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M 265. Erstes Blatt.
Fulda, Samstag den 19. November 1910.
37. Jahrgang.
ö Wahlrechtserörterunge»r bilden stets einen Lieblingsgegeustand der politischen Diskussion. Leicht erklärlich, gibt doch das Wahlrecht das beste Mittel an die Hand, den politischen Paueien die parlamentarische Macht zu sichern bezw. zu erringen.
Daß die Aendernng des preußischen Wahlrechts aus dem Wege ist, nur noch eine Frage der Zeit ist, wahrscheinlich allerdings nicht so ganz kurzer Zeit, kann im Ernste nicht bestritte» werden. Das Reichstagswahlrecht scheint wie ein unerschütterlicher Fels dazustehen; es darf aber doch nicht übersehen werden, daß gerade die letzten Wahlerfolge der Sozialdemokratie in manche» Kreisen den Wunsch ausgelöst haben, durch eine A e n d e r u n g des Reichstagswahlrcchts einen Damm gegen die politische Nebermacht der Sozialdemokratie zu errichten. Em Mitglied der uationalliberalcn Partei, Professor Sunkel-Kassel, hat kürzlich im l,$og' sich geäußert:
„Ist die i alionalliberale Partei wirklich eine Mittelpartei, so kann sie nicht giundfätzlich jür das jetzige Reichskagswahlrecht eingenommen fein, sondern es nur aus Gründen der Taktik befürworten."
Die Behauptung, daß eine Mittelpartei nicht grundsätzlich aus dem Boden des allgemeinen und gleihen Wahlrechts stehen könne, kann uns nicht einleuchten. Um so mehr aber sind wir für das Geständnis dankbar, daß die uationalliberale Partei nur aus taktischen Erwägungen an dem Reichstagswahlrecht sesthalte; das bedeutet: daß sie ohne weiteres bereit ist, wenn die politische Konstellation günstig erscheint und die Aeuderung des Wahlrechts ihr Vorteile verspricht, an der ßl e n d e r u n g des Reichstagswahlrechts mstzuwirken.
Der sreisinnige Abgeordnete Hoss macht gegenüber Professor Sunkel zutreffend darauf aufmerksam, daß die grundsätzliche Aufrechterhaltung und Verteidigung des gleichen Wahlrechts im Reich kon- sequcnterweise zu der Forderung seiner Uebertragung auf Preußen führen muß, und daß umgekehrt ein * Gegner der Uebertragung des Reichstagswahlrechts aus Preußen nicht zu gleicher Zeit ein gruudsätz- lichcr Verfechter dieses Wahlrechts im Reiche sein kann. Herr Hoff führt mit Recht aus,
„daß eine verschiedene Ltellungnahme zu dem Wah'recht des Reiches unv Preußens auf die Dauer unlaltbar und widerspruchsvoll ist. Die Einheitlichkeit der Politik wird je länger je mehr zu der Not- wer.digkeit führen, die verfassungsmäßigen Grundlagen in Preußen und Deutschland auszugteicheu. Dazu sind die sachlichen und persönlichrn Beziehungen dieser beite» Staatsgebilde viel zu eng, als daß man um diese Notwendigkeit auf die Dauer herumkouimeu kann."
Posessor Sunkel regt an, das Reichstagswahlrecht durch ein Pluralwahlrecht zu ergänzen. Es ist immerhin schon etwas, daß er Bildung und Reichtum als Grundlagen des Mehrstimmrechls nichtc empfiehlt. Sein Vorschlag geht dahin: je eine Stimme mehr für 2111er mtb Wasfen- fähigkeit. Die Erteilung einer Pluralstimme mit Rücksicht auf die Zusälligkeü, daß der Wähler zum Waffendienst tauglich gewesen ist, würde unseres Erachtens eine Unbilligkeit bedeuten gegenüber den Wählern, die durch körperliche Fehler zum Waffendienst untauglich waren, an patriotischem Eifer aber hinter den andere» keineswegs zurückstanden. Für die Bildung eines Pluralwahlrechts muß unter allen Umständen der Gedanke bestimmend sein, daß die Bevorzugungen bezro. die Bevorzugungsmerkmale allen Parteien in gleichem Maße zugute kommen. Von den Sunkel'scheu Vorschlägen käme danach nur das Alter in betracht. Vermutlich werden aber die Parteien, die ein Pluralwahlrecht erstreben, in bem Augenblicke das Interesse daran verlieren, wenn die Gestaltung des Pluralwahlrechts allen Par- teik» gleichmäßig zugute kommt. Wir glauben deshalb, daß ernstlich für das Reichstagswahlrecht die Einführung eines Pluralwahlrechts nicht in Frage komme n wird, und wir halten es auch für sehr fraglich, ob die Reform des preußischen Wahlrechts zu dem Pluralwahlrecht fuhren wird.
Unter den Wahlrechtserörterungen nimmt in neuester Zeit die Frage der gesetzlichen Einführung der W a h I p s l i ch t besonderes Jntereffe in Anspruch. Grundsätzlich hat der Gedanke der gesetzlichen Wcchl- pflicht etwas Bestechendes an sich, und es muß auch erwähnt werden, daß man z. B. in Belgien mit der gesetzlichen Wahlpflicht sehr gute Erfahrungen gemacht hat Ob aber die Einführung der gesetzlichen Wahl- pflick-l sich auch für Deutschland ernpfehlen würde, ist oute Frage, die noch besonderer Prüfung bedarf.
Deutsches Reich.
.* Berlin, 18. Noo. 1910. Der Kaiser, bet Freitag morgen gegen 8 Uhr aus dem Potsdamer Bahnhof eingetroffen war, fuhr am 10 Uhr nach der Technischen Hochschule.in Char- lottenburg, um den Vorträgen der schiffsbau- lechinsche» Gesellschaft beizuwohnen. Am nachmittag nahm er im königlichen Schlosse den Vortrag des Reichskanzlers entgegen. — Als Bei- hilse für den Bau einer protestantischen Kirche in Donaueschingen hat der Kaiser 20 000 Mark gefistlet, Fürst Fürstenberg für den gleichen Zweck 10000 Mark. — Der Bundesrat hat am Donnerstag dem Entwurf eines Gesetzes gegen Mißstände im Heilgewerbe die Zustimmung erteilt.
* Der Kaiser ist Freitag abend 11 Uhr 45 Min. nach Kiel abgereist. Er traf dort heute früh 7,30 ,Uhr ein und uahrn am Bord der.Deutschland' Wohnung.
Die Arbeiten des Reichstags werden sich nach dem vor lauf. Plane so gestalten, daß am Diens- ljag, den 22. d. Mts., die jungst eingegangenen drei kleinen Vorlagen (Beseitigung von Tier- kadavern, Schutz des Banknotenpapiers und Änderung der Gerichtckosten) beraten werden.
Am 23. solle« etwa bis dahin eingebrachte Interpellationen cfoer Initiativanträge besprochen werden. Am 24. würde die Debatte über das Schiffahrtsabgabengesetz folgen, die sich voraussichtlich über zwei oder drei Tage erstrecken wird. Die ganze darauf folgende Woche dürfte voraussichtlich mit dem Kurpsuschergesetz, mit dem Gesetz über die Arbeitskammern und mit der schon länger vorliegenden Novelle zum Strafgesetzbuch ausgefüllt werden. Den Rest der Tagung bis zum Beginn der Weihnachtsferien am 15. Dezember wird dann die erste EtatSberatun g in Anspruch nehmen.
** Die Bekämpfung der Kurpfuscherei. Der „Gesetzentwurf gegen die Mißstände im Heilgewerbe", der die Zustimmung des Bundesrats gefunden hat und dem Reichstag in der kommen« den Woche zugehen wird, richtet sich einmal gegen die Kurpfuscher, sodann gegen das Geheim- mittelnnwesen. Geprüften Heilgehilfen, die auch nach dem neuen Gesetz den Kurpfuschern nicht gleich geachtet werden, soll die Ausübung ihrer Tätigkeit nicht verboten werden, wohl aber sollen sie einer strengeren Aussicht unterstellt werden. Es werden Anmeldungen des Betriebes, Ausweis der persönlichen Verhältnisse und Auskunft über die praktizierten Heilmethoden gefordert. Die Behandlung ansteckender und Gefchlechtskrank- heiten sowie die Behandlung aus der Ferne und jedes sympathische Verfahren sind verboten. Die Vorschriften über das Geheimmittelunwesen verbieten befonders gewiffe Kräftigung^, und Säuglingsnährmittel und beschneiden die Auswüchse einer gewiffenloser Reklame. Eine beim kaiserl. Gesundheitsamt« zu bildende Kommifsto» soll dem Bundesrat bei Ausübung seiner Kontrolle beratend zur Seite stehen.
* Die ständige Kommission des Lttldesökoumnie- kollegiums trat gestern im Abgrortmetenhause unter Zuziehung zahlreicher Sachverständiger aus allen Provinzen zu einer Beratung darüber zusammen, mwie- toeit die jetzigen Maßrn^nen zur Förderung der Viehzucht sich bewährt Haben und welche besonderen Maßnahmen zur weiteren Lergrößung der gesamten Viehhaltung noch empfohlen werden können. Der preuß. Landwirtschaftsministcr Frhr. b. Sch orte m e r bezeichnete die Mitetilung der „Allgemeinen ReichSkoerespondenz", daß er im StaatsmmPerium sich dahin ausgesprochen habe, die Grenzen für die Vieh- und Fleischeinsithr im erweiterten Umfang zu öffnen, als völlig unzutreffend Die Beratungen er- strecktne ft chauf dir verschiedensten Gebiete der Viehzucht und -Haltung. Es wurde allgemein anerkannt, daß die Vichzncht «och außerordentlich ausdehnungsfähig sei. Hierzu wird auch die Nutzbarmachung der Moore für die Viehzucht, worüber Referate erstattet wurden, wesentlich beitragen. Auch die Förderung der Viehverwertung und die Bestrebungen, das Schlachtvieh der Landwirte den Fleischern in den Städten möglichst unmittelbar zur Verfügung zu stellen, wurde» eingchmd erörtert.
+ Das wahre Ziel des Hansabundrs ist von dem Verband deutscher Waren- und Kaufhäuser klar erlannt worden. Der Verband hat an seine Mitglieder die Aufforderung gerichtet, reck t tüchtig zu dem Wahlsouds des Harnavundes brizuftkucin, mit folgender B^rmidung:
„Wie Ihren bekannt, ist der Hansabund gegenwärtig mit der Sammlung eines Wahlf ond s für die nächsten Reichstagsroahlen, die coentl. im November 1911 st-altsinden sollen, beschäftigt. Der Hansabund bezweckt, wir mir Ihnen possitw mittelen können, dir Beseitigung der agrarisch-konselvatioen Henichast mtb damit der Reaktion in Deutschland. Eine beste re, d. h. liberalere Zusammensetzung des Reichstages ist der elfte Teil semes Programms, tetn dann dir Besserung der Berwallting folgen soll.-
Recht interessant ist muh folgende Psffus m dem Schreiben:
»Zugleich bittet wir Sie, uns die Höhe des non Ihnen fleleifletcn nur einmaligen Betrages bald gefällig ü mitztUeilen, damit wir dem Hemsadunde int Jntereffe der Verstärkung des Gewichtes und Einstusscs unseres Verbandes die Gefamtsumme, die unsere Berbanbs- mitglieber für den Wahtsonds geleistet haben, nngAwt können."
♦ Tie kluge Königin und die „ehrsurchißvokleu" Sozialisten. Die liberale deutsche Preffe verbreitet eine Geschichte des belgischen sozialdemokratischen Blattes ^Prnpke" weiter über Die Haltung der Königin der Belgier bei dem wüsten Radau der „Genoflm" am Tage der Parlammtseröffnrmg. Die Königin habe ja einem Mitglied der sie aus dem Parlament hmcmsdegleitntben imni f ^"ion
gesagt:
»Ich,sah diese Zwischenfälle voraus und wundre mich darüber nicht. Es ist -nur natürlich, daß Leute, die etwas zu verlangen haben, sich an uns wenden. Ich habe bas s» auch meinen Söhnen erklärt, um ihre« Schrecken za milfrem. Hch h-cke ihnen gesagt, was die Sozialisten wollten und ihnen namentlich t Vanbervelde g^eigt, derrm denterlenswrrter ist."
Auf die Snage, «b feer Austritt keinen peinlichen Eindruck auf sie gemacht habe, habe die Söwgin geantwortet: .Ader durchaus Bid;i; durfte man sich nicht darauf gefaßt mache»?" Es folgt dann noch die Erzählung, wie die Königin ihren beiden Söhnen die Sache erklärt habe. Dem eines machte» die herumfliegende« Zettel .vielen Spaß", der andere wollte wissen, was die Rufe bebcuttn:
„Ich antwortete ihm: Diese Personen verlangen etwas, unb es ist sehr natürlich, daß, wen» man etwas verlangt, man schreit, um es zu erhalten, gerabe so wie bu unb dein Bruder eS mitunter tun. Das Kind fragte mich darauf: Unb jener Herr, der von Papa spricht? — Dieser fit ihr Chef, ein bedeutender Mann, em großer Redner."
Die .Münch. R. 91/ Nr. 537 glaubten dazu folgende Bemerkung machen zu sollen:
„Diese ungeschminkten Aeußerungen der Königin entsprechen vollauf der offenen, vorurteilslosen Natur
und den liberale» Anschauungen der klugen Tochter Karl Theodors, vor der sich heute selbst die belgischen Sozialisten ehrfurchtsvoll verneigen."
Bmausgesetzk, daß die ganz« Geschichte richtig ist, beweist sie, daß die bayerisch« Prinzessin als Königin in der außergewöhnlichen Situation sich tapfer unb königlich gehalten hat. Es verrät auch gewiß Kluzheü, wenn si« die Herren Sozialisten hinreicheud kennt, um zu wissen, daß man sich von ihnen derartiger Streiche versehen mußte. Furchtlos mußte sie sich halte» als Königin und wegen ihrer Kinder, denen sie die Szene selbstverständlich auch möglichst harmlos erklären mußte. Diesen konnte sie auch Vandervelde als „großen Redner" vorstellen. Daß aber die Herren Sozialisten in Belgien und liberale Blätter vom Schlage der ,M. N. Rck in Deutschlaich die angebliche Episode politisch auszubeuten suchen, ist nicht besonders nobel. Daß der sozialistische Radau trotz den tapferen optimistischen Wmten der Königin eine große Ungezogenheit war, kann keinem Zweifel unterliegen. Wenn die Herren „Genossen" dem König, mit dem sie es allein zu tun haben, sogen wollen, was sie wünschen, so gibt es dazu andere Wege. Wenn die „Genossen" sich vor der Königin ehrfurchtsvoll verneigten, so ändert das an ihrer Auffassung über Wesen und Werl der Monarchie nicht das geringste? Wenn und wo sie einmal die Macht haben, die Republik einzuführen, hören sie auf, sich vor Königen und Königinnen ehrfurchtsvoll zu verneigen.
* Malchin, 18. Nov. 1910. Der me cklen- burgisehe Landtag wurde heute eröffnet. Ein- geganp.en ist eine Mitteilung der Schweriner Regierung, daß die Verfassungsvorlage vom 19. November 1909 dem Landtag wieder (zum 4. Malet) zugehen wird. Ferner ist dem Lanbtag ein Entwurf zur Reform der bestehende» Steuer« gesetzzebung zugegangen, welcher eine progressive Einkommensteuer und eine Ergänzungssteuer vorsieht. Außerdem sind Vorlagen eingegangen bett. Gehaltserhöhungen für Beamte.
Ausland.
* * Der VerfasstwMamps in England.
lieber die Sitzung des Unterhauses, in bet Premierminister Asquith die Auflösung des Parlaments ankündigte (vergk. das 2. Blatt) wird noch gemeldet: Das Unterhaus war wegen der erwarteten Erklärung in allen seinen Teilen dicht l^srtzt Brüsour unb Asquith wurden bei ihrem Eintritt in den Sitzungssaal von ihren Anhängern enthusiastisch begrüßt. Asquith führte ans: Inden Plänen bet Regierung habe sich nichts geändert. Sie schlage vor, daß bas Haus bie welentlichen Teil« des Budgets erledige, sowie einige andere Vorlagen, unb habe dem König ungeraten, sobann bas Parlament zu schließen. Was die Betokonfetenzen anbdiifft, so schäme ich mich nicht, zu gestehen, baß ich bis zum letzten Augenblick auf eine Verständigung cpehofft habe. Niemals ist ein ehrlicher Versuch gemacht worben, eine Busis für eine Verständigung zu finden. AUerbings ist es müßig, anzunehrnen, baß in diesem Parlament eine Verständigung gefunden werde. In der nächsten Woche werben bie Lords Gelegenheit Haden, ihr Votum zu bet vom Unterlaufe gebilligten Politik abzugeben. Es handelt sich aber nicht um Abänderung der Vetoditt, sondern um Annahme oder Ablehnung des Ganzen. Wir Haden es ffrr unsere Pflicht gehalten, dem Könige die Auslösung des Parlaments zu einem möglichst frühen Zeitpunkt zu empfehlen. Wir sehen keinen Grund, warum der Termin hierfür nicht bet 28. November fein soll. We allgemeinen Wahlen können bann noch vor Weihnachten beenbet werben. Nachdem zwei rru sr'm ander solgenbe Unterhäuser dasselbe Urteil gefällt Huden, ist die Zeit gekommen, diese Streitfrage, bie dem Fortschritt der Gesetzgebung den Weg versperrt, dem Schiedsspruch der Nation znt «idgittigen Entscheidung zu unterbreiten. Stach der Rebe be§ Premierministers ergriff Balfour bas Wort unb gab seinem liefen Bedauern über die Politik bet Regierung Ausdruck.
Im Oberhanse gab Earl osErewe ein« ähnliche Erklärung ob, wie Asquith im Unterhaus. Lord Lansbowne bezeichnet« bie Auflösung als ein parlamentarisches Manöver, das mit dem größten Cyntsmus ausgeführl werbe. Er stellte die kategorische Frage, ob bie Regierung bie erbetenen Garantien erhalten habe und unter welchen Bedingungen. Earl ss Crewe gab keine birette Antwort.
** Der sozialistischen Partei den Rücken gekehrt hat bet französische Abgeordnete Btelon. Er gehört bet Kammer seit 1898 an. Die Gründe seines Austrittes legt er in einem an den sozialistische» 93er» eüisdanb seines Departements gerichteten Schreibe» dar, worin er daran erinnert, bafj er stets ein Gegner der grundsätzlichen Nbschkreßung der sozialistischen Partei von den bürgerlich-republikanischen Parteien unb stets ein Anhänger der republikanischen Block- polttik gewesen sei, während die fogialistische Partei sich immer mehr von diesem „schönen und gesunde» polnischen ? egriff entfernt habe. Die letzte» Ereig- riifse rmd Verhandlungen aus An aß des Eisen- bahnerauZstandes hätten ihm gezeigt, baß der Gegensatz zwischen ihm unb bet Partei sich in einer Weise verschärft habe, baß ein längeres Znsainmen- bkiben unmöglich sei. Der Sache der arbeitenden Klaffe, erklärt Breton, werbe er treu bleiben, aber er sei ük erzeugt, daß sie im Wege b er Reform- po litik praktischer unb unmittelbarer Ve wirk« kichnngen mit viel weniger Wagnissen unb Leide» viel mehr Ergebnisse und SBerbefferungcn erzielenwürbe als auf bem Wege brr von ber Partei auf» gestellten starren unb unfruchtbaren Politik grundsätzlicher Gegnerschaft. Breton wirb bemnoch künftig seinen Sitz bei ben unabhängigen Sozialisten ein« nehm«-
** Englische Frauenstimmrechtlernmen versuchten gestern nachmittag mit Gewalt in den Hof des Par- lamentsgebäudes einzudringrn, wurden aber durch stucke Abteilungen berittener Schutzleute daran gehin- bert Die Polizei räumte ben Platz und verhaftete 87 Frauen.
* Zur Lag« in Perfinr Mit Rücksicht auf die NachrÜht, daß hmidert russische Soldaten die Grenze bei Dfchulsa überschritten hätten, Hut der persische Minister des Aeußern auf Grund bet Erregung, bie wahrscheinlich unter ber Bevölkerung erttsteheu werde, gegen bie Absendung einer neuen Truppenmacht Verwahrung eingelegt. Er ergriff bie Gelegenheit, gegen bie fortgesetzte Anwesenheit russischer Garnisouen in Kaswin und Täbris gleichfalls Verwahrung einzulegen. Auf bem Kanonenplatze in Teheran wurde eine von mehreren tausend Teilnehmern besuchte öffentliche Versammlung abgehalten, str der fünf Redner über bas Vorgehen Englaubs sprachen. Die Redner ptoteftierteu gegen die neuesten Vorkommnisse unb sprachen stch dafür aus, Anschluß an bie Türkei zu suchen. Es wurde eine Resolution gesüßt, bei sämtlichen Parlamenten und Regierungen gegen die englisch-russischen Maßnahmen gegen bie persische Selbständigkeit zu protestieren. Eine von ben Jungpersern embetufene Versammlung regte einen Appell an den deutsch en Kaise r an.
** Eine Verschwörung gegen den Präsidenten und die Regierung von Mexiko entdeckten Geheimagenten der Vereinigten Staaten. Die Erhebung war für Sonntag geplant. Die Verschwörer verfügten über reiche Mittel. Ihre Wafsendepots in Sun Antonio und in unteren Orten stehen unter Uebrrwachung.
Aus Nirche und Schule.
* KA«, 18. Nov. 1910. Kardinul Fischer traf heute abend von seiner Romreise hier ein.
* Rom, 16. Nov. 1910. Der Turiner Moment» veröffentlicht eine längere Unterredung seines römischen Mitarbeiters mit dem Kardinal-Erzbischof F i s ch e r von Köln. Der Kardinal sagte nach diesem Bericht, die Ausländer könnten sich nur schwer von den deutschen Verhältnissen einen Begriff machen, ebenso wie auch das Umgekehrte der Fall sei. Die deittschen Katholiken hätten für die politische und soziale Aktion die Unterstützung der Protestanten unbedingt nötig; die den christlichen Gewerk- sch asten angehörigen Protestanten seien in der Mehrheit gut gesinnt, im guten Glauben und beteiligten sich auftichiig an ihrem kirchlichen Leben. Ms der Besucher bemerkte, die Gegner des Unteckonfes- fesstonalismus machten geltend, daß die Katholiken durch die Protestanten zum Abfall verleitet werden könnten, habe der Kardinal geantwortet, die Gefahr bestehe nicht, da parallel mit den Gewerkschaften die katholischen Arbeitervereine tätig seien, um den ©lauten ihrer Mitglieder zu schützen, und da die Geweckschasten sich nur mit wirtschuftli- chen Fragen befaßten. Auf die weitere Frage des Berichterstatters, wie es sich mit dem Gerücht über eine Veruckeilung des Vo lks v«rei n s verhalte, habe der Kardinal gesagt, barmtf könne er nur mit einem Lachen antworten. Ferner habe Kardinal Fischer ecklärt, er habe den Papst ganz überzeugt von dem, was er ihm über die christlichen Geweckschcrften gesagt habe: der deutsche; Episkopat sei ein Herz und eine Seck«; bie Aussichten des Zentrums auf die nächsten Wahlen seien gut, das Zentrum sei in Deutschland sehr geschätzt und beliebt; selbst der Kaiser toiffe, daß <r ohne die Unterstützung des Zentrums nicht regieren könne, das Zentrum sei eine gewaltige Partei, Fürst Bülow wrffe darüber ein Lied zu fingen; das katholffche Deutschland hab« eine ausgezeichnete Preffe nsw. — Der Mitarbeiter des Momento war nach dem Empfang ganz entzückt. Die Verantwortung für bie Nichtigkeit seines Berichts muffen wir ihm natürlich überlafsen.
Lokales,
Fulda, des 19. November 1910.
- Die Katholiken ber Nischafsstavt Hulda sind für morgen eingeladen zu einer Bersammlung, die eine Kundgeknng sein soll, entstammend dem Bekenntnis „Et in unam sanctam catholicam et apostolicam Eeclesiam — Und an eine heilige, katholische und aposwlrsche Kirche." Der moderne Unglaube und solche ^sellschasten, deren Existenz auf dem Haß gegen die klUhviisihe Kirche mid gegen das Papsttum begründet ist, Haden m de» letzte« Monate» heftiger als zuvor gegen die Kirche Sturm zu laufen versucht. Selbst die Person des greisen Trägers der Tiara auf Petri Thron hat man nicht geschont, und neben dem Rufe: „Los vom Ehrifientmn" ertönt immer kecker der Ruf: „Los von Rom"! <68 ist an der Zeit, an das kaum verhallte Wort des KatholikeuMgsprästdenten des Qderiand- gerichtsrats Marx - Düsfeldors zu erinnern, der den Kathrüik«! in der ersten öffentlichen Generittoersammlnng zuries: „Kckr uns Katholtte» follen die Vorgänge der jüngsten Vergaugenheit eine Mahnung fei«, rmS um fo enger und fester an den Mitteln null unserer Kirche, dm 1)1. apostolischen Stuhl, auzuschUenen. Jemehr und je lauter btt Riff ertönt: Los von Rom! wollen mir uns umso inniger anfch liefen an die Grün d- vefte der Wahrheit und da? Fundament unserer Kirche. Wir wollen uns scharen um den hl. Vater und mit echter, deut scher, wahrer unb dem Herze» entstammender Treue ihm unseren unverbrüchlichen Ge- t;infam, stete Liebe und liefe Ehrfurcht versichern l Eolt erhalle und schütze unfereu hi. Vater, Papst Pius X.! Und ein TOeiterts sollm wir K itholiken den Ttürmeu der Vergangenheit entnehmen: nur einig und ge ■ fchloffeu, rote bisher, können wir der Ausgabe gerecht rverre», die in der Gegenwart ;u erfülle» unser Herrgott uns berufen hat! 'Es fall keine verschiedenen „Richtungen" in unserem Lager geben. „Richtung Rom" heißt die Parole! „Für Gott, Kirche unb Vaterland" das Feldgeschrei!" In diesem Sinne will die für morgen angesetzte Bersammlung dem hl. Vater eineH ul d i g un g bereiten, die ihm Trost gewähren fest in schwerer Zeit.