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RstatlonrdruSund Verlag der Fuldaer A- tieudruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.
271. Erstes Blatt.
Fn!da, Samstaq Den 26. November 1910.
37. Jahrgang.
der
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 25. November 1910.
Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung t lsprechung der Interpellationen über di«
Fleiichteuerung.
Deutsches Reich.
** Berlin, 25. Nov. 1910. Aus Anlaß des Geburtstages deS Großherzogs von Hessen ist eine Reihe von Ordensauszeichnungen verlieh n worden; u. a. erhielt der Reichskanzler daS Großkreuz des Ludwigs-Ordens und Staatssekretär Delbrück das Großkreuz deS Verdienst-Ordens Philipps deS Großmütigen. — Die Bezeichnung Studien-Referendar, die auf btt letzten Tagung der Oberlehrer»Vereine für die Kandidaten des höheren Lehramtes in Vorschlag gebracht worden war, hat die Zustimmung des Kultusministers nich: gesunden. Der Minister ist der Meinung, daß eine dringende Notwendigkeit zur Nachahmung von Amtsbezeichnungen der Juristen für die Anwärter des höheren Schulamtes nicht vorliege. Selbst in Oberlehrerkreisen sind die Ansichten in dieser Frage sehr verschieden.
+ Der Reichsetat für 1911 ist gestern dem Reichs- tage zugegangen. Der Etat wird nach erfolgter Drucklegung am Montag zur Verteilung gelangen. Die Grundzüge des Etats werden wie im Vorjahre halbamtlich in der ,Nord. Allg. Ztg.' veröffentlicht werden. Ferner ist dem Reichstage zugegangen eine Uebersicht über den neuen Etat. Diese Neber- sicht stellt eine Neuerung dar, die vom Reichsschatz- sekretär Wermuth veranlaßt worden ist. Sie soll die Orientierung über den neuen Etat wesentlich erleichtern, sie enthält im wesentlichen diejenigen Daten, die im Anfang deS Monats bereits von der,Nordd. Allg. Ztg.' veröffentlicht worden find.
Der Reichstag hat am Freitag innerhalb seiner Mauern einen Gefangenen gehabt, und das war kein geringerer als der Reichskanzler. Er hat sich an den beiden voraufliegenden Tagen der Besprechung der Fleischinterpellation fern gehalten unb konnte nun gestern nicht wohl den Sitzungssaal betreten, so lange sich der Reichstag noch mit Rind und Schwein liebevoll beschäftigte. Aber auf der anderen Teste war seine Anwesenhest im Parlament erforderlich, da jeden Augenblick die Interpellation über die Kaiserreden beginnen konnte. Auf diese Weise war der Ches unserer Reichsbeamten zum Stubenarrest im Reichstage verurteilt. Man war bereit, ihm diese unfreiwillige Muße kürzen zu helfen und so ging gegen zwei Uhr das Gerücht durch das hohe Haus, daß um drei Uhr mit der Fleischinter- pellation durch Schluß der Debatte ein Ende ge- macht werde. Die Zeit bis drei Uhr füllte der Sozialdemokrat H ildenbrand als politischer Ion- gleur aus, indem er Unwahrheiten und Ueber- treibungrn schwersten Kalibers auf Konservative und Zentrum schleuderte, von der roten Claque lebhaft angefeuert. AtS er geendet und der Schlußantrag
werden solle. Der Reichsschatzsekretär aber ließ, rote oben mitgeteilt, eine gewisse Unklarheit bestehen. Offenbar hat die Regierung den Wunsch, den Zu- schlag zur Umsatzsteuer möglichst in Reserve zu halten, um nicht wieder in Defizitnöte zu geraten.
Das Frankfurter Jntelligenzblatt, das in seiner nachs gedruckten Ausgabe bereits einen Bericht aus den Kommissionsverhandlungen bringt, meint, in der ausweichenden Haltung des Schatz- ekretärs stecke eine „neue Finanzreform". So einen großen Namen verdient nun das Kind doch nicht. Die Schwierigkeiten rühren ein« ach davon her, daß die militärischen Mehr- fordernngen für daS neue Qninquennat sich bereits eingestellt haben, ehe die Finanzreform von 1909 ihre volle Wirkung entfalten konnte, Aus diesen Anforderungen der Heeresverwaltungen wird der nächstjährige Etat mit jenen 8 Millionen belastet, die oben bereits erwähnt sind. Der Bedarf wird, wie das so Üblich ist, in den folgenden Jahren allmählich anwachseu und sich auf durchschnittlich 20 Millionen stellen.
Daß die Heereskosten wachsen, ist ein Verhängnis, das auch schon bei der Erledigung der Finanzreform bekannt war. Man kann durchaus nicht behaupten, daß etwa die Steuerbewilligungen von 1909 die Heeresverwaltung zu besonderer Begehrlichkeit vorgeiührt hätten. Ohne die Finanz- resorm wäre gewiß nicht weniger gefordert worden, vielleicht sogar noch mehr. Denn allem Anschein nach haben das Sparsamkeitssystem des Schatzsekretärs und der Grundsatz: „Kerne Ausgabe ohne Deckung!" dafür gewirkt, daß die militärischen Mehrforderungen sich auf höchstens 20 Millionen beschränkt haben. Ob dieser Mehrauswand notwendig ist, das wird bei der Etatsberatung zu prüfen fein. Liegt die Notwendigkeit vor, so muß für Deckung der einen oder andern Form gesorgt werden. Wenn bei einer Finanzreform, die im ganzen auf einer halben Milliarde rechnet, ein derartiges Anhängsel von 10 oder 20 Millionen noch nachträglich zu ordnen bleibt, so ist das weder zum Verwundern noch zum Erschrecken. Für die Wähler bleibt es die Hauptsache, daß der Mehrbedarf für Heer und Veteranen nicht durch neue Abgaben auf den Maffenverbrauch, fondern durch sogen. Besitzsteuern gedeckt werden soll.
Die Reichssteuer auf den Wertzuwachs wird allerdings auch bann notwendig bleiben, wenn die angegebenen Mehrforderungen beschränkt werden oder durch das Mehreinko men und vorhandene Steuern ihre Deckung finden sollten. Denn in diesem Falle würde der Ertrag der Zuwachssteuer programmmäßig seine Verwendung finden zur Herabsetzung der provisorischen Umsatzsteuer, die in weniger gerechter Art die Abgabe vom Besitzwechsel vorstellt.
Also auf jeden Fall muß der Reichstag sich mit voller Kraft und Entschloffenheit der Fertigstellung des Zuwachssteuergesetzes zuwenden. Die Rede des Schatzsekretärs ist ja auch wohl geeignet, die Hoffnung auf eine gedeihliche Verständigung über die Einzelheiten dieser nicht ganz einfachen Gesetzgebung neu zu beleben. Es wird im Reiche schließlich ebenso gut gehen, wie es in hunderten von Gemeinden gegangen ist.
ausblieb, erschien in der Ministertür der Ches der Reichskanzlei Wahnschaffe. Auf seinem Gesicht sah man das Befremden darüber, daß die Diskuffion weiterglng und Staatssekretär Delbrück bereits am Reden war. Er horchte seine Umgebung über diesen Wandel der Dinge aus, ließ sich die Rednerliste geben, schrieb sie ab und mit fünf weiteren Rednern in der Brusttasche verschwand er wieder hinter der Ministertür, um dem Reichskanzler Bericht zu erstatten. Inzwischen wurde e? im Saale lebendig. Wachhorst de Wente, ein breitschulteriger Hüne, erschien am Rednerpult und kaum war er im Saale sichtbar geworden, da stürzte aus der äußersten Ecke der Rechten ein Mann mit fliegenden Rockschößen auf das Rednerpult zu, bewaffnet mit einem Stoß weißen Papiers und einem Dutzend tt ohl- gespitzter Bleistifte. „Wo du hingehst, da will ich mit." Es war Dr. Christian Dietrich H a hn, der Herrn Wachhoch tote sein Schatten folgt, draußen im Lande und hier in der Arena, denn Wachhoch de Wente ist Direktor des liberalen Bauernbundes und Hahn duldet keinen anderen Bauerndirestor neben sich. Wachhoch aber liebt den Kampf. Kaum sieht seine Riesengestalt den kleinen Hahn vor sich stehen, da geht eine Wutwelle durch feinen Körper, — er dehnt seine Glieder zu einem menschlichen Uebermaß und von seinen Lippen bringt ein wildes Bardenlied wider den Bund der Landwirte in hm Saal, daß seine Partner vom Sitze auffliegen und als Kampfgeschrei ihm „Unwahrheit I" entgegenrufen. Wachhoch stutzt einen Augenblick, seine Augen rollen und das Furioso seines Vortrags erschöpft sich in dem einen Wort: „Gemeinheit!" Der Kampfrichter Schulz läßt die Glocke ertönen und ruft ben Redner zur Ordnung, weil er mit unstatthaftem Mittel kämpft. Unterdessen steht Dr. Hahn noch immer da unten, beschreibt ein Blatt nach dem andern mit Notizen, sodaß der Vorrat seiner Bleisttste merklich schwindet. Sein Gesicht wird rot und röter, der Kamm schwillt ihm immer mehr an. Wachhoch — jeder Zoll ein Sieger — tritt ab. An seine Stelle tritt ein kleiner, kugeliger Mann mit jovialem, rotglänzenden Gesicht: Kabelt, Metzgermeister in Magdeburg, eingeschworen auf die Fahne des Freisinns. Inzwischen hat Dr. Hahn sein Rüstzeug instandgesetzt und reitet als Vorkämpfer für die bündlerische Sache und Ehre eine wilde Araberattacke auf Wachhoch de Wente. Er tummelt sein Schlachtroß durch die Gefilde der Zollpolitik, des Großgrundbesitzes, der inneren Kolonisation, der Aera Bismarck, des Hansabundes, des Ca- privismus, deS NattonalliberalismuS und langte schließlich bei seiner eigenen Bescheidenheit an, die er gegenüber der Arroganz eines Wachhoch unter großer
eiterfett des Hauses in das richtige Licht rückte. Geh in ein Kloster und sündige nicht mehr! — bedeuteten die Worte, dir er in Kollektivform Herrn Wachhoch sowie dem Bauern- und Hansabund zurief, als er er- müdet den Kampfplatz verließ. Ermüdet verließ zu gleicher Zeit um 5% Uhr der einsame Reichskanzler das ungaslliche Gebäude, denn Wahnschaffe mochte ihm gesagt haben: „Laßt alle Hoffnung fahren! Die Kaiserrrde kommt trft morgen dran!"
+ ReichStagsabg. Schüler (Ztr.) sollte nach Meldung Berliner Blätter jchwer erkrankt fein. Glücklicherweise nat sich die Nachricht nicht bewahrheitet. Herr Schüler ist am Donnerstag abend während der Fraktionssitzung von einem heftigen Nasenbluten befallen worden, das durch Platzen einer Ader veranlaßt war; er ist aber bereits gestern wieder im Reichstage erschienen.
s. Die Versicherungsfreiheit bet Akademiker bei der Invalidenversicherung ist von der Reichstagskommission nunmehr in der Form festgelegt worden, daß Personen mit Hochschulbtlvuug auf ihren Antrag von der Versichernngspflicht befreit sind. — Hoffentlich sind recht wenige Personen so kurzsichtig, diesen Antrag zu stellen. Wenn die Invalidenversicherung auch nur recht wenig bietet, so bietet sie doch im Verhältnis zu dem, was einzuzahlen ist, ungeheuer viel. Das ist aber doch der einzige Maßstab, der hier in Betracht kommen kann.
)( Hansabund und Sozialdemokratie. Der Hansabund kann es der Sozialdemokratie nicht recht machen. Er lehnt zwar eine glatte Absage gegenüber der Sozialdemokratie krampfhaft ab und läßt lieber ein wichtiges Mitglied nach dem anderen austre'en, als daß er sich zu einer bestimmten Stellungnahme gegenüber der Sozialdemokratie entschlöffe. Die Sozialdemokraten sind demgegenüber aber sehr undankbar. Bei einer Besprechung der Wahlagitation in Labiau-Wehlau, wo die Liberalen das Mandat des verstorbenen konservativen Abg. Arendt- tiabiau zu erobern suchen, schreibt der „Vorwärts", daß in Labiau-Wehlau mit dem Gelds des Hansa- bundes eine Wahlagiiation nach amerikanischem Stil« getrieben werde, die jedem politischen Anstande inS Gesicht sch age. Dafür rächen sich die Sozialdemokraten natürlich, und so haben sie den Liberalen neuerdings einen Versammlungsraum abgetrieben. Sie hatten in Lindendorf von einem Maurer gegen 10 Mark em Zimmer gemietet Kurz nachher er- klärte aber die Frau des Maurers, sie könne das Zimmer für eine liberale Versammlung nicht her« geben, da die anderen Maurer im Dorfe ihren Manu totfdjlagen würden. Zwar sind die Liberalen fürchterlich entrüstet über diesen „TerrorismuS", aber Grund dazu Haden sie nicht; sie werden nur damtt gezüchtigt womit sie selbst unzähligemale gesündigt haben.
+ Die Wirtschaftliche Vereinigung und der Abg. Vogt (Hall). Der Reichstagsabg. Vogt (Hall) hätte, wie erst kürzlich bekannt geworden ist, vor vier Jahren an den sozialdemokratischen Abg. Hilden« brand einen Bries geschrieben, in dem er eine Begünstigung der Sozialdemokratie gegenüber einer bürgerlichen Partei in Aussicht stellte. Die Wirtschaftliche Vereinigung des Reichstags veröffentlicht dazu eine Erklärung des Inhalts: Die „Wirtschaftliche Vereinigung", die grundsätzlich jede Unterstützung Der Sozialdemokratie verwirft, mißbilligt diesen Brief auf das entschiedenste. Demnach wird des Bleibens des vielseitigen Herrn Vogt in der Wirtschaftlichen Vereinigung kaum mehr langer sein können.
Abg. HUdeubrand (Soj.) bestreitet, daß die sozial« l mwkralische Interpellation lediglich zu Agttalions- i, >eckeu eingebracht fei. Das haben wir gar nicht ft Itig. Für Agilalionsstoff sorgen Sie (nach rechts) st )on und das „Instrument des Himmels". Der Reichs- ki uzler versagt als Instrument deS Boltes. Deshalb muß das Volk selber die Teuerung beseitigen durch Aushebung der verteuernden Politik der indiretten Steuern und Zölle. Weshatv will man nicht wenigstens ausländisches Gelreide einlasseu? Die Landwirtschafts« Politik kommt auf die Politik der Junker hinaus. (Bels. Sei den Soz.)
। Staatssekretär Dr. Delbrück legt nochmals bar, baß die Regierungen an dem jetzigen Wirtschaftssystem sesthallen würden, weist verschiedene im Laufe der Debatte von seilen der Linken gemachte Uebertreibungen zurück unb schließt: Wir vertrauen zum Bolle, baß es Uns auch bas nächste Mal einen Reichstag schicken wirb, ber die Möglichkeit bietet, blese bewährte Zoll» unb Wirtschaftspolitik fortzusetzen.
Abg. Wachhorst de Wente (nl.) bestreitet bas Borhan- densein ber Gefahr einer Unterernährung bes Volkes. Die geringe Teuerung tönne nicht bie Deffnung der Grenzen rechtfertigen. Das einzige, was helfen könne, sei innere Kolonisation, welcher aber der Bund der Landwirte hindernd entgegen sieht. (Abg. Dr. Hahn ruft: Unwahrheit!) Solche Zwischenrufe sind eine Genuin« heil! — (Große Unruhe rechts, Glocke des Präsibenleni.
Vizcpräsibent Schulz: Herr Abgeordneter, wegen Oes Ausdrucks Gemeinheit rufe ich Sie z ur Q r dn un g! (Bravo rechts. Ruse links: Und der Ausdruck: Unwahrheit?) Der Ausdruck Unwahrheit ist lediglich eine objektive Feststellung. (Sehr richtig! rechts. Zuruf des Abg. Ledebour: Gut, daß ich das weiß! — Heiterkeit.)
Abg. KobeU (Bolksp.) erklärt, daß mau bei einer Untersuchung über die Spannung zwischen Vieh- und Fleischpreisett entdecken würde, bad die Fleischer entsetzlich schlechte Geschäfte machten. sHeiterkeit. Zuruf: Es sind lauter Proletariers Beim groben Schweinefleifchkonfum können die Fleischer den Speck nicht los werden. (Zuruf) Na, wollen Sie (nach rechts) mir ein paar Zentner abfaufen ? (Heiterkeit.) Herr v. Sckiorlemer meinte, man brauche ja nicht unbedingt Fleisch zu essen. Nun ich glaube, er selbst ist noch kein Vegetarianer geworden! (Heiterkeit.) Und dann will er gar den Fleischerstand aus dem Zwischenhaudel ganz ausscheiden? Ist das Millelstandspolitik? (Zuruf: Fleischer sind ja Proletarier! Heiterkeit.) Zum Schluß polemisiert Redner gegen die Jmpiuna btt Tiere.
Die Abgg. Linz (Resormp.) und Wölzl (nat.) teilen bezüglich Hollands bie Meinung Truuvoins.
Abg. Dr. Halm (kons.) vutetbigt ben Bunb ber Landwirte gegen ben Vorwurf, als ob er bet innere Kolonisation feind!ich gegenüber stehe, polemiireri bann geoen die Natioualltberalen und speziell gegen Wachhorst be Wente, ber in sich gehen, Asche auf fein Haupt streuen solle (Heiterkeit) unb zum Bunb ber Landwirte übertreten und so ber beutscheu Lanbwirtschaft nützen solle. (Heilerkett, Beifall rechts.)
Nach weiterer unerheblicher Debatte schließt bie Besprechung.
Samstag: Interpellationen bete, bie Kaiser- re den, bie Privat beamtenversicherung unb die Rebläuse.
y Znwachsstener »md Reichsbedarf.
In der Reichstagskommission, dir am Freitag in die dritte Lesung dcs Entwurfes der Wert zuwachs st euer eintiat, hielt der Reichs« schahsckretär Wermuth eine längere einleitende Rede über die Notwendigkeit, die Berechtigung und die Einträglichkeit dieser Steuer. Die Kommission hielt die Darlegungen des Schatzsekretärs für so bedeutsam, daß fie beschloß, die Rede im Wortlaut allen Mitgliedern zugehen zu laffen unb zum Studium ihrr Rede eine Panse bis zum 1. Dezember einteeten IM Der Retchsfchatzsekretär betonte, / daß bei aller Einwirkung des werterhöhenden Einflusses von ben Emzelstaaten unb Gemeinden das Reich bie ©rnnblage für bte außerorbenttiche Entwicklung bes Erwerbs- unb Wirtschaftslebens unb ba» mit für ben Wertzuwachs bat Grund unb Boben bilde. Dem Reich seien wenig« Besitzsteuerarlen zugänglich unb gerade die Zuwachssteuer habe im Bolks- bewußlfem tiefe Würze!« gefaßt. Durch die Zuwachssteuer sei auch Gelegeuheit gegeben, an bet Entwicklung unserer Heereseinrichlungen unb Verbesserung bes Loses unserer Veteranen untzuarbeiien. Der Etat für 1910 erhalte fein Gleichgewicht nur durch die aus bem Wertzuwachs zu erwartenden 13 Millionen. Den Betrag berechnet ber Schatzjekretär für bie folgenden Jahre auf über 30 Millionen, sobaß bann auf bas Reich etwa 15 Millionen enijalleu würden, im Jahre 1910 feien indes nur 13 Millionen zu erwarten. Er hoffe aber, baß manche unberechtigte Milderungen, welche die Kommisston in 2. Lesung beschlossen hätte, im Lause ber weiteren Beratung als unberechtigt erkannt würben, bann würbe sich ber Gesamtbetrag für das Reich auf 20 —22 Millionen erhöhen. Schließlich gab ber Rebner ber Hoffnung Ausdruck, baß bas Gesetz bald zustande komme. Auf bie A frage eines Abgeordneten, ob bie Wertzuwachssteuer nicht, wie bas sn Aussicht genommen war, an Stelle bet *1« Prozent der Umsatzsteuer treten solle, erfolgte eine ausweichende Erklärung.
i Etwas iiberrafchendks hat freilich der Schatz- fekretär nicht gesagt. Aus dem Voranschlag für das nächste Etatsjahr ist schon bekannt geworden, daß zur Herstellung des Gleichgewichts im Reichshaushalte 13 Millionen als erstjähriger Ertrag der §uwachssteuer eingestellt werden mußten. (Bon der innahrne, die vorläufig aus 18 Millionen geschätzt ist, gehen 4 bis 5 Millionen als Entschädigung sür die Gemeinden ab.) Die 13 Millionen sollen dazu dienen, neue Anforderungen sür die He er es verwalt nng von 8 Mill, und für die Veteranen- hei Hilfe von 5 Millionen zu decken. Da diese beiden Posten den Ertrag ausbrauchen, so kann die Aushebung des ziveiten Drittelprozentes der Nmjatz- steuer, welche vom Jntrasttretea der Zutvachssteuer an vorgesehen war, nicht sofort erfolgen. Bekanntlich hatte auch schon der Regierungsentwurs der Zuwachssteuer vorgeschlagen, das iweite Drlttei- prozent bis 1911 bestehen zu lassen. In der Kommission wollte mau eine bestimmte Erklärung darüber .Haden, ob und wann die llmsatzsteuer erniedrigt
* Das angebliche Witzblatt „Ulf', Vie Beilage zum Berliner Tageblatt, bringt in feiner Nummer 47 wieder ein Schmähbild, das die religiösen Enr- pfindungen der Katholiken tief verletzen muß. Die „Germ." schildert das Bild wie folgt: Das Bild stellt zunächst den Kardinal Erzbischof Fischer von Köln dar, wie er als Büßer im härenen Gewände vor dem Ijl. Vater erscheint,demütig kor demselben knieend und mit einem großen Sack beladen. Darunter stehen die Worte: „Ein arger Sünder kommst Du vor Petri Thron." Auf dem zweiten Bilde wird dargestellt, wie der hl Vater mit einem Finger den Sack berührt und dann fteundlich lächelt: „Dich drückt der Sünden Gewicht! Leg ab sie schon." Auf dem dritten Bilde kniet der Kardinal auf einem Geldsack, aus dem Haufen Geldes herausrollen, und wird vom hl. Vater umarmt und geküßt. Darunter steht: „Zweihunderttausend in Gold. Mein lieber Sohn!" — Die Katholiken müssen es sich aus das entschiedenste verbitten, daß ihre Religion und ihre Religionsdiener fort und fort von dem „Ulk" mit Beschimpfungen und ^Verhöhnungen bedacht werden. Vor den religiösen Empfindungen de? christlichen deutschen Volksteils soll er Halt machen! Daß er aber dazu nicht geneigt ist, zeigt sein neuestes Schmähbtld. Er kann es offenbar nicht lassen, di« Katholiken immer wieder in ihren religiösen und kirchlichen Gefühlen auf das tieffte zu beleidigen und zu beschimpfen. Der „Ulk" attestiert sich damit fort und fort selbst, daß ihm das Gefiihl für Anstand vollständig abhanden gekommen ist.
* Würzburg, 24. Nov. 1910. Dieser Tage hielt der Deutsche Bauernbund dahier feine erste Generalversammlung ab. Als Hauptredner traten auf Dr. jur. Hellmuth, der Geschäftsführer des Deutschen Bauernbundes, Abteilung Bayern, und der Syndikus Reichstagsabg. Dr. Böhme. Der lehiere stellte an die Spitze seiner Ausführungen die Erklärung, daß der Bauernbund an der bewährten Schutzzollpolitik unter allen Umständen festhalten unb 1911 alle diejenigen liberalen (!) Kandidaten unterstützen werde, die für die Schutzzoll« Politik einträten. Liberale Anhänger der Frei« Handelstheorie, wie Dr. Quidde, könnten vom Bauernbund Hilfe nicht erwarten. Im übrigen möge der Landwirt sich nicht durch die Steuerhktze der Sozialdemokratie ins Rote Meer hineiutrciben lassen. Dr. Böhmes Rede zeichnete sich durch auf« fallende Mäßigung aus.
j> Darmstadt, 25. Nov. 1910. Gestern nachmittag verstarb zu Worms der nationalliberale Abg. Reinhart, der als Vertreter seiner Vaterstadt der Zweiten hessischen Kammer über 30 Jahre angehörte. Er war der Führer der nationattibe- ralen Kammerfraktion, längere Jahre dritter Präsident der Zweiten Kammer und bis zu seinem Ableben Vorsitzender des Finanzausschusses. Reinhart nahm im Landtag eine hervorragende Stellung ein; von vornehmer Denkungsart und von seltener Pflichttreue beseelt, gehörte er innerhalb seiner Partei zu denjenigen Politikern, die auf einen Ausgleich der politischen Gegensätze zwischen den bürgerlichen Parteien ständig hinarbeitete. Als gläubiger Katholik war er der Kulturkämpferei abhold und die Katholiken des HessenlanbeS dürsten fein Andenken wohl allzeit aus dem Grunde ehren, weil er in den letzten Jahrzehnten ständig mit Erfolg bestrebt war, innerhalb feiner Parteifreunde aus ein friedliches Zusammenwirken ber beiden christlichen Konfessionen hinzuarbeiten.
ReichLtagSwahlvorbereitungm.
* AuS dem Wahlkreis« Marburg-Kirchhaiu-Fran- kenberg wird uns von einem Vertrauensmanns der Zentrumspartei geschrieben: In ber „Hessischen Landeszeitung" (Nr. 273), die im Verlage deS Herrn von Gerlach erscheint, findet sich ein Artikel: „Zur Pav- teilage im hiesigen Wahlkreis", der nicht unwidersprochen bleiben kann. Daß Herr v. Gerlach denselben geschrieben, ist nicht anzunehmen, da ihm solch krauses Zeug nicht zugetraut werden kann. Da steht zu leien:] „Die „Köln. Vztg." meinte gestern, Bredt werd« wohl in die Stichwahl kommen. DaS Zentrum scheint also für den freikons «rvativ en Bredt, dessen Kandidatur als Sammelkandidat gerade aus Entgegenkommen gegen die National!ibe« ralen und auch von biefen, den Kreisen der hiesig».» Freimaurerloge betrieben wird, trotz seiner nicht tut« servcttiven Kulturpolitik unterstützen und also Arm n Arm mit den Rationalltberalen und dem Hansaburd gehen zu wollen. Dar dürste für die größere politisch« Welt Interesse haben". Diese Logik des Gerlach-Blco» teS verstehen wir nicht. Den, wie daraus, daß Her? Regierungs-Assessor Bredt als Sammelkandidat rechts > stehender Parteien in die Sttchwahl kommen kann, schon folgen soll, das Zentrum werde für ihn eintreten, das bleibt „logisches Geheimnis" ber Landeszeitung. Tatsache ist, daß die Zentrumspartei auf ihrer Ber« ttaueusmäunerversammlung noch für keinen Kandidaten, sondem nur g e g e n bie Kandidatur v. Gerlach Stellung genommen hat. Sie müßte ja auch ihre ersten Grundsätze und ihre christliche Weltanschauung drangeben, wenn ste einem Kandidaten der demokratischen Bereinigung" ihre Stimmen geben wollte, einer Partei, welche von allen liberalen Parteien am meisten links ficht ifnb Trennung von Staat und Kirch«, Entchristltchung der Schulz Freihandel auf ihr Programm geschrieben hat. Weiter heißt es In dem angezogenen Artikel der Lcm« deszeitung: „Natürlich ist eS auch uns recht, wenn Bredt als Sammellandtdltt des ganzen Sammelsuriums kandidiert, nämlich der Konservativen, der Ra- tionalHberalen, des Hansabundes, des Bundes der Landwirte, deS Bauernbundes und deS Z e n t r u m S1 DaS paßt so am besten zusammen!" — Wenn die Ger- lachpartei glaubt, mit solchen un w a h r e n und l ä» cherlichen Mätzchen auf die Zentrumswähler Eindruck zu machen und ste gegen ihre eigene Parteileitung kopfscheu und abtrünnig zu machen, so schätzt sie daS Verständnis und die Treue unserer Parteigenossen sehr niebrlg eie Die einzige „Verdrehtheit", welche der Zentnnnspartet im hiesigen Wahlkreis bis jetzt vorgeworfen werden kann, ist der