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JVo 262.

Dienstag den 15. November MV.

57. Jahrgang..

Waer W Leitung

2. Blatt.

vrnck uub Verlag der Znldaer Aetlendrnüerei in Znlda.

Ztadtverordneten-Versammlung.

△ FuIda, 15. November 1910.

An der gestrigen Sitzung der Stadtverordnetm- Versammlung nahmen 25 Mitglieder des Kollegiums teil. Der Magistrat war durch die Herren Oberbür­germeister Dr. Antoni und Magistratsmitglied Fr. A. Müller vertreten. An der Sitzung nahmen auch Herr Schlachthofdirektsr Dr. L em gen und Stadt- probator Wohlgemuth teil. Len Vorsitz führte der Stadtverordnetenvorsteher, Herr Justizrat G e- g e n b a u r.

1. Mitteilung von Eingängen. Der Magistrat teilt mit, daß die von der Stadtverordneten-Versammlung bei der vorjährigen Etatberatung geforderte Nachfor- schung nach der Rechnung über Anschaffung einer Ge­meindefahne ergebnislos verlaufen ist.

2. Anderweite Festsetzung des Wohmlngsgeldzu- schustes der Lehrer der Oberrealschule. Die Staats- regiemng verlangt infolge Gesetz vom 25. Juni d. I. Laß der Wohnungsgeldzuschuß der Oberlehrer und Lehrer der hiesigen Oberrealschule dem der Oberlehrer und Lehrer der Kgl. Anstalten vom 1. April d. J?ab gleichgesetzt werde. Der Magistrat schlägt vor, diese Mehrausgabe aus den Ueberschüsien des Schulgeldes zu decken. Es würde also nach der neuen Ordnung ein Oberlehrer 720 Mk. statt bisher 640 Mk, ein Leh­rer 450 Mk. statt bisher 400 Mk. Wohnungsgeldzu­schuß beziehen. Es macht dies bei acht Oberlehrern 640 Mk., bei vier Lehrern 200 Mk.; dazu kommt noch der halbe Betrag für den vom 1. Oft. d. I. ab neu angestellten Oberlehrer; zusammen also 880 Mk. Die Versammlung stimmt nach kurzer Debatte dem Antrag des Magisttats zu.

3. Veräußerung der Parzellen 79, 80, 81, 82 im Kohlhäuserfeld nach dem Ergebnis des abgehaltenen Ausgebotstermins. Es liegt ein Vertrag der Stadt mit dem Fabrikbesitzer Herrn Ferdinand Neitzert vor, wonach die Grundstücke, zusammen etwa "34 900 Qua­dratmeter, für 2,20 Mk. pro Quadratmeter an diesen veckauft werden. Der Käufer hat 30 000 Mk. bar an die Stadttaffe zu zahlen, die Restkaufsumme mit 4 Pro­zent zu verzinsen; außerdem die Kosten von später an­zulegenden Straßen an den Gnindstücken anteilig zu decken. Auf eine Anfrage des Herrn R ü b s a m, ob der Prozentsatz für die Verzinsung der Restkaufsumme grundsätzlich feftlicge, erwidert der Oberbürger­meister, daß bei der Festsetzung möglichst nach Niitz- lichkeitsgründen verfahren werde. Einen Hinweis des Herrn Dr. Schulte auf das gute Geschäft, das die Stadt mit dem Verkauf gemacht habe, beantwortet der Oberbürgermeister, indem er ausführt, daß der erste Vorschlag des Magffttats zwar nur 1,50 Mk. pro Quadratmeter gefordert, daß ec aber genau die Benutzung des Grundstückes vorgeschrieben habe. Wenn man ein Grundstück Handelsobjekt werden läßt, steigert sich sein Kaufwert natürlich sofort bedeutend. Nach­dem noch eine formelle Aenderung im Vertrag von der Versammlung gewünscht und vom Magistrat zugesagt worden ist, gibt das Kollegium seine Zustimmung.

4. Erwerb eines Grundstückes in der Bahuhsf- straße. Das von der Stadt erworbene Grundstück ist 1784 Quadratmeter groß, wofür 35 000 Mk. und die Uebernahme einer Hypothek von 15 00«) Mk., also zu­sammen 50 000 Mk., von der Stadt geboten worden sind. Ter Stadt ist auf dies Gebot der Zuschlag schon taeilt worden. Der Quadratmeter stellt sich auf ca. 28 Mk.. Schon vor zwei Jahren hat die Stadt von dem genannten Grundstück einen Streifen für 14500 Mark erworben, sodaß also die neue Kauffumme jetzt in Wirklichkeit nur 35 500 Mk. beträgt. Tas Grund­stück war 1904 schon einmal von den Heres'schen Er­ben verkauft worden zum Gesamtpreis von 62000 Mail. Es hat demgegenüber also dir Stadt ein ver­hältnismäßig gutes Geschäft gemacht. Zu diesem Vor­trag des Berichterstatters Dur gibt der Oberbür­germeister noch folgende Erläuterung: Wir ha­ben das Grundstück deswegen erworben, well wir vor demselben 266 Quadratmeter liegen haben, womit wir nichts anzufangen wissen. Zudem hatten sich über dieses Grundstück infolge eines alten Vertrages mit Herrn Heres gewisse Unstimmigkeiten euzeben, die durch den jetzt erfolgten Ankauf behoben find. Die Versammlung genehmigt den Ankauf.

5. Gutachten des Dampfleffetüberwachungssereins über die Maschine und den Dampfkessel im Schlacht­hofe. Infolge der Beanstandungen, die eine von der Stadtverordnetenoersammlung verlangte Nachprüfung

bei der Maschine und dem Dampfleffel im Schlachthof ergeben hat, mußte von der ausführenden Firma die Maschine neu ausgebaut und die Isolierung des Kes­sels in besseren Zustand gesetzt werden. Gemäß dem vorliegenden Gutachten werden durch die Aenderung an der Maschine jährlich 1691 Mk. gespart, infolge der besseren Isolierung wird eine weitere Ersparnis ge­macht, die sich nicht in Matt und Pfennig feststellen läßt. Der Berichterstatter, Herr Fritz, bemängelt, daß der Stadtverordnetenbeschluß nicht durchaus und in allen Punkten respektiert worden sei. Daran sei allerdings nichts mehr zu ändern. Man müsse das Gutachten so hinnehmen. Immerhin sei festgestellt, daß der Nutzeffeft durch die Aenderung ein bedeutend besserer geworden sei. Zu bedauern sei nur, daß eine solche Nachprüfung nicht auch bei der Kühlanlage statt­gefunden habe. Die Schwankungen in der Leistung der Maschine übe nach sachverständigem Urteil einen nachteiligen Einfluß auf das Fleisch aus. Auch die Ausführung der Luftzuführungsapparate habe der Nach­prüfung nicht durchaus standgehalten. Herr Schlacht- hofdirettor Dr. L em gen: Die Luftregulierung ist sofott nachgesehen und verbessett worden. Die Schwan­kungen bei der Kühlmaschine lassen sich regeln. Wenn sich einmal Fleisch nicht halten sollte, so kann das an tausend anderen Ursachen als wie der Kühlvorrichtung liegen. Nach einer weiteren Debatte, an der sich die Herren Fritz, Sunkel, Schwarz und Weber beteiligen,

6) Feststellung der Kasernenrechnung für 1909. Die Einnahmen betrugen 172,961 Mark, die Aus­gaben 168,062 Matt; es ergibt sich also ein lieber- schuß von 4899 Mark, der dem Kasemenfonds zu­zuführen ist; dieser Fonds hat bekanntlich den Zweck, die Differenzen auszugleichen, die sich ergeben, wenn die Verzinsung der Kasernenschuld durch den Fiskus von 5% auf 5 Prozent, wie ver­traglich festgelegt ist, herabgeht. Es wurden im letzten Jahre ca. 22000 Mark Kapitalien für^Neu- bouten ausgenommen, sodaß die Kasernenschulden jetzt noch 3,586,386 Mark betragen. Diese sollen, wie die Versammlung s. Z. beschlossen hat, inner- ^üb 52 Jahren getilgt sein. Beim Ablauf des Vertrages mit dem Fiskus nach den festgelegten 30 Jahren wird die Schuld noch etwa V/v Millionen Matt betragen. Die Versammlung stellt die Rech­nung in der angegebenen Höhe fest und erteilt dem Rechnungsführer Entlastung.

7) Löschmrgsmkunden erhalten die erbetene Zu­stimmung.

Schluß der ösfenllichen Sitzung 8% Uhr.

In der geheimen Sitzung gab die P r» sammlung zu der Veräußerung eines Grundstncks- streifens au der Südseite der Hartmann',chen Ma­schinenfabrik in Giöße von 230 Quadratmeter ihre grundsätzliche Zustimmung.

An; Mrche und Tchule.

** Rom, 13. Nov. 1910. Dec deutsche ka­tholische Leseverein feierte heute das Schutz­patronsfest des sei. Albertus Magnus. Nach der kirch­lichen Frier fand im Auimahospiz eine Festversamm­lung statt, zu der die deutsche katholische Kolonie Roms vollzählig, der bayerische Gesandte Baron Ritter, deutsche Prälaten, viele hervorragende Ordensleute, Generaldirektor Pieper (M.Gladbach) erschienen. Kar- binat und Erzbischof Eminenz Fischer nebst Ge­folge, von lebhaftem Beifall begrüßt, nahm den Ehren- sitz An. Bereinspräsident, Schriftsteller Mumbauer, begrüßte die Anwesenden und sprach besonderen Dank dem Kardinal für sein Erscheinen aus. Der apostolische Protonotar Mons. E y se s hittt alsdann die mit vie- lem Beifall aufgenommene Festrede über das Leben des heiligen Karl Borromäus. Generaldirektor Abg. Pieper hob die Archänglichkeit der deutschen Katho­liken an den Heiligen Stuhl hervor und brachte ein Hoch auf den Heiligen 'er aus. Dann entwarf Kardinal Fischer in großen Zügen mit eindrucks­vollen Worten ein getreues Lebensbild des lei. Alber­tus Magnus, wobei er dessen Tätigkeit in seinem Köl­ner Wirkungskreis hervorhob. Großes Lob zollte Kar­dinal Fischer den Albertus Magnusvereinen und gab schließlich der Freude Ausdruck, in Rom zu weilen, das für die Katholiken eine Heimat sei. Eigentlich habe er nur bis Mailand reisen wollen, um seinem Freunde, dem Kardinal Ferrari den versprochenen Besuch abzustattm. Als aber die Nathanaffäre ein­trat, beschloß er, von Mailand nach Rom weiterzufah­

ren, um dem Heiligen Vater die Teilnahme der Katho- ltten Deutschlands zu übermitteln. Die Italiener, fuhr Kardinal Fischer fort, fühlen sich durch Protest­kundgebungen des katholischen Auslandes geftänft. Mit Unrecht! Denn für uns ist der Papst nicht etwa Italiener, sondern das Oberhaupt der Kirche, und wenn dieses beleidigt wird, so protestieren hiergegen die Katholiken des ganzen Erdballes, zumal tvir Deut­schen als die Treuesten der Treuen angespro­chen werden. Die Katholiken' sind aber auch ihren Füchten ergeben, denn außer der Kirche lieben sie ihr Vaterland. Kardinal Fischer brachte hieran anschlie­ßend ein dreifaches Hoch auf den deutschen Kaiser, den bayerischen Prinzregenten und den österreichischen Kai­ser aus. _______

Aus dem Nachdargebiete.

]: [ Hilders (Rhön), 13. Nov. 1910. Heute nachmittag ist im Beisein des Herrn Obermeisters Ed. Hohmann der V o r b e r e i t u n g s k u r s u s zur Meisterprüfung durch Herrn Bürgenreister Seifert, welcher eine zündende Ansprache an die Teilnehmer richtete und sie in dem von der Gemeinde zur Be­nutzung bereitwilligst zur Verfügung gestellten Unter­richtslokal herzlichst willkommen hieß, eröffnet worden. Möge das von der Handwerkskammer zu Kassel und den hiesigen Jnnungsvorständen ins Leben gerufene zeitgemäße Unternehmen mit dem besten Erfolge ge­krönt fein!

*♦ Griesheim, 14. Nov. 1910. In dem hiesigen Kommunalstreit ist eine neue Tatsache zu verzeichnen. Wegen öffentlicher Beleidigung des Bür - gcrmeisters Wolf wurden der Gastwirt Konrad und der Schmiedemeister Pier von der Wiesbadener Sttaffammer zu je 150 Matt Geldstrafe verurteilt.

** Kassel, 14. Nov. 1910. Zu der Familie n- tragöbie in der Müllergasse wird noch mitgeteilt, daß der junge Molitor, der als ordentlicher Mensch geschildert ivird, seiner jüngeren Schwester Vorwürfe wegen ihres Leichtsinns gemacht habe. Der Stiefvater habe aber bei dem Mädchen gehalten, und so sei der Streit entstanden. Der einen so verhängnis­vollen Verlaus nehmen sollte. Molitor, der den Feld­zug in China mitgemacht hat, befindet sich im Land- ftankenhause auf dem Wege der Besserung. Am Sonn­tag erwachte er wieder aus seiner tiefen Betäubung, konnte sich jedoch seiner Umgebung noch nicht recht verständlich machen. Die Aerzte hoffen, Molitor, wel­cher von seinem Stiefvater mit dem stumpfen Ende der Axt (nicht mit der Schärfe) auf. den Hinterkovf ge­schlagen worden ist, schon in kurzer Zeit wieder voll­ständig Herstellen zu können, wenn keine Komplika­tionen eintreten. — In dec Elisabethftraße wurde ein Mann verhaftet, der die Bewohner eines Harrses durch Drohungen zur Hergabe von Almosen zwingen wollte. Der mit einem Dolch bewaffnete Mensch benahm sich so rabiat, daß die Hausbewohner sich vor ihm verschanzen mußten, bis polizeiliche Hilfe eintraf. -- Die Schar der Sachsengänger, die am Sonntage hier eintrafen, um die Rückreise in die Heimat anzutreten, war so groß, daß am Montag mor­gen ein Extrazug mit Sachsengängern abgelassen wer­den mußte.

* Münden, 14. Nov. 1910. Der seit dem 1. Juli gesperrte Chattenbühltunnel, den die Eisen- bahnvcrwaltung mit einem Kostenaufwand von 14 000 Matt, wozu die Stadt die Hälfte beisteuern imißte, hat bedeutend verbreitern taffen, ist nun fertig gestellt worden und gestern dem Verkehr wieder übergeben worden.

** Weißenfels, 12. Nov 1910. Eine eigenartige Bekämpfung der Mäuseplage, die zurzeit unseren Landwirten schwere Sorgen bereitet, ist in der Nähe zur Anwendung gekommen. Um die Kleefelder einigermaßen zu retten, ist der Dampfftraßenwalzenbe- scher Wernecke auf den Gedanken gekommen, seine Fel­der mit der 350 Zentner schweren Walze zu bearbeiten. Der Erfolg war überraschend. Auf den vor drei Wo­chen gewalzten Flächen zeigt sich noch heute kein frisch aufgeworfenes Mäuseloch. Die Tiere sind vermutlich alle erstickt. Ter in solch drastischer Weise bearbeitete Klee gedeiht in üppigster Weife. Seit einigen Ta­gen sieht man die Dampfwalze auch auf den anderen Kleefeldern arbeiten.

* Eisenach, 14. Nov. 1910. Wegen schweren Bandendiebstahls hatten sich vor dem hiesigen Landgericht der 18jährige Schlosser Julius Schrumpf,

der 17jährige Kaufmann Katt Schrumpf und der 17 jährige Mechaniker Walter, sämtlich aus Eisenach, z i verantworten. Die beiden Brüder Schrumpf wohnten als Pensionäre in der Familie Walther. Dir drei Angcllagten hatten gemeinsam drei Einbrüche ausgeführt und dabei 20, 60 und 800 Mark gestohlen Bei einem folgenden Einbruch, den Katt Schrumpf und Walther allein ausführten, wurden sie dingfest ge- macht In allen Fällen haben sich die Bürschchen, die stets mit verteilten Rollen arbeiteten, das Geld gewissenhaft geteilt. Ohne große Reue gestanden fit ihre Schandtaten ein. Von dem erbeuteten Geld ist nichts mehr zu haben; sie haben alles vertan. Ju lius Schrumpf erhielt eine Gesamtstrafe von 2sij> Iah rett, die beiden Mitangeklagten eine solche von 1 Jahr Gefängnis. Die drei Burschen sollen durch die Lek­türe von Schundliteratur auf Abwege geratet sein. _ „

* Aschaffenburg, 12. Nov. 1910. Das Resukta der hier abgehaltenen Blutnentage ist: E'.nnah men 2839,78 Mk., Ausgaben 737,53 Mk. Von einen- Teil der Einnahmen erhalten arme Schulkinder in der Monaten Dezember bis 'März morgens eine Taffe Milch mit Brot und hilfsbedürftige Veteranen Unter stützungen. ,

vermischter.

♦ Beförderung der billigen Briefe nach Amerika Beim Publikum ist vielfach die irrige Meinung vor Händen, daß die billigen Briefe nach den Vereungten Staaten von Amerika (10 H für je 20 Gramm) nicht mit Schnelldampfern befördert werden. Diese An nähme trifft jedoch nicht zu. Die Briefe werden viel­mehr stets demjenigen von Bremerhaven oder Cup- Haven abgehenden Dampfer (Schnelldampfer oder Postdampfer) zugeführt, der fahrplanmäßig den a inert» kanischen Hasen zuerst erreicht.

» Ein Polizeihund mit plombierten Zahnen. Det Polizeihund des Dramburger Kreises, „Lux", steh durchaus auf der Höhe, denn er besitzt feit einigen -ta­gen — plombierte Zähne! Vor feiner Ausbildunc zu seinem jetzigen „Berufe" waren dem Tiere von dem dermaligen Besitzer aus irgend einem Grunde du vier Eckzähne abgeschliffen worden. Nach und nach wurden diese immer schlechter, sodaß schließlich der Nerv bloß lag, infolgedessen es dem Hunde unmöglich war, harte Gegenstände anzupacken und festzuhaften. Kurz entschlossen ließ man die Zähne mit einet Sil» beramalgansüllung regelrecht plombieren.

* Ein Ueberlandslug Ulm- Friedrichshafen wird auf Veranlassung des zum Studium der Flugsithrt in Berlin weilenden Oberleutnants Schott veranstaltet. Der Flug soll zugleich eine Huldigung der deutschen Flieger für Den Grasen Zeppelin bilden. Fast alle deutschen Flieger, unter ihnen Hans Grade, Jeantn, Wieneziers haben ihre Beteiligung zugesagt.

* 32 000 Zähler an der Arbeit. In Berlin sind für die am 1. Dezember stattfindende Volkszäh­lung besonders große Vorbereitungen nötig. Bei 456 Bezirksvorstehern Bettins ergibt sich eine Gesamtzahl von 3300 Zählkommiffaren, von denen jeder für den Umfang fernes Gebietes durchschnittlich wiederum un­gefähr über acht Zähler verfügt. Im ganzen handelt es sich um ein Heer von Zählbeamten bestehend aus 32 000 Bürgern, die sich in uneigennützigster Weise ohne Entgelt in den Dienst der Allgemeinheit stellen. In weit größerem Umfange noch als bei den vorheri­gen Volkszählungen findet diesmal der Anschluß der Vororte statt, sodaß das statistische Groß-Berlin der nächsten Volkszählung 44 Stadt-, Landgemeinden und Gutsbezitte umfassen wird.

* Ei» Opfer seiner Spielleidenschast Irurbe der Prokurist Walter Herne in Berlin. Seit einiger Zeit ließ er sich von der Liebhaberei für den Renn­sport dermaßen beherrschen, daß er überall große Wet­ten entging, die aber verloren gingen. Eines Tages wurden dem Geschäft, bei dem er angestellt ist, von einem ausländischen Kunden 21 000 Matt in Aktien angekündigt. Herne vcttaufte die Aktien mit Verlust für 18 000 Mark, schloß mit Buchmachern große Wet­ten ab und hoffte immer auf einen durchschlagenden Treffer, um den beruntreuten Bettag ersetzen zu kön­nen. Aber er sah sich getäuscht. Der Geschäftsinhaber nahm die Unterschlagung wahr und Herne wurde ver­haftet.

* Um eine MO-Millionen-Erbschast. Im Rhein­land hat sich ein Verein gebildet, der die Jntereffen

Ein gefährliche; Geheimnis.

25] Roman in zwei Bänden von Charles R ea d e.

-Darauf erbat sich Walter das Eoeur-As, auf des­sen Vorderseite er den Mietkonttaft schrieb. Er über­ließ Percy auf drei Jahre Haus und Garten für 5 Pfund jährlich, unter der Bedingung, daß alle Reparo- tureii dem Mieter zufielen. Beide Telle machten da­mit ein gutes Geschäft, denn selbst wenn Percy ein- bis zweitausend Pfund auf das Besitztum verwenden mußte, wurde er hunderffach dafür bezahlt, sobald es ihm gelang, Julien'» Herz dadurch noch mehr an sich zu fesseln.

Walter hatte die Schlüfftt dec Besitzung mitge- bracht, fuhr Percy hin und übergab ihm Haus und Garten. Tränen der Dankbarkeit standen in den Au- »jen des Kleinen, als sie voneinander Abschied nahmen, und als Walter noch denselben Abend seiner Kusine Julia über diese Vorgänge Bericht erstattete, waren auch ihre Augen voll freubiger Beredsamkeit.

Am folgenden Tage ging Walter mit Mary Bott­ley spazieren und erzählte auch ihr, was er getan hatte. Dabei hing sie an seinem Arme, sah ihm voll Be­wunderung und Liebe in die Augen, und als glüäflich Liebende gingen sie auseinander.

An ihrer Gartentür traf das junge Mädchen mit Mr. Bartley zusammen.

.,Mary, wer war der junge Mann, der Dich eben begleitete?* fragte er in strengem Tone.

„Vetter Walter.*

„Dacht ich's doch! Du bist zu Vitt mit ihm zu­sammen.*

Mary wurde abwechsttnd rot und blaß, blieb jedoch stumm, und Bartley fuhr fort:

„Du bist ein gutes Kind und ich habe immer vol- jles Verttauen in Dich gesetzt. Auch in diesem Falle 4in ich überzeugt, daß Du nichts Unrechts im Sinne Hast, aber Du mußt vorsichtiger fein, liebes Kind. Eben habe ich gehört, daß man Dich und diesen jun« Äen Menschen für Verlobte hält — das ganze Dorf ist der Meinung. Ein Vater ist natürlich immer der

Letzte, dem dergleichen zu Ohren kommt. Weiß Mrs. Caston von diesem Verkehr?*

»Gewiß, Papa! Sie ist damit einvefftanden.*

„Verrücktes, altes Wcib! Sie sollte sich vor sich selber schämen.*

„Aber warum denn, Papa?* fragte Mary tief be­kümmert. .Was kannst Du gegen Setter Walter ein­zuwenden haben?*

„Nichts, so lange er nur Tein Vetter fein will, Alles, wenn sich's um tin innigeres Verhältnis han­delt Macht er Dir den Hof,*

„Ich weiß nicht, Papa . . . aber ich glaube fast* „Sucht er Deine Liebe zu gewinnen?* „Mit Raren Worten hat er das nicht gesagt.* „Komm, Mary, sei aufrichttg; Du hast mich nie bintergangen . . . liebt Dich der junge Mann?*

„Ich fürchte, daß er es tut . . . und wenn Du uns trennft, wird er sehr unglücklich fein . . . und ich auch.'

„Das tut mir aufrichtig leid, liebes Kind; denn wichtige Gründe machen es mir unmöglich. Deine Verlobung mit ihm zuzugeben.*

„Welche Gründe, Papa,*

„Es ist nicht gut möglich, sie Dir mitzuteilen, aber ich hoffe, Mary, es genügt, wenn ich Dir sage, daß Oberst Clifford anders über seinen Sohn verfügt hat und daß ich für Dich andere Pläne habe. Glaubst Tu etwa, daß es Dir ober ihm zum Segen gereichen würde, loenn Ihr Euren Vätern Trotz bieten n olltet?*

„Nein, gewiß nicht!* erwiderte die arme Mary. „Mr find voreilig und unvernünftig gewesen. Aber lieber Papa, hast Du es denn nicht vorhergesehen? Ach, warum hast Du mich nicht bei Zetten gewarnt? Da wäre es mir ein Leichtes gewesen. Dir zu ge­horchen, während es mich jetzt das Glück meines Lebens kostet. Wir beide sind unglücklich! Armer Walter, er war so hoffnungsvoll, als wtt uns kernt- ten. O Gott, was soll ich tun? was soll ich tun?*

Es war Mary Bartleh's echter Kummer; ihr war zu Mute, als hätte sie jede Aussicht auf Glück für immer verlorst, und sie weinte bitterlich um Walter wie um sich sttbst.

Icirtleh blieb nicht unempfindlich für ihren Schmerz, aber fein innerstes Wesen zu ändern, war ihm nicht möglich. Das Kapital, das er durch ein Verbrechen erlangt hatte, lag ihm mehr am Herzen als alles, was er redlich erwarb, und so freundlich er sich äußerlich gegen Mary zeigte, innerlich blieb er hart wie Stein.

„Geh in Dein Zimmer, liebes Kind, und suche Dich zu fassen*, sagte er. „Ich bin Dir ja nicht böse und hätte frcüidj besser auf Dich achten sollen. Aber Du bist noch so jung, und ich verließ mich auf das alberne Weib."

Mary zog sich schluchzend zurück, und Bartley ließ Mrs. Caston rufen. ->

„Mrs. Caston*, sagte er, „zum ersten Mal in die­sen langen Jahren habe ich mich über Sie zu be­klagen.*

„Bitte, Sir, wollen Sie mir erklären, was Sie meinen?*

„Der junge Clifford hat dem Kinde oen Hof ge­macht, und Sie haben es begünstigt."

„Rein, Sir, das habe ich nicht getan", antwortete die alte Wärterin; „Mary hat ebensowenig mit mir darüber gesprochen wie ich mit ihr.*

„Aber Sie haben die Sache auch nicht zu hindern gesucht.*

„Nein, Sir, ebensowenig, wie Sie das getan haben*

„3tb habe bis heute keine Ahnung davon gehabt.*

„Wie konnte ich das wissen, Sir, da sonst jeder­mann unterrichtet ist? — Mr. Hovpe hätte alles gleich gesehen, wenn er an Ihrer Stelle gewesen wäre.*

Bartley fühlte den Hieb und erkannte, daß er es hier mit einer hartnäckigeren Gegnerin zu tun habe, als die arme Mary gewesen war.

„Sie können es nicht ertragen, Vorwürfe verdient zu haben*, sagte er in feiner listigen Weise. „Nach­dem Sie mir vierzehn Jahre lang treu gedient haben, muß das auch schwer sein*.

„Weine Treue verstand sich von sttbst*, gab sie trotzig zur Antwort; „ich wurde ja dafür bezahlt*

„Natürlich! Aber bekommt man denn immer, was man befahlt hat? ... Lassen wir dar Neraanaene ver­

gangen fein, und Hessen Sie mir jetzt, das Kind von dieser Torheit zu heilen.*

„Es ist keine Torhttt, Sir!* antwortete die Alte mit festem Tone; „es ist vielmehr für alle das Beste und Weiseste, und ich kann mich keinesfalls dazu ver­stehen, auch nur mit einem Finger daran zu rühren.*

„Was, Sie unterstehen sich, mir zu trotzen.*

„Nein, Sir, ich möchte ebensowenig etwas gegen Sie tun wie gegen mein eigenes Gewissen, so vitt mir davon noch geblieben ist. Ich habe längst dorherge- sehen, daß es so kommen würde, und habe meiner Schwester Sally geschrieben, die ein kleines Hotel an den Seen bewirtschaftet; sie ist bereit, mich aufzu­nehmen, und ich bin noch nicht zu alt, mich in ihrem Hause nützlich zu machen und kann mir damit mein täglich Brot verdienen. Jst's Ihnen also recht, Sir, so werde ich noch heute ausbrechen. Es ist die einzige Art und Weise, wie ich Ihnen meine Treue beweisen kann, denn Miß Marh's Weinen zeigt mir, daß Sie mit ihr gesprochen haben, und daß sie zu mir kommen wird, um Trost zu suchen, ist so gut wie gewiß . . . Ich aber kann bann nichts anderes tun, als ihre Par­tei nehmen, denn ich habe sie lieb wie mein eigenes Kind.*

Bei diesen Worten begann die trotzige Stimme zu zittern, aber im nächsten Augenblick schon hatte sich Mrs. Caston wieder gefaßt. Sie erklärte, daß sie sich sofort zu ihrer Schwester Gilbert begeben würde, de­ren Wohnort nur ein paar Stunden vcn der Farm entfernt war, um Tags daraus ihren Weg nach dem Heinen Hotel an ben Seen fortzusetzen. Ihm selbst, fügte sie hinzu, müsse sie es tiberiaifen, zwei liebende Herzen zu trennen und zu brechen, wenn er dazu im Stande fei; sie wasche ihre Hände tn Unschuld.

Bartley verlangte einen Augenblick Bedenkzeit.

„Werden wir denn aber gute Freunde bleiben, wenn «sie, in dieser Weise von mir gehen?* fragte er. „Hoffentlich wollen Sie, nachdem Sie so viele Jahre geschwiegen, mich jetzt nicht verraten. — wollen Ihrer Schwester nichts erzählen?*

(Fortsetzung folgt)