Einzelbild herunterladen
 

Zthung

fuldaer

Diese Worte taten Walter so weh, daß er sich scheute, das Gespräch fortzusetzen.

„Erlassen Sie mir die Antwort", sagte er; „Sie treiben mich zur Verzweiflung, und ich gehe, damit Sie in Ruhe über die Sache Nachdenken können. Viel­leicht lernen Sie mich wieder schätzen, wenn Sie mich nicht mehr vor Augen haben."

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, packte seine Sachen, fuhr imt dem nächsten Zuge nach Lon­don, erhob seine Ersparnisse und fuhr über den Kanal nach dem Festtande. Das einzige Wesen, das Nach­richt von ihm erhielt, war Julia. Er schrieb ihr nach Clifford Hall:

„Mit gebrochenem Herzen habe ich England ver­lassen, das Opfer zweier Egoisten und der Schwäche und Mutlosigkeit meiner geliebten Mary. Gott ver­gebe mir, daß ich auch ihr zürne; an ihrer Liebe will ich aber nicht zweifln."

Dieser Brief und die Mgemeine Bestürzung, die in Clifford Hall herrschte, veranlaßte Julia, im vollen Galopp nach der Farm zu reiten, um Mary Bartlch zu benachrichtigen.

Die beiden jungen Mädchen lasen den Brief ma- etnander, und Julia war im höchsten Zorn gegen Oberst Clifford, Mary aber tat Einsprache.

„Ich fürchte, daß ich bei alledem am meisten zu tadeln bin", sagte sie.

„Meso? Was haben Sie denn getan?" fragte Julia.

„Er sagte, unsere Lage wäre hoffnungslos und durch Warten würden wir nichts erreichen, und er würde ins Ausland gehen, es wäre denn. .'

„Was, liebe Mary? Wie kann ich Ihnen einen Rat geben, wenn Sie mtr irgend etwas verschweigen?"

„TS wäre denn, meinte er, daß ich heimlich mit chm fliehen wollte."

„Und Sie haben sich geweigert, es zu tun — durchaus anständig."

„Ja, ich habe mich geweigert, was, wie Jeder­mann sagen wird, durchaus anständig war."

„Aber Sie haben nicht darüber zu erröten, wie Sie im entgegengesetzten Falle tun würden. Schreck­licher Gedanke im Geheimen verheiratet zu sein, es

vorgeschlagene Maßregel btt persischen SmweräniMs. rechte verletze, und fügt hinzu, England könne einer Erhöhung der Zölle nur zustimmen, wen« der Zu- fchlag zur Bestreitung der Kosten für Mfrtchterhal- tung der Ordnung auf den südlichen Handelsstraßen verwandt werde.

** Rußland will bekanutlich mit England einen neuen internationalen Schienen st rang über Persien nach Indien bauen. Wie das Bureau Reuter erfährt, wird das Projekt von den englischen Staatsmännern sympathisch ausgenommen. Die nöti­gen russischen Geldmittel sollen gesichert sein.

„Das ist mir etwas Neues."

„Bei Mary war die Mutter eine Clifford — Ihre Schwester, lieber Vater. Bei mir trägt nur der Vater diesen Namen, denn meine Mutter war eine Irlän­derin."

„Ja, aber eme OMyan--sie hatte nichts mit

Handel und Kohlen zu schaffen . . "

, Wie zum Beispiel der Marquis von Londonderrh oder" der Earl von Durham", fiel Walter ein „Lieber Vater, ich beschwöre Sie, bringen Sie nicht Ihren Sohn und sein Lebensglück und seine Liebe für ver- aftete Ansichten zum Opfer, die in der heutigen Welt keine Geltung mehr haben. Weder Handel noch Spe­kulation sind heutzutage eine Erniedrigung für den Edelmann. Der größte Teil be8 hohen und niederen englischen Adels befaßt sich mit Handelsgeschäften. Die meisten seiner Angehörigen sind Besitzer von Eifmbahn-Akien, einige sogar Eisenbahn-Direktoren, mithin ebensogut Handelsleute wie die Eigentümer der damaligen Mietkutschen. Alle Ihre Standesge- noffen verpachten ihre Ländereien, und auch Sie tun es an den Meistbietenden, nicht um der Ehre willen oder aus irgend einer romantischen Gefühlsbewegung, sondern für Geld, und das ist Handel. Mr. Bartley ist fein eigener Farmer, ebenso war es Mr. Coke von Norfolk, und die Königin machte ihn dafür WM P«r, ein Beweis ihrer flirsllichen Klugheit! Werden Roth­schild und Montefiore wegen ihrer Spekulationen von unserem Adel gering geachtet? Der Handel regiert die Welt und schützt sie vor Hungersnot. Die größten Talente schreiben ober malen ober spielen ben Ham-

— für Gelb, und die Anerkennung, die ihnen zu­teil wird steht genau im Verhältnis zu dem Gelbe, das sie einnehmen. Soll nun mein Glück und daS des geliebten Mädchens Vorurteilen und Chimären zum Opfer gebracht werden, die außer Ihnen Jeder­mann in England längst abgetan hat?"

Das alles hab« ich längft in ben Zeitungen ge- fefen" erwiderte bcr unbeugsame alte Herr. „Aber trotzbem gebe ich es nicht zu, daß mein Sohn die Tochter eines Krämers heiratet, eines elenden Wichts, der mich gröblich beleidigt hat. ®eräug scheinst Du Dir freilich nichts M machen"

vermischtes.

* Die Musik als Lebensretterin. Die norwegische Bark „Pallas" war auf der Fahrt von Buenos Aires nach dem Golf von Mexiko bei Groß Eaiman, einer kleinen Insel in der Karibischen See, gestrandet Da die Mannschaft das Schiff nicht wieder flott z« machen vermochte, war die Lage der Gestrandeten ziemlich mrssichGloS Um die Stimmung der Kame­raden zu beleben .nahmen zwei der Seeleute ihre In­strumente, eine Geige und eine Ziehharmonika, beten KKnge ihre Kollegen über die Hoffnungslosigkeit des Augenblicks hinwegtäuschen sollten. Plötzlich sah

M 268.

miiwed, kn 25. ü»i>««b«r WO.

57. Jahrgang.

A «sland

*-» Im französischen Minisierrat wurde am Mon­tag die Beratung der Briand'schen Streikgesetze begonnen. Der erste Entwurf über die Bestrafung der Sabotage und der Aufforderung zur Sabotage unter Abänderung des A-rtikÄs 443 des Strafgesetzbuches 'und des Pressegesetzes von 1881 wurde einstimmig angenommen. In der offiziellen über ben Kabmetts- rat auggegebenen Note ist nicht mehr die Rede von einer Ausdehnung des Streikverbots auf die öffentli­chen Betriebe überhaupt, sondern nur noch vom Streikrecht der Eisenbahner. Es sei also mög­lich, daß die Regierung auf eine Ausdehnung des Streikverbots auf andere Betriebe öffentlichen Charak­ters verzichtet.

** 3«n pem Befinden der erkrankten Königin von Belgien ist eine leichte Besserung ein getreten.

** Englmrd gegen Persien. Der englische Gesandte bat in Beantwortung ter Note des persischen Mini- stWs des Aeußercn es abgelehnt, über die Anwesen­heit der fremdem Truppen in Persien in Erörterungen zu treten, und erklärt, man könne nicht hoffen, daß sich bet Handel wieder behebe, solange die gegenwärtige Anarchie emtamere. Der Gesandt» bestreitet, daß dir

Aus dem Nachbarstebiele.

)-( Hosenfeld, 21. Rov. 1310. Gestern abend fand eine trotz des schlechten Wetters stark destichte Ver­sammlung des hiesigen Arbeitervereins statt. Herr Pfarrer Kienemund sprach zunächst über: Papsttum in Vergangenheit und Gegenwart. Die Versammlung erhob einstimmig Protest gegen die Schmähungen des hl Vaters durch den Bürgermeister von Rom Rvthan. Es folgte sodann noch ein Vor­trag über das Thema: Die Religion, das Fundament der sozialen Ordnung. Mit einem Hoch auf Papst und Kaiser in welches die Versammlung donnernd ein* stimmte, schloß Herr Pfarrer Kienemund die schöne Versammlung. , , „

♦ Hann. Münden, 20. Rov. 1910. Auf offener Straße entriß ein unbekannter Mann einer jungen Dame das H a n d t 8 s ch ch e n, in dem sich die Geld­börse befand. Die sofort aufgenommene Verfolgung des Diebes verlief ergebnislos.

* Weinheim a. d. B., 22. Rov. 1910. Im be­nachbarten Heddesheim stieg dec ledige Jakob Gärt­ner nachts in das Haus des Maurermeisters Schnei­der ein und e n t w e n d e t e 4000 Mark. Die Gen­darmerie hatte bei der Suche nach dem Diebe leichte Arbeit, denn die Spuren im „ersten Schnee" führten nach der Wohnung Gärtners.

* Langensalza, 20. Rov. 1910. Im Gerichtsge­fängnis ist der Mörder H a ß k e r l aus Sundhau­sen gestorben. Haßkerl hatte seinen Schwieger­vater im Knhstall mit bei Karrenhacke niedergeschlagen und ihm alsdann mit seinem Brotmesser den Hals abgeschnitten

• Bad Sinnigen, 22. Rov. 1910. Der Sefitnb an Ort und Stelle der Kommission, welche die Untersn- chung darüber pflog, ob Johann S ch l e r e t h von L a nt e r ermordet worden sei, hat zu keinem Resultat aefühtt Auch der Polizeihund gab nach keiner Richtung Anhaltspunkte, daß ein Verbrechen vvrkiege und ebensowenig die Seztenmg bet Leiche. Es ist vielmehr wahrscheinlich, daß Schlereth, der spät abends in nicht ganz nüchternem Zustande Wald- smster verließ, auf dem Heimwege mi den Straßen­graben geriet, mit dem Kopf auf einen dort befindli­chen Stein fiel und sich nicht mehr aus t rm Graben herausarbeiten konnte.__

vor aller Welt verbergen zu müssen, bis nian endlich doch entdeckt ober noch schlimmerer Dinge verdächtigt wird."

„Welcher schlimmeren Dinge?"

„Lassen Sie es gut fein, Kind. Hätten Sie ter's Wünschen nachgegeben, wäre ich nicht mehr im Stande gewesen, Si« zu acht«»."

Sie schöpfte einen Augenblick Stiem, dann fuhr sie fort:

„Er ist bann gor nicht anders als bei geringen Leuten und erinnert mich en eine Szene in irgend einet Novelle, die ich kindlich gelesen habe. Ein Kom* mis aus bet City oder eine ähnliche Persönlichkeit macht mit seiner Liebsten eine Landpartie. Plötzlich sagt er: „Da habe ich was in der Hand, was mag das fein? — — Ein glatter, goldener Ning! Ob er Dir wohl paßt? Betfuch eS mal, Polly. Sieh mal an, er ist wie für Dich gemacht. — — Du kannst ihn vorläufig behalten" Sie gehen ein Stückchen weiter, dann sagt er: „I, was ist denn das? — — Zwei Paar weiße Hmrdschuhe! Versuch mal, ob Du die Keinen anziehen kannst, ich will es mit den großen versuchen. In dieser Weise überredete der leichtfer- tige Mensch das unerfahrene Mädchen weiter und wei­tet, und das Ende vom Liede kannst Du Dir denken. --Aber wir fmd wohlerzogene junge Damen, dir sich selbst respektteren."

In dieser Weise bestärkte Julia Mary Bartley in ihrem Entschlüsse, war aber nicht im Stande, sie über die Folgen desselben zu trösten. Walter schrieb ihr auch nicht eine Zelle, sie fürchtete daher, daß er wirk- lich'in Verzweiflung sei oder den Versuch mache, seine Liebe zu überwinden. Ihr Gram wurde täglich schwerer, die Rosen ihre Wangen erbleichten, und sckbst Bartley fing an, Mitleid mit ihr zu fühlen, denn wenn er sie auch nicht zärtlich liebte, hatte er sie doch gern und war stolz auf ihre Zuneigung. Außerdem war Hope's Rückkehr täglich zu erwarten, und wenn er das junge Mädchen betrübt und leidend fand, war er tm Stande, ihren Kontrakt für gebrochen zu erklären.

(Fortsetzung folgt.)

eia gefährlicher Geheimmr.

31] Roman in zwei Bänden von Charles Reade-

Walter wurde plötzlich ruhig, denn diese Worte trafen ihn ins Gewissen.

Er schlang beide Arme um ihren Hals und küßte ihre nassen Augen mit verzweiflungsvollem Seufzen. Dann schien er sich mtt Gewalt von ihr loszureißen, und sie lehnte matt und regungslos an der Pforte, hörte seinen Schritt verhallen und ein Schauer ging durch ihr ahnendes Herz, denn sie sühtte, daß Walter und sie getrennt waren.

10

Der gordische Knote».

Walter verzweifelte noch immer nicht, beschloß vielmehr die Sache noch einmal seinem Vater vo^u- legen, und tat es mit ruhiger Bestimmtheit. Der Oberst aber, in dem der Aerget übet die Begegnung mit Mrrtley nachzitterte, nahm die Erklärung des Sohnes mit heftigem Unwillen auf.

Walter, der sich noch immer beherrschte, fragte ihn endlich, wenn auch mit innerem Widerstreben, ob er sich nicht verpflichtet fühle, einem Sohne, der ihm stets Gehorsam bewiesen und alles getan habe, seine Ver­mögensverhältnisse zu verbessern, einige Borurteile zum Opfer zu bringen.

„Verzeihen Sie", sagte er, „aber da es sich um das Glück meines Lebens handelt, erlaube ich mir, allem Zartgefühl zum Trotz, die Frage, ob ich Ihnen nicht ein guter, dienstwilliger Sohn gewesen bin."

„Das bist Du, Walter, bis auf den einen Punkt", erwiderte der Oberst.

„Sie können mich jetzt oder nie dafür belohnen."

„Das will ich auch", antwortete der. Oberst mit strenger Miene; „es wird aber, wie ich immer deut­licher sehe, eine schwierige Aufgabe sein. Jedenfalls will ich tun, was ich kann, Dich vor einer Mesalliance ' ^Gne^Mesalliance, lieber Vater? Sie ist dock eine Clifford!"

„Den Genfer ist sie das!"

Aus Kirche und Schule.

♦ Di« Heirat btt Lehreri». Nach einer neuen Anordnung des Unterrichtsmmisters besteht kein Be­denken dagegen, daß in die Anstelluiigsurkunden die Bestimmung ausgenommen wird, daß die feste Slnstel- kmg einer Lehrerin im Falle ihrer Berheiratung mit dem Tage der Eheschließung ihr Ende erreicht, sofern nicht int örtlichen Schulinteresse die Entlassung erst mit dem Schlüsse des Schulhalbjahres erwünscht er­scheint. Eine Hinausschiebung der Entlassung über diese Zeit wird dagegen als völlig n n z n l ä s s i g er­klärt Dabei bleibt aber das Recht der Schulansstchts- bchörde eine verheiratete Lehrerin widerruflich mit der Verwaltung einer Schulstelle zu beauftragen, ohne Befchtänkung bestehen.

[I Die Angst vor dem Zentrum.

Aus der Rede des Kaisers bei den Beuroner Bene- biftinetn haben einige liberale Blätter schließen wol­len beim Kaiser sei ein Umschwung der Gesin­nung in Bezug auf das Zentrum eingehrten.

Es güt als Tatsache, daß die systeuwtischen Ver- dächti-znngsversuche dazu geführt Haben, daß der Kai­ser das Zentrum nur ungern als mitwirkenbrn Faktor bei der politischen Gestaltung der Dinge sieht. Nun soll der Kaiser, weil er in seiner Rede dem Wirken des Benediktmerorbens Gerechtigkeit widerfahren läßt, mit einem Male „in das Schlepptau des Zentrums" ge­raten sein. Das gibt der liberalen Presse erwünsch­ten Anlaß, die „schwarze Gefahr" einmal wie­der in den grellsten Farben dem so leicht gruselig zu machenden Publikum zu schildern. Helfe, was helfen mag, hat man kein anderes Zugmittel, so ist dieses immer noch gut genug und erprobt ist es ja auch schon mehrfach. Mr haben unseren Lesern kürzlich Mitteilung davon gemacht, in welch geradezu flegel­hafter Weise das demokratische „Berliner Tageblatt" den Kaiser wegen seiner Rebe anWrempekn gesucht hat. Die konservative Presse hat sich bisher der Sache gegenüber anständig verhalten. Was aus bem monarchischen Prinzip, auf dem fie steht, selbstverständ­lich ist. Nun ober erhebt die liberale Hetzpresse ein Geschrei, als ob die Konservativen dadurch ihre Ab­hängigkeit von der Zentrumsmacht bekundeten und daß fie im Interesse der Ausrechterhaltnng des schwarzblauen Blockes nicht wagten, ein „gut pro­testantisches Wort" gegen dieses Zentrum zu sage«. Wie man sieht, wird hier auch auf die blödesten Kul- turkawpfinstinkte konservativer Wähler spekuliert, denen man klar machen will, daß sie durch Abschwenk­ung in das liberale Lager ihr politisches Seelenheil retten müßten. Hierdurch nun ist auch die konserva­tive Presse von Angst ergriffen worden, und selbst ein ffo besonnenes Blatt, wie die „Kreuzzeitung" läßt sich zu durchaus ungerechten Ausführungen hinreißen:

„Wir habe» bisher zu der partetpvMffchen Aus' beatung der Kaiserrede durch die Zentrumspresse ge" schwiegen, weil wir es nicht für ausgeschlossen hielten, daß in der offiziösen Presse der authentische Wortlaut der Rede veröffentlicht werden würde. Da bitte Ver­öffentlichung ausbleibt, sehen wir uns in der Annahme befühlt, daß die Red« vertraulichen Charakter hatte und keine politische Kundgebung für weitere Kreise war. Wir glauben daher auch, daß die unbefugte Ver­öffentlichung der Rede in der Zentrumspresse und ihre politische Fruktifizierung eine dem Zentrum keineswegs erfreuliche Wirkung haben wird. Jedenfalls beteiligen wir iinZ nicht an dieser Diskussion. Was aber die R atzanwendung der.Germania" zugunsten des Jesuiten­ordens betriff», (di« .Germania" hatte gemeint, wie dem Bcnediktinerorden müsse man auch dem Jesuiten­orden Gerechtigkeit widerfahren lassen), so müßten wir sie mit aller Bestimmtheit ab lehn en. Waren schon die Päpste nicht einig in der Beurteilung des Jesuiten or7 ens. wie dessen Aushebung durch Clemens XIV. be­weist, so wird man uns nicht verdenken können, daß wir die Zulässigkeit dieses Propaganda-Ordens in dem konfrsjümell gemischten Deutschland auch heute noch nachdrücklich bestreiten und durch alle dem Benevck- tinerorden gespendeten Lobsprüche uns darin nicht irre nmchsn lassen. An eine Aufhebung des Jesuiten- a esetzr.s denkt di-konservative Partei jedenfalls nicht."

Wäre der Wortlaut der Rede, so wie er veröffent- "icht wurde, anzuzweifeln, dann wäre wohl längst ein offiziöses Dementi erfolgt. Die Aeußernngen des Kaisers enthalten nichts, v>aS die Oesfentlichkett zu scheuen braucht und mir glauben ganz bestimmt, daß der Monarch sie vor keiner Oefsenttichksit verleugnen würde. Solch herrlicher Worte, Jute sie in Beuron gesprochen worden sind, braucht sich kein Monarch zu schimen. Was aber weiter die Jesuiten au geht, so vergißt die Kreuzzeitung einigermaßen ihre Ver­gangenheit. Es hat eine Zeit gegeben, das Blatt möge an den alten Rauchhaupt denken, wo die Kon­servativen und die Kreuzzeitung bie Jesuitanhetze nicht initmachten und von dem Ausnahmegesetz gegen die Jesuiten nichts wissen wollten. Die Kreuzzeitung weiß auch, baß es einen großen preußischen Monar­chen gegeben hat, nämlich Friedrich ben Großen, der die Jesuiten in das Vaterland gerufen tmb dort in ihrer hervorragenden Kulturarbeit unterstützt hat. Wir verstehen rs einigermaßen, wenn die Kreirzeitimg auch mtt fulturkämpferischen Instinkten gewisser konserva- .iter Kreise rechnet, aber daß sie sich dadurch den Blick für die Gerechtigkeit hüben laßt, bleibt recht be­dauerlich •

Deutsches Reich.

♦♦ Der Bericht über die Verhandlungen des Ka- thollkentages in AugSbmg ist erschienen und wird in den nächsten Tagen und Wochen den Mitgliedern der Generalversammlung durch die Post zugchen. Der Bericht umfaßt nicht weniger als 742 Seiten und stellt sich aks stattlicher, geschmackvoll ausgestatteter Band dar. Die Einteilung des Bandes ist die bei ben Berichten über die Katholikenversammlungen üb­liche. Der Bericht ist im Kommissionsverlag der Kranzstlderschen Buchhandlung m Augsburg erschie­nen und kann auch von Richtmitglietern zum Preise von 5 Mark für dar ungebundene Exemplar bezogen werden. Für gebundene Exemplare erhöht sich der Preis um eine Mark.

8 Darmstadt, 21. Nov. 1910. Der von der Zwei­ten Kammer für die Reform der Verwaltungsgesetze eingesetzte Sonderausschuß hat durch Abg. Dr. Gläs- flug Über die neue Städteordnung Bericht er­stattet. Der Gesetzentwurf enthAt gegenüber der gel­tenden Städteordnung zahlreiche neue Vorschriften. In Zukunft soll bei Streitigkeiten, die sich auf Ange­legenheiten der Gemeiudeverwaktung beziehen, der Pkovinzial aus schuß an Stelle des KreismisfchnsseS treten. Der Anregung .den Bürgermeister und die Beigeordneten durch direkte Wahl der Bürger wählen zu taffen, konnte der Ausschuß nicht beistimmen. Was die Magistratsverfaffung anlangt, die in Hessen noch nicht besteht, so werden dagegen erheblich Bedenken geltend gemacht; da aber die Einrichtung sich in Preußen durchaus bewährt hat, so ist die sakultatwe Einführung gestattet. Das Recht des höchstbesteuer­ten Grundbesitzers auf Sitz und Stimme in der Stadi- bfroTbnetenberfammlung wird beseitigt; diese neue Bestimmung hat insofern ein aktuelles Interesse, als verschiedene Städte und Gemeinden in ben letzten Jahren die Jnrmfpruchnahme dieses Rechts schon auf Grund der heutigen Gesetzgebung verweigert haben, so die Stadt Mainz dem Eisenbahnsiskus, der vor einigen Jahren dieses Recht in Anspruch nehmen wollte Der Landesverband städtischer Beamten hat in einer Eingabe verschiedene Wünsche zur Städte- ordmmg geäußert. U a. verlangt er das passive Wahlrecht und im Falle des unfreiwillrgcn Ausschei­dens bet Beamten aus dem Dienst Auszahlung von mindestens zwei Drittel des Gehalts.

- Breslau, 21. Nov. 1910. In der Land- tagsersatzwahl in Breslau ist das Ergebnis der Wahlmännerergimzungswahl eine Stichwahl zwi­schen Zentrum und Konservativen einerseits und Li­beralen antererfrM, sofern alle Wahlmänner zur Wahl erscheinen. Eine interessante Erfahrung macht man hrnstchtkich des Hanfabundes. Das Zen- trum hatte einen Politiker aus dem Mittelstände auf­gestellt, Kaufmann Vogel, der seit Jahren eine fiih- rende Rolle im Erwerbsleben seiner Heimatsstadt einnimmt. Man sollte nun meinen, daß der Hansa- bund diese Kandidatur mit allen Kräften unterstützen tourte. Weit gefehlt! Dieser Kaufmann ist ja ein ZentrumSmainn und darum war der Hansa- bund gegen ihn! _

2. Blatt.

»Mkf web vertag »er $ulbeer »ctieudrmker»' hi ffekba

man einige mit Eingeborenen besetzte Kähne nahen, bie die Mannschaft anfnahmen und glücklich zur Küste brachten. Wie die Helfer selbst berichteten, waren sie durch die Klänge der Instrumentalmusik, btt langt nach Mitternacht noch weithin hörbar gewesen war, herbeigelockt worden und hattm so das Schiff wahr- gemmmttn. Auch hier hat also die Musik ähnlich wie in dem — historisch allerdings nicht beglaubigten — Fofle „Ation" sich als Retterin in der Rot erwiesen.

♦ Verhängnisvoller „Scherz". Auf einem Samb­ier der zurzeit In Spandau am Burgwall vor Anker liegt, vergnügte sich der 16jährige Schiffer- junge Wernitz mtt einem geladenen Revolver. Wah­rend der Unterhaltung richtete nun der junge W. die Waffe gegen sich fckbst, indem er tm Scherz benreckte: Jetzt schieße ich mich tot!" Im nächsten Augenblick krachte tht Schuß, und von der Kugel ins Herz ge­troffen, stützte der Schütze tot zu Boden.

♦ Stegen Nahmngssorgen erhängte die Witwe Schiffel in Kiel ihren zwölffährigrn Sohn und dann

„sprechmde Hund". Seit -cht Tagen sind vetfchiedene Matter voll von Wuuderberichten üb« einen sprechenden Hund. Er lebt in der Lttz- linget Htite, tmb zwar im Forsthaus Teerhutte beim Hegemeister Ebers. Ein Verwandter Ebers hat bie Weit davon tn Kenntnis gesetzt, und nun findet man in dem und jenem Blatt begeisterte Berichte von Zri» tungSleuten, die das Wundertier tn feiner Emsmnkeit ausgesucht haben und sich von feinen außerordentlichen Fähigkeiten überzeugt erklären. D« Hund spricht nach diesen Berichten die Wörter: haben, Hunger, Kuchen, ja, nein, antwortet auf bie Frage „Wie heißt du?" jedesmal richtig: „Don", und bildet gelegent- lich auch mal einen Satz wie: „Don Kuchen haben . Wir haben uns zu einer Reife in die Heide nicht zu entschließen vermocht, begnügen uns mit dem Urteil, das ein Forstmann und Tierfreund, der den sprechen­den Hund seit längerm kennt, abgegeben hat. Er schreibt: „Der ftagliche Hund gibt allerdings zwi­schen Bellen und Knurren »egende Laute von sich, die man, bei viel gutem Willen, als die genannten Worte auslegen kann Jedenfalls scheint d« Hund die von seinem Herrn und dessen Familie gehörten Worte, mit denen er, «vaS ja nicht« Wunderbares ist, gewisse Vorstellungen verbindet, nachahmen zu wollen."

* Eine durch Schnee feucht gewordene Ladung Karbid explodierte in Bittet bei Grenoble in einer chemischen Fabrik. Fünf Arbeiter wurden ver- mundet, davon drei tödlich.

* Folgen des Bierstreiks. Eine gelungene AuS- rede machte ein Bau« vor dem Schöffengericht Mat» te^sdorf in Niederbayern, der wegen DerufSbeleidi- gung angeklagt war Er plädierte auf Freisprechung, da er vor der Tat 32 Halbe (Liter) getrun- ken habe. „Kommt das öfters vor?" fragte d« Amtsrichter. „DSS grad net", erwiderte der Ange­klagte, „aber S'is grab an Bierstreik auSg'wesen."

• Z«m Tote T-kftviS. Auf ben Bericht bei russischen Ministers des Jnnnn über das Ableben Tolstois machte der Zar eigenhändig den Vermerk: „Ich bedauere herzlich den Tod des großen Schrift- stellers, der in btt Blütezrtt feinte TÄonteS in fei­nen Schöpfungen vaterländische Typen der ruhm­vollsten Jahre des russischen Lebens verkörpert hat. Gott der Herr fei ihm ein gnädiger Richter!" — Die Studenten der Petersburger Universität, Welche gestern eine Trauerseier für Tolstoi abhielten, beabsichtigten eine Demonstration vor dem Gebäude des Sy» nsds. Der Rektor eilte ihnen auf die Straße nach und bat sie, davon abzulassen. Da auch schon zahl­reiche berittene Schutzmannschast auftauchte, unterblieb die Demonstration. — Gestern f<mb dir Ueberflihrung der Leiche Tolstois nach seinem Gute JaSnaja Pol- jana statt. Das Sterbehaus soll nach Anordnung der Direktion ter Riäfan-Urcflbahn geturnt werden, um zu einem Tolstoi-Museum eingerichtet zu Werden.

* Ein Mefenwittstfch gefangen. In der Nähe del Fort Madrick, 5 Kilometer von Dünkirchen (Frank­reich) wurde ein 19 Met« langer Riesenwal gefangen, den das Meer an die Küste getrieben hatte. Das Tier bette eine Wunde am Kopf, war also schon har­puniert worben. Der Wal hatte ein Gewicht von 15 000 Kilogramm.

* Zu der Beschädigung be6 deutsch«! Krieger» benkmals in Dijon wird gemeldet, daß die Ge­meindeverwaltung von Dijon für die Wiederherstel­lung des "Denkmals Sorge tragen wird.