Einzelbild herunterladen
 

Leitung

" fuldaer

Deutscher Reich

bvndes diese Mahnung beherzigen werden.

In Frankreich schickt sich der Ministerpräsident Briand an, die Punkte seines Programms zu verwirk­lichen, die sich auf die Verhütung eines neuen Eisen­bahnerstreiks beziehen. Er hat dem Ministerrat drei Gesetzentwürfe vvrgelegt, von denen der erste eine Ver- scharsung der Strafandrohung gegen Sabotage und Strafandrohung gegen Anstiftung und Verleitung zur Sabotage vorsieht. Der zweite Entwurf erteilt der Negierung das Recht, im Falle eines verabredeten Ausstandes alle Eisenbahnbeamten und Angestellten

der Berechnung der ,Schles. Ztg/ werden aber Zentrum und Konservative über 868, Fortschrittler und Sozialdemokraten über 801 Wahlmänne» verfügen, sodaß der Sieg des vom Zentrum z» stellenden Kandidaten im ersten Wahlgang» möglich ist, falls nur alle Wahlmänner zur Stelle sind.

der direkten staatlichen Befehlsgewalt zu unterstellen. Der 8. Entwurf will Zwangsschiedsgerichte zwischen 1 < Verwaltung und Arbeitem eürrichten.

In E n a l a n d findet die Auflösung des Parla. ments am Montag der kommenden Woche statt. Die Absicht der Regiemng ging ursprünglich auf sofortige Auflösung, jedoch scheint König Georg die Verzöge- rung verlangt zu haben. Dank dieser erhielt das Oberhmrs Gelegenheit, noch einmal zu den Verfas- sungsanträgcn der Regiemng Stellung zu nehmm. Es I nahm die Roseberry'scheu Resoluttonen an, welche eine andere Zusammensetzung des HanseS der Lords be­fürworten. Aber das Entgegenkommen der Konsema- ttven im Oberhause, das vor einem Jahre vielleicht noch die Krise beschworen hätte, konnte heute das Per-1 hängnis nicht mehr aufhalten. Zweifellos ist es die I wichtigste verfassungsrechtliche Entscheidung, vor die dos englische Voll im Laufe der letzten hundert Jahre gestellt worden ist.

In A m e r i k a liefert der Großkapitalismus wieder einmal einen drastischen Beweis seiner Gemeingefähr. lichkeit. Ju den letzten Monaten folgte in Mittel­amerika eine Revolution der anderen, und auch in Südamerika machten sich stellenweise unangenehme Er-1 scheinungen geltend. In allen diesen Fällen war der Einfluß des nordamerikanischen Großkapitals unver­kennbar. Wollte eine Regierung der kleinen Republi- km den nordamerikanischen Großkapitalisten nicht die gewünschte Konzeflion geben, dann gab es gleich be- denlliche Unruhen, angezettelt von den Freunden die­ser Kapitalisten und deren gutbezahlten Helfershelfern. In Nicaragua. Honduras, Panama hatten diese Trei­bereien mehr oder weniger Erfolg. Jetzt ist M e x t k o an der Reihe. Dort übt seit einigen Jahrzehnten der Präsident General Porfirio Diaz ein absolutes Regi- mmt aus, erfreulicherweise aber zum Segen des Lan­des, das unter seiner Herrschaft von jeder Revolution verschont gebliebm ist und wirtschaftlich eine ungeahnte Entwickelung erreichte. Das Wirtschaftsleben Me­xikos wurde mehr und mehr unabhängig, sodaß den amerikanischen Spekulanten allmählich recht enge Schranken gezogen wurden. Im äußersten Norden

des Landes, an der Grenze der Vereinigten Staaten, scheint die Regierung unter diesen nordamerikanischen Spekulanten eine bedenkliche Erbitterung aroßgezogen zu haben. Es wird auch in der amerikanischen Presse nicht geleugnet, daß die Nordamerikaner die schlimm­sten Treiber in einer Revolution sind, die jetzt das Land heimsucht. Es ist zu schweren Kämpfen gekom­men, bei denen Hunderte von Menschen umgekommen sein sollen. Der Ausgang ist einstweilen noch unge­wiß. Während die einen behaupten, die Aufrührer hätten einen erheblichen Test des Landes in ihren Be­litz gebracht, vertritt die Presse der Regiemng die An­sicht, die Regiemng werde überall der Unmhen Herr. Der Ausgang der Dinge ist im Augenblick noch nicht

. abzuschätzen.

dürfnislosigkeit und Selbstverleugnung durchzuführen Das erklärt sich für uns sehr einfach: er hatte sich ein- gebildet, die drei evangelischen Räte zur Voll kommenheit, welche die katholischen Ordensleut nach Kräften zu erfüllen suchen, der ganzen Mensch heit zum Gesetz machen zu können. Alle Leute in de» Welt sollten sich der fteiwilligen Armut, der Ehelosig­keit und der Verlmgnung des Eigenwillens im voll- sten Maße ergeben. Das geht aber nicht, und das if auch der Wille Gottes nicht. Die Gebote solle», alle erfüllen, aber die Räte gelten nur für die, welch sie zu fassen vermögen, zum Ordensleben berufen sind. Daß Tolstoi den Unterschied zwischen der klösterliche» Minderheit und den weltlichen Christenmenschen nich erkannt und beachtet hat, war sein Verhängnis, und seine Schuld war die Vermessenheit, mit der er ohn» Rücksicht auf die Ueberliefemng und die kirchlich» Autorität in seinem eigenen Dichterkopf über Wahr heit und Pflicht selbstherrlich oburteilen zu könne» glaubte.

Sehr bekannt sind die Verse, die da sprechen vor. jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft. Im Gegensatz dazu gibt es auch ein. Kraft, die zwar das Gute will, aber doch das Bös» schafft. Tolstoi erftrebte das Gute in seiner Art, aber er irrte dabei In seinem Eigensinn und schaffte Böses

Irren ist menschlich, und deshalb geraten di» Denker und Dichter, die sich auf sich selbst' verlassen immer von neuem in Irrtümer. Das Pendel der rein menschlichen Erkenntnis schlägt bald nach links bald nach rechts in ein falsches Extrem. ^Nietzsch» predigt Naubtiermoral, Tolstoi predigt eine Selbstaus Opferung, die Selbstmord bedeutet. Das Wahre und Rechte liegt in der Mitte. Tie wirkliche Offenbarung Gottes, wie sie die Kirche vermittelt und verwettet gibt ben gedeihlichen Ausgleich zwischen Nächstenlieb und Selbsterhaltung, zwischen Rttigion und Kultur zwischen Ordnung und Freiheit. Wenn wir die Oer wegcne Philosophie im Leben und Wirken Schiff oruch leiden sehen, so wollen wir uns nicht pharisäisck aufblasen, aber doch herzlich dankbar sein für das Ge schenk, das wir unverdientermaßen von Gott erhalte» haben: .Wir sind im wahren Christentum!"

* Tier ttieb Werkzeug.

Für die Anhänger der Tierabstammung des Men­schen ist ein schweres Kreuz, ja der Fels, an dem ihr so stolz aufgetaktties Hypothesenschiff elendiglich schei­tern muß, der Umstand, daß unter allen Lebewesen der Mensch das einzige ist, das im Besitz von Werkzeugen ist. Und nicht bloß der Mensch der Geschichte. Auch der Mensch der Vorgeschichte; denn wo immer, auch in der grauesten Urzeit, der Mensch uns entgegen tritt, da ist er schon im Besitz von Werk- zmgen.

Das unscheinbarste Werkzeug, etwa ein kleines Steinmesserchen, das er sich aus dem Feuerstein ge= schlagen und das er benützt hat, um sein Beutetier zu zerlegen, hebt den Menschen um Welten-Femen über das Tier empor. Denn darin kommt zum Ausdruck, daß der Mensch nachgedacht hat über das Ver­hältnis von Ursache und Wirkung, daß er, um eine Wirkung, einen Erfolg zu erzielen, aus seinem Denken heraus sich Hilfsmittel, die Werkzeuge, geschaf­fen hat.

Es fft eine unhaltbare Ausrede, wenn man dem zu entgehen sucht mit dem Hinweis aus ben 3uf aII, der dem Urmenschen dies oder jenes auf den Weg ge­worfen, sodaß er es nur aufzuheben brauchte. Als ob dasselbe nicht auch beim Tier der Fall gewesen wäre, und wo es mtt dem Menschen zusammenlebt, alle Tage der Fall ist.

und gemeinschädlick galt, wollte er als Herrlichkeit und Heil der Welt anpreisen. Diese Verherrlichung des gewiffenlosen Krastmenschentums war offenbarer Wahnsinn, aber sie fand in der bestechenden Form und wegen der verführerischen Einladung zur Befriedigung aller Leidenschaften nur zu viel Anklang, namentlich bei der gährenden Jugend. Zahllose Anhänger bei „Herrenmoral" Nietzsche's haben es in bitteren Erfah­rungen erkennen und bezeugen müssen, daß nur einer der Herr ist und dieser ewige Gott seiner nicht ungestraft spotten laßt. Zugunsten des unseligen Phttosophen möchte man annehmen, daß er nicht erst hinterher wahnsinnig geworden ist oder schon damals unzurechnungsfähig war, als et die Empörung gegen Gott und die Mißachtung der Mitmenschen mit einer teuflischen Wottkunst predigte.

Nietzsche wollte die Menschen zu Bestien züch­ten, Tolstoi dagegen wollte die Menschen zu lauter Opferlämmern machen. Jener erklärte die Nächstenliebe und die Entsagung für die ärgsten Tor­heiten, dieser aber schrieb Liebe und Entsagung bis zur vollen Selbstaufopferung vor. Nietzsche meinte, er könne auf dem Wege seiner Auslese einen „liebet- menschen" züchten, der die Kultur auf einen bisher nicht gekannten Hochstand bringe. Tolstoi dagegen verwarf und verneinte die ganze Kultur, er wollte leine Uebermenschen, sondern sozusagen Untermen­schen, nämlich Leute, die zu der einfachsten Lebensweise der ersten Ackerbmcem zurückkehren und nichts weiter erftreben, als aus dem Boden ihre Pflanzennahrung zu ziehen. Der Eine phantasierte von dem Fortschritt über Berge von Leichen hinweg in unermeßliche Höhen, der Andere vom Rückschritt - vorsintflutliche «ustände Beide hatten mehr Einbildungskraft, als Vernunft. Sie konnten kein Maß halten; Nietzsche war maßlos in der Bosheit, Tolstoi war maßlos in der Güte. v ,, , . .... , . „

Kann man denn auch maßlos m der Gute fein? Freilich, wenn man die vermeintlichen Ansprüche der Nächstenliebe so überspannt, daß dabei das eigene Leben zugrunde geht und ein vernünftiges Zusammen­leben der Menschen nicht mehr möglich ist. Tolstoi ging in seiner Entsagungspredigt so weit, daß er jede

deutung."

In einem Zeitalter, das sich seiner exakten Naiur- beobadjtung rühmt, wagt man noch einen solchen «atz I auszusprechen! Nein, ob die Tiere wirklich Werk­zeuge benutzen, das ist nicht von untergeordneter Be­deutung, sondern von der allergrößten. Und es darf daher als Eingeständnis betrachtet werden, daß es un­möglich ist, solchen Werkzeuggebrauch beim Tier nach­zuweisen, wenn man hinter solche Ausflüchte sich ver­schanzt. Weil er die Wirklichkeit solchen Gebrauchs nicht nachweisen kann, will Dahl wenigstens die Möglichkeit nachweisen. Sehen wir uns das an.

Wir werden zunächst erinnert an die Netze, welche die Spinne anlegt, um Fliegen zu fangen. Da aber zum Wesen eines Wettzeugs gehött, daß es ein vom Körper vettchiedeuer Gegenstand sei, so scheidet I das Spinnennetz, das die Spinne aus ihren Drüsen I | entwickelt, von selbst aus, was auch Dahl zugibt. Er weiß uns dann zu erzählen von seinen Versuchen mit I einer Meerkatze:

„Die Meerkatze nahm nach 14 Darreichungen keinen Zucker mehr von dem rokgesärbien Teil einer Platte, I lonbern nur noch von dem grüngeiärblen Teil der-1 selben, da ich den Zucker auf dem rotgefärbten Tetl immer mit Salmiakgeist befeuchtet hatte. Sie nahm den Zucker von dem rotgeiätbten Teil auch dann nicht I mehr, wenn er nicht mit Salmiakgeist, sondern mit I Wasser befeuchtet war. Als ich darauf eine halb roetpe, halb gelbe Platte nahm und den Zucker auf dem weißen Teil mit Salmiakgeist, auf dem gelben Teil nut Wasser befeuchtete, nahm die Meerkatze schon nach fünf Darreichungen keinen Zucker mehr von dem weißen Teil."

Das soll ein Beweis der Intelligenz sein? j Das ist nichtz als eine einfache Gedächtnisassoziation, | wie man das in der Sprache der Wissenschaft nennt, eine einfache Verknüpfung der Gedächtuiscindrücke, die das Tier von der betreffenden Farbe bezw. der Feuch­tigkeit und dem widerwärtigen Geschmack des Sal­miakgeistes hatte; nichts anders als die alte Binsen- I Wahrheit: „Gebrannte Kinder scheuen das Feuer".

Schließlich noch Dahls Hauptbeweis. Er erinnert I an die Entwicklung ober besser Entfaltung menschlicher I Intelligenz beim Kinde. „Beim Kinde kommen zu­erst ebenfalls nur Assoziationen vor und diese gehen ganz allmählich in klar bewußte Schlußfolgerungen über." Mit Verlaub! das ist eben die Entfaltung der bereits im Kinde vorhandenen geistigen Anlagen, die aber d a j ei n müssen und die eben beim Affen fehlen. Oder kau» Herr Dahl einen Affen nennen, der aus einem jungen Affen zu einem intelligenten alten Affen sich entwickelt hat? Das ist der sprin­gende Punkt, auf den es ankommt. Denn etwas an­deres ist die Enffalttmg einer bereits vorhandenen i Anlage und etwas anderes der Erwerb einer nicht vorhandenen Anlage. Darum kommt dem Vergleich Dahls nicht die allergeringste Beweiskraft zu.

Wenn er am Ende seiner Ausführungen bemerft, ein Tierforscher, der ohne Vorurteil an die Frage her- antrete, könne nicht an der tierischen Herkunft des Menschen zweifeln, so verkennt er eben, daß der Zoo­loge mit nichten die maßgebende Instanz ist für diese Frage, daß dazu der Psychologe (Seelenforscher) eben­soviel, wenn nicht noch sehr viel mehr zu sagen hat, bann übersieht er endlich, daß die Tage der rein zoo-

gegeben wird.

„Leider", schreibt er, „lassen uns die Berichte der Reisenden, aus die wir in solchen Fallen auSWiW*«) angewiesen sind, einigermaßen im Stich. Handelt es sich nämlich um die Beobachtung der Lebenswette höherer Tiere, so können wir bei Reisenden nicht mehr auf Zuverläissgkeit rechnen; ein Jagderlebnis auszw schmücken, gilt bet ihnen als erlaubt, und gewöhnlich weiß der Erzähler schließlich selbst nicht mehr, was erlebt und was erdichtet ist." Das macht aber Dahl weiter keinen Kummer. Denn gelassen spricht er das große Wort ans: „Ob eine solche Verwendung von Werkzeugen bei den Affen wirklich vor kommt, ist eine Frage von wissenschaftlich untergeordneter Be-

Abwehr des Bösen für unzulässig erklärte. Ja, wenn nicht einmal die Notwehr gestattet ist, wo bleiben dann die braven Menschen? Sie fallen einfach den schlechten Menschen zum Opfer, und das Ende dieses grausigen Spiels würbe fein, daß es schließlich nur böse Men­schen gibt. Welch' ein Unsinn, daß die Guten sich widerstandslos von den gewissenlosen Mitmenschen Msplündern, vergewaltigen, in Elend und Tod trei- ben lassen sollen! Tolstoi kam infolge seiner über« spannten „Ideale" zu der Verlengnung jeder bestehen­den Ordnung; er wollte von der Kirche, vom Staate, von Gericht und Polizei, von Besitz und jeder Art von Kultur gar nichts wissen. So wurde er ein Empörer und Verneiner, ein Förderer der Anarchie und des Nihllismus, — aber alles das nicht aus Haß, sondern aus einem falschen und überspannten Begriff von „Liebe". Während er die Menschen zu Lämmern ma­chen wollte, hat er unwillkürich den revolutionären Wölfen vorgearbeitet.

Nietzsche erklärte sich mit ingrimmiger Offenheit als Feind des Christentums. Tolstoi aber behauptete, er fei der Wiederhersteller des Urchristentums, wäh­rend er doch aus dem Evangelium nicht den Geist Christi, sondern nur seine eigenen Gedanken hev- auslas. Er meinte es gut, aber er kam doch auf heil­lose Irrwege, weil er sich allein auf sich selbst verließ und die überlieferten Lehren der Kirche außer Acht ließ. Zur Entschuldigung kann man ja anführen, daß er in bet ruffifch-schismatifchen Kirche. ausgewachsen war, bie* bekanntlich sehr arg verknöchert ist. Aber Tolstoi hatte boch ans Reisen unb Büchern auch die übrige Welt kennen gelernt, unb bei ber gehörigen Sachlichkeit hätte er die Schätze der christlichen lieber» lieferung unb ber kirchlichen Ordnung auf der kathö­fischen Seite auch prüfen und betrachten müssen. Dann würde er nicht an der Einseitigkeit und lieber- spanntheit seiner eigenen Ideen gescheitert fein.

Was Tolstoi in die Flucht und den VerbannungS- toi) trieb, war die Unvereinb arkeit feiner Leh­ren mit ben unabweisbaren Bebingungen unb Be­dürfnissen des menschlichen Zusammenlebens auf Er­den. Nicht einmal in seinem eigenen Hause unb feiner Familie vermochte er bie erstrebte Besitzlosigkeit. Be­

JW 271.

Samstag ben 26. November 19(0.

37. Jahrgang.

2. Blatt.

vrsck enb Verlag bet Zuldaer Actienbruckerei in Sulbo.

F r'\norfl Ä * Ito. ä*ti in urWMjtm tcnfcn und d- batauf bnich-n.

ÄTÄT.U“ÄÄ Sm*-; M-v-udun« °°n ____

gen nicht abgeht, liegt auf ber Hand. Em wirklich ------------

brillante? Beispiel liefert hierfür der Prof-ffor^r.

D a h l in einer längeren Brieftaftennotiz der „Natur­wissenschaftlichen Wochenschrift" (1910 S. 623 f). Es ist eine recht seltsame Weisheit, die da zum besten

# Ausländische Fleischzufuhr. Die Erwartungen, die man auf die überseeische Zufuhr gekühlten >tnb ge­frorenen Fleisches gesetzt hatte, haben sich nicht erfüllt Dort, wo man, wie z. B. in Wien, den Versuch gemacht hat mit gefrorenem Fleisch aus Argentinien mußte man erfahren, daß die Qualität des Fleischs zu wünschen übrig ließ und trotzdem von größerer B il­lig k e i t n i ch t s z u s p ü r e n war. Auch die „Amt­liche Zeitung des deutschen Fleifcherverbanbe^ warnt auf diese Zufuhr zu große Hoffnungen zu setzem Das Blatt betont die Minderwertigkeit des überseeischen Fleisches, dessen geringer Gehalt durch bas Gefrierver­fahren schließlich sozusagen vollstänbig verschwmbet. Auch in ber letzten Nummer ber „Berliner tierärztli­chen Wochenschrift" wirb bie Frage der ausländischen Fleischzufuhr erörtert. Die Beschau des emgefuhrten Fleisches müsse der Natur der Sache nach unvollkom­men sein, da die Eingeweide, woran vornehmlich die Krankheitsprozesse sich abspielten und in die Erschei­nung treten, nicht zur Untersuchung gebracht wurden und so das Fleisch kranker Tiere oft die Grenzbeschau unbehelligt passieren könne. Aber auch aus andern Gründen sei gefrorenes nur ein minderwertiger und dazu höchst gefährlicher Behelf. Bei dem Kaltekmi- greß, welcher jüngst in Wien tagte, legte Professor De Jong ein Referat vor, worin hervorgeboben wird daß der Zufuhr von gefrorenem und gekühltem Fteisch be­stimmt zu widerraten fei, weil eine einwandfreie Un­tersuchung dieses Fleisches nicht möglich >md einer eventuellen Untersuchung im Auslande kein genügen­der Wert zuzuschreiben fei. Der Artikel der „Amtlichen Zeitung des Fleifcherverbandes" faßt seine Ausfuhr ruugett in die Behauptung zusmnmen:

Die Fleischzuiuhr wird nicht nur zur Linderung I der momentanen Not gefordert, sondern die momentane Not soll das Einfalltor für die ausländischen Großkapitalisten und Händler bilden.

— Wer entscheidet über den Wahlfonds des Hansabundes? Der Sekretär der roürttem« bergischen Sektion des Hansabundes erklärte auf I einer Versammlung in Gmünd, die Verteilung der Mittel des Fonds geschehe durch eine Kom> Mission, die aus Mitgliedern des Präsidium», desHansabundes und den Zentral-Leitungen der Nationalliberalen und der Fortschritt!. Volkspartei in Berlin bestehe. Die Hauptz I Unterstützung werde sich besonders aus Mecklen­burg, Posen, Westpreußen rc. erstrecken, wo die Aussichten günstig seien. — Hier hat man den unumstößlichen Beweis, daß der Hansabund nichts anderes ist als ein liberaler Wahlverein.

* Die Landtagsersatzwahl in Breslau soll, so hoffen die Liberalen, sür das Zentrum uw I liebsarne Ueberraschungen bringen. Bei der I Wahlmämierersatzwahlen in Breslau sür den verstorbenen Zenlrumsabg. Ziesche waren 641. Wahlmänner neu zu wählen. Davon erhielte», nach der ersten Meldung die vereinigten Kon­servativen und Zentrumswähler 273, die Lide- ralen 178, die Sozialdemokraten 190. Demnach hätte Stichwahl zwischen dem Zenlrumskandidate» Kaufmann Vogel und dem fortschrittlichen Syndtz kus Dr. Ehlers stattfinden müssen. Es wäre» nämlich auf die Konservativen mit dem Zenirun 843, auf die Liberalen 530 und auf die Sozial­demokraten 358 Wahlmänner entfallen. Nach

Unpolitische Zerilause

(N.) Berlin, 24. November 1910.

> Nachdruck verboten.)

Tolstoi ist gestorben. Der 82jährige Greis war seinem Hause unb seiner Familie entflohen, um endlich bei Frieden zu finbeti, ben er so eindringlich gepredigt, aber in und um sich selbst noch immer ver­mißt hatte. Aus der Flucht in die Einsamkeit erkrankte er und fand in einer welffremden kleinen Eisenbahn­station sein Sterbebett.

Wer war Tolstoi? Von Geburt em rufst,cher Graf, der feine Jugendjahre in lanbes- unb staudes- übliche'r Weise verbracht halte mit viel Lebenslust und etwas Arbeit am Studiertisch und im Militärdienst. Dann wurde er ein Dichter, ein Aomanschreiber allerersten Ranges; seine russischen Kuiturbilder san­den als Meisterwerk auch de» Weg in alle anderen Sprachgebiete. Der Ruhm eines großen ^chnststel- lers genügte ihm aber nicht; et wollte auch Refor­mator werden, der Verbesserer und Erneuerer ber Menschheit, unb so ein Welterlöser auf eigene tfauft, — unb in biesem überspannten Streben wurzelt sein ttagisches Schicksal.

Tolstoi ist ber schroffste Gegensatz zu Nietzsche. Von biesem mobemen Philosophen, der bekanntlich im Wahnsinn gestorben ist, haben die Zeitungen, bie Reb- ner unb bie Bücher überall so viel erzählt, baß auch in ben breitesten Volksschichten sein Name unb sein „System" nicht unbekannt geblieben sinb. Nietzsche hatte einen fürchterlichen Haß gegen bas 'Christentum, unb zwar hauptsächlich deshalb, weil das Christentum bie Nächstenliebe lehrt. Er wollte von Liebe, Scho­nung, Pflege beS Schwachen, Selbstverleugnung usw. gar nichts wissen. Sein Jbeal war ber Herrenmensch, die blonde Bestie, ber selbstsüchtige Verwerter seiner Kraft, ber rücksichtslos auf Kosten ber schwächeren Mit- >enfchen sich auslebt. Nietzsche wollte alle sittlichen Regeln auf ben Kopf stellen, bie überlieferten Werte »mwerfen, wie er sagte. Was bisher als gut, ebel, heilsam galt, verspottete er als Torheit von Schwach­sinnen; was bis bet als egoistisch, grausam, brutal

Ter Hansabund hat eine schwere moralische Niederlage erlitten durch den Austritt des bekannten Münchener Bankdirektors Freiherrn von Pcchmann. Frhr. v. Pechmann hat in einer öffentlichen Erklärung seinen Schritt gerechtfertigt, in der er ben Wahlfonds­ausruf des Hansabundes als offene Demagogie bezeich­net und es ablehnt, an der „unausdenkbaren Verant­wortung" mitzutragen, welche die Führer mb Leiter bes Hansabundes dadurch auf sich laben, daß sie Mas- senleidenschaften auswühlen und für die gemeinsame Arbeit der doch im letzten Grunde ganz und gar auf­einander angewiesenen Erwerbsstände und Parteien auf absehbare Z-eit jede innere und äußere Voraussetz­ung zerstören. Der Schritt des Frhrn. v. Pechmann Hal außerordentliches Aufsehen erregt unb sogar bem Hansabunb burchaus freunblich gesinnte Blätter schrei­ben, baß Frhr. v. Pechniann leicht viele Nachfolger er­holten werbe, toenn ber Hansabunb nicht allmählich offen unb uuzweibeutig gegen bie Gefahr bes inter­nationalen Sozialismus Stellung nehme. Die Hoff- iiiing ist aber sehr gering, baß bie Führer bes Hansa-

Wochen-Rundschau.

[:] Fulda, 25. November 1910.

Der Reichstag ist also tolebet in Berlin ver­sammelt unb bamit sind alle Voraussetzungen für eine machtvolle Entwickelung bes politischen Lebens gege­ben Viele Arbeiten harren ber NeichZboten. Es heißt also bie Zeit fleißig benutzen. Wir befürchten aber nicht ohne Gmnb, baß es Parteien gibt, welche ihre eigenen Interessen über bas Staats wo hl fteuenb Viel Zeit mit Reben „zum Fenster hinaus" bertrobeln werben. Das lassen schon bie bereits eingelaufenen Interpellationen erkennen. Die ganze Tagung beS Reichstags wirb zweifellos von den Wahlen bes näch­sten Jahres beeinflußt werben — sehr zum Schaben für bie sachliche Arbeit. Es hat aber auch sein Gutes. Denn es wirb z. B. bie sozialdemokratische Jnter- pellatton über die Kaiserrede zu einer Demaskierung ber Parteien führen unb eine Klärung eintreten, bie Von größtem Wert ist: Die liberal-bestrukttven Ten- benzm werben eine geschlossene Abwehrphalanx finben, die bei ben Wahlen zum Angriff gegen lebe Art Revo­lution übergeht.

Die Beuroner Kaiserrebe gehört in diese Betrachtung. Sie ist ein neues Denkmal des religiö­sen Sinnes unseres Kaisers geworden. In klarer Er­kenntnis der Zeifftrömungen sprach er bas Wort, baß „Thron unb Altar zusammen gehören und nicht ge­trennt werben dürfen", in einer Zeit, „welche Gedanken guSgelöst hat, deren Bekämpfung nur mit Hilfe der Religion und mit Unterstützung des Himmels siegreich imrchzeführt werden kann." Bekannt ist Leopolds I. Oon Belgien Wort: „Tie Katholiken (d. h. die echten, nach ihrem Glauben lebenden) machen keine Revolu­tion." Was in Portugal und anderswo die Throne füirjt, sind keine Katholiken, sondern Atheisten, Frei­lenker unb Sozialisten; sie beweisen es bei jeher Re­volution, bie sich sofort auch gegen bie Kirche unb ihre Diener kehrt. Hätte bas portugiesische Königtum sich nicht seit langem in bie Hände dieser Glaubens­losen, ja Glaubensgegner begeben, sondern sich auf die religiösen Elemente gestützt, sein Thron bestände noch heute. Wenn ber Altar zertrümmert ist, haben bie Wähler mit bem Thron leichte Arbeit — er stürzt nach. Der Altar kann ohne ben Schutz bes Throne? sein, er ist nicht an eine Regierimgsform geknüpft; ber Thron aber kann ohne bie von ber Religion geförberte Staatsautorität nicht bestehen.

Aus ben ReichStagswahlvorbereitun- g e n ist zu erwähnen, baß in verschiedenen Gegenden des Reiches, zuletzt in Bayern, gesamtliberale Wahl­abkommen zustande gekommen sind. Ter Vormarsch der Großblockpolitik trat wiederum bei verschiedenen Stadtratswahlen im Westen in bemerkenswerter Weise in bie Erscheinung.