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278. Erstes Blatt. " Fulda, Montag den .5, Dezember 1910. 37. Jahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 3. Dezember 1910.

Antrag v. Rormann (L) betreffend Maßregeln gegen den .Niedergang des Handwerks.

Abg. Pauli (kons.) begründet den Antrag: Die verbündeten Regierungen sollen erwägen — gesetz­geberische oder Verwaltungsmaßregeln —, um dem Mittelstand zu helfen. Von 1895-1907 haben sich die kleinen Betriebe nur um 6,4 Prozent vermehrt, die mittleren um 39,8, die großen um 68,9 Prozent. Auf den Stillstand folgt aber der Rückschritt. Und wer trägt dir Schuld: die Warenhäuser, das Großkapital, die Konsumvereine. Die sozialdemokratischen Konsum- vereine mit ihrem Jahresumsatz von 270 Millionen Mark üben einen verheerenden Einfluß aus. Auch Beamten und Ofsizierskonsumvereine schließe ich nicht aus Der Redner fordert eine Revision der Sub- Missionsbedingungen, möglichste Ausschaltung des Zwischenhandels und Vergebung der Arbeit am Ort. Die Konkurrenz der Gefängnisarbeit ist für das Hand« werk kaum noch zu ertragen. Not tut vor allem Einig­keit unter allen Handwerkern, nicht nur in dem Streben Nach Besserung der Verhältnisse, sondern auch in den Mitteln und Wegen. (Beifall rechts.)

Abg. Euler (Ztr.): Wir haben seit langen Jahren den Versuch gemacht, dem Handwerk zu helfen, und hie Konservativen, auch die Freikonservativen, und so­gar in den letzten Jahren die Nationalliberalen zum Teil haben unsere Forderungen unterstützt. Nur von der Fortschrittlichen Volkspariei und der äußersten Linken sind unsere Forderungen immer mit großer Entschiedenheit bekämpft worden. Von der äußersten Linken war ja dieses Verhalten nur konsequent. Ihre Tendenz geht ja schon aus den Worten ihres Führers bei der Beratung der Gewerbeordnung von 1869 her­vor, ' des Dr. Schweitzer, versagte: „Nicht deswegen stimme ich für das Gesetz, weil ich von ihnt große Vor­teile für Staat und Gesellschaft erwarte, sondern im Gegenteil, weil ich davon erwarte, daß tausende und abertausend selbständige Existenzen verloren gehen und dann in unsere Reihen geführt werden." Das Zentrum hat seil 1877, seit dem bekannten Antrag Gahlen fort gesetzt Anträge zum Schutze des Handwerks gestellt Das Hauplerfordernis ist, daß das Handwerk sich durch Korporationen eine feste Organisation gibt. In diesem Sinne ist unsere Fraktion stets bemüht gewesen, durch die Gesetzgebung einzugreisen. Bedauerlichermcife ist der zweite Teil des Gesetzes zur Sicherung der Bauhandwerkerforderungen doch nicht zur Ausführung gelangt, trotzdem dieses Gesetz, seit einer Reihe von Jahren gefordert, endlich nun auch zustande gekommen ist, jetzt aber nur zum Teil aus- gefuhrt wird. Man darf nicht sotange warten, bis das ganze Handwerk von Großbetriedm aufgesogen ist. De>.n es eröffnen sich dem Hand merk auch immer wieder neue Absatzgebiete. Das Handwerk muß vor allem in sich fest geschlossen sein und S t an des b ew uß t se in Mio eit. Ein großer Uebelstund für das Handwerk liegt m de n übermäßig ausgedehMe.r Kreditwesen. Auch hierin blüht, wie tm Baugewerbe, ein ganz besonderer Schwindel. Die Handwrrkervereine Westfalens Haden die dauleuswerte Anregung gegeben, daß jedem Lohn­arbeiter je nach der Höhe seines Lohnes wöchentlich ein kleiner Abzug gemacht werden kann, wodurch zum Bei­spiel der Schneidermeister den Anzug bezahlt erhält, den er dem Arbeiter geliefert hat. Rach dieser Rich­tung müsse« unbedingt Einrichtungen geschaffen werden, um "een kleinen Haut werlern zu helfen. Tenn es ist geradezu erschreckend, in welcher Weis» die Haudwerter Siu fälle erfahren, die auch durch leine Psänduug ein- zulre dcn sind. - In anderer Weise ist sür das Hand­werk namentlich durch die Meisterkurse manches Erfreuliche geschaffen worden. Diese Anstalten haben 'sich besonders in Köln bewährt und stehen in hohem Ansehen. (Sehr richtig! im ZtrO Die damit verbunde­nen 'Anstalten sind jetzt dazu, üoergegangen, den Haud- workcrn auch die Anschaffung von Maschinen zu ver­mitteln, denn zum Beispiel in Groß-Berlin hat das Handwerk eingeseheu, daß es die Maschinen braucht, um sich gegenüber den Großbetrieben leistungsfähig zu rhallen. Das Handwerkergesetz von 1897 hat sehr egensreich gewirkt, dos den Handwerkern die Be- chaffimg von Kieinmaschinen erleichtert und ihnen tue gründliche Fachausbildung garantiert hat. Das etzle Moment ist befonders wichtig, da nur so aus dem Sandwerk einer sreulicher Nachwuchs guter Handwerker, zuter Christen und guter Staatsbürger gewährleistet vird. (Sehr richtig! im Ztr ) Erfreulich gewirkt haben auch bie Innungen, durch chrx Förderung des Genoffeit- schast-iwejens und durch die Ermöglichung der Be- teiliguna an staalkichen und korumunalen Submissionen, enteilt Bestreben, dem die öffentlichen Behörden erfreu- lichiriveife immer mehr Rücksicht zuteil werden lassen. Der Heine Kaufmannsstand befindet sich in derselben Lage. Daher möchte ich besonders die Beamter bitten, denen im vorigen Jahre durch unsere Initiative die Wünsche -rsüllt worden sind, jetzt auch Rücksicht zu nehmen auf die kleineren Gewerbetreiben­den. (Sehr richtig! im Ztr.) Der Prinzregent von Bay nn hat »erboten, daß die Beamten und Offiziere durch ihr» Organisationen den Mrttelstand schädige». Ich hoffe, da» die verbündelen Regierungen in dem­selben ©inne vorgehen. (Lebh. Bestall im Zir.i

Abg. Dr. Pach»«ke (Bp.) polemisiert gegen die Rechte. Der Bnad der Landwirt» sei ja selber etn großes Warenhaus, und was lönne man acht alles bei den Genossenschaften des Dr. Heim und Genoffcn kaufen! tBeifall links.) Daß es dem Handwerk schlecht gehe, sei in erst« Linie eine Folge der Zollpolitik. Das beste Mitiel zur Hebung des Handwerks seien die Foridstdunzsschitl«:, di» von allenüberflüssige« Fächern, nrie Reiigioasunterricht. entlastet werden müßte«. (Bei­fall links.)

Abg. Brubne <Soz.) führt den konservativen An­trag auf Wahlrücksichteu zurück und meint, dem Ar­beiter gehe es noch viel schlechter als dem Handwerker.

Abg. Findel (natk.) fordert, daß über der Sorge für die Arbeiter die Sorge für de» Mittelstand nicht vernachtäfstgt werd«.

Ädg. Bi«; (Rsp.) fordert Beschränkurg der Wander­lager und Schntz des Geselirninels.

• AVg. Rast» (W.rlsch. Vgg.f: Wo bleibt die Ein- sühi ung des Bejähiglurgsuachureises'k Wir verlailgen auch d:e Eiiichlung von Kleinhandelskaminern bei den Landgenchten. Die Konsumvereine Haden keine Existenz berechtigung. Am schlimmfteie wirkt der gewerkschast- lrche Terrvncmus. Die Nationalliberalen Haden sür das Handwerk nur Worte, tetue Taten. Sie sorgen nur für Großindustrie und Großfinanz. Recht ittnge Freunde des Handivrrls find die Frei- innigen. Ader mit ihreur Ruf nach Bildung st. es nicht getan. Fehlt eS doch unser» Handwerkern nur an Käufern sür ihre hochivertigen Leistungen. Die Liberalen hüben uns nntere Organisation, unsere Innungen zetschkagen. Uns werfen fi» die Finanz- reform vor. Als wir jedoch die miltelstnndssreimbliche Kotreiunassteuer fchufen, Haden sie den Hansabund

begründet. Er hat eS sich etwas kosten laffen, einen Teil des Mittelstandes unter seine Fahnen zu sammeln. Aber wenn der Hansabund dem Handwerk billige Be­triebsmittel besorgen will, wie er verspricht, dann werden die Großhmrdler rebellisch werden. Dann kommt zu der 99. Palastrevolution bald die 100. Was will der Hansabund nicht alles leisten? Er wird wohl auch noch das Schießpulver erfinden. (Sehr gut! rechts.) Vielleicht kommt noch anderes nach — Errichtung von Bedürfnisanstalten «sw. Es eröffnet sich noch ein weites Gebiet für liberale Betätigung. (Heiterkeit und Beifall rechts.) Das beste am Hansabund ist sein Name. Der Hansabund sollte sich Hänselbund nennen, aber die Handwerker werden sich nicht lange von ihm hänseln laffen. (Lebh. Beifall rechts.) Der Redner wendet sich dann gegen die Sozialdemokratie. Die ist jetzt vorsichtiger als früher, aber hier und da kommt die ganze erbarmungslose Grausamkeit zum Vorschein, mit der dieser alte Feind dem Mittelstand den Unter­gang wünscht. (Zustimmung rechts.)

Das Haus vertagt sich.

Montag 2 Uhr: ArbeitSkammergesetz.

Deutscher Reich.

** Berlin, 4. Dez 1910. Das Befind en der Kaiserin, die an Ohrenschmerzen litt, ist durchaus befriedigend. — Das Kronprinzen- paar hat im Automobil die Rückfahrt nach dem Kings Pavillon von Kandy angetreten.

P Zur Rot der Winzer. Der rheinische und der Triersche Bauernverein haben beim Reichstag beantragt, zur Hebung des Notstandes den Winzern vorübergehend die Staats steuern zu erlassen und außerordentliche Mittel zu herab- gesetzten Zinssätzen zur Verfügung zu stellen, die Schaumweinsteuer zu verdoppeln, sowie den Zoll für ausländische Weine erheblich zu er­höhen und Maßregeln zu ergreifen sür die wirk­same Bekämpfung der tierischen und parasitären Rebenschädlinge.

• Rudolstadt, 3. Dezember 1910. Als in der heutigen Sitzung des Landtages vor der Ab- staumung über das Wahlgesetz die sieben sozial­demokratischen Abgeordneten den Sitzungssaal verließen und insolgedesien der Landtag be­schlußunfähig war, erklärte Staatsminister v. d. Recke, daß die Verhandlungen keinen Zweck mehr hätten und infolgedessen er im Namen des Fürsten den Landtag vertage.

ReichLtagswahlvorbereilmigeil.

* Dortmund, 3. Dezember 1910. Eine hier ab» gehaltene Versammlung der Fortschrittlichen Volkspartei sprach sich dahin aus, daß bei den kommenden Reichstagswahlen eher an ein Zu­sammengehen mit der Sozialdemokratie als mit den Nationalliberalen zu denken sei; zunächst solle aber eine eigene Kandidatur proklamiert werde!'.

Ausland.

* Tie englisckfkn Wahlen.

Bis gestern nachmittag wurden gewählt: 51 Liberale, 62 Konservative, 7 Mitglieder der Arbeiterpartei und 5 Redmondisten. Tie Libe­ralen gewinn.» 4, die Unionisten 7 Sitze.

** Dem französischen Senat hat der Justiz- minister einen Gesetzentwurs unterbreitet, der die bisherigen Strafbestimmungen gegen die unsittlichen Schriften ergänzt. Der An­trag der Regierung geht dahin:

Mit Gefängnis von einem Monat bis zu zwei Jahren uno einer Buße von 100 bis 5000 Francs wird jeder bestraft, der das Vergehen der Verletzung der guten Sitten begangen hat durch lie Her­stellung oder das Halten behufs Handels oder Ver­leiten, durch den Ankauf, die Verkauft stell ung oder das selbst nicht öffentliche Angebot, das Ausstellen, An­schlägen oder Verteilen ans öffentlicher Straße oder öffentlichen Orten von Schriften, Drucksachen außer Büchern, Aiffchiagezettekn, Zeichnungen, Stichen, Ge­mälden, Abzeichen, Gegenständen oder Bildern, die gegen die guten Sitten verstoßen.

Desgleichen wird die Einfuhr oder die Ver­sendung derartiger pornographischer Schristen. Bilder ufw., deren Versendung in offenen Brief­umschlägen und das Singen von nicht genehmigten Liedern an öffentlichen Orten mit denselben Strasen geahnd t. Von besonderer Wichtigkeit ist die Bestimmung, daß auch gegen Annoncen und Korrespondenzen in Ze.iungen, die einen pornographischen Charakter haben, in der gleichen Weise vorgegangen werden kann. — Der Senat verhandelte über eine Vorlage, betreffend die Verminderung der Zahl der Schankwirt­schaften und nahm den Artikel 1 der Vorlage an, der sür jeve Gemeinde als Maximum sür je 600 Einwohner eine Anzahl von je drei Schankwirtschasten sestsetzt.

** Tie ftavzöstfchen Royalisten hietlen am Freitag unter dem Vorsitz des Generals Bonnal in London eine Versammlung ab. Zu Beginn erklärte der frühere Direktor der Kriegsakademie, die Wvlken zwischen dem Herzog von Orleans und feinen An­hängern würden bald zerstreut fein. Darauf empfahl ein Redner das gewaltsame Vorgehen der „Camelots hu SRoi* als wirksamste Agitation. Leon Daudet, des Dichters Sohn, sprach von dem bona« partistischen Prätendenten Prinzen Viktor, dem die Royalisten den Weg zum Throne versperren würden und müßten sie sich auch zu diesem Zwecke mit den revolutionären Syndikalisten verbinden. Auf her Straße halte die Polizei einen beträchtlichen Ord­nungsdienst organisiert. Es kam zu einigen Zu­sammenstößen am Schluffe des Meetings, und drei Camelots wurde« verhaftet.

** Die italienische Auslandspolitik fand in der Freitagssitzung der Deputiertenkammer bei der Beratung des Budgets des Auswärtigen eine sehr ausgiebige Erörterung. Nachdem der Minister des Aeußeren Marquis die San Giuliano über die Dreibundpolitik befriedigende Erklärungen abgegeben hatte, suchte er die aus österreichischer Seite ge­hegten Befürchtungen wegen des Jrredentismus zu entkräften und erklärte sodann klipp und klar, daß Italien dem Gedanken einer Annexion von Tripolis fern stehe. Die Beziehungen Italiens zur Türkei bezeichnet der Minister als freundschaftlich. Die Politik der vier Schutzmächte habe den Frieden ausrechterhallen und dadurch Griechenland und Europa einen großen Dienst erwiesen. Das türkische Mißtrauen gegen Italiens Politik sei unbegründet. Auf den Abrüstungsvorschlag Biffolatis, demgegen­über die Deputierten Brunialti und Valli immer stärkere Rüstungen forderten, antwortete der Minister:

Die österreichisch-ungarische Regierung habe voll­ständig recht gehabt, als sie in den Delegationen wieder­holt darauf hinwies, daß die Rüfiungen Italiens und Oesterreich-Ungarns nicht gegeneinander gerichtet feien, daß vielmehr ein starkes Italien im Jntereffe Oester- reich-Ungarns liege und umgekehrt. Jedesmal, wenn man verflicht habe, sich über die Abrüstung zu ver­ständigen, hätten die Beziehungen zwischen den Mächten eine Abkühlung erfahren. Es fei bester, den u m ge« kehrten Weg zu gehen, nämlich, wie er heute alle Großmächte und insbesondere Jialien und seine Ver­bündeten täten, gemeinsam dahin zu streben, alle Ur­sachen zu Streitigkeiten abzuschwächen und zu beseitigen.

Diese Erklärung enthält eine deutliche Absage. Die Rede Giulianos enthält auch einen Passus über die Kirchenpolitik und dieser ist von dem alten Haß Jungitaliens gegen Papst und Kirche eingegeben. Er lautet:

Bezüglich der vereinzelten Italien feindlichen kath. Kundgebungen im Ausland bemerkte der Minister, es hieße ihren Veranstaltungen zu viel Ehre antlun (!). wenn man ihnen zeigte, daß das italienische Parlament sich damit beschäftige. Die Rede des Bürgermeisters von Ront fei ein inner- italienisches Ereignis, über das sich Italien mit keiner fremden Regierung in eine Diskussion hätte ein­lasten können. Uebrigeus habe auch keine Macht einen solchen Versuch unternommen. Es sei überflüssig, immer wieder zu betonen, daß Rom unantastbar sei; das sei in der ganzen Welt, in Italien wie im Aus­lande, bekamt. Nicht minder unantastbar feien die freiheitlichen Grundsätze des öffentlichen Rechtes in Italien.

Diese gewaltigen Trompeieustöße und die groß- sprecherissiftn Phrasen von der Unantastbarkeit frei­heitlicher Grundsätze hätte sich der Minister des Arabern besser erspart.

volkswirtschaftliches und Soziales.

= Soziale Wahlen. Die in den letzten Tagen gebüßten sozialen Wahlen haben weitere für die christliche Arbeiterschaft günstige Resultate gebracht. Bei der Ortskraiikenkassenwahl in Kray vereinigten die christlichen Gewerkschaften auf ihre Liste 85 Stimmen, die sozialdemokratischen 40 gegen­über 46 bezw. 40 Stimmen bei der letzten Wahl. In Witten siegte bei der Wahl zur Ortskranken- kaffe der vereinigten Handwerksgesellen die Liste der christlichen Gewerkschaften mit 177 gegen 132 sozial- demokratische Stimmen. In Aachen erhielten in der Ortskrankenkasse III die christlichen Gewerkschaften 42, die sozialdemokratischen 19 Vertreter; in der Ortskrank-nkaffe IV siegten hier die christlichen Ge- werkschaiten mit 302 Stimmen gegen 64 sozialdemo­kratische, und in der Ortskrankenkasse V mit 202 gegen 177 sozialdemokratische. Bei der Gewerbe- gerichtswahl in Bochum brachte dir Liste der christ- litten Gewerkschaften 2113 Stimmen auf; die sozialdemokratische 1528. In Mülheim (Rhein) vereinigten bei oer Wahl der Vertreter zur Orts- irankenkaflc für das Handwerk die Listen der christ­lichen Arbeiter 249 Stimmen auf sich; die der „Genossen" 174. In Hagen i. W. siegte bei der iiart umstrittenen Ortskrankenkasse VI wieder die Liste der christtich-na tonalen Arbeiter mit 340 Stimmen gegen 312 der Sozialdemokraten. !Jn Weitmar gelang es bei der Ortskrankenkassen- Vertreterwahl, die sozialdemokratischen Gewerkschaften mit einer um das Zweieinhalbsache überlegenen Stimmenmehrheit aus dem Felde zu schlagen. In Gelsenkirchen-Ueckendorf brachte die Wahl der Vertreter zur Ortskrankenkasse den christlichen Gewerkschaften den Sieg mit 148 Stimmen gegen 76 sozialdemokratische, und in Gelsrnkirchen- Schalke die Ortskrankenkaffenwahl den Steg mit 369 über 302 sozialdemokratische Stimmen; und ebenfalls in Kettwig mit 57 Stimmen gegen 48 sozialdemo­kratische.

totales.

Fulda, den 5 Dezember 1910.

- Tas Titularsest des Kathol. Kaufmännischen Vereins am gestrigen Tage gestaltete sich zu einer erbaulichen Feier. In großer Zahl hatten sich die Mitglieder de- Vereins und die Lehrlingsabteilung in der Michaelskirche versammelt, woselbst der Hochw. Herr Bischof das hl. Meßopfer darbrachte. Nach dem Evangelium richtete der Oberhirle eine Ansprache an die Versammelten, in der er seiner großen Freude Ausdruck gab darüber, daß es ihm ratgönnt sei, den K. K. V. Fulda zum erstenmale in seiner Gesamtheit um sich geschart zu sehen. Hinweisend auf die hehren Ideale des Verbandes, die dieser unter dem Schutze der Gottesmutter wiederholt, trotz mancherlei Lockungen, betätigt habe, fügte er bei: „Ehre und Anerkennung banim foldjem Verbände, der seine Treue zur Kirche, zu Papst und Episkopat gerade in letzter Zeit wieder- holt dokumentiert hat. Der starke Glaube der Gottesmutter und die daraus resultierende Lieb« zu Christus sei der Leitstern in unserer Zeit, besonders auch sür die Kaufleute, die im Verkehr mit der Welt mancherlei Gefahren zu bestehen hätten."

Diese Tugenden zu übe«, empfahl der Hecr Bischof in herzgewinnenden Worten. Nach der Communio spendete der Oberhirte die hl. Kommunion. Dett Schluß bildete die Erneuerung der Weihe an die Gottesmutter.

-Q» Im katholischen Gesellenverein wurde gestern abend des 45. Todestages des Gesten- vaters Adolf Kolping (f 4. Dezember 1865) in gebührender Weise gedacht. Der Vizepräses, Herr Stadtkaplan Pfeiffer, hielt eine ernste Gedenk- rede und die zahlreiche Versammlung fang mit Innigkeit das Lied „Kolpings Grab", dessen Schlußstrophe so schön auf die Dankbarkeit der Gesellen hinweist. Gleichzeitig wurde oer Namens­tag des Präses, Herrn Stadtkaplan Andreas Führ, begangen. Die Feier trug einen sehr herzlichen Charakter.

(*) Das Kreuz des Allgemeinen Ehrenzeichens ist dem pensionierten Straßenmeister Wilhelm Wengenroth von Fulda verliehen worden.

)( Revision der Ouittimgskarten. Die Landes- vcrsichernngsanstalt Hessen-Nassau wird in den nächsten Tagen nochmals einen Bürodeamten in den hiesigen Kreis entsenden, um stichprobeweise bei einzelnen Arbeitgebern kontrollieren zu lassen, ob diese für die bei ihnen beschäftigten Versicherungs­pflichtigen Personen die fälligen Beitragsmarken in zureichender Höhe und Anzahl verwendet haben.

1 Der Landwirtschaftliche Kreisverein hielt am Samstag im Ballhause eine zahlreich besuchte Generalversammlung ab. Herr Amtsgerichtsrat Rhiel behandelte in einem sehr freundlich aufge­nommenen Voitrag« das Thema: „Eheliches Güter­und Erbrecht-im Fuldischen vor und nach dem 1. Januar 1900." Redner wies einleitend darauf hin, daß trotz der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches ein volles einheitliches bürgerliches Recht im deutschen Reiche noch nicht existiere, und hob dann nach einer knappen Darstellung des früheren Rechtszustandes die durch das Bürgerliche Gesetz­buch, das Einführungsgesetz und das Preußisch« Ausführungsgefetz geschaffenen Neuerungen hervor. Darnach ist für die Ehen, die vor dem Jnkraft- treien des Bürgerlichen Gesetzbuches geschlossen sind, und in denen die fuldische allgemeine Gütergemein­schaft galt, an die Stelle der letzteren eine in man­chen Beziehungen anders geartete allgemeine Güter» gemeinschaft getreten, deren hervorstechendste Ab» weichung sich darin äußert, daß bet Auslösung der Ehe durch den Tod eines der Eoegatten der über» lebende nicht mehr alleiniger, unbeschränkter Eigen- lümer des gütergemeinschaftiichen Vermögens wird, sondern daß er mit seinen Kindern die Gütergemein­schaft forlsetzt, ferner, daß bei Wiederverheiratung Äbichichtung mit den Kindern zu erfolgen hat, wäh­rend früher der sogenannte Voraus reguliert wurde, und der wiederheiratende Ehegatte Eigentümer des gütergemeinschaftlichen Vermögens blieb. Für bi« nach dem Inkrafttreten des B. G»B. geschlossenen Ehen gilt dessen gesetzliches eheliches Güterrecht, das die Vermögensobjekte der Ehegatten getrennt läßt und nur dem Ehemann an dem Vermögen der Ehefrau Nießbrauch und Verwaltung einräumt. Die Beerbung der Ehegatten erfolgt nach den Regeln des gesetzlichen Erbrechts, soweit letztwiüige Be­stimmungen nicht getroffen sind. Redner gab der Befürchtung Ausdruck, daß durch das neue gesetzliche Güterrecht und die dadurch bedingte Erbfolge di« Gefahr einer Zerspittermig des bäuerlichen Grund­besitzes bestehe, die jedenfalls da zu bedauern sei, wo früher die geschloffene Uebergabe unb Vererbung des bäuerlichen Besitzes hie Regel gewesen sei. Ein gebundener bäuerlicher Besitz bilde aber eine Haupt­bedingung sür einen starken, leistungsfähigen Bauernstand, der im Jntereffe der Familie, bet Gemeinde und des Staates zu erhalten sei, Das lebhafte Jntereffe, ba8 der Vortrag weckt», äußerte sich durch reichen Beifall unb durch ein Fülle von Fragen an be.i Redner, bi« in Hebens würdigster Weise beantwortet würben. Sodani ■ sanden einige geschäftliche Angelegenheiten ihre Erledigung. Nach einem Schreiben an bei Verein beabsichtigt der Magistrat bet Stadt Fuldi den Pferdemarkt von 1912 ab ausfallen zt laffen, da nach den Austriebszahlen bet seitheriger Märkte zu schließen in landwirtschaftlichen Kreise« nur wenig Jntereffe für den Markt zu bestehe« scheine. Die Versammlung sprach sich einmütig gegen eine Aufhebung des Pferdemarktes, an dem auch die Fuldaer Geschäftsleute tragen her damit verbundenen Lotterie interefstert feien, aus. Der Magistrat soll ersucht werden, den Markt auf einen späteren Termin, Mitte Juli, zu verlegen. ES fei alsdann ein größerer Auftrieb zu erwarten, viel­leicht lasse sich um biefe Zeit auch mit bem Pferde­markt ein Fohtemnarkt vereinigen. — Das Gesuch der Landwirtschaftskammer, her Verein möge die Bestrebungen des ReichsrarbandeS zur Bekämpfung der Sozialdemokratie durch einen Kostcnbenrag unterstützen, wurde abgelehnt. — Auf Antrag des Herrn Bisping befchloß die Generalversammlung eine Eingabe an ben Landrat, den Regierungs­präsidenten und bie Lanbwirtschastskammer, worin mit Rücksicht auf bie in her Nachbarschaft von Fulda herrschende Maul- unb Klauenseuche um Sperrung des hiesigen Viehmarktes unb, falls nötig, auch der Biehmarkte in anderen Kreisen ersucht werden soll. Nachdem her Vorsitzende, Herr Winterschuldireklor Schoppmann, mitgeteilt hatte, baß der Geschäftsführer des mitteldeutschen Ärbeits- nachweisverbandes, Herr Dr. Schlotter, in einer bet nächsten Sitzungen einen Vortrag übet bie Ein­richtung ländlicher Arbeitsnachweise zu halten be­absichtige, wurde die Generalversammlung, die dem Verein zwei neue Mitglieder zuführte, geschlossen.

* Eisenbohnprojekt Lütter — Poppenhausen. Zu dem in Nr. 277 erörterten Eisenbahnprojekten wird uns mitgeteilt, daß weder den Landratsamte noch dem Eisenbahnkomitee eine Nachricht über eine Ablehnung des Bahnprojektes Lütter—Poppenhausen zugegangen ist. Die Aussichten für diesen Bahnbau seien in letzter Zeit sogar besser geworden.