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JV» 2Z8.

Montag den S. Dezember 19(0.

57. Jahrgang.

* Tuldaer U Leitung *

2. Blatt.

Bruck und Verlag der Zuldarr Acttenbruckerrl ht zulda.

Deutsches Reich.

* Der Gesetzentwurf über die Schiffahrtsabgabe«, den der Reichskanzler im Reichstage warm zur Annahme ?mp fohlen hatte, stößt außer — in Oesterreich und Holland auch in den von ihm betroffenen Kreisen des deutschen Handels noch immer aus lebhaften Widerstand. So nahm die Handelskammer Dresden eine Resolution an, die sich nach wie vor grund­sätzlich gegen die Schiffahrtsabgaben ausspricht; der dem Reichstag vorlegte Entwurf sei völlig un­genügend. Sie richtet das Ersuchen an den Reichs­tag, Sachverständige aus dem Handel, der Schiff­fahrt und der Industrie zu den Beratungen zu- Anziehen.

)( Eine reichsgesetzliche Regelung des Waffentrageus wird aus beteiligten Kreisen, dem Jagdschutzverein, der Waffenindustrie und dem Waffenhandel, ange­strebt. Der Verkauf soll nur an solche Personen zulässig sein, die sich im Besitze eines amtlichen Waffenscheines befinden, und außerdem soll der Waffenhandel einer Konzession unterworfen werden. — Obwohl hiermit dem konzessionierten Waffen­handel ein hohes Maß von Verantwortlichkeit auf- erlegt würde, findet dieser Gedanke in den Kreisen des legalen Waffenhandels viele Befürworter. An- dercrsetts ist der Kleinhandel und auch ein Teil der Waffcnindustrie einer derartigen Beschränkung ent­schieden abgeneigt. Gegenwärtig bildet die gesetzliche Grundlage zu einer Beschränkung des Waffentragens nur die Bestimmung des Reichsstrafgesetzbuchs, nach der das Feilhalten oder Tragen heimlicher Waffen unter Strafe gestellt ist.

(*) Einen Beitrag für die Berechtigung einer Parsümsteuer liefert eine dem Reichstage unter­breitete Petition zum Geheimmittelgesetz; da liest man:

„Die Geheimmittel können sehr gut eine gehörige Steuer tragen und es dürfte Fabriken geben, von denen jede allein eine Million Mark jährlich abzusühren hätte, wenn die Steuer auf 10 Prozent des Verkaufspreises gngesetzt wird. Eine Fabrik, die eine Seife zur Er­höhung der Schönheit herstellt, verkauft dieselbe mit 1.50 Mk., in der Herstellung kostet sie 7 Pfennig! Ein in dieser Fabrik hergestelltes, vielgerühmes Haar­wasser kostet in der Herstellung samt Flasche noch nicht 20 Pfg., verkauft wird es für 2.50 Mk. Diese Fabrik macht über 2 Millionen Mark Umsatz jährlich und beschäftigt etwa 200 Leute, zum großen Teil In­validen aus anderen Berufen, die brotlos würden, wenn es gelänge, di« Geheimmittelindustrie zu ver­nichten, denen es aber gar nichts schadete, wenn die Inhaber mit 10 Prozent des Umsatzes — ca. 200000 Mark — extra jährlich besteuert würden. Den Fabrikanten wäre ein solch' kräftiger Aderlaß von ihrem Millionengewinn durchaus zu gönnen, darüber find sich wohl alle Interessenten, mit Ausnahme natürlich der Fabrikanten selbst, durchaus einig."

0 Die Reichstags-Ersatzwahl in Labiau-Wehlan hat, wie schon gemeldet, als vorläufiges Resultat eine Stichwahl zwischen dem konservativen und dem frei­sinnigen Kandidaten gezeitigt. Der Konservative Bur- chard erhielt 7216, der Kandidat der fortschrittlichen Volkspartei, Wagner, 5527 und der Sozialdemokrat Linde 3708 Stimmen, liebet diesen Ausfall ist natürlich großes Frohlocken im liberalen Lager ent­standen. Schon sprechen die liberalen Blätter von einer „Niederlage" der Konservativen, und im prophetischen Geist ruft das ,Berliner Tageblatt' aus:

„Selbst in den ländlichsten Wahlkreisen deS Ostens ist inan des konservativ-landrätlichen Regiments falt und übersatt, und der bürgerliche Liberalismus ist be­rufen, hier das Erbe der dem Niedergang geweihten konservativen Partei anzutreteu."

Es ist richtig, daß die Konservativen gegenüber den letzten Wahlen von 1907 einen bedeutenden Rückgang an Stimmen zu verzeichnen haben; sieht man aber genauer zu, so erhält die ganze Sachlage doch ein anderes Aussehen. Die Blockwahlen von 1907 lönnen als normale Wahlen nicht angesehen werden; zieht man aber das Resultat der vorletzten Wahlen vom Jahre 1903 in Betracht, so schneiden die Konservativen noch etwas besser ab, als da­mals. Außerdem darf nicht übersehen werden, daß es si l) bei dem Wahlkreis Labiau-Wehlau um einen fast ganz ländlichen Bezirk handelt, in dem die Wähler wenig geschult und auch anderen Gründen als rein sachlichen sehr leicht zugänglich sind. Der Grundstock der konservativen Wähler ist anch dies­

mal für den konservativen Kandidaten eingetreten, und nur ein großer Teil des Mittelstandes, der von Natur aus schon leicht nach der liberalen Seite hinneigt, hat für den fortschrittlichen Kandidaten seine Stimme abgegeben. Nach dem Ausfall der Ersatzwahl m Oletzko-Lyck hatten die Liberalen über­schwengliche Hoffnungen für neue Erfolge ihrerseits und für den gänzlichen Niedergang des konserva­tiven Gedankens im Osten Ausdruck gegeben. Der Ausfall der Wahl in Labiau-Wehlau hat sie aber hierin getäuscht. Nur ein bemerkenswertes Ergeb­nis hat die Wahl gezeitigt: die sozialdemo­kratischen Stimmen, die bei den Wahlen von 1907 um etwa 2000 zurückgegangen waren, haben nur eine ganz geringe Zunahme aufzuweisen Für die Konservativen aber ergibt sich, ganz gleich wie die Stichwahl ausfallen wird, die Mahnung, auch in ihren „bombensicheren" Wahlkreisen bei­zeiten mit der Agitation, besonders mit der Klein­arbeit, zu beginnen, wie es auch stets das Zentrum gehalten hat, damit sie vor Ueberra'chungen bewahrt bleiben.

Ausland.

** Zm ungarischen Abgeordnetenhanse halten die kroatischen Abgeordneten gegenwärtig Reden in kroatischer Sprache und wollen von diesem Vor­gehen trotz der Ermahnung des Präsidenten nicht Abstand nehmen. Da die kroatischen Abgeordneten in einer Konferenz beschlossen, die kroatischen Reden fortzusetzen, so find die oppositionellen Kreise ent­schlossen, die Reden unbedingt zu verhindern, wodurch ernste Konflikte unvermeidlich erscheinen.

** Mißstände im französischen Verkchrswesen zei­gen sich infolge der Kris- auf den Linien der Wrsi- und Nordbahnen. Sie machen. sich besonders em­pfindlich fühlbar für die Nahrungsmittelver- sorgung von Paris, von wo auch die Provinz ver­sorgt wird. Infolge Mangels an rollendem Material kann der Kaffee von den großen Stapelplätzen inHavre nicht mehr befördert werden. Seit dem 5. November ist kein Sack mehr in Paris eingetroffen, sodaß die Vorräte dort bald erschöpft fein werden. Desglei­chen beklagen sich die Fischhändler und die Verkäufer der Marfthallen über die großen Verzögerungen im Transport ihrer Ware, die dadurch an Wert verliert. Auch die Milchzufuhr wird durch die Desorganisation des Bahnverkehrs stark betroffen, und die ganze In­dustrie bestürmt den Minister der öffentlichen Ar­beiten mit Klagen und Beschwerden wegen der un­haltbaren Zustände im Eisenbahnverkehrswesen. Durch das Hochwaffer, das die Flußschiffahrt stillegt, ist die Krise noch verschärft worden.

** Das Befinden der Königin von Belgien ist so gut, daß ein zweiter Krankheitsbericht am Tage nicht mehr ausgegeben wird. Hustenansälle, Schleimfieber und Brouchialkatarrh Haden sich vermindert.

** Griechenland will aus Mangel an Geld und zum Beweise, daß es friedliche Ab­sichten hat, die Flotte um 8 Schiffe vermin­dern, die zum öffentlichen Verkauf gestellt werden. Weil hierdurch ein He' etftuft an Marine - Offi­zieren entsteht, so wird die Marine-Kadetten-An- stalt im P räus auf 10 Jahre geschlossen w tben.

* Mit der Aufdeckung einer revolutionären Organi- satton, die über ganz Rußl and verbreitet ist, bringt eine Petersburger Meldung der,Tunes" zahlreiche Verhaftungen im Zusammenhang, welche die russische Polizei in Moskau, Kiew und andern Orten vor- genommen hat. DurchOeffnung von beschlagnahmten Buffen hat die Behörde Kenntnis von dem Revo­lutionsbund erhalten. Die Polizei hält ihre Unter­suchungen und das Ergebnis der bisherigen Ver­haftungen geheim.

♦* Zur Sage in Mexiko. Eine vom Präsidenten Perfirio Diaz ernannte FriedenskomMission hat sich nach San Jsideo begeben, um mit den Auf­ständischen zu verhandeln. Das Ministerium scheint zu wanken. Es hat sich eine bedenkliche Uneinigkeit in seinen Kreisen herausgeftellk.

Aus dem Nachbargebrete.

*♦ Geisa, 4. Dez. 1910. Behufs Wahl eines Ab­geordneten und eines Stellvertreters zum Bezirks­ausschuß seitens der Herren Bürgermeister im Be­

zirk Geisa-Dermbach istWahltermlnauf Freitag, 16. Dezember, vormittags 11 Uhr, nach dem .Rat­haus" Hierselbst anberaumt worden

* Frankfurt a. M , 4. Dez. 1910. Die Zentral- stelle für Obstverwertnug und das Obstmarklkomitee haben sich nach dem guten Verlauf der bisherigen Obftmärkte entschlossen, in diesem Jahre noch einen Obstmarkt abzuhalten, der am Donnerstag, den 8. Dezember, stattfinden soll. Als Marktlokal wurde wieder die Städtische Halle an der Börneftraße, Ecke Battonstraße, gewählt. Es sei darauf aufmerk­sam gemacht, daß zu dem Markte sämtliches in Deutschland gezogene Obst zugelaffen ist. Ein Ver­kauf nach Proben ist unzuläffig; nur das auf dem Markte angelieferte Obst kann verkauft roerben.

* Marburg, 3. Dez. 1910. Als Täter des am vorigen Samstag ausgesührten Rathausein­bruch s ist gestern nachmittag der auf dem städtischen Armenamt beschäftigt gewesene Schreiberlehrling Becker ermittelt worden. Einem Kriminalbeamten hat der junge Mensch ein umfassendes Geständnis abgelegt und dabei auch zugegeben, daß er eine Reihe seit dem Jahre 1908 im Rathaus und im Kilian verübter Schubladendiebstähle ausgeführt habe. Er ist mittels eines von ihm entwendeten Schlüssels, den er hernach in die Lahn geworfen hat, ins Rathaus eingedrungen. Die von ihm gestohlenen Beträge belaufen sich insgesamt aus 500 M. Der Täter befindet sich in Hast.

♦ Schweinheim, 1. Dez. 1910. Der sog. „Elte r- w a l b" ist um den Kaufpreis von 56 000 Mark in den Besitz der Stadt Aschaffenburg übergegangen

♦ Eschwege, 4. Dez. 1910. An Realsteuern wurden für das Steuerjahr 1909 im Kreise Esch­wege zusammen 33,311 ■* veranlagt, nämlich 29,896 M Gewerbesteuer und 3415 *>• Betriebs­steuer. Das Solleinkommen an Grundsteuer war auf 80,594.01 und an Gebäudesteuer aus 60,335.70 M für das Veranlagungsjahr 1909 festgesetzt.

* Gudensberg, 2 Dez. 1910. Ein Handwerks- bursche entwendete einem hiesigen Einwohner ein paar fast noch neue Stiesel und verkaufte sie zum Preise von 1 Mk. Zu Hause erzählte nun der Käufer freudestrah­lend den Kauf der billigen Sttefel. Mer zu seinem größten Schrecken mußte er erfahren, daß ihm feine eigenen Stiesel gestohlen worden wa­ren. Der Dieb hatte indessen das Weite gesucht und konnte, trotz der sofort angestellten Ermittelungen, nicht ermittelt werden.

* Hann. Münden, 2. Dez. 1910. Dem Arbeiter Gnittke in dem benachbatten Ellershausen war vor etwa Jahresfrist die Erziehung seiner Kinder entzogen worden, deren Vormund der Landwirt Schäfer wurde, der die Kinder bet sich aufnahm. Vor einigen Tagen wurde nun bei Schäfer ein Einbruch vollführt, wobei das den Gnittkeschen Kindern gehörige Geld — 350 Mark — geraubt wurde, während andere Gel­der unberührt liegen blieben. Gestem nun wurde Gnittke in einem Göttinger Restaurant verhaftet. Er gestand ben Einbruch ein. Von dem Selbe hatte er nur noch 41 Mark bei sich. — Aus dem hiesigen Bahn­hofe ist gestern abend ein junger Mann aus Metz un­ter der Beschuldigung verhaftet worden, in dem Per­sonenzug von Kassel nach Münden einem schlafenden Reisenden das Portemonnaie gestohlen zu haben.

— Amöneburg 4. Dez. 1910. Zur Grün- düng der Magdeburger Güterbank teilt man uns mit, daß die Magdeburger Güterbank sich nicht dem Raifseifen-Verband auge- schloffen hat, sie ist ein ganz für sich bestehendes Unternehmen.

* Gonsenheim bei Mainz, 4. Dez. 1910. Bei der am 1. Dezember stattgefundenen Gemeinde­rat s - W a h l siegle» die verbündeten Liberalen, Bürgerverein und Sozialdemokraten mit 548 bis 692 Stimmen gegen 355 bis 483 Stimmen des Zentrum?. Gewählt wurde» 2 Liberale, 2 Sozial­demokraten und 8 ohne bestimmte Richtung.

* Offenbach-Bürgel, 4 Dez. 1910. Hierselbst hat sich ftrrz nach der letzten Stadtverordnetenwahl ein $erein zur Wahrung und Förderung der Interessen Bürgels begründet, dessen Zweck darin besteht, alle bürgerlichen Wähler in diesem zu vereinigen, um in öfters abzuhaltenden Versammlun­

gen über alle kommunalen Fragen zu beraten und Wünsche und Beschwerden entgegen zu nehmen.

* Wirsbade«, 2. Dez. 1910. In der heutigen Stadtverordnetensitzung wurde zunächst betteffs des Verkaufs des alten Museums der Ansicht entgegengetreten, daß dem Nachgebot von 40000 Mk. des hiesigen Jmmobilienagenten Meier näher getreten werden müsse. Der Agent Meier muffe sich an den Bezirksausschuß wenden. — Für Not­standsarbeit en in dem bevorstehenden Winter wurden 117 000 Mk., darunter 52 000 Mk. für Ar­beitslöhne bewilligt Auf den Vorwurf von sozial­demokratischer Seite, daß die Vorlage so lange bet- zögert und der Bettag für Löhne unzureichend fei, wurde erwidert, daß Wiesbaden bisher mit am meisten für Notstandsarbeiten ausgegeben habe und mich it diesem Jahre noch eine Reserve von 45 000 Mk. vor­handen sei. — Ein Anttag auf Bewilligung vor 260 300 Mk. aus Anleihemitteln zur Beschaffung vor Maschinen für das siädt. Elektrizität? wer! wird dem Finanzausschuß zur Vorprüfung überwie. sen. — Der vor kurzem in Stuttgart verstorbene Amts­gerichtsrat a. D. Ludwig Anthes hat der hiesigen evangel. Kirche (Kirchenbaufonds) 15 000 Mk. und der hiesigen B l i n d e n an st a l t 10 000 Mk testamentarisch vermacht. — Der Kommunalland­tag des Regierungsbezirks Wiesbaden hatte für das Linienschiff Nassau bwn Landesausschusft 10 000 Mk. zur Verfügung gestellt. Eine besondere Sammlung hat außerdem 9700 Mk. ergeben. Diese Mittel stnd verwandt worden zur Anschaffung einer ungefähr 1100 Bände enthaltenden Bücherei für die Mannschaften, zur Widmung eines Tafelaufsatzes für die Kommandantenmesse und zur „Naffaustistung" für das Schiff. ____________________

vermischtes.

* Eine amtliche „Umteufe" größeren Maßstabes wird sich in diesen Tagen im Bereiche der gesamten preußifch-heffischen Sta ats eisen b ahnv erWal­lung vollziehen. Rach der Ende 1894 genehmigten Verwaltungsordnung führen die mit der Ausführung und Ueberwachung des örtlichen Dienstes bei den Staatseisenbahren betrauten Dienststellen die Bezeich­nung „Inspektionen", also z. B. Eisenbahn-, Be- ttiebs-, Verkehrs-, Werkstätten- usw Inspektionen. Durch Erlaß vom 23. v. Mts. hat der König eine Abänderung der Verwaltungsordnung genehmigt, nach welcher alle jene Dienststellen die Bezeichnung „Stern- ter" erhalten, also „Eisenbahnbetriebsamt", „Eisen­bahnmaschinenamt", „Eismoahnwerkstättenamt", „Et- „Eisenbahnverkehrsamt" und so Wetter. Der Mi­nister der öffentlichen Arbeiten, v. Breitenbach, hat an die Königlichen Eisenbahndirekttonen bereits einen entsprechenden Erlaß gerichtet, sodaß die Um­taufe der Inspektionen sehr bald in die Erscheinung treten wird. In ben 21 Direktionsbezirken entstehen damit ungefähr 500 neue Aemter; der Direktionsbe­zirk Berlin zählt allein über 30 „Inspektionen".

* Der Kaiser kein Abstinenter. Der Kaiser will, wie Berliner Zeitungen Mitteilen, in seinen Warnun­gen vor übermäßigem Alkoholgenuß keineswegs von allem Alkoholgenuß abraten Er verkennt nicht die durchaus wohltätigen Wirkungen, dir beispielsweise ein „steifer Grog" bei stürmischem kalten Wetter auf eine Schiffsbefatzung auszuübm vermag. Das Uebermaß im Genuß bekämpft er, und namentlich der Trink­zwang ist ihm zuwider.

** Tierschutz «ui» Politik. Damtt es in der Politik nicht an Abwechselung fehle, hat der Tierschutzverein in N e w-J erseh eine Petition über das Köl­ner Reiterstandbild an den K a i se r gerichtet. Das Pferd dieses Standbildes hat nämlich einen gestutzten Schwanz, und das kann ein ehelicher Tierschutzver- einler auch im Auslande nicht ertragen. Daher pe­titionieren die amerikanischen Herrschaften: „Oljne Zweifel ist es Eurer Majestät bekannt, daß das Stu­tzen des Pferdeschwanzes eine der größten Grausam­keiten an den edlen Tieren ist. Wir sind aber auch der Ansicht, daß es ein Fehler wäre, das Denkmal In seiner jetzigen Gestalt zu laffen. Ein schöner langer Schwanz müßte an Stelle des kurzen Stumpfes treten Er würde nicht nur den Gesamteindruck des Weckes erhöhen, sondern würde auch den Behauptungen ein Ende machen, daß Eure Majestät nicht von dem edlen Zweck des Tierschutzes überzeugt stnd." Die Herr­schaften sollten lieber Menschenschutz treiben. Das wäre gescheidter und menschenwürdiger. Gerade in

Lin gefährlicher Geheimnis.

41] Roman in zwei Bänden von Charles Read e' Monkton las dies alles mit gleichgültiger Ruhe.

Daß ein Weib imstande sein könnte, bedingungslos einen Jahrgehalt zu zahlen, ohne irgend eine Gegen­leistung zu beanspruchen, hielt er von vornherein für unmöglich. Er suchte den Sachwalter auf, ließ sich melden und wurde von dem Advokaten selbst empfan­gen, der ihn mit durchdringenden Blicken maß.

„Ich habe die Anweisung erhalten, mir von Ihnen fünfzig Pfund auszahlen zu laffen", sagte Leonhard.

„Jawohl, Mr. Monkton, aber so viel ich weiß, ist diese Zahlung an gewisse Bedingungen geknüpft"

„Rein, Sir, nicht die der ersten fünfzig Pfund; nur die späteren Zahlungen hängen davon ab, daß ich mich in den Treubruch meiner Frau ergebe." Mit diesen Worten überreichte er ihm Lucie's Brief.

Der Advokat las ihn durch. „Sie haben recht, Sir", sagte er bann; „die fünfzig Pfund sollen Ihnen sogleich ausgezahlt werden. Erlauben Sie mir aber, Sie darauf aufmecksam zu machen, daß unsere Clien- tin sich durchaus freundschaftlich zu Ihnen zu stellen fvünscht, und es aus unfern Rat in dieser Weise be­tätigt. Es wäre mtthin ebenso undankbar als un­zart von Ihnen, wenn Sie die Güte der Dame einer falsche», Deutung unterzögen."

"Mein lieber Herr", erwiderte Monkton mit fei- cm?1 kacheln, „schreiben Sie, so ost mir

Ihre llintin fünfzig Pfund zahlt, auf denEmvfangs-

'" Bezug auf eheliche Treue schwarz weiß ist und ich null diese Erklärung ohne weiteres unter- zeichnen.

^vokllt, angeividerte von Monkton's Nieder- trachttgkett, brach die Unterredung ab und zahlte das Geld; bann sagte er noch:

„Sie können uns schreiben, weim Sie wieder et­was brauchen Vielleicht dürste ich mir auch, ohne Indiskret zu sein, Ihre Adresse ansbitten?"

„SBarum nicht, ich habe nichts ju verschweigen", rttoiberte Monkton. „Alles, was ich Ihnen für ben ?Iugmbli<f fegen kann, ist freilich nur. daß ich mich

nach Hüll begebe, um daselbst ein paar Kanaillen auf­zuspüren."

Erstellt von Habsucht und Rachedurst, trat der Schurke, dem Hope's und Bartley's Geheimnis voll­ständig preiSgegeben war, seine Reife an. Ms Hope ihn in Bartteh's Kontor entlarvte, luat er zwar im ersten Augenblick völlig iinklar über den Fremden, der hier so plötzlich eintrüt Bei dem ersten flüchtigen Zusammenttfffeu hatte er nur ben Rücken Hope's ge­sehen ; bazu kam, daß Hope jenes erste Mal einen schäbigen schwarzen Rock getragen hat, als Monkton's Ankläger bagegen in einem neuen Anzüge erschienen war. Während der Gerichtsverhandlungen war Monk­ton jedoch der Zusammenhang klar geworben und er hatte damals seinem Verteidiger ben Auftrag gege­ben, Hope einem Zwischenverhör in Bezug auf seinen eigenen schweren Betrug zu unterwerfen. Der Vertei- biger hatte sich jedoch geweigert, es zu tun, teils weil er seinem Clienten keinen Glauben schenkte, teils weil er annahm, daß Ihm dies Zwischenverhör vonseiten bes Gerichtshofes, als nicht zur Sache gehörig, unter­sagt werden und bas Gericht noch mehr gegen den DÄinguenten eiimehmen würde.

Damals war Dlonktou über die Weigerung in dir größt- Wut geraten und hatte seinem Verteidiger den Vorivurs gemacht, von der Gegenpartei bestochen zu sein. Jetzt aber war es ihm lieb, daß bas Geheim­nis feiner Feinde bisher unangetastet geblieben war, so daß er mm wie der Blitz auf sie niederfuhren konnte

Am folgenden Tage hatte er Hüll erreicht und be­gab sich noch dem wohlbekannten Geschästslotale. In die Kontorfcnster spähend, erblickte er jedoch lauter fremde Gesichter, und die Messingplatte der Eingangs- tür trug die Inschrift: „Atkmson u. Co."

Dennoch trat er ein und {ragte nach Mr. Bartley.

Niemand kannte den Namen.

„Aber er war der Geschäftseigentumer; ich selbst nxu bei ihm angestelli"

Es blieb dabei, der Name war allen l:n bekannt.

Monkton fragte, ob er Mr. Aikinsou sprechen könne. ,

„Gewiß, um zwei Uhr wird Mr. Atkinfon hier sein."

Zur besttmmten Zett kam Monkton wieder und er­kundigte sich nach einigen Umschweifen, ob bet jetzige Geschäftsinhaber nicht der Nachfolger Mr. Robert Battley's fei.

Nein, Mr Atkinson hatte das Geschäft von einer Witwe, Mrs. Duplex gekauft, die noch heute in Hüll ansässig war, und der Mann derselben hatte cs, wie der jetzige Besitzer zufällig wußte, von einem gereiften Whttaker, Kaufmann in Boston, übernommen.

„Ob bet noch lebt, Sir?"

„Ich glaube; die Firma ist sehr bekannt."

Monkton wendete sich an WhitÄer und erhielt die Antwort, daß dieser das Geschäft von Barttey erstan­den hatte Das war jedoch vor einer Reihe von Jah­ren geschehen und der Name des Veeckäusers war ihm nie wieder vorgekommen.

Ratlos kehrte Montton nach London zurück. Was nun beginnen, — Sich an ein geheimes Polizeibüro wenden? Oder in ben Matter» bekannt machen, daß Mr. Bartley aus Hüll seine jetzige Adresse einem be­stimmten Agenten einfenben möge, der ihm eine wich­tige Mitteilung zu machen habe? Beides war nicht nach Monkton's Sinn, er wünschte urplötzlich vor Battleh oder Hope ober beiben auszutauchen.

Tann jagte er sich selbst .Jedenfalls muß Bari, ley steinreich geworden sein, sonst Hütte er fein Ge­schäft nicht aufgegeben Zehn gegen eins, daß er in London lebt. Ich werde mich im Park nach ihm um­sehen."

Er tat es zu den verschiedensten Stunden, nahm Reiter und Wagen-Jnsaffen in Augenschein — von Bottley nirgends eine Spur.

Eines Tages aber, als er in der „Damenallee" die vorubersahrenden Wagen wieder einmal einer auf­merksamen Prüfung unterwarf, kam inmitten der lan­gen, langsam dahinziehenden Reihe eine elegante Vik- toriachaife an ihm vorbei, in der eine schöne Frau mit herrlichen dunklen Augen und ein kleiner Knabe, ihr vollendetes Ebenbild, saßen — seine Frau mit ihrem Kinde.

Monkton machte eine hastige Bewegung; die Dame schien ihn jedoch nicht zu erlernten, verbeugte sich aber gegen einen Herr» an Monkton's Seite, der ach­tungsvoll den Hut gelüftet hatte.

„Was für ein herrliches Geschöpf!" rief ein jun­ger Dandy, zu dem Grüßenden gewendet. „Sie ken­nen die Dame?"

„Ganz oberflächlich."

„Wer ist sie? — Eine Herzogin?"

„Rein, Mrs. Braham, die Frau eines Maklers .. eine bekannte Schönheit"

Das war genug für Monkton; er trat zur Seite und ging dem Wagen nach. Mochte derselbe am Hyde-Park-Corner oder Marble-Arch in die Stadt ein- biegen, so konnte sein Verfolger einen Fiaker nehmen imd ihm nachfahren.

Kaum aber hatte sich die Vtttoriachaise aus dem Gedränge der Wagen frei gemacht, als Mrs. Braham ihrem Kutscher einen Befehl gab, und sogleich wendete sich dieser mit einer Schnelligkeit nach Chester-Gate und Mayfair entlang, daß es unmöglich war, dem­selben m einem Mietwagen nachzukommen.

Monkton zündete sich eine Zigarette au „Fa­moses Frauenzimmer!" sagte er spöttisch zu sich selbst. „Sie tat mich erkannt und nicht mit der Wimper ge­zuckt"

Am folgenden Morgen begab er sich zu ihrem Ad­vokaten.

„Ich komme, Sir, mir eine Gefälligkeit von Ihnen zu erbitten", sagte er.

Der Advokat, der sogleich mrf seiner Hut war, gab keine Antwort.

„Ich wünschte hier in Ihrem Büro eine Unter rebung mit Mrs. Braham zu haben."

Der Advokat zuckte zusammen, hatte sich aber augenbliettich wieder gefaßt.

„Eine unserer Klientinnen?" fragte er.

„Jawohl, Sir."

„Braham? Braham?" sagte der Advokat, als ob L;in sein Gedächtnis den Dienst versagte

„Die Frau eines Mckklers."

„Bo Ist ihre Wohnung?" (Fottseßnna folat.),