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uldaerWZeitung

Derantw. Kebeto«

mmi-Millar«! „Fuldaer GeschlchkblAter"

37. Jahrgang

Fulda, Freitag den 9. Dezember 1910

Erstes Blatt

M 282.

Anzelgt«: Die ein­spaltige Petitzeile oder deren Baum (5 Pfg. UeNamendiepetltzeile

Pfg., bei wieder, holnngen wird entspr.

Babati gewährt.

Bolatlonrdruckund Verlag brr Fuldaer Ak» tienbrnSrrei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.

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Richtig ist das ja schon, aber ein Sozialist sollte doch so etwas nicht sagen!

4- Konservative und Christlich Soziale int Wahl­kreise Wchlar-Altenkirchen. Der.Reichsbote' gibt im „Briefkasten" folgende Auskunft:

„Die Ausstellung einer konservativen Kandidatur im Kreise Wetzlar gegenüber der Kandidatur des Herrn s^ranz Behrens, des jetzigen Bertieters des Kreises im Reichstage, ist lediglich das Werk der Konservativen des Wahlkreises, in Berlin ist man daran unbeteiligt. ES wäre sehr zu wünschen, daß die Konservativen im Kreise zugunsten des Herrn Behrens auf die eigene Kandidatur verzichteten; das würde in christ- lich/sozialen Kreisen eine» guten Eindruck machen und verhüten, daß der Wahlkreis schließlich in der Stich­wahl den Liberalen oder den Sozialdemokraten zu- fallen würde."

* Ter Ausschuß des dentscheir Handels- tages, der am 7. unv 8. Dezember in Berlin zu einer Sitzung zusammenirat, hat sich neben anderen Beratungsgegenständen auch mit der Frage der Erhebung oonSchifsahrtsabgaben befaßt. Mit dem Berichterstatter Knecht (Mann- heim) stellten sich viele Mitglieder auf den Stand­punkt, daß die Erhebung von Schiffahrtsabgaben auf natürlichen Wasserstraßen grundsätzlich abzu­lehnen sei und der vorliegende Entwurf eine scharfe Verurteilung verdiene. Vertreter der Handelskammern zu Berlin, Hamburg, Köln und aus Bayern und Württemberg betonten^den- gegenüber, daß es zwar beffer sei, ohne Schiff­fahrtsabgaben auszukommen, daß man ihrer Ein­führung jedoch zustimmen könne, wenn dadurch erhebliche Verbesserungen und dringende Bedürf­nisse des Wasserstraßennetzes erreicht würden. Der Ausschuß hielt seinen früheren ablehnen­den Standpunkt gegenüber Schiffahrtsabgaben auf natürlichen Wasserstraßen aufrecht, sprach sich jedoch dafür aus, daß der deutsche Handels­tag Anträge zur Verbesserung des vorliegenden Gesetzentwurfes stelle.

-z- Der dritte Band von .Bismarcks Erinnerungen". Die »Frankfurter Ztg/ bringt einen Aufsatz, in der die schleunige Veröffentlichung des 3. Bandes der „Gedanken und Erinnerungen des Fürsten Bismarck" verlangt wird. Sie beschwert sich darüber, daß der wichtigste Teil der Erinnerungen des ersten Kanzlers dem Volke vorenthalten werde, während die Memoiren des zweiten Kanzlers seit Jahren ver­öffentlicht worden seien. — Die »Deutsche Tagesztg.' bemerkt dazu:

«rschestlk täglich mit Lmuahme der Sou» ,nd Feiertage, viertel, jährlicher vezugrpreir ohne vrlngerlohn und LcptLgckd l« Fulda so» wleaJwwärtsl-WM

1.v.i A wetzkerr

3 lVod)enbtitoge: „Illustrierte SOMstagMtUNg

abgelehnt.

* Religionsseindlichkeit der Sozialdemokratie. Das Hauptorgan der belgischen Sozias demokratie, „ße Peupla", nimmt Stellung zu einer durchaus inneren Angelegenheit der katho­lischen Kirche, zum Kommuniondekret des Papstes, und fordert Vie Eltern auf, ihre Kinder statt in die Kirche zu den „rationalistischen Gruppen", d. h. zu den „fanatischen, unduldsamen Pfaffen des sogen. Freidenkertums" zu schicken, „wo man glänzende bürgerliche Erstkommunion veranstalten wird". Interessant ist übrigens die Meinungs­äußerung des Antwerpener „Malin", hierzu, eines Blattes der liberalen Richtung HymanS, deren Wortführer soeben noch in der Kammer das Zusammengehen mit den Sozialdemokraten proklamiert hat. Der „Matin" hat sich schon früher gegen die Freidenker ausgesprochen, da fit nicht etwa die Freiheit des Denkens überhaupt, sondern nur die Freiheit für ihre Art zu den­ken beanspruchen; jetzt antwortet das Blatt dem Kartellorgan:

„Eine zivile Erstkommunion ist ein Un­sinn, buchstäblich und dem Geiste nach, und die ver­ständigen Freidenker wollen von solch einer Manifesta­tion nichts wißen."

Aehnlich ist er ja auch mit der „Taufe", welche die Freidenker eingeführt haben.

** Lärmszeuen In der türkischen Kammer. Während der Adreßdebatte in der türkischen Kammer be« schimpfte» sich der griechische Abgeordnete BoszioS und der Minister des Innern Lataat: „Hahnrei, Schurke usw." Sie wurden beinahe handgemeim. Nach beispiellosen Lärmszenen nahmen die beide« ' gegenseitig die beleidigenden Worte zurück. Es ver­lautet, daß der Kriegsminifter die Auflösung bei Parlaments beabsichtige.

♦ Der Hader zwischen Bolivia und Peru ist in ei» ernstes Stadium getreten. Nach einer Meldung auS Lima (Peru) haben bolivianische Truppen die peru­anische Garnison Guayabal angegriffen und viele Personen getötet und verwundet. Peruanische Trup­pen sind mit größter Beschleunigung nach Guayabal zur Verstockung abzesandt worden.

r Präsident Taft betonte in seiner Rede bei der Enthüllung des SteubendenkmalS das freundschaft­liche Verhältnis, dal Deutschland und die Ver­einigten Staaten verbindet. Dann sagte er, die Erfolge von Steubens Armeeinstruktion hätten ge­lehrt, daß kein Volk, fei es auch noch so kriegerisch und mutig, durch Uniformierung und Bewaffnung seiner Männer allein zur Mllitärmacht werden

[] Die Aufpasser des Kaisers.

In den Zeiten der Eulendurgerei ist in der Presse viel von der Gefährlichkeit einer gewissenlosen Hof­kamarilla die Rede gewesen und es sind sehr emdring- lich die Gefahren geschildert worden, welche für das Vaterland entstehen können, wmn der Monarch m der Wahl seiner Freundschaften so einseitig ist, daß er dadurch unmerklich in bestimmte politische Anschauun­gen gedrängt wird, die hinterher der G-mem-amkeit der Landesinteressen schaden. Das alles ist als richtig an- rrkannt worden. Auf der anderen Serie mdessen wird man ganz energisch Bestrebungen entgegentreten müs­sen, die darauf gerichtet sind, unter dem Deckmante der Sorge für das Vaterland m heuchlerischer Weise dem Kaiser in seinem persönlichen Verkehr auf Schritt und Tritt zu folgen und ihn in diejenigen Bahnen zu lenken, die man für die eigene politische Sache als nützlich erachtet. Diese Sorte von Aufpassern sst ge­rade so widerwärtig, wie der erste beste Denunziant. Sie treibt aber gerade in neuester Zeit ihr Unwesen in einer so dreisten und verlogenen Weise, daß es not­wendig ist, ihr Treiben öffentlich zu kennzeichnen und

anderen Stadt unter Berücksichtigung aller Kronlän­der und Nationen ein Allgemeiner Oesterreichischer Ka­tholikentag abgehalten werden. Wieivohl das katho­lische Zentralkomitee mit dem Innsbrucker Diözesan­komitee über die Vortrefflichkeit der gegebenen Anre­gung einer Meinung ist, hat es dennoch mit Rücksicht auf gewichtige Gründe beschlossen, von der Einbe- rufung eines Allgemeinen Oesterreichischen Katholi- kcntages im Jahre 1911 Abstand zu nehmen, da­für jedoch den Diözesankomitecs die Veranstaltung von LandeZ-Katholikeutagen in dem kommen­den Jahre dringendst ans Herz zu legen. Um aber auch das Jahr 1911 nicht ohne eine ganz Oesterreich repräsentierende Tagung verstreichen zu lassen, wurde beschlossen, zu einem späteren Zeitpunkte eine erwei­terte Vertreterversammlung sämtlicher Diözesen einzu­berufen.

* Zu der französischen Kolonialschlappe wird noch gemeldet, daß in dem Kanrpf bei Trigele ein weiterer Offizier, der Leutnant Bmle, gefallen ist.

** Die französischen Eisenbahner hielten am Don­nerstag in der Arbeiterbörse zu Paris zum ersten Male seit dem Ausstand eine Versammlung ab, in ter ein Beschlußantrag angenommen wurde, worin sie gegen die Verhaftung der Streikführer und gegen die Ent­lassung von Eisenbahnern, die am Streik teilgenom­men haben, protestieren. Die Teilnehmer am Streik erklären sich solidarisch und sprechen ihre Bereitwil­ligkeit aus, alles zu tun, um die Gesellschaften zur Mederanstellung der Entlassenen zu zwingen. Schließ­lich wird Einspmch erhoben gegen das Urteil des Schwurgerichts von Rouen. Der Sache der Eisen­bahner wenig förderlich sind die sich ünmer wieder­holenden Nachrichten über Fälle von Sabo­tage. Auf der Paris—Lyon—Mittelmeerbahn in der Nähe von Lyon wurden Mittwoch nachts von un­bekannten Personen Schwellen über das Gleis gelegt und ein zwei Meter langer Eisenhebel zwischen den Schienen in den Boden eingerammt. Man glaubt, es handle sich um einen Anschlag gegen den Calais— Mittelmeererpreßzug, welcher nach einer Verspätung die Stelle erst passierte prachdem durch einen Güter­zug die Hindernisse weggeräumt worden waren. — Auf der Paris -Lyon—Mittelmeerbahn wurde ferner bei Fehzin (Dep. Jsöre) in einem Lokomotivkessel ein schwerer Eisenstab gefunden.

** Werftdiebstähle in Toulon. Aus Toulon wird gemeldet, daß gegen einen Armeelieferanten und einen Arbeiter die strafrechtliche Untersuchung wegen Ent­wendung von Zinnbarren eingeleitet worden ist. Der Arbeiter wurde verhaftet.

** Die englischen Wahlen. Nach den gestern festgestellten Wahlresutiateu aus den Grafschaften haben die Liberalen und die Konservativen sich gegenseitig je einen Sitz abgenommen. Bis jetzt ist eine Verschiebung von drei Mandaten zugunsten der Konservativen erfolgt. GewähU sind bis jetzt: 146 Liberale, 193 Konservative, 28 Vertreter der Arbeiterpartei, 45 Anhänger Redmonds und 5 O'Brie- niten. Die Liberalen gewinnen 13, die Konserva­tiven 19, die Arbeiterpartei 4 Sitze.

** Die belgische Deputiertenkammer hat am Mittwoh die Adresse, in der die Thron­rede in allen Teilen gebilligt wird, mit 65 gegen 39 Stimmen angenommen. Alle Amendements, namentlich diejenigen, welche den obligatorischen Schulunterricht und eine Wahlreform verlangen, wurden, wenn auch mit sehr schwacher Mehrheit,

*“ °^Ter' Wahlkampf im Kreise Labiau-Wehlau ist ungemein heilig. Schon gestern, am Tage vor der Stibwahl, sausten die Autos zur Agitation hin und her durch die Kreise. Die sozialdemokratische Partei­leitung hat selbstverständlich die Parole ausgegeben, daß ihre Anhänger einstimmig für den fortschritt­lichen Kandidaten einzutreten haben.

j> Darmstadt, 8. Dez. 1910. Die Zweite Kammer setzte heute die Beratung der Interpellation bett, die Handhabung des Weingesetzes fort. Abg. Molthan (Ztr.) ist im allgemeinen befriedigt j von den Wirkungen des neuen Weingesetzes, das größere Reellilät im Weinverkehr geschaffen und die Kunstwemfabrikation völlig verdrängt hat. Der rZuckerungsparagraph habe wesentliche Verbesserungen 'gebracht; die Auslegung jedoch, ivelche neuerdings das Reichsamt des Innern dahin gegeben, daß die Verbesserung der Weine aller Weinbaugebiete ohne Unterschied nicht über 85° hinaus gestattet ei, wider­spreche sowohl dem Willen des Gesetzgebers als auch den Bedürfnissen des Weinverkehrs. Die obige Aus- j legung dur h das Reichsamt des Innern sollte der Regierung Veranlassung geben, Klarheit zu schaffen, die von den Winzern mit vollem Recht verlangt werde. In gleichem Sinne sprachen sich die Abgg. Ei bach (Fress.), Dr. Winkler (natl.) und Finger (null.) aus. Min sterialr-rt H ölzinger erklärt, daß dir Regierung diese Beschwerden zur Kenntnis nehme. Die Regierung freue sich im übrigen über die in der heutigen Debatte zutage getretene Aner­kennung der günstigen Wirkungen des neuen Wein­gesetzes, das naturgemäß sich erst in der Bevölkerung einleben müsse. Dem Wunsche nach einer baldigen Aussprache mit Vertretern der Weininteressenten werde die Regierung nähertreten. Das Haus beschäf­tigte sich sodann mit der Anfrage des Abg. Korell bett, die Durchführung des Reichsvi ehsruchenge- f e tz e s. Der Interpellant führt Klage darüber, daß Preußen im Gegensatz zu Hessen eine laxe Behänd- lung bei der Abwehr der Seuchengefahr beliebt, wodurch die preußischen Märkte an den Grenzen Hessens außerordentlich begünstigt werden. Die Regierung erklärt, daß sie bereits vor einem Monat au den Reichskanzler das Ersuchen gerichtet hat, von der ihm gesetzlich zustehenden Befuguis Gebrauch zu machen und d e einheitliche Durchführung des Gesetzes gegenüber Preußen zu verlangen. Hieran tritt das Haus in die Beratung der neuen Städte­ordnung ein. Die Generaldebatte leitet der Mi­nister des Innern v. Hombergk zu Vach mit einer längeren Rede ein, in welcher er aus die wesentlichen Vorteile hinweist, welche die Regieruugs- Vorlage in der aus dem Ausschüsse hervorgegangenen Form aufweist. Abg. Dr. Glässing (natl.) geht gteichfalls aus die Einzelheiten der Vorlage näher ein und erkennt die Fortschritte an, wetche die neue Regelung in sich schließt. Abg. Ulrich (Soz.) kri- tisiert die Vorlage auf daS schärfste.

Ausland.

♦ Alljähriger österreichischer Katholikentag. Das katholische Zentralkomitee für Oesterreich hat in sein« Sitzung vorn 25. November d. I. an Stelle des zu- rückgetretmen Präsidenten Ernst Graf Sylva-Tarouca Se. Durchlaucht den Fürsten Zdenko Lobkovlc elnstlm- mig zum Präsidenten gewählt. Der Sitzung wohnte zum erstenmal ber zum Vertret« des österreichisch« Episkopats im katholischen Zentralkomitee gewühlte Hochw. Bischof von Brünn, Paul Graf Huhn, an. Neben anderen wichtigen Gegenständen kam tnSbe- sond«e eine Anregung deS Diözesankomitees Inns­bruck zur Verhandlung, dahingehend, es möge in Hin­sicht auf den überaus gelungenen V«lauf deS Inns­brucker KatbolikentaaeS künftighin alliährig in ein«

Korrespondenz mitteilt, der Minister der öffentlichen Arbeiten in einem Erlaß bewilligt. Bisher hatten nur Vorsteh«, Bahnmeister 1. Klasse, Werkmeister, Schiffskapitäne 1. Klasse und Betriebssekretäre m diesem Alter einen bis eine Woche längeren Urlaub als die jüngeren Beamten der gleichen Klasse er­halten. Außerdem hatten nur noch die Telegraphisten längeren Urlaub als die Beamten der etatlich gleich- behandelten Gruppen. In Zukunft wird auch allen übrigen etatsmäßigen Beamten, die höchstens 14 Tage Urlaub haben, eine Verlängerung der Urlaubs­frist nach Zurücklegung deS 50. Lebensjahres zuge­standen. Die Bahnwärter, Wagenwärter, Schaffner, Weichensteller 1. Klaffe, Maschinenwärter, Pack­meister, Bureaudiener usw. sollen von letzt ab statt sechs acht Tage Urlaub erhalten. Die Werkführer, Wagenmeister, Schirr- und Lademeister, Bahnhofs- ausfeher, Unterassistenten, Fahrkartenausgeber usw. erhalten statt acht zwölf Tage Urlaub. Emen 18- statt 14 tägigen Urlaub sollen die Kanzlisten, Lokomotivführer, Schiffsmaschinisten, Maschinisten bei elektrischen Anlagen, Zugführer, Essenbahn­assistenten, Bahnmeister, Bahnhofs- und SJfatertalien« Verwalter, Schiffskapitäne usw. erhalten.

* Keine allgemeine Greiizöffnung. Der Reichs­kanzler hat, wie die ,Rieier R. N/ melden, nun­mehr alle bei ihm eingegangenen Petitionen aus dem Reiche um allgemeine Grenzöffnunga b sw lag,g beantworten lassen. — Bestätigung dieser Meldung des Kieler Blattes, das erst vor wenigen Tagen noch bementiet wurde, bleibt abzuwarten.

[] Merkwürdig „revisionistische" Ansichten hat der Gcnossenschastssührer und frühere ReichstagZab- geordnete v. Elm -Hamburg in Leipzig in einer | Versammlung zum besten gegeben:

„Auf politischem Gebiete sind die Massen noch nie führend gewesen und werden es auch nie werden. Ganz abgesehen davon, daß man sie nicht befragen kann. Es fehlt ihnen zur Beurleilung die Vesähigung. Die sozialistische Bewegung ist heute eine Massen­bewegung, aber die Ideen stammen nicht von den Massen, nicht einmal von Arbeitern, sondern von der- vorragenden Köpfen ans der bürgerlichen Klasse. Marx, Engels, Lassalle, Liebknecht, selbst Bebel waren keine Arbeiter. Die von ihnen ent­wickelten Ideen wurden von den Arbeiter» akzeptiert, aus deren Köpfen stammen sie nicht. Lassalle war durchaus kein urwüchsiger Demokrat, fotern feine eigene Person in Frage kam. ... Die Massenstimmung ist wandelbar: Heute Hosianna, morgen kreuziget ihn! Die Masseiiverhimmelung, die beute im Schwange ist, ist genau so verwerflich, wie der Byzantinismus. Man dichtet den Massen Tugenden an. die sie aar nicht be»

niedriger zu hängen. _ 1

Als der Kaiser ehedem enge Freundschaft mit Herrn Krupp pflog, und vorübergehend auch mit dein Freiherr» v. Stnmrn, da ist dies in den liberalen Krei­sen begrüß! worden unb es ist keinem Menschen ein­gefallen, dem Kaiser Vorschriften darüber zu machen, welchen' Verkehr und welche privaten Freundschaften er zu pflegen habe. Run aber ist nach der Zertrüm­merung des oldenburgischen Kreises der Fürst zu F ü r st e n b e r g dem Kaiser näher getreten unb hat h der Folge zu ihm enge freundschaftliche Beziehungen gewonnen. Dies paßt den Herrschaften nicht m den Kram und deshalb umgeben sie dieses schöne Verhält­nis in schamloser Weise mit einem wahren Netz von Jntriguen und Verdächtigungen. Unb wiederum der Fürst zu Fürstenberg ist mit dem gesamten katholischen Hochadel verwandt und verschwägert. Sollte man es für möglich halten, daß aus dieser Tatsache sich schon Gerüchte heransdestilliert haben, wonach der Kaiser auf dem besten Wege sei, katholisch gemacht zu werden? Jedenfalls wird dem Missten offen nach- gefagt, daß et seine Stellung als Freund des Kaisers dazu benutze, diesen zugunsten des Zentrums zu umgarnen. Diese nichtsnutzige Verdächtigung macht fitfi selbst lächerlich, da alle Welt lveiß, daß der Fürst zu Fürstenberg bem Zentrum in keiner Weise nahesteht, noch jemals nahegestanden hat. Der Fürst hat sich wie jedem Kinde bekannt ist, überhaupt noch nie um Politik gekümmert; wenn er sich aber darum flimmern würde, so darf ruhig versichert werden daß es nicht im Sinne des Zentrums geschehen ivurde.

Um den Kaiser von dem Fürsten abzutrennen, sucht man diesen durch den Hinweis darauf verdächtig zu machen, daß der Sturz des Fürsten Bülow in jenen denkwürdigen Novembertagen 1903 In der Residenz des Fürsten zu Fürstenberg in Donaueschingen besie­gelt worden sei. Es wird ferner darauf hingewiesen, daß die Rede des Kaisers in Beuron auf die Beein­flussung des Fürsten zurückzuführen sei, auf dessen Schlosse sie redigiert und zum Versand an dir Presse fertig gemacht worden sei. Solche Kombinationen ge­nügen um fortwährend das Geschrei auszustoßen, der Kaiser lebe unter dem Druck einer n e u en K a m a- rilla, deren Führung der Fürst zu Füsstenberg über­nommen habe. Der Hmweis daraus, daß bet Fürst durchaus nicht engherzig den Konfessionen gegenilber- stche, baß er beispielsweise für bie evangelische Kirche in Tonau-Eschingen bie Summe von 10000 Mark ge­stiftet hat, daß et ferner bas nationalliberale Organ m Donau-Eschingen unb das dort erscheinende Zentrums- otgan stets in gleichmäßiger Weise bediene, fruchtet nichts. Was würde man auf jener Seite sagen, wenn beispielsweise aus der Tatsache, daß ber Kaiser auch mit bem Genetalbirektor ber Hamburg-Nmerika-Lmie Balliii Fteunbschaft pflegt, Folgerungen in entgegen­gesetzter Richtung zöge. Das würbe allkMtts als lä­cherlich empftmbeii, unb jeher öffentlichen Diskussion für unwert gehalten werben Da es aber gilt, gegen den Katholizismus aufzuhetzen, verschmäht man auch die unsaubersten Mitte! nicht. Die hierin liegende Anmaßung ist noch größer, als bie Gewissenlosigkeit. Man braucht bantber kaum ein Wort zu verlieren, Wenn ber Hinweis darauf nicht tatsächlich notwen- big wäre, ba wie sonst auch in diesem Falle immer etwas hängen bleibt.

„Daß mit ber Veröffentlichung ber Hohenloheschen Lebenseriimerungen bem deutschen Volke kein Gefallen getan worden ist, darüber sind sich alle verständigen Politiker klar. Wenn Fürst Bismarck Borsorge ge­troffen hat, baß der dritte Band seiner „Gedanken und Erinnerungen" erst später erscheint, so ist ihm das zu dankeii. Die Verlagsbuchhandlung hat unseres Wissens keinen Einfluß auf bie Zeit des Erscheinens. Der Heimgegangene Fürst Herbert Bismarck hat u»8 mehrfach unmittelbar mitgeteilt, daß bie Zeit des Er- scheinens bestimmt sei, und daß diese Bestimmung un- bedingt aufrecht erhalten werbe."

)( Zur Kennzeichnung der Sensationspresse hat die .Deutsche Tagesztg." nachgewiesen, daß der Redakteur deS Handelsteiles eines der größten farblosen SensationSblälter, deS .Tag', den Be­weis für feine Ansicht, daß die LebenSmittelpresse erheblich mehr gestiegen feien, als die Löhne, dadurch zu erbringen versucht hat, daß er die

prozentuale Preissteigerung bei den drei wich- Haften Nahrungsmitteln, Fleisch, Brot und Milch, einfach zusammenzählte, sodaß er 45 Proz. Nah­rungsmittelverteuerung gegenüber 18 Proz. Lohn- zunahme herausbekam. Das genannte agrarische Blatt bemerkt hierzu:

„Der Leiter des volkswirtschaftlichen Teiles bei einer großen, weitverbreiteten unb angesehenen, über­dies alS unparteiisch geltenden Zeitung bekommt zu­nächst den höchst blamablenDenk-und Rechen- fehler fertig, aus der von ihm behaupteten Tatsache, daß Fleisch in 10 Jahren um 16 Proz., Milch um 15 Proz. und Brot um 14 Proz. teurer geworden sei, zu folgern, daß der Preis dieser wichtigsten NahrungSmittet um 45 Proz. gestiegen sei!"

Wir haben dem nichts hinzuzusügen. Die Ausführungen der .Deutschen Tagesztg/ sprechen beredt für den geistigen Wert der Sensations­presse.

*.* Mit dem Gesetz gegen Mißstand: im Hell­gewerbe befaßte sich eine in Berlin obgehaltene I Versammlung, die mit Annahme folgender Resolution I endete:

„Die am 6. Dezember von 1800 Personen besuchte öffentliche Versammlung in den Germaniasälen zu Berlin erblickt unter Zustimmung von 125 713 Über­mittelten Erklärungen auswärtiger Gesinnungsfreunde in dem Entwurf des „Kurpsuicheteigesetzes" eine schwere Bedrohung berechtigter Bolksinteresftn. Sie | erhebt deshalb entschieden Einspruch, da er bie Millionen I Anhänger der Naturheilbewegung und der ihr ver­wandten Reformbeitrebungen in der Heilkunde, sowie alle nicht approbierten Heilkundigen unter ein AuS- nahm egesetz stellen will. Der Entwurf schränkt die Prebsreiheit ein, indem er fast jede Kritik der ärztlichen Wissenschaft unmöglich machen will, und gefährdet die VolkSaustläiiing über alle Gesundheitsfragen; et ver­nichtet durch seine zahlreichen Verbote das Selbst- beijimmungSrecht des Einzelnen für die Wahl der Heil­methoden und der Aerzte, denen er vertraut; er drückt infolge der Dehnbarkeit seiner vielen Belbote und Strafandrohungen, sowie der Vollmacht, bie er dem Bundestat und den Verwaltungsbehörden erteilt, dem Gesetz den Charakter cineS BlankeltgesetzeS auf. Er würde schließlich eine Rechlsunsicherheit sondergleichen schaffen und einem häßlichen Denunziantentum Tor und Tür öffnen. Die Versammlung wünscht lebhaft, baß der Schwindel im Heilgewerbe beseitigt wird; sie sieht aber in dem Gesetzentwurf ein durchaus uuge- | cigneleS Mittel, der wirklichen Kurpfuscherei den Boden

Deutscher Mich.

** Berlin, 8. Dez. 1910. Der österreichssche Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand ist beule nachmittag hier «»getroffen. Er begab sich L Automobil nach dem Neuen Palais in PotSdcun. — Tie in der Presse verbreitete Nachricht, daß d-e Bbnifuna des Professors Dr. Hermann Schu- vorstehe, entspricht nach der ,Nordd. Allg. <>.g. kbmsowenig den Tatsachen, wie der für die Be-

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Nach der im preußischen Finanzmimsternim fest- bestellten Uebersicht über den Bedarf an Ge dern Tm nächsten Jahre besteht, rote Berliner Blätter melden, begrünbite Aussicht, daß die preußische (Finanzverwaltung im Jahre 1911 ohne Staatr- Lnleihen auSkommen wird. m .

! 4- Ter neue Postetat. Im Etat der Reichsposi

(für 1911 sind bie Einnahmen mit 734161600 M. Veranschlagt, bie Ausgaben beS orbentlichen Etats tii't cinschl. ber einmaligen Ausgaben beS orbent- jlicljen Etats in Höhr von 18831812 M. zusammen ,rnil 662562251 M., sobaß ein Reinüberschuß von »1599 349 M. verbleibt. Tas Ergebnis des neuen (Etats kann als recht günstig bePichnet werden, 4umal roemt man in Rechnung zteht daß seit dem Erlasse des Besoldungsgesetzes vom Jul. 1909 b« Mehrausgaben an Gehältern, Wohnungsgelbzu- ffchüssen unb Tagegeldern etwa 5o,5 Millionen M. Mim längeren Urlaub für Beamte, die ihr 50. Lebens iabr zurückgelegt haben, hat, wie eine