Einzelbild herunterladen
 
  

Zeitung

" fuldaer

Verlangen^ ab. Darauf fand eine Protestversammlung unter dem Schild des evangelischen Bundes statt. Nunmehr sind infolge der Hetze 35 Personen aus der " ' . — Nebenbei

Klage darüber zu, daß über den Tag der Em- berufung des Landtages ihnen erst in letzter Stunde Mitteilung gemacht werde. Der Abg. Wallen­born hat am 30. Aprü d. I. im Abgeordneten­haus« bei der Beratung des Etats des Hauses der Abgeordneten die dringende Bitte ausgesprochen, daß eine zeitige und offizielle Mitteilung darüber erfolge. Es sei nicht sehr rücksichtsvoll, daß jetzt die Abgeordneten eifrig die Zeitungen nachschlagen müßten, um daraus zu ersehen, wann sie wohl nach Berlin fahren müßten; es sei noch weniger rücksichtsvoll, daß die spüle Benachrichtigung die zahlreichen Abgeordneten, welche im praktischen Leben stehen und genötigt sind, für die Zeit ihrer Abwesenheit Dispositionen zu treffen, leicht in Schwierigkeiten bring'. Die allzu berechtigte Be­schwerde scheint bis jetzt wenig gefruchtet zu haben, denn bis zum 12. d. M. wenigstens war den Abgeordneten die amtliche Einladung noch nicht zugeganam.

-i. Der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Bruhn, der im letzten Seflionsabschnitt keiner Fraktion an­gehörte, ist nach feiner Freisprechung wieder der Deutschen Reformpartei beigetreten, der et bereits früher angehört hat. Die Deutsche Reformpartei besteht nunmehr aus vier Mitgliedern.

— Aus der evangelischen Landeskirche sind in Sagan in Schlesien 35 Personen au8 getreten. Die dortige protestantische Geistlichkeit hatte den An­trag gestellt, er möge in die Friedhofsordnung eine Bestimmung ausgenommen werden, ivonach es ver­boten ist, daß Laien bei Beerdigungen Reden hal­ten. Die Stadtverordneten lehnten dieses „Intolerante

-ruck und Verlag der Zuldaer Actiendruckerei in tulta

fessionellen Friedhof. Da mögen die evan­gelischen Bundesbrüder in Zukunst sich in Acht neh­men mit chren Vorwürfen gegen die Unduldsamkeit

Statuts die körperliche Bestrafwig zweier Sträflinge an. Zum Protest schnitten sich drei Sträflinge die Pulsadern auf, drei andere, unter ihnen Ssa>anost, nahmen Morphium. Ssasanofi ist gestorben. Fast alle polittschen Gefangenen verlangten die Aenderung der Bestimmungen über die körperliche Züchtigung und andere Erleichterungen des GefängniSstattits und br- schlosien, zur Durchsetzung ihrer Forderungen in den Hungerstteik zu treten. Als ein Sträfling in Wologda jedock in verschärfte Hast gesetzt wurde, leisteten seine Abteilungsgenoffm den Aufsehern Widerstand. Sie verursachten Lärm und schlugen die Türen ein. Jn- folgedesien wurden 59 Sträflinge auf Veranlassung des Gefängnisinspektors mit Ruten gezüchtigt. Der Justizminister hat zur Feststellung des Tatbestandes eine strenge Untersuchung eingelcitet.

M 288.

$rdN d«n (6. v«r-mb« »91».

57 Jahrgang.

Deutscher Keich.

4- Wann wird der Landtag einberufen? Aus Abgeordneten-Kreisen geht uns eine bittere

Ausland.

** Die englischen Wahlen - ein toteS Rennen. Mt entsetzlicher Einförmigkeit setzten sich dieser ^.age die englischen Wahlen fort; der Sportsmann wurde sagen, eine Segelregatta ohne Wind spiele sich ab. Die beiden Konkurrenten haben möglichst viel Lein­wand gehißt, keiner aber gewinnt entscheidenden Vor­teil. Von Zeit zu Zeit rückt einer einige Meter über den anderen hinaus vor, aber einige Minuten später ist das wieder ausgeglichen, und beide segeln Bord an Bord. DaS Publikum ist der Sache bereits über- drüfstg und erwartet ungeduldig das Ende des unin- tereffanten Schauspiels. Nach den oorltegenden Teil- refultatcn ist festzustellen, daß die liberalen Mehrhei­ten in Nordengland und in den Londoner Wahlkrei­sen leicht geftiegen sind und daß die Unionisten und Tarifreformer in Lancashire und Cheshire, die bisher als liberale, steihändlerifche Domänen galten, bedeu­tende Fortschritte gemacht haben — In einem gro­ßen Leitartikel deutet die konservative „Morning P ost" die Möglichkeit an, daß sich die Anhänger der Tanfteform von der unionistischen Partei trennen. Sie hätten nichts gegen die alte britische Verfassung, ge­gen die Balfour mit dem Vorschlag der Einführung des Referendums unbewußt seinen Schlag gettchtet habe Das liberale Blatt „Daily News" schreibt, Balfour habein einer Rede in Dartford seine Nie­derlage zu gegeben und sich darein gefunden, daß das nächste Parlament die Vetobill annehmen werde. Viel­leicht sei er bereit, zu erklären, daß er die Bill auf­heben werde, sobald er wieder zur Macht gelange, niemals aber würde er hierzu die Genehmigung der Natton erhalten. Der konservative «Daily Tele­graph' begrüßt das Versprechen Balfours, der An­nahme der Vetobill einen langen, entschlossenen Wi- berftanb entgegenzusetzen.

** Die ausgesperrten englischen Kessel! chunede haben mit 13 715 gegen 1290 Stimmen beschlossen, die in einer kürzlich in Edinburgh abgehaltenen Ver­sammlung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern vereinbarten Bedingungen anzunehmen. Infolgedes­sen wird die Arbeit auf den Werften Donnerstag früh wieder aufgenommen

** Politik im Londoner Gerichtssaal. Bei den Wahlen im Januar kandidierte der Unionist Percy Coleman Simmons, Aldermann im County Coun­cil, in einem Wahlkreis in Ostlondon, allerdings ohne Erfolg. Während der Wahlkampagne hatte das liberale „Daily Chronicle" die Behauptung ausgestellt, daß Simmons dreimal gegen die Spei­sung armer Kinder gestimmt, und daß er mitgeholfen habe, dreitausend Männern ihre Arbeit zu nehmen. Wegen dieser Behauptungen klagte Simmons. Bon der Verteidigung wurde erklärt, daß diese Sätze nicht beleidigend seien; außerdem konnte die Rrch- iigkeit der Behauptungen nachgewiesen werden. Der Richter Grantham hingegen betonte, es fei not­wendig , die Wahlkampagne von der Benutzung solcher Mittel rein zu halten und meinte, man könne, ohne zu beleidigen, sagen, daß die Leitung der Wahlen in die Hände der ungebildeten Klaffen geraten seien. Die Verhandlung endete damit, daß die Geschworenen dem Kläger Schaden­ersatz zubilligten. Das „Daily Chronicle" wurde zu 100 000 Mark Geldstrafe verurteilt.

** Ein weiterer Schritt zur Vergewaltigung Finn­lands. Die Kommission der Reichsduma für Ge­setzvorlagen hat die Vorlage über die Gleichberech­tigung Finnlands und der finnischen Bürger mit den übrigen russischen Untertanen mit einigen Aendemn- gen angenommen, darunter die Gleichberechtigung der Absolventen der Schulen des Reichs und der Finn­lands sowie die Bestrafung für mündliche und schrift­liche Aufreizung gegen das neue Gesetz. Die Vertreter der Opposition hatten erklärt, die Vorlage sei verfas­sungswidrig, und hatten bann bei der Spezialdebatte die Sitzung verlassen Ein Vorschlag, die Rechtsbe­schränkungen für die Juden in Finnland aufzuheben, wurde abgelehnt. .

** Körperliche Züchtigungen m russischen Gelang- niffen. Zu den Zeitungsmelduugen über die Miß­handlung von Sträflingen in den Gefängnissen von Serentui und Wologda wird amtlich mitgeteilt: Die Gefängnisverwaltung erhielt die Nachricht, daß die rebolutionären Organisationen große Geldsummen aufbieten zur Ermöglichung einer Massenflucht der politischen Sträflinge. Am 10. November ordnete der Chef des Gesängniffes in Serentui auf Grund des

Je? Frankreich und die Reichs» kanzlerrede.

Erst war die ftonzösische Presse verschnupft über Die Mitteilungen des deutschen Kanzlers, besonders über die deutsch russische Verständigung. Jetzt aber macht sie gut: Miene zum bösen Spiel und dazu hat offenbar die Regierung den Wink gegeben. Hebet- Haupt zeichnet sich ja die französische Presse dadurch auS^ daß sie bei hochpolitischen (Srörterungen Weni­ger Jon Eigensinn und Parteiinteressen sich leiten läßt, als vielmehr von dem Bestreben, die jeweilige Aktion ihrer Regierung zu unterstützen.

Der Minister des Auswärtigen, Herr Pichon, soll nach einem Berichte des „Watin" gegenüber einen Abgeordneten erklärt haben: „Was zum Nutzen un­seres Verbündeten (Rußland) geschieht, kann nicht gegen uns sein; ebensowenig wird die Verfolgung un­seres Vorteiles Rußland zum Schaden gereichen. Die Bande, die Rußland und Frankreich vereinigen, sind nicht aus Selbstsucht oder Streitlust gewoben. . . : die russische Regierung ist mehr als je entschlossen, lernen Wechsel in ihrer auf dem Bündnis mit Frankreich be­ruhenden Politik eintreten zu lassen."

Dagegen brauchen wir nichts einzutvenden. Die deutsche Polittk konnte natürlich nicht erwarten, daß Rußland das alte Bundesverhältnis zu Frankreich löse Unser Wunsch kann nut darauf gerichtet fein, daß die beiden Verbündeten in den Bahnen der Friedlichkeit bleiben. Ob „Selbstsucht und Streitlust" nicht schon einmal bei der Begründung oder in der früheren Haltung des Zmeibundes eine Rolle gespielt haben, kann man dahin gestellt fein lassen, da Frankreich bereits seit einigen Jahren und Rußland feit dem Rücktritt Jswolskh's Beweise von Friedensliebe gegeben haben. Die Befürchtung, daß der Zweibund einen Revanchekrieg, gegen Deutschland zu:n Ziele habe, ist bekanntlich weit in den Hinter­grund getreten, nachdem sich in der großen Krisis we­gen der Einverleibung Bosniens gezeigt hat, daß die Heiden Mächte keine ernste Kraftprobe riskierten — selbst unter der Rückenstärkung durch England nicht.

Weniger einwandfrei als die erwähnten Aeuße- rungen Pichon's sind weitere Betrachtungen des „Mo­tin", die sich als offiziös hinstellen wollen. Darin wird die Sache so „gedreht", als ob es Deutsch­land fei, das durch die Garantie für den gegenwär­tigen Zustand auf dem Balkan ein großes Zugeständ­nis gemacht habe. Umgekehrt würde eher ein Schuh daraus. Deutschland war längst vor Potsdam für die Erhaltung der bestehenden Besitze und Machtver- hältniffe im Interesse des Friedens. Wenn Deutsch­land an Oesterreich's Seite getreten ist, als diese Macht die formale Regelung der staatsrechtlichen Ver­hältnisse von Bosnien und der Herzegowina für not­wendig hielt, so war das fein Verstoß gegen die er­haltenden und friedliebnden Grundsätze. In der Sache felbst wurde durch den österreichischen Schritt an dem Status quo nichts geändert. Auch Rußland hatte keinen stichhaltigen Grund zur Klage, da der dau­ernde Bestand der österreichischen Herrschaft über die okkupierten Povinzen mit den russischen Staats­männern längst vereinbart war und die russische Re­gierung ebenso gut wie alle verständigen Politiker Europas mit der unlösbaren Verbindung von Bos­nien und der Herzegowina mit der habsburgischen Monachie gerechnet hatten. Im übrigen ist diese Frage durch die Revision des Verttages von 1878 abgetan, und fortan handelt es sich um die Erhaltung des­jenigen Zustandes, der nunmehr tatsächlich und unter allgemeiner Anerkennung auf dem Balkan be­steht. Es freut uns, wenn diesem Grundsatz sich fort­an auch solche Mächte anschließen, die f Zt. in Re­val eine gründliche Umwälzung der Macht- und Be­sitzverhältnisse erstrebten.

Der Zwischenfall von A g a d i r, der die Bezieh­ungen zwischen Paris und Berlin eine Zeitlang als gespannt erscheinen ließ, ist ja nun ausgeräumt. Hof­fentlich gibt es in Marokko keine neuen Zweifel ober Jnteresfenkonflikte. Unter dieser Voraussetzung soll Frankreich uns willkommen fein, wenn es ange­sichts der.Potsdamer Begegnung sagt: „Ich fei, ge­währt mir die Bitte, in Eurer Entente der Dritte."

der elsässischen Katholiken, bei denen es sich doch um rein katholische Friedhöfe handelt.

0 Der elsaß-lothringischen Bersassungsfrage stellen sich wiederum Schwierigkeiten entgegen. Der Bun- desratscmsschuß hat am Montag und Dienstag sehr ausgedehnte Beratungen abgehalten. Es wird be­hauptet, es seien neue Schwierigkeiten erwachsen durch die sächsischen Anträge. In Straßburg soll die Auffassung bestehen, daß die Anträge Sachsens zur Verfaffungsreform, die derselben Schwierigkeiten bereiten, hervorgegangen sind aus dem bereits Jahr­hunderte dauernden Streit zwischen den Dynastien Wettin und Hohenzollern. Sachsen glaube nämlich, daß die Stellung des preußischen Königs durch die Vorlage der Regierung auf Kosten der verbündeten Regierungen gestärkt werde. Der Entwurf soll daher deutlich ausdrücken, daß der Kaiser nur Mandatar der verbündeten Regierungen ist. — Näheres darüber bleibt abzuwarten. Sicher ist, daß die elsaß- lothringifche Frage längst gelöst wäre, wenn ihre Lösung nicht das preußische Uebergewicht im Bun­desrate noch mehr verstärken würde.

)( Tie liberale Jagd auf konservative Wahlkreise wird jetzt, nachdem man in Labiau-Wehlau so gut abgeschnitten hat, systematisch betrieben. So liest man in liberalen Blättern: Lyck-Oletzko ist fort, Labiau-Wehlau ist hin; ja, wenn solche tonfervatioe „Hochburgen" fallen, ist Dann noch Milttsch-Trebnitz sicher? So fragt sich Herr v. Heydebrand, der konservative Führer, sorgenvoll, und er hat guten Grund zu der Frage, da Militsch-Trebnitz sein eigener Wahlkreis ist. Er ist 1903 mit 8603 Stimmen gerräh't worden, während der freisinnige Kandidat nur 3323 und der Pole 2482 erhielt; der Sozial­demokrat brachte es damals sogar nur auf 1372 Stimmen. Herr v. Heydebrand erhielt also 1903 von sämtlichen gegebenen Stimmen 54,5 Prozent und im Jahre 1907 sogar 62,2 Prozent. AVer man hofft und will den Kreis in Angriff nehmen. Den Wahlkreis Neidenburg in Ostpreußen glaubt man schon halbwegs in Händen zu haben. Der liberale Bauernbund hat dort eine große Versamm­lung abgehalten. Die Konservativen haben aber in richtiger Würdigung der Bedeutung dieses Kreises gleich Dr. Diedrich Hahn hingeschickt.

vottswirtschafMches und Soziales.

* Zur katholischen MStzigkeitsbewegung wird uns geschrieben: Wenn man bis jetzt aus katholischer Seite von Rückstündigkeit auf dem Gebiete der Antialkoholbewegung sprechen konnte, so scheint das glücklicherweise bald anders zu werden. Ja, auf einem Gebiete bat der Kalh. Mäßigkeitsbund Deutschlands E. D. m Trier die nrchikathollschen alkoholgegnerifchen Vereine schon jetzt übertroffen, nämlich auf dein Gebiete der Organisation der Jugend. Denn während das Blaue Kreuz im ganzen 7i O0 Kinder in seinem Hoffnungsbund zählt und der Guttemplerorden in seinen deutschen Jttgendlogen 16000 Mitglieder vereinigt, zählen die Mitglieder des Schutzengelbundes schon 30000. In der Tat findet die Arbeit des Kathol. Mäßigkeils­bundes auf diesem Gebiete immer größere An­erkennung, vor allem auch das Jntereffs aller Volks- und Jugenderzieher. Soeben erscheint als erste Kinderzeitfchrift auf katholischer Sette mit alkoholgegnerischem Charakter das hübsch! illustrierte MonatSblättchen »Frisch vom Quell", von dem jede Nummer nur 1 Pfennig kostet. Den Namen hat ihm kein Geringerer als der bekannte Kindersreund und Apostel der Freude Bischof von Keppler in Rottenburg ge-; geben, der auch in der ersten Nummer selbst daS Wort ergreift, um das neue Blatt bei der Kinder- weit einzuführen, lieber den Schutzengelbund orientiert ein Auskunftsblatt, das von der Ge­schäftsstelle des Kath. Mäßigkeitsbundes Deutsch­lands in Trrer, Speestraße 16, auf Wunsch kostenlos versandt wird. Regelmäßige Berichte über den Bund wie überhaupt über die katholft Mäßigkeitsbewegmtg bringt die Monatsschrift „Der Morgen" (Preis jährlich 2 Mk.), die mit der Jahreswende in neuer Ausstattung erscheint und das Jugendblatt „Frisch vom Quell" als Beilage führt.

SC. Der Abzug vom Lande. Es ist leider eine traurige Tatsache, daß alljährlich Tausende Be­wohner des Landes von dort fortziehen und sich den Städten und der Industrie zuwenden, einer; zweifelhaften Zukunft entgegen. Denn wer von den Abwanderern weiß, welches Los hier seiner harrt, ob die Vorteile, die er in der Stadt gegen­über dem Lause erwartet, auch eintreten werden? Oder folltr nicht diese Hoffnung überhaupt eine trügerische fein? Man lese nach dieser Richtung, was die sozialdemokratische „Leipziger Volkszeitung^', allerdings dick aufgetragen, in einem Artikel „Die Entvölkerung des flachen Landes und die Aufgaben der Sozialdemokratie" aussührt. Es heißt hier:

Wie viele von jenen anderthalb Hunderttausend pommerischer Landbewohner sind in ihrer Hoffnung, in der Stadt, das Stück Brot zu finden, betrogen worden? Wie viele sind verkommen und verdorben, zermalmt im unerbittlichen Prozesse der kapitalistischen Umroäüuna? Wie viele von ihnen füllen heute die Asyle für "Obdachlose, die Zuchthäuser, die Laster­höhlen? Denn für den Tagelöhner und Kleinbauern, dm der Malstrom der lapitaliftischen Entwickelung von der Scholle reißt, ist die Gefahr riesengroß. Dte Menschen werden entwurzelt, in eine neue Welt ge­schleudert. Aus der Stille des abgeschiedenen Dorfes, wo alles feinen langsamen Gang geht, rote noch zu der Großväter Zeiten, wo für den einzelnen daS täg

evangelischen Landeskirche ausgetreten.

bemerkt, handelt es sich hier um einen int ertön-

Ein gefährlicher Geheimnis.

62] Roman in zwei Bänden von Charles Re ade.

„Wie könnte ich ertragen, daß Du Deine Zukunft für mich zum Opfer brächtest", sagte sie.

„WaS wäre meine Liebe wert, wenn ich vor einem Opfer zurückschreckte?" entgegnete Walter. „Im Ge­genteil; es kommt mir vor, als würde es mir mehr Vergnügen als Schmerz bereiten, wenn ich Freunde, Verwandte, Hoffnungen, alles, was das Leben schmückt und verschönt, für Dich aufgeb en dürste."

„Dasselbe würde auch bei mir der Fall fein, Ge­liebter!" rief Mary. „Und wir Frauen haben zuwei­len Ahnungen — eine innere Stimme sagt mir, daß das Schicksal uns, Dir wie mir, große Prüfungen auf­bewahrt. Ja, Du hast recht, das einzige richtige Maß für die Stärke der Liebe ist der Opfermut — und wenn ttun einmal Opfer gebracht werden müssen, so laß sie mir zufalleu, teurer Walter! Ich kann mir nicht denken, daß irgend ein Mann eine Frau fo tief und innig zu lieben vermag, wie ich Dich liebe."

Walter hatte gerade nur Zeit, ihre Stirne an feine Brust zu drücken, wobei ihre Arme feinen Hals um­schlangen, als eine andere, im Vergleich zu der ihrigen Gewöhnlichere Liebe herbeikam.

Julia Clifford und Percy bettatm, sich sechs Fuß boneinander entfernt haltend, den Schauplatz. Er hatte Ich ohne Walters Beihülfe von ihren Schürzenbändern p>S gemacht

„Ah, ihr beide seid gescheiter al8 wir, und eS tut Mir leid, Euch ftßren zu müssen", begann Julia. Aber man läßt uns nicht die Grubm bettetm, ohne einen Erlaubnisschein von Mr. Hope. Er scheint hier Kö- Zttg und Herr zu sein. Trotzdem habm wir jedoch Misere Zeit nicht vergeudet, benn Perm hat ans dem Ganzen Hin- und Rückwege mit mir gezcmtt '

„O, Mr. Fitzroy!" rief Mary.

.Miß Bartley, ich z—anke niemals!" rief Percy W achtungsvollstem Tone. „Ich unterfch—cibe nur GSvischen Recht und Unrecht. Sie soll« selbst richten. Fch gab Julia daS Diamantarmband, welches fett Dmge in unserer Familie fortecbt Ei, erwies mir

die Ehre, eS anzunehmen und sagte, sie würde es nie­mals, weder bei Tag noch bei Nacht, oblegen.'

„DaS habe ich nie versprochen!" rief Julia. „Das würde ja meine ganze Blutzirkulation hindern, denn es ist mir viel zu eng. Ihre Vorfahrm müssen wahre Zwerge getoefen fein!"

Percy richtete sich in feiner ganzen Höhe auf, um diese Voraussetzung zurückzuweisen.

„ES waren Riesen in Kettenpanzern!" rief er.

„Die Damm auch?" fragte Julia, ohne einen Mo­ment zu zögern. „Die Damm auch? Oder trugen in Ihrer Familie etwa die Ritter Armbänder?"

Irgend ein französischer Schriftsteller schreibt: „Die Zunge eines Weibes ist wie ein scharfes Schwert." Percy Fitzroy erkannte jetzt die Wahrheit dieses Aus- fpruchS. Er vermochte aus biefen plötzlichen Ausfall nicht gleich zu antworten, sondern stand zitternd und bebend da, als sei ihm ein blanker Stoßdegen mitten durch ben Leib gefahren.

Mary war zu gutmütig, ihm ins Gesicht zu la- chm, und wandte sich ab, um ihr Kichern zu her­bergen.

Endlich hatte Percy seine Fassung wiedergewon- nm und sagte:

„Sie haben daS Armband jedenfalls weiter ver­schenkt."

JD, Sie schlechter, mißtrauischer Mensch, Sie, der seiner ganz« Natur nach gar nicht eifersüchtig sein kann!"

Wer diesmal fand sich Percy besser gerüstet, und er halt« nicht ganz unrecht, wenn er meinte: Belei­digung« feien keine Gründe, ste solle nur das Arm­band vorzeigen.

.Das will ich auch, lassen Sie mir nrn Zeit", er- widerte Julia stolz.

Jo, wenn es nur eine Zettftage ist, fe läßt sich weiter nichts dmüber sag«", bemerkte Perry. .Sie »erben mtt der Zett d°S AmckxmL mieberftebea und ich ©erbe dann baS Vertrau« i-l Sie wiedrrgwmum. da, mich veWÜchtr, Ztz«, meinem catea Ich, jene kostbare Fsnüimrettouie an bet

ich mehr h&iac. ds «m jedes anderes Se^sstsnd die- per Art". Datei

i wie umgewandelt schien, mit steifer Würde und dem ! Ausdrucke eines unerschütterlichen Entschlusses, und ging davon

Weder Julia noch Mary hatten ihn je so gesehen. Julia war außer sich.

„O Mary, warum habe ich Ihnen baS Armband geliehen."

Mary wußte wohl, wo sich dasselbe gegenwärtig befand, aber sie fdjämte sich, es zu fagm.

.Sie wissen, liebste Julia, daß es zu klein und mein Arm stärker ist als der Ihrige, stammelte sie.

„So ist es wohl zerbrochen!" rief Julie.

Mary wurde rot bis unter die Augen.

„Ja, aber ich werde eS gleich ausbessern lassen", fuhr sie hastig fort „Morgen spätestens sollen Sie es wieder haben."

„Ich werde mich bis dahin sehr unglücklich füh. len', entgegnete Julia. „Sie Begreifen, woran mir jetzt vor allem lieg« muß."

.Sain verletztes Gefühl zu beschwichttgm."

„Sein verletztes Gefühl zu beschwichttgm!" rief Julia. „3hm, wer beschwichtigt denn das meinige? Nein, das einzige, wonach ich verlange, ist, ihm baS Armbanb vor die Füße zu werfen. Seine Seele ist so klein wie seine Gestalt Er ist kleinlich miß­trauisch, eifersüchtig, und ich bin sehr floh, ihn los zu sein!" Dabei glühten ihre Wang«: sie schi« sechs Fuß hoch, und begann erst »u weinen, nachdem sie außer Gesichtswette btt Beiden war.

Und nun kam die Wahrheit an den Tag. Mary hatte im Rcmfche ihres Glücke- das Armband ht dem Gafchause an den Seen liegen lassen. Sie sagte cs Wrckter.

.DaS $ ein schlimmer Fall; Du wirst eS nie tote» derbekonmmn", entgegnete er.

^0 doch, doch; die Sorte sind ehrlich, und ich habe ihn« ^eich damals geschrieben, sie möchten e- an sich nebm« und aufberoasren, bi- sich eine ©eiigci» hctt fände, eS mir zu schicken."

Wetter überlegte ein« LugenWck.

„JBcua ich Dir raten soll", sagte er tarn, .s» er­laubst Du mir, heute nachmittag httrüber -» reticr, vsa d M Hai«/

„O, bitte, tue das!" rief Mary. .Tausend Dank! das wird das Allerbeste sein."

In diesem Moment erschalltm draußen laute är­gerliche Stimmen, die um die Ecke deS Hauses zu fommen schienen, und Mary brach in einen Schre­ckensschrei aus und klammerte sich an Walters Schul­ter, berat sie hatte bie beiben Stimmen sofort er­kannt.

„Ach, Walter, e8 ist Dein und mein Vater, die sich mit einander streiten. Welcher unglückliche Zufall hat sie zusammengeführt! Was soll« wir tun?"

.Uns in Hope's Werkstätte verstecken!" rief et. „Die Glastür steht offm!"

.Schnell denn!" rief Mary und war im Augen- blicke hinein. Matter folgte ihr

MS sie sich beide in Sicherheit befanden, fing Mary an zu klagen.

.Das kommt von der Heimlichkeit", sagte sie. „Wtt müssm uns immer in Löchern und Ecken verbergen."

.In ®einer Gesellschaft habe ich gor nicht so bid dagegen", erwiderte Walter.

Darauf, toaS hinter der Szene zwischen Bartley und Oberst Clifford borgegangm, kommt wenig an; daS, toaS die jungen Leute noch davon hörten, war ein regelrechter Zank. Bartley, der sonst mit ziem- lich öliger Stimme sprach, schrie i» ben höchsten Tö- nen:

.Sie find doch kein Kind! Ich dächte, Sie wärm aß genug, um eine Schrift zu les«, ehe Sie dieselbe unterschreiben."

.Ich bin alt, aber ht Ehren aR geworden!" schrie der Oberst bagegen. .Ich konnte nicht ahnen, daß ein rechtlicher Geschäftsmann in bat Pachckontrakt einen PisssuS ernschmuggeln würde, bet ibn zum Eigentümer der unter bet ObÄLche der Erde verborgenen Schütz« macht DcS ist Betrug, Sir, gemeiner Betrug. Mein Advokat soll Ihnen dar morgen Ear machen. Ihre Schornsteine überziehm die ganze iScgtnb mit Rauch. Sie sollen das unrechtmäßig gewonnene Gut wieder heraus geben. Ich »erbe Sie schon aus meinen Bo- sitzung« ferfbringm und sollte ich Sie selber aus dm Eingeweide« der Erd« herauLzrehm. Sie find ein Betägtr und em Schurke." (Forts, folgt)