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Fil'ida, Mittivoch )en 23. November 1910.
Erstes Blatt.
.M 268.
37. Jahrgang.
1— .......III ■ I
prvzrßvrdnunaskommlssion. ratimg des Geietzenlwurft
Deutscher Reichstag
Sitzung vom 22. November 1910.
toa^ung vor Verführung durch Schmutz und Gift eine Lebens- und Zukun ftSfrage ersten Ranges sei. Er wirst dem Liberalismus vor, daß er die Rolle des Vorkämpfers um die hier bedrohten wirklich heiligsten Güter — dem Zentrum überlasse. Mr möchten hinzufügen, daß auch die christlich denkenden K onservativen für die Rettung der Jugend sich zeigen und hoffentlich noch lange und wirksam mit uns in der christliche« Schulpolitik zusammen arbeiten werden.
Präsident Gras Schwerin-Löwitz eröffnet die Sitzung und beißt die Abgeordneten willkommen.
Das Andenken der feit der letzten Setzung »er. storbene» Mitglieder des Hauses wird durch Erheben der 2lbgeordneleu von den Sitzen geehrt. — Eingeaan- gen sind Interpellationen bett, die Königsberger Kaiserrede und bett, die Fteischteuerung.
Erster Gegenstand der Tagesordnung ist bte Novelle , zum Gerichtskosikiigesetz, welche eine Folge der Strafprozeßreform ist. t .
Die Vorlage geht ohne Debatte an die Stras- prozeßvrdnungskommission. Es folgt die erste Beratung des Gesetzentwurfs bett, den Schutz »es zur Anfertigung von Reichsbanknoten verwendete« Papiers. Die Vorlage will dem Rerchsbanknotenpapier denselben gesetzlichen Sckutz angedeihen lassen, wie dem Papier der Reichskassenicheine. u v m .
Abg. Dr. Arendt (Rp.) wünscht, daß das Papier auch schön aussehen soll. Die jetzigen Reichsbanknoten und Kassenscheine sind so häßlich, daß sie sich dadurch selbst schützen. (Heiterkeit.)
Die Vorlage wird angenommen. — Es folgt vie erste Beralung des Gesetzentwurfs bett, die Beseitigung
von Tierkadavern. .. , „
Staatssekretär Dr. Delbrück empstehlt die Vorlage, die nur im allgemeinen sanitäre und hygienische Bor- ; stchlsmaßrmhmen fordere und Einzelnes den Bundes- I staalen überlasse.
1 piach kurzer Debatte wird der Entwurf an eine Kommission verwiesen.
Damit ist die Tagesordnung erledigt.
Vizepräsident Dr. Spahn teilt noch mit, daß eine Interpellation der Vollspartei, bett, die Privatbeamtenversicherung, eingegangeu ist.
Mittwoch: Jnierpellalwnen betreffend bte Fletsch- leuerung, die Königsberger Kaiserrebe und bie Prtvat- beamtenverstcherung. __________________
Deutsches Reich.
r Berti«, 22. Nov. 1910. Der Kaiser ist Dienstag früh von Kiel kommend ans Station Wildpark eingetroffen und hat sich nach dem Neuen Palais begeben. — Der Reichsetat wird dem Reichstage am 30. November oder 1. Dezember unterbreitet werden. Die erste Lesung wird also nicht vor dem 6. Dezember stattfinden fönnen. Die erste Lesung des SchissahrtSabgabeugesetzes wird voraussichtlich am 28. d. Mts. beginnen. Der Reichskanzler von Bethmann-Hollweg wird selbst in dieser Beratung das Wort ergreifen. — Das Sten« prinzenpaar stattete aus der englischen Insel Ceylon dem Gouverneur einen Besuch ab und fuhr später im Automobil nach Mount Lavinia. Auch unternahm es eine Spazierfahrt in Rickschahs (von Eingeborenen gezogene Wagen) und dann in Begleitung des Gouverneurs eine Rundfahrt im Automobil durch ganz Colombo sowie durch die Ein- geborenstadt. — Nach einer von der Reichsbehörde ausgearbeiteten Denkschrift würde die Kultivierung der deutschen Moores Weideslächen Futter für 8138900 Doppelzentner Marktvieh liefern können. — Wie die ,Vofs. ßtg.' aus zuverlässiger Quelle erfährt, wirb verhandelt über den Anschluß des Königsreichs Sachsen an den preußisch- hessischen Eisenbahnverb and. Wie Hessen eine Eisenbahndirektion erhielt (Mainz), so soll das Königreich Sachsen deren drei erhalten.
Aus dem Reichstage. Die Ruhe vor dem Sturm! — So läßt sich bie Stimmung des Reichs- tages am Tage seines Wiederzusammentritts kurz charakterisieren. Die politische Lust ist schwül und drängt zu Explosionen, aber man meistert seine Stimmung, denn heute gilt es, die vielen alten Bekannten nach der langen Trennung zu begrüßen und da will auch der potitische Gegner in die Freude des Wiedersehens keinen Mißton hineintrageu. Herzliches Händeschütteln, heitere Scherzworte in der Wandelhalle, — ernstere Zwiegespräche zahlreicher Gruppen im Sitzungssaal, eifriger Verkehr zwischen der 'Ministerbank und den Abgeordneteubänken, wenig Aufmerksamkeit für die Mitteilungen des Büros find das äußere Gepräge des Tages. Die Tagesordnung ist bald erledigt. Wen interessiert im Augenblick die Abänderung des Gerichtskostengesetzes, die durch die Strafprozeßreform bedingt ist, wen interessiert die Beseitigung der Tierkadaver, die im Reiche einheitlich geregelt werben soll, und wen interessiert heute die Papier- sorle, bie für die neuen Banknoten gegen Fälschung verwandt werden sollen? An die Kommission damit! — ist die Parole. Nur wenige Redner ergreifen das Wort und die Sitzung ist in knapp einer Stunde beendet. Ein höheres Interesse hat die Frage der Wahl des zweiten Vizeprci- side nten, auch wenn sie nicht auf der geschriebenen Tagesordnung steht. Schmollend sitzt Boffermann auf leinem Platze, ein ganz anderer als in Kussel. Dort der Triumphator, wennaucheinküitsllicher —imReichslag kleinlaut. Man will den Vizepräsidenten aus Seiten der Nakionallibera en nicht. Wen will man damst ärgern? Die Welt geht ob dieses Protestes nicht aus den Fugen, und der Reichstag wird über den kindischen Eigensinn zur Tagesordnung übergehen. Fürst Hatzfeld, der Führer der Reichspartei, geht lebhaft im Saale tnnher, bald hier, bald dort konferierend. Man sieht, er hat eine besondere Mission: Die Reichspartei präsentiert den zweiten Vizepräsidenten, und der Reichstag wird ihn akzeptieren. Fürst Hatzfeld spricht auch mit der gefallenen Größe eines Dr. '28 i em er. Wie fein Nachbar sitzt er verärgert aus seinem Platz. Ach, war das ftüher anders! Die Grübchen von Bülow lachten ihn damals immer an, und das tat dem Berliner freisinnigen Stadtrat so gut. Heute ist niemand mehr an der Ministerbank, der ein Lackjen, ein gutes Wort für seinen politischen Ehrgeiz hat. Hin ist hin, und SB ferner hat nur noch Lokakbedentung für ferne 48 Mannen, die die Welt aus den Angeln beben wollen. Oklavio Freiherr v. Zedlitz fitzt draußen in der Wandelhalle und lacht verschmitzt, als Fürst Hatzfeld nach seinem Rundgang im Sitzungssaal ans kurze Zeit mit ihm konferiert. Aber nicht ist es bie Präsidentenfrage alle n, welche die Gemüter erfüllt. Vier Interpellationen find eingegangen, und sie sollen morgen schon auf die Tagesordnung kommen. Ihr Genre ist derart, daß auch dem politisch Abgebrühten das .Herz sich regt: Eine Kaiferbebatte! Das ist was, was man nicht alle Tage zu hören bekommt. Die Sozialdemokraten verlangen Rechenschaft übet die verschiedenen Kaiserreden. Das heißt foakl, baß es morgen im Reichstag ordentlich krachen wirb, denn daß die Soz albe > okraten keine milden Töne anschlagen werden, weiß man zur Genüge. Dann die Fleischteuerung! Auch hier inler- pellieren die Genoffen; die Konservativen haben eine Art Gegeninterpellation eingebracht. Das wird auch wie Waffet und Feuer wirken. Schließlich kommt noch eine Interpellation des Freisinns bett. Privat» beamtenversicheruns zur Verhandlung.
)( Tas Zentrum hielt gestern nach der Plenarsitzung des Reichstages eine kurze Fraklionssitzung ab. Es wird eine Interpellation einbringen, in der bie Regierung um Maßnahmen gegen die durch die Mißernte in dem Weinbaugebiet geschaffene Lage gebeten wird.
4- Ter Sturz des Fürsten Bülow und der Zusammenbruch des Blocks. Zu diesem immer
X Krhk. v. Pechmann über den Hansabnnd und die liberale Politik.
Ter Direktor der Bayerischen Handelsbank, Frhr. j Pechmann, dessen Austritt aus dem Hansabund kürzlich viel Aufsehen erregte, hat in einer Unterredung mit dem Münchener Vertreter der „Täglichen Rundschau* die Ursachen dieses Schrittes näher dargelegt und zugleich seine Auffassung von der gegenwärtigen p o l i ti s ch e n L a g e entwickelt. Die Ausführungen sind für den modernen Liberalismus sehr bitter, aber der Beachtung aller Unbefangenen verl.
Herr v Pechmann hat vielleicht gern bte „Tagt. Rundschau* zu seinem Sprachrohr gemacht, um so bet üblichen Verdächtigung „klerikaler" oder „ultram.mta- ner" Neigungen ausznweichen. Tatsächlich bekennt sich fSerr v. Pechmann als Anhänger des alten Kartell aedankens Bismarcksscher Ueberlieseruitg: „Na- tionfilfit’ernle und Konservative gehören zusammen, wie Büruer und Bauer". Er will aber diesen Kartellgedanken nicht ausarten lassen in die B k o ck i d e e, deren Grundlage und Hauptzweck bekanntlich bte Ausschaltung des Zentrums war. Er glaubt vielmehr auch das Zentrum in die non ihm erstrebte Arbeitsgemeinschaft hineiuAehen zu faßen.
K-Ns ihn von der jetzigen Leitung des .yawcibun- des scheidet, fft einerseits das Bewußtsein, daß Gewerbe und Landwirtschaft aufeinander cm- getoickn find und anderseits die Erkenntnis, daß der jetzt pcakkami'erte Kampf bis aufs Resser gegen die „blauichwarzen" Vater der Reichsfinanzreform „in erster Linie der Sozialdemokratie zugute komüü". Und jeden politischen Erfolg, der die Werbe- Iraft der Sozialdemokratie erhöht, hält Herr v. Pechmann für ein nationales Unglück, darum auch „jedes Wahlbündnis mit ihr für ein politisches Unrecht". .
> Interessant ist die Anstch! v. Pechmann s, daß der jetzt Utric6ene „Kampf bis auf's Messer" in zweiter Linke aanz gewiß eben dem Zentrum zu gute kommen würde, das man vernichten möchte. Er meint man werde dem Zentrum doch nur um so sicherer zur ausschlaggebenden Machtstellung verhelfen, je mehr cs gelingen sollte, die Konservativen zugunsten der Sczialdemokratie zu schwächen". Zu diesem Satze hätten wir von unserem Zmtrumsstcmdpuukt aus manches M sagen; aber vielleicht ist es augenblicklich nicht zweckmäßig, die vermeintlichen ober wirklichen Aussichten des Zentrums in den Mittelpunkt der Debatte zu rücken. Es genügt die Feststellung, daß das Zentrum weit entfernt ist von jeder Spekula- t i o n auf Vorteile, die sich für seine parlamentarische Messung aus dem Anwachsen der sozialdemokratischen Frak iru ergeben könnten. Im Gegenteil hat die Zentt-'mspartei durch all' ihre Wortfiihrer und durch ihre nanz- Haltung fortgesetzt den lebhaftesten Wunsch bekundet, daß es zu einer M i k d e r u n g der Gegensätze unter den bürgerlichen Parteien, zu emer^ gemeinsamen Abwehr der vnssturzgesahr käme und überhaupt ru jener positiven Arbeitsgemeinschaft, die Fihr. v. P.chmann mit Recht als unentbehrlich bezeichnet Insbesondere darf das Zentrum sich rühmen, auch die N a t i o u a 11 i b c r a t en (trotz aller prinzipiellen Gegensätze und trotz der schroffen Zentrumsfemdlchaft vieler uationalliberalen Redner und Zeitungen!) zu friedlichem Zusammenwirken gemäß den Vorgängen von liÖ7 allzeit eiugelaben zu haben. Was uns betrifft, so steht ihnen dus Eingangstor auch heute noch offen, wobei von ihnen nichts anberes verlangt wirb, als daß sie den anderen positiven Parteien dasselbe gestatten, was sie für sich in Anspruch nehmen.
Die Haupcsache ist, worauf Frhr. v. Pechmann das deutsche Volk sehr fiar und eindringlich aufmerksam machte, ob eine Partei, die sich staatserhaltend nennt, die Sozialdemokratie mittelbar oder nmittelbar unterstützt, oder ob sie der Umsturzgefahr ent- gege.. ritt. In dem Punkte scheiben sich die Geister, und gewiß hat Herr v. Pechmann Recht, wenn er dem Hansabund und seinen liberalen Genesis« vorhält, daß sie durch die gemeingefährliche V er Ja) a r- fung, ja Vergrößerung der Gegensätze der Sozialdemokratie in die Hände arbeiten.
Besonders beachtenswert ist schließlich ferne Mahnung zur Sorge um die Jugend; deren Be-
nod) aktuellen Thema nimmt heute d r »Reichs- bote' (Nr. 274) in bemerkens werter Weise Stellung. In einer Polemik mit Dem konservativen Blatte hatte das „Berk. Tcrgeblft darauf hingewiefen, daß an dem November sturm von 1908 auch Vertreter der konservativen Partei beteiligt gewesen feien. Der,9teid)sbote' nennt dies durchaus zutreffend und erklärt die damalige Haltung. der Konservativen folgendermaßen:
„Die damalige Taktik der Konservativen wäre entschieden zu beanftanben gewesen, wenn nicht Einflüsse auf sie zurückgewirkt hätten, Denen ft* sich, wie alle im Block geeinten Parteien, mit Ruck- sicht auf bie Erhaltung bet konservativ-liberalen Koalition ohne weiteres gar nicht entziehen konnten. Im liberalen Lager weiß man es doch genau so gut, rote an oberen Stellen, auf mess en Konto bie bamaligen Boraänge allein zu fetzen ftnb. Sie waren in ihren »rängen, was zunächst sehr »orfichtig verschierert war, um es einmal mit dem rechten Namen zu nennen, entfach — bestellte Arbeit, eine fei« einge» fabelte Intrige eines hochftehenben Fron- beurs (Bülow) zur Durchbrechung bei feinem Willen bisher noch entgegenstehenden Schranken. Wenn man auf konservativer Seite diesen letzten Zweck nicht voll durchschaute, so ist dies bei dem guten Glauben, den man damals noch gern dem inneren Regierungskurs und feilten Urhebern entgegenbrachte, sehr entschulbbar. Dir Sache änberte sich aber sofort, als sich berausstrllte, baß bie Geister, welche bet Herr bet Lage aus bet Linken gerufen hatte, ihm schnell über ben Kopf wuchsen unb die Gunst des Augenblicks sofort silr bie einseitigsten demokratischen Begehrlichkeiten, zur tlebertumpehmg bet Konservativen mit einem parlamentarischen Regiment zu nützen suchten. In diesem Augenblick wappnete bie Demokralie sofort ben geharnischten Widerlprnch aus ben konservativen Kreisen gegen sich, wie er laut in ben leitenden Parieiolganen zum Ausdruck gelangte. In dieser Stunde war aber auch schon bet Blockberr- lidjfeit bas Grab gegraben. Was später in bet Haltung der Konservativen in ben Parlamenten vielen rätselhaft unb manchem inopportun erschien, steht in unmittelbaren Beziehungen zu jenen unseligen Novembertagen unb erklärt sich heute von selbst. Den Konservativrn war es wie Schuppen von ben Augen gefallen, welchen Interesse« man sie hatte dienstbar machen wollen. Aber vor bte Frage gestellt, ob man ben Hoheuzollernkönrgen auch nur ein Welchen ihrer woblverbriesten Königsrnacht entroinben lassen solle, war selbstverständlich bie alleinige kategorische Antwort sofort gegeben. Der Konservatis- >uus in Preußen unb Deutschland steht unb fällt mit bet unwandelbaren Hingabe zum Kaiser» und Königs- haufe. Folglich hatten, bie Konservativen auch gar keine Wahl mehr, wie sie sich zu dem damals leitenden Staatsmann zu stellen hatte«, nachdem sie seine sron- bterenben Neigungen ertannt hatten. In jenen Novembertagen wat auch dessen Geschick entschiede«, worbe«, unb bas, was man so geflissentlich als „agrarischen Eigennutz", als „konservative Steuerscheu" beutete, war nichts anderes, als die zwingende Notwendigkeit^einer großzügigen vaterländischen Politik. Fürst Bülow mußte fallen, nachdem er sich in ben bemohattfdjen Netzen verfangen hatte unb im Block nur noch bie Sache ber Demokratie gegen das Königtum führte."
Auf diese ebenso zutreffende wie ehrliche Darstellung wird in den parteipolitischen Ausein- andnsetzungen noch des öfteren mit Fug verwiesen werden können. Vielleicht bietet schon die Besprechung der Interpellation über die Kaiserreden dazu Gelegenheit.
** Tie „Thümmelei" tu Jena findet in routfeind- lscheu protestantischen Kreisen keineswegs allgemeinen Anklang, das beweist u. a. auch eine Zuschrift des Pastors und Mitgliedes des Evangelischen Bundes, Krause, an die Weimar ische Zeitung ,Deutschland', bie einen begeisterten Bericht über die Jenaer Vorgänge gebracht hatte. Es heißt darin:
„Der Schreiber dieser Zeilen bat den erwähnten Bericht mit Ko pfschütteln, ja z»m Teil mit schmerzlichem Bedauern gelesen unb ist ber üederzeugung, baß es manchem andere« ebenso ergangen ist . . . Herr Pros. Thümmel in alle« (übten l Wir müsse» uns freuen, daß wir solch' wackeren unb furchtlosen Kämpen haben. Aber bie Kampfes- weise, bie Herr Pcof. Thmnmet neulich in Jena ein- getchlagen, kann nicht jeher gut heißen. Wir Eoan- ) griff chen wollen doch den Kampf gegen ben Ultra« inontanismus nicht auf bas niebrige Niveau bema» gogischet Radaupolitik berabfinlen lassen. Was würben wir sagen, wenn ultramontane Heißsporne in unseren Versammlungen des Evangelischen Bunbes austreten unb uns Vorschriften über bie Dauer bes Vortrages unb ber Rebezeit machen wollten? Was bem einen recht ist, ist bem andern billig."
Der Bericht des Blattes hatte geschloffen mit dem Satze: „Das Charakteristische bei dieser Kundgebung tvar, daß Protestantismus und Monismus Hand tu Hand gingen". Das gefällt Herrn Krause gar nicht, weil die „llltramontanen" nun auf die „sonderbare BundeZgenoffenschast" von Protestantismus und Monismus Hinweisen könnten, tir bemerkt u. a.:
„Ob nun bie Katholiken nicht aufs neue fugen werben: „Seht, w-nu's gegen uns geht, nehmen bie Sßretvftanten mit jebem Bundesgenossen vorlieb! Da werben Herobes und Pilatus sofort zu Freunden!"? Der evangelische Theologieprofessor unb ber Agitator des MomSendunbes eines Sinnes — wahrlich, bas ist kein erhebenbes Bilb für uns Evangelische... Für bie Bmidesgenossenschaft ber Monisten bebauten wir Evangelischen uns. Gewiß — uns evangelische Christ« trennt ein liefet Graben von bet römisch, katholischen Kirchenlehre unb eine Welt scheibet uns Mm Ultramontanisnms. Aber eine noch viel liefere Kluft tut sich ans zwischen uns unb dem Monismus, dieser charakteristischen Form bes mobernen Atheismus."
* Der antiultramontane Reichsverband
hat sei« Gift gegen Papsttum und katholische Kirche vorläufig verschossen. Ju drei, tm Architektenhause zu Berlin abgehaltenen öffenilichen Vortragsaben- den hat er sein Möglichstes getan, um den Ultramou- tcmismus als das schrecklichste aller Uebel hinzusteüen. Prof. Ostwald-Leipzig sprach über „Ultramontanis- mus und Kultur"; Prof. Wahrnmnd-Prag über „Der UlttaWoutanismuS und die Trennung von Staat und Kirche"; Prof. Dr. Sckmttzer-München über Borro- mäus-Äizyklika und Modernismus".
Unter den 150—200 Teilnehmern, die zu jedem der drei Bortragsabende erschienen waren, befanden ich auch eine Anzahl Damen, die jedesmal, wenn der Redner einen besonders kräftigen Ausfall gegen die katholische Kirche machte, eifrig mitklatschen. Wenn wir wirklich so große Bösewichte wären, wäre es begreiflich, daß man uns bekämpft und ä erfolgt. Aber was hat man «ns denn eigentlich vorzuwerfen? Ach, es ist ja weiter nichts als der b k i n d e H a ß gegen alle diejenige«, dir im heiligen Vater ihren obersten Seelenhirten erblicken. Das Wort „Rom" macht auf diese Leute den Eindmck wie das rote Tuch auf das bekannte Tier.
Die Vortragsreihe hat am Montag mit einem Vortrage des bekannt« München« Professors Dr. Schnitzer ihren Abschluß erhalte«. „Die Borro- mäus-Enzyflika und der Modernismus" lautete sein Thema. Pros. Dr. Schnitz« machte aus seinem Herzen keine Mördergrube und verteidigte mit Jeuereif« >en Modemismus. Wer ihm-aber aufmerksam zu- särte, dem wird nicht entgangen sein, daß er während eines Vortrages innerlich einen Kamps kämpfte. Zuwellen schlug der To« plötzlich um und es zitterte, besonders bei der Schilderung d« Herzensgüte des hl. Vattts, für Minuten eine gewisse Wehmut, wir möchten sagen eine Art Sehnsucht an srüh«e Zeiten aus seinen SBorten. Er weiß offenbar, was er verloren hat, will es aber nicht wahr haben. Sofort drängt er diese Regung« zurück und fetzt wird« mit der Verteidigung des Rtodernismus ei«. Großen Beifall hat er nicht geerntet. Man hatte stärkeren Tabak erwartet und war sichtlich enttäuscht.
Draußm vor der Saaltüre Ivaren ganze Stöße cmtiultramontaner Seftüre aufgestapelt, die mit lautern Tam-Tam feilgeboten wurde und auf den Stühlen drinnen lagen Prvspckte, tu denen der in d« $«- sammlung anwesende unvermeidliche Gras Hoens» b r o e ch seine Schriften anpries. Was in den an d« Saaltüre fellgeboten« Schriften an Schmähungen und Ungerechtigkeiten gegen uns alles enthalten ist, kann man flch denk«. Aber all das vermag nicht einmal unsere Stiefelsohlen zu beschmutzen.
Reichstagswahlvarbereituuguk.
x eil« der verdsitttrsten Parlamentarier, der dem Reichstag fest dem Jahre 1893 als Vertreter für den niedttbayerischen Wahlkreis Passau angehörende, kürzlich zmn Dompropst beförderte Land- tagsabg. Pichler, hat eine Wiederwahl nach Ablauf ber Legislaturperiode abgelehnt. An seiner Stelle ist die Zentrumskandidatur dem aus Niederbayern stammenden Gymnafialprofeffor und Landlagsabgeordneten Dr. Ma hing er in München, früper in Paffau, üb«trsgen morden.
* Offendach, 23. Novdr. 1910. Die christlich- soziale Partei trat an die Zentrum8partei heran zwecks Ausstellung eines gemeinsamen Kandidaten bei der nächsten Reichstagswahl und präsentierte dasur einen christlich-sozialen Arbeller- führer. Die Zentrumspartei des Wahlkreises hat aus ihrer Vttirauensmänn«versammluug jedoch em* wütig die Auffassung vertreten, daß das Zentrum, als zweitstärkste Partei im Wahlkreise, auf einen eigenen Kandidaten nicht verzichten könne.
" Montabaur, 22. No». 1910. Die Vertrauensmänner der Zentrumspartei des Wahlkreises Biontabaur-St. Goarshausen haben heute ben alten bewährten Abg. Dr. Dahlem (Niederiahnstein) einstimmig von neuem als Kandidat ausgestellt.
AnrlanL.
* Der englische Premierminister von den Frauenrechtlerinnen angegriffen. Als Premierminister Asqui h gestern das Parlament verlaffen hatte, drängten sich Anhängerinnen deS Frauenstimmrechts an feinen Wagen und zertrümmerten mit einem Stocke eine Fensterscheibe. Etwa hundert Verhaftungen wurden vor genommen. Darauf zogen die Frauen vor die Wohnung deS Ministers in der Downing- street, wo nur einige Schutzleute postiert waren. In wenigen Minuten erschien jedoch Verstärkung und es gelang, sie zurückzudrängen. Sie zogen nach der Whilehall, wobei es zu wiederholten Zusammenstößen mit der Polizei kam.
* Etwa 100 albanische Flüchtlinge stürmten das türkische Blockhaus von üDtilat cm der montenegrinischen Grenze. Zwei türkische Soldaten wurden gefangen genommen. Die Auronaten wurden mit einem Verlust von 12 Toten unb Verwundeten zurückgo- schlagen Bei Fllika fand« 2 Kämpfe statt, wobei 3 Soldaten und 3 Mohamedaner getötet wurden.
** Roosevelt hat, wie die ,©nn' meldet, dem republikanischen Wahlkomitee mitgeteilt, daß er für die nächsten zwei Jahre alle Wahlreden und Rgi- kationsreisen für die Partei ablehnen muffe. Er beabsichtige zunächst, sich politisch nicht mehr zu betätigen und werde sich voraussichtlich vom politischen Leben zurückziehen.
** Die Revolution tu Mexiko. Trotz strengst« Zensur kommen aus Mexiko Rieldungen, wonach die revolutionäre Bewegung an vielen Orten von neuem ausbricht. Die Unruhen richten sich gegen den Präsidenten Porfirio Diaz. Seit 26 Jahren regiert dies« in Mexiko — zu deffen Heile, aber als Alleinherrscher. Seme im Sommer mit dem Regittungsapparat durchgesetzte Wiede, wähl konnten seine Gegner nicht verhind«n. Am 30. November soll Diaz seine siebte Präfidentschaft an feine sechste knüpfen. Das suchen seine Feinde mit Gewalt zu verhindern. Aus zehn Orlen werben heftige Kämpfe berichtet, darunter als besonders blutig diejenigen in Durango, Torreon, Barral unb Gomez Palacio. Letzterer Ort wurde von den Revolutionären eingenommen. 300 Mann Militär gingen zu ben Ausständigen über. Die Revolutionäre vnsuchtcn, die Bahnbrücken bei Orizaba zu zerstören, konnten aber in die Flucht geschlagen werden. In Chihuahua liegen alle Geschäfte still, die. Amerikaner flüchten. Die Ausständigen stürmten gegen die Kaserne Oriraba, befreiten und bewaffneten dieGefanacnen aus