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M 259.

Zrettag len U. November (9(0.

37. Jahrgang.

* fuldaer W Zeitung «

2. Blatt.

Vrnck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerel in Fulda.

Deutsches Reich.

* Parität auf dem Schulgebiete im Osten. Das „Westpreußische Volksblatt" setzt seine Aufzählung von Fällen schreiender Imparität auf dem Schulge­biete fort: Sn dec Niederung der Weichsel liegt das große Dorf Friedrichsbruch. Die dortige Schule be­suchen ungefähr soviel katholische als evangelische Kinder und dennoch find beide Lehrer evangelisch. Als vor einigen Jahren in Ottowitz eine neue Schule gegründet und gebaut wurde, an welcher zwei Lehrer angestellt werden sollten, dachte man allgemein, da dort fast alle Kinder katholisch sind, werde der erste katholisch sein, doch wurde, trotz einer Petition sei­tens der katholischen Bewohner an die Königliche Regierung, ein Protestant als erster Lehrer airgestellt. In Girkau und Reciniewo, welch letzteres Rittergut in Siegsruh umgetauft wurde und dem bekannten nationalliberalen Abgeordneten gehört, sind fast alle Schulkinder katholisch und dennoch die Lehrer evan­gelisch. In Plutowo beträgt die Zahl der katholi­schen Kinder etwas mehr als die Hälfte, der Lehrer ist selbstverständlich evangelisch. Bevor Kielp durch protestantische Kolonisten angesiedelt wurde, wirkte an der dortigen Schule ein katholischer Lehrer: nach der Ansiedelung wurde er, trotzdem die dortige Schule noch immer viele kacholische Kinder besuchten, versetzt und durch einen evangelischen ersetzt. 2s ist bereits so weit gekommen, daß in dem vorwiegend katho­lischen Kulmer Kreise selbständige katholische Schul­stellen eine Seltenheit geworden sind, und es ist nicht zu verwundern, daß bei eintretender Vakanz sich um eine katholische Schulstelle über 100 Lehrer bewerben. Diese Tatsache ist mit ein Grund, weshalb so wenige junge Leute aus der Provinz sich dem Schulfach wid- men und durch solche aus anderen Provinzen ersetzt werden müflen, die dann die vorschriftsmäßige Zeit hier bleiben und in die Heimat gern zurückkehren, weil sie hier keine selbständige Anstellung finden kön- nen. — Wie lange wird noch die ungerechte Behand­lung der Katholiken auf dem Schulgebiete andmrem?

)( Die Arbeiten zur Verwaltnngsreform nahmen einen nur langsamen Fortgang. Doch ist oies im Jntereffe der Gründlichkeit keineswegs zu beklagen, stach dem ersten ist nun auch der sechste Ausschuß ;nr Vereinfachung der Rechtsmittel und des Jnstan- zenzuges mit den Beratungen über einen wichtigen und schwierigen Teil seiner Aufgabe zum Abschluß gelangt. Er ist zu bestimmten Vorschlägen über die Vereinfachung der Rechtsmittel gegen polizeiliche Verfügungen gekommen und wird diese seine Vor­schläge dem Plenum der Jmmediatkommission unter­breiten. Für die Verhandlungen dieser Kommission über den hier erwähnten Gegenstand ist der Anfang nächsten Monats in Aussicht genommen.

) (Demoralisation der Jugend durch revolutionäre .eher. Ter Tatsache, daß die Arbeiterjugend in­folge der Beeinflussung durch den Sozialismus in der Charakterentwickelung immer mehr verftacht und sich verschlechtert, wenden die Behörden neuerdings ihr besonderes Augenmerk zu. Nach dieser Richtung sind folgende Auslassungen der „Mllitärisch-Politi- schen Korrespondenz* hoher Beachtung wert:

Schon lange vor den Moabiter Unruhen, n» denen jie erneut bei den Ruhestörungen am Wedbing, un- vertiällnismäßig viel halbwüchsige Burschen beteiligt gerne’en und, haben zwilchen verschiedenen preußischen Mmtsterien Erwägungen darüber statlgefunden, ob die heut'ge Art der m.ingelhaiten Weitererziebung der schuleiiilasfenen Jugend nicht eine wachsende natio­nale Gefahr tn sich birgt. Den Anstoß zu diesen, hi zwischen zu greisbaren Vorschlägen gediehenen Be­ratungen hat die Heeresverwattung gegeben. Es häufen sich vornehmlich in Garnisonen mit Ersatz aus den Jndustriegebieleu, auch Sachsens und Süddeulfch- iands, die militätiid'.en Klagen über die mora­lische Qnaliiär des Rekrutenmaterials. Schlei ler Wille i ) passive Resistenz erschweren in nicht mehr Mietn.tUeit, auf zielbewußke Beemfluffurg oder siilliche Berwahriosung zurückzuführenden Fällen öie Ansangssiadien der Au-biloung bei einer ganzen Reihe bestimmter Truppenteile in solch steigendem Blaße, datz die veischieoenen Kriegsmmisterien sich zu scharfer Stellungnahme veranlaßt gesehen haben. Militärifcherteiis wrv die obligatoiifche Fort­bildungsschule bis mindestens zum ix.Lebensjahre als eine voraussichtlich ausreichende Lösung des jetzigen Zustande» angesehen, den man als eine ernste Ge­fahr der Schlagfertigkeit unseres Heeres be­zeichnet. Für Preußen sind von den verschiedenen süc eine derartige Einrichtung in Frage kommenden

gteffoitS — dem Kultus-, Handels- u. Landwirtschasls- mmtfterium — die Kosten auf etwa 10 dis 12 Mill. Mark veranschlagt worden. Wie bald jedoch diese von lehr hoher Stelle gebilligten Bestrebungen sich zu einer Gesetzesvorlage verdichten werden, steht, schon in Rück­sicht auf die Beschaffung der dazu erforderlichen Mittel, noch dahin.

Das ist alles recht, schön und gut, aber was man dabei leider auch wieder vermißt, ist der Hinweis aus die Notwendigkest einer erhöhten systematischen reli­giösen Beeinflussung der Jugend, ohne diese hat die ganze Bildungsfexerei keinm Zweck. Hierauf kann nicht oft und nicht scharf genug hingewiesen werden.

** Wie du mir, fo ich dir! In Essen wählte die Sladtoerordneienoersammlung mit allen bei zwei Stimmenthaltungen den Rentner Franz Arens als Abgeordneten der Stadt Essen in den rheinischen Provinziallandtag. Arens war früher Zentrumsstadtocrordneter, unterlag aber bei der letzten Stadtverordnetenwahl dem sozial- deuwkratischen Kandidaten. Bei der vorigen Wahl zum Provinziallandtag hatte die liberale Mehrheit des Stadtoerordnelenkollegiums die Wahl eines Zent rums man ns in den Pro- omziallandtag ab gelehnt und gegen die Stimmen der Zentrumsstadtverordnelen den Finanzrat Klüpsel gewählt. Das veranlaßte die Zentrumepartei in Aachen, die Wahl eine' Vertreters der liberalen Minderheit in den Pro- vinziallandtag gleichfalls abzulehnen. Daraufhin scheint nun die liberale Mehrheit in Essen Ber- nunst angenommen zu haben.

Aus Klrdre und Schule.

* Paderborn, 7. Nov. 1910. In der Generaloer- sannnlung des Zweigvereins des Kath. Frauen­bundes Paderborn ergriff auch der Herr Bi­schof Dr. Schulte von Paderborn das Wort. Er sprach seine Freude über die Versicherung der unent­wegten Anhänglichkeit an die hl. Kirche aus. Er sei um so lieber gekommen, als ihm die selbstlose Tätig­keit und dec rastlose Eifer des Katholischen Frauen­bundes seit langem bekannt sei. Die Frcmenfroge und Frauenbewegung existiert nun einmal, und nie­mand, dem dos Verständnis für unsere Zeit nicht überhaupt abgeht, kann sie ignorieren und darf ihre Wichtigkeit unterschäken. Es ist unbestreitbar, daß diese moderne Frauenbewegung schon große Erfolge erzielt hat, so durch die Erschließung neuer Berufe, Eröffnung neuer Bildungsmöglichkeit als Gemeingut aller. Lange, vielleicht gar zu lange, haben die ka­tholischen Frauen bei der Bewegung abseits gestanden. Sollte nicht die Kirche, der hl. kaihol. Glauben, das Christentum allen und jeden Einfluß in der modernen Frauenbewegung verlieren, sollten nicht Tausende ka­tholischer Mädchen und Frauen beim Ringe» um einen selbständigen Berus an ihrem irdischen und geistigen Wohle Einbuße erleiden, dann war es notwendig, einen Katholischen Frauenbund zu begründen, und wir danken Gott, daß dieser Frauenbund geschaffen ist. In dem Katholischen Frmtenbnnd haben wir eine Frauen­bewegung, die nicht nur dem materiellen Wohle mit Eifer bient, sondern alles Streben auch als ein Mittel ansieht zu dem einzigen von Gott gestellten Ziele, unsere eigene Seele und die Seelen anderer, die uns anveriraut sind, oder auf die wir Einfluß gewinnen können, für den Himmel zu retten. Nachdem der Herr Bischof oer Versammlung den bischöflichen Segen er- tellt batte, hielt Frl. Hedwig Dransfeld (Wert' einen Vortrag über die Aufgaben der Frauen in der heu­tigen Zeit.

Aus -em Nachdargebiete.

* Niederaula, 9. Nov. 1910. In dem benachbar­ten A11 e n d o r f a. d. W. brach in dem Anwesen des Landwirtes Jhs. Jcflec nachts Feuer ans, das trotz des tatkräftigen Eingreifens der Ocksfcuerwehr und der Feuerwehr zweier Nachüacvrle ven Dachstuhl zerstörte und die gesamten Erntevorcäre vernichtete. Der Schaden ist nur teilweise durch Versicherung ge­deckt. Die Entstehunosursache des Feuers tst unbe­kannt.

* Hanau, 10. Nov. 1910. Der König!. Zeiche n- akademre in Hanau hat dec vor einigen Monaten

in Frankfurt <t M. verstorbene Landgerichtsrat D. Geh. Justizrat Wilhelm Boehm letztwillig einen Betrag von 100 000 Mark zur Errichtung em« Stft- timg vermacht, deren Zinsen für Stipendien an ta­lentvolle Maler und Bildhauer Verwendung find«, sollen. Der Akademie ist die landesherrliche Genrh- migung zur Annahme dieser Stiftung erteilt worden.

* Wetzlar, 10. Ott. 1910. Der wiederhergestellte Wetzlarer Dom, wacher der katholischen wie der evangelischen Kirchengemeinde, getrennt nach Chor und Schiff, als Gotteshaus dient, reicht m seinen Anfängen bis in das zehnte Jahrhundert zurück und ist ein eigenartiges Baudenkmal, an dem mit Unter­brechungen, je nachdem Mittel vorhanden waren, ge­baut wurde. Hierdurch kommt es, daß man die ver­schiedenen Stilarten mittelalterlicher Bauweise an der Kirche vertreten findet, und studiere» kann. Gleich­wohl macht der Dom einen gewaltigen künstlerischen Eindruck, dem nur der Umstand Abbruch tut, daß er mangels Mitteln nie hat vollendet werden können. Zudem ist mit der Zeil der Dom in einen derartigen Verfall geraten, daß er Ende des vorigen Jahrhun­derts mehr einer Rumc als einem Gotteshause ähn­lich sah. Wiederholt wurde der Versuch einer gründ­lichen Wiederherstellung unternommen, scheiterte aber immer wieder daran, daß in dec kleinen Stadt sich nicht die Kosten aufbringen ließen. Erst als im Jahre 1900 der jetzige Landrat des Kreises Wetzlar, Dr. Sartorius, sein Amt übernahm, entstand unter dessen tatkräftiger Leitung ein Dombouverein, der sich die würdige Instandsetzung des Bauwerkes zum Ziele setzte. Es gelang ihm denn auch, die öffentliche Mei­nung und die maßgebenden Persönlichkeiten für sei­nen Plan zu gewinnen. Aufgabe des Dombauvereins war es, die auf eine Million Mark veranschlagten Baukosten aufzubringen, was ihm auch unter Bewil­ligung von Beiträgen seitens des Staates, der Pro­vinz, des Kreises, der Stadt Weglar sowie der beiden Kirchengemeinden gelang, nachdem 650 000 Mk. durch eine Seltene sichergestellt waren. Nunmehr ist das große Werk vollendet. Das Gotteshaus soll am 10. Dezember b. I. feiner Bestimmung wieder übergeben werden. Mit der Uebergabe ist eine Feier verbun­den, die sich mit Rückstcht auf die kirchliche Weihe bezw. Segnung be-dec christlichen Bekenntnisse auf zwei Tage verteilt.

* lisch lag, 9. Nov. 1910. Eine intereff antt BeovaRt nng machte hier ein Einwohner auf feinem Gelöst. Bei der Zers'.öcung eines Mäuse- uestcs warf er die jungen Mäu?e auf den Hof. Als sie Hühner bic-3 sähe , stürmen sie über die Tierchen her und zehnen eins nach dem andern auf. Daß Enten und auch Gänse Mäuse verzehren, sieht man ja häufiger, daß sich aber Hühner an der Vertilgung dieser Schädlinge beledigen, dürfte wohl zu den -Seltenheiten gehören.

* Treysa, 9. Nov. 1910. Infolge einer Senkung der Grundmauern stürzte in dem benachbarten Schönau gestern die neuerbaute Scheuer des Zimmergeselleu Heinrich Engeland zusammen. Das Gebäude ist seit acht Tagen ausgerichtet, und dir Bedachung war gerade vollendet.

* Kassel, 9 Nov. 1910. Ein künstliche Eis- lau sb ahn innerhalb der Stadt wird von einem hiesigen Geschäftsmann geplant. Es ist der Reit­platz vor der ehemaligen Hufarenkaferne am Garbe- dn Corpeplatz, der seit der Verlegung der Huiaren tn die neue Kaserne an der Frank urter Straße rei geworden ist, baut auserfehen. Wie es heißt, stehen die betreffenbett Betzöcben dem Plan sym- patbitch (wetniber.

* Kassel, 10 Nov. 1910. Das Braunkohlenberg­werk Neue Dmsel, das einer belgischen Gesellschaft gehört, ist vor zwei Jahren stillgelegt worden, da sich der Betrieb nicht lohnte. Nunmehr werden sämtliche Vorräte und die maschinellen Anlagen, die erst vor einigen Jahren mit einem Kostenaufwand von Hun- deritausenden angelegt worden waren, veräußert.

* Friedberg, 9. Nov. 1910. Hier wurden jämt- iiche Spielautomaten nebst Inhalt von der Polizei befd)lagnahmt. Tas Einschreiten der Betörde wird besonders bet manchen Hausfrauen, reren gew ffenlofe Ma ttier ihren ganttit Wochen'ohn uer nie ten, bte größte Fronde Hervorrufen.

* Gernsheim a. Rh., 9. Nov. 1910. Der stellen­lose Arbeiter Hallstein aus Rimhom wurde heute früh kurz nach 8 Uhr von dem Schnellzug Mannheim-Frankfurt erfaßt und siarb nach kurzer Zeit an den erlittenen schweren Verletzungen. I

♦ Biebrich, 9. Roo 1910. Mit dem gestrigen Tage ist dahier eine W e r tz uw achs st eu er in Kraft getreten. Die Steuer beginnt mit 5 Prozent bei einer (unverdienten) Wertsteigerung bis zu 10 Prozent und endigt mit 25 Prozent bei einer Wert­steigerung von über 300 Prozent. ________________

vermischtes.

* Ein ungetreuer Zugführer wurde in Nord- Hausen flüchtig, da er verhaftet werden^ sollte, weil er seit Monaten in den Zügen die Koffer der Reisenden mittels eines Nachtfchlüssels geöffnet und beraubt hat.

* Die Zeppelinfahrt der Reichßtagsabgeocdneten wird im Auftrage der Stadt Lindau i. B. von dem bekannten Münchener Landschaftsmaler Professor Dimer auf einem Kolossalgemälde dargestellt werden. Das Bild, das für das Reichstagsgebäube in Berlin bestimmt ist, ist zurzeit im Rathaus in Lindau bis 13. November ausgestellt.

** I» Oberammergau, dem weltbekannten Ort der Paffionsfpiele, ifUein unerquicklicher Streit aus­gebrochen. Die Gemeindeverwaltung hat den Pas- sionsfpielern Ludwig und Hermann Rutz die Erlaub­nis gegeben, eine Toumee mit kolorierten L i ch t bil­de r n von dem Passionsspiel zu veranstalten. Neben Berlin, Men, Prag, Dresden, Breslau usw. sollen auch England und Amerika besucht werden. Gegen diese Genehmigung durch die Gemeindeverwaltung hat nun die übrige Einwohnerschaft von Oberammer­gau energisch protestiert, und so ist die Bevölkerung in zwei Lager gespalten. — Dem idealen Gedanken, der bei der Einrichtung der Passionsfpiele der lei­tende war, ist mit dem Lichtbikder-Gastfpiel sicher nicht gedient. Die Paffionsfpiele werden dadurch nur zu leicht zu einer reinen Geschäftssache.

* Eine jugendliche Räuberbande wurde vor dem Landgericht in Dresden ab geurteilt. Von der Bande sind bis jetzt drei Mtglieder verhaftet. Die Burschen hatten im vorigen Frühjahr in Berlin ver­schiedene schwere Einbruchdiebstähle ausgeführt und verdufteten, als ihnen die Berliner Polizei arg auf den Fersen war, nach der Sächsischen Schweiz. Hier nisteten sie sich in den Hennersdorfer Steinen in ein« Felsenhöhle ein, die sie bis zu einem gewissen Grade wohnlich ausstaffierten. Von hier aus unter­nahmen sie dann zahlreiche Beutezüge, zu denen sie noch einen in der Gegend bekannten Komplizen h.nzu- gezogen hatten. Schließlich entdeckte die Polizei di« Räuberhöhle. Nach hattem Kampfe wurden die Ver­brecher, die mit Revolvern und Messern bewaffnet waren, überwältigt. Das Urteil lautete in Anbe­tracht der großen Jugend sehr milde. Sie wurden zu 18 bis 10 Monaten Gefängnis verurteilt.

* Die streikenden Schuhmacher in den Schuhfab­riken Dresdens beschlossen, die von den Fabrikanten angebotene Lohnerhöhung als ungenügend abzulehnen unb den Streik fortzusetzen.

; e ue Bande böhmischer Vagabunden begann in Gilgenberg (Oberbayern) einen Wirtshausstreit und lieferte dann bet Einwohnerschaft eine förm­liche Schlacht, bei der mehrere Personen von den Strolchen durch Revolverschüffe und Messer­stiche schwer verletzt wurden.

** Ein sonderbarer Auiomobiluufall ereignete sich in Havre. Gegen Mitternacht stürzte ein vier Person n führendes Automobil in das Baffin du Commeree, blieb jedoch zum Glück in den Tauen der dort zahlreich ankernden Schiffe hängen, so daß die vier Insassen von herbeigeeilten Personen ge­rettet ivcrden konnten. Auch das Auto konnte wieder ans Ufer gezogen werden. Ein Fehler der Steuerung wll Schuld an dem Unfälle gewesen sein.

** Die italienischen Räuberbanden laffen wieder einmal von sich hören. Bei Castiglione del B o s i o in dec Provinz Siena itntrbe ein Gutsver­walter durch drei Wegelagner aufgehoben, die einen Bauern unter Todesdrohungen nötigten, eine Lcse- geldforderung zu überbringen. Sie begnügten sich flott der geforderten 6000 Lire mit 1300 Lire und ließen den Gefangenen frei. Kurz darauf trafen sie mit einem Waldhüter Faeti zusammen, der den Be­fehl, sein Gewehr wegzuwecseir, mit einem Schuß be­antwortete und einen Angreifer tötete. Durch eine Kugel selbst leicht verwundet, entsprang ec und konnte sich im Gebüsch verbergen. Dort aufgespürt, erschoß er einen zweiten Buschklepper, während der dritte ver­wundet entkam.

Ein gefährliches Geheimnis.

".2s Roman in zwei Bänden von Charles R e a b e-

Die jungen Damen wurden einander vorgestellt; Julia lobte Marys Skizze, und Mary bat um Erlaub­nis, auch sie — mit nachdenklichem Gesicht an einem Grabstein lehnend — zeichnen zu dürfen. Julia fand sogleich eine schöne angemessene Stellung und Mary brachte sie mit schnellen geschickten Fingern im Umsehen auf das Papier. Dabei fragte sie Walter m leisem Tone, wie ihr Modell ihr gefiele.

„Sehr", sagte Mary; „sie ist wicllich recht hübsch."

„Eine Schönheit — die? Welche Idee! Solch ein langes schwarzes Ding!"

Darauf ritten sie miteinander nach der Farm, wo sie Mary mit unbefangener Gastfteandlichkeit bewir­tete. Die ihr so verdächtige Julia küßte sie beim Abschied und bat sie dringend, nach Clifford Hall zu kommen.

Mary tat es und fand Julia in Gesellschaft eines jungen, sehr kleinen Herrn, der seine große Gefährtin mit den Augen verschlang, sich aber ziemlich wortkarg zeigte, da ihm ein leichtes Stottern das Sprechen erschwerte. Julia stellte ihn als Mr. Perty Fitzroy vor.

„Wo logieren Sie eigentlich, Percy?" fragte sie.

„In der „Sch—sch—schwarzbraunen Krch"." „Himmel! was ist das?"

Walter ecklärte, daß es eine bescheidene, hin und wieder jedoch durch vornehme Gäste beehrte Gasttvirt- schaft sei. Auch Miß Bartley hätte daselbst drei Tage lang gewohnt.

„Ich ho—ho—hoffe, länger dort zu w—w—woh­nen", sagte der kleine Percy, indem er Miß Julia einen liebevollen Blick zuwarf.

Miß Clifford führte Mary in ihr Zimm« unb fragte sie, wie er ihr gefiele; auch fügte sie, das Ur­teil des jungen Mädchens herausfordemd, hinzu: „Er wäre in keiner Weise ausgezeichnet, aber ein gut«, MMÜsant« Mensch."

„Er zieht sich sehr gut an", lautete Marys vor­sichtige Bemerkung; als sie aber mit Walter, der nun von fernem Ritterdienst bei Julie abgelöst war, nach Haus ritt, wurde sie mitteilsamer.

„Ich habe bisher nicht gewußt, daß ein Wann wie frische Wäsche aussehen kann", sagte sie. „Sein Kopf, sein Gesicht, sein Reiner Backenbart, fein weißes Halstuch, seine weiße Weste, alle seine Kleider und « selbst sehen ans, als ob sie eben gewaschen, gestärkt und geplättet Wären. Unwillkürlich Iah ich mich nach ein« Schachtel um, ihn hineinzulrgen."

„Einerlei! Er tst mir eine große Hilfe", gab Walt« zur Antwort. „Alle meine Pflichten gehen aus ihn über und ich habe volle Freiheit für . . . Wie Julias Augen leuchteten und wie sanft ihre Stimme wurde, wenn sie mit ihm sprach! Sie müssen doch zugeben, daß die Liebe «was sehr Schönes ist."

„Das weiß ich nicht, ich habe in solcher Art von Schönheit keine Erfahrung", erwiderte Mary mit gro­ßem Ernst.

„Sie haben Recht. Was fällt mir denn ein, Sie sind ja noch ein wahres Kind."

„Bitte fchrl Doch nicht so ganz."

„Jedenfalls wird Julie immec schöner."

„Das kann ich nicht finden; sie war immer sehr hübsch."

„Hübsch? Sagten Sie nicht von ihr, sie wäre ein langes, schwaiM Ding?"

„Das tat ich, aber es war, ehe sie so verliebt ans- sah."

Von nun an pflegte d« junge Fritzroy Miß Clif- sord auf ihren Spaziergängen zu begleiten, und Wal­ter verlebte wieder glückliche Sttmden mit Mary Battleh.

Marys alte Wärterin hatte hercmsgefimden, wie die Dinge standen, aber sie sagte kein Wort darüber. Aus einigen Aeußerungen, die BarÜey vor Jahren entschlüpft waren, hatte sie erraten, daß ihr Brotherr Walt« (Hifforb beraubte, indem er das Töchterchen Hopes für fein eigenes ausgab, und so war sie derMei- nung, daß der Betrug am besten wieder gut gemacht, das Unrecht am besten gebüßt w«den könnte, wenn

Mary unb Walter ein Paar würden. Aus diesem Grunde schwieg sie still unb wartete .

Auch die Dienschoten in d« Haste beobachteten, was zwischen den jungen Leuten vorging und tausch­ten ihre Ansichten darüber freimütig aus. Der Ein­zige, der im Dunkeln blieb, war Oberst Clifford, der den größten Teil des Tages in feinem Zimm« zu sitzen pflegte. Eines Morgens aber, als er zur unge­wöhnlichen Stunde in die unteren Gemächer kam, fand er Julia und Percy beisammen, und als sie ihm j brt jungen Mann oorstellte, war er trotz aller Höf- ’ lichkeit so unfreundlich, daß P«cy sehr bald den Rück­zug antrat.

Der Oberst schickte sofort zu feinem Sohne und ließ ihn in fein Zimm« bescheiden. Aber Walter hatte Dienst bei Mary Barfley und es dauerte eine Weile, bis er erschien.

„Wer ist denn der Keine stammelnde Dandy, den ich dabei ertappt habe, daß er Deiner Julia den Hof macht?" fragte der Oberst.

„Nur Percy Fitzroy."

„So, nur Percy Fitzroy! Weißt Du nicht, daß man keinen Nebenbuhler geringschätzen darf? Er­innere Dich gefälligst an die Eite'keit der jungen Mäd­chen und wie sehr sie danach verlangen, den ganzen Tag becourt zu werden. Es wäre mir daher lieb, wenn Du Deinen Platz behauptest und das Feld nicht eher räumtest, bis Du den Preis gewonnen hast."

„Welchen Preis, lieber Vater?"

„Welchen Preis, Du Narr? Das schöne Mädchen natürlich, das Drr Oddington und Dravton mit Pfirsichen, Wild und allem übrigen zurückgeben kann. Beide Guter stehen in diesem Augenblick wieder zum Verkauf. Welchen Preis? Als ob cs stch um etwas anderes handeln könnte, als um bte Frau, die ich Dir ausgesucht und gesichert habe; es wäre denn. Tu begingst die Tollheit, sie zu vernachlässigen."

Walt«s Mene verriet seine Bestürzung.

„Julia Clifford!" rief er aus. „Du wirst doch nicht verlangen, daß ich sie heirate?"

„Nicht verlangen? Freilich tue ich das unb mehr noch: ich befehle es Dir! Willst Du Dich etwa gegen Deinen Bat« auflehnen, b« Dir fo viel »«gehen

hat, und ihm, nun er durch Krankheit geschwächt ist, das Herz brechen? Mein Wort darauf: Julia Elis- ford wird Dein Weib od« ich erkenne Dich nicht tanger als meinen Söhn'"

8.

Steuer Liebe weiter« Verlaus.

Als Walter Clifford das nächste Mal mit Mary BarÜey zusammen kam, versank er hin und wieder in ein finsteres Brüten, das ihren beobachtenden Augen nicht entging. Sie redete ihn darauf an, und fragte herzlich, was ihm auf der Seele liege.

„Nichts!" gab « jur Antwort.

„Das lasse ich mit nicht einreden", sagte sie. „Ver­gessen Sie nicht, daß meinen Augen so leicht nichts entgeht. Also heraus mit der Sprache oder wir haben aufgehört, gute Freunde zu fein."

„O Math, Sie sind grausam."

„Durchaus nicht, ab« ich nehme Anteil an Ihnen."

„Tausend Dank für das Wort"

„Wenn Sie mir aber Ihre Kümmernisse verschwei­gen, so sind wir wed« gute Freunde, noch richtige Verwandte."

„Mary!"

„Noch überhaupt irgend etwas für einander."

„Nun beim, liebe Mary, ehe ich mich darein er­gebe, Ihnen nichts mehr zu sein, will ich Ihnen sa­gen, was mich quält, so ungern ich es tue. Mit einem Worte denn, wenn es einmal gesagt »erben muß, mein alter lieber eigensinniger Vater hat es stch in den Kopf gefetzt, mich mit Julia Clifford zu ver­heiraten."

Mary erblaßte. „Ich habe mir das schon ge­dacht", gab ste zur Antwort. „Julia ist jung, schön und reich, und für Sie, Walt«, ist es Pflicht, dem Vater zu gehorchen."

„Ab« ich kann es nicht."

„O ja, sobald Sie rooKen, können Sie auch."

„Ab« ich kann es nicht wollen."

„Und warum nicht?"

„Erraten Sie das nicht?"

„Nein."

(Fortsetzung folgt.)