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UotationrdruSnnd Verlag der Fuldaer Ak« fiendrnckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Erstes Blatt

259.

Fulda, Freitaq den 11. November 1910.

37. Jahrgang.

0 Das deutsche Geld in der jungen Türkei.

Die Verhandungen über das Vorschuß- und An­leihegeschäft zwischen der Türkei und dm dmtschen Großbanken sind, wie gestern telegraphisch gemeldet wurde, zum Abschluß gelangt.

Die ftanzöstschen Geldmächte und ihre englischen Helfershelfer sind ausgestcchen worden. Der finanz­politische Schwerpunkt der Welt hat sich von Westen nach Mitteleuropa verschoben. Die geldbedürstigm Völker, die bisher England und Frankreich als die ausschließlichen Verwalter der irdischen Schätze be­trachteten, sehen jetzt auf einmal, daß auch der „Em­porkömmling" Deutschland bereits über flüffige Hun­dertmillionen verfügt und daß sogar die anscheinend altersschwach geworbene habsburgische Monarchie — an dem Geschäft sind auch Wiener Bankiers mitbetei­ligt — bei dm finanzpolitischen Wettrennen noch Ehre einlegen kann.

Ob das Geschäft mit der unsicheren Jungtürkei vom krämerischen Standpunft aus profitabel ist, lassen wir gern dahingestellt. Man muß die Sache oom h o ch p o l i t i f ch e n Standpunkt aus betrachten, und zwar in erster Linie als eine Abwehr des sran- zösischen Versuchs, durch Gewährung von Geldmitteln andere Völker in Abhängigkeit, tu eine Art Schuldknechtschaft zu bringen.

In Frankreich dursten nicht die Banken ein Fi­nanzgeschäft machen, wie cs ihrem Wunsche und In­teressen mtsprochm hätte, sondern die republikanische R e g i e r un g nahm mit einer Diktatorgewalt, wie sie unser monarchisches Ministerium nicht im entferntesten ausübt, die Angelegenheit in die ministerielle Hand und forderte außer dm sachgemäßen finanziellen Si- cherhcitm politische Zugeständnisse, die das türkische Staatswesen unter die französische Vormundschaft ge­stellt hättm. Die U e b e r s p a n n u n g der Pariser Forderungm kann man nur erklären aus dem Glau­ben, daß die Türkei durchaus auf Frankreich angewie- fen sei. Dm Wettbewerb des englischen Kapitals, das sich in Sir Emest Cassel regte, wußte die französische Regierung dadurch auszuschalten, daß sie unter Be­rufung auf die „Entente" das britische Ministerium zum Einspruch gegen die englische Mitwirkung bewog, — wobei sich nebenbei herausstellte, daß auch die Lon­doner Hochfinanz nach der Negierungspfeise tanzt. Daß Deutschland genug Geld und Kühnheit habe, glaubte Herr Pichon nicht voraussetzen zu brauchen. Als die türkischen Unterhändler sich nach Berlin wand- :ten, wiegte er sich in der Erwartung, daß sie bald zu -den Pariser Fleischtöpfen zurückzukehren gezwun­gen sein würden. Das war ein verhängnisvoller Re­chenfehler, der zu einem offenbar finanzpolitischen Er­folge der mitteleuropäischen Kaisennächte über die alte Plutokratie der Westmächte fiihrte. Der Erfolg in der türkischen Plutokratie ist umso eindrucksvoller, als un­mittelbar vorher die Berliner Geldkräfte auch dem un­garischen Staatswesen das nötige Geld besorgt hattm, das man in Paris aus Aerger über die Niederlage der

i magyarischen Franzosenfreunde venveigern wollte.

Es ist ja sehr schön, wenn sich auf diese Weise zeigt, daß wir auch die nötigen Geldmittel haben, um un­sere Weltpolitik flott zu erhaltm und dem plutokra- ttschm Wettbewerb der alten Kapitalistenstaaten ge­genüber unfern Platz an der Sonne zu behaupten. Doch wird e3 gut fein, wenn wir uns von einer Ueberschätzung des gegenwärtigen Erfolges hüten. Die Franzosen und ihre englischen Gönner, die jetzt den Eingang durch die Haupttür nicht erzwingen konnten, werden gewiß nicht nachlassen in dem Beftteben, von hinten herum wieder in das „Geschäft" hmeinzukom- mm. Unsere Banken haben den Abschluß nur dadurch erreicht, daß sie auf alle Kontrollbedingungen und auf die Verpflichtung der Türkei zur Bevorzugung deut­scher Werkstätten und Lieferanten verzichteten. Die Hoffnung, daß nun die türkische Regierung ihren Staatsbedarf aus dankbarer Freiwilligkeit doch vor­zugsweise in Deutschland decken werde, ist unsicher. Die wirtschaftlichen Früchte des Geldgeschäfts müssen erst noch in kluger Arbeit erworben werden. Auch die politischen Vorteile werden uns nicht mübelos andauemd in den Schoß fallen.

«llso nicht zu viel jubeln, ober zielbewußt weiter arbeitenI Hoffentlich werden die deutschen Großban- km von ihrer weltvolitischen Tatkraft auch bann Zeugnis geben, wenn Deutschland mal, was ja aller­dings in absehbarer Zeit nicht zu erwarten ist, in die Notwendigkeit einer Kriegsanleihe versetzt werden sollte. Im Jahre 1870 war dir deutsche Bank- und Börsenwelt bekanntlich sehr schwach und feige .

X Der Umschwung itt Nordamerika.

Die Länder,'die unter dem parlamentarischen Re- gierungssvstem stehen, haben erfahmngsgemäß den 88ech sel als die Regel zu betrachten. Die herr­schende Mehrheit blüht eine Zeit und verwelkt; dann rückt die bisherige Opposition als Ablösung vor.

In Nordamerika hat die sog. republikanische Partei seit dem Jahre 1896 sich in der Herrschaft be­hauptet; nun scheint aber ihre Stunde geschlagen zu haben. Die Gegenpartei, die sich „demokratisch" nennt, hat soeben bei den Gouverneurs-, Kongreß- und Ein- zelparlamentswablen überraschende Erfolge errungen.

Ein halbes Menschenalter ist auch lang genug, um eine regierende Partei abwirtschaften zu lassen. Daß sich die ununterbrochene Herrschaft noch länger aus­dehnt, ist eine seltene Ausnahme. In Belgien hat die christlich-konservative Partei bereits das Silber­jubiläum feiern können — ein Rekord, der das Stau­nen der ganzen Welt erregte. Allerdings rief das all­mähliche Abschmelzen der dortigen Mehrheitsziffer den Eindruck der Altersschwäche hervor, und man mußte sich darauf gefaßt machen, daß bei den nächsten Wah­len die liberal-sozalbemokratische Linke die Macht er­obern könnte. Wenn aber augenblicklich diese Möglichkeit wieder in den Hintergrund geschoben ift, so liegt da« an den groben Fehlern, die neuerdmzS die dortige S o zi al b e mokrati e begangen bat Die total verunglückte Demonstration beim Besuche des Kaisers Wilhelm und bie rohen «drm)jenen aeaenubet

bei königlichen Familie bei ber jüngsten Eröffnung des Parlaments haben den Glauben an bie Vünbnis- unb Regierungsfähigkeit dieser Partei wieder arg erschüt­tert. Die Ausschreitungen der Gegner können für die regierende Partei ein Jungbrunnen werden, — vor­ausgesetzt, daß die letztere auch im höheren Dienstalter noch einig bleibt

An dieser Voraussetzung fehlt es nun freilich bet bet republikanischen Partei in Nordamerika. Ehedem ein Muster von fester Geschlossenheit und strammer Zucht, ist sie jetzt auf den Zwei flügel- und Zweiseelenstandpunkt gelangt, wie wir ihn bet uns zu Lande an ber nationalliberalen Partei bewun­dern können. Herr Taft, der gegenwärttge Präsident ber Vereinigten Staaten, ist das geistige Haupt ber „alten" Republikaner, bie an dem überlieferten Pro­gramm festhalten und den offiziellen Apparat der Par­tei im Besitz haben. Herr Roosevelt, der welt­berühmte Exprästdent, repräsentiert den Jung-Repu- blikantsmus, ber burch zeitgemäße Reformen bie Regierungsfähigkeit zu sichern sucht. Den Kernpunkt des Roosevelt'schen Programms bilbet der Kampf ge­gen bie Trusts. Unter ber Herrschaft der repu­blikanischen Partei ist der S chutz z oll zu einer sol­chen Höhe unb Schärfe entwickelt worden, daß es den vereinigten Kapital sten mö lich wurde, die Produ'tt^, unb den Handel in den wichtigsten Erzeugnissen voll­ständig unter ihre Herrschaft zu kriegen und durch eine raffinierte Monopolwirtfchaft das Volk gründ­lich auszubeuten. Theodore Roofevelt hat als Präsident diese Landaussauger mit den heftigsten Worten verfolgt, aber er hat tatsächlich damals gegen sie nichts getan. Nach seiner Rückkehr aus Afrika unb Europa sagte er, der Kampf gegen die Trust's unb bie sonstige Korruption solle unb werde durchgeführt werden, wenn die lähmende Herrschaft der alten republikanischen Parteihäuptlinge gebro­chen sei.

Die verschiedenen Wahlen, die soeben stattfanden, sollten nun als Probe gelten sür den Anklang, den Roosevelt und sein jung-republikmüsches Reformpro­gramm beim nordamerikanischen Volke fänden. Unb siehe ba, bie Mehrheit ber jetzt berufenen Wähler ist über Roosevelt hinausgegangen. Statt feine Kandibalen oder Freunde zu wählen, hat man den demokratischen Kandidaten zum Siege ver­halfen. Offenbar hat sich die Mehrheit der Wähler gesagt: Roosevelt hat recht mit seiner Verurteilung der bisherigen republikanischen Wirtschaft. Der Knech­tung und Ausbeutung muß ein Ende gemocht werden. Diese Herkulesarbeii wirb aber eine demokra­tische Mehrheit besser besorgen können, als eine ver­jüngte republikanische Partei, der immer noch groß­kapitalistische Eierschalen ankleben Also machen wir ganze Arbeit unb wählen Demokraten!"

So kommt eine sonderbare innerpolittsche Lage zu- ftanbe. Der republikanische Präsident Tast bleibt noch zwei Jahre am Ruder. In den beiden Häusern des norbamerikanischen Parlaments wirb es aber, wenn nicht alles täuscht, fortan eine demokra­tische Mehrheit geben. Letztere wirb auf den Ab­bruch bes Hochschutzsystems hinarbeiten. Der Präsi- bent aber hot beträchtliche Machtmittel, um den Um­schwung in ber wirtschaftspolitischen Gesetzgebung zu erschweren unb zu verzögern. Erst nach zwei Jahren wirb bie bemokratische Partei die volle Handlungs­freiheit haben, — wenn alsdann noch die gegenwärtige Stimmung und Strömung anhält.

Uns erscheint es freilich noch sehr zweifelhaft, ob Herr Roosevelt nun wirklich abgetan ist. Nach zwei Jahren kann er immerhin noch wieder Präsident wer­den.

Deutsches Reich.

♦♦ Berlin, 10. Novemi cr 1910. Der Kaiser, die Kaiserin und Prinz August Wilhelm wohnten am Donnerstag der Antrittsvorlesung der ame» rikanischen Austauschpro'cssoren Mnnsterberg unb Smith bei, die in der neuen Aula der Berliner Universität stattsand. Abends trat der Kaiser die Reise nach Wolfsgarten, Baden-Baden und Donaueschingen an.— Der Landwirtschaftsminister - bat für die tierärttlichen Hochschulen in Berlin unb Hannover Verordnungen über das Doktor­examen erlassen, die demnächst in den Regierungs­organen ■ veröffentlicht werden. — Der Präsident des Reichtagcs Graf Schwerin-Löwitz hat am Donnerstag, am 100. Geburtstage des verstorbenen ersten Präsidenten des deutschen Reichstages, von Simson, an dessen Grabe in Berlin einen Kranz niedergelegt unb an die Familie ein Telegramm ge­richtet, in dem er bie Verdienste des Verstorbenen hervorhebt. Von den Fraktionen des Reichstages sind gleichfalls Telegramme an bie Familie abgesandt worden. — Der Deutsche Lehrerverein bereitet eine Massenpetition an den Reichstag in der Frage ber Bolksschullehrer zum Schöffen amt vor.

b. Die Strafprozesikommission des Reichs­tages beschäftigte sich geltem mit dem Alnchnitt über die Privat klage. Nach den Beschlüssen erster Lesung sollen die Fälle der gefährlichen Körperverletzung aus dem Wege der Privatklage verfolgt werden, sofern die Staatsanwaltschaft nicht im öffentlichen Interesse Anklage erhebt. Trotz Widerspruches der Regierung wurde in 2. Lesung ein Zentrumsantrag angenommen, der die Verfolgung der gefährlichen Körperverletzung ausnahmslos der Staatsanwaltschaft überwies. Die sozialdemokratischen Mitglieder der Kom­mission hatten für den Zentrumsantrag gestimmt.

-j- Der Kaiser imb die 3mpffrage. Durch ein vom 4. deutschen Jmpsgegnerkongresse an den Kaiser gerichtetes Telegramm, in dem um Uebernahme des Protektorats gebeten worden war, ist auch die Frage wieder an die Oeffentlichkeit getreten, ob des Kaisers Kinder geimpft seien. Als Antwort ist dem Verbände deutscher Jmpsgegtier solgendes Schreiben zugegangen:

Berlin, den 10. Oktober 1910. Auf die Seiner gjtaießät dem Kaiser unb Koma telearavbiich vorge-

tragene Bitte um Uebernahme des Protektorats über die Deutschen Jmpfgegnerveieine teile ich im Aller­höchsten Auftrage ergebenft mit, daß Seine Majestät Sich nicht bewogen gefunden haben, dem Gesuche zu entsprechen. Aus Anlaß Ihrer Bitte geruhten Seine Majestät zu bemerken, daß die Annahme, die Kaiser­lichen Kinder feien nicht geimpft, auf einem Irrtum beruhe. Im Auftrage v. Jonqniöres.

+ Einen etwas boshaften Streich hat die Lieg- nitzer Ortsgruppe des deutschen Mittelstandsbundes dem Hansabunde gespielt. Sie hat nämlich an das Direktorium des Bundes ein Schreiben gerichtet, daß nach der ,Kreuzztg/ ('Jlr. 528) folgenden Wort- laut hat:

„Der ergebenff unterzeichnete Vorstand hat in seiner Sitzung rom 17. d. M. beschlossen, schon jetzt die Kandidatenfrage für die nächste Reichstagewahl im Wahllreiie Lwgnitz - Goldberg - Haynau seinerseits zu regeln. Da seitens des Hansavundes wiederholt betont worden ist — u. a. in der Versammlung in Breslau am 7. September d. I. durch Ihren Herrn Direktor und Herrn Rahardt —, daß mit allen Mitteln da­rauf hingearbeitet werden muß, Männer ans den tätigen Erwerbsständen in größerer Zahl al» bis­her in die gesetzgebenden Körperschaften zu bringen, glauben wir mit aller Bestimmtheit auf die Unter­stützung des Hansabundes rechnen zu dürfen, auch bet unseren Bestrebungen das Mandat sür den genann­ten Reichstagswahlkreis einem Manne d es M11 tel- staudes zu übertragen. Wie bekannt hat bet den letzten Landtagswahlen der Bezirksschornsteinfegermetster Herr Max Conradt aus Breslau bei uns kandidiert und ift nur mit wenigen Stimmen unterlegen. Da der Berliner Stadtrat Herr Fischbeck, durch den zurzeit das Reichstagsmandat unseres Wahlkreises aus- qeübt wird, nicht als Vertreter der erwerbs« tätigen Stände unseres Wahlkreises angesehen werden kann, sind wir einstimmig zu dem Beschlüsse gelommen, für die nächsten Reichstagswahlen Herrn Conradt der Wählerschaft als Kandidaten zu empfehlen. Herr Conradt ist mit dem Hansabunde mcht nur darin ewig, daß der selbständige, erwerbstätige Mutet« stand besonderer Unterstützung und Förderung bedarf, sondern ist auch ein warmer Freund der Industrie und des Handels und in den in Frage kommenden Kreisen als solcher bekannt. Bei der luteberood be­tonten Mittelstandsfreundlichkeit des Hanja- b unb es glauben wir daher, daß feine Kandidatur seitens des Hansabundes nicht nur als eine äuperit zweckmäßige angesehen wird, sondern auch wirlsame Unterstützung finden wird. Trotzdem seitens des Hansabundes in der deutlichsten Wegs ausge prochen worden ist, daß die politische Gesinnung eines Kandt- baten gegenüber seiner Zugehörigkeit zum Mittelstanve vollkommen in den Hiniergrund tritt, hasten wir uns doch für verpflichtet, schon jetzt zu erwähnen, daß Herr Conradt für den Fall seiner Wahl sich voraussichtitch der konservativen Partei als Hospitant an- schließen wird. Ihrer geschätzten Aeusieruiig sehen nur in Kürze entgegen. Hochachtungsvoll Deutscher Mtttel- standsbund, Ortsgruppe Ltcgnitz. Der Borstand, J.A.: Kruse, Vorsitzender."

Auf die Antwort des Hansabundes darf man gcfpaunt teilt.

** Eine „kleine Hofgängergeschichte" wird aus Brüssel dem „Vorwärts" erzählt. Es haben näm­lich trotz des Beschlusses, gegen den Besuch des deut­schen Kaisers zu protestieren, Angehörige der beiden fo- zialdenwkratischen Stadtverordneten Maes und Gri- marb an dem zu Ehren Kaiser Wilhelms im Rathause veranstalteten Festempfang teilgenommen. Die Brüs­seler „Ligue Cuvriöre" hat deshalb dieser Tage den beiden Stadtverordneten, von denen der eine noch dazu Parteisekretär ist, ein Tadelsvotum erteilt. Darin wurde — wie der „Vorwärts" sagt, mit Recht — be­tont, daß diese Parteigenossen, „die ihren Familien ge­statteten, von den an sie gerichteten Entladungen Ge­brauch zu machen, die Haltung und die aus Anlaß des Kaiserbesuches gefaßten Beschlüsse der Brüsseler Or­ganisation mißachtet haben." — Der „Vorwärts" brauchte, um Gründe zu edler Entrüstuitg zu finden, nicht in die Ferne zu schweifen. Denn fo kleine Hof­gängergeschichten, wie jetzt in Brüssel, sind loie die „Vossische Ztg." aufmerksam macht, auch in Berlin schon vorgekommen: Vor mehreren Jahren wurde ohne Widerspruch darauf hingewiesen, daß sozialdemokra­tische Stadtverordnete in Berlin, während sie in Ver­sammlungen und in der Presse nicht genug höhnen und spotten konnten über die Luschauecmenge bei Einzugs- seierlichkeiten für preußische Prinzessinnen, für ihre Angehörigen eifrige Abnehmer waren für die den Mit­gliedern der städtischen Körperschaften eingeräumten harten zu den Empfangstribünen Unter den Linden.

* Die netten Maschinengkwetzr-KompaMieu. Dur st die im Militäretat eingestellte Forderung von 107 Maschinengewehr-Kompagnien wird eine große Lücke in unserem Heereswesen ausgesnllt, denn wir ver­fügen bisher nur über eine Heine Anzahl von Maschinengewehr-Abteilungen und -Kompagnien, während Oesterreich-Ungarn und Frankreich uns tu dieser modernen Waffe weit überlegen sind. Tie Neuformation der Maschinengewehr-Kompagnie ist so gedacht, daß etwa eine Jnsanteriebrigade über eine solche verfügen kann. Für die Führung dieser 107 Kompagnien sind ebensoviele nette Hauptmann- stellen notwendig, während eine Vermehrung der Leutnantsstellen nicht in Aussicht genommen ist.

* Von jimgdnüscher Geschichtsphilojophie erzählt im Protestantenblatt ein Patriot:

In der Unterprima des Gymnasiums wurden wir sachte angeleitet, die ersten Sprünge des selbständigen Denkens zu machen. Unb das geschah so, daß freie Borträge von uns jungen Kerlen gehalten wurden vor den Mitschülern. Frei — das hieß: wir konnten uns den Gegenstand der Rede frei tvählen und mußten frei darüber vortragen. Diese frei gewählten Gegenstände vermieden natürlich alles Wirkliche, Spezielle. Je all­gemeiner, desto besser. Wir vernichteten den Ultramontanismus: „Das Dunkel des Mittel­alters muß erbleichen vor der ausgehenden Sonne des neuerstandenen Deutschen Reiches!" Schön, nicht wahr? Und eingrtroffen ist's, als ob wir damals Propheten gewesen wären. Wir sprachen Über den Kampf der Germanen und Romanen, der durch die Geschichte hin- dm chtobte. Niemand unter uns hatte je einen Romanen gesehen. Aber Bescheid wußten wir ganz genau; mindestens von der Zeit der Cimbern und Teutonen ab. Daß wir den Romanen auch etwas verdanken, kam uns gar nicht in den Sinn. Romanen waren stets minderwertig — gesiegt haben stets deutscher Mut, deutsche Kratt — Sedan — Paris — nun. bann waren

wir wieder da, wohin wir wollten: bei der Verherr­lichung der eigenen großen Zeit.

Diese Erzählung ist immerhin fo weit von Interesse, als sie die übliche Erziehungsart auf vielen Gymnasien beleuchtet. Die Schüler werden auf die „Vernichtung des Ultramontanismus" förm­lich dresfiert, und dann halten sie natürlich, wenn te losgelassen werden, auch entsprechende Reden, lud wenn sie später erwachsen und angestellt sind, chreihen sie Artikel für das Protestantenblatt und ähnliche Kulturkampfsorgane.

rf München, 10. Roo. 1910. Die Frei- renkerbewegung hat die protestanti­schen Pfarrer Münchens zu einer Gegen- kundgebung Münchens veranlaßt, die vor allen prolestanlischen Kirchen zu Verteilung gelangte. Die Ansprache hat einige Spitzen gegen die katho­lische Kirche und ift recht phrasenhaft an manchen Stellen. Aber den Grundgedanken muß man anerkennen:

Müncken in Deutschland voran! Diese Losung solle neuerdings zum Schlachtruf in einem erbitterten Kampfe werden. Die freireligiöse Bewegung bekämpfe das Christentum überhaupt und in jeder Form und habe in der protestantischen Gemeinde die Gemüter vielfach angefochten und verwirrt. Ihr Ziel fei die Aufrichtung einer neuen, nidjtdjriftlichen Religion. Dem Glauben an den lebendigen Golt und an Jesus Christus, unfern Herrn und Heiland, habe dir Freivenkeibeweguug den Krieg bis aus's Messer nngeiagt, die gesamte Kulturmacht des Staates soll dem Idealen einer christentumsfeindlichen Weltanschauung dienstbar gemacht werden. Jeder Protestant möge sich von Bestrebungen» die unter dem Schein der Freiheit den Fanatismus der GoUesfeindschaft erwecken und die Tyrannei des Unglaubens ausrichten, fern halten.

Es ist erfreulich, daß nun auch von protestan­tischer Seite der Kampf gegen die Freidenker- bewegung endlich ausgenommen wird.

*♦ Wahlvorbereitungen.

Die Vorbereitungen für die Reichsiagswahleu wer­den mit einem Eifer betrieben, als ob wir nicht noch ein ganzes Johr, sondern nur noch wenige Wochen bis zu ihnen Zeit hätten. Ein Blatt hat ausgerechnet, daß heute bereits endgültig aufgestellt wor- den sind: 65 deutsch-konservative Kandidaten, 22 frei- konservative, 31 der wirtschaftlichen Vereinigung und der Reformpartei, 68 nationalliberale, 80 fortschritt­liche, 39 Kandidaten des Zentrums 13 polnische, 92 sozialdemokratische, 4 Kandidaten ber demokratischen Vereinigung und 4, deren Pattristellung unbekannt ist. Daneben wird mit besonderem Eifer dafür gearbeitet, das notwendige Kleingeld für die Wahlkam­pagne bereitzustellen. Vor allem ber Hansabund ent­wickelt nach dieser Richtung einen fieberhaften Eifer. Wie berichtet wird, hat der Zentralausschuß Berliner kaufmännischer, gewerblicher und industrieller Vereine einen Beschluß gefaßt, daß alle Mitglieder der in ihm Vertretenen Vereine zu dem Wahlfonds des Hansa­bundes mindestens 10 Mark beitragen sollen; das er­gäbe für Berlin allein eine Gesamtsumme von iy2 bis 2 Millionen Mark. Wie diese Gelder verwendet werden sollen, das hat sich zur Genüge bereits in dem Wahlkampf um Oletzko-Lyck-Johannisburg gezeigt. Die Parteien, gegen die der Hansabund seine Agita­tion richtet, werden iu ihrem eigenen Interesse gut tun, dafür zu sorgen, daß sie mit starker Kriegsrüstung jener liberalen Schutztruppe entgegentreten können.

— Geisa, 10. Nov. 1910. Die Deutschsozialen ha­ben nach Blättermeldungen im Wahlkreise Eisenach- Dermbach ben Landwirt Kaiser als Reichstags­kandidaten aufgestellt.

* Limburg a. L., 9. Nov. 1910. Die National­liberalen beabsichtigen hier den Landtagsabg., Amts­gerichtsrat Lieber-Wiesbaden, aufzustellen. Der bis­herige nationalliberale Vertreter des Kreises, Amtsrat Buchsieb, hat seine Wiederausstellung abgelehnt. Die Christlich-Sozialen wollen ebenfalls einen eigenen Kan­didaten aufftellen.

* Aus Hessen, 9. Nov. 1910. Die Fortschrittliche Volkspartei stellte in Bingen-Alzey, das gegenwärtig von dem Zenlrumsabg. Hebel vertreten wird, den frei« sinnigen Pfarrer Korell aus Königstadteu als Reichsiagskandidaten auf. Korell war schon bet der Ersatzwahl vor zwei Jabren Kandidat und unterlag in der Stichwahl. Korell verdanfte seine Niederlage vor allem seiner Eigenschaft als Hauptagitator gegen die Nationalliberalen und Bündler. Bei ber heuti­gen veränderten Stellung ber Freisinnigen zu den Nationalliberalen hoffen erstere auf Rückeroberung des Mandats.

e Kiel, 10. Nov. 1910. Der nationale Wahlver- ein im Wahlkreise Elmshorn-Pinneberg, den jetzt der volksparteiliche 8lbg. Carstens vertritt, hatte beschlos­sen, 1911 einen eigenen Kandidaten aufzustellen und dem Fürsten Bülow die Kandidatur angeboten. Der aber sagte: ich banke! Er hat genug vom Reichs- tefge, seit man ihm seinen herrlichen Block kaput ge­macht hat.

Ausland.

* Die Ansgltichsverhandlimgeu zwischen den Deut­schen und Tschechen gerieten von neuem ins Stocken, da die Frage des Sprachengesetzes starke Meinungsgegensätze hervorrief.

* In einer Sitzung der österreichischen Delegation ergingen sich zwei tschechische imb ein sozialdemokra­tischer Redner bei Besprechung der Dreibundpolitik in gehässigen Bemerkungen gegen Kaiser Wilhelm und die Habsburger, auf welche Graf Aehrental in ungewöhnlich scharfer Weife ant­wortete. Der Deutsche "Kaiser, der in ernster Stunde treu Kaiser Fran; Joseph zur Seite gestanden habe, habe sich auch bei einem Sozialdemokraten besseren Dank verdient, und Kaiser Franz Joseph, der von demselben Redner zum Gegenstand persönlicher Aus­fälle gemacht würde, habe den Völkern Oesterreichs das allgemeine Wahlrecht gegeben. Die Gesamtheit der Delegierten gab ihrer Zustimmung durch demon­strativen Beifall Ausdruck.