man ein Einsiedlerleben suhven. „Vier Treppen rechts" — das ist wie eine Gremitenhöhle m der ggürie — in der modernen Steinwüste der Großstadt.
Eine alleinstehende Fran von 68 Fahren ist kürzlich ermordet worden. Der Leichnam Hai mehrere Lage in der Wohnung gelegen, obschon die Hilferufe Ler Frau und Fallgeränsch von den Nachbarn gehört worden waren. Ja, die Nachbarn hatten sogar m diesem Falle ein übriges getan, was sonst richt üblich ist: sie hatten die Polizei geholt und die Wohnung aufbrechen lassen. Aber als die PÄ^ei von vorn eindrang, ging bet Marder durch die Hintertür hinaus Polizei und Nachbarn nahmen an, daß die Frau selbst sich durch die Hintertür entfernt habe, und gingen wieder von bannen, ohne sich erst in der Wohnung näher umzusehen. Ter Mörder war so schlau und frech, daß er durch den Fernsprecher die Pförtnersfrau anrief und ihr mitteilte, die betreffende Mieterin befinde sich in krankhaftem Zustande bei ihm, sie könne jetzt noch nicht zurückkommen, men möge die Aufwärts rin abbestellen usw. So blieb die Wohnung un- Leachtet liegen und zugleich die'Leiche in dem zuge- deckten Bett. Vermutlich läge die Leiche heute noch da, — wenn nicht zufällig ein paar Verwandte von «iSwärts Mw Besuche der alten Dame gekommen wären. Da fand man endlich die schon stark verwesende Leiche und wurde traf die Bluffpritzet, den
Der Mörder ist im Gewühl der Weltstadt untergetaucht und bis zu diesem Augenblick noch nicht gesunden. Erst dachte man an einen männlichen Räuber; bann kam bie Vermutung auf, ein Weib habe das Verbrechen verübt, weil die Stimme der alten Frau täuschend nachgemacht und das Bett über der Leiche ganz kunstgerecht gelegt worden war. Jetzt aber gilt die Ansicht, daß rarr ein Mann die nötigen Kräfte habe, um die Frau zu überwälttgen und den schweren Leichnam so zu verschleppen, wie es geschehen ist. Man fahndet nun auf einen jungen Menschen aus dem nächsten Bekanntenkreise der Ermordeten. Vielleicht hat ein verbrecherisches Paar gemeinsam „gearbeitet“.
Der Polizei, die jetzt in dem Moabiter Prozeß so heftig angegriffen wird, wünsche ich alles gute. Aber in diesem Mordhause hat die Polizei wirklich keine Lorbeeren gesammelt. Sie war außergewöhnlich schnell gerufen worden; aber die betreffenden Schutzleute hatten kein scharfes Auge; keine schnelle Ueber- zeugung, keine gehörig: Tatkraft. Auch nachdem bie Leiche durch einen glücklichen Zufall entdeckt war, ließ die Ermittelung der Todesursache und die Durchforschung der Wohnung noch zu lange auf sich warten. In Mordsachen müßte doch mit etwas mehr Fixigkeit gearbeitet werden. Tagelang wurde z. B in den Zeitungen von einem Banllsnto und von einem entwendeten ScheÄmch der Ermordeten gesprochen; bei den modernen Verkehrsmitteln hätte mau doch, sobald eine solche Vermutung austauchte, in wenigen Stunden AuMruug über ein Konto dieses Namens schufen müssen.
Schließlich hat sich mut herausgestellt, daß die Frau kein Scheckbuch besessen ober benutzt hat. Ja, sie war so altmodisch und unvorsichtig gewesen, ihre Wettpapiere und eine Menge Schmucksachen in der Wohnung zu bewahren. Ihr Vermögen von etwa 200000 Matt steckte in einer Kassette, die am Boden des Schrankes angeschraubt war. Vielleicht hat sie diese paar Fußschrauben für eine große Sicherung gehalten. Der Möcher hätte aber ganz gut feinen Raub vollführ« können, wenn nur nicht durch den Widerstand der Greisin ein allzu großer Lärm entstanden wäre Ja, « hätte in bett folgenden Tagen die unbewachte Wohnung ruhig Wsplündern können, wenn
* „Klerikale Arbeiterpolitik."
Literarisches.
Die Landkarten. Entstehung und Gebrauch. Von k. Raymund Netzhammer. Mit 70 Illustrationen im Text und einem mehrfarbigen Titelbild. 150 Seiten. 8°. In Orig.-Emb. Mk. 1.50. Emstedeln, Verlagsanstalt Benztger
M 289.
Simstag Den IZ. Sejtrter W».
M. aewtaeee-
^Nehmen Sie
täglich ein Likörgläschen vr. hommel'5 Haematogen unmittelbar vor der Haupt
mahlzeit! Ihr Appeltt wird reger, Ihr Nervensystem erstartt, die körperlichen Kräfte werden gehoben. Warnung: Man verlange ausdrücklich den Namen ve. tjommel.
5. Blatt.
Dntd vnd Verlag der Znldaer Actiendrnckerel in Salta
Zobel. Sie erhielten nur 8—9 Prozen.. Etwas Vesser fuhren bie Gläubiger bet dem Konkurse des Schuhmachers W. Fabrner, Nied. J^n vergeben rund 30 Prozent. .Sie haben dieses günstige RttuI tat in erster Linie dem Konkursverwalter Rechts- anwalt Hilt zu verdanken. Diesem gelang e., bi betrügerischen Manipulationen Fahrners rechtze mg auszudecken und so einen großen Teil Waren für die Masse »u retten.
Kassel-Wehlheiden, 16. Dez. 1910. Dte Bitten vieler Gläubigen der Rofenkranzpfarrei bat en nun auch hier die Einrichtung einer 11 U w-Messe mit Predigt an Sonn- und Feiertagen erreicht. Mit Weihnachten toll die Gottesdienstordnung (71 -, 9ssz, H Uhr) in Kraft treten.
I * Kassel, 16. Dez. 1910. Dte Raume der allen M a r st a l, s k a s e r n e, in welcher bis zum Bemg der neuen Kalerne bet Sttonseld im Herd te ds. Js eine Eskadron des Husaren-Regmients Rr. 14 em quartiert gewesen war, sind setzt samtum an hie.ige Privatpersonen auf die Dauer von gehn 3 t verpachtet. Der Pachtzins, den der Fiskus habet erzielt, beläuft sich am 5100 Mk.
* Kloster Eberbach, 15. Dez. 1910. Das hiesige als Staatsgeiängms benutzte Kloster wird bestimmt im Frühjahr 1912 frei, da feine Znfassen dem Zentralgesängnis bet Limbutg
I überwiesen werden, lieber die fernere ^rWendung des Klosters und der Ländereien i|t noch
I nichts »erlügt worben. Die Annahme, das Oe-
Wochen-Nundschau.
[:] Fulda, 16. Dezember 1910.
Es waren gerade keine Weihnachtsglocken womit die Reichsboten in diesem Jahre ihre Weihnach^ ferien eingeleitet haben. Die Äußerung des Reichskanzler- v Bethmann-Hollweg über den Ehssrlttter der Moabtter Unruhen hat die künstliche Wut, in der die Sozialdemokratie sich augenblMich ; ® Massen aufzustacheln, in Hellen Flammen aufschlagm lassen Man hat dem Reichskanzler, und nachdem mm: das Spektakelsystem einmal erprobt hatte auch der Rechten und dem Zentrum szene« bereitet, die das HauS erfreulicherweise Nicht oft zu erleben Gelegenheit hatte. Die Aufregung ist darauf berechnet in den Weihnachtsferien eine Grundlage für moglichs rücksichtslose Agitation zu schaffen Abgesehen von diesen Schattenseiten kann der Reichstag für feine bisherige Tätiakett zum wenigsten das Prädikat „ftet- ßig" beanspruchen. Man hat sti ben nahezu drei Wochen, die seit der Wiederauftiahme der Derh-md- lunaen verflogen sind, 19 Atzungen abgehalten und in diesen Sitzungen neben ben nn Herbste stets unvermeidlichen Interpellationen doch aucheineAnzahl erster Lesungen glatt hinter sich gebracht. Und bi« Kommissionen haben noch vrel fleißiger gearbeitet, sodaß bei kommende Winter bie austerordentlich reich- baWaen Ausgaben glatt wenigstens zur Erledigung bringen kann. Ob dabei fteilich alle« einen nromalen Verlaus nimmt, darüber läßt sich heute em Urteu noch nicht abgeben. Wahrscheinlich ist, daß das Arbetts- kammergesetz und das Kurpfuschergesetz verunglücken und die Privatbeamtenfürsorge überhaupt ausbleiben wird.
Das Kabinett Btenerth hat seine De- mission eingereicht, ist vom Kaiser Franz Joseph aber mit der vorläufigen Weiterführung der Geschäfte be- trartt worden. Der Rücktritt erfolgte wegen der Forderung des Polenklubs auf Durchführung des Korber'ch en Wasftrstraßengesetzes, bie wegen ber schlechten Finanzlage und auch mit Rücksicht auf die partamen- tari-chen Mehrheitsverhältnisse unmöglich ist. Hierzu traten Anfeindungen gegen den Finanzminister v. Biliiiski und ben Kultusminister Graf Sturgkh, bie eigenartiger Weise gerade aus dem Lager ber eigenen Parteigenossen kamen. Man hofft, eine erweiterte Mehrheit mit ben Tschechen ober Slowenen zustande »u bringen. Das definitive Ausscheiden des Baron Bicnerth aus dem Ministerium würde im Interesse ber deutschen Sache sehr zu bebauem sein.
Die Wahlen in England vollziehen sich sehr langsam und halten die ganze Welt in mehr ober minder großer Erregung. Die Konservativen, bie es m hartnäckiger Verteidigung ber Einspruchsrechte des Oberhauses zu einer neuen Wahkkrastprsbe haben kommen lassen, haben ihr Spiel verloren. Sie glaubten mtt allerhand Tricks, so besonders auch mit der schwinbekhoften Forderung bes Referendums, der Volksabstimmung, ÄMfa gegen Me liberale »e- gieri’.ng mobil machen zu köiinen, um auf diese Welse zu verhüten baß bie Macht des Oberhauses gebrochen und bannt bie Möglichkeit von Zugeständnissen an bie katholischen Irländer geschaffen werde. Das ist nämlich seit Jahrzehnten der springende Punkt in der ganzen englischen Geschichte. Die Liberalen haben, als sie vor nunmehr stift einem halben Jahrzehnt wieder 'itr .Herrschaft kamen, den JMndern das bündige Versprechen gegeben, die Selbstverwaltung für Irland einzuführen. Zu diesem Ende müssen sie die Mackst deS Oberhauses brechen. Das wird letzt geschehen, und damit wird JttaNd wenigstens in gewissem Grade eine Selbstverwaltung erhalten. — England muß einen Wink zur Notiz nehmen, daß die Aus 'euttmgsmöglichkeften frember Völker durch sogb- nanitte „Mutterländer" eines Tages ein Ende finden müssen. In Kalkutta, der Haupsstadt Indiens ist e zu großen Unruhen at® religiösen Motiven gekommen. Em Tess ber Inder, ber Hindus, gehört infolge einer vom Nordwesten her über Afghanistan in das Land hineingckasenen rdigiöfen Agitation dem Islam an. Der eigentliche Hindu ist Brahmane. Zwischen diesen beiden Richtungen hat es durch all die Jahrhunderte Reibereien und Kämpfe gegeben. Jetzt flackern diese Kämpfe in der Hauptstadt Kalkutta mit außergewöhnlicher Heftigkeit auf. England muß
stört, so kann er ein einzelnes Opfer ohne gefährlichen Lärm aus dem Wege räumet.
Der ermordeten Frau sagt man nach, sie habe ge* rade aus Angst vor Verbrechem es abgelehnt, noch eine Person in ihre Wohnung aufzunehmen. Auch ein Dienstmädchen habe sie nicht angenommen, weil sie gefürchtet habe, an das Mädchen könne sich ein verbrecherischer „Bräutigam" heranmachen. Aber bie letztere Gefahr war offenbar nicht so groß, wie Me Gefahr der andauernden Einsamkeit. Das Vemünf- tigfte ist offenbar, daß alleinstehende Männer oder Frauen sich in einer ordentlichen Familie einquartieren. Anschluß an eine regelrechte mehrköpfige Haushaltung, das gibt größere Sicherheit »nd zugleich größere Gemütlichkeit. Die Neigung zum Alleinhmisen ist natürlich bei den Frauen größer, als bei den Man- nern, da letztere bie Wirtschaft nicht gut selbst fuhren können. Unb gerabe auf bie zahlreichen alleinstehenden Frauen, bie von ihrer Rente leben ober zu leben scheinen, haben die Verbrecher es besonders abgesehen. Also entweder in ein Stift ober in eine zuverlässige Familie!
Drittens ist nach zu erwähnen, daß die Ermordete ttotz ihrer 68 Jahre noch recht vergnügungssüchttg und unterhaltungsbedürstig war. Sie ging diel au» und verkehrte mit einer Menge von Leuten. So ängstlich sie sonst tat, war sie vertrauensselig gegenüber allerhand Bekannten. Die unvorsichtige Freundschasts- schließerei ist 'gefährlich. Trau, schau, wem? Das Sprichwort muß man namentlich in ber modernen städtischen Lebensweise beherzigen, wo man leicht in Berührung kommt mit „recht netten, interessanten freundlichen Saiten", deren innere und äußere Ver- hilltuUe man nicht gründlich erforschen kann. Je mehr die Leute sich herandrängen, desto größere Vor- sicht ist geboten. Ohne ungemütlich zu werden, kann man doch eine Zurückhaltung beobachten, bie den unerprobten Bekannten eine bestimmte Grenzlinie zieht, über welche die Vertraulichkeit nicht hinausgeht.
Anschluß muß der Mensch haben, aber nur ben Anschluß an gute bewährte Mitmenschen. Geld mutz ber Mensch auch haben, aber er braucht es nicht im Hause autzubewahren. Enblich muß er auch an» bauernb ein guter Gewissen haben, denn por einem Unglück ist man niemals gesichert. •
& Co., A.-G. .
Das Buch hat keinen Geringeren zum Verfasser als Se. Exzellenz, den hochwürbigsten Erzbischof von Bukarest, P. Raymund Netzhammer, 0. 8. B. M reich- unb interessant illustrierte Büchlein fetzt sich zum Ziele, den Laien in das notwendrgste Wissen über entstehen unb Gebrauch ber Kartenwerke ein- zuführen. DaS Büchlein ist trotz feines auf den ersten Blick etwas abstrakten unb scheinbar trockenen Behandlungsstoffes nichts weniger als abstrakt unb unverdaulich trocken geschrieben, sondern verrät den gewiegten Lehrer, dessen Bestreben es stets geweien, dem Unterrichte einen prakttsch greifbaren Einschlag zu geben, um den jungen, noch unreifen Denkern möglichst leicht über bie abstrakten Formeln unb Entwicklungen unb über bal zahlenfchwere Logarithmenbuch htnwegzuhelfen.
werden. Die rote Presse sagt nun, das ReichSve^ sicherungsamt habe auch bei dem geltenden Gesetz schon die Befugnis, einer Verschwendung ber MMeft wie es z. B. seitens der LandesversicheningsMitalt Berlin beim Bau der Heilstätte in Beelitz bet Berlin vorge- kommen sein soll, mit Erfolg entgegenzuwirken. Seitens der Regierungsvertreter in der Kommission aber wurde an einem konkreten Beispiel, nämlich unter Hinweis gerade auf die Anstalt in Beelitz, nachgewiesen, daß das Reichsverficherungsamt das von den sozialdemokratischen Blättem behauptete Recht m der Praxis nicht habe.
Von dem Redner des Zentrums in der Kommission wurde gesagt, der erste Zweck der Jnvalidm-, Mters- und Hinterbliebenenversicherung sei die Gewährung von Renten, und erst an zweiter Stelle komme das Heilverfahren. Würden bei ben Ausgaben für letzteren Zweck die Renten gefährdet, dann müsse in den Ausgaben für Heilverfahren mehr Vorsicht walten Das ist doch so logisch, wie zwei mal zwei vier ist. Und weil es dem „Genossen" Molkenbuhr in der Kommission nicht gelang, die Berechnung des Ge. heimra^s Beckmann als irrtümlich nachzuweffen, blieb gar nichts anderes übrig, als dem Reichsversicherungsamt bestimmte Vollmachten zu geben, um gegebenenfalls mit Erfolg eingreifen zu können. Uebrigens wurde auch vom Zenttum entschieden gefordert, daß jetzt nicht das Heilverfahren selbst unnötig eilige- schränkt werde. Der Ministerialdirtttor Caspar sagte denn auch besttmmt zu, daß von der beschlossenen> Be- „
ftimmung, also der eventuellen Untersagung von Aus- bäuQe roütbe aI8 Heilanstalt ober Genesungs- gaben über 7 Prozent der Einnahmen für Heilverfah- . . Heamte eingerichtet werben, bestängt ren, nur unter den zwingendsten Gründen, msonder- 1
heit soweit Luxusausgaben beim Bau von Heilan- ft-y maji. Die neue
ft«pn in Frage kommen, Gebrauch gemacht werden ! die von der
Die Aufregung ber sozialdemokratischen Presse Firma Buchheim & Heister, Kassel, aus Essen- ließe sich noch halbwegs verstehen, wenn etwa einem beton anstelle der am 4. Februar 1-09 vom preußischen Minister die besagte Vollmacht gegeben Hochwasser zerstörten Stelnbrücke erbaut wäre Das Reichsvessicherungsamt aber genießt doch wurde, ist fertiggestellt unb heule dem Berlehr gerade bei den Sozialdemokraten derart viel Ver- Vergeben worden. Die neue breite Brücke mit trauen, daß sie im Reichstag sozusagen bei jeder Pas- D » Gehbahnen unb mit ihren aus Kunst-
senden und unpassenden Gelegenheit sein Lob singen, ' - f)etqefjeU,ett Brüstungen unb Pfeffern
weil es im ganzen genommen so arbestessreunblich sei I I | Stadt. Die hölzerne Slot- Diese Belobigung des Reichsversicherungsamtes bildet eine öteioe
durch die Herren „Genossen" geht derart weit, daß brücke wird fetzt abgebrochen.
beispielsweise der sozialdemokratische Abgeordnete Schmidt (Berlin) in der Versicherungskommission einem Zeutrumsabgeordneten entgegentrat, als er durch einen entsprechenden Antrag die Unabhängigkeit der Rechtsprechung des Reichsvessicherungsamtes mehr wie bisher sichern wollte. „Dieses Mißtrauen gegen bie provisorischen Senatsvorsitzenden des Reichsver- sichemngsamts, das in dem Anträge des Zentrumsabgeordneten ausgedrückt ist, ist unberechtigt", meinte Herr Schmidt unter der Zustimmung der zwei andern sozialdemokratischen Kommiflionsmitglieder. Nun auf einmal tun die „Genossen" so, als wenn das Reichs- Versicherungsamt von der ihm gegebenen, besprochenen Vollmacht zum Schaden der .Versicherten Gebrauch machen könnte. Diese Unehttichkeft geht Wittlich über das Bohnenlied unb kennzeichnet zur Genüge die Antizentrumstendenz de? Artikels der sozialdemokratischen Patteipresse.
Den Rekord in ber Verdächtigung des Zentrums
Unter diesem Schlagwort brachte die gesamte so- zialdemokrattsche Presse in den letzten Tagen wieder einmal einen wutschnaubenden Artikel gegen das Zentrum, der an Verlogenheit und Niedertracht kaum noch überboten werden kann. Und um was handelt es sich? In der Kommission zur Beratung der Reichsversiche- rungsordnung hat bas Zentrum einem konservativen Antrag zu gestimmt, nach welchem die Landesverstche- rungsanstalten, die Träger ber Invaliden-, Alters- und Hinterbliebenenversicherung der Arbeiter, die Ge- nehmigung des ReichsverstcherungsamteS haben müssen wenn sie mehr als 7 Prozent ihrer Einnahmen für Zwecke des Heilverfahrens der Versicherten (in Lungenhellanstalten usw.) ausgeben wollen. Unb wie kam das Zentrum zu diesem Beschluß?
Rach den versicherungsmathematischen Ausführungen eines Geheimrats aus dem Reichsamt des Innern ist in einigen Landesversicherungsanstalten bie Kapitaldeckung der Invaliden- und Altersrenten, zu denen in Zukunft noch die Witwen- und Waisenrenten kommen, auf die Dauer gefährdet, wenn in dem bisherigen Maße die Gelder, die aus den Beiträgen der Arbeiter unb Arbeitgeber kommen (Klebematten), für Zwecke des Heilverfahrens aus- gegeben toerben. Es gibt Versicherungsanstalten, welche Heilanstalten, z. B Lungenheilstätten, in übermäßig kostspieliger Weise ausgestattet haben. So angenehm es ja auch ist, wenn die Heilstätten möglichst komfortabel einserichtet sind, so darf darunter doch nicht die Sicherheit leiden, einstens die Renten auszahlen zu können. Bei den Berechnungen für die späteren Rentenzahlungen — je länget geklebt wird, je höher werden die Renten, obschon die Beiträge gleich blei« ben — sind aber die Zinsen der Kapitalansammlungen ber Versicherungsanstalten mit in Rücksicht gezogen worden. Es muß also, um spater bie enlspre- chenben Zinsen zu bekommen, Kapital angefammelt