Einzelbild herunterladen
 

M 26L

Vienstag den 22. November MS.

57. Jahrgang.

* Tuldaer U Leitung •

2. Blatt.

vrrrck mtb Verlag der Znldaer Aettendruckerel in 5«Ida.

K Kurze und tauge Wahlagitation.

In der Fixigkeit fi tb uns die englischen Wähler über: am 28. November soll das Parlament aus- geläft werden, am 8. Dezember sollen schon die ersten Wahlen getätigt werden, und abermals 10 Tage später hofft man mit der ganzen Sache fertig zu sein.

So schnell ging es bei uns zu Lande nicht einmal in der Krisis von 1906 und 1907; obschon mau mit Volldampf die Wahlmaschine arbeiten ließ, dauerte es doch über sieben Wochen, bis die Block­mehrheit fabriziert war. Und gegenwärtig erst, — da haben wir im Gegensatz zu der englischen Befchkeunigung eine überaus lange Wahlagi­tation. Unsere Reichstagswahlen sollen, wenn nichts dazwicken kommt, gegen Ende 1911 statt finden; aber seit der Mitte 1909 stehen wir 'chon in den Wahlvorbereitungen. Was die liberalen Parteien seit dem Verkrach chrer Blockherrlichkeit getrieben haben, ist nichts anderes als Wahlipeknlation und Wahlagitation.

Herr Basseimann hätte es eingcstandener Maßen sogar gern gesehen, wenn alsbald nach der Block­katastrophe, also im Juni 1909, der Reichstag auf­gelöst uns unter Leitung des Fürsten Bülow als­bald eine Neuwahl veranstaltet worden wäre. Die liberalen Drahtzieher rechneten darauf, daß unter der frischen Stimmungsmache die Konservativen und das Zentrum bedeutende Verluste an Wählern und Mandaten erleiden würden. Kaiser und Bundesrat ließen sich aber wohlweislich darauf nicht rin, da sie die Geschäfte der Sozialdemokratie nicht besorgen wollten. In der Regel tritt bei einer Verzögerung der Wahlen die sog. Stimmung zurück gegen die nüchterne Erwägung. Gewisse Anzeichen in dieser Richtung sind auch jetzt schon zu Tage getreten. Aber wir dürfen nicht verkennen, daß die Liberalen sowohl als die Sozialdemokraten alle Kräfte und Künste ihrer Organisation und ihrer Presse ausnützen, um den weniger urteilsfähigen Teil der Wählerschaft in jener Stimmung zu er­halten^ di« man als „Schwarzblaukoller' bezeichnen kann.

Daraus ergibt sich sür die positiv gerichteten Parteien die Notwendigkeit, außerordentlich graße Arbett zur Aufklärung und Belehrung der Wählerschaft zu keiften. Inmitten des Wirbel­windes von Vorurteilen, Hinterlist und Leideaschasten dem gesunden Menschenverstand und dem Pflicht­gefühl zum Durchbruch zu verhelfen, erfordert viel, sehr viel Schweiß und Fleiß.

Erschwert wird die Arbeit sür uns und die Konservativen noch durch die neuerdings einreißende kapitalistische Betriebsweise. Bisher wun derlei, wir uns sehr über die Kostspieligkeit der Wahlen in England; daß der Kandidat ein Familienvermögen daran setzen muffe, um die Stimmenmehrheit in seinem Wahlkreise zu erringen, kam uns als eine weniger berechtigte Eigentümlich­keit der Jnselnation vor. Aber in neueret Zeit hat die Parole »Tu G eld in deinen Wahlverttel!' auch bei uns zu Lande eine überraschend weite (Sellirng erlangt. zrvei gelungene Versuche

in Ostpreußen sind die Liberalen zu der liebet» zeugong gelangt, daß mit großstädtischem Geld in den ländlichen Wahlkreisen sich Wunderdinge er­reichen ließen. Der Hanmbund bringt System in die kostspielige Agitation. Er hat schon große Summen und sammelt noch größere, nm mit allen persönlichen und sachlichen Hilfsmitteln, die sich durch Geld beschaffen lasten, die Stimmungsmache und den Stimmenfang zu betreiben.

Die kapitalistische Agitation wird uns insbesondere eine Hochflut von Versammlungen (mit wohl- bezahlten Waudcrrednern) und von Flugblättern beschrrrn. Gegen eine solche Ueberschmemmung unserer Wahlkreise «ns zu wehren, wird nur bei allgemeiner Opferwilligkeit, möglich sein. Opferwilligkeit im doppelten Sinne: dort, wo es nölig ist in Geldbeiträgen, überall aber in persön­licher Mitarbeit. Wenn alle treuen Partei­genossen sich an den Versammlungen, an der Fluz- blatl-Verteiluug und an dem Schlepperdienst usw. nach besten Kräften freiwillig beteiligen, so können wir die bezahltcii Agenten der Gegenpartei weithin aussiechen.

Angesichts der längeren Dauer, die bei uns zu Lause die Wahlagitation diesmal hat, möchten wir noch auf ein besonderes Gegengewicht gegen die feindlichen Flugblätter Hinweisen. Das ist die

BerbreitNng der Zentrumspresse. Wer vafür"sötgt, daß schwankende Elemente ein gutes politisches Blatt i»'s Haus erhalten oder sonst zu lesen bekomme«, der hat eine andauernde Be­lehrung und Anfeuerung eingeleitet, die gegen die münöliche oder schriftlich« Verführung einen Wall zu «richten verspricht. Es ist jetzt noch Zeit, um Abonnements in den Bekanntenkreifen zu vermitteln und auch sür das Ansliegen der Z«rtrun»spreste in Wirtschaften zu sorgen.

Deutsches Reich.

* Zur liberalen Hetze in Baden wird verschiede­nen Zentmmsblättern geschrieben: Das Kollegialmil­glied des Großherzoglichen Badischen Oberschulrats Geh. Hoftat Rebmann hat sich in seiner Eigen­schaft als Politiker und Parteiführer in der letzten Zeit wiederholt in öffentlichen Versammlungen Aus­lassungen gegen die katholische Kirche gestattet, die ebenso bedauerlich, wie bezeichnend und bedeutsam find. Bedauerlich wegen der unentschuldbaren Un­wissenheit, die in den leichtherzig der liberalen Preffe nadjgebeteten Beschuldigungen zutage trat nnd wegen ihrer Feindseligkeit gegen die katholische Kirche; be­zeichnend und bedeutsam, well ein Mann von dieser Eigenart in unserem staatlichen Erziehungs- und Un­terrichtswesen eine führende Rolle spielt. In K e h k hak Rebmann vor einem überwiegend anders­gläubigen Publikum den Papst in verletzendster Weise angegriffen. Die Borromäusmzyllika — Herr Reb­mann hat.sie wohl ebenfowenig gelesen, wie der Stu­dent in Jena, der vor ein paar Tagen in einer Katho- likenvcrsammlung darüber loszog und dann eingestehen mußte, ihren Urtext nicht zu kennen — macht ihm viel zu schaffen. Weiter klagte er, daß „den kaiho- lischen Theologiestudierenden die Lektüre modernisti­scher' — (also doch das kirchliche Leben zersetzender und revolutionierender, mit dem kirchlichen Lehramt in Konflikt stehender!) — „Blätter und Zeitschriften verboten wird'. Diese teils unwahren, teils in ihrer Begründung und ihrem Zweck von Rebmann nicht verstandenen Dinge wurden als „brutale Unterdrück­ung des freien Denkens und der Entfaltung der freien Persönlichkeit' charakterisiert. Es wurde weiter da­von geredet, daß „der deutsche Geist nicht gewillt sei, sich je wieder in die seine Entfaltung zur sittlichen Größe hemmenden Fesseln kirchlicher Bevormundung schlagen zu lassen, von denen er sich im heißen Ringen in der Reformation, die eine Tat dieses deutschen Geistes gewesen, befreit hat". — In Karlsruhe ging es am 12. d. M. in derselben Tonart weiter. Dort führte Rebmann aus, daß durch „die Kämpfe gegen die Modernistm' „der letzte Funke selbständigen freiheitlichen Denkens mit aller Gewalt aus der Geist­lichkeit herausgetrieben' werde, daß „die Geistlichen den feierlichen Eid zu leisten haben, in dem sie auf selbständiges Denken verzichten', „daß in den Semi- narien verboten wird, Zeitungen zu lesen, und es wird nodv fomeit kommen, daß überhaupt verboten ISUfmufitS zu loftn*'. Gr chnrntteriüert dieses angeAiche Vorgehen der kirchlichen Autorität als ein „sündigen" „gegen das Beste im Menschen, gegen den Geist, der alles vorwärts führt, auf religiösem Gebiete, in der Wissenschaft; wo der Geist ertötet wird, da sterben alle idealen Keime. . . Der Tod, der emtritt, vernichtet die Keime, die noch vom Leben da sind". Wer imstande ist, solche Ausführungen zu machen, der liefert damit den Beweis einer Gesinnung, die u. E. unvereinbar ist mit einer führenden Stellung im Erziehungs- und Unterrichtswesen eines paritä­tischen Staates, in dem die katholische Kirche eine gesetzlich gewährleistete Stellung einnimmt. Man denke sich, m Bayern trete ein hoher Beamter des Kultusministeriums in dieser Weise gegen das pro- testantische Kirchenregiment aus — der Lärm in der liberalen Presse und weit darüber hinaus wäre nicht anszudenken. Dabei hat Baden eine katholische Volks- meAheit. Unter allen Umständen laßt er eine Ein­seitigkeit und eine Feindseligkeit gegen die katholische Kirche erkennen, die jede Hoffnung auf Verständigung über Katholisches mit ihm ausschließt. Hätte Reb­mann den sogen. „Moderuisten-Eid" gelesen, und vermöchte er seinen Inhalt im Zusammenhang mit dem Wesen, der Lehre und der Versüssung der katho­lischen Kirche ju würdigen, dann hätte er gar nichts Neues und Besonderes darin gesunden. Nicht bloß der hl. Stuhl, sondern auch die Kacholiken selbst haben

denn doch in Lagen religiöser Verwirrung das leben­digste Interesse, daß Garantien für eine reine unver­fälschte Vermittlung der kirchlichen Lehre gegeben wer­den. Ein Mann von den Gesinnungen und der „Ob­jektivität" Rebmanns im Amte eines Oberschulrates ist für d i e Katholiken Badens ein W ar- nungssignal, eine Erscheinung, geeignet, dm dringmdsten Verdacht wachzurufm, daß trotz aller noch geltenden Gesetzesbestimmungen und aller be- ruhigmdm schönen Reden vom Regierungstisch im Landtag unentwegt zunächst in stiller Verwaltungs- aibeit versucht wird, unser staatliches Schulwesm in eine Entwickelung hineinzuleiten, die eines Tages sür die Erfüllung der Ideale des Herrn Rebmann und seiner roten Freunde aller Schattierungm, die Aus­treibung von Rckigion und Kirche aus der Schule, auch die äußere gesetzliche Sanktion mit sich brächte.

♦ München, 21. Rov. 1910. In bayerischen in­dustriellen Kreisen und in der liberalen Presse war bekanntlich die Behauptung ausgestellt, die bayerische Steuerreform bringe der Industrie eine Be­lastung, Wie sie sonst nirgends mehr bestehe. Sogar die Auflösung und Auswandenmg gewerblicher Un­ternehmen suchte man mit dem Hinweis aus die Steuerreform zu begründen und anzudrohen für den Fall, daß eine vom Liberalismus gewünschte Sieuer- gesetznovelle nicht gründlich „Remedur" schaffe. Dem­gegenüber ist besonders interessant eine Statistik, die der Landtagsabg. Held soeben im Regmsb. Anzeiger veröffenüicht hat. Daraus ergibt sich, daß nach der Steuerreform in Bayern die Aktiengesellschaften eine gleich große Gesamtbelastung durch Steuern erfahren, wie sie gegenwärtig in Prmßen besteht, während die Belastung in Baden und Württemberg noch erheblich höher ist. Die Erhöhung beträgt in Bayern gegen­über dem bisherigen Stande etwa 1,3 Prozent. Die Gesamtbelastung der Gesellschaft mit beschränkter Haft in Bayern war bisher im Vergleich zu Preußen und mehr noch im Vergleich zu Baden und Württemberg sehr niedrig. In Zukunft wird nun in Bayern die Besteuerung der Gesellschaft mit beschränkter Haft, so­weit sie als Familiengesellschaft besteht, ungefähr die Höhe erreichen wie in Württemberg, aber beträchtlich höher sein als in Preußen. In Bayern werden auch Ertragssteuern und die entsprechenden Umlagen er­hoben. Der Verfasser der Statistik spricht zum Schluß die Ueberzeugung aus, daß der in Preußen bestehen­den „Steueridhlle der Gesellschaft mit beschränkter Hast" durch eine zweifellos kommende Steuernovelle aller Voraussicht nach ein baldiges Ende Bereitet werd«.

Ausland.

** Vom Kulturkampf in Frankreich. Rach einer langen Untersuchung wurden 33 Redemptori- st e n p a t r e s vor die 9. Strafiammer in Paris ge­laden. Es heißt, sie hätten in einer Anzahl von Städten ihrL aufgelöste Kongregation wiederhergestellt. Nur drei Redemptoristen, in Paris wohnhaft, find er- sckienen; die inberen erheben den Einwand der U n- zustän d i gkeit des Gerichtes von Paris, weil sie Weder in Paris wohnten, noch dort ein Delikt began­gen hätten. Der Untersuchungsrichter behauptet, an allen früheren Niederlassungen befinde sich ein Re­demptorist oder zwei, die Weisungen von ihrem Obe­ren erhielten und durch diesen mit dem Generalsuperior in Rom in Verbindung ständen. Es ist gewiß selt­sam, zu sehen, wie jetzt auf einmal die hierarchische Ordnung bis nach Rom hinauf geltend gemacht wird, um die Redemptoristen bestrafen zu können. Beim Trennungsgesetz wurde die hierarchische Ordnung in der katholischen Kirche mit Füßen getreten. Was geht die Regierungsorgane nun auf einmal der Zusammen­hang der einzelnen, über ganz Frankreich zerstreuten Redemptoristen an? Sie haben in Frankreich keine Niederlassungen mehr, und wenn fie als ftauzöstsche Bürger auf französischem Boden verbleiben und sich Weisungen von einem belgischen oder luxemburgischen Oberen holen, so ist das gewiß nicht die Wieder­herstellung einer Kongregation aus französischem Bo­den, deren wesentliches Erfordernis das Zusam­menleben unter einem Oberen in Frankreich selbst ist. Die Schlußfolgerungen des Untersuchungsrichters wurden denn auch vom Staatsanwalt bekämpft, der die Merkmale einer Kongregation nicht zu erblicken ver­mochte. Auch der Gerichtshof lehnte dieSchluß- folgerungen des Untersuchungsrich­

ters ab, zunächst, weil er sich nicht als zuständig für alle 33 Redemptoristen erklärt, dann aber auch, wie er durchblicken läßt, weil man einen oder zwei Redempto­risten nicht als Kongregation bezeichnen könne. Man könne hier nicht einmal von einer Niederlassung spre­chen. Gegen das Urteil ist Berufung eingelegt, sodaß eine höhere Instanz sich noch über die Frage äußern muß. Derartiges gericktlichrs Vorgehen, veranlaßt durch Anzeigen von radikaler, freimaurerischer Seite, wie in vorliegendem Falle, ist eine klassische Illustra­tion für die Freiheit in der freiesten Republik.

volkswirtschaftliches und Soziales.

m Die Lag« des Arbeitsmarktes im Oktober. Rach dem Bericht des Mitteldeutschen Arbeitsuach- weiSverbandes war die Lage des Arbeitsmarktes in Hessen, Hessen-Nassau und Waldeck im Oktober in der Aufwärtsentwicklung begriffen. In der Metall­industrie wurden besonders verlangt Maschmen- arbeiter und Dreher, während Maschinenschlosser sel­tener gesucht wurden. Bon besonderem Interesse ist, wie die Fuston der Lahmeherwcrke mit der A. E. G. auf den Arbeitsmarkt der Frankfurter Metallindustrie einwirkt, da einige Zweige des Unternehmens nach Berlin verlegt werden sollen. Auch ist anzunehmen, daß durch den Umzug einer großen Maschinenfabrik in Bockenheim eine größere Anzahl von Arbeitern eingestellt wird. In der Holzindustrie war in der Möbelbranche ein Rückgang zu verzeichnen; be­sonders berichten hierüber Frankfurt a. M., Kassel und Mainz. Dagegen war die Nachftage nach Gla­sern und Küfern sehr stark. Im Beklei­dungsgewerbe macht sich der Jahreszeit ent­sprechend ein Abflauen bemerkbar. Im Bauge­werbe nimmt der Beschäftigungsgrad der Saison entsprechend ab. Die Beschäftigungsgelegenheit im Gastwirtsgewerbe ist der Jahreszeit entspre­chend weiter zurückgegangen. Die Stadt. Arbeitsver­mittlungsstelle Frankfurt o M. stellt fest, daß eine Anzahl von Wirten infolge des neuen Stellenvermitt- lergesetzes die Tätigkeit der Arbeitsvermittlungsstelle in Anspruch nehmen und daß in Frankfurt a. M., so­weit bekannt, schon ein gewerbsmäßiger -Mellenver- mittler seine Tätigkeit eingestellt hat. Die land­wirtschaftliche Vermittlung ist zurückgegangen, io wohl was die Zahl der verlangten Arbeitskräfte, als auch die Zahl der Arbeitfucheuden betrifft. Bei den Ungelernten war die Arbeitsgelegenheit bis jetzt noch günstig. Nach dem Bericht von Frankfurt a. M. hält es besonders schwer, Leute über 20 Jahre unterzubringen, da nach solchen fast keine Nachftage besteht und es fich in der Regel nur um Aushilfe für wenige Tage oder Stunden handelt.

Aus dem Nachbargebiete.

* Gersfeld (Rhön), 21. Nov. 1910. Die städtischen Körperschaften haben Grundüücke zur Errichtung eines Spielplatzes für Schulen und einer Eis­lau s b a h n zum Preise von 6000 Mark erworben. Die Stadt erhielt einen Staatszuschuß von 3000 Mark unter der Bedingung, daß auch den Schulen der auswärtigen neun Gemeinden das Rechl eilige» räumt wird. Dieselben ungehindert mitbenutzen zu können. Für die Eislauf bahn tpt Gutsbesitzer v. Waldtha.usen einen Zuschuß von 2000 Mk. bewilligt.

* Ta«n, 21. Nov. 1910. Einige Burschen drangen in das zwischen Windershausen und Tann im Garten der Gerfiung'schen Erben gelegene Gartenhänschen ein und demolierten die dort befindlichen Möbel, rissen Spiegel und Bilder von de« Wänden, zertraten sie und beschmutzten das Hänschen in gemeinster Weife.

X Kassel, 20 1)100.1910. Einen neuen Beweis der Reiigionßseindlichkeit der Sozial­demokraten liefert das sozialdemokratische Kasseler .Polköblat!/ Aus Anlaß des evangeli'chen Buß- und Bet tags schrieb es unter der lieber» schrist: Tut Buß.! folgendes:

Morgen ist ier tönigtich preußische Buß- und Bettag. Auf obligkeitliches Geheiß soll da jedermann sich auf seine fündigen Taten besinnen, einen Sack um die Lenden gürten und Asche aufs Haupt streuen. Da aber in Preußen nicht gestattet ist, üch in solchem Auf­zuge öffentlich zu zeigen, so geht die sündige Christen­heit seit langer Zeil schon in» Bethaus, um Vergebung

Ein gefährliche; Seheiinni;,

30] Roman tu zwei Bänden von Charles Read e.

Ungestüm zog Walter Mary an seine Brust und küßte ihre Hände, während sie au seinem Halse m lautes Schluchzen ausbrach, und er ihr in abgerisse- nen Worten zuredete und sie fest und fester an sein lauttlopfendes Herz drückte. Selbst als der erst« Ausbruch seiner Aärüichkeit vorüber war, vermochte er nicht fich zu beherrschen, wie «Hernals. Er beklagte bitter, baß sein Vater und Mary's Vater ihrer Ver­ehelichung entgegentraten. Ja, er Sing in seiner Auf­regung fo weit, daß er Mary bat, sich helmltch mit ihm trauen zu lassen.

> Mary war ebenso überrascht als verletzt^ „Eme heimliche Heirat, Mr. Clifford!" Jagte fie, „ich Staubte, Sie hätte« zu dick Achtung sür mich, um mir tjflneii solchen Vorschlag zu machen."

Er bat um Verzeihung; die lange Trennung hätte ihn halb wahnsinnig gemacht, sagte er, und sie vergab ihm. Er aber benutzte ihre mildere Stim­mung, um chr auseinander zu setzen, daß eine heim­liche Tratumg das einzige Rettungsmittel sei, das ihnen geblieben, und Martz, die vergessen zu haben schien, wie heftig sie ihn das erste Mal zurückgewiesen hatte, begnügte sich mit der Versicherung, daß sie sich zu einem solchen Schritte nie verstehen würde und verlangte sein Ehrenwort, niemals gegen Julia Clif­ford zu erwähnen, daß er einen solchen Vorschlag zu machen gewagt. Walter versprach das mit größter BereitwillixLeit, kam jedoch wieder auf sein Verlangen zurück. Mary fühlte sich in ihrem Stolz verletzt, und da sie trotz alles Liebesleids den Kopf oben behielt, wurde sie etwas kühl gegen ihn und erklärte bald dar­auf, daß fie chn zu ihrem Bedauern verlassen müsse; ihr Vater könnte eine längere Abwesenheit übel ver­merken. Schließlich bat sie ihn noch, das Zimmer nicht zu verlassen, damit er nicht etwa von dem Dienstmädchen gesehen würde.

I Walter erklärte fich bereit, ihr zu gehorchen. „Das ist nur eine Kleinigkeit', sagte er; „ich werde mich

in größeren Dingen fügen müssen. O Mary, Mary, Du liebst mich nicht so, wie ich Dich liebe!'

„Rein, WÄter, ich liebe Dich anders als Du mich, denn ich achte Dich', antwortete Mary mit zitternden Lippen und ihre Augen füllten fich mit Tränen

Walter sah ihr traurig ins Auge, ergriff ihre Hand und küßte fie mehrmals.

„Du darfst einem solchen Gedanken nicht Raum geben', bat er.

Sie seufzte, ohne zu antworten, und sie kennten sich scheinbar versöhnt, aber doch etwas gegeneinander erkältet, und beide Waren tief unglürllich darüber.

Zwei oder drei Tage fiel, während Mary hn Gar­ten spazieren ging, em Blumenstrauß vor ihren Füßen nieder. Sie mchm ihn hasttg auf, fand ein Billet barin versteckt und verbarg es noch besser in ihrem Busen; dann eilte fie ins Haus und die Treppe hin­aus nach ihrem Zimmer, um die Botschaft zu lesen.

In wenigen aufgeregten Worten teilte ihr Walter mit, baß ihre beiden Väter fich begegnet waren und daß er Mary unverzüglich sprechen müsse. Ec bat sie, ihm beute abend um 9 Uhr ein kurzes Zusammensein am Gartenpförtchen zu gewähren.

„Stein, nein, nein!' rief Mary, als ob er sie hören könnte. Sie fürchtete sich. Wenn man fie ent­deckte, welche Verlegenheit! — welche Schmach! — Aber ach, kotz alledem welche Versuchung! — Es war unrecht von ihm, sie in diese Versuchung zu füllen. Jedenfalls durste fie nicht hingehen. Es war leider zu spät, ihm zu schreiben und nein zu sagen; aber fie durfte nicht gehen und wollte nicht gehen — dabei blieb sie. Es schlug 9 Uhr und fie regte sich nicht. Aber da fing fie an, sich Walter's unglückliches, ge- kränktes Gesicht oorzustellen und 10 Minuten nach 9 Uhr band fie ein Tuch um den Kopf und ging.

Walter stand an der Pforte, bleich und aufgeregt, er ließ ihr nicht Zeit, ihm Vorwürfe zu machen.

„Bitte, vergib mit!* sagte er. „Ich sah keinen andern Ausweg — und Wenn Du mich nicht ebenso liebst wie ich Dich, ist alles verloren."

„Warum willst Du an mir zweifeln, lieber Wal­ter?" fragte sie. „Aber was ist denn geschehen? — Erzähle es mir."

„Dazu bedarf es nur wenige Worte. Unsere Vä- > ter find sich an der unglückseligen Kohlengrube begeg-1 net, und der Aufseher hat mir erzählt, was zwischen ihnen vorgegangen ist. Mein Vater hat gesagt, die Ausbeutung von Kohlengruben gehöre durchaus nicht zur Landwirtschaft; es wäre unredlich, dergleichen anzufangen und ihn aus seinem Hause und Besitztum hinaus zu räuchern. (Unglücklicherweise hatten wir Westwind, so daß der Rauch der Dampsmaschine über unfern Rasenplatz getrieben wurde.) Dein Vater er­widerte, er hätte sich diesen Bekicb durch Konkatt ausgemacht und gesichert, worauf der meinige zur Antwort gab: „Die Klausel hat man eingeschmug­gelt!" und Mr. Barlley spöttisch bemeckte: „So schmuggeln Sie sie doch wieder aus."

„Ö weh!" rief Mary.

„Und wenn es nur damit zu Ende gewefen wäre! Aber sie waren beide in zorniger Aufregung und muß­ten ihre Herzen entlasten. Mein Vater erklärte, er hätte zwar die beste Meinung von Dir, aber seinen Sohn wünsche er anderweitig zu verheiraten; Mr. Bartley erwiderte, es wäre ihm lieb, das zu hären, denn auch er mache für seine Tochter höhere An­sprüche. „Ansprüche an Geldsäcke und Handelsver­bindungen meinen Sie wohl — vielleicht ein Neffe des Lord-Mayors I" rief mein Vater. „Warum nicht?" antwortete Mr. Bartley; „jedenfalls würde ich meine Tochter lieber mit Geld und Gut als mit Hypothekensckmlden verheiraten". Tas Ende vom Liede war, daß sic als Todfeinde auseinander gingen."

„Nein, nein, nicht als Todfeinde!'

„Es ist so, Mary, glmibe mir. Sie haben auch nut ihren alten Groll Wieder aufgestischt--die

früheren Mißhelligkeiten waren nur bei Seite gescho­ben. Täusche Dich nicht, geliebtes Herz! Uns bleibt nichts übrig, als uns zu trennen."

„O Walter, wie kannst Du das aussprechen! — Habe doch Geduld!"

„Gern, wenn ich die geringste Hoffnung hegen könnte', gab er zur Antwort; „aber das ist unmög­lich. Das Einzige, worauf wir warten könnten, wäre der Tod unserer Väter. Bis dahin bin ich aber ein ältlicher Mann und auch Du hast Deine Jugendzeit

verloren. Und warum das alles, — Ich versichere Dich, daß mir zuweilen ist, als müßte ich den Ver­stand verlieren. — Nein, Mary, ich sehe die Zukunft ebenso deutlich vor mir wie jetzt Dein liebes, blasses, schreckensvolles Gesicht, und ich kann nichts daran ändern. Willigst Du ein, Dich mit mir trauen zu lassen und mir damit Ruhe und Zuversicht zu geben, dann bist Du mein, was sie auch sagen oder tun mö­gen. Willst Du das nicht, so muß ich ohne Verzug auf und davon gehen, ins Ausland, um mir Frieden wenigstens zu suchen, wenn mir die Liebe versagt wird."

„Ins Ausland!" wiederholte Mary zaghaft.

„Was sollte das Helsen?"

„Ich weiß es nicht! Vielleicht brachte es meinen Vater zur Vernunft, oder überzeugte Dich, daß es mir unmöglich ist, auf den guten Willen dieser zwei Ego­isten zu watten, denn das sind sie, der Eine wie der Andere, und keiner von ihnen hat auch nur einen Funken von Liebe oder Mitleid für Dich und mich.'

„Ach!" sagte Mary mit tiefem Seufzer, „ich sehe jetzt, daß auch die Männer, die ich immer als höhere Wesen angestaunt habe, ihre Fehler besitzen. Sie sind ungeduldig, selbstsüchtig. . .'

„Ja, wenn es selbstsüchtig ist, sich gegen brutale Selbstsucht zu verteidigen, so bin ich's, und _baS_ ist besser, als wenn man sich zum Sklaven solcher Egoisten macht, wie Du es tun Willst. Mary, ich beschwöre Dich, entscheide Dich, Wen Tu lieber haben willst: Deinen Vater, der sich wenig aus Dir macht, oder mich, der Dich sehr liebt und Tir sein ganzes Leben in Liebe und Dankbarkeit weihen will, sobald Tu Dich entschließen tannft, die Dinge zu sehen wie sie sind und immer sein werden. O Mary, vertraue Dich mir an als mein geliebtes Weib!"

„Ich habe Dich am liebsten", antwortete Mary, „und hoffe, daß es kein Unrecht ist. Aber mich den Vater habe ich lieb, obwohl er verlangt, daß ich warte; und ich achte mich selbst und darf meinem Vater nicht ungehorsam sein. O Walter, bedenke doch wie jung und unerfahren ich bin, und. wie viel älter Du bist, und daß ich gehofft habe, Tu würdest mein Führer sein und für mich sorgen." (Forts, folgt.)