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Fulda, Samstag den 12. November 1910.
Erstes Blatt
260.
37. Jahrgang.
? Gegen die spektakelnde Gefinnungs« tüchtigkeit der Sozialdemokratie
läßt das .Berliner Tageblatt einen krampfhaften Notschrei ergehen.
Diese Vorkämpferin der rosaroten Blockpolitik fürchtet nicht ohne Grund, daß die neuesten Leistungen der Sozialdemokratie im In- und Auslande den verständigeren Elementen im liberalen Bürgertum doch eine gew'fie Scheu vor dem roten Bundes- bruder beibringen könnten. Sie ahnt die „große Gefahr des Stimmungsumschlags.' Daher fordert sie „Ruhe im Glied", was auch für souveräne Volksniassen zu Zeiten ein recht nützliches Kommando sei, und will die Führung der roten Partei „der akademischen Bildung und disziplinierten Vernunft" überlasten wissen, — ausgerechnet jener advoka - torischen Bildung und Vernunft, die augenblicklich auf der Verteidigerbank in Moabit (bei dem Prozeß gegen die Ruhestörer) ihr« Künste spielen läßt.
। Der Notschrei ist begreiflich, aber er wird schwerlich Erfolg haben. Es geht gegen die Natur der Dinge und der Personen, daß die Umsturzpartei bis zu den nächsten Wahlen sich so zahm und manierlich benehmen sollte, wie es das liberale Anstands- und Komplimentierbuch verlangt. Man varf nicht zu viel verlangen, auch nicht im Punkt der politischen Heuchelei. Wer die rote Braut (wegen ihrer Mitgift an Wah stimmen) heimführen will, der muß sie nehmen, wie sie gewachsen und erzogen worden ist.
Ehe die Linksliberalen das großblockige „Ver- hälmis" anfingen, wußten sie ganz genau, wie es um den revolutionären Charakter dieser Partei und ihre „speklatelnde Gesinnungstücktigkeit" bestellt war. Ja, der letztgenannten Eigentümlichkeit haben die liberalen Kurmacher weithin Vorschub geleistet. Als die Sozialdemokratie in den Wahlrechtsvemon- strationen die Eroberung der Straße unternahm, war z. B. das .Berliner Tageblatt" die eifrigste Verteioigerin der souveränen Volksmassen gegen die angeblich „brutale" Polizei. Dir Geister, die man damals rief, will man jetzt wieder verschwinden lasten, aber sie wollen nicht gehen.
i Um den roten Brüdern die Bußpredigt schmackhaft zu machen, redet das ,Berliner Tageblatt" von Anhängern des Radaus in beiden Lagern. Damit wird die frevelhafte Verdächtigung fortgesetzt, als ob die „Reaktion" die Konflikte und Krawalle wünsche und beordere, hinterlistige Scharsmacherei betreib«. Heißt das nicht Oel in das Feuer gießen?
Interessant sind folgende Geständnisse des rosaroten Riosseblattes:
Wie die ausgebauschten (?) und für die Zwecke des Scharsmacherlums frisierten i?) Berichte üb-r die Ber- Imer Krawalle draußen im Reiche gewirkt haben, davon scheinen sich manche Berliner Größen eine recht unzulängliche Vorstellung zu machen. Dahinein klingen Nachrichten über Unruhen, die sogar Teile der sonst so wohldisziplmierten englischen Arbeiterschaft zu Tumulten sortgerissen haben. Dahinein werden wochenlang die P r o z e ß b e r i ch t e aus Moabit klingen.
Die jüngsten Leistungen der Sozialdemokratie in Frankreich, die sogar Herrn Briand und die radikalen Republikaner zu Bismarck'schen Kraft- taten genötigt habe», sind dabei noch gar nicht er- wähnt.
Ferner Uagt das „Berl. Tagebl." bitterlich über die Roheiten der Sozialdemokratie gegenüber den Monarchen — oder, wie es in dem rosarorten Jargon heißt: „gegenüber den Vertretern der dynastischen Ueberlieserung". Habe es einen Sinn gehabt, den konstitutionellen König der Belgier zum Mittelpunkt einer lärmenden Kundgebung zu machen?
Wir stellen noch etwas ernstere Fragen: War es schön, gegen unseren Kaiser, als er Brüssel besuchte, eine gehässige Demonstration in Szene zu setzen? War es anständig, den als Kurgast bei uns weilenden Kaiser von Rußland auf das roheste zu beleidigen? War es zulässig, daß der Wortführer der österreichischen Sozialdemokratie in der Delegation den deutschen Kaiser auf das bösartigste beschimpfte?
Wer sich mit der Sozialdemokratie verbindet, ist für diese Vorgänge mit verantwortlich.
+ Die Wurzel des iunerpolittsche« Elends.
Was ist es, das im letzten Grunde die inner- politischen Verhältnisie in unserem Vaterlande so unglücklich und traurig werden ließ und die Besserung verhindert?
Es ist gerade jetzt notwendig, diese Frage ehrlich und gründlich zu beantworten, in diesen Tagen, wo weite Kreise von einer geradezu blinden Angst vor der Macht der staats- und ordnungsfeindlichen Sozialdemokratie befallen zu fein scheinen und in dieser die Wurzel aller Schwierigkeiten und Ge- fahren für unser Volk und Reich erkennen zu müssen glauben. Wir verkennen durchaus nicht die Größe dieser Gefahr, aber wir wiffen auch, daß eine andere noch größere Gefahr besteht, und wir haben die Ueberzeugung, daß der Kampf gegen diese nicht nur an sich die dringlichste Notwendigkeit, sondern speziell auch am besten geeignet ist, zur Abwehr geger die Sozialdemokratie die Feldrüstung zu stärken. Gefährlicher als die Macht der erklärten StartSfeinde in der Sozialdemokratie ist die Ohn- matzt der Verteidiger des Staates. Es ist lrider nicht zu leugnen, daß eine solche besteht. Sie ist hervorgerufen durch die sriedenstörende Verhetzung der beide «großen christlichen Konfessionen gegeneinander, welche ein gedeihliches Zusammenwirken für Volk und Reich erschwerte, z. T. vollständig unmöglich macht und die besten staatserhaltenden Kräfte lahmlegt. Wie diese Verhetzung geschieht, soll heute an einem markanten Beispiel erneut gezeigt werden.
Aks Heft 10 der „Beiträge zu konservativer Politik und Weltanschauung" ist soeben eine Schr'f
$>. v. Berger erschienen unter dem Titel
„Der Konservatismus und die Parteien". Der Verfafier spricht darin von „der die Geister reinigenden Spaltung des Blocks" und kennzeichnet dann die gegenwärtige Situation wie folgt:
„Der Kampf der Weltanschauungen hat sich verschoben", „aus einer innerchristlichen Sache ist eine Sache des Christentums geworden". „Die hohe gemeinsame Aufgabe fordert gebieterisch eine Einigung auf dem bedrohten Boden des Christentums." „Es ist kein Zufall, daß Konservatismus und Zentrum sich wieder und wieder bei der Beratung grundsätzlicher gesetzgeberischer Fragen auf ihren Wegen gefunden haben." „Wenn die beiden mit dem Christentum den konservativen, und somit im höchsten Maße den monarchischen Gedanken tragenden Parteien sich so oft unabhängig voneinander auf demselben Boden und Seite an Seite sanden, so folgten sie einer natürlichen Notwendigkeit. Die Verwandtschaft ihrer geistigen Struktur bedingt eine Verwandtschaft ihrer gesetzgeberischen Ziele und Zwecke, sowie ihrer praktischen Handlungen . . ." Der Zusammenschluß der konservativmonarchisch, der christlich-sozialgesinnten muß sich vollziehen — ob als feste Bindung, ob als stillschweigende Gemeinschaft —, „der Konserv atis mus hat keine Veranlassung, den natürlich Verbündeten (das Zentrum) abzuweisen!"
Es vollzieht sich nämlich nach der Meinung des Versafiers „eine historische Wandlung mit unerbittlicher Notwendigkeit". Auf der einen Seite stehen die konservativ-monarchischen Parteien, Konservative und Zentrum; „die Grundlage für die im höchsten Sinne konservativen Parteien sind": Monarchie und Christentum — auf der anderen Seite Liberale, Radikale und Sozialdemokraten. Es wird, meint der Verfafier, „für den Konservativen mehr und mehr an Interesse verlieren, welchen von den Gruppen dieses Radikalismus ein Mandat zufälll" — im Gegenteil, man kämpft besser gegen eine „Revolutionspartei", als „gegen Parteien, die über ihre wahren Absichten einen papierenen Mantel der Bürgerlichkeit und Staatserhaltung tragen". Schließlich hält es der Verfasser „für notwendig und erstrebenswert, daß die politische, die nationale Frage unabhängig wird von dem religiösen Bekenntnis, von den besonderen religiösen Zielen und Aufgaben der protestantischen und katholischen Christen".
Die ,Tägl. Rundsch' lNr. 529), welche die vor- stehend mitgeteilten Sätze hervorhebt, findet, wie nicht anders zu erwarten, kein Gefallen daran. Auf eine sachliche Erörterung läßt die sich aber nicht ein, sondern sie beschränkt sich auf das viel erprobte Mittel der Entsefielung des Furor proteatanticua. Sie sagt:
„Der Verfafier, der auf dem Mond seine Studien über den UltramontanismuS, über besten politischen Charakter und Anschauungen vom Staate gemacht zu haben scheint, nennt das, was beide (Konservative und Zentrum) schützen, das deutsche Christentum! Luther hat abzudanken, Herr v. Berger macht nunmehr die Geschichte! „Ein Reich, das neben einer starken internationalen Sozialdemokratie eine starke ultramontane Partei hat und als Volk der vielen Grenzen und Neider eine starke nationale Wehr haben muß, die es durch Zugeständniffe an den machthungrigen Klerikalismus nicht erkaufen darf, unser deutsches Reich kann den erbitterten Kampf zwischen Konservativen und Liberalen als das tnnerpolitifche Grund- motiv einfach dauernd nicht ertragen." Solche Wege weifen heute „Beiträge zur konservativen Politik" unserem deutschen Volk! Wenige Monate nach dem Erlaß der Borromäus-Enzyklika! Welch ein Mangel an Verständnis für die Großtat der deutschen Reformation und an Vertrauen zu ihren Kräften offenbart diese Auslieferung der konservativen Partei an die Führung der Ultramontanen!
Di« konservative Press« wird sich zu äußern haben, wie sie zu dieser politischen Aufiafiung steht! Wir wollen nicht glauben, daß sie, wie die parteiamtliche Ions. Korresp." leider getan hat, sich diese Ungeheuerlichkeiten ohne Widerspruch zu eigen macht. Es berührt wie ein unfreiwilliger Hohn, daß die ,Tägliche Rundschau" in dem gleichen Artikel das Zentrum als „Verkörperung der Verquickung von Konfession und Politik" anzusprechen wagt, in diesem Artikel, der von verlogener und gehässiger Verquickung von Konfession und Politik nur so strotzt.
Es ist in der Tat ein Musterbeispiel der konfessionellen Verhetzung und der Ausbeutung der konfessionellen Zwietracht für polllische Geschäfte. Auf einen derartigen Artikel kann man unmöglich sachlich eingehen, da er eben keine Sachlichkeit enchält. Die „Tägl. Rundschau" will einfach nicht zugeben, daß die deufichen Katholiken ehrlich und treu an der nationalen Aufgabe Mitarbeiten, für sie fit jeder Katholik schlechthin „ultramontan" und „Vertreter des machllüsternen Klerikalismus". Das Blatt erwähnt in der gleichen Nummer einen Brief des Herrn Abg. Müller-Fulda an Hm. v. Nosttz-Wallwitz, den dieser in einer Wählerversammlung verlesen hatte u. der die konservattve Kandidatur Förster für den sächsischen Reichstagswahlkreis Löbau empfahl. Die „TäHl. Rundschau" bemerkt dazu:
„Im evangelischen Sachsen glaubt der konser- vattve Herr v. Nostiz-Wallwitz für feinen Mann keinen befieren Trumpf ausspielen z« können, als den gönnerhaften Empfehlungsbrief einer ultramontanen Kirchenfäule."
Die „Tägl. Rundschau" sollte so ehrlich sein und konsequmt die Fordemng erheben, daß die Kacholi- ken int Deutschen Reiche von bet Mitwirkung an den Staatsausgabm einfach auszuschließen sind, dann ist doch wmigstens Klarheit geschaffen. Wenn wir aber das Recht dazu h a b e n und in der Ausübung dieses Rechtes unsere heiligste Pflicht sehen, wenn wir uns bewußt sein dürfen, die nationalen Aufgabm ausschließlich vom nationalen Standpunkte aus zu erfüllen, und in dieser Pflichterfüllung hinter keinem Protestanten im Deutschen Reiche zurückstehen, bann dürfen wir wenigstens verlangen, daß dieses von ehrlicher protestantischer Seite auch anerkannt wird.
Eine Verhetzung, wie sie die „Tägl. Rundschau" betreibt, ist in Wahrheit staatsgefährlich, und muß von alle» aufs schärffte zurückgewiesen werden, denen es mit ber Erhaltung des Staates ernst ist. Die konfeffionelle Verhetzung hat Unheil genug gestiftet, cs ist bückste Zeit, daß ein^Ende damit geschehe.
Deutsches Reich.
* Berlin, 11. Nov. 1910. Der Kaiser hat dem Direktor der Deutschen Bank v. ©minner durch ein Telegramm hocherfreut seinen Glückwusch zum Abschluß der türkischen Anleihe aussvrechen lassen. — Das Staatsministerium trat am Freitag zu einer Sitzung zusammen. — Der Bundesrat hat am Donnerstag über Festsetzung der Jnlands- verkaufsspreise für bestimmte Arten von Kalisalzen Beschluß gefaßt. Dem „Katholischen Missionsverein Süd-Schanrung" in Tsingtau und dem „Tsingtau- Klub" wurde die Rechtsfähigkeit verliehen.
b. Ti« Justizkommissson des Reichstages beendete gestern die zweite Lesung der Strafprozeßnovelle. Eine längere Diskussion veranlaßte nur noch der in 1. Lesung von der Kommission in den Entwurf ein» gefügte von der Regierung und den Nationalliberalen bekämpfte § 471 a, wonach gegen Mitglieder gesetzgebender Versammlungen des deutschen Reiches und der Bundesstaaten während der Sitzungsperiode der Versammlung nur mit deren vorheriger Genehmigung eine Freiheitsstrafe in Vollzug gesetzt werden darf. Die Abstimmung ergab die Beibehaltung des Paragraphen. Auch das Einsührungsgesetz wurde erledigt, sodaß damit die Strafprozeßkommission ihre Arbeit beendet hat.
)( Neber den neuen Reichsetat lassen sich die Dresdener Nachr." wie folgt vernehmen:
„Ein solches zufriedenstellendes Ergebnis hätte freilich durch bloße Sparsamkeit allein niemals auch nur annähernd erzielt werden können. Es tritt darin vielmehr ganz unzweifelhaft die wohltätige Wirkung der Reichsfinanzreform zutage, die das Reich endlich mit den Mitteln versorgt hat, deren es zur Sanierung seiner Finanzen notwendig bedurfte. Wenn schon von den Lmksliberalen kaum zu erhoffen ist, daß sie diese Tatsache gebührend würdigen werden, so darf doch von dem einsichtigen Teil« der Nationalltberalen erwartet werden, daß sie bei den bevorstehenden Etatsberatungen dem Charakter des Budgets für 1911 als einer Rechtfertigung der Reichsfinanzreform die verdiente fachliche Anerkennung zollen und dadurch zur Förderung des Parteiftiedens zwischen rechts und links beitragen."
Daß die Nationalliberalen diesem wohlgemeinten Rate folgen werden, möchten wir einstweilen bezweifeln.
)( Die Jungliberalen erfreuen sich bekannt- lich bei einem Teile der reiferen Nationalliberalen keiner besonderen Hochachtung. Die „Naüonal- liberale Correspondenz" für Westfalen erklärt offen,
daß die jungliberale Bewegung schwere Enttäuschungen gebracht habe. Man habe eine Jugendbewegung erwartet, die Hunderttaufende um sich scharen werde. Jetzt nach 10 jährigem Bestehen zählten aber die Jungliberalen kaum 20000 Anhänger. Die Jungliberalen hätten durch ihre ausschweifenden Wünsche oft genug der Partei und ihren Fraktionen in den Parlamenten die größten Schwierigkeiten bet eitet. Es hätten sich ferner viele Wähler von der nationalliberalen Partei abgewendet, weil sie gefürchtet hätten, daß der radikale Einfluß der Jungliberalen den miltelparteilichen Charakter der national- liberalen Partei gefährden werde. Es wird auch daran erinnert, daß ein hervorragendes Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses in der Zentralvorstands- fitzung zu Kassel mit aller Entschiedenheit betont habe, mit den Jungliberalen gehe es so nicht mehr weiter. Die Korrespondenz meint, es sei die höchste Zeit für die Fraktionen, einer Entscheidung in diesen Dingen näher zu treten.
Auch der „Elbwart", daS offizielle Organ der Hamburger Nationalliberalen, ist mit den Jungliberalen keineswegs einverstanden. Das genannte Blatt schreibt,
es dürfe nicht verkannt werden, daß die Ausführungen des Führers der Jungliberalen über das taktische Verhältnis zur Sozialdemokratie im strikten Gegensatz zum Kaffeler Parteitag gestanden hätte. Das sei auch der Fall bezüglich des Ersuchens an die Parteileitung, in gemeinsame Verhandlungen mit dem Freisinn einzutreten, und eine Wahltaltische Verständigung bei den nächsten Reichslagswahlen für das ganze Reich herbeizusühren.
In der Tat muß man sagen, daß die politische Unreife des Jungliberaltsmus, die sich in seinem blinden Draufgängertum äußert, kaum zu überbieten ist.
+ „Zentrum Trumpf". Einen „krassen Beweis dafür, daß Zentrum in Bayern Trumps ist", liefert ber ,Tägl. Rundsch." folgendes Geschehnis:
„Der,Schulanzeiger für Unterfranken" enthält einen Präsidialerlaß der Regierung, nach dem das für die Lehrerkonferenzen eingeführte Werk von Hermann „Geschichte der neuen Pädagogik" zurückgezogen wird, weil inzwischen fektgestellt worden sei, daß dieses Buch ausschließlich dem protestantischen Standpunkt Rechnung trage. Die,Augsb. Postztg." hatte die unter« fränkische Regierung wegen Einführung des Werkes angegriffen und festgestellt, daß es vom Ministerium selbst zur Einführung empfohlen worden sei. Auf diesen Angriff folgt nun die plötzliche Zurückziehung.
Di« ,Tägl. Rundschau" ruft verächtlich auS: Kommentar überflüssig! — Nun, zu ihrer Leistung ist ein Kommentar nicht ganz überflüssig. Em anständiger Mensch würde eS nicht mehr als in der Ordnung finden, wenn die Regierung ein Buch, das beikidigende Stellen für die Katholiken enthält, von dem Gebrauche für katholische Schüler — darum handelt es sich nämlich — ausfchließt. Die ,Tägl. Rundsch." ist nicht so anständig, sondern benutzt die Sache für die Zwecke ihrer politischen Geschäfte. Aber ihr Bekenntnis ist für uns sehr wertvoll. Es zeigt, daß sie nichts besonderes darin findet, wenn katholische Schüler zu dem Gebrauch eines Buches gezwungen werden, das für die Katholiken beleidigende Stellen enthält. Es zeigt, was wir Katholiken im deutschm Reiche zu erwarten haben, wenn einmal die Gesinnungsgenofien der ,Tägl. Rundsch." das Heft in di« Hand bekommen sollten. Es zeigt endlich, daß nur die Existenz eines starken Zentrums die Gewähr dafür bietet, daß auf uns auch ein klein wenig Rücksicht genommen wird.
♦* Abg. Müller-Fntda.
Die Absicht des Herrn Abg. Müllcr-F.Uda, kein: Mandat mehr zu übernehmen, beschäftigt di« Press«, soweit sie schon Notiz davon hat nehmen rönnen, sehr lebhaft. Die „ Zentrums-Parlaments- Korrespondenz" (CPC) schreibt in Uebereinstimmung mii der „Germania":
„Es wäre ein schwerer Verlust für Sie Zentrumssraktion, wenn Herr Müller-Fulda aus ihrrr Mitte scheiden würde. Er hat namentlich auf finanziel- lern und wirtschaftlichem Gebiete solche Kenntnisse und Fähigkeiten gezeigt, daß man ihn als unentbehrlich und unersetzlich bezeichnen möchte. Hoffentlich beffert sich fein Gesundheitszustand bald wieder, sodaß er von seinem Entschlüsse doch noch zurückkommt."
Auch di« ,Köln. Volksztg." hofft, daß der Entschluß des Herrn Abg. Müller kein unabänderlicher ist. Das,Frankst. Jntelligenzblatt" sagt:
„Wenn dieser Entschluß des Abg. Müller-Fulda endgültig fein sollte, so würde die Zentrumspartei mit dem 59 jährigen Abgeordneten eb en ihrer erfahrensten und einflußreichsten Führer im Reichstag' verlieren. Richard Müller gehört dem Reichstage feit 1893 an und ist als Müller-Fulda einer der bekannte-' ften Zentrumsabgeordneten, der schon neben Lieber an der Führung seiner Partei tätig war.
Ausland.
** Staatliche Prüfungen für Redakteure in Italien. Ministerpräsident Luzzatti hat den neuen Entwurf eines Preßgesetzes ausgearbeitet und wird ihn ber Kammer zugehen lassen. Am intereffantesten sind darin die Vorschriften für den verantwortlichen Redakteur, den „Diretiore" nach italienischer Redeweise, und für die Hinterlegung einer Kaution. Der verantwortliche Redakteur muß danach mindestens das Abgangszeugnis eines Gymnasiums oder einer gleichgestellten Anstalt besitzen, und wenn er es nicht besitzt, kann er eine Prüfung als Nachweis der verlangten Bildung ablegen. Die Kaution geht von dem Mindestsatz von 500 Lire hinauf auf 10000 Lire, je nach der Bedeutung und Verbreitung des Blattes. Vomier Kaution werden die Strafen für beleidigende und unsittliche Publikationen weggenommen, sodaß sie immer wieder ergänzt werden muß. Der Gesetzentwurf will zur Erhöhung der Moralität der Presse beitragen und findet, wie schon eine frühere Aktion des Ministerpräsidenten gegen den Schmutz in Schrift und Bild, Beifall be’ allen ordnungsliebenden Elementen.
I Im türkischen Kabinett ist jetzt eine völlige Einigung zwischen dem Kriegs- nnd Finanzminister dadurch erzielt worden, daß dem Kriegsministerium ein Mitglied des Rechnung. Hofes zugeteilt wird, das die Rechnungen des KriegS- ministeriums an Ort und Stelle prüft. Es bedeutet diese Einigung ein Entgegenkommen der beiden Gegner auf der mittleren Linie und zugleich eine erhebliche Stärkung des Kabinetts.
: Die Kundgebungen gegen die Bereinigten Staaten in Mexiko wurden aus Anlaß eines Lynchgerichtcs gegen einen Mexikaner in Texas von den Studierenden hervorgerufen. Es fallen mehrere ^Amerikaner getötet worden sein. Drei Demonstranten wurden von der Polizei getötet und viele verletzt. Etwa 200 Personen wurden verhaftet. Bei den Ausschreitungen war auch der Sohn des amerikanischem Botschasters Angriffen ausgesetzt. Ein Straßenbahnwagen mit amerikanischen Schulkindern wurde mit Steinen beworfen. Ein Kind wurde verletzt. Starke Polizeimaßnahmen hinderten zwar in der Stadt Mexiko selbst ein Wiederholen der Unruhen, jedenfalls wiffen die unter starker Zensur stehenden Nachrichten nichts darüber zu berichten. Aber in der Provinz dauern die Tumulte an. In G u a d a - iai ata hat die Menge Donnerstag abend die Fenster der amerikanischenHandelshäuser zertrümmert und dadurch großen Schaden angerichtet. Die Polizei bewacht das Konsulat. Die Stadt macht den Eindruck einer belagerten Stadt. Ein Volk> hausen attackierte das amerikanische Konsulat in Cindad Porfirio Diaz. Der Konsul mußte fliehen.
** Das geldbedürftige China hat bei ben Anleiheverhandlungen mit Amerika sich wie die Türkei auf sich selbst besonnen. Es weigert sich, ber Ernennung eines amerikanischen Beirates in ber Finanzver- waltung zuzustimmen.__
Aus Utrche und Schule.
* Rom, 11. Nov. 1910. Der Papst empfing ben preußischen Gesandten v. Mühlberg in Audienz.
Lokaler.
Fulda, ben 12 November 1910.
* Der Bundesrat hat in seiner Sitzung vom Donnerstag Beschluß gefaßt über die Beireiung der Laienbrüder des Bistums und des Domkapitels zu Fulda ocn der Juvalidenversicherungspflicht.
* Versetzt wurde der Regierungs - Supernumerar Emmig, beim hiesigen Landratsamte in gleicher Eigenschaft an die Kgl. Regierung in Kassel.
** Tie große Versammlung der Katholiken Fuldas und der Umgebung findet wie schon erwähnt, erst Sonntag in acht Tagen, am 20. Nov. nachmittags 5 Uhr im Stadtsaale statt. Es werden sprechen Herr Prof. Vollmer über ta§ Papsttum und Herr Professor und Regens Dr. Schreiber über di« Freideukerbewegung. Auch der Hochwürdigste Herr Bischof wird die Versammlung mit einer Ansprache beehren. Wir verweisen schon jetzt auf diese Versammlung und empfehlen ihren Besuch dringend.
-r Bon der Kommission jür das Fenerwehrlöschwesen wurde gestern eine für die Gemeinde Almen- borf beschaffte vierrädrige Saug- und Druckspritze abgenommen. Sie wurde nach genauer Prüfung als vorzüglich anerkannt und der Gemeinde ausge- händigt.
]![ Eine heftige Gasexplosion fand gestern abend um 7 Uhr in dem Hause Buttlarstraße 37