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37. Jahrgang

giiHm, Freitag beit 2. Dezember 1910

Erstes Blatt

M 276.

der

atyagtw? «e tfit» fpaltkgePrtitzeNeodrr deren Sau« 15 pfg. ReNamendiePetitzeil« pfg., bei wieder' q»!ungen wird eutspr.

Rabatt gewährt.

«atatlonrbrnckmid Verlag der Kuldaer Ak- tiendruckerci in Fulda Zernsprecher Nr. 9.

(Nr. 280) zu einem Ausbruch fanatischen Gottes« Haffes. Wenn man das Geschreibsel liest, sagt man ich, es ist ein in Blödigkeit hinübergehender Fana« tismus, der derartige Ausgeburten schafft; aber zu bedauern ist doch, daß solche Gotteslästerungen in unserem Lande gedruckt werden dürfen.

* Für Herrn Bafsermann scheint man endlich einen Wahlkreis gesunden zu haben. Wie nach dem „Bsrl. Tagebl." verlautet, soll er in Guben«Lübben an Stelle des Prinzen zu Schönaich-Carolath ausgestellt werden, der jüngst erklärte, bei den nächsten ReichstagSwahlen nicht wieder kandidieren zu wollen. Bei den letzten Wahlen wurde Prinz zu Schönaich-Carolath mit 15262 Stimmen gegen 5909 sozialdemokratische und 52 Zentrumstimmen im ersten Wahlgange

gewählt.

* Hamburg, 1. Dezember 1910. Graf von Goetzen, preußischer Gesandter bei den Hansa« stäoten, j Hier Gouverneur von Ostafrika, ist ^eute gegen Abend in der Privat kl inik von Dr. Stockmann in Berlin an den Folgen eines schweren Magenleidens gestorben.

♦ Dresden, 1. Dez. 1910. Der König hat dem Staatsminister Dr. v. Otto den Vorsitz im säch« fischen Gesamtministerium, sowie bei den in Evan- gelicis beauftragten Staatsministern übertragen.

volkswirtschaftliches und Soziales.

* Die Lohnbewegung der Bergarbeiter. In der gestern an den Vorsitzenden des Zechen­verbandes Bergrat Randebrock (Gelsenkirchen) abgesandten Eingabe des alten (sozialdemokrati« scheu), des polnischen und des Hirsch-Dunckerschen BergarbeiierverbandeS wird unter Hinweis auf die durch die äußerst fühlbaren Lohnherab­setzungen der letzten Jahre, durch die Lebens­mittelteuerung und andere Umstände hervor« gerufene bedrückte Lage der Bergarbeiter in erster Linie eine Lohnerhöhung von durchschnitt­lich 15 Prozent vom 1. Januar 1911 ab gefordert. Das Verbauen der Strecken und alle sonstigen Nebenarbeiten sollen besonders bezahlt werden. Ferner verlangen die An ragsteüer die Umwandlung des Zwangarbeitsnachweises, in einen paritätischen Arbeitsnachweis. — In einer vom christlichen Gewerkverein ausgehenden Er­klärung zum Streik auf der Zeche Lukas wird u. a. gesagt: Anscheinend soll der Sireik auf der Zeche Lukas wieder einen Streik für das ganze Ruhrrevier einleiten. Die radikalen Aeußernngen vieler Genoffen aus den verschiedensten Gruben des Ruhrgebiets zeigen es. Es wä e Selbstmord für den Gewerkverein, uollte er solchen wilden Bewegungen seine Zustimmung geben. Ein solcher allgememer Streit würde in diesem Augen­blicke nur der Arbeitersache schaden.

«rschelnt tigliiQ mit Ausnahme der $o.m= »ab Feiertage, viertel­jährlicher vezngrprels ohne Nringerlohn «nd vesteLgeldinFuldasS' »ir auswärts 1.8« M.

Verant«. Redakteurr Lark Schütter

kaffen.

* Rücktritt des Polizeipräsidenten v. Jagow? Die ,Köln. Volksztg.' bringt die mit Vorsicht aufzunehmende Nachricht, daß die Stellung des Berliner Polizeipräsidenten v. Jagow infolge des Verlaufes des Moab iter Krawallprozesses schwer erschüttert sei. Man rechne mit Be­stimmtheit ouf seine anderweitige Verwendung, sobald der Prozeß zu Ende sein wird.

* Will das Giohherroqtum Sachsen-Weimar Kaiser und Reich Fehde ansagen? so fragt die ,Kreuzztg.', weil das amtliche Nachrichtenblatt für das Groß- hcrzoztum, die .Weimarische Zeitung', über die Besprechung Der sozialdemokratischen Kaifer- intcrpellation im Reichstag folgendes schreibt:

„Nun war allerdings die damalige Erklärung svom November 1908) so diplomatisch gefaßt, daß man in den Kaiserreden keinen Widerspruch zu finden braucht. Auch hier kommt es einzig darauf an, wie damals der Reichstag und das deutsche Volk die ErNärung auf. fassen mußten. Nur dann hatte diese Erklärung eine Bedeutung, wenn sie auch innegehalten wurde, „und zwar von keinem Kanter gedreht und gedeutelt". Dieser Ueberieugung gaben die beiden liberalen Frak­tionsredner Baffermann und Payer Ausdruck. Wie anders aber klangen diesmal die Ausführungen der Redner des Zentrums und der Rechten, al? vor zwei Jahren! Man will nun einmal mit der Bülow- s chen Erbschaft radikal aufräumen. Kommt noch hinzu, daß die Rede in Beuron die Zentrums­herzen mit froher Hoffnung geschwellt hat, daß die Jesuiten demnächst in Deutichland ihren Einzug halten werden, so zeigte fich auch hier wieder, wie gründlich fich in den letzten zwei Jahren die Verhältnisse geändert haben. Was damals der ge­samte Reichstag als eine wertvolle Errungenschaft an­gesehen hatte, wird heute zum alten Eisen geworfen."

Die,Weimarische Laudeszeitung', so schreibt die ,Kreuzzeitung', dürste wohl das einzige amtliche Regierungsorgan im Deutschen Reiche sein, daS sich in der Frage der Kaiserreden an die Seite Payers und der Sozialdemokraten, also in Opposition gegen den Reichskanzler, jagrgendenKaiserselbft, stellt. Was das Aufräumen mit der Bülowschen Erbschaft betrifft, so hat das Großherzogtum Sachsen-Weimar daran ein gleiches Interesse wie Die andern Bundes­staaten, die schon um des Gemeinwohls willen ein baldiges Ende der den Sozialdemokraten nutzbringen- den Zänkereien unter den bürgerlichen Parteien herbeisehnen. Aber auch in Weimar, scheint es, mag man keine »Schwarzblauen" leiden, doch ihre Steuern nimmt man gern!

X Verschal saug der Stimmung gegen die Pole». Ein Bromberger hakatistisches Blatt, die »Ostdeutsche Rundschau' kündigt soeben die Anwendung des Enteignungsgesetzes gegenüber den Polen für die nächste Woche an. — Näheres bleibt abzuwarten. Hoffentlich vergißt die preußische Regierung niemals den Bebelschen Satz, womit dieser fich in der Zen« trumsinterpellatiov über das preußische Polen» enteignungsgefetz dazu aussprach. „Wir werden uns eines Tage», wenn wir zur Expropriation

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 1. Dezember 1910.

Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung «sten Beratung des

Kurpfuschereigesetzes.

Bereich einer Gemeinde hinausreichen, die aber ihrer ganzen Art nach zu den Aufgaben der Gemeinden gehören: Elektrizitätswerke, Gaswerke, Wasserwerke, Straßenbahnen usw. usw., dann auch im Schul­wesen, Armenwe en, usw. usw. Seit einigen Jahren strebt man nun dahin, der Bildung solcher Verbände eine gesetzliche Grundlage zu geben. Darüber hat am Donnerstag eine Beratung im Ministerium des Innern stattgefunden, lieber den Gang der Verhandlungen wird Stillschweigen beobachtet.

a. Tie Hebung des Kurses der Reichs- und Staatsanleihen liegt den gesetzgebenden Körperschaften sehr am Herzen. Die Reichs- verficherungskommisfion führte am Don- nerstag die Beratung des Buches »Jnvaliden- und Hinterbliebenenversicherung" weiter. Bei dem Kapitel Sonderanstalten wurde die Bestim- mutig eingesügt, daß sie mindestens ein Viertel des Vermögens in Reichs- oder Staatsanleihen anzulegen haben.

s. Das Gemeindebesteuerungsrecht derRerchs- anlagen beschäftigte die Budgetkommifsion des Reichstages am Donnerstag weiter. Man erörterte sehr eingehend die Prozentsätze, nach dem sich die Höhe des Reichszuschusses zu den Unkosten der betreffenden Gemeinden richtet. Bei der Abstimmung wurde die Grenze von 2000 Maik, bis zu welcher die Beamten und Arbeiter der Reichsbetriebe als Belastung der Gemeinden angesehen werden sollte, beseitigt, und ferner wurde bestimmt, und zwar einstimmig, daß eine Belastung der Gemeinde schon dann angenommen wird, wenn eine Arbeiterbevölkerung von 2% der

schreiten werden, dieses Gesetzes als wertvollen Präjudizfalles erinnern." Ein Schritt auf dieser Bahn, und es gibt kein Halten mehr!

)( Unter dem Drucke der Fleischnothetze ist die sächsische Regierung bereit, etwas zu tun. Wie gemeldet wird, dürfte die sächsische Regierung geneigt sein, die Einsuhr gesunden Fleisches aus Holland und Dänemark zuzulaffen. Zu einer Besprechung hat die sächsische Regierung eine Zusammenkunft der sächsischen Bürgermeister in Dresden im Lause der nächsten 14 Tage ein­berufen.

* Tie Hanpkerhandlmtg der Deutschen Kolonial« gesellschast wurde am Donnerstag in Elberfeld unter dem Vorsitz des Herzogs Johann Albrecht zu Mecklenburg abgehalten. Dieser berührte in seiner Eröffnungsansprache auch seine R.ise nach Ostasien und rühmte die Zustände in Kiautschou. Nach dem Geschäftsbericht beträgt die Mitgliederzahl 38 928 gegenüber 38509 im Vorjahre. Verhandelt wurde u. a. über die Bestedeluugsfrage für Deutsch-Ost« asrika und die Errichtung eines Kolonial« und Konsulargerichtshofes im Deutschen Reiche.

+ Sozialdemokratische Anmaßung. In einem Berliner Vorort hat die Schulbehörde zu einem Elternabend eingeladen, der in einem von der Sozialdemokratie boykottierten Saale statt« finden soll. Der .Vorwärts" ist jetzt so unver­froren, zu verlangen, daß die Schulbehörde auf diesen Boykott Rücksicht nehme und für den Elternabend einen anderen Saal wähle.

Mche und Schule.

F. Fulda, 2. Dez. 1910. Der Bezirksverein Fulda des Vereins katholischer Lehrer in der Diözese Fulda wird am Lamstag, den 28. Januar nächsten Jahres anläßlich der hundertsten Wiederkehr des Geburlstages des Pädagogen Dr. Lorenz Kellner eine Kellner - Gedächtnisfeier abhalten. Da auch die benachbarten Bezirksvereme lierzu eingeladen find, wird die Feier aus dem Rahmen der üblichen Bezirksversammlungen herausgehen.

* Würzburg, 1. Dez. 1910. Das Diözesan- Blatt veröffentlicht einen von den Erzbischöfen und Bffchösen Bayerns unterzeichneten Erlaß, der am nächsten Sonntag auf allen Kanzeln zur Verlesung kommen soll und fich richtet gegen die Ausschreitungen einer Presse, »die offen die Lehren der katholischen Kirche bekämpft und die guten ©Uten verletzt". Solche Preß-

sein möge, für unpraktisch in dem englischen Großstaat nit seinen verwickelten Verhältnissen.

Eigentlich sind grundsätzliche Erörterungen über das Balsour'fche Referendum überflüssig; denn das ganze ist nur ein wähl taktisch es Manö­ver. Natürlich bietet die unionistische Partei alle Kräfte und Künste auf, um den Liberalen die Mehr­heit zu entreißen ober wenigstens die Regierungs­mehrheit so weit zu schwächen, daß fie für die geplan­ten grundstürzenden Reformen nicht mehr ausreicht. Die allgemeine Ansicht geht dahin, daß der König den verlangten Pairsschub nur dann vollziehen werde, wenn die Wahlen eine beträchtliche Mehrheit ür die Regierung ergeben. Unter diesen Umständen 1 jedes Mandat Gold wert Die Union ssten arbeiten auch nicht allein für die Rettung des Oberhauses aus taalsrechtlicher Grundsatztreue, sondern noch wich- iger als diese Angelegenheit, erscheint ihnen das Home Rule für Irland, das die erste realistische Frucht der Entrechtung des Oberhauses sein würde. Also im Entscheidungskampf, der zu der höchsten Anspannung der Werbekraft nötigt!

Nun hat man neuerdings im unionistischen Lager eckannt, daß die Schutzzollparole eine zwei­schneidige Waffe ist. Ihre Zugkraft auf die schwanken­den Wählermassen scheint den Erwartungen nicht zu entsprechen, und andererseits gibt es im unionistischen Laaer viele Leute die zwar gern für das Oberhaus, aber nicht gern für den Schutzzoll eintreten. Im hohen Rat der Partei hat man nun beraten, wie -m3 der zollpolitischen Zwickmühle herauszukommen sei,— Balfour glaubt durch das R e f e r e n d u m die Sache ins Lot bringen zu können.

Wenn die Wähler wissen, daß die Schutzzollfrage noch zur Volksabstimmung gelangen soll, so brauchen sie bei der gegenwärtigm Wahl (ich auf diese Frage nicht zu verbeißen. Auch konservative Freihändler können im Interesse des Oberhauses für Balfour und Genossen stimmen, und sogar die liberalen Feinde des Jrenvolkes können sich auf die Seite der Opoo- fition schlagen, um Home Rule zu verhindern. Neben­bei erringen die Unionisten noch einen Vorteil hiebet Wahlpolemik: sie können den Liberalen sagen: „Seht ihr wohl, wir scheuen den Volkswillen nicht; wir wol­len sogar das souveräne Volk über unsere Tarifreform frei und endgültig entscheiden lassen. Nun zeigt mal euren Respekt vor dem Volk, indem ihr auch ebenso bestimmt erklärt, daß die hochwichtige H o m e-R u l e- Frage ebenfalls der unmittelbaren Volksabstimmung unterbreitet werden soll!" Bei dieser Anzapfung gehen die Unionisten von der Ansicht aus, daß zwar unter Umständen das Wahlglück eine Mehrhett von Abgeordneten für Home-Rule ergeben könne, daß aber die Mehrheit des englischen und schottischen Volkes sich stets gegen die irische Selbstherrlich­keit aussprechcn würde.

Man steht, daß der englische Wahlkampf mit außer- ordentlicherSchärfe und mit einem Aufgebot der kunst­vollsten Agitationsmittel geführt wird Im allgemei­nen hat man den Eindruck, daß die Unionisten ihrer Sache weniger sicher sind, als die Liberalen und deren Verbündete, und daß also erstere gewundene Wege zur Eroberung der Wählerschaft einschlagen muffen. Doch läßt sich darauf noch keine Prophezeiung grün­den. Man muß namentlich im Äuge behalten, daß die Liberalen, uni zu ihrem Ziele zu kommen, nicht bloß ihren Besitzstand zu behaupten haben, sondern ihn noch erheblich vermehren müssen. Die Zukunft Englands bleibt also noch dunkel. Das Erfreulichste ist, daß der deutschfeindliche Chauvinismus in den Hintergrund gedrängt bleibt.

Deutsches Reich.

** Berlin, 1. D z. 1910. Der Kaiser hü te am Mittwoch den Vortrag des Chefs de? C.vik- kabinetts von Valentini. — Prinz Heinrich, des Kaisers Bruder, besichtigte am Mittwoch abend den Erdgasbrand in Neuengamme bei Hamburg. — Die medizinische Fakultät der Universität Berlin hat sich zugunsten Der Errichiung eine» Doktors der Zahnheilkunde ausgespro len.

* Generaloberst von der Planitz f. Der frühere Generalinspektenr der Kavallerie, Genera!- ober ft von der Planitz, ist voraestern abend im 75. Lebensjahre infolge Herzlähmung in Potsdam plötzlich verschieden. Seit einigen Tagen litt er an einer Lungenentzündung, dis im Verlaufs des gestrigen Tages eine sehr ernste Wendung nahm. — Mit Generaloberst von der Planitz ist einer unserer bekanntesten Kavalleriegenerale dahingegangen, der sich um die Hebung dieser Waffe die größten Verdienste erworben hat. Der Kaiser hatte anläßlich des 50 jährigen Dienst- Jubiläums des Generalobersten bies ehrend in einer Order hervorgehoben. Am 2. Januar 1907 wurde der verdienstvolle Offizier seinem Wunsche entsprechend zur Verfügung gestellt.

* Die Reichsznwachssteuer. Gerüchte, die heute noch von einem Scheitern der Wert­zuwachssteuer oder auch von einem Verzicht des Schatzsekretärs auf diese Steuer wiffen wollten, sind, der »Franks. Ztg." zufolge, unbegründet. Die Sache liegt fo, daß an dein Entwurf in der Kommission nichts wesentliches mehr geändert werden wird, daß ihn die Kommission in zwei, drei Sitzungen erledigen und daß er dann sehr bald zur zweiten Beratung im Plenum kommen wird, wo seine Annahme nicht mehr zweifelhaft ist. Aus Aeußerunaen der an der Finanzreform beteiligten Mehrheit läßt sich schließen, daß, wenn erst diese Zuwachssteuer auf Immobilien durch gegangen ist, der nächste Geld­bedarf des Reichs durch die Ausdehnung dieses Prinzips auf Wertpapiere gedeckt werden soll.

X Konnnumcke Zmeckverbinde werden bekanntlich tot einigen Jahren für die Erfüllung solcher ge­meindlichen »xfaabe* erstrebt, die über Den örtlichen

x Im englischen WaWamtf wird von der konser v a t iv e n Partei den Wäh­lern eine kochst demokratische Emnchiung in Aussicht gestellt: Das Referendum die u nmitt bare Volksabstimmung über em bestimmtes Gesetz von hervorragender Bedeutung.

Herr Balfour, der Führer der konservatw- unionistischen Opposition hat in die WahlagitÄton einaeariffen mit der sensationellen Erklärung: seine Partei würde gegebenenfalls über den Schutzzoll­tarif eine Volksabstimmung eintreten lassen. Da­durch ist eine lebhafte Erörterung auf b e i d e n Sei. ten ausgelost worden. Einesteils sehen Freund« Bal­fours in dem Zugeständnis des Referendums eine Verletzung tonferttattoer Grundsätze und insbesondere eine Verwässerung der Schutzzollparole. Auf bei li­beralen Seite dagegen bestreitet man die Vereinbar­keit des Referendums mit dem hergebrachten Reprä- sentativ-System und hält die unmittelbare Volksab- ftimnnmg die in der kleinen Schweiz wohl erträglich

Aba. Hayer-Kausbeuren (Ztr.): Vorerst möchte ich K"en aussprechen, daß die Vorlage tatsächlich eine Gm- ränkuna der persönlichen Freiheit bedeutet. Wir Unsererseits werden aber, soweit sie wirtlich bestehende Mißstände bekämpfen will, an ihrem Zustandekommen Mitarbeiten. So wie uns der Entwurf letzi vorliegt können wir ihm freilich nicht zustimmen. Was versteht die Vorlage denn überhaupt unter Kurpfuscherei < Ich meinerseits möchte mir am liebsten die Definition eines berühmten Arztes aneignen: Arzt ist, ob approbiert oder nicht, wer Heiken kann, Kurpfuscher ist, wer nicht heilen kann! (Sehr gut!) Will man denn etwa Kneipp und ähnliche verdiente Krankenbehandler einfach als Kurpfuscher ansprechen? Ferner würde das Gesetz in seiner jetzigen Gestalt die ch ar itatlven Bestrebungen schwer treffen. Also Vorsicht gegenüber dem vorliegenden Entwurf ist dringend ge­boten, wenn wir uns nicht der Gefahr gesetzgeberischer Kurpfuscherei aussetzen wollen! Ueberhaupt möchte ich die Frage auswerfen, ob der Zweck der Vorlage nicht besser durch strenge Anwendung der landespolizeilichen Bestimmungen und der Bestimmungen des GefetzeS gegen den unlauteren Wettbewerb sowie einen weiteren Ausbau dieser schon bestehenden Bestimmungen erreicht werben könnte. Redner geht dann einzelne Paragraphen der Vorlage durch; seine Kritik deckt sich im wesent- sichen mit der des Abg. Faßbender von gestern.

s Abg. Stiicklen (Soz.) fordert ebenfalls eine genaue Definition des Begriffes .Kurpfuscher", protestiert gegen hie Machterweiterung des Bundesrats und erklärt das Gesetz als eine Folge der Bestrebungen der Aerzte, sich hie Konkurrenz vom Leibe zu halten. Die wirtlichen Kurpfuscher würden sich einfach einen Arzt engagieren 'sind Dann unter dem Schutze des Gesetzes weiter kur- pfuschen. (Sehr richtig! b. D. Soz.)

V Abg. Dr. Tove (Vp.) verteidigt vom ärztlichen Standpunkt aus die Vorlage.

Nachdem noch Der Abg. Dr. «tresemanu (natu einige Bedenken gegen Einzelheiten der Vorlage geltend 'gemacht und Abg. Dr. Arning (natl.) diesen Bedenken Entgegen getreten ist, schließt die Debatte. Die Vor- 'lage gebt an eine Kommission von 28 Mitgliedern.

Es folgen die Interpellationen Dr. Jäger (Zentr.) und Dr. Blankenhorn (natl.) betreffend die ' Bekämpfung der Rebschiidlinge.

Die Interpellationen fragen den Reichskanzler, ob er bereit ist, zwecks Bekämpfung der Redschädlinge ein gemeinsameSBorgehen der Bundesstaaten Herde,zusühren, die zweite Interpellation außervem, ob zur Bekämpfung der Rebschädkinge weitere Mittel zur Verfügung gestellt werden können. , . . . ,.

Abg. Dr Jäger (Zentr.) begründet feine Inter­pellation. «r schildert dann die durch Rebjchädlinge und die Ungunst der Witterung herbeigesührte mißkiche Lage der Winzer. In der Pfalz ist man dazu übet« gegangen, den Kampf gegen den Heu« und Sauerwurm obligatorisch zu regeln. Vollen Erfolg kann das Ver­fahren aber nur dann haben, wenn es allgemein obli­gatorisch gemacht wird. Auch das vom Rheinischen und Trierischen Bauernverein verlangte Spritzen und Schwefeln der Weinberge haben wir in der Pfalz bereis durckgeführt. Das beste wäre, wenn die Einzelstaaten sich darüber verständigten, wie sie den Kamp gegen die Redschädlinge von reichswegen in Angrif nehmen.

.stbg. Dr. Blankenhorn (natl.) begründet bte andere Interpellation und verlangt Steuererlaß, Lieferung von Kupservilriol durch den Staat u. s. w.

Staatssekretär Dekbriick: Den Notstand der Winzer erkennen wir mit ernster Sorge an. Die Pflicht ein« zuspringen, liegt den Einzelstaaten ob. Das Reich tann hur teilen durch Unterstützung wirtschaftlicher Bestrebungen, zollpolitische Maßnahmen und Schaffung geuieinsaincr Grundlagen zur Bekämpfung des Tauer- rourms. Die WinterbekAmpfling, die die Puppen des Wurms vernichtet, hat fich noch am Vesten bewährt. Sir müßte durch Zwang eingesührt werden, auf den das Reich keinen Einfluß Hal, und zwar dis zu den letzten Konsequenzen. Die Frage der Rebschädkinge wird jetzt aus Antrag Bayerns im Bundesrat behandelt. W.r werden sie sorgsam und eingehend prüfen.

iiuf Antrag Dr. Dahlem (Ztr.) findet eine Be- sp: c ch u n g Der Interpellationen statt.

Abg. Huber (Soz.) erklärt, mehr aks bte Sieb« fd 'linge habe die agrarische Wirtschaftspolitik die Winzer geschädigt. Der Heu- und Sauerwurm arbeite rascher als die Bürokratie der Bundesstaaten, aus die der Staatssekretär die Winzer verwiesen habe.

Banr. Bundesialsbevollmächtigter Strößenreuther berichtet über die Bemühungen der bayerischen Regie- ttma zur Bekämpfung der Rebschädlmge.

Aba Dr. Naumann (Bolk-p.) spricht fich im Sinne der Interpellanten aus und hebt besonders noch den Nuteen des Boaelschutzes hervor.

Aba Dr Dahlem (Ztr.): Die Not der Winzer ist so qrÖ6, lab die Frage nicht lautet: wie die Red- lckädlmae bekämpft werden können, sondern rote man -s verhindern tann, daß der ganze Winzerstand zu mritnbe acht Solange die Regierung zur Unterstützung der Minier nicht mit finanziellen Mitteln beisprmgt, lat S aa r gar leinen Zweck D-e Bi-dgetkom- mK>;nn fn.tf, iibeilcaen, ob fie nicht einen besonderen Posten zur Uut-rstötzung der Winzer in den Etat ein« fetzen kann. (Beifall.)

Frettag: Fortsetzung.

Q »Religion ist Privatsache." Heber ■ praktische Anwendung dieses sozialdemokratischen Programm« satzes liegen wieder zwei bemerkenswerte Zeugnisse vor. Die neueste Rede des Kaisers in Breslau, insbesondere beten Schlußsatz: »Wer hier forscht und lehrt, tue es im Hinblick zu Gott d. .,t Herrn

Mm W Zeitung

» tDodttnbeitay: „Illustrierte ZonniaWeitung" m»mMb«llage- „Zuldaer Geschichtrblaiier"

Zivilbevölkerung da ist.

* Gegen die Soldaienmitzhandlungeu. Eine be« merkenswerte Verfügung hat soeben der komman- w v „ .... v------- „-----

dielende General des 16. Armeekorps, v. Prittwitz mtt heisigem Ernst", veranlassen den vorwärts' und Gaffroti erlassen. Sie lautet: r — — -------- “ *t“i ‘

Aus Gerichtsverhandlungen habe ich ersehen, daß es während des letzten Dienstjahres doch wieder zu einigen Versuchen der Mannschaften älterer Jahresklaffen gekommen ist, aus bte Rekruten einen nnzn lässt gen Einfluß auszuüben. Ich unterschätze die Bedeutung gegenseitiger kameradschaftlicher er« ziehuna durchaus nicht. Ich halte die Forderung auch ür völlig berechtigt, dab der junge Soldat mit Achtung auf den ällern, ini Waffendienst vurchgebtldeten Kame­raden blicke; ebenso rote es richtig ist, daß der alte Mann dem jungen mit gutem Beispiel vorangeht und hierdurch, rote durch kameradschaftliche Teilnahme, an einer Ausbildung mitarbeitet. Wo aber diese Em- roirkung die gebotenen Grenzen überschreitet, wo fie zu qnälerifchen Foppereien oder gar Mißhand« 1 tut gen — womöglich unter Vereinigung mehrerer alter Leute gegen einen einzelnen — führt, muß mit äußerster Strenge eingeschrltten werden. Indem ich dir Aufmerksamkeit aller Vorgesetzten, im befonbern der Rekrutenosfiziere, Kompagnie- pp. Chefs, auf diese Frage lenke, bin ich überzeugt, daß es in der Regel ausieichen wird, deuliche Soldaten von Ausschreitungen der belegten Art abzuhalten, wenn man ihnen klar zeigt, daß solche Verstöße saft immer den Verdacht eiger Gesinnung des oder der Schuldigen entstehen